Freitag, 9. April 2021

Die schmerzhafte Suche nach Liebe

 

                                                                   Foto: A.Wende


Liebe ist wie Atmen: Wenn es passiert, bist du einfach Liebe. Es ist gleich, wer dir nahekommt, der Sünder oder der Heilige. Wer immer dir nahe kommt, beginnt die Schwingungen der Liebe zu spüren, er wird glücklich sein. Liebe gibt bedingungslos – aber nur diejenigen, die sie haben, können sie geben.

Osho 

Die Liebe mit all ihren Möglichkeiten, Schmerzen, Enttäuschungen ist dazu prädestiniert uns an unserem empfindlichsten, verletzlichsten Punkt zu berühren. Menschen, die leicht verletzbar sind, können sehr an der Liebe leiden. 

KliententInnen, die ihr Leben noch vor sich haben, sagen oft, dass sie nicht wissen, warum sie noch immer an einer Beziehung hängen, die ihnen wenig Glück und viel Kummer bereitet. Oder sie bekennen, dass sie sich immer wieder in Liebesgefühle verstricken, die nicht beantwortet werden. Sie finden tiefste Verbindungen zu Menschen, die sie verletzen. Unaufhörlich streuen sie sich selbst Salz in die Wunden, klammern hartnäckig an den Falschen, ertragen Zurückweisungen und kommentieren dies mit dem Satz: „Ich kann doch nicht aufhören diesen Menschen zu lieben, nur weil er mich verletzt hat.“ Oder sie klammern sich hartnäckig an eine Erinnerung, idealisieren das Schöne und blenden aus, was sie unglücklich gemacht hat.

Sie quälen sich selbst, um nicht loslassen zu müssen, was sie für Liebe halten. 

Und immer wieder versuchen sie es aufs Neue, suchen verzweifelt nach dem, oder der Einen, die ihre Liebeswünsche erfüllen soll und geraten wieder in Beziehungen, die Unerfülltsein, Sehnsucht, Traurigkeit und Leid mit sich bringen.

Oft steckt dahinter die unbewusste Angst sich zu verlieben und sich wirklich tief auf einen anderen einzulassen. 

 

Eine Liebe, die nicht erfüllt oder verwirklicht werden kann, bietet letzten Endes Sicherheit, sie bietet das Gefühl der Verbindung, sie gaukelt Beziehung vor, auch wenn diese zu Leiden führt. Alles besser als ohne Beziehung sein. 

Eine Liebe, die verletzt und Leiden macht, eine schmerzhafte Erinnerung, die festgehalten wird, lässt vermuten, dass da ein Mensch weniger am Gefühl der Liebe, als an der Erinnerung von Zurückweisung, Abwertung und Schmerz hängt. 

Da ist dieser alte Schmerz einer tiefen inneren Einsamkeit, dem Gefühl nicht willkommen zu sein, nicht dazuzugehören, keinen Platz zu finden in der Welt. Und dieser Schmerz ist vertraut. Er ist die lange Geschichte von wiederholten emotionalen Verletzungen der Kindheit, die zwar oberflächlich erkannt und bewusst zu sein scheinen, aber nie wirklich gelöst wurden.

Die Suche nach Liebe ist im Grunde die Suche dieses Menschen nach sich selbst.

Aber das Finden des Ersehnten gelingt nicht indem Liebe, Verbundenheit und Zuneigung im anderen gesucht wird. Es bedarf eines Stadiums des Übergangs, das eine notwendige Einsamkeit bedeutet, die dahin führt, sich selbst anzunehmen, die Quelle der Liebe in sich selbst zu finden und zwar indem die Anhaftung an die dunklen Gefühle des alten, traumatischen Schmerzes aufgegeben werden und sich der Suchende diesen Gefühlen endlich stellt.

 

Donnerstag, 8. April 2021

Aus der Praxis – Hilfreicher Umgang mit destruktiven Gedanken

 

                                                                       Foto: www

Unser Leben ist das Produkt unserer Gedanken. 

