Memories of Heidelberg sind Memories vom Glück, singt Peggy March.
Glück? Nicht bei Heinz Strunk. Der Titel seines neuen Buches könnte in die Irre führen, aber nicht, wenn man Heinz Strunk kennt. Mit seiner immer wieder erstaunlichen Fähigkeit, sich in die Innenwelten seiner seelisch geschundenen Figuren hineinzubegeben, entwickelt er einen Plot, der mich vom ersten Satz an gefangen nimmt und nicht mehr loslässt.
Wie macht er das bloß?, frage ich mich und bewundere wieder mal diese einzigartige Fähigkeit, sich in das Drama seiner verzweifelten Protagonisten hineinzuwühlen wie ein Maulwurf. Strunk gräbt sich Satz für Satz tiefer in ihre Abgründe, schaufelt die verborgene Erde nach oben, bis der ganze Dreck ans Licht kommt, bis das ganze verdrängte Elend seiner Figuren über ihnen zusammenbricht.
Dabei ist es nicht nur der Stoff, der seine Wirkung entfaltet. Es ist auch Strunks Sprache. Präzise, trocken, gnadenlos beobachtend und zugleich von einer seltsamen Empathie getragen. Er findet für das Hässliche, Peinliche und Abgründige Worte, die einen gleichzeitig lachen lassen und erschrecken. Seine Sätze treffen, ohne seine Figuren der Lächerlichkeit preiszugeben.
Chapeau, Heinz Strunk!
Gnadenlos, grausam, abstoßend und gleichzeitig eindringlich erzählt sein neuer Roman von einer Ehe, die längst am Ende ist. Die Beziehung zwischen Isolde und Bertram besteht nur noch aus Monotonie, Lieblosigkeit und passiv-aggressiver Feindseligkeit. Isolde kritisiert, demütigt und erzieht ihren Bertram wie einen ungeliebten Hund, den sie zwar noch an ihrer Seite duldet, am liebsten aber loswerden würde. Bertram hält aus. Er betäubt sich, indem er alles Essbare in sich hineinstopft, was er kriegen kann. Fett, schwitzend, nach Luft hechelnd und unbeholfen ist er längst zur Karikatur seiner selbst geworden. Man empfindet Mitleid mit ihm. Man wartet darauf, dass er endlich ausbricht. Dass er die längst in der Hosentasche geballte Faust auf den Tisch schlägt. Dass er sich wehrt. Nichts geschieht. Die ständigen Demütigungen haben ihm längst seine Würde genommen.
Beide spielen ihr absurdes Ehetheater weiter. Die Bühne dafür ist das Boutique-Hôtel & Spa Kurpfalz und der abendliche Besuch eines italienischen Schiffsrestaurants auf dem Neckar. Dort werden sie von Mal zu Mal respektloser behandelt. Selbst bei Regen und Kälte müssen sie auf Deck am Katzentisch sitzen. Der Inhaber wird immer aggressiver, das Essen immer ungenießbarer und teurer. Ein Gefühl von Ekel breitet sich aus, nicht nur in Bertram, auch im Leser. Peggy Marchs Heidelberg Song läuft in Dauerschleife und übertönt jedes Gespräch. Doch das spielt sowieso kaum noch eine Rolle, das Paar hat sich längst nichts mehr zu sagen. Man spürt die Katastrophe kommen. Man beobachtet, wie Bertram langsam, aber sicher vor Wut und Verzweiflung platzt, bis …Das verrate ich nicht.
Heinz Strunk hat sich wieder einmal selbst übertroffen. Er trifft ins Zentrum einer zutiefst menschlichen Frage: Warum bleiben Menschen zusammen, wenn sie sich nichts mehr zu geben haben, außer Verletzungen? Vielleicht, weil selbst eine unglückliche Vertrautheit leichter auszuhalten ist als die Einsamkeit eines Neuanfangs.

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