Montag, 12. Oktober 2020

Stabilität

 

                                                                       Foto: www

Wir erhalten Stabilität daraus, dass wir fürsorglich mit uns selbst umgehen, wenn wir auf eigenen Füßen stehen und selbstabhängig unser Leben gestalten. Zugleich erhalten wir Stabilität, wenn wir mit anderen Menschen verbunden sind, die uns zugeneigt sind. Dann haben wir das Gefühl getragen und gehalten zu sein. Die anderen halten uns und wir halten sie. 
 
Besonders in dieser Zeit ist das wichtig um unsere Stabilität zu halten und zu festigen. 
Momente des Umsorgtwerdens, des gegenseitigen Verstehens geben uns Kraft. Freunde, denen wir unsere Gefühle mitteilen können und die uns zuhören, die uns mit all diesen Gefühlen annehmen, geben uns das Gefühl verstanden zu sein und mit dem, was uns bewegt und damit nicht allein zu sein. Im Kontakt mit anderen erfahren wir Resonanz und Verbundenheit, auch wenn wir alleine leben, auch wenn Menschen, die wir lieben und wertschätzen, gerade nicht bei uns sein können.
Einander zuhören, einander ernst nehmen, einander beistehen ist eine tragende Säule in unserem Leben.
 
Niemand ist eine Insel, sagt man.
Und doch gibt es Menschen, die genau das empfinden: Ich bin eine Insel, alleine im großen, tiefen Meer. Sie sind einsam. Sie haben keine tiefen Verbindungen oder sie haben sie verloren, durch Trennung oder Tod. Sie müssen alleine durch alles was das Leben ihnen aufträgt und keiner ist da, der ihnen Stabilität schenkt, wenn sie ins Wanken kommen. Das ist schwer.
Es ist schwer sich alleine aufrecht zu halten, besonders, wenn es uns nicht gut geht. Es ist eine tägliche Herausforderung und machmal macht sie müde und verzagt. Aber Resonanz und Verbundenheit lassen sich nicht nur mit anderen Menschen empfinden. 
 
In Phasen, wo wir alleine sind oder uns einsam fühlen, können wir uns intensiv mit dem verbinden, was wir gerne tun, was wir lieben und was uns beim Tun Freude macht. Wir können uns mit der Natur verbinden, mit Tieren, mit Kunstwerken, mit Büchern und deren Autoren, mit Musik, mit Kunst machen, mit Schreiben und vielem mehr, was uns das Gefühl gibt etwas zu berühren und berührt zu werden. Wir können in Resonanz gehen mit dem Universum, mit unserem Glauben, mit unseren Werten, unseren Träumen und Visionen. 
 
Wenn wir alleine sind, sind wir selbstverantwortlich für unsere Stabiltät, unsere Integrität, unser Herz, unsere Seele und unser Wohlbefinden. Sorgen wir dann nicht gut für uns sind wir gefährdet.
Ja, es ist eine Herausforderung und sie kann uns traurig machen und an manchen Tagen ängstlich und hoffungslos. Aber wir schaffen es da durch, im Wissen, dass nichts bleibt wie es ist. Im Wissen, dass das Leben uns immer wieder neue Möglichkeiten schenkt, wenn wir uns dafür öffnen. Im Wissen, dass nach jedem Tief wieder ein Hoch kommt. 
 
Vertrauen.
Wir dürfen dem Leben vertrauen.
Wir dürfen uns selbst vertrauen.
Selbstvertrauen schenkt uns Stabilität.
Und dafür können wir etwas tun: Wir sind gut zu uns. Jeden einzelnen Tag, so gut es uns gelingt. 
Das gelingt nicht auf einmal. Das gelingt Schritt für Schritt, immer nur einen Tag nach dem anderen. Und wenn es nicht gelingt, dürfen wir uns Hilfe holen. Auch das bedeutet: Gut zu uns sein um stabil zu bleiben. 

Sonntag, 11. Oktober 2020

Warum wir in Beziehungen bleiben, die uns nicht mehr gut tun

 

                                                                         Zeichnung: A. Wende

 

„Wenn du sie liebst, dann lass sie gehn“,  heißt es in einem Lied von Clueso. 

„Wenn du dich liebst, dann lass dich gehen“, wäre eine andere Variante. Obwohl wir wissen, dass es besser für uns wäre zu gehen, bleiben viele von uns in Beziehungen, die abgelebt sind, die unglücklich machen  oder sogar krank.