Marc Aurel


Du fühlst du dich antriebslos, schwelgst in Erinnerungen an eine bessere Zeit, hängst stundenlang schwermütigen Gedanken nach und schaust mit leerem Blick aus dem Fenster. Vielleicht fühlst du dich einsam und verloren, ziehst dich in sich selbst zurück und scheust den Kontakt, den du gerade jetzt so nötig hast. Du siehst das Leben von seiner dunklen Seite und neigst dazu die hellen Seiten zu übersehen. Diese Momente haben wir alle, sie sind okay, aber sie können belastend sein, wenn sie überhandnehmen. Sie rauben dir Kraft, Schlaf, Konzentration, Antrieb und Lebensfreude.
Immer wenn dich destruktive Gedanken überfluten, ist es zunächst hilfreich dir bewusst zu machen, dass du in diesen Momenten nur einen Teil der Wahrheit siehst.
Wir neigen dazu, vieles was unsere Denkmaschine an Gedanken produziert, für wahr zu halten. Tun wir das, kann aus schwermütigen Gedankenkreisen ein permanentes, seelisch belastendes Grübeln werden. 
 
Was hilft?
Ratschläge wie „Denk einfach positiv!“ sind im Umgang mit negativen Gedanken nicht sonderlich hilfreich. Gedanken lassen sich nämlich nicht unterdrücken.
Wesentlich sinnvoller ist es Strategien im Umgang mit belastenden Gedanken anzuwenden. Das bedeutet nicht, dass wir Gedanken unterdrücken oder ignorieren. Es bedeutet, dass wir lernen, uns nicht in negativen Gedanken zu verstricken, sondern uns von ihnen zu distanzieren.
 
So ist es z.B. hilfreich uns bewusst zu machen, dass wir, wenn wir in unheilsamen Gedanken gefangen sind, nur einen Teil der Wahrheit sehen. Es ist als schauen wir in schwarzes Kästchen und daneben steht ein weißes, das wir nicht mehr wahrnehmen. Aber es ist da. Und darin ist die andere Seite der Wahrheit. Dann ist es heilsam in das weiße Kästchen zu schauen und uns bewusst zu machen, dass das Leben nicht schwarz oder weiß ist, sondern, dass es immer beides ist. 
 
Du "bist" nicht deine Gedanken. Du "hast" Gedanken.
Es geht darum, einen angemessenen Umgang mit ihnen zu finden um die seelische Balance zu halten und dich nicht mit ihnen zu identifizieren.
Hilfreich ist zunächst immer die Realität der Gedanken zu überprüfen: Frag dich, ob deine Gedanken wirklich wahr sind und ob deine Befürchtungen tatsächlich eintreffen. Oder handelt es sich nur um eine Illusion, die dein Verstand produziert?
 
Nimm die bewertungsfreie Beobachterposition ein: Lass die Gedanken an dir vorüber ziehen, wie Wolken am Himmel oder Blätter in einem Fluss. Betrachte sie einfach und bewerte sie nicht. Aha, interessant, das sind nur Gedanken!
Wenn du deine Gedanken bewusst und achtsam wahrnimmst, wirst du Zeuge, wie sie an dir vorbeiziehen. Wenn du an deinen Gedanken festhältst oder versuchst sie zu verdrängen, werden sie bei dir bleiben und sich verstärken.
Mach dir bewusst: Erst die Bedeutung, die du einem Gedanken gibst, macht ihn bedrohlich und belastend.
 
Du kannst den Blickwinkel ändern und dich fragen: Wie sieht die gedankliche Situation in den Augen eines anderen aus? Wie könnte ein Mensch, den du für weise und gelassen hälst, deine Situation wahrnehmen und empfinden. Was würde er jetzt denken? Wie würde er damit umgehen?
 
Du kannst dich fragen: Sind diese Gedanken hilfreich oder hinderlich? Kann ich aus diesen Gedanken Kraft schöpfen oder rauben sie mir Energie?
Das sind nur einige hilfreiche Möglichkeiten um zu erkennen: Du bist deinen Gedanken nicht hilflos ausgeliefert. Wenn du das weißt, kannst du immer dann, wenn du dich in darin zu verfangen beginnst, die notwendigen Korrekturen vornehmen, damit es dir besser geht. 
 
