Mittwoch, 6. Juni 2012

oder?



nein sagen?
ja sagen?
am besten nichts sagen

eine weile

gesagtes überdenken
sich selbst bedenken

nein sagen
anstatt ja sagen
wo wir nein meinen

oder schweigen.

wahrheit?


wahrheit?
meine wahrheit
                                       deine wahrheit
seine wahrheit
                                    ihre wahrheit 

wahrheit?
ganz einfach!
 
wenn etwas wahr ist, dann brauchen wir nicht mehr denken.

Dienstag, 5. Juni 2012

scheinbares


ich spüre es nicht mehr. 
aber ich spüre 
es ist nicht weg
nur zugedeckt

abgedeckt, überdeckt
das spüren
vielleicht vom vielen was da ist
zu viel was zu tun ist
was wichtig erscheint

zugedecktes wollen
abgedecktes wünschen
überdecktes schöpferisches
  
das will raus
das will spüren
das will leben

und das leben sagt
keine zeit
es gibt wichtigeres 
und es drängt zum tun für das wichtigere
und ich lasse mich drängen
immerzu
weil es mir wichtig erscheint

und innen das spüren
es ist nicht wichtig

das spüren 
noch leise
dann immer lauter

eine stimme 
die sich nicht den mund verbieten lässt
ein spüren 
das sich nicht verbiegen lässt 
vom scheinbar wichtigeren
und sie fragen mich

was ist wichtiger als das scheinbare ?
 


 


 

Freitag, 1. Juni 2012

gedankensplitter 38




realität -
ist was übrig bleibt -
wenn wir alle konstruktionen von wirklichkeit abziehen.

kleine arschlöcher








er trug diese art hemden wie deutsche touristen sie tragen, wenn sie auf mallorca urlaub machen. aus dem bis zu den brusthaaren geöffneten kragen wuchs halslos sein feister kopf. die augen zu engen schlitzen zusammengezogen fuhr er sie an, das sind kleine arschlöcher deine söhne! was haben die in ihrem leben jemals gemacht, was gut war?

sie überlegte, suchte nach etwas, das sie gut gemacht hatten. es dauerte eine weile. ich weiß nicht, sagte sie, oder doch, moment, der große hat seine mittlere reife gemacht. sie lächelte, eine spur zaghaften stolz im aufgedunsenen gesicht.

pah, fuhr er sie an, und das nennst du was gut machen, der hängt seitdem nur rum und zieht dir die kohle aus der tasche, der versager. und der kleine, im knast wird der landen bei seinem strafregister. nichtsnutzige arschlöcher sind das.

sie sah mich hilfesuchend an. ich suchte nach worten, um die worte zurückzuhalten, die ich ihm gerne entgegengesetzt hätte. es gibt gründe, sagte ich zu ihm hin, keiner wird so ohne grund.

gründe, lachte er verächtlich, die gründe sind mir scheiss egal. die machen sie kaputt, die kleinen arschlöcher, guck sie dir doch mal an.

ich guckte sie mir an, sah ihre schlechte haut im müden gesicht und den aufgeblähten bauch vom bier, das sie trank um nicht zu ertrinken, in dem was war.

ich hätte ihn anzeigen sollen, damals als er mir das viele geld geklaut hat aus der brieftasche, dann hätte er vielleicht aufgehört damit.

nix, dem hättest du eine ordentliche tracht prügel geben sollen, dann hätte der das kapiert. ich durfte ja nicht, schnauzte er sie an.

er hätte mich angezeigt, erwiderte sie leise, man darf seine kinder nicht schlagen. die wissen das heute. ausserdem ist es unrecht.

