Dienstag, 31. Juli 2012

V E R S Ö H N L I C H E S




Manches können wir einfach nicht ändern, vor allem, wenn es in der Vergangenheit liegt. Entweder wir leiden unser Leben lang darunter und lassen uns vom Leiden beherrschen, oder wir wählen den weg der Versöhnung.

Versöhnung bedeutet nicht, es gut zu heißen.
Versöhnung bedeutet nicht, es hinzunehmen.
Versöhnung bedeutet nicht, es zu akzeptieren, denn auch akzeptieren ist nur ein hinnehmen.

Versöhnung ist Einsicht in das Unkontrollierbare, das von uns Unbeeinflussbare, das Unveränderbare das ja zu dem, was größer ist, als wir.

Ganz gleich, was uns geschehen ist, so schmerzhaft es war -  es war.
Es ist unveränderbar. Aber was wir verändern können ist unsere Haltung dazu.

Versöhnung ist Großmut und sie braucht Mut.
Versöhnung braucht viel mehr Mut, als sich dem Leiden und dem Nachtragen zu verschreiben.

Der Unversöhnliche ist starr und wird bitter.
Unversöhnlichkeit macht krank an Geist, Körper und Seele.
Unversöhnlichkeit sperrt das Jetzt in das Gestern ein und sagt nein zum Zukünftigen.

Versöhnung ist ein ja zu uns selbst und dem Leben.
Versöhnung ist Selbstliebe.











gedankensplitter 43


kenne ich meine wunden, 
wird ein anderer sie mir nicht neu zufügen.

Freitag, 27. Juli 2012

IZMIR EGAL


das pflaster brannte heiß unter den dünnen sohlen meiner schuhe. ich wollte so schnell wie möglich raus aus der bruthitze ins kühle atelier meines freundes, als sie mich stoppte.

hi süsse, lange nicht gesehen. 

süß bin ich nicht und dich nicht gesehen zu haben macht nix und, wie bissig ich doch manchmal denken konnte, dachte ich und sagte: hallo. 

gehst du auch shoppen, ein hübsches sommerschnäppchen machen?, fötete ein pinkfarbener mund aus einem fettglänzenden sonnenverbrannten gesicht. ich schüttelte den kopf, nein, ich bin auf dem weg zu einem freund. 

ach fein, malte der mund die worte, die, ich ahnte es, nur als kurze einleitung zu einem langen monolog fungierten. du, ich sag dir, der alfi und ich sind gerade gestern aus einem superschönen traumurlaub zurückgekommen. wir waren in dem superschicken robinson club in... 

wo sie gewesen war, hörte ich nicht mehr, weil ich meine ohren just in diesem moment auf durchzug stellte. ich weiß, nicht nett, aber ich bin nicht immer nett. das immer nett sein, habe ich mir mit zunehmenden alter abgewöhnt. ich hoffte still auf ein schnelles ende der ich-erzählung ohne sittlichen oder sonstigen nährwert. 

ne, das würde jetzt dauern. die hitze unter meinen sohlen glühte und mich dauerte, dass ich trotz meines fortschreitenden alters nicht die fähigkeit besaß, jemanden in unterbrechung seines redeflusses zu fragen: kennst du den izmir egal?  

das kann mein sohn richtig gut. wenn ihn etwas nicht die bohne interessiert, sagt er das dem, dessen gerede ihn nicht interessiert und der das so gar nicht merkt, das das nicht interessiert. derjenige stutzt dann, bittet um die übersetzung und ist prompt wortlos. izmir egal heißt zu deutsch: das ist mir egal.

oh, wie egal mir der superschicke robinson club in ... gerade war. aber ich hielt durch, unfähig meines sohnes, zugegebenermaßen doch recht groben beispiel, folgen zu können. hingegen überlegte ich, was als elegante variation der fluchthilfe dienen konnte. ich dachte also nach und irgendwann dachte ich über etwas ganz anderes nach, nämlich über die hitze, die mir allmählich die sohlen qualmen ließ und das herumstehen vergällte. ich wollte nur noch weg. hilfe, ich will hier raus! aber wie?

da tippte mich ein spitzer, pink gelackter fingernagel an die schulter, ach süsse, der absolute wahnsinn war das, sage ich dir, so chillig. du musst auch mal wieder raus. du musst öfter reisen. sie holte tief luft um mit dem urlauballinclusivesermon fortzufahren. 

ich nutzte ich den atemzug, oh, ich reise jeden tag - zurück, im jetzt und ins morgen.

stille. einem moment lang, stille. sichtbare denkstille. 

hm, also, das ist mir jetzt zu hoch, süsse. na dann ich geh mal was hübsches shoppen, tschüssi ...

und dann brach es aus mir heraus, allerdings sehr leise: kennst du den iszmiregal?