Wichtig ist es zu erkennen, ob es sich um „normales“ Grübeln handelt oder um eine beginnende ernstzunehmende psychische Störung.
Letztere erkennst du an folgenden Merkmalen:
1. Dauer und Intensität: Wie viele Stunden am Tag nehmen deine unheilsamen Gedanken in Beschlag?
2. Kontrollierbarkeit: Kannst du die belastenden Gedankenschleifen noch irgendwie unterbrechen?
3. Leidensdruck: Beeinträchtigen deine Gedanken deine Lebenszufriedenheit?
 
Wenn dies zutrifft, suche dir schnellstmöglich professionelle Unterstützung.
Ich bin gerne für dich da! 
 

Dienstag, 6. April 2021

Kopf, Herz und Bauch

 



Immer wieder höre ich von KlientInnen: Bei meinen Entscheidungen vertraue immer meinem Bauchgefühl. Und sie machen dann die Erfahrung, dass sie dieses Gefühl im Bauch getäuscht hat.
Oft reicht es nicht aus auf den Bauch zu hören. Neben dem Bauchgefühl ist es hilfreich die weiteren Instanzen in uns sprechen zu lassen. Auch das Kopfdenken und die Herzensweisheit sind Stimmen, die nach Gehör verlangen. Nur das Einbeziehen aller drei Instanzen weist uns den Weg zu geistig-seelischen Zusammenhängen, die den Blick freigeben auf das, was ist.
Warum sollten wir uns also der Möglichkeit verschließen all das zu nutzen, was in uns vorhanden und lebendig ist?
Es ist heilsam das ganze Repertoire zu nutzen. Der Bauch ist das gefühlt Erlebende, der Kopf ist das rational Beobachtende, Erforschende und Denkende, das Herz ist die Ebene der Gewissheit. Nur wenn Kopf, Herz und Bauch im Einklang sind, dann sind wir es auch. Dann sind Entscheidungen, die wir treffen Entscheidungen, die stimmig sind und das sind sie dann, wenn sie zum Guten, Heilsamen und Sinnvollen führen.

Montag, 5. April 2021

Dankbar

 

                                                         Foto: Alexander Szugger

 

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.  

Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts.

 

Leicht ist es nicht. Schwer ist es auch nicht. Es ist irgendetwas dazwischen. Mal ist es leicht, mal weniger leicht und dann fühlt es sich schwerer an, als es ist. Es kommt drauf an, wie ich es betrachte. Wie ich es einordne und bewerte, für mich, ohne den Kontext des Allgemeinen, es weglasse das Allgemeine, was ich gewöhnlich immer mit einbeziehe, wenn ich die Dinge erforsche.

Ich erforsche an diesem grauen Ostermontagmorgen meinen Gefühle. Wie geht es mir? Was macht es mit mir, den zweiten Geburtstag in Zeiten der Pandemie mit mir alleine zu verbringen? Ohne meinen Lieblingsmenschen sein an diesem Tag, das fühlt sich schwer und traurig an. Ein schmerzhaftes Vermissen. Tränen geweint zum Morgenkaffee. Leise, warme Tränen der Sehnsucht nach seiner Umarmung, nach ihn halten in meinen Armen. Und dann ein kleiner Anflug von Wut: Warum muss er auch so weit weg wohnen? Blödsinnige Wut. Es ist wie es ist und wer hätte damals, als er wegzog, jemals an eine Pandemie gedacht. Ich lasse die Wut sein und bleibe bei und meinem Geburtstag. Wahr ist, ich mag Geburtstage nicht, nur den meines Lieblingsmenschen. Der Tag an dem ich ihn geboren habe war einer der schönsten meines nun doch schon langen Lebens, das mir gerade verdammt kurz vorkommt. So kurz wie der Rest, der mir noch bleibt. Ein Rest, den ich noch vor einem Jahr länger eingeschätzt habe, bevor ein Virus das Leben um einiges gefährlicher machte. Ein Virus, das willkürlich Lebenszeit, die noch bleiben könnte, zu einer noch unberechenbareren Größe macht, als zu jener Zeit, als ich meinem Hausarzt vertraute, der meinte: Sie werden alt. Sie sind fit. Dumm gelaufen, wenn es mich jetzt treffen sollte, so fit wie ich bin. Ich spüre Angst. Wenn ich an diesem Gedanken festhalte, tut mir das nicht gut. Ich will leben für meinen Lieblingsmenschen, der seinen Vater schon zu früh verloren hat. Ich will nicht,  dass er mich auch früh verliert. Auf keinen Fall will ich das, darum passe ich gut auf mich auf und meide alles was Risiko ist. Aber mein Wollen interessiert nicht, ändert nichts. Ich lasse auch diesen Gedanken los, weil er nicht hilfreich ist.  