 

Was sind die häufigsten Gründe warum wir dennoch bleiben? 

 

Wir erleben den "Sunk Costs Effect"

Aktuelle Studien sprechen vom sogenannten. "Sunk Costs Effect". Er bezeichnet das Verhalten, an etwas festzuhalten, weil es uns Geld, Zeit, Gefühle, Kraft oder Mühe gekostet hat. Gäbe man es auf, wären diese Aufwände vergeblich gewesen und man müsste sich seinem Ohnmachtsgefühl, das die Erkenntnis der Vergeblichkeit hervorruft, stellen. Hält man stattdessen an der Beziehung fest, können sinnlose Investitionen und belastende Ohnmachtsgefühle verdrängt werden. 

 

Wir haben Angst vor Einsamkeit

Wir Menschen können alleine nicht lange überleben. Menschen schlossen sich immer schon zusammen um sich gegenseitig zu schützen und ihr Überleben zu sichern. Wir sind soziale Wesen und brauchen einander. Das ist tief in unserem kollektiven Gedächtnis verankert. Zudem haben wir die Norm „Paar sein“, tief verinnerlicht. Viele Menschen fühlen großes Unbehagen, wenn sie allein sind. Andere können es gar nur schwer oder gar nicht aushalten. Im Alleinsein fehlt ein Gegenüber, ein Gegenüber, zu dem man innerlich gehört. Einsamkeit ist oft die Folge zu langen Alleinseins. Einsamkeit ist das Gefühl der Verlassenheit, sie ist das Leiden am Alleinsein. 

Studien zufolge ist die Angst vor Einsamkeit der häufigste Grund warum Menschen in unglücklichen oder destruktiven Beziehungen verharren. Statt sich dem Alleinsein und dem Gefühl der Einsamkeit zu stellen, bleibt man, aus Angst, es nicht aushalten zu können. Man verlässt sich lieber selbst, seine Wünsche, Bedürfnisse und Sehnsüchte, anstatt das Risiko einzugehen vielleicht im Zweifel eine Weile einsam zu sein.

 

Wir wiederholen unser Kindheitsdrama

Menschen, die in einem destruktiven familiären Umfeld aufgewachsen sind, in dem Lieblosigkeit, Sucht, Gewalt, emotionaler und/oder körperlicher Missbrauch erlebt wurde, fühlen sich im Tiefsten wertlos. Paradoxerweise fühlen sie sich aufgrund des Erlebten in einer destruktiven Beziehung, die ihnen dieses Gefühl immer wieder vermittelt, emotional zuhause und angekommen. Sie glauben, sie haben nichts Besseres verdient und erleben in Variationen Ähnliches, was ihnen aus der Kindheit vertraut ist. Dahinter verbirgt sich  der sogenannte Wiederholungszwang. Sie reinszenieren unbewusst ihr Kindheitsdrama mit immer wieder neuen Protagonisten, die sie nicht gut behandeln. Der inneren Stimme folgend: „Er/sie behandelt dich zwar schlecht, aber dieses Mal wird es gut werden, wenn du nur alles dafür tust geliebt zu werden“, tappen sie in die Falle des Unbewussten, das ihnen vorgaukelt die kindliche Vergangenheit endlich zum Guten wenden zu können, wenn es ihnen im Jetzt gelingt es gut werden zu lassen. 

Es wird nicht gut. Es wird dann besser, wenn die Wunden der  Kindheit angeschaut, bewusst gemacht und verarbeitet werden.

 

Wir knüpfen unseren Wert an eine Beziehung

Alleinsein hat einen schlechten Ruf. Wir glauben, dass wir alleine als Mensch nichts wert sind. Wir glauben vielleicht sogar, dass wir „falsch“ sind, wenn wir Niemanden an unserer Seite haben, der mit uns durchs Leben geht. Das hat viel mit Konditionierung zu tun. 

Wie oft haben wir das gehört? „Eine alleinstehende Frau? Mit der stimmt was nicht.“ „Ein ewiger Single: Mit dem stimmt was nicht.“ Single sein zwar ist okay, aber nur als vorrübergehender Zustand.

