Samstag, 28. November 2020

Eine kühle Einsamkeit

                                                        Foto: Alexander Szugger


Schmerzhaft einsam ist der Mensch, wenn er sich von allem und jedem getrennt fühlt und mit nichts verbunden. In dieser Einsamkeit hat er alles verlassen. Er empfindet nicht, dass alles eins ist und er selbst ein Teil von allem.
Es gibt Menschen, die verlassen alles, weil sie sich von Allem und Allen verlassen fühlen, sie resignieren und ziehen sich in die selbstgewählte Isolation zurück. Enttäuscht von den Menschen betreiben sie den äußeren Rückzug in das eigene Innere. Es gibt viele Menschen, die so leben, wir sehen sie nicht, weil sie nicht gesehen werden wollen oder weil wir den Blick nicht auf sie richten wollen. Irgendwo ganz tief in meinem Herzen kann ich sie verstehen, die, die alles verlassen, ich kann sie fühlen, in ihrer Verletztheit, in ihrer Weigerung sich noch einmal verletzen zu lassen, würden sie denn ihren Rückzug aufgeben und sich wieder der Welt und den Menschen zuwenden. Ich kann verstehen, dass ihr Vertrauen gebrochen ist, weil es zu oft missbraucht wurde und ich kann sie fühlen, ihre Angst vor dem Außen, das nicht sonderlich viel Gutes für sie bereit hielt.
Friedrich Nietzsche, der große Einsame formulierte es einmal so: „Des einen Einsamkeit ist die Flucht des Kranken. Des anderen Einsamkeit ist die Flucht vor den Kranken.“
Es gibt immer mehr Kranke in einer kranken Welt und wer ist nun der, der vor wem flieht?
Freiwillig gewählt einsam sein? Ich weiß, dass das keine Lösung ist, denn es dauert nicht lange bis der Mensch in der Verlassenheit mit einer großen Angst konfrontiert wird - der Angst des Kindes, das sich mutterseelen allein fühlt. Ich weiß es, weil ich das Gefühl kenne. 
 
Aber es gibt noch eine andere Einsamkeit. Die Buddhisten nennen sie die kühle Einsamkeit. Eine Einsamkeit, die nichts mehr fordert. 
Man vermeidet sinnlose Aktivitäten im Außen, man rennt nicht in der Welt der Begierden und der Ablenkungen umher um etwas zu erhaschen oder zu besitzen, was man nicht braucht und man erwartet keine Sicherheit und keinen Halt von anderen, weil man dies in sich selbst nicht findet. Man braucht keine Hand an der man haftet und keinen, der einen umsorgt und beschützt, weil man es für sich selbst tun kann. In der kühlen Einsamkeit stellt sich Zufriedenheit ein, ein Gefühl inneren Friedens und eine tiefe Ruhe. Man löst sich von der Illusion sein Glück im Außen zu finden, wenn es nur gelänge der inneren Einsamkeit zu entfliehen. Man hört auf sich selbst zu entfliehen und damit hört man auf vor sich selbst davonzulaufen.
 
Einsamkeit schmerzt so lange wie sie nicht angenommen wird. Nehmen wir sie an, wird es leichter ums Herz.
Es ist wahr, der Mensch ist nicht gern alleine und schon gar nicht gern einsam. Er strebt nach Ganzheit, nach dem Teil, der ihn komplett macht, wie es in Platons Gastmahl zu lesen steht. Immer auf der Suche nach dem, was uns ganz macht, gibt es in jedem Leben unzählige Versuche. Viele, die der Einsamkeit und dem Alleinsein entkommen wollen, suchen ihr missing piece in der erotischen Liebe. Diese Form der Liebe gaukelt uns auf das Wunderbarste das Gefühl von Ganzheit vor, zumindest im ersten Liebesrausch. Da gehen wir auf im anderen - und geben uns selbst auf. Ist das wirkliche Ganzheit? Nein. Es ist die verlockend schöne Illusion man könne in der Verschmelzung mit dem Geliebten ganz werden. Eine Täuschung, die meist in Ent-täuschung endet, dann nämlich, wenn wir begreifen, dass der andere sein eigener Mensch ist und es immer bleiben wird. 
 
Ganzheit, und das spüren wir, wenn wir oft genug in unseren Beziehungen gescheitert sind, finden wir nur in uns selbst. 
Wir selbst sind der von Zeus gespaltene Kugelmensch und deshalb lässt sich die andere Hälfte nur in uns selbst finden. Kein anderer kann das für uns machen oder sein. Das ist eine ernüchternde Erkenntnis, aber wer nüchtern ist, wacht auf aus der Betäubung. Er erlangt Klarheit, auch wenn sie ihm zunächst missfallen mag.
Wir können uns den Anderen nicht einverleiben, wir können den Anderen nicht in seiner Ganzheit erfassen und er uns nicht – aus diesem Gewahrsein wird es geboren, das Gefühl innerer Einsamkeit. Weil es schmerzt versuchen wir immer wieder neu uns zu verbinden. Die innere Einsamkeit, das nagende Gefühl des Unvollständigseins in uns selbst ist der Antrieb um das schmerzhafte Gefühl der Einsamkeit zu überwinden. Ein Paradoxon, das nicht funktioniert.
In der Stille, wenn wir allein mit uns sind und keiner verfügbar, fühlen wir das. Die Einsamkeit flüstert: "Es ist wie es ist. Ich bin Teil Deines Lebens und ich bin unteilbar". Diesen Teil können wir nicht abwählen, ebenso wenig wie den Tod. Aber wir können wählen, wie wir ihn bewerten und wie wir ihn (er) leben. 
 
Unsere Einsamkeit kann uns ein guter Begleiter und Führer sein - auf dem Weg zu der Erkenntnis, dass wir nur dann ganz werden, wenn wir das missing piece in uns selbst finden.
Viele von uns sind jetzt geradezu druc die äußeren Umstände dazu aufgerufen, diesen vermissten Teil in sich selbst zu finden, denn es gibt in dieser Zeit viel Einsamkeit. Sie kann uns in der kollektiven Krise in eine tiefe persönliche Krise stürzen, ja auch das ist möglich. Dann brauchen wir Hilfe.
Aber jede Krise ist auch eine Chance und wie und ob wir diese für uns nutzen, können wir wählen. Zu unserem Besten, wenn wir dazu bereit sind. So schwer es ist für die Einsamen, die ihre Einsamkeit nicht selbst wählen – sie ist in all ihrer Schmerzhaftigkeit auch eine Herausforderung unser eigener bester Freund zu werden. Und irgendwann wird sie vorübergehen, denn alles, alles geht vorüber. Aber wir sind dann gewachsen, an uns selbst im besten Falle.

Donnerstag, 26. November 2020

2020 oder, als ich auszog, mehr und mehr das Fürchten zu lernen.