Während ich schreibe läuten die Glocken der Kirche im Viertel. Ich mag das Glockenläuten. Es tröstet mich an diesem Morgen. Alles wird gut, sage ich mir. Gott weiß, was er tut. Wenn es ihn denn gibt, meldet sich eine Stimme in mir. Und wenn es ihn gibt, Gott entscheidet nicht über Leben und Tod. Wer entscheidet, das weiß ich nicht. Das werde ich auch nicht herausfinden, weil keiner das bisher herausgefunden hat. Wozu auch? Würde es etwas ändern, dieses Wissen? Es würde nichts ändern, außer, dass ich Gewissheit hätte und was dann? Würde es mir damit besser gehen? Nein. Es ist wie es ist. Mehr ist nicht und alles Weitere werde ich sehen. 

Wenn ich in diesem Jahr, von einem Geburtstag zum anderen, eines wirklich begriffen habe, ist es, dass ich nichts weiß. Und dass ich jegliches Anhaften lassen kann, dass ich jegliches Planen lassen kann und nur den Moment habe. Moment für Moment, so lebe ich. Bewusster als früher, denn jeder Moment ist Leben. Anders als es war, so anders, dass ich bis heute nicht genau weiß, wie ich das, was jetzt anders ist, in mein Leben auf eine Weise integriere, dass ich aufhöre zu vergleichen, mit dem was früher anders war als Heute.

„Wenn alles anders wird, ändere alles“, ein Buch mit diesem Titel steht im Bücherregal. Ich habe viel verändert in einem Jahr und vieles hat sich für mich verändert. Die gelungenste Veränderung ist, dass ich gelassener geworden bin. Dass ich mich nicht mehr aufrege, über Dinge, die ich trotz bestem Wollen und hoher Bereitschaft, nicht ändern kann. Dass ich akzeptieren gelernt habe, dass ich nichts kontrollieren kann, außer meine Reaktion auf das, was geschieht. Gewusst habe ich all das schon vorher, aber gefühlt habe ich es nicht wirklich. Jetzt kann ich es fühlen. Ich bin leiser geworden, mein Bedürfnis mit Menschen über Oberflächlichkeiten zu reden, ist noch kleiner geworden. Ich habe mich in der Stille eingerichtet und mich vom Lauten noch weiter entfernt. 

Ich mag die Stille. Sie ist wie ein ruhiges, glattes Meer. Friedlich. Ich bin friedlicher geworden, auch das. Ich beobachte mehr als früher. Ich muss nicht mitten drin sein. Ich bin mit mir. Da hat mich das Leben hingeschoben. Zu mir. Ganz nah hin, so nah, dass ich mir selbst nicht mehr ausweichen kann. So nah, dass ich die Möglichkeiten, die es im Außen nicht mehr gibt, in mir selbst finde. Ich finde einen großen inneren Reichtum in mir. In den einsamen Stunden bin ich dankbar, dass es so ist. Dankbar, dass mir in diesem endlosen Lockdown dieser Reichtum bewusst wird. Dankbar ihn teilen zu können mit denen, die ich liebe und für die ich da sein darf. 

