Mittwoch, 30. Juni 2021

Lektionen

 

                                                                        Foto: A.W.


Gerade wenn wir denken – so ist es gut, so kann es bleiben, kommt sie plötzlich, die nächste Lektion. Nicht schon wieder, denken wir und haben überhaupt keine Lust darauf. Wir haben doch genug gelernt über uns, das Leben, andere. Wir haben doch jahrelang an uns selbst gearbeitet. Irgendwann müssten wir doch mal Ruhe haben.
Denken wir. Ist aber nicht so. Lektionen, immer wieder Lektionen. Immer wieder gibt es etwas zu lernen. Einige Lektionen verbergen sich hinter Problemen, die gelöst werden müssen. Andere sind normales Beiwerk des Lebens, zum Beispiel, dass wir älter oder krank werden.Und manche Lektionen erschüttern unser Menschenbild.
 
Gestern sagte ein Klient, der einen schmerzhaften Betrug erfahren musste: „Ich habe immer geglaubt, dass Menschen von Grund auf gut sind.“ Sein Menschenbild ist erschüttert, weil ihm Ungutes durch einen geliebten Menschen widerfahren ist.
Er zweifelt an sich selbst, fragt sich, ob er zu naiv war. Zu gutmütig, zu gutgläubig, zu vertrauensselig. Was ist meine Lektion?, fragt er mich. Soll ich jetzt keinem mehr vertrauen, weil ich verletzt werden könnte?
 
Ein gebrochenes Herz reagiert oft so: Ich werde nie mehr lieben, nie mehr vertrauen. Und das ist am Anfang verständlich. Es will zumachen, um nicht mehr verletzt zu werden. Das Leid, wenn uns ein geliebter ein Mensch betrogen hat, ist unermesslich groß. Es stürzt uns nicht nur in eine schmerzhafte Trauerphase, die dauern kann, es stürzt uns auch in die Konfrontation mit unseren Annahmen über das Leben, die Menschen und unser Selbstbild.
Warum ist mir das passiert? Warum hat der andere mir das angetan? Warum war ich so blind?
 
Wir haben Schuldgefühle, glauben wir hätten es verhindern können, wenn wir achtsamer gewesen wäre, besser aufgepasst hätten oder weniger vertraut hätten.
Schuldgefühle sind mit Abstand das Schlimmste. Sie lähmen. Über den Schmerz der Verletzung hinaus peinigen sie uns. Wie ein Quälgeist besetzen sie unsere Gedanken und hindern uns anzuerkennen was ist – nämlich, dass wir immer dann, wenn wir einem Menschen unser Herz öffnen und schenken im selben Moment riskieren verletzt zu werden. Und oft geschieht genau das.
Es hilft nichts, sich dann die Schuld zu geben. 
 
Schuldgefühle gegen oft so weit, dass wir denken: Du hast es nicht verdient, geliebt zu werden. Du hast es nicht verdient, glücklich zu sein. Ja, sie können sogar soweit gehen, dass wir denken: Du hast es nicht verdient, zu leben. Schuldgefühle sind gemein und tückisch, sie sind voller Vorwürfe und niederschmetternd. Aber auch unsere Schuldgefühle sind Lektionen, die wir lernen dürfen. 
 
Wenn wir genau zuhören, was sie uns einreden, lernen wir viel über unser Selbstbild. Wir erfahren, was wir über uns selbst denken. Wie mies wir über uns denken. So mies, dass wir glauben, wir allein sind schuld daran, dass andere nicht gut zu uns sind oder dass uns das Leben immer wieder Schmerz beschert oder dass wir, wie mein Klient denkt – so naiv sind an das Gute im Menschen glauben.
 
Wenn wir uns mit den Botschaften unserer Schuldgefühle auseinandersetzen werden wir erkennen, was wir in Bezug auf unsere Annahmen über uns selbst und andere hinterfragen und korrigieren können. Sie können uns helfen zu erkennen, was wirklich ist - nämlich, dass das Leben und Menschen, ja auch wir selbst, nicht berechenbar sind und nicht nur gut oder nur böse. Es ist immer beides. Wo das eine ist, ist immer das andere darin enthalten.
Schuldgefühle sind auch eine Abwehrreaktion– wir wehren ab, was wir nicht akzeptieren und annehmen können. Wenn wir uns die Schuld geben, können wir glauben – WIR hätten die Lektion verhindern können, hätten wir anders gedacht oder uns anders verhalten. So müssen wir uns unsere Ohnmacht nicht eingestehen. Aber das dürfen wir, wir sind auch ohnmächtig. Und es ist okay. 
 