Glaubenssätze wie: „Wenn ich allein bin, stimmt mit mir etwas nicht“ sind tief verankert und sie haben wiederum mit dem Gefühl von Eigenwert zu tun. Wir glauben, wir brauchen den anderen, der uns mit seinem Dasein bezeugt, dass wir es wert sind zu sein. In Beziehung zu sein, ein Teil eines Ganzen zu sein, wert mit und bei uns zu sein. Und wenn wir das wert sind, sind wir okay. Sind wir allein, sind wir es nicht. Auch wenn wir uns nicht geliebt fühlen, auch wenn uns die Beziehung unsere Bedürfnisse nicht erfüllt, wir werden wenigstens gesehen, wir bekommen Aufmerksamkeit, sogar wenn es eine negative Aufmerksamkeit ist, was mit Wertschätzung absolut nichts zu tun hat. Das wird allerdings verdrängt. 

Der innere Antrieb den Eigenwert durch "In-Beziehung- sein" zu stärken, der Wunsch in eine Partnerschaft eingebunden zu sein und damit einen Mehrwert der eigenen Person zu empfinden, ist mächtiger als der Preis der Selbstverleugnung, der im Zweifel dafür gezahlt wird.

  

Wir sind in finanzieller Abhängigkeit

Der Partner verdient den Lebensunterhalt, er ermöglicht uns ein gutes Leben und schenkt uns eine materielle Sicherheit, die wir nicht aufzugeben bereit sind. Wir wollen auf das gute Leben nicht verzichten. Oder wir haben zu zweit ein Leben, das wir alleine nicht finanzieren könnten.

Die Fähigkeit für sich selbst zu sorgen wird angezweifelt. Also lieber bleiben als im Zweifel finanziell und sozial abzurutschen oder für die eigene Existenzgrundlage sorgen zu müssen.

 

Wir stecken in einem Zustand kognitiver Dissonanz

Dieses Phänomen ist in der Wissenschaft als Coolidge-Effekt bekannt. Dissonanz entsteht dadurch, dass unterschiedliche Kognitionen miteinander hadern. Dies entsteht, wenn zwei zugleich bestehende Kognitionen einander widersprechen oder sich ausschließen, oder wenn ein Gedanke nicht in unser Wertesystem passt. Zwischen diesen Kognitionen können Konflikte „Dissonanzen) entstehen. Wir befinden uns in einer unbefriedigenden Beziehung, wir wissen das und machen uns vor, das alles nicht so schlimm ist um uns vor uns selbst zu rechtfertigen, weil wir sonst den Kontrast nicht aushalten würden zwischen dem was wirklich ist, und dem, was wir für richtig halten, als richtig empfinden und uns eigentlich wünschen. Wir beschönigen das Ungute und machen uns vor, dass es so schlimm nicht ist, weil es ja auch hin und wieder gute Momente gibt. Wir beschönigen den Menschen, der uns nicht mehr gut tut und rufen uns das Gute von einst in Erinnerung. Dieses Gefühl der inneren Unstimmigkeit führt zur Abspaltung der Realität. Das belastet die Seele so sehr, dass wir alles tun, um es loszuwerden. Also verhindern wir alles, was die Dissonanz füttern würde, und selektieren die Situation oder den Menschen nach unserer Erwartungshaltung. Wir machen uns selbst etwas vor. Und damit auch dem anderen.

 

Wir verwechseln Liebe mit Gewohnheit

Bisweilen verwechseln wir Liebe mit Gewohnheit. Der Partner ist uns vertraut, unsere gemeinsamen Erfahrungen und Erinnerungen, das gemeinsame Leben, die gemeinsamen Rituale und die Zeit die wir miteinander gelebt und gestaltet haben. Die Liebe ist längst vergangen, der Partner ist selbstverständlich geworden oder uninteressant als Liebesobjekt. Im besten Falle leben wir wie Bruder und Schwester miteinander. Es gibt keine Neugierde mehr auf den anderen, es gibt kein Begehren und keine Leidenschaft mehr. Es gibt nur noch den Alltag der gut funktioniert und die gemeinsamen Interessen oder die gemeinsame Kindererziehung.

Unser Grundgefühl ist eine wachsende innere Leere und eine bedrückende innere Einsamkeit, aber wir bleiben, aus Gewohnheit und weil wir denken, es kommt ja sowieso nichts Besseres oder aus Angst vor dem Alleinsein und worauf wir dann alles verzichten müssten.