 

                                                                 Foto: A. Wende
 
 
Ich lese gerade auf der Facebook Seite extremer Gesundheitsfanatiker den Satz: "Ich bin für einen harten Lockdown für alle, die nicht überlebensrelevant sind."
Ich lese noch einmal, weil ich es nicht fassen kann, dass das Wort "überlebensrelevant" da wirklich steht. Es steht da.
Welch ein fürchterliches Wort. Ein Wort zum Fürchten.
Ist es jetzt soweit?
Geht es jetzt nicht mehr nur um "nicht systemrelevant", was der Zerstörungswelle der Pandemie zum Opfer fällt?
Ist es jetzt in manchen Köpfen, die vor Angst um das eigene Leben nicht mehr klar denken können, soweit, dass es um Überlebensrelevanz geht?
Und wer soll dann diese Selektion machen?
Wer soll entscheiden, was in dieser Pandemie nicht überlebensrelevant ist und was über - leben darf?
Ist der kleine Laden meiner Freundin an der ihre Existenz hängt, für sie überlebensrelevant?
Ist das Yogastudio meiner Klientin, von der eine Menge Mitarbeiter und eine kleine Familie leben, für all diese Menschen lebensrelevant?
Ist meine Praxis überlebensrelevant?
Ist mein Lieblingscafé überlebensrelevant?
Na ja, nicht systemrelevant, das ging mir ja noch ins Hirn.
Aber nicht überlebensrelevant?
Wie, frage ich mich, kann ein Mensch solche Gedanken überhaupt denken und dann auch noch hinschreiben?
Was ist mit all den Leben, für die das, was nicht überlebensrelevant sein könnte, ihr Leben ist und war?
Die sind dann nicht überlebensrelevant?
Oder denke ich da gerade falsch, wenn ich das Ganze bis zum Ende durchdenke?
Ich spiele die Fürchterlichkeit des Wortes bis zur Absurdität weiter durch und lande da, wo ich mich frage: Du bist nicht mehr die Jüngste und du gehörst zur Risikogruppe?
Bist du überlebensrelevant?
Ich mag mich nicht weiter fürchten. Ich sage STOPP und lenke meine Aufmerksamkeit etwas Heilsamem zu.
Aber solche Worte sollten hellhörig machen und uns allen zu denken geben, insbesondere auch den Menschen, die sie aussprechen. Ich fürchte nur, dass Menschen, die so reden, ihre Menschlichkeit irgendwo auf dem Weg ins satte Leben verloren haben und Menschlichkeit für sie keine Überlebensrelevanz hat.

Mittwoch, 25. November 2020

Worauf richtest du deine Aufmerksamkeit?

 

                                                                    Foto: A. Wende

 
Es ist nicht leicht in dunklen Zeiten das Licht hoch zu halten. Es fühlt sich an, als laufe man durch einen großen tiefschwarzen Wald mit einer schwach leuchtenden Laterne in der Hand.
Man sieht nicht weit, man sieht nur den nächsten Schritt auf dem Boden, auf den das schwache Licht der Laterne fällt. Man richtet die Aufmerksamkeit nur auf diesen nächsten Schritt, weil man aufpassen muss, dass man nicht stolpert und fällt. Das würde man im Zweifel wenn man die Aufmerksamkeit auf den ganzen Weg legen würde oder auf das Ziel, das in der Dunkelheit nicht zu sehen ist.
Man würde Angst bekommen, blickte man in dieses endlose Dunkel. Man würde sich fürchten, dass man nie wieder herausfindet aus diesem großen dunklen Wald, dass einen wilde Tiere anfallen oder einem sonst etwas Schlimmes widerfährt. Man würde kopflos werden oder gelähmt vor Furcht, man würde vielleicht verzweifeln vor lauter Panik.
Weil man das weiß, lenkt man die Aufmerksamkeit auf den kleinen hellen Punkt vor den Füßen und man geht, im Vertrauen so den Weg aus dem Wald heraus zu finden.
 
Was ich damit sagen will?
Es ist entscheidend für unser Seelenheil, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten.
Das bedeutet nicht, dass wir die Augen vor dem Dunkel verschließen, das heißt auch nicht, dass wir chackamäßig immer nur das Postitive sehen, das heißt nicht, dass wir nicht die Stimme erheben, wenn wir Unrecht erkennen, es heißt nicht, dass wir keine Angst haben dürfen, es bedeutet, dass wir uns vom Dunkel nicht überfluten lassen, dass wir uns nicht in die Negativität hineinziehen lassen, nicht in die Angst und nicht in die Panik und auch nicht in Resignation oder Verzweiflung, denn all das schadet uns sehr. Es heißt: Wir bleiben achtsam, wir entscheiden uns jeden Tag bewusst für das Licht im Dunkel. Wir entscheiden uns für Vertrauen in uns selbst und in das Leben. Wir tun das um stabil zu bleiben und um den Weg, ohne größeren Schaden zu nehmen, weiter gehen zu können.
 
Worauf richtest Du Deine Aufmerksamkeit?
Blickst Du ins Helle oder ins Dunkel?
Dunkel sind Gedanken, Worte, Bilder und Menschen, die dich emotional nach unten ziehen.
Hell sind Gedanken, Worte, Bilder und Menschen, die dir Kraft, Unterstützung, Liebe und Zuversicht schenken.

Dienstag, 24. November 2020

Selbstbestimmtheit oder der Wille zum Sinn

 

                                                                 Foto: A. Wende

 
Es ist Zeit umzudenken.
Es ist Zeit endgültig anzuerkennen, dass es nicht mehr wird wie es war. Die Welt hat sich radikal verändert. Persönliche Freiheit, Selbstbestimmung, das unendliche Meer von Möglichkeiten der Selbstverwirklichung, einst Selbstverständlichkeiten, all das gerät ins Wanken oder ist bereits beschnitten. Wie lange noch? Keiner von uns weiß es.
Das Leben ist ein anderes geworden. Aber wir hinken emotional und mental hinterher. Das veränderte Leben im Außen, sucht noch die Anpassung des Inneren.
Der Blick in die Zukunft sieht für viele von uns nicht gerade rosig aus. Denn was wird, was werden wir errichten können auf den Trümmern unserer Verluste?
Sind wir soweit der Realität mutig und gefasst ins Auge zu blicken und zu akzeptieren: Es ist wie es ist.
Schwer, denn da ist eine ganze Welt zusammengebrochen, da sind Säulen weggebrochen, die uns getragen haben, da wankt der Boden auf dem wir sicher gingen.
 
Viele von uns sind noch immer in der Phase der Leugnung.
Aber können wir noch leugnen was ist, wenn nichts mehr ist wie es war und wir es Tag für Tag am Leib und Seele erleben?
Wir können es, aber es hilft uns nicht weiter.
Was jetzt?
Was machen wir mit dem, was uns bleibt?
Was gibt es neu zu finden, wo vieles verloren ist, was wir liebten und als wichtig und lebenswert erachtet haben?
Unsere Selbstachtung und unsere Eigenliebe vielleicht?
Wer sich selbst achtet und sich selbst gegenüber fürsorglich und achtsam ist, wird leichter Frieden schließen mit dem was ist.
Aber hilft uns das auf allen Ebenen unseres Seins?
Wo bleibt die Selbstbestimmung, die in diesen Zeiten an massive Grenzen stößt?
Wo bleiben die Möglichkeiten uns als ganzer Mensch zu erfahren und zu entfalten und dazu gehört eben auch das lebendige Leben, das Miteinander leben, das Teilen, die Nähe und die Berührung. Dazu gehört auch das Ausüben unseres Berufes, dazu gehört das Entfalten unserer Potenziale, unsere Kreativität und unser Schöpfertum, das an äußere Grenzen stößt.
Wir können nicht mehr wollen, was wir können und wir können nicht mehr tun, was wir wollen. Viele von uns können nicht einmal mehr tun, was sie können, weil es verboten ist oder nicht mehr gebraucht wird im Jetzt.
Und was, wenn es nie mehr gebraucht wird?
Oder wenn es zerstört ist, wenn es wieder gebraucht wird und uns die Mittel fehlen es neu aufzubauen?
Wir müssen umdenken.
Was können wir noch tun, was erreichen und wie wollen wir es umsetzen im Rahmen der Möglichkeiten?
 