unrecht, blaffte er sie an. die haben lauter rechte, aber von pflichten wollen die nix wissen. ne, so geht das nicht, die kleinen arschlöcher machen was sie wollen und wir haben nix zu melden. also ich hab meine jungs in der werkstatt im griff. ich sag denen gleich am anfang, wenn ihr was mitgehen lasst, dann wars das. er nahm einen kräftigen schluck bier aus der flasche und sah mich provozierend an. und die gründe, warum einer so was macht, sind mir scheiss egal. neulich, da hab ich einen erwischt wie er eine radkappe mitgehen lassen wollte, da hab ich sofort entlassen. glaub nicht, das mir das leicht gefallen ist. dem hab ich schließlich sein leben versaut. das war echt hart für mich, hab mir am abend einen hinter die binde gegossen. hilft nix, die müssen funktionieren, die jungs und basta.

funktionieren, wiederholte sie. funktioniert haben meine nie. dabei hab ich doch alles getan, was ich konnte, alles aus dem weg geräumt hab ich ihnen. es ging ihnen doch gut.

du hast dich verarschen lassen, dumme kuh. und jetzt sitzt der kleine im heim und der große wohnt im hotel mama und säuft sich blöd. aber ich durfte ja nicht. er verzog verächtlich die schmalen lippen.

sie sah ihn an. du hast gut reden, du hast dich doch immer rausgezogen, wenn es um die jungs ging, ihnen deine tochter als leuchtendes beispiel vorgehalten.

die funktioniert ja auch, sagte er und grinste breit in meine richtung.

mädchen sind anders, warf sie ein. ihr vater hat sich rausgezogen, er hat sie nie gekümmert. ich war überfordert.

überfordert, das bist du doch immer, selbst schuld. ne du, keine grenzen hatten die, alles durften die und dann hast du sie ständig kontrolliert, weil du immer angst um sie hattest. weißte, wandte er sich mir zu, der kleine hat mir mal gesagt, warum er das macht. weil die alte mich fast erstickt hat mit ihrer ewigen kontrolle, hat er gesagt. er blaffte sie an: der is ausgebrochen aus deinem goldenen käfig.

ich fragte mich, wann sie ihn endlich zum schweigen auffordern würde, wann sie endlich aufstehen würde vom tisch, wann sie endlich gehen würde. sie blieb sitzen, suchte weiter nach rechtfertigungen für ihr unvermögen und das leben ihrer söhne, die ihr entglitten waren, suchte nach entschuldigungen für ihre schuld, die sie zentnerschwer machte. sie seufzte und zündete sich mit zittrigen fingern eine zigarette an. na ja, ich war halt allein, sagte sie leise.

sag mal, seit wann lebt ihr denn zusammen?, fragte ich ihn.

na, seit der kleine acht ist, antwortete er.

aha, sagte ich.

was heißtn hier aha, fuhr er mich an,  ich bin ja schließlich nicht der vater von den kleinen arschlöchern.






Donnerstag, 31. Mai 2012

Aus der Praxis: Vom Abnehmen und Kümmern





anderen etwas abnehmen
heißt vom anderen etwas aufnehmen,
meist etwas schweres.

wer dem anderen etwas abnehmen will, weigert sich unbewusst, sich selbst und das eigene (schwere) anzunehmen. der abnehmer wendet sich auf diese weise von sich selbst ab.

das bestreben anderen das ihre abnehmen zu wollen, ist eine ablenkung von der eigenen unfähigkeit oder dem unwilllen das eigene anzunehmen.

ein ständiges abnehmen der lasten der anderen hat für den abnehmer einen nicht unerheblichen benefit: das abnehmen dient dem unterbewusstsein als rechtfertigung für die weigerung das eigene aufzunehmen.

das aufnehmen der dinge der anderen ist eine "egoistische" handlung, die dem eigenen ego dient. es dient der weigerung das eigene anzunehmen. es dient zur kompensation und ist eine unbewusste rechtfertigung, das eigene nicht anzunehmen.

indem der abnehmer sich ständig um andere kümmert, simuliert ihm das ich stärke - derart, dass er vom außen, also - von anderen - anerkannnt und bestätigt wird. er erhält dank und kann sich wertvoll fühlen - ein gefühl, das er im eigenen inneren nicht findet.