Auch das ist eine Lektion die in den Schuldgefühlen verborgen liegt: Wir dürfen lernen unsere Ohnmacht anzunehmen, wir dürfen lernen anzuerkennen: Wir haben keine Macht über andere Menschen. Menschen können uns verletzen. Aber wenn wir uns daran die Schuld geben, verletzen wir uns selbst noch mehr. Wir behandeln uns weiter, so wie wir behandelt wurden. Und das nicht zu tun, das liegt in unserer Macht.
Wenn diese Lektion hinter uns liegt, dürfen wir sie nicht vergessen. Wie werden sie brauchen, wenn die nächste kommt.

Dienstag, 29. Juni 2021

Was machen, wenn du nicht mehr kannst? Sicher nicht weiter machen!

 



Es ist mir unverständlich, wie viele Menschen, die längst nicht mehr können, sich selbst weiter antreiben. Am Ende ihrer mentalen, körperlichen und emotionalen Kräfte angelangt, halten sie nicht inne. Noch in der Erschöpfung motivieren sie sich mit Sätzen wie: Du kannst! Mach weiter! Du schaffst das! Ausruhen kannst du dich irgendwann, jetzt geht das nicht. Hauptsache nicht schwächeln.
Manch einer kommt sich dabei sogar noch heldenhaft vor und blendet aus, dass auch Helden irgendwann scheitern, wenn sie sich selbst und ihre Kräfte überschätzen - und zwar an sich selbst.
 
Irgendwie hat das für mich etwas von Hochmut. Der ist bekanntlich unheilsam, denn er kommt oft vor dem Fall. Dieser Hochmut nimmt bisweilen solche Ausmaße an, dass er den Menschen antreibt, sich selbst zu beweisen, dass er nicht schwach ist. Es ist also nicht immer der Innere Antreiber, der uns weiter machen lässt, wenn wir bereits auf dem Zahnfleisch gehen, sondern auch die hochmütige Selbstüberschätzung des Egos, die uns erheblichen Schaden zufügen kann. 
 
Wir sind ja so toll, so stark, so hilfsbereit, immer da, wenn man uns braucht. Wir sind Kämpfer! 
Wir geben und geben und bedenken nicht, wenn das Fass leer ist, haben wir nichts mehr zu geben. 
 
Nicht aufgeben. Keine Hilfe suchen und keine annehmen, den Märtyrer spielen - unheilsam.
Das füttert zwar das Ego und gibt uns kurzzeitig wieder einen Schuss Adrenalin um uns aufzulehnen gegen das, was wirklich ist: Wir sind längst am Ende und können nicht mehr. Wir sind ausgebrannt.
Diese Haltung macht krank auf allen Ebenen des Organismus. Und dann wehrt sich als letzter Hilferuf der erschöpften Seele der Körper und knockt uns aus. Pause. Zwangspause, weil der Zwang stark bleiben zu müssen, den Stecker gezogen hat.
Es wäre weitaus gesünder auf unser Gefühl zu hören, wenn wir sagen: 
Ich kann nicht mehr!
Und dazu zu stehen.
Für uns einzustehen. 
 
Nur wer auf sich selbst hört, kann spüren und erfahren, was für ihn wichtig ist, seine Bedürfnisse wahrnehmen, die Zeichen der Seele und des Körpers ernst nehmen und gut für sich sorgen.
Die meisten Menschen können das nicht, auch wenn sie noch so viele Ratgeber über Selbstfürsorge und Selbstliebe lesen. Sie lesen und machen weiter wie bisher. Sie machen vielleicht sogar ein Seminar oder ein Coaching in Sachen Selbstfürsorge und wundern sich warum sich nichts Wesentliches in ihrem Leben ändert. Ganz einfach, weil sie das Gelernte nicht konsequent üben und umsetzen. Oder nur mal kurz und dann lassen sie es wieder, weil sich kein sofortiger Erfolg einstellt.
 