Da die Ressourcen begrenzt sind, ist die Auswahl einer Teilmenge potenzieller Ziele notwendig, auf die die Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen dann gebündelt werden. 
Hierzu zählt das Setzen neuer Prioritäten, die Konzentration auf zentrale Ziele und die Anpassung dieser Ziele an die jetzigen Gegebenheiten.

Dazu gehört vielleicht der Erwerb neuer Fertigkeiten, das Suchen und Finden von bisher übersehenen und ungenutzten Ressourcen, in uns selbst und im Außen, und die Integration dieser Fertigkeiten und Ressourcen in unsere weitere Lebensgestaltung.
Wir könnten uns fragen:
Welche Mittel haben wir um mit Verlusten umzugehen?
Wie kompensieren wir beispielsweise den Verlust des Arbeitsplatzes, wenn sich ein Neuer nicht finden lässt und wir plötzlich von Hartz IV leben müssen?
Wie kompensieren wir den Verlust unserer selbstständigen Tätigkeit?
Was fangen wir an mit all der Zeit, die zu füllen ist?
Was tun wir, wenn wir Menschen, Dinge und Vertrautes verloren haben?
Was, wenn wir gar bei Null anfangen müssen?
Wie wollen und können wir den Verlust äußerer und innerer Ressourcen bewältigen?
Was können wir optimieren?
Was muss neu gefunden werden um unser Wohlbefinden zu erhalten oder um es wieder zu gewinnen?
Wo finden wir Sinn?
Das sind wesentliche Fragen, die uns das Jetzt stellt.
 Viele von uns finden keine, unbefriedigende oder nur wenige Antworten. Manche sitzen da und warten. Worauf? Dass es wieder so wie früher wird. Während sie warten, bricht immer mehr weg von dem, was ihr Leben war. Und sie werden immer hoffnungsloser und tatenloser.
 
Wenn wir tatenlos warten verzichten wir auf den letzten Rest unserer Selbstbestimmtheit.
Was also können wir tun um selbstbestimmt zu leben?
Viktor Frankl sagte einmal: „Wenn wir eine Situation nicht mehr ändern können, sind wir aufgefordert, uns selbst zu ändern.“ Er sagte auch, dass das Leben zu jeder Zeit und in jeder Situation einen bedingungslosen Sinn hat und diesen auch unter keinen Umständen verlieren kann.
Wir sind, folgen wir Frankl, mehr denn je aufgefordert uns und unserem Leben selbst einen Sinn zu geben. Und dieser muss, weil das Leben sich verändert hat, für viele von uns aufs Neue erspürt und gefunden werden. 
 
Da wir uns als Menschen nicht allein über die Befriedigung unserer Grundbedürfnisse definieren, sondern über sie hinausgehen müssen, um so etwas wie Sinn zu finden, liegt dieser Sinn jetzt meines Erachtens darin uns Werte zu setzen, die über materielle Werte hinausgehen.
Insofern stellt sich der gestalttherapeutische Ansatz Frankles gegen Maslow und dessen Bedürfnispyramide, welche ja davon ausgeht, dass zuerst die vitalen Grundbedürfnisse erfüllt sein müssen, um an so etwas wie die Sinnfrage überhaupt erst denken zu können.
Für Frankl ist es der Wille zum Sinn, der den Menschen leidensfähig macht, der es ihm ermöglicht zu verzichten und seine momentan vorhandenen Lustbedürfnisse hinten an zu stellen. Hier zitiert Frankl Friedrich Nietzsche: „Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie“.
Was, könnten wir uns jetzt fragen, ist unser Warum? Und: Wie gestalten und integrieren wir unser Warum in unser Leben, um unsere Selbstbestimmtheit zu erhalten oder sie wiederzuerlangen.

Montag, 23. November 2020

ENT-TÄUSCHUNGEN

 

                                                              Foto: A. Wende
 
 
Es gibt keine Sicherheit, keine Verlässlichkeit im Leben.
Uns begegnet immer wieder, bei allem Schönen und Erfüllenden, die Beimischung des Unerwartbaren, die Unberechenbarkeit, der Irrtum.
Aus diesem Blickwinkel gestaltet sich als finale Gesetzlichkeit das Leben als ein Weg voller Enttäuschungen.
Aber sie sind genau betrachtet, Ent-Täuschungen.
Was wir als schmerzlich erleben, will eigentlich nur heilen.
Niemand und nichts, kann uns enttäuschen.
Wir selbst sind es, die sich getäuscht haben.

Sonntag, 22. November 2020

Niemals in der Welt hört Hass durch Hass auf. Hass hört durch Liebe auf.

 


Wenn ich am Morgen so durch Facebook scrolle, fällt mir mehr und mehr auf, wie viele Menschen ihre Wut und ihren Hass auf ihre Mitmenschen auskotzen. Sie posten böse Worte, attackieren Andersdenkende und glauben sich im Recht. Sie fühlen sich als gute Menschen, die darauf aufmerksam machen müssen, wie schlecht die sind, die anders denken als sie selbst.
Die ganz Bösen sind die, die auf die Straße gehen und demonstrieren und die werden auch alle in einen Topf geworfen, mit Totschlagargumenten wie: Wer mit Nazis auf die Straße geht ist ein Nazi. Über Letztere rede ich gar nicht, weil alles, dem an Aufmerksmerksamkeit schenkt wächst. Ich rede von den selbsternannten Guten.
Wer auch nur die leiseste Kritik an solchen Hasstiraden auf diesen Seiten äußert, wird attackiert und bekommt einen vernichtenden Shitstorm. Ihm werden Dinge unterstellt, die er nicht einmal denken würde und er wird auf das Übelste von diesen "guten" Menschen mit verbalem Schmutz beworfen oder gar bedroht. Eine Meinung, die dem Mainstream nicht passt, macht verdächtig.
Wut, Hass, üble Rede und Denunziantentum machen sich breit in der Welt, die schon längst so unheilsam für ihre Bewohner geworden ist, dass es schwer ist darin heil zu bleiben. Es ist ein schleichendes Gift, das sich ausbreitet und es ist genauso gefährlich wie das Virus, das da draußen grassiert. 
 
Woher kommt all dieser Hass?
Er ist nicht neu. Er war schon immer da. Er zeigt sich nur jetzt mit seinen hässlichen Fratzen ungeniert und öffentlich. Er fließt aus den Hassenden heraus, weil er jetzt einen Feind gefunden hat und dieser Feind ist der Andersdenkende. All der innere Unfrieden in den Herzen zeigt sich im Außen.
Menschen, die hassen, tragen keine Liebe in sich.
Sie lieben sich selbst nicht. Von diesen Menschen gibt es viele. Nicht umsonst ist seit Jahren das Thema Selbstliebe ein großes Thema. Wer sich selbst nicht liebt oder zumindest achtet, dem fällt auch die Nächstenliebe und die Achtung anderen Menschen gegenüber schwer. Und so gibt es eben auch wenig Nächstenliebe auf dieser Welt und auch das ist nichts Neues.
Manchmal ist es sehr verführerisch, sich über andere aufzuregen. Auf einer bestimmten Ebene gehen wir davon aus, dass es uns hilft, aber es hilft uns nicht. Es bereitet uns lediglich selbst Leid. Wir fühlen uns nicht besser wenn wir wüten und darum muss immer weiter gewütet werden, weil der Druck eben nicht nachlässt, indem wir wüten. 
 