 

Wir haben Schuldgefühle

„Ich kann doch nicht gehen. Das kann ich ihm/ihr doch nicht antun. Ohne mich geht er/sie unter. Er/sie braucht mich doch.“So klingen Schuldgefühle.

Schuldgefühle machen abhängig. Sie lähmen, das eigene Leben und das des anderen. Denn der andere spürt sehr wohl, dass wir nicht aus Liebe bleiben.

Wer aus Schuldgefühlen heraus in einer kaputten Beziehung bleibt oder bei einem Menschen, der sich z.B. durch eine Sucht selbst zerstört und damit auch die Beziehung, haftet an und zwar an sich selbst und dem schlechten Gewissen, das er sich macht, weil er kein schlechter Mensch sein darf. „Ich darf den anderen nicht hängen lassen“, heißt im Grunde: „Ich will gebraucht werden, denn wenn ich nicht gebraucht werde, bin ich nichts wert oder habe keinen Lebensinhalt oder im schlimmsten Falle keine Lebensberechtigung.“ 

Das ist oft das unbewusste Motiv co-abhängiger Menschen.

Manche Menschen sind von Kindheit an auf Schuldgefühle konditioniert. Sie fühlen sich ständig schuldig für alles und jeden. Und damit fühlen sie sich gezwungen es wieder gut zu machen. Sie sind daher extrem manipulierbar. Der Satz: „Das kannst du mir nicht antun“, lässt sie am Unglück kleben wie die Fliege auf dem Honig. Das Ende der Fliege ist bekannt.

Schuldgefühle sind ungesund. Sie schaden uns selbst und dem Anderen mehr, als dass sie helfen. Sie sind ein zersetzendes Gift, das zu unzähligen Dramen führt.

 

Die Hoffnung stirbt zuletzt

„Er, sie wird sich ändern. Es wird wieder wie am Anfang wo alles so gut und schön war. So besonders, so einzigartig. Das kann nicht für immer vorbei sein.“

Wenn wir so denken leben in der Vergangenheit und sehen nicht was jetzt ist.

Wir projizieren das Jetzt in den Anfang und negieren die Realität.

Jetzt ist nichts mehr gut und schön. Es ist vielleicht sogar sehr ungut und unschön. Wir werden gedemütigt, belogen, betrogen und lassen uns schlecht behandeln. Oder wir streiten nur noch und die Beziehung ist längst  zum Schlachtfeld geworden.

Aber manchmal blitzt für Momente in der Zeit der Mensch auf, den wir so sehr liebten. Und alles ist wieder gut. Bis zum nächsten Drama. So entsteht mit der Zeit ein Suchtverhalten. Wie ein Suchtkranker greifen wir immer wieder nach der kurzen Erleichterung des schönen Rausches durch die Droge und nehmen den miesen Kater billigend in Kauf. Bis zur nächsten Dosis, wo es wieder so schön ist. Ein circulus vitiosus nimmt seinen Lauf. Die Hoffnung hält ihn am Leben. Sie gaukelt uns vor, dass es wieder gut wird, wenn wir nur lange genug ausharren. 

Es wird nicht gut. Wir zerfleischen uns selbst und den anderen.

 

Resignation

Das Leiden in und an der Beziehung ist normal geworden. Es wird als nicht mehr abwendbar empfunden. Es wird verharrt, weil die Kräfte am Ende sind. Das Selbstwertgefühl ist zerstört, es wird nur noch ausgehalten was ist. Die Kraft zur Veränderung  ist der Resignation gewichen.

 

All das sind Motive und Gründe warum Menschen bleiben, wo sie längst Abschied nehmen sollten. Aber diese Gründe zeigen auch wie schwer es ist zu gehen.

Partir cést toujours un peu mourir, sagen die Franzosen.

Gehen ist ein bisschen sterben. Und wir fürchten uns vor dem Sterben.

Dabei: Leben ist sterben. Jeden Tag. Nur fühlen wollen wir es nicht. Weil es weh tut.

 

Samstag, 10. Oktober 2020

Kritik? Bloß nicht!