Was die meisten Menschen nicht können, ist Geduld mit sich haben.
Geduld haben verlangt ein tiefes Verständnis für sich selbst und die Situation in der man sich befindet. Geduld verlangt sich ernst zu nehmen und sich Zeit zu geben für eine heilsame Veränderung. Weil sich Menschen nicht ernst nehmen, keine Geduld und wenig Wohlwollen für sich selbst empfinden, gibt es für sie nur schnelle Lösungen um den unheilsamen Zustand in dem sie sich befinden zu beenden, damit alles wieder so ist wie immer. Längerfristige Prozesse taugen ihnen nicht. Darum schlucken viele Menschen wenn sie krank sind bereitwillig Tabletten um schnell wieder zu funktionieren. Ihnen ist dabei nicht bewusst, dass sie damit nur die Symptome betäuben und weiter an der Ursache kranken.
Jede Krankheit, auch die des Gemütes, ist ein Alarmsignal innezuhalten, genau hinzuschauen und das zu tun, was es braucht um wieder zu gesunden. Dazu gehört auch zu lassen, was krank gemacht hat.
 
„Ich kann nicht mehr!“, ist ein Alarmsignal.
Es ist der Hilferuf der überforderten Seele, sich nicht mehr zu verausgaben und sich Zeit zu geben, Ruhe, Selbstfürsorge und Pflege, sich Raum zu geben für eine Veränderung der alten Denkweisen und Muster um nicht mehr an die eigenen Grenzen zu gehen oder sogar drüber.
Und das dauert.
Dem sich selbst überschätzenden Hochmut des Egos gefällt das natürlich nicht, es wehrt sich vehement, wenn wir versuchen es in die Schranken zu weisen. Es macht uns Druck. Aber es gibt es ein Gegenmittel: Einsicht und Klarheit und das achtsame Bewusstsein für unsere Gefühle – und sie ernst nehmen.

Freitag, 25. Juni 2021

Aus der Praxis – Trauma und die unbewusste Übertragung in Beziehungen

 

                                                                    Malerei: A.Wende

 

Übertragung: Wir verwechseln die andere Person oder Geschehnisse aus dem intersubjektiven Feld mit früheren Erfahrungen, Ängsten, Vorlieben, Abneigungen, Personen. Wir aktivieren in uns einen alten Film, statt das Einzigartige und Neue wirklich wahrzunehmen.

 

Björn Migge

 

 

Der Begriff der Übertragung stammt von Sigmund Freud. Wenn wir in der Psychologie von Übertragung sprechen, ist damit gemeint, dass eine unbewusste Erinnerung und die damit verbundenen Emotionen auf eine aktuelle Beziehung übertragen werden. Mittels Übertragung werden verdrängte Gefühle, Impulse, Erwartungen, Bedürfnisse, Wünsche und Ängste aus der Kindheit unbewusst auf zwischenmenschliche Beziehungen übertragen und reaktiviert. 

 

Man unterscheidet zwischen positiver und negativer Übertragung. 

Bei der positiven Übertragung werden positive Aspekte früherer Beziehungen wie Zuneigung,  Vertrauen und Liebe übertragen, bei der negativen Übertragung unheilsame Aspekte wie etwa Abneigung, Wut, Schmerz und Misstrauen.

 

Es gibt kein gegenwärtiges Erleben ohne die Verbindung zu unseren Erinnerungen.

Traumatisierende Erlebnisse vergisst unser Gehirn nicht. Dazu gehören besonders auch unsere frühen Beziehungserfahrungen. So sind auch unsere Beziehungserfahrungen „gespeicherte Erinnerung“. Diese ist im limbischen System, dem emotionalen Gedächtnis, fest verankert. Alle unheilsamen Beziehungserfahrungen und Beziehungsmuster aus unserer Vergangenheit werden daher unbewusst in die Gegenwart übertragen.

 

„Bei einer Übertragung geht es um die Neuinszenierung der Erinnerung unter veränderten äußeren Bedingungen, um einen Vorgang, der unbewusst abläuft und sich ständig wiederholt.“ (Barwinski, 2010).

 

Man muss sich das so vorstellen: Die Übertragung verbindet das Erleben im Jetzt wie eine Brücke mit dem Erlebten unserer Vergangenheit.  