Buddha sagt, dass man, wenn man wütend auf eine wütende Person wird, schlimmer als der andere wird, weil man den „schwer zu gewinnenden Kampf nicht gewonnen“ hat. Damit meint er den Kampf mit sich selbst, in der eigenen Mitte und unversehrt zu bleiben. Im Grunde geht es darum, dass ein Sieg nicht daraus entsteht, dass man sich über eine wütende Person aufregt. Das wäre eine Niederlage. Ein Sieg wäre, ruhig und gelassen zu bleiben um die eigene Seele zu schützen. 
 
Wenn uns andere attackieren und verletzen, warum sollten wir uns zusätzlich selbst verletzen? 
Wir müssen im Leben schon genug Verletzungen einstecken. Weshalb sollte man dann mit Wut auf Wut reagieren, mit Hass auf Hass, wenn es nur dazu führt, dass es uns selbst damit schlecht geht? Wenn jemand etwas tut, was wir nicht gut heißen, weshalb sollten wir dann selbst auch etwas tun, was wir nicht gut heißen? Warum sollten wir mit genau denselben Gefühlen und bösen Worten auf den anderen losgehen, die wir nicht gut heißen? Warum sollten wir uns auf die gleiche Stufe mit Menschen begeben, die mit übler Rede Unheilsames in die Welt setzen? Wenn jemand anderes möchte, dass man sich aufregt, weshalb sollte man ihm diese Genugtuung geben?
Ja, es ist möglich, dass der andere sich getroffen fühlt, wenn man auf ihn wütend wird. Es ist aber genauso gut möglich, dass es nicht so ist. Was aber garantiert sein wird, ist, dass man sich durch Wut selbst Leid zufügt.
Warum sich also einlassen auf die Wut anderer, warum sich aufregen? Was haben wir damit gewonnen?
Man ändert die anderen nicht, man nimmt ihnen damit nicht ihre Wut, man befeuert ihre Wut nur weiter und es ändert sich nichts, außer, dass es am Ende eskaliert. Man vergeudet Energie anstatt bei sich zu bleiben und dem was man in die Welt geben will – im besten Falle gute Energie, Mitgefühl und liebende Güte.
 
„Niemals in der Welt hört Hass durch Hass auf. Hass hört durch Liebe auf“, sagt Buddha. 
Aber die Liebe ist nicht nur ein Sprachwort. Sie wir lebendig durch liebevolles Fühlen, Denken und Handeln. Uns selbst und anderen gegenüber. Wenn wir die Dinge auf diese Weise betrachten, können wir unser eigenes Leben von all dem Unheilsamen was gerade passiert, schützen. Das unheilsame Handeln der anderen – ob nun tatsächlich oder nur in unserer Vorstellung – ist für uns kein Grund, selbst unheilsam zu handeln. Das heißt nicht, dass ich andere, die Böses denken und tun, andere, die Hass säen, andere die mich attackieren, lieben muss. Aber ich muss kein Öl in ihr Feuer gießen und es damit noch höher lodern lassen, denn am Ende verbrennen wir im Zweifel mit in diesem Feuer.
Wir können es besser.

Samstag, 21. November 2020

Meister, wie kann ich mich der Isolation stellen?

 


Meine lieben Leser,

heute möchte ich einen Text mit Euch teilen, der nicht von mir ist. Es ist ein Text, der mich sehr bewegt und der mir entspricht. Und wer weiß, vielleicht ist er für Einige von Euch hilfreich.

Meister, wie kann ich mich der Isolation stellen?
Reinige dein Haus. gründlich. In jeder Ecke.
Auch die, auf die man nie Lust hatte, den Mut und die Geduld. Mach dein Haus hell und gepflegt.
Entferne Staub, Spinnweben, Unreinheiten. Sogar das Verborgenste.
Dein Haus repräsentiert dich: Wenn du dich darum kümmerst, kümmerst du dich auch um dich selbst.
Meister, aber die Zeit ist lang.
 
Nachdem ich mich durch mein Haus um mich gekümmert habe, wie kann ich die Isolation leben?
Repariere, was repariert werden kann, und entferne, was du nicht mehr brauchst.
Widme dich dem Patchwork, nähe gut die ausgefranzten Kanten deiner Kleider, stell ein Möbelstück wieder her, repariere alles, was es wert ist.
Der Rest, schmeiß weg. Mit Dankbarkeit.
Und mit dem Bewusstsein, dass sein Kreislauf beendet ist.
Das Reparieren und entfernen außerhalb von dir selbst ermöglicht es dir, das was in dir steckt zu reparieren oder zu entfernen.
 
Meister und was dann?
Was kann ich die ganze Zeit alleine machen?
Säe.
Sogar einen Samen in einer Vase.
Kümmere dich um eine Pflanze, gieße sie jeden Tag, sprich mit ihr, gib ihr einen Namen, entferne die trockenen Blätter und Unkraut, die sie ersticken und ihr wertvolle lebenswichtige Energie stehlen können.
Es ist eine Art, sich um deinen inneren Samen, deine Wünsche, deine Absichten, deine Ideale zu kümmern.
 
Meister und wenn mich die Leere besuchen kommt?
Wenn Angst vor Krankheit und Tod kommen?
Sprich mit ihnen.
Bereite auch für sie den Tisch vor, reserviere einen Platz für jede deiner Ängste.
Lade sie zum Abendessen ein. Und frag sie, warum sie von so weit zu dir nach Hause kamen. Welche Botschaft wollen sie dir bringen? Was wollen sie dir mitteilen?
Meister, ich glaube nicht, dass ich das kann.
Es ist nicht die Isolation dein Problem, sondern die Angst, deinen inneren Drachen gegenüberstehen zu müssen, denen, die du schon immer von dir fern halten wolltest.
Jetzt kannst du nicht mehr weglaufen.
Schau ihnen in die Augen, höre ihnen zu und du wirst entdecken, dass sie dich an die Wand stellen.
Sie haben dich isoliert, damit sie mit dir reden können.
Wie die Samen, die nur sprießen können, wenn sie allein sind.
 
Der Autot ist mir leider unbekannt. 




Freitag, 20. November 2020

Überleg dir gut, was du dir wünscht

 


Schon verrückt wie das Leben so spielt. Letztes Jahr in der Silvesternacht sagte ich zu meinem Freund: Ich will in diesem Jahr den Buddha Weg gehen. Ich sagte es so halb im Spaß mit etwas zu viel Sekt im Kopf. Und jetzt, wo sich das Jahr dem Ende zuneigt, bin ich auf diesen Weg. 
Wenn ich ehrlich bin, habe ich mich selbst damals nicht so ernst genommen, man sagt ja viel, was man möchte und dann nicht tut, weil es dann doch zu beschwerlich ist. 
Ich bin auf diesem Weg, weil er mir hilft mit dem umzugehen was geschieht. Der Weg ist schwer. Jeden Tag lernen, jeden Tag Übung. Jeden Tag über meine Schatten springen, stolpern, fallen wieder aufstehen und weiter gehen. Achtsam sein, mich jeden Tag selbst stablisieren, weil da keiner ist, der mich hält. Immer wieder in die Stille gehen und Vertrauen üben und Dankbarkeit. Und viel loslassen, was ich gerne festhalten würde, nicht anhaften. Den Widerstand sein lassen und es fließen lassen. Die Angst zulassen, sie umarmen und weiter gehen.
Wie war das? Überlege gut, was du dir wünscht, es könnte in Erfüllung gehen. Wenn ich ehrlich bin, ich hätte es gerne leichter gehabt dieses Jahr. So wie wir alle.
 