durch das abnehmen bekommt das ego unmittelbar rückmeldung vom außen und damit die positive aufmerksamkeit, die es sich selbst nicht gönnt oder nicht erlaubt, oder in sich selbst nicht spüren kann.

durch das abnehmen verwirklicht sich die erleichertung im leben des anderen, die für das eigene leben nicht gelingen will, unbewusst aber ersehnt wird.
der abnehmer versäumt, sich für sich selbst durchzusetzen, sein eigenes leben besser zu gestalten, sich selbstständig und unabhängig zu machen, die eigenen schatten und fehler zu analysieren und seine baustellen zu bearbeiten.

so bitter das klingt:
wer sich ständig um das der anderen kümmert - ist verkümmert.

Sonntag, 27. Mai 2012

DIE HÖLLE

anna sah aus dem weit geöffneten fenster, die kaffeetasse in der einen hand, die zigarette in der anderen. ihre hände zitterten, zitterten wie alles an ihr, innen und aussen.

draussen schlich eine schwarze katze über den hof. anna hatte sie noch nie zuvor gesehen. die katze war groß, ungewöhnlich groß, so groß wie ein kleiner hund. eine schwarze katze bringt unglück, dachte sie und dass es egal war, ob sie ihr von inks nach rechts über den weg lief oder unter ihrem fenster herumschlich. das unglück hatte ihr leben durchzogen. immer wieder, in immer neuen erscheinungen war es da gewesen und sie hatte es ausgehalten, immer wieder und es überlebt, weil sie stark war. an diesem morgen wusste sie, dass sie nicht mehr stark war. stärke ist eine sache des willens, dachte anna. ihr wille war gebrochen, schon lange. sie hatte nur so getan hatte, als sei sie stark, schon lange.

sie dachte an das, was sie für ihr leben gehalten hatte, bis zu diesem morgen für wahr gehalten hatte, und was nicht wahr war für den, den sie liebte. er hatte es gesagt, zu einem anderen, was er ihr nie gesagt hatte, dass er nicht glücklich gewesen war, niemals, dass es die hölle gewesen war mit ihr und dass er diese hölle ausgehalten hatte, weil er keine wahl gehabt hatte. 

immer war da dieses ungute gefühl in ihr gewesen in einem moment in der zeit etwas falsch gemacht zu haben, absichtslos falsch gemacht zu haben, wo sie doch immer ihr bestes getan hatte, das, was sie gekonnt hatte und  über das können hinaus getan hatte, damit er glücklich war. für ihn war es die hölle gewesen, was sie sicher nicht für den himmel gehalten hatte, aber für gut eben, so gut wie sie es hatte machen können mit ihren mitteln und dem, was sie war und mit ihrer liebe. für ihn war es kein einizger fehler gewesen, den anna zu glauben gemacht hatte, in einem moment in der zeit, für ihn war es ein allumfassender fehler gewesen, die ganze zeit.

seine worte hatten sie mitten ins herz getroffen, in ihr herz, das einen riss hatte. der riss klaffte, aber er musste an dünnen faden hängen, denn es schlug noch. die hölle hatte sie gedacht, die halbe nacht lang, zwischen langem wachen und leichtem schlaf war da dieses wort wie ein schwindelgefühl. wenn sie versuchte es nicht zu denken, fühlte sie, wie es hinter ihrem kopf entstand, sich gleich wieder nach vorne drängte, in die stirn. da schwoll es an, wurde riesengroß, bis es sie vollständig ausfüllte. anna fasste sich an ihr herz. sie hatte sich gewünscht, dass es aufhören würde zu schlagen. bleib stehen, hatte sie ihm befohlen, damit endlich ruhe einkehren konnte, in ihr. es schlug weiter, schlug auch an diesem morgen weiter, als wolle es sagen, du kommst nicht einfach so davon, du kannst dich nicht wegschleichen, wenn du es willst, so einfach mache ich es dir nicht. 

durch den riss zog sich ein gift, das sich ausbreitete, dessen zersetzende wirkung sie spürte in der unbeschreiblichen schwäche, die sie fühlte in ihrem körper. in ihrem kopf hämmerte  nur noch ein wort hämmerte - schuldig.