Das Wissen um das Phänomen der Übertragung ist nicht nur in Beziehungen, sondern vor allem im therapeutischen Kontext wichtig um die emotionale Distanz zu behalten und sich als Therapeut durch die unangemessenen negativen Übertragungen des Klienten nicht irritieren oder provozieren zu lassen indem man sich unreflektiert der Gegenübertragung aussetzt, sondern sogar bewusst die Funktion der Übertragungsfigur einnimmt und behutsam damit umzugehen weiß. Dazu muss man wissen, dass jede negative Übertragung immer auch ein unbewusster Versuch der Manipulation ist, mit dem Ziel, das Gegenüber zu einer Reaktion zu bringen, die zu einer unbewussten Erinnerung des Klienten gehört und ihm vertraut ist. 

 

Nach Freud reinszenieren Übertragungen eine unbewältigte Erfahrung der Vergangenheit und führen zur Wiederholung derselben im Jetzt, indem das Gegenüber zum Vertreter einer negativ besetzten Figur gemacht wird.  

Das Gegenüber wird quasi zum Stellvertreter, der all jene unterdrückten und abgespaltenen Emotionen und Impulse abbekommt, die der Figur aus der Vergangenheit nicht zugemutet wurden, aus Angst zurückgewiesen zu werden, nicht wahrgenommen zu werden, bestraft zu werden oder aus Angst vor Liebesverlust und Verlassenseins. Auch Aggressionen, die gegenüber der Figur nicht ausagiert werden konnten werden später unbewusst auf  den Stellvertreter übertragen. Das gilt ebenso für Gefühle wie Scham und Schuld.

 

Bei vielen Beziehungskonflikten handelt es sich also in Wahrheit nicht um ein aktuelles Problem oder einen Konflikt mit dem anderen im Jetzt, sondern um die unbewusste Wiederholung einer unverarbeiteten traumatischen Erfahrung, mit dem Versuch diese zu lösen, indem man sie neu inszeniert und auf die Ersatzfigur projiziert.  

Projektive Übertragung verzerrt jedoch die Wahrnehmung der Gegenwart, so dass das aktuelle Erleben und die damit verbundene Beziehung zum Gegenüber in der Gegenwart negativ gedeutet und bewertet wird.

 

Mit negativen Übertragungen angemessen umzugehen ist schwierig.  Es braucht viel Erfahrung und Gleichmut vom Therapeuten um damit angemessen umzugehen und sie so in den therapeutischen Prozess zu integrieren, dass sie für den Klienten hilfreich sind. Für C. Jung bestand der Kern des Übertragungsphänomens darin, die Beziehung zum Selbst zu finden. Das Aufdecken und die Bewusstmachung von Übertragungsvorgängen wird insbesondere in der Psychoanalyse als zentrales Element für den Erfolg der Therapie angesehen. Der Klient soll in der Person des Therapeuten einen Menschen sehen, mit dem er vertrauensvoll und ohne die Angst vor Sanktionen, Konflikte aus der Vergangenheit in der Gegenwart löst. Dazu nimmt der Therapeut bewusst die Rolle einer Figur aus der Vergangenheit ein. So wird durch das Quasi-Vorhandensein diese Figur bewusst gemacht und der Konflikt kann über die Auseinandersetzung mit dem Therapeuten gelöst werden. Alte Wahrnehmungen und Gefühle werden dabei auf den Therapeuten übertragen um nach Möglichkeiten zu suchen auf angemessene Weise im Jetzt damit umzugehen. 

 

Schwierig sind negative Übertragungen allerdings dann, wenn sie vom Klienten nicht als solche erkannt werden, er sie nicht als solche erkennen kann oder sich weigert sie zu erkennen und Inhalt und Kausalität für seine Reaktionen ausschließlich dem Gegenüber im Jetzt zuordnet.   

Hier befindet sich der Übertragende in einer Trance, die ihn sogartig nach Hinten zieht und das Vergangene als Realität im Jetzt empfinden lässt.

Was passiert dabei genau?

Der Übertragende ist er selbst, steckt ber emotional in einer früheren Phase seines Lebens fest - meist in der Identifikation mit dem traumatisierten Kind. Was es noch komplizierter macht, wenn er sich mit mehreren abgespalteten Kindanteilen identifiziert.