Mittwoch, 18. November 2020

Klarheit ist gut gegen Angst


Viele von uns sind zur Zeit verunsichert.
Da ist viel Angst in und unter den Menschen. Angst vor der Zukunft, vor Gefühlen, vor Verlust. Angst zu vertrauen, Angst sich zu wehren, Angst anders zu sein, Angst ausgestoßen zu sein, Angst für sich selbst einzustehen, Angst keine Sicherheit zu haben, Angst krank zu werden, Angst nicht genug zu haben, Angst nicht gut genug zu sein, Angst allein zu sein. Die Liste der Ängste ist damit nicht zu Ende. Sie ist sehr lang.
Angst hat eine enorme Kraft.
Angst schürt Konflikte. Sie produziert Wut, Kampf und Widerstand. Sie macht uns, unsere Psyche und unsere Welt krank. Aus der Angst wachsen Negativität, Isolation und Spaltung. Das erleben wir gerade.
Wer viel Angst hat, bringt es nicht weit und zu nichts Gutem.
Je mehr sich die Angst festsetzt, desto unheilsamer ist ihre Wirkung, auf den Einzelnen und auf das Ganze. Jeder Einzelne gibt seine Angst weiter in das Ganze. Es kommt zur kollektiven Angst. 
 
Aber wie wird die Angst kleiner?
Wer einen Sinn im Leben hat, hat weniger Angst. Auch wenn er Angst hat, so geht er mit seiner Angst dem nach, was sein Sinn ist. Wer keinen Sinn hat, den besetzt mehr und mehr die Angst.
Aber wie kommen wir zu einem Sinn?
Wir könnten uns fragen:
Wo stehe ich gerade?
Wo befinde ich mich?
Was sind meine aktuellen Herausforderungen?
Wer will ich sein inmitten des Chaos?
Was ist jetzt meine Aufgabe?
Was hilft mir auf meine inneren Energien zurückzugreifen?
Wie viel Kraft habe ich?
Wie generiere ich meine Kraft?
Wofür setze ich sie ein?
Wie erkenne ich worauf ich achten muss, bei mir selbst und anderen?
Was ist meine mentale Haltung?
Was sind meine Werte, für dich ich einstehe und für die ich mich engagiere?
Wofür will ich Verantwortung übernehmen?
Wie kann ich trotz Schwierigkeiten und Sorgen Gelassenheit entwickeln?
Wie kann ich trotz Schwierigkeiten Freude und Schönheit empfinden? 
 
Das sind Fragen über die es sich nachzudenken lohnt, weil sie
uns Klarheit verschaffen über uns selbst und unseren Platz in der dieser Welt.
Sie zu beantworten ist ein Schritt zur Erlösung aus der Angst.
Wir werden uns klarer darüber wer wir selbst sind. Wir erhalten eine neue Wahrnehmung inmitten der Angst, die uns aus der Angst herausführen kann.
Wo immer Klarheit wächst, schwindet Angst.

Montag, 16. November 2020

Wir sind Helden!, oder: willkommen in Absurdistan

 

                                                            Zeichnung: A. Wende


Heute morgen sehe ich auf Facebook diesen Werbespot der Bundesregierung. In dem Spot werden alte Menschen in der Zukunft gezeigt, die sich an den Corona Winter 2020 erinnern. Sie werden als Helden inszeniert, einfach weil sie zuhause geblieben sind. Darunter liegt eine dramatische Musik. 

Ich denke, clever gemacht. Schon schlau, den Heldenmythos zu bemühen, um den Menschen ihr notgedrungenes Eingesperrtsein und das Social Distancing schmackhaft zu machen. Zuhause bleiben, Chips futtern und nichts tun. Welch eine bizzare Inszenierung einer Katastrophe, die manchen Menschen den Boden der Existenz unter den Füßen wegreißt. Welch eine Verharmlosung einer Bedrohung, die uns alle in Ohnmacht versetzt.

Ist das die neue Normalität, von der wir jetzt sprechen? Wir sind Helden, weil wir zuhause bleiben und demütig ertragen was ist?

Was bitte geht hier vor?

Für wie blöde hält man erwachsene Menschen?

Auf was reduziert man Menschen im Namen eines absurden, manipulativ inszenierten Heroismus?

Wie gedanken- und empathielos wird hier menschliches Leid heruntergespielt? 

Dieser Spot ist mehr als zynisch, es ist der reinste Zynismus. Das ist der ernsten Lage gegenüber unangemessen. Er verhöhnt die Helden, die jeden Tag in Kliniken für das Überleben von Menschen kämpfen, er verhöhnt alle Menschen, die jeden Tag raus müssen um zu arbeiten.

Ich schäme mich grundsätzlich nicht fremd, sonst wär es jetzt soweit, aber diese Regierung sollte sich in Grund und Boden schämen. 

In diesem Moment an diesem Morgen bin ich nicht gelassen. Ich will es nicht sein. Wie sagte der Dalai Lama einmal: "Es gibt so ein zorniges Mitgefühl - eine Wut, die nicht der eigenen Selbstgerechtigkeit dient, sondern darauf abzielt andere vor Schaden zu bewahren."

 


 

 

 

 


 

Samstag, 14. November 2020

Schöpfertum

 

Frei

Das Ich,  nicht mehr in seiner begrenzten, egozentrischen Existenz gefangen

Schöpferkraft

Lebendigkeit

Ausdruck

Das Leben selbst formen

Aus der Quelle des Unbewussten schöpfen

Die Quelle unendlicher Möglichkeiten berühren

Fließen lassen

So viel Material

Werkzeug um zu erschaffen

Die eigene Welt 

Inmitten einer stillstehenden Welt

 


 

 

 

Freitag, 13. November 2020

Der Weg nach Innen und die Weisheit

 

                                                                        Foto: A. Wende

 

Der  Weg nach Innen ist der schwerste Weg. 

Er ist der Weg der vollkommenen Akzeptanz und des Seinlassens aller Anhaftungen. 

Auch ein Zen Meister wird ihn nie zu Ende gehen können. 

Der Weg ist der Weg. 

Er bedeutet praktizieren und üben, üben und praktizieren.

Wenn wir diesen Weg gehen, werden wir dann weise? 

Und wer will überhaupt weise sein?

Was sind das für komische Menschen, denen Weisheit etwas bedeutet? 

Weisheit, was für ein altmodisches Wort. 

Ich mag Altmodisches. Ich mag weise Menschen. Sie sind mir eine Orientierung, ein Halt und ein Vorbild. 


Aber was ist Weisheit? 

Sie ergibt sich nicht allein durch Loslassen, wie manche meinen. 

Weise ist nicht der, der ein Mal eine tiefe Einsicht hat. Weise ist auch nicht der, der den tiefen Zustand von Nichtdualität erfahren hat für Momente in der Zeit. Vielleicht in der Meditation.

Erkenntnis und Einsicht allein sind nicht Weisheit. 

Weisheit ist eine gewisse Reife. 

Eine Reife, die die Fähigkeit besitzt die Illusionen zu durchschauen,  das Wesen der Dinge zu erkennen, die Wirklichkeit und ihre vielen Ebenen zu begreifen - die der eigenen inneren Welt und die der äußeren Welt. 