                                                             Zeichnung: A. Wende
 
Etwas annehmen ist keine leichte Sache für manche Menschen, besonders wenn es etwas ist, was sie als Kritik verstehen. Kritik wirft uns aus unserer Komfortzone. Sie kann uns unsicher machen und das Bild, das wir von uns selbst haben, kommt ins Wanken. Das mögen wir gar nicht. Verständlich. Wir wollen unser Selbstbild erhalten, denn es gibt uns das Gefühl von Selbstsicherheit.
Ein selbstsicherer Mensch aber kann Kritik zulassen. Er ist offen dafür, vorausgesetzt sie begegnet ihm mit Wohlwollen. 
 
Kritikfähig zu sein bedeutet, Kritik anzunehmen, die sachlich formuliert und gerechtfertigt ist.
Der Kritikunfähige aber hat damit Probleme. Und je größer die Probleme sind, die ihm das macht, desto unsicher ist dieser Mensch in sich selbst. Die kleinste Kritk und es wird um sich geschlagen, mit Worten. Der Kritiker wird angegriffen und im worst case abgewertet. Der Kritikunfähige geht in die Abwehr nach Außen, anstatt nach Innen, wo der richtige Ort wäre um zu reflektieren. Und das würde so gehen: Ich frage mich, ob der Kritiker vielleicht Recht hat, ob er mir damit einen wertvollen Hinweis gibt auf etwas, was ich selbst nicht erkennen kann. Auf etwas, das mir vielleicht im Leben schon so manches versaut hat und was ich anders machen könnte.
Es ist ein Zeichen von Selbstbewusstsein, wenn wir sagen können: Danke für den Hinweis, wie kann ich es besser machen?
Es kann aber auch sein, dass wir zu dem Schluss kommen, dass unsere Sicht der Dinge oder unser Standpunkt für uns der richtige ist. Kritikfähigkeit bedeutet nicht alles zu bejahen was andere meinen. Sie bedeutet aber: wir hören uns die Meinung des anderen an, wir zeigen Interesse am Feedback des anderen, wir nutzen die Anregungen und die Gedanken, die uns gegeben werden. Kritikfähigkeit heißt auch zu erkennen, dass andere gute Gründe haben anders zu denken oder es anders zu wollen als wir selbst, dass sie andere Ideen, Wahrnehmungen, Ideen und Lösungsvorschläge haben.
Kritikfähigkeit heißt, dass wir das Gesagte dann in unsere Gedankenwelt mit einbeziehen und so über unsere Sicht der Dinge hinausblicken. 
 
Jede respektvolle Kritik ist ein Ausdruck dafür, dass sich der andere für uns interessiert, dass wir ihm wichtig sind und er uns helfen will.  
Nur indem wir uns für einander öffnen und bereit sind andere Gedanken anzunehmen, können wir unseren Horizont erweitern und vielleicht sogar blinde Flecken in uns erkennen, die wir allein nicht sehen konnten. Und wir können wieder ein bisschen wachsen.
Die Abwehr des Kritikunfähigen allerdings schließt die Tür. Die Tür zum anderen hin und die Tür zu mir selbst und zu dem, was ich an mir selbst nicht wahrnehmen kann, weil ich es einfach nicht sehe oder nicht wahrhaben will. 
 
Menschen die keine Kritik vertragen sehen sich oft als Opfer.  
Typisch für die Opferhaltung ist: Es sind immer die anderen. Es sind die anderen, die Schuld haben, die anderen, die sie nicht so verstehen wie sie es sich wünschen, die anderen, die ihre Erwartungen und Bedürfnisse nicht erfüllen. Es sind die anderen, die ihnen das Leben schwer machen und es sind die anderen, die sich ändern müssen, damit es ihnen besser geht.
Kritikunfähigkeit kann auch ein Symptom für eine Persönlichkeitsstörung sein, wie z.B. bei der narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Hier geht es um das erhöhte Selbstbild des narzisstischen Menschen, das auf keinen Fall Kratzer bekommen darf, denn das stürzt den Narziss in eine Krise. Er fühlt sich klein und unbedeutend und das hält er nicht aus. 
 
Der Kritikunfähige fühlt sich in seiner ganzen Person bedroht und das macht ihm emotionalen Stress.
Auf diese emotionale Bedrohung reagiert er entweder mit Flucht, Angriff oder Starre. Das bedeutet: Entweder er wendet sich ab, greift aggressiv an oder tut so als habe er nichts gehört. Das alles sind Manifestationen von Kritikunfähigkeit und diese kommen immer aus einem mangelnden Selbstbewusstsein. Mangelndes Selbstbewusstsein klammert sich an etwas was so zu sein hat und nicht anders, denn es verträgt keine Erschütterungen, weil es so fragil ist. Gesundes Selbstbewusstsein ist neugierig, offen und freut sich über Impulse, die es dazu anregen etwas dazuzulernen. 
 