Ich bin dankbar für das erfüllte Leben, das ich hatte, für all die Liebe, die ich geschenkt bekam, auch wenn sie mich irgendwann wieder verlassen hat oder ich sie. Dankbar für die Gefährten, die da waren in meinem Leben. Wunderbare, faszinierende, tiefe Menschen, mit denen ich noch heute im Herzen verbunden bin. Dankbar für meine letzte Liebe, die schwer war, zu schwer für beide. Dankbar für die Erfahrung mit einem Menschen so tief verbunden zu sein, das es keine Worte braucht um einander zu verstehen. Dankbar, dass ich lebe und noch gesund bin. Dankbar, dass meine Lieblingsmenschen leben und gesund sind. Tief dankbar, dass der höchste Wert, den ich meinem Leben gegeben habe, mich trägt an diesem Geburtstag, wie an all den vergangenen Tagen meines Lebens - die Liebe.


 

 

 



Sonntag, 4. April 2021

Auferstehen

 

                                                                    Foto: A. Wende


Heute feiern wir Ostern, das Fest der Auferstehung Jesu von den Toten. Die Wiedergeburt des Gottessohnes als Sieg über den Tod. Mit dem Auferstehungsglauben verbindet sich für viele gläubige Menschen die Hoffnung, dass der Tod nicht das letzte Wort über das Leben hat, dass unser Dasein nicht endlich ist, dass es da mehr gibt als das eine Leben, das mit dem Tod endet.
Christus selbst ist das Licht der Welt, das mit der Osterkerze in die Kirchen hineingetragen wird. Bei der Weihe der Kerze in der Osternacht ritzt der Pfarrer ein Kreuz in die Kerze. Über dem Längsbalken befindet sich der erste Buchstabe des griechischen Alphabets, Alpha, darunter der letzte Buchstabe, das Omega - Anfang und Ende, der ewige Kreislauf des Lebens. 
 
„Ich habe vergessen wie Leben geht“, sagte gestern ein wunderbarer Mensch zu mir. Ich fragte den wunderbaren Menschen, was er liebt. Er fand keine Antwort. Er fand sie nicht, weil er Liebe in diesem Moment in der Zeit nicht fühlen kann. Da ist zu viel, was ihn traurig macht, zu viel was verloren ist, zu viel Enttäuschung und Bitterkeit, die das Herz vor lauter Kummer und Leid verschließt.
„Es geht vorüber“, sagte ich. Weil ich weiß, dass es vorüber geht, weil alles einen Anfang und ein Ende hat, weil nichts bleibt wie es ist. 
 
Aber ist das wirklich wahr? Die Trauer, geht auch sie vorbei?, frage ich mich heute an diesem Ostersonntagmorgen. Hat auch die Trauer ein Ende? Trauer, die kein Ende findet, ist ein Sterben im Leben und da ist kein Gefühl, das die Kraft hat, diese Trauer zu besänftigen. Trauern heißt Wertvolles verloren zu haben, unwiederbringlich verloren, einen Menschen, einen Traum, eine Lebenskonstruktion. Asche zu Asche, Staub zu Staub, in der Hoffnung, was wir lieben, möge nicht vom Winde verweht werden, in der Hoffnung es möge das ewige Leben geben, Alpha und Omega.
 
„Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen“, steht es im Korinther 13 zu lesen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass es von diesen dreien immer weniger in dieser Welt gibt.  
Da ist zu viel, was die Liebe in Frage stellt, zu viel, was den Glauben erschüttert und zu wenig um die Hoffnung halten zu können, angesichts all dessen, was wir in diesen Zeiten erleben müssen. 
Es herrscht eine Pandemie in der Welt. Es ist Krieg in der Welt, nicht nur in Syrien und anderswo, weit weg von uns. Es ist Krieg, hinter geschlossenen Haustüren, vor unserer Haustür, unter den Menschen, die sich angiften und streiten und sich spalten. Und er vernichtet mehr und mehr die Hoffnung, dass die Trauer um die Zerstörung mit der wir leben müssen, ein Ende hat. Nichts ist mehr sicher, wir sind nicht sicher und wir alle wissen es und spüren es und wir fühlen uns machtlos ob des Zerstörerischen, was da draußen sein Unwesen treibt. Die Angst wächst und mit ihr verlieren die Menschen den Glauben und die Hoffnung, dass all das ein gutes Ende haben kann. Der Boden auf dem wir gehen ist brüchig, der Glaube an das Gute bröckelt, die Hoffnung eine fragwürdige Größe.
Was bleibt?, frage ich mich. 
 