Das Gegenüber wird verzerrt wahrgenommen. Es ist nicht es selbst im Jetzt, sondern es wird als innere Figur mit deren Objekteigenschaften wahrgenommen. So wird beispielsweise der Partner oder der Therapeut zum Stellvertreter für das traumatisierte Kind, während der, der überträgt, unbewusst in die Rolle der oder der Figuren schlüpft, die dem Kind Schlimmes angetan haben und das jetzt dem Stellvertreter ähnliches antut. Es kommt zu einer Umkehr der Rollen. Der Stellvertreter soll mittels der Übertragung mit dem Trauma klarkommen, weil es dem Übertragenden selbst nicht gelingt. Diese Umkehr der Rollen gehört u.a. zur Trauma-Abwehr.

 

Diese Art der inneren Abwehr fordert ständig eine Reinszenierung des Unverarbeiteten, im (Irr)Glauben es auf diese Weise endlich lösen zu können, weil (noch) keine anderen Bewältigungsmechanismen verfügbar sind.  

Die Wiederholung verhindert jedoch, dass das Erlebte in übergeordneten Hirnstrukturen wie Hippocampus und Frontalhirn weiterverarbeitet, neu bewertet und eingeordnet werden kann.

Das Trauma wird nicht integriert. Es wird weiter abgespalten. 

 

Ein Trauma überwinden  ist schwer und dauert mitunter jahrelang, denn jedes traumatische Erlebnis, je intensiver und bedrohlicher es erlebt wird, überfordert die Fähigkeit unseres Gehirns zur Integration und wird, um es überhaupt ertragen zu können, abgewehrt – durch Abspaltung, Dissoziation und die emotionale Trennung vom Gefühlserleben - und dieses zeigt sich auch im Phänomen der negativen Übertragung.

 

Voraussetzung zur heilsamen Integration ist nach erfolgter Stabilisierung und Ressourcenaktivierung der Betroffenen, auch die Bereitschaft zur Konfrontation mit den schmerzhaften Gefühlen, welche aber, wie gesagt, bei manchen Betroffenen als so unaushaltbar empfunden und bewertet werden und deshalb durch Abwehr vermieden werden, indem, im Falle der negativen Übertragung, das Gegenüber emotional angegriffen und erschüttert werden soll: „Der Andere soll fühlen, was ich damals gefühlt habe.“

Hurt people, hurt people.

Das geschieht in der Regel jedoch meist unbewusst.

 

Nun ist das aber keine Lösung und schon gar keine Erlösung.

Seelische Weiterentwicklung und posttraumatisches Wachstum können so nicht stattfinden. Bleibt der Betroffene im Muster der negativen Übertragung stecken, sprich - lässt er sich diese nicht bewusst machen, ist der innere Widerstand zu groß -  wird jede Beziehungserfahrung in der Gegenwart mit erheblichen Problemen und Spannungen belastet sein. Das kann letztlich sogar im worst case eine gesunde Beziehungsfähigkeit unmöglich machen.

 

Die Trance zurück in die ursprüngliche kindliche Interpretation des Traumas und die nicht auflösbare Identifikation mit dem verletzten inneren Kind verhindern eine heilsame Interpretationsmöglichkeit in der Gegenwart.

Der Erwachsene von heute bleibt in der Vergangenheit des Inneren Kindes oder der inneren Kinder stecken und damit mit den alten Verletzungen identifiziert. Damit das nicht geschieht ist eine gelingende Integration verdrängter Gefühle und verdrängter Persönlichkeitsanteile heilsam. Deshalb ist es auch so wichtig negative Übertragungen im Rahmen der Traumabewältigung zu erkennen, sie bewusst zu machen und sie im Sinne des Betroffenen für seine Genesung zu nutzen.

Traumata können integriert werden, wenn die Inneren Kinder von damals gesehen, angenommen und gerettet werden, wenn sie in Sicherheit gebracht werden von einem stabilen Erwachsenen, der sich seiner Identifikationen bewusst ist und sie aufgelöst hat. 

Dieser Prozess erfolgt allerdings sehr langsam und es bedarf viel Geduld. Und das ist wichtig und richtig um die verletze, fragile Seele nicht zu überfordern. 