Wie gehen wir mit einem kritikunfähigen Menschen um?
Wir machen uns bewusst: Wir haben keine Macht über andere Menschen. Menschen sind so, wie sie sind und es ist nicht unsere Aufgabe sie zu ändern. Wir regen uns nicht auf. Wir akzeptieren, dass der andere unsere Gedanken und Gefühle zu seinen Ansichten nicht hören möchte. Wir lassen ihm seins und wir lassen ihn sein.
Es ist okay.

Mittwoch, 7. Oktober 2020

Gedanke für den Tag


                                                                  Foto: A. Wende

Bewusst einatmen, ausatmen.
Pausen machen.
Dir Zeit nehmen für dich.
Dich nicht nur den anderen widmen.
Mit deinen Kräften haushalten, sie sind nicht unendlich.
Dich selbst nicht vergessen.
Du bist nicht weniger wichtig als die Anderen.
Du bist der wichtigste Mensch in deinem Leben.
Gut für dich sorgen, gut zu dir sein.
Dann bist du auch gut zu anderen.
Dich um deinen Körper kümmern.
Er ist der Tempel deiner Seele.
Ihn wertschätzen, ihn pflegen, auf ihn achten.
Dir Selbstmitgefühl schenken.
Dir gute Gedanken schenken.
Und gute Gefühle.
So oft du kannst: Gut zu dir sein.
Dich nicht antreiben.
Dich nicht überfordern.
Dich nicht runtermachen.
Du kannst nur über dich selbst verfügen.
Du entscheidest auf welche Weise du es tust.

Dienstag, 6. Oktober 2020

Mit der Angst gehen ...

 

                                                            Foto: Angelika Wende

 
 
In meinen Sitzungen werde ich immer häufiger mit dem Thema Angst konfrontiert. Was mich nicht wundert. Immer mehr Menschen spüren Angst. Wir waten im Matsch. Das Vertraute ist längst zerbrochen. Zeitenwende. Wohin es geht? Das wissen wir noch nicht. Auf dem Weg ins Unbekannte ist das normale Leben, so wie wir es gewohnt waren, nicht mehr lebbar. Das macht Angst. Das ist vollkommen normal. Heute am frühen Morgen war ich beim Arzt. Im Wartezimmer der Praxis husten Menschen hinter Masken. Die nicht husten, wenden sich ab, schütteln den Kopf, runzeln die Stirn. Einer macht einen Witz: Corona! Die anderen, falls sie lächeln, was man hinter der Maske nicht sehen kann, schweigen. Das Wartezimmer ist zu klein um sich zu schützen. Abstand geht nicht. Misstrauen, Angst, Unsicherheit ist spürbar. Mir ist mulmig. So mulmig wie es mir in den letzten Monaten immer wieder ist. 

Ich denke an meine Klienten, an die, denen auch mulmig ist, an die mit der großen Angst, die zu mir kommen und mich bitten: Nehmen sie mir die Angst. Das kann ich nicht, sage ich dann. Die Angst kann man nicht wegnehmen. Es wäre schön, wenn man das könnte. Was man kann ist damit umgehen lernen. Im Umgang mit der Angst geht es immer um das Gelingen von Gelassenheit. Es geht darum über der Angst stehen zu lernen. Es ist Zeit die Angst zu enttabuisieren, denke im Wartezimmer und versuche das Husten zu ignorieren. Wir müssen drüber reden, sie aussprechen, miteinander reden über unsere Angst. Und aufhören uns dafür zu schämen, denn das macht sie nur größer. Ich spreche mit dem Arzt. Ich frage ihn, ob er Angst hat. Ja, sagt er, seit Corona jeden Tag.