Was bleibt ist die Liebe, ...die Liebe ist die größte unter ihnen ... 
Die Liebe ist das Einzige an das wir uns halten können, wenn alles zusammenbricht.
Aber kann sie heilen, kann Liebe diese Welt heilen, kann Liebe all das Leid, das tagtäglich im Großen und im Kleinen geschieht, von uns nehmen? Kann die Liebe unsere Trauer beenden? Unsere Wirklichkeit zeigt uns: sie kann es nicht. Nicht einmal jetzt kann sie es, wo wir längst begreifen müssten, dass wir so lieblos uns selbst, unserem Nächsten und unserem Planeten gegenüber, nicht weiter machen können. 
 
Ohne Liebe ist alles nichts.
Liebe ist die stärkste Kraft, auch in der Trauer ist sie das. Sie ist das, was uns am Leben hält – die Liebe zum Leben selbst, so wie es ist das Leben, jetzt in diesem Moment in der Zeit, mit allem was ist, denn Alles ist mehr als das Leid, alles ist auch das, was außer dem Leid ist - die Schönheit einer Blume, das Grün der aufblühenden Bäume, der Spaziergang im Wald, das Lächeln unserer Kinder, die Umarmung eines Menschen, den wir lieben, liebevolle Güte unserem Nächsten gegenüber, unser Atem, der fließt, ohne unser Zutun und, über all diese kleinen Dinge hinaus – das, was wir lieben, eine Vision, die wir in uns tragen und verfolgen, egal wie unmöglich sie uns in Momenten der Trauer erscheinen mag – das ist Liebe zum Leben. 
 
Liebe zum Leben ist ein Ja zum Leben.
Auf (er) stehen, jeden Tag aufs Neue, so lange wir leben auch in dunklen Zeiten. Und was das Leben über den Tod hinaus angeht, darüber nachzudenken macht keinen Sinn. Wir werden sehen oder nicht. Entscheidend ist das, was wir im Hier und Jetzt tun. Dafür ist Jesus ein Beispiel, er ist gelebte Liebe. 
 
Ich wünsche Euch liebevolle Ostern!

Mittwoch, 31. März 2021

Augenblicksglück ist eine wertvolle Energieressource



Es ist mehr die Geisteshaltung als die äußerlichen Begebenheiten, 

die für das Glück ausschlaggebend ist.

Dalai Lama

 

Uns gut fühlen, den Tag mit Freude zu beginnen, Möglichkeiten nutzen und ausschöpfen, zuversichtlich in die Zukunft blicken, Pläne machen und sie umsetzen, spontan dem Alltag entfliehen, unsere Liebsten sehen und umarmen – all das war schon mal leichter als jetzt. Immer mehr Menschen sind pandemiemüde. Laut einer aktuellen Umfrage der Universität Erfurt geben 55 Prozent der Befragten an, dass sie ihre persönliche Situation als belastend empfinden. Unter den unter 30jährigen fühlen sich 64 Prozent einsam, ängstlich und ständig angespannt. Wir sitzen im Dauer-Lockdown und immer mehr Menschen leiden darunter.
Das ist normal. 
 