Mittwoch, 25. Juli 2012

Gedankensplitter 42

nicht die dünnhäutigen sind krank.
die mit dem dicken fell sind es.

verplappert ...



er plapperte. er plapperte immer. er wollte gehört werden. 

unwissend über den unwert seines plapperns kam er selten über das plappern hinaus. 
er plapperte dahin, darüber, dazwischen. 
ein endloses plappern, das nicht davor halt machte anplappernd zu verletzen. dahingeplappertes, unwissendes, distanzloses, maßloses plappern.

ein aussendendes plappern, interesselos am empfänger.
narzistisches plappern, das seiner selbst galt und seiner sehnsucht nach grandiosität. 

sich des kleinen in sich unbewusst, sich verplappernd. 

ein plapperndes kleines, das großes nach sich zog. 
in mir.

Montag, 23. Juli 2012

mal ehrlich ...



ich sitze auf der bank im park. der hund jagt tauben und wundert sich, dass er nicht fliegen kann. neben mir sitzt eine alte dame und strickt.

irgendwie haben wir alle unsere hausgemachte philosophie, sagt sie unvermittelt.

ich wende mich ihr zu, nicke, ja das ist wohl wahr.

wissen sie, sagt sie, ich habe mein leben lang die wahrheit gesucht. das war fast schon ein tick. immer auf der suche nach der wahrheit, meiner natürlich, die der anderen nützt einem ja nicht viel. 

sie haben recht, antworte ich, jeder hat seine eigene wahrheit.

dabei, sie grinst, was ist denn schon wahrheit, weiß doch kein mensch, was das ist. die einen sagen so, die anderen so und am ende ist alles relativ.

vielleicht, sage ich, ist wahrheit der völlig falsche begriff.

sie stutzt, schaut mich an.

wahrheit, das klingt so bedeutungsschwanger. vielleicht sollten wir nicht von wahrheit sprechen, sondern von ehrlichkeit.

ehrlichkeit, ich weiß nicht, sie schüttelt den kopf.

ja, ehrlichkeit. wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, wissen wir, dass das ding mit der wahrheit eine einbildung ist, was ist denn wahr? alles und nichts. relativ eben, sie haben es gerade selbst gesagt. alles kann sein und kann nicht sein. aber wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, dann ist das so für uns, dann ist das gefühlt ehrlich. ob das dann auch wahr ist, ist eine andere sache.

hm, sie denkt nach. ich warte, denke auch nach, denke, warum denke ich eigentlich immerzu nach und wie wenig mir das bringt, ausser immer mehr verunsicherung und zweifel. je mehr ich denke, je mehr ich lese, desto verwirrter werde ich. vor allem was meine eigene wahrheit angeht.

ja, wir haben die weisheit nicht mit löffeln gefressen, sagt die alte dame.

und auch nicht die wahrheit, sage ich. haben wir überhaupt einen anspruch darauf, sie behaupten zu können?

aber das machen doch alle. alle menschen, die mir im laufe meines langen lebens begegnet sind, hatten ihn. die haben darauf gepocht, auf ihre wahrheit. ich auch.

ich auch, sage ich, manchmal verschanze ich mich sogar dahinter.

oh, das kenne ich. die alte dame lächelt. ich war eingeschlossen in meiner wahrheit. und wissen sie was? sie hat mich einsam gemacht.

die eigene wahrheit macht bisweilen einsam. im besten falle sucht sie andere, die sie teilen und das sind meist nicht viele. mal ehrlich, wieviel einfacher wäre es, wir wären alle nur ehrlich zu uns selbst. und wenn wir das wären, müssten wir sagen - sorry, wenn ich mal ganz ehrlich bin, weiß ich nichts.

die alte dame lacht, ja, wenn ich ehrlich bin, ist das wahr.


Samstag, 21. Juli 2012

Was ist das?



was ist das?
sie reden von veränderung und es verändert sich nichts.
was ist das?
sie reden von bewusstsein und denken nicht.
was ist das?
sie predigen die liebe und lieben nicht.
was ist das?
sie wollen ihr leben ändern und ändern sich nicht.
was ist das?
sie reden von empathie und spüren nicht.
was ist das?
sie reden von achtung und achten nicht.
was ist das? 
sie reden von aufmerksamkeit und merken nichts.
was ist das?
sie reden von gegenseitiger hilfe und helfen nicht.
was ist das?
sie schreien nach revolution und revoltieren nicht.
was ist das?
sie wollen gerechtigkeit und richten.
was ist das?
sie sehnen sich und folgen der sehnsucht nicht.
was ist das?
sie reden von gesundheit und pflegen sie nicht.
was ist das?
sie setzen kinder in die welt und sorgen sich nicht.
was ist das?
sie wollen die wahrheit und suchen sie nicht.
was ist das?
sie reden von selbstwert und schätzen sich nicht.
was ist das?
sie reden von selbstentfaltung und entfalten sich nicht.
was ist das?
sie reden von selbsterkennnis und erkennen nicht.
was ist das?
sie fordern gleichheit und gleichen sich nicht.
was ist das?
sie wollen besser sein als die anderen und sind es nicht.
was ist das?
sie gieren nach humanität und leben sie nicht.

was das ist?
auch das ist der mensch!