Weisheit ist auch Einsicht in unsere Verstrickungen zu haben. 

Weisheit  wohnt und wächst im Herzen. Das Herz, das die Fähigkeit besitzt die Liebe selbst zu erkennen und sie zu leben,  fernab vom Ego, das will. 

Agape, die selbstlose Liebe zu allem. 


"Ich war ein Suchender und bin es immer noch, aber ich habe aufgehört, die Bücher zu fragen und die Sterne – und angefangen, auf die Lehren meiner Seele zu hören, schrieb Rumi, der persische Mystiker. 

 

Auf die Lehren der eigenen Seele hören, auch das ist Weisheit. 

Das eigene Sein begreifen und ihm zu vertrauen. 

 

Weisheit ist auch anzuerkennen - ganz gleich welche tiefen spirituellen Erfahrungen wir machen, die Essenz reinen Seins werden wir wohl nie vollkommen und dauerhaft (er)leben können.

Das zu akzeptieren ist Demut. Der Weise besitzt sie.

Weisheit bedeutet auch einen Weg zu sehen, einen Weg zu finden und ihn zu gehen. 

Deshalb kann der Weise anderen einen Weg zeigen.

Weisheit ist auch ein Geschenk an die, die bereit sind es zu empfangen.


 


Mittwoch, 11. November 2020

Wie können wir aushalten?

                                                                Foto: A. Wende
 

Bei meiner Arbeit mit Menschen bin ich zur Zeit oft Zeuge von Gefühlen tiefer Lähmung und Hoffnungslosigkeit. Menschen sitzen zuhause weil sie Kurzarbeit haben, weil sie Homeoffice machen oder weil die Arbeit, die sie gemacht haben, nicht systemrelevant ist.
Manche haben nichts zu tun. Vom Morgen bis zum Abend sind sie sich selbst überlassen. Das sind Stunden in denen sie sich irgendwie zu beschäftigen versuchen.
Es fühlt sich an, als würde ich auf etwas warten und es kommt nicht, sagt Jemand. Es zieht mich runter, wenn ich zuhause sitze und nichts Sinnvolles zu tun habe, sagt ein anderer. Dieses Nicht wissen was tun, jeden Tag. Ich weiß gar nicht mehr wofür ich aufstehe. Aber schlafen kann ich auch nicht mehr. Also stehe ich auf und mache mir einen Kaffee und schon während ich ihn trinke frage ich mich, was mache ich jetzt?, sagt wieder ein anderer.

Manche beginnen nachzudenken, über ihr Leben. Sie haben jetzt Zeit, die sie sich so oft gewünscht haben. Jetzt ist da so viel Zeit. Zeit zum Nachdenken über das eigene Leben, über sich selbst, über die Beziehungen, die wir haben. Wir haben Zeit, weil der Alltag nichts mehr fordert.
Manche Menschen kramen Erinnerungen an vergangene Zeiten hervor, fragen sich wie sie gelebt haben und wie sie jetzt weiter leben sollen, vor allem dann, wenn Elementares ausgelöscht ist. Ein Mensch ist einsam, er lebt als Single, fragt sich, ob er jemals wieder einen Partner findet. Er findet sich allein gelassen und verlassen wie nie zuvor. Und nichts, das ihn ablenkt. Alles dicht da draußen. Und drinnen auch Dichte. Es verdichtet sich, die Wände rücken näher. Das Leben innen und Außen – eine Verlangsamung von Zeit.

Das sind schwere Stimmungen, das sind schwere Zustände.
Und die Wahrheit ist: manche von ihnen sind einfach nicht zu verändern.
Es geht ums Aushalten für viele von uns.
Aushalten ist schwer. Das können wir nicht gut. Wir sind gewohnt schnelle Lösungen zu suchen und wir waren gewohnt sie auch zu finden. Aber die Umstände haben sich verändert, sie sind unüberwindbare Blockaden geworden, für manche von uns. So wie bei der jungen Frau, die ihr kleines Café eröffnet hat im vergangenen Herbst und es jetzt zum zweiten Mal schließen muss. Sie kann nichts tun. Sie sitzt da und sieht zu wie Augenblick für Augenblick ein Traum zu zerbrechen droht. Das ist traurig. Das kann verzweifelt machen. Das ist kaum auszuhalten.
Aber es muss ausgehalten werden, denn es gibt jetzt keine Lösung.
Wie können wir aushalten?
Eine Antwort darauf ist schwer. Meine Antwort darauf ist schwer umzusetzen. Ich weiß das. Weil es eine radikale Umkehr ist, die uns damit begegnet.

Dieses Aushalten, diese Blockierung, die Verlangsamung unseres Lebens ist eine Möglichkeit die Welt einmal anders kennen zu lernen. Wir erlauben uns einfach nur zu sein, ohne jede Herausforderung, ohne jeden Zeitbezug. Wir hören auf uns in die Zukunft davonmachen zu wollen, denn sie ist eine unbekannte Größe. Wir erkennen an, wir haben die Zeit nicht in der Hand. Ob sie langsam oder schnell vergeht, wir können sie nicht zwingen, anders zu sein, als sie eben jetzt ist. Wir können die Richtung nicht umkehren und nicht nach vorne schieben.

Aber wir können sicher sein, das ist eine Zeit in der unsere Lebensumstände und wir selbst uns ändern werden, auch wenn wir das Gefühl haben, dass nichts geschieht und wir nur warten. Das ist das Einzige, dessen wir gewiss sein können: Es wird sich ändern. Der gegenwärtige Augenblick wird in einen nächsten übergehen. Gefühlt verlangsamt, nicht in der gewohnten Geschwindigkeit, aber es folgt immer Augenblick auf Augenblick.
Die Langsamkeit, die wir erfahren, die Blockade, vor der wir stehen, so mächtig und unüberwindbar sie uns erscheint, hat ihren eigenen Wert. Sie ist eine große Herausforderung. Wir lernen auszuhalten, wir lernen eine Sache durchstehen. Wir lernen, dass es Dinge gibt, die wir nicht in der Hand haben, wie sehr wir uns auch bemühen mögen und egal wie stark unsere Willenskraft ist. Wir lernen unsere Machtlosigkeit anzunehmen.

Wir lernen den Augenblick zu begreifen, wie nie zuvor. Wir lernen, wenn wir dazu bereit sind, jeden Moment radikal so zu nehmen wie er gerade ist. Wir lernen vielleicht auch, uns selbst jeden Moment so zu nehmen wie wir sind. Wir lernen vielleicht den Dingen ihren Gang zu lassen und sie nicht mehr beherrschen zu wollen und uns ganz dem Augenblick zu öffnen. Dann trinken wir unseren Kaffee am Morgen mit einer bewussten Haltung und können ihn als Geschenk annehmen.


Dienstag, 10. November 2020

Das Theater beenden

 

                                                               Malerei: A. Wende
 
Ich performe, immer spiele ich die Rolle des starken, erfolgreichen Mannes, der alles im Griff hat. Aber ganz ehrlich, das bin ich nicht. Das kann ich aber nicht zugeben, mir selbst gegenüber nicht, und den anderen gegenüber schon gar nicht. Dann habe ich verloren, wenn die das wüssten. Ich brauche das Gefühl wertgeschätzt zu werden, sagt mein Klient.
Warum brauchen Sie das so dringend?, frage ich sie.
Weil ich das Gefühl habe, dass ich nichts wert bin.
 