„Die Angst besiegt mehr Menschen als irgendetwas anderes in der Welt", schrieb Ralph Waldo Emerson. So ist es jetzt. Die Angst scheint uns besiegen zu wollen. Uns immer kleiner machen zu wollen. Wenn Angst autorisiert wird, wird sie bedrohlich und sehr gefährlich. So ist es jetzt. Man macht uns Angst, legt immer mehr nach. Wir müssen auf uns achten, sonst sind wir verloren. Angst ist eine Erlebens- und Verhaltensweise, die der Bewältigung äußerer und innerer Bedrohung dient. Und jeder Mensch geht anders damit um. Manche haben mehr Angst, manche weniger. Aber jeder kennt sie. Und jeder empfindet sie mehr oder weniger stark. Angst ist eine der vielen BewohnerInnen im unendlichen Land unserer Seele. Sie kann schreckliche Abgründe haben, dann wenn sie ganz groß wird, so groß, dass sie das Leben zum Gefängnis macht. Dann wird sie zu einem reißenden Wolf, der die Seele auffrisst. „Angst essen Seele auf“, lautet ein afrikanisches Sprichwort.
Wenn das geschieht empfinden wir den totalen Weltverlust, es reißt uns ins Bodenlose – wir trudeln ins Nichts. Die Daseinsangst führt geradewegs ins existenzielle Vakuum. Kommt es soweit braucht der Mensch dringend Hilfe. Er kommt an eine Grenze, in der alle Selbsthilfe versagt. So weit soll es nicht kommen. Wir müssen auf uns achten.

Um die Angst nicht größer als uns selbst werden zu lassen gibt es Hilfen.
Beginnen wir mit der Wahrnehmung.
Wie gehe ich mit meiner Angst um? Immer dann wenn unbekannte Situationen auftreten. Immer dann, wenn die Erinnerung mich triggert. Immer dann wenn ich in die nicht fassbare Zukunft blicke.
Ich kann wählen.
Mich fragen: Wähle ich Angst oder Neugier?
Sehe ich die Gefahr oder die Chance?
Welche Selbsthilfemöglichkeiten habe ich?
Ich kann die Angst abatmen. Durch Atemübungen, die ich lerne und anwende, wenn die Angst kommt.
Ich kann mich bewegen, wenn sie kommt. Ich kann laufen, singen, tanzen.
Ich kann den Realitätscheck machen, wenn sie kommt.
Ich kann Mediation erlernen, Achtsamkeit, Progressive Muskelentspannung, Autosuggestion und vieles mehr.

Das Elementarste aber ist: Ich muss meine Angst um ihr auf Augenhöhe begegnen zu können, radikal akzeptieren.  Ja ich habe Angst! Und so ist es. Und das ist okay. Und das heißt nicht, das ich meine Angst BIN. Ich habe Angst, ein Teil in mir hat vielleicht sogar große Angst, aber andere Teile sind mutig und bewältigen das Leben. Und das ganze bin ich. Und wieder: Ich bin okay auch mit der Angst. Und jetzt gebe ich der Angst einen Namen. Meine heißt Frau Klein.
Und ich gehe mit ihr. Aber ich gehe nicht dahin, wohin die Angst will, sondern ich gehe dahin wo ich hin will, trotz und mit der Angst. Und wenn ich gegangen bin, belohne ich mich, dann bin ich stolz auf mich, weil ich es wieder geschafft habe.
Jeden Tag. Schritt für Schritt. Und ich nutze meine Selbsthilfemöglichkeiten. Angst, die nicht zum Wolf geworden ist, damit lässt sich leben. Ist sie dabei die Seele aufzuessen, ist sie krankhaft und das ist sie dann, wenn sie den Boden des Nachvollziehbaren verlässt, brauchen wir professionelle Hilfe.
Aber bis dahin gilt: Es ist okay Angst zu haben.

„Wer keine Angst hat, hat keine Fantasie.“ (Erich Kästner).

Montag, 5. Oktober 2020

Sprechen dürfen

 

 
                                                                    Foto: A.Wende
 
 
Es ist nicht hilfreich, den Schrecken über das eigene Trauma klein zu reden. Was passiert ist, muss bleiben dürfen was es ist: unfassbar und schmerzhaft.
Es ist nicht hilfreich einem Menschen das seelische Leid klein reden zu wollen, indem man ihm sagt: Es ist vergangen, vergiss es endlich! Damit nimmt man ihm sein Recht auf seine Fassungslosigkeit, seine Ohnmacht, seine Trauer, seine Verletztheit, seinen Schmerz, seine Angst. Traumatisierte Menschen wollen gesehen werden. Ihr Leid will anerkannt werden. Es hilft nicht, dass man versucht ihnen ihr Leid klein oder auszureden. Sie brauchen es, dass sie geachtet werden. Klein reden, ausreden führt nicht zur Linderung des Schmerzes, macht die Angst nicht kleiner. 
Es macht diese Menschen im Tiefsten allein.
 