 

 

 

Montag, 21. Juni 2021

Licht und Schatten

 


Vor sechzehn Monaten hat sich unsere Welt verändert.
Wir haben uns verändert. Wir sind Gespaltene. Innen wie außen hat Trennung stattgefunden. Es zeigt sich so viel offene Wut, Aggression und Hass unter den Menschen wie nie zuvor. Die einen kämpfen gegen die anderen. Meinungen respektvoll und gleichberechtigt nebeneinander stehen zu lassen, ist nicht mehr möglich. Es herrscht ein Streiten und ein Kämpfen bis in die kleinste Zelle. 
 
Im Moment ist es ruhiger geworden. Der laute Kampf ist einem vorrübergehenden Waffenstillstand gewichen. Viele Menschen glauben an ein Ende der Pandemie oder sie fühlen sich sicher, weil sie eine Impfung haben. Das nimmt den Kämpfen die Luft raus.
Es darf wieder konsumiert werden. Es darf wieder vieles gemacht werden, was so sehnlich vermisst wurde. Es fühlt sich wieder nach Freiheit an. Das Absurde fühlt sich nach Normalität an.
Scheinbar. 
 
Eine sommerliche Ruhe eingetreten. Eine trügerische Ruhe vor dem Sturm, der kommen wird. Es ist nur eine Frage der Zeit.
Viele sind sich dessen nicht bewusst. Diese Welt befindet sich in einem großen, nicht mehr aufzuhaltenden Umbruch. Es wird nicht aufhören. Es wird weitergehen. Vielleicht in ähnlichem Maße, vielleicht wird es schlimmer.
Ich hoffe auf das Beste. 
 
Das Beste. Haben wir unsere Bestes gegeben in diesen sechzehn Monaten? Haben Menschen begriffen, was wirklich wichtig und wertvoll ist? Haben sie begriffen, worauf es ankommt? Haben sie Verantwortung übernommen um beizutragen zum Wohle unseres Menschseins?
Nein, haben sie nicht. 
 Menschen haben ihr wahres Gesicht gezeigt. Sie haben die Masken fallen lassen hinter den Masken. Viele haben ihren Egoismus, ihr Haben und Wollen, an oberste Stelle gestellt.
Ich, ich, ich ... 
 
Die meisten haben das getan und tun es und werden es weiter tun.
Und dann gibt es die, die das nicht getan haben, nicht tun und nicht tun werden. 
Es sind die, die wissen, dass ein gespaltenes Miteinander unheilsam ist und brandgefährlich. Es sind die Hochsensiblen und die Empathen. Ich meine die echten, nicht die, die so tun als ob, die nur reden und sich ihr Sprachwort Empathie stolz an die Brust kleben um ihr Ego zu füttern. 
 
Die Echten, das sind die Menschen, die mehr spüren als andere, die gut spüren und tief. Die nicht nur an sich selbst denken, die über sich selbst hinaus fühlen, denken und handeln, weil sie sich ihrer Verantwortung als Teil des Ganzen bewusst sind.
Diese Menschen fühlen sehr genau wohin wir driften, wenn wir so weiter machen. Die meisten dieser Menschen sind stille Menschen. Sie krakelen nicht, sie blasen sich nicht auf, man hört sie nicht. Sie bleiben im Verborgenen und beobachten. Sie arbeiten an sich selbst zum Guten hin. Und sie helfen, wo es ihnen möglich ist das Unheilsame ein wenig besser zu machen, für sich selbst und für andere.
Es ist gut, dass es diese Menschen gibt. Es ist wichtig, dass es diese Menschen gibt. Sie sind das helle Licht im Dunkel der Schatten des Jetzt und der Zukunft.
Mögen sie weiter leuchten ... sie sind wichtig!

Sonntag, 20. Juni 2021

Richtungswechsel

 



Man sagt, dass man die Gegenwart verstehen kann, wenn man die Vergangenheit betrachtet. Es besteht immer eine Verbindung zwischen unseren Lebenserfahrungen und den Entscheidungen, die wir in der Gegenwart treffen, und damit für die Zukunft. Jede getroffene Entscheidung im Jetzt hat Einfluss hat auf das Leben, das ich morgen führen werde. 
 