Es ist völlig normal auf Umstände, die das Leben derart einschränken und verändern mit Anpassungsschwierigkeiten zu reagieren. Das dürfen wir uns immer dann klarmachen, wenn wir mal einen richtig miesen Tag haben.
Wir dürfen selbstmitfühlend anerkennen, dass es uns nicht gut geht und das nimmt schon viel Druck raus. Wir müssen auch nicht immer den Starken oder die Starke geben, wenn wir gerade schwächeln. Es ist okay und für eine gesunde Psyche völlig gesund angesichts der Dauerkrise auch zu schwächeln und uns das einzugestehen und auszusprechen. Wir dürfen das für uns so akzeptieren und auch das nimmt Druck raus. Wir dürfen auch traurig sein und wütend sein und Ängste haben – auch das ist völlig normal. Es ist nicht nur normal, es gesünder als so zu tun, als mache das alles nichts mit uns oder gar ständig künstlichen Positivismus hochzufahren und zu verbreiten, den man eigentlich gar nicht fühlt, aber meint an den Tag legen zu müssen, um sich selbst und anderen etwas vorzugaukeln, weil das Ego glaubt, es müsse sich selbst oder andere motivieren um nicht als einer von denen zu gelten, die es nicht drauf haben in der Krise den Helden zu geben. Das ist Verdrängung und die ist ungesund.
Dennoch, auch wenn wir gerade wirklich alle eine schwere Zeit erleben und uns das zugestehen - es ist wichtig immer wieder aus einer seelischen Schieflage in die stabile Mitte zu kommen. 
 
In Krisenzeiten ist es heilsam Zugang zu den eigenen Energieressourcen zu finden und diese dann zu nutzen.
Energieressourcen sind vor allem Glücksmomente.
Momente des Glücks sorgen für positive Gefühle. Je mehr wir davon sammeln, desto weiter wird unser Denk- und Handlungsspielraum. Augenblicksglück, nenne ich das. Je mehr wir davon erleben, desto heilsamer ist es.
Diese kleinen Glücksmomente können wir uns selbst erschaffen. Dazu müssen wir erst einmal wissen wie Augenblicksglück für uns aussieht. Für mich sind es frische Blumen auf dem Schreibtisch, Meditation, Gartenarbeit, ein kleiner Spaziergang und ein Kaffee mit einem lieben Freund, ein Videocall mit einem vertrauten Menschen, ein leckeres Essen, meine Kunst und die Texte, die ich täglich schreibe und das Gefühl einem Menschen helfen zu können. In diesen Augenblicken spüre ich Glück. Ich spüre mich lebendig, als Schöpfer und Gestalter dieser Momente und Stunden.
Und das ist das Entscheidende: Bei allem was wir nicht mehr entscheiden können, in all der Beschränkung mit der wir leben müssen, sind wir dennoch Schöpfer unseres Lebensalltags, Moment für Moment. Sich dessen immer wieder bewusst zu sein, dafür zu sorgen, dass wir kleines Glück empfinden auch wenn das große Glück gerade abwesend ist, schenkt uns zudem das Gefühl von Selbstwirksamkeit und das brauchen wir um uns nicht ohnmächtig in eine Situation zu ergeben und um emotional stabil zu bleiben.
Glücksgefühle sind also essentielle Energieressourcen. 
 
Indem wir Glücksmomente bewusst in unser Leben einladen indem wir sie selbst erschaffen, füllen wir unseren emotionalen Energiespeicher auf.
Um dem flüchtigen Augenblicksglück Nachhaltigkeit zu verschaffen ist es besonders hilfreich uns diese Momente aufzuschreiben. Jeden Abend oder jeden Morgen können wir aufschreiben was uns glücklich gemacht hat oder was wir heute tun werden um uns für einen Moment glücklich zu machen. Das kann wenig sein, aber es wird viel, wenn wir es achtsam und bewusst in unseren Alltag integrieren wie etwa den ersten Morgenkaffe oder Tee: auch dieser ist, wenn wir ihn achtsam zubereiten, riechen und schmecken ein kleiner sinnlicher Glücksmoment.
Möget Ihr glücklich sein.


Montag, 29. März 2021

Liebe ist alles, was wir brauchen!


 

Dinge fallen und gehen kaputt. Solange es Hände gibt, die etwas halten können, sind diesen Händen auch Dinge entglitten ... doch wenn etwas zerbricht muss das nicht unbedingt das Ende bedeuten. 

