Samstag, 3. Oktober 2026

"Die Straße" von Robert Seethaler

 



Eine Straße, irgendwo. Sie kann in Berlin sein, sie kann in Wien sein. Man weiß es nicht. Es zu wissen, ist auch nicht wichtig. Eine Straße und die Menschen, die in ihr wohnen und leben. Gewöhnliche Menschen mit gewöhnlichen Leben, graue Normalität und banaler Alltag. Nichts wirklich Spektakuläres ereignet sich und doch begegnen dem Leser innere und äußere Dramen menschlicher Existenz.

Kein Plot, kein Handlungsstrang. Keine Hauptfiguren.
Nur Momente innerer und äußerer Dramen. Da ist die Mutter, deren Baby stirbt, weil sie zu spät zum Arzt geht. Der Arzt, der sich für seine Patienten aufopfert und sich mit Alkohol betäubt. Der Junge, der aus ohnmächtiger Wut einen Polizisten verprügelt. Die Heimleiterin, die sich täglich um ihre alten Schützlinge kümmert und selbst die Einsamste von allen ist. Die Blumenhändlerin, die sich in einen Mann verliebt, den sie nicht einmal kennt. Kleine Dramen in einer kleinen Welt. Menschliche Dramen, wie sie sich Tag für Tag irgendwo in den Straßen abspielen und die keinen interessieren. Robert Seethaler schon. In seinem Buch "Die Straße" sind es genau diese scheinbar gewöhnlichen Menschen, denen er seine Aufmerksamkeit schenkt, denen er eine Stimme verleiht und ein Gesicht.

Die Straße ist melancholisch, poetisch und voll mit Sätzen, die man mehrmals lesen will, weil sie so tief berühren. So wie dieser: „Manche Menschen scheinen um das Unglück zu kreisen wie Fliegen um einen Schießhaufen. Dabei weiß man gar nicht, ob man ihn bedauern oder bewundern soll. Unermüdlich in seinem Kampf. Geradezu attraktiv in seiner Verzweiflung.“
Und irgendwie trifft dieser Satz den Kern des Buches. Eine Straße voller Verzweifelter. Menschen, die mit ihrem Unglück leben, daran scheitern, sich ihm widersetzen oder es einfach mit sich herumtragen.


Angelika Wende

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