Manchmal haben wir Zweifel, wenn es darum geht, an die Zukunft zu denken. Manchmal glauben wir, dass die Dinge in unserem Leben sich nicht weiter entwickeln, so als wären wir am Ende unseres Lebensweges angelangt. Alles stagniert, es tut sich nichts Neues auf, wir wissen nicht welchen Weg wir wählen sollen. Es ist wie verhext. Uns fehlt der Antrieb. 
 
Wir lassen uns durch die Tage treiben wie ein Boot ohne Ruder, das auf einem ruhigen Fluss dahingleitet. Keine Höhepunkte, keine neuen Begegnungen, keine Inspiration, alles gleichförmig und ermüdend. Vor lauter Müdigkeit findet die Frage, wie wir zu einer Erneuerung zu kommen, keine Antwort. Dabei möchten wir doch endlich einen kohärenten Lebensweg erkennen und ihm ohne zu zweifeln folgen, im sicheren Gefühl – ja das ist mein Weg, jetzt. Aber wir sehen ihn nicht. Wir blicken in die Vergangenheit, stellen unsere alten Entscheidungen in Frage und denken: Hätte ich nur anders entschieden, dann wäre ich jetzt nicht an diesem Punkt. Aber wir haben nicht anders entschieden. Und Punkt. 
Es macht keinen Sinn darüber nachzudenken, was gewesen wäre, wenn. 
 
„Die Vergangenheit ist ein Leuchtturm, kein Hafen“.
Die Erfahrungen der Vergangenheit, alles Erlebte, jede Erfahrung, ob gut oder ungut, hat uns zu dem gemacht, der wir jetzt sind. Aber der müssen wir nicht bleiben, wenn wir entscheiden, es nicht bleiben zu wollen. Die Vergangenheit kann uns unser Jetzt und unsere Zukunft beleuchten, wenn wir sie akzeptieren wie sie ist, sie sein lassen was sie ist und aus ihr lernen. Genau dazu ist sie da. Und fordert sie nicht unser: Ja, das war so und es ist okay?
Wenn wir ja zu unseren vergangenen Entscheidungen sagen, dann ist dieses Ja ein Ja zu uns selbst. Mit diesem Ja, wachen wir auf aus der Trance des Gewesenen, wir nehmen das Ruder unseres Bootes in die Hand und sind bereit für einen Richtungswechsel.

Samstag, 19. Juni 2021

Das kleine Monster im Zentrum der Stille

 

                                                                    Foto: A.W.


"Hören Sie denn nichts, hören Sie denn nicht die entsetzliche Stimme, die um den ganzen Horizont schreit, und die man gewöhnlich die Stille nennt?", schreibt Georg Büchner in seiner Novelle Lenz
Die Stille, die manche Menschen bewusst suchen und vor der die meisten Leute beständig fliehen, ist nicht still. In Wahrheit ist sie sogar sehr laut. Wer die Stille einmal wirklich gesucht und erfahren hat, weiß das. So wie es Büchner seinen Jakob Lenz sagen lässt, kann sie herausschreien, was wir im lauten Alltag nicht hören können oder hören wollen.
 
In der Stille drängt das Wesen der Dinge nach Gehörtwerden.
Alles Verdrängte kommt zum Vorschein. Nicht wenige Menschen fürchten sich genau davor, denn die Stille konfrontiert uns mit unserer eigenen Wahrheit. Alles Verdrängte, das ganze „ungelebte“ Leben kommt zum Vorschein. Was wir in der Ablenkung der lauten Welt versenkt haben, all das Abgespaltene, steigt in der Stille aus den eigenen Tiefen hoch ins Bewusstsein und konfrontiert uns gnadenlos mit uns selbst. Welch ein Unbehagen das auslösen kann, weiß jeder, der sich einmal der kompletten Stille geöffnet hat.
Stille und die damit verbundene innere Einkehr ist für viele Menschen deshalb so beängstigend, weil sie dann mit sich selbst in Kontakt treten müssen. Das ist mitunter eine beängstigende und bewegende Reise hinab in die Abgründe der Seele. Und weil diese Reise auch mit unguten Gefühlen verbunden ist, wird sie tunlichst vermieden.
In einer Welt, in der das Streben nach dem scheinbaren Glück des Habens zum Maßstab aller Dinge geworden, ist Selbstreflexion ein gefährliches Unterfangen, denn sie könnte aufdecken, dass wir uns im Zweifel etwas vormachen. Die Wahrheit ist anstrengend und sie kann erschreckend sein, denn sie entlarvt alle Lebenslügen. 
 