anna kannte das wort und das gefühl, das in diesem wort lag, gut. sie hatte sich schuldig gefühlt seit sie ein kind war, wo man ihr die schuld gegeben hatte, dafür, dass sie überhaupt da war. die schuld, immer wieder laut ausgesprochen und wiederholt und als ursache benannt für das unglückliche leben der eltern, das sie zerstört hatte, einfach weil sie da war. sie hatten sie spüren lassen, dass sie keinen platz verdient hatte, bei ihnen. 

anna hatte es ausgehalten bis sie alt genug gewesen war und hatte gehen können, sich einen platz suchen, irgendwo, wo sie das gefühl hatte sein zu dürfen. sie war nirgends angekommen, am wenigsten bei sich selbst. was heimat war, wusste sie nicht. wer an keinem ort das gefühl von heimat spürt ist ein heimatloser, ein getriebener, ohne die schützende hülle des vertrauten, ohne festen boden unter den füßen, immer auf der suche, niemals im frieden mit dem, was ist. das wusste sie.
 
es war die hölle. die hölle, die sie ihm weiter gegeben hatte, dem, den sie liebte wie nichts anderes. sie hatte es getan, ohne sich dessen bewusst zu sein. die hölle, so hatte er es empfunden und sie war der teufel, der sie ihm bereitet hatte, absichtslos. das zu hören, zu fühlen, hatte sie getroffen wie ein weiteres unglück, das mit einem schlag ihr ganzes sein in frage stellte. wie sollte sie damit leben? wollte sie damit leben? musste sie damit leben? und wenn sie entschied nicht damit zu leben, weil es nicht auszuhalten war, würde sie die hölle nicht nur größer machen, für ihn? es würde so sein. sie musste aushalten, die scham und die schuld und den schmerz, den sie ihm zugefügt hatte, von dem sich nichts gewusst hatte und den sie niemals würde heilen können, in ihm. 

konnte sie ihm sagen, ich konnte nicht anders, ihn um verzeihung bitten, für das, was sie nicht gekonnt hatte? konnte sie ihre unfähigkeit ihn glücklich zu machen entschuldigen? konnte sie ihm eine erklärung geben, warum sie nicht so war, dass sie ihm gut getan hatte? was konnte sie tun, um all das vergangene wieder gut zu machen von dem sie geglaubt hatte, dass es so ungut nicht gewesen war? anna fand keine entschuldigung, fand nur die schuld und die scham und seinen schmerz, der sich zu dem ihren legte, der schmerz, der so alt war wie sie und so alt wie er. 

ihre wahrheit, seine wahrheit. eine gemeinsame wahrheit gab es nicht mehr. sie hatte sich getäuscht, sich geirrt in all ihren gedanken und gefühlen über das gemeinsame vergangene. eine illusion hatte sie sich gemacht, sich getäuscht. er hatte sie berichtigt, die täuschung, ihre wahrheit der selbstlüge gestraft, die wahrheit, an die sie geglaubt hatte, ganz fest. anna fragte sich, ob es eine wahrheit gab, die absolut war, eine die richtig war und eine, die falsch war oder ob es immer nur die wahhrheit dessen gab, der sie dachte und fühlte. sie fragte sich, ob die wahrheit dann wahr war, wenn die dinge zur wirklichkeit geworden waren, oder ob die absolute wahrheit immer in frage stand, weil sie für jeden eine andere ist.  

für anna gab es nur noch eine wahrheit. sie würde sie verfolgen jeden tag ihres lebens. seine wahrheit. er war nicht glücklich gewesen. sie hatte den, den sie liebte, nicht glücklich machen können. ihre liebe war nicht genug gewesen. das war jetzt ihre wahrheit. als sie das fenster schloss, fragte sie ich, womit sie die tage füllen sollte die noch kamen, was es noch gab, das in irgendeiner weise ein leben rechtfertigte, das ein anderes leben zu hölle gemacht hatte.