Das ist eine sehr starke innere Überzeugung. Und sie ist unheilsam für meinen Klienten. Sie führt dazu, dass er ein falsches Selbst aufrecht erhält, was dazu führt immer wieder eine Rolle zu spielen, von der  er selbst nicht einmal überzeugt ist. Das ist wie ein falsches Leben leben und sich dessen auch noch bewusst sein. Das geschieht wenn wir abhängig sind von der Wertschätzung anderer. Es geschieht vielen Menschen. Viele Menschen leben auf diese Weise. Und die meisten sind damit unglücklich.
 
Darum ist es so wichtig Wertschätzung uns selbst gegenüber zu empfinden, für den Menschen, der wir sind - ohne Performance - für den wunderbaren einzigartigen Menschen, der wir im Ganzen sind - mit unseren Licht und unserem Dunkel.
Je mehr Wertschätzung wir aus uns selbst heraus für uns selbst empfinden, desto unabhängier werden wir von dem, was andere von uns denken könnten, desto weniger fühlen wir uns gezwungen etwas darzustellen oder uns beweisen zu müssen, desto unabhängiger werden wir davon andere manipulieren oder benutzen zu wollen, desto unabhängiger werden wir davon etwas von anderen zu erwarten, was wir uns selbst nicht geben können. Wir brauchen keine Claqeure mehr, die eine Rolle beklatschen, die wir ihnen vorspielen. 
 
Aber woher diese Wertschätzung nehmen, wenn wir sie nicht fühlen?
Indem wir das Theaterstück beenden auf dessen Bühnenbrettern wir uns selbst und anderen eine Farce vorspielen. Indem wir ohne den alten Schleier dessen, was uns den wertschätzenden Blick auf uns selbst verhüllt, mit klarem Blick auf den Menschen schauen, der wir sind. Indem wir unsere Substanz erkennen und auf das schauen, was wir Tag für Tag gut machen und nicht auf das, was wir noch besser machen könnten. Veränderung im Denken über uns selbst geschieht, wenn wir in eine wohlwollende, wertschätzende Sicht unseres Soseins wechseln.
Das könnte ein Anfang sein!

Montag, 9. November 2020

Die Dame in Schwarz

 



Die Depression trennt uns von allem. Wir sind abgestimmt auf die Traurigkeit. Die Depression kann leblos machen, sie ist ein bedrohlicher Wald in dem das Dunkel nicht weicht. Wir sehen nicht einmal mehr die Hand vor Augen. Es ist kalt und wir frieren bis auf die Knochen. Wir schließen uns in eine Rüstung ein. Diese hat einen Riss. Dieser Riss hat uns so verwundbar gemacht. Wir werden ihn nicht noch mehr aufreißen lassen. Das schwören wir uns. Nie mehr wird etwas durch diesen Riss zu uns durchdringen. Wir haben genug. Die Rüstung wird zur zweiten Natur. Und so schafft sie eine Barriere zwischen uns und dem Leben. 
 
In der Depression kann auch die Angst ins Unermessliche wachsen. Keiner wird mich mehr lieben, keiner kann mich lieben, wo ich mich doch selbst nicht mehr lieben kann. Wird das jemals aufhören? Werde ich überhaupt noch eine Zukunft haben? Und wie sieht sie aus? 
Wir bezweifeln, voller Furcht, dass es jemals besser wird.
 
Manchmal sind Furcht und Angst angemessen, denn sie zeigen uns, wie es mit uns steht, sie mahnen uns, dass wir Hilfe brauchen um aus der dunklen Nacht der Seele wieder ins Licht zu finden.
Die unangemessene Angst aber ist meist eine Projektion, ein Vorwegnehmen der Zukunft.
In der Depression ist es hilfreich diese Angst mittels bewusstem Atmen, anzuhalten. Wenn sie uns überfällt können wir uns hinsetzen und sie zum Gegenstand ruhiger Aufmerksamkeit machen. Wir betrachten sie uns genau. Wir machen uns bewusst wie sie sich anfühlt. Wir spüren nach wo im Körper sie sitzt. Wir lokalisieren die Stelle an der sie sitzt. Wir schauen uns an, wie sie unsere Gefühle einfärbt. Damit holen wir uns in das Jetzt zurück. Weg von der unbekannten Zukunft und der Angst davor.
In der Depression haben wir die Chance unsere Angst als das zu sehen was sie ist. Wir können uns fragen, was es bedeuten würde angstfrei zu sein. Vielleicht entdecken wir in uns selbst eine Furchtlosigkeit, die wir bisher nicht bemerkt haben.
 
Vielleicht entdecken wir einen Mut, den wir bisher nicht gespürt haben – den Mut mit der Depression und der Angst überhaupt umzugehen. Sie annehmen zu können als Signal unserer Seele, dass es so wie es war, nicht mehr weitergeht. Vielleicht gelingt es uns das zweckvolle Element der Depression zu würdigen. In der Depression liegt die Chance alles in unserem Leben genau zu betrachten. Sie versperrt uns den Ausweg uns von uns selbst und unserem Leben abwenden zu können. 
Schluss mit dem Flüchten, schau bitte hin, sagt sie. Ich wünsche mir für dich, dass du erwachst! Oder wie C.G. Jung einmal sagte: "Die Depression gleicht einer schwarzen Dame. Tritt sie auf, so weise sie nicht weg, sondern bitte sie als Gast zu Tisch und höre, was sie zu sagen hat."
 
 
P.S. Ich spreche hier nicht von schweren Depressionen, die unbedingt therapeutischer Behandlung bedürfen.

Samstag, 7. November 2020

Heilsame Nächstenliebe

 

                                                                Malerei: A. Wende

 
Das Erleben eigener Gefühle empfinden wir viel intensiver als die Erzählungen anderer darüber wie sie sich fühlen. Kein Mensch ist in der Lage genau zu fühlen, was ein anderer fühlt, da kann die Empathie noch so hoch sein. Gefühle sind zutiefst persönlich. So empfindet jeder Mensch z. B. Angst anders. Allein körperlich sind die Symptome schon verschieden spürbar. Dem Einen schnürt es die Kehle zu, der Andere hat ein Grummeln im Bauch, der Nächste spürt sein Herz schneller schlagen.
Mit unseren Gefühlen sind wir allein. Wir können es anderen nur schwer vermitteln, wie sich das anfühlt, was wir gerade fühlen, auch wenn wir wahre Wortkünstler sind. Dabei wünschen sich viele von uns, der andere möge uns fühlen, damit wir endlich verstanden werden und damit wir das Gefühl haben unsere Gefühle teilen zu können, weil wir dann nicht mehr allein damit sind – so fühlen wir uns angenommen und getröstet. 
 
Viele Menschen haben diese große Sehnsucht nach dem gemeinsamen Fühlen, nach einer Seele, die mit der eigenen Seele gleich schwingt. Sie reden von Seelenverwandtschaft, vom Seelenpartner – aus der Sehnsucht geborene Wünsche endlich in der eigenen Gefühlswelt nicht mehr allein zu sein.
Ja, das klingt schön und ja, für Momente in der Zeit haben manche von uns dieses Gleichschwingen zweier Seelen schon empfunden, aber dauertüchtiges gleiches Fühlen gibt es nicht. Es ist eine Illusion. Eine schöne Illusion, die wir uns nicht zerstören lassen wollen und das ist okay.
C. G. Jung schrieb einmal sinngemäß, was einsam macht ist nicht das Alleinsein, sondern nicht verstanden zu werden und seine Gefühle nicht teilen zu können. Einsam macht keinen Adressaten zu finden, der die Botschaft der Seele in ihrer Tiefe gefühlt decodiert. Das ist der Grund für die innere Einsamkeit, die viele von uns empfinden, auch wenn sie unter oder mit Menschen sind. 
 