Still geworden können wir nicht mehr weghören, wir sind gezwungen uns zuzuhören, uns uns selbst zuzumuten.
Still geworden stehen wir unseren Träumen und Wünschen gegenüber, die uns fragen: Hast du uns verwirklicht, oder hast du uns längst vergessen und damit dich selbst und den Kern, der dich ausmacht? Wofür hast du uns aufgegeben? War und ist es das wert? Wem oder was bist du hinterhergerannt und hast dich selbst verraten und die Werte, die dir doch einmal so wichtig waren? Was hast du idealisiert, was es nicht wert war und welchen Illusionen hast du dich hingegeben? Welche Identität hast du angenommen, um jemand zu sein, der du nicht bist, um der Anerkennung, des Geldes, der Macht und des Erfolges willen? Wem oder was schenkst du deine kostbare Lebenszeit? Wer bist du, wenn alles andere wegfällt? Was ist es dann, was dich von Innen hält? Hast du vor lauter Erleben wollen das Leben selbst vergessen?
Oh nein, die Stille ist wahrlich nicht leise. In ihrem Zentrum taucht ein kleines schreiendes Monster auf und konfrontiert uns mit unserer Vergangenheit, unserer Gegenwart, unserer Zukunft und unserer Endlichkeit. Ich mag das kleine Monster. Es macht einen guten Job. Es taucht auf, damit wir uns selbst erkennen, uns neu entdecken und an Echtheit, an Klarheit, an Mut und an Stärke gewinnen. Es taucht auf, damit wir erkennen, was wir wirklich wollen, solange wir es noch können.

Freitag, 18. Juni 2021

Demut – Schlüssel zur Wandlung

 


Zur Zeit habe ich viele KlientInnen, die mit dem Thema Ohnmacht konfrontiert sind. Ich kenne das Gefühl. Ich weiß, wie es sich anfühlt und ich weiß, dass man sich nichts mehr wünscht, als ganz schnell wieder in die Eigenmacht zu gelangen. Aber vielleicht soll es genauso gerade nicht sein, damit wir etwas erkennen und lernen dürfen.
Ich habe mich gefragt: Was ist die Essenz von Ohnmacht?
Es ist die Demütigung und die Essenz der Demütigung ist die Demut.
Man muss das Wesen der Demut begreifen, um erkennen zu können, dass hier der Schlüssel zu wirklicher Freiheit und wahrer Größe zu finden ist. Das Gefühl der Demütigung wird nicht durch die Machtlosigkeit der Ohnmacht hervorgerufen, sondern durch den Schock, den wir erleiden, wenn unser Anspruch auf Kontrolle und vollkommene Überlegenheit auf die harte Wirklichkeit stößt. 
Wir leiden an einer Demütigung, weil es uns nicht gelingt, den Anspruch unseres Egos über allem stehen zu müssen, zu erfüllen. Wenn wir uns gedemütigt fühlen, dann deshalb, weil wir die Wirklichkeit verdrängen, weil wir ausschließen, was nicht sein darf, was uns nicht passieren darf, was wir nicht haben wollen oder weil wir die Vergeblichkeit unserer Erwartungen und Bemühungen nicht anerkennen können. 
 
Wenn wir die Demütigung annehmen, können wir Demut lernen. 
 
Das Bewusstsein an Grenzen geworfen zu sein und die Ohnmacht, die sich daraus ergibt, stoßen uns auf die Tatsache, dass es an diesem Punkt so nicht weiter geht. Nicht mit den bekannten Mitteln, nicht mit dem bekannten Verhalten, nicht mit den bekannten Gewohnheiten, nicht mit dem alten Denken, nicht auf den vertrauten Wegen. Denn genau diese Wege waren es, die uns an die Grenze geführt haben.
Demütigung und Ohnmacht als Grenzerfahrung.
Wird diese Grenzerfahrung von uns anerkannt, wird ihre Sinnhaftigkeit begriffen, trägt sie in sich die Optionen der Entwicklung. Wir sind damit einverstanden uns wandeln zu lassen.