Pascal A. Frank


Überall lesen wir von der Kraft Liebe und dass sie das Einzige ist, was uns und unsere Welt retten kann. Und alle nicken und denken, ja so ist es: Liebe ist alles. Die Liebe heilt alles.
Ist das wahr?
Es ist nicht wahr: Liebe ist alles, ohne Liebe ist alles nichts - aber die Liebe heilt nicht alles.
Ich weiß es aus eigener Erfahrung und viele von uns, die versucht haben mit ihrer Liebe einen Menschen zu retten, seine Wunden zu heilen oder sein Leben zu reparieren, wissen es auch. Und dieses Wissen hat etwas mit uns gemacht – wir haben einen anderen Blick auf die heilende Kraft der Liebe. 
 
Manche Menschen haben sogar ihren Glauben an die Macht der Liebe verloren. Die Enttäuschung, die Erfahrung der ohnmächtigen Liebe sitzt so tief, dass das Herz sich verschlossen hat und niemanden mehr hineinlässt.
Sie sind nicht mehr auf der Suche nach Liebe, die so ist, wie sie einst war, als sie aus Liebe für einen anderen viel gegeben haben und alle Liebe wirkungslos war.
Die Dinge haben sich für sie verändert. Sie wollen nichts mehr von der Liebe, sie erwarten nichts mehr von der Liebe, sie misstrauen ihr zutiefst. Sie misstrauen dieser Liebe, die den geliebten Menschen nicht retten konnte. Sie misstrauen vielleicht sogar ihrer Liebesfähigkeit und denken, sie haben nicht genug geliebt, auf die falsche Weise geliebt oder die Liebe falsch verstanden oder sich in der Liebe geirrt. Aber so ist es nicht.
Unsere Liebe kann keinen anderen retten. Aber das liegt nicht an der Liebe.
 
Warum nicht?
Weil Liebe, die nicht angenommen wird, nichts ausrichtet.
Weil Menschen, die Liebe nicht annehmen können, nicht lieben können.
Weil wir keinen anderen lieben machen können, weder die Liebe noch uns, noch sich selbst.
Weil Liebe ist. Und ist sie nicht, dann ist sie nicht und wo etwas nicht ist, kann es nicht wirken.
Aber was machen jetzt die, die mit der traurigen Erinnerung an ihre vergebliche Liebe dastehen?
Wie sollen sie heilen, wo sie den Zweifel an der Liebe in sich tragen, das Misstrauen oder gar die Angst, den Glauben an die Liebe für immer verloren zu haben?
Sicher nicht, indem sie all dem nachgeben und es damit verfestigen bis es zur Verbitterung kommt. Sicher nicht, indem sie die Liebe anzweifeln, ihr misstrauen, sich vor ihr fürchten. Das hat die Liebe nicht verdient. Sie ist da, immer und überall. Auch wenn das Herz zerbrochen ist, ist sie da.
So wie ein schöne Teeschale, die zerbricht. Ja, sie liegt in Scherben, aber sie ist immer noch dieselbe Teeschale. Die zerbrochene Schale können wir nun reparieren oder sie wegwerfen. Wenn wir die Schale wertschätzen, wenn sie uns viel bedeutet, werfen wir sie nicht weg, wir reparieren sie. Das ist nicht leicht, es erfordert viel Zeit, Geduld und Fingerspitzengefühl all die Teile wieder zusammenzufügen. Aber wir tun es, damit die schöne Schale wieder ein Teil unseres Lebens wird, damit wir uns wieder an ihr erfreuen und unseren Tee aus ihr trinken können.
So wie wir es mit der Schale machen, machen wir es mit unserem zerbrochenen Herzen. Wir reparieren es. Mit Zeit, Geduld und Fingerspitzengefühl.
Wir haben keine Macht über die Liebe, aber wir haben die Macht uns selbst immer wieder auf neue zu reparieren. Die Entscheidung liegt allein bei uns.