Dieser Satz von C.G. Jung berührt einen grundlegenden Gedanken der menschlichen Psyche: Angst ist nicht immer ein Zeichen dafür, dass wir auf dem falschen Weg sind. Manchmal zeigt sie uns vielmehr wo etwas in uns gesehen, verstanden und entwickelt werden will.
Angst entsteht häufig dort, wo wir mit etwas konfrontiert werden, das außerhalb unserer Komfortzone und unserer vertrauten Kontrolle liegt. Sie kann uns davor warnen, dass etwas tatsächlich gefährlich ist. Doch es gibt auch andere Formen der Angst: die Angst vor Veränderung, vor Ablehnung, vor dem Scheitern oder davor, uns unsere eigene Bedürfnisse und Wünschen zu erfüllen.
Gerade diese Ängste können viel über uns erzählen.
Jemand, der Angst davor hat, seine Meinung auszusprechen, darf lernen, für sich selbst einzustehen. Wer Angst vor Nähe hat, darf erforschen welche alten Erfahrungen von Verletzlichkeit oder Zurückweisung der Angst zugrunde liegen. Wer Angst vor dem Scheitern hat, darf sich fragen, was er dann nicht tun muss. Wer Angst vor Kontrollverlust hat, darf lernen Unsicherheit zu tolerieren. Wer Angst hat nicht gut genug zu sein, darf lernen den eigenen Wert nicht mehr ausschließlich von Leistung, Anerkennung oder dem Urteil anderer abhängig zu machen. Er darf lernen seinen Werten und Wünschen zu vertrauen und aus dem Gefühl heraus zu handeln, dass der eigene Wert bereits da ist.
In diesem Sinne bedeutet „Aufgabe“ nicht, dass wir uns zwanghaft all unseren Ängsten aussetzen sollen. Es geht vielmehr darum, unserer Angst mit Neugierde und Forschergeist zu begegnen und zu fragen: Was genau macht mir Angst? Was befürchte ich, wenn ich diesen Schritt mache? Welche Erfahrung aus meiner Vergangenheit wird dadurch berührt? Und: was würde ich gewinnen, wenn ich mich dieser Angst langsam annähern könnte?
Angst kann zu einem Wegweiser für persönliche Entwicklung werden. Sie führt uns an die Grenzen unseres vertrauten Selbstbildes. Dort begegnen wir Teilen von uns, die wir vielleicht lange verdrängt, abgespalten, angepasst, abgelehnt oder nicht wahrgenommen haben.
C.G Jung bezeichnete diesen Prozess als Teil der Individuation, die Entwicklung hin zu einem immer vollständigeren und authentischeren Selbst. Dazu gehört nicht nur, die angenehmen Seiten der eigenen Persönlichkeit anzunehmen. Auch Unsicherheit, Verletzlichkeit, Onmacht, Wut, Scham, Schuld, Zweifel und eben auch Angst gehören zum Menschsein. Was wir verdrängen, verschwindet nicht einfach. Es beeinflusst vielmehr unbewusst unser Denken und Handeln. Und es kann sich eben auch als Angst zeigen. Und die kann uns daran hindern uns selbst zu verwirklichen. Sie kann unsere Träume, Ziele, Wünsche und Visionen zerstören und das, was wir sein könnten.
Die Aufgabe besteht nicht darin, keine Angst mehr zu haben. Sie besteht darin, trotz der Angst mit uns selbst in Beziehung zu bleiben. Manchmal bedeutet Wachstum, einen Schritt nach vorne zu machen. Manchmal bedeutet es aber auch, eine Grenze zu setzen, Nein zu sagen, Hilfe anzunehmen oder uns einzugestehen, dass etwas nicht gut für uns ist. Angst ist nicht automatisches Signal dafür, dass wir etwas tun müssen. Sie ist eine Einladung, genauer hinzuschauen.
Darin liegt für mich die tiefere Bedeutung des Satzes. Dort, wo wir uns selbst am liebsten vor der Angst verstecken würden, kann etwas Wesentliches über uns verborgen liegen.
Die Angst ist nicht unser Gegner. Wir dürfen lernen, ihr zuzuhören, ohne ihr blind zu folgen. Denn hinter manchen Ängsten liegt nicht nur das, was wir vermeiden wollen, sondern auch das, was in uns wachsen möchte. Persönliche Entwicklung beginnt in dem Moment, wenn wir aufhören, uns zu fragen: Wie werde ich die Angst los?, und uns stattdessen fragen: Was will mir meine Angst über mich selbst zeigen?
"Unsere tiefste Angst ist es nicht,
ungenügend zu sein.
Unsere tiefste Angst ist es,
dass wir über alle Maßen kraftvoll sind.
Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit,
das wir am meisten fürchten
Wir fragen uns, wer bin ich denn,
um von mir zu glauben, dass ich brillant,
großartig, begabt und einzigartig bin?
Aber genau darum geht es,
warum solltest Du es nicht sein?
Du bist ein Kind Gottes.
Dich klein zu machen nützt der Welt nicht.
Es zeugt nicht von Erleuchtung, dich zurückzunehmen,
nur damit sich andere Menschen um dich herum
nicht verunsichert fühlen.
Wir alle sind aufgefordert, wie die Kinder zu strahlen.
Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit Gottes,
die in uns liegt, auf die Welt zu bringen.
Sie ist nicht in einigen von uns,
sie ist in jedem.
Und indem wir unser eigenes Licht scheinen lassen,
geben wir anderen Menschen unbewusst die Erlaubnis,
das Gleiche zu tun.
Wenn wir von unserer eigenen Angst befreit sind,
befreit unser Dasein automatisch die anderen."
Nelson Mandela
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de
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