Es geht darum anzuerkennen was geschehen ist und was es mit diesem Menschen gemacht hat. Und das funktioniert nicht, wenn man das Leid dieses Menschen nicht anerkennt. Das Trauma wird nicht bewältigt, indem man sich davon distanziert, es abspaltet, sich ablenkt oder kompensiert, sondern indem man sich dem bewusst zuwendet was geschehen ist und was es an Spuren in der Seele hinterlassen hat. Es geht um die Erlaubnis den Verlust, der erlitten wurde und die Folgen des Verlustes spüren zu dürfen und es geht darum auszudrücken, was gefühlt wird. Diese Menschen müssen sprechen, müssen fühlen dürfen. Dann hört das ohnmächtige Verstummen durch die erfahrene Ohnmacht auf. 
 
Ist es wirklich so schwer, einem leidenden Menschen zu sagen: Ja, du hast Schlimmes durchmachen müssen, erzähle, ich höre dir zu.
Ja es ist schwer.
Die meisten Menschen können das nicht, sie fühlen sich hilflos angesichts der Wucht, die sie da trifft. Sie können nicht damit umgehen. Dafür können sie nichts.
Darum ist es so wichtig, wen der Traumatisierte wählt um zu sprechen: Er braucht, wie Alice Miller es einmal ausdrückte, einen wissenden, helfenden Zeugen.

Sonntag, 4. Oktober 2020

Ein paar Monate ...



                                                             Zeichnung: A. Wende
 
 
Ein paar Monate ...
Viele Menschen haben Angst und sie wächst, je länger die Katastrophe andauert.
Angst treibt seltsame Blüten. Manche Menschen suchen nach allem was die Angst kleiner macht um wieder die Kontrolle zu erlangen. Andere sind gelähmt vor Angst, wieder andere gehen in den Angriff. Das sind vollkommen normale Reaktionen auf Angst. Was uns allen widerfährt ist etwas so Fremdes und Neues, etwas so Bedrohliches und zugleich Absurdes, was unsere auf Sicherheit und persönliche Freiheit gepolte Gesellschaft noch nie zuvor erleben musste und daher keine Kompetenzen ausbilden konnte um angemessen damit umzugehen.Das alles hat nicht nur wirtschaftliche, es hat auch psychosoziale Folgen, individuell und kollektiv. Diese Folgen können wir jetzt noch gar nicht absehen. 
 
Ein paar Monate ...
Diese paar Monate haben bis heute unendlich viele Existenzen zerstört. Menschen haben verloren was sie sich aufgebaut haben, Menschen mussten alleine sterben, Alte wurden in Heimen isoliert, Kranke haben keine Arztpraxis mehr besucht, Kinder und Frauen haben in der Isolation häusliche Gewalt erlebt, psychisch Kranke haben keine Hilfe gefunden, Selbsthilfegruppen für Suchtkranke fielen aus, Liebespaare wurden über Kontinente getrennt, Freiheiten wurden beschränkt, Frauen rutschten notgedrungen wieder in die alte Rolle. Vieles mehr ist geschehen, was Menschen belastet und ihnen Probleme bereitet. Der Boden auf dem wir gehen wankt weiter und keiner weiß, wann er wieder stabil wird. 
 
Ein paar Monate und es gibt unendlich viel Verluste, Trauer, Schmerz und Leid. 
Mit einem „So dramatisch ist das doch alles nicht“, wie es mir heute begegnete, kann ich leider nichts anfangen. Das ist mir zu eindimensional und ohne Mitgefühl für die, denen es gar nicht gut geht. Aber es ist verständlich. Es kommt immer darauf an, welchen Ausschnitt von Welt ein Mensch sieht und sehen will, was er erlebt und was er nicht erlebt. Das ist letztlich dann das, was er für die Wirklichkeit hält. Aber das ist nichts weiter als die Blase in der er sich eingerichtet hat. Warum auch immer, das mag ich nicht bewerten.
Tja, „die Wirklichkeit, die Wirklichkeit trägt wirklich ein Forellenkleid und dreht sich stumm nach anderen Wirklichkeiten um“, wie André Heller einst sang.