Menschen, die unter psychischen Störungen leiden, leiden auch darunter, dass ihre Angehörigen oder ihre Freunde nicht nachfühlen können, wie sie sich selbst oder das Leben empfinden.
Es wäre für sie eine große Entlastung sich nicht immer wieder erklären oder gar rechtfertigen zu müssen, dass sie gerade nicht anders fühlen können, als sie fühlen.
Je mehr Unverständnis ihnen entgegengebracht wird, dass sie zum Beispiel zum dritten Male in einer Woche eine Verabredung absagen müssen, weil die Depression sie nicht vor die Tür gehen lässt, desto mehr ziehen sich diese Menschen in sich selbst zurück. Sie schämen sich, weil sie die normalsten Erwartungen nicht erfüllen können, weil die normalsten Dinge für sie nicht machbar sind.
Es macht Druck sich immer wieder erklären zu müssen. Im schlimmsten Falle fühlen sie sich als Versager, weil sie sozial nicht mehr kompatibel sind und Dinge nicht im Griff haben, die für andere überhaupt kein Problem darstellen. Das macht alles noch schlimmer als es ist. Irgendwann treten sie den Rückzug an, denn sie wollen andere nicht mehr belasten. Sie wollen die anderen nicht in Hilflosigkeit versetzen, angesichts des Scheiterns aller gut gemeinten Hilfsangebote.
„Komm endlich raus aus deinem Loch, deine Angst ist wirklich nicht mehr nachvollziehbar, deine Panik ist unangemessen, deine Trauer dauert schon zu lange. Du musst es nur wollen, dann schaffst du das.“ All das sind Sätze, die für Menschen mit seelischen Problemen wie ein Vorschlaghammer mit Wucht auf das einschlagen, was sie sowieso schon wissen. 
 
Es wissen hilft ihnen nicht, denn sonst würde es ja helfen!
Was aber hilft diesen Menschen, außer einem guten Therapeuten, der ja auch nicht rund um die Uhr verfügbar ist?
Es hilft sie in ihren Gefühlen anzunehmen und zwar ohne diese zu bewerten oder Ratschläge zu geben. Das macht Druck.
Es hilft Mitgefühl zu zeigen und zu sagen: Okay, wenn dir das jetzt nicht möglich ist, vielleicht gelingt es dir ein anderes Mal, ich bin da. Das lässt Möglichkeiten offen und entlastet.
Es hilft sie reden zu lassen, sie ihre Gefühle ausdrücken zu lassen und einfach nur zuzuhören. Das entlastet und vermittelt das Gefühl nicht allein zu sein.
Es hilft ihnen sie sein zu lassen, so wie sie in diesem Moment sind und dieses Sosein zu achten. Das schenkt Wertschätzung, wo gerade die eigene Wertschätzung für sich selbst fehlt.
Und es hilft zu fragen: Was kann ich jetzt für dich tun?
Wir müssen die Gefühle anderer nicht fühlen, wir können es nicht, aber wir können sie ernst nehmen und damit achten wir diesen Menschen.
Die Botschaft ist dann: So wie du fühlst, so wie du dich gerade fühlst, bist du für mich okay. Ich hab dich lieb. Und ich muss jetzt auch nicht versuchen deine Gefühle bei dir wegzumachen, weil ich das gar nicht kann. Ich kann das aber aushalten mit dir.
Das ist Nächstenliebe für mich. Diese Nächstenliebe kann Gefühle bei dem, der sie empfängt verändern. Und damit ist sie heilsam.

Donnerstag, 5. November 2020

Ganz laut

 

Zwischen den Stunden der Arbeit öffne ich das Fenster. Ich höre meinen Nachbarn. Er trommelt. Einmal als ich ihn traf, im Hausflur, sagte er: Ich trommle, wenn ich traurig bin, wenn ich mich allein fühle, wenn die Angst hochkriecht und wenn ich nicht mehr weiter weiß.  Ich trommle, weil ich mich dann spüre ... ganz laut.

Mittwoch, 4. November 2020

ALL EIN SEIN

 



Gestern am späten Abend bekam ich eine E-Mail von einem Klienten. Er schrieb: Ich fühle die Einsamkeit in mir hochsteigen und möchte gerne etwas tun. Oder gibt es eine Routine für einen Helden, der nun ganz allein dasitzt und seine Welt weiterbewegen will?
Die Einsamkeit von der mein Klient schreibt, kennen viele von uns. Corona ist auch eine Pandemie der Einsamkeit. Aber, wir waren schon vorher Vereinzelte, nur haben wir es so nicht gespürt, nicht in dieser Intensität, weil es da so vieles gab mit dem wir uns ablenken konnten. Das ist jetzt anders. Wer allein ist, wer allein lebt, ist sich dieses Zustands jetzt bewusster. Er kommt nicht daran vorbei sich damit auseinanderzusetzen. Aber auch wenn wir nicht allein leben, fühlen wir uns oft allein.
Es lohnt sich unser Konzept von Alleinsein und Einsamsein in Frage zu stellen. Denn manchmal fühlen wir uns allein, ohne uns dieses Zustandes in seiner ganzen Tiefe bewusst zu sein und setzen Alleinsein mit Einsamsein gleich. 
 
Das Alleinsein hat mit Einsamkeit nichts zu tun. Es hat mit Ruhe zu tun, mit Stille, mit Bei-sich-selbst-sein. Und gehen wir einen Schritt weiter, über das Bei-sich-selbst-sein hinaus, dann wird das Alleinsein zu einem All-EIN-SEIN. Wir fühlen uns verbunden mit allem Sein, je mehr wir mit uns selbst verbunden sind. In dieser Verbundenheit fühlen wir uns niemals einsam. Aber das ist eine Kunst, die nur wenige von uns beherrschen.
Das Alleinsein wird dann zur Einsamkeit, wenn es zu lange andauert, wenn wir kaum oder nicht in Kontakt sind. Weder im Herzen, noch im realen Leben mit anderen Menschen, die uns etwas bedeuten und wir ihnen.
Im Alleinsein sind wir auf das rudimentäre Ich-bin Gefühl reduziert. Das ist zunächst nichts Schlimmes. In der Einsamkeit aber fühlen wir uns getrennt von allem, nicht nur von einem bestimmtem Menschen. Es fühlt sich an, als gäbe es nur uns und niemand der sich für uns interessiert, niemand, der uns sieht, niemand, dem wir etwas bedeuten, der uns zur Seite steht und der mit uns geht.
Wir sacken zusammen. Alles fühlt sich eng und leer an. 
 
Das Alleinsein, je länger es andauert und je mehr wir es weghaben wollen, wird unangenehm, es wird zum Einsamsein und dann kann es so unerträglich werden, dass wir vieles tun würden, um es nicht erleben zu müssen. So wie mein Klient schreibt: Ich möchte etwas tun.
Bevor wir etwas tun - es gibt zunächst einmal die Frage: Bin ich wirklich einsam oder fühle ich mich allein und verlassen?
Alleinsein ist zunächst ja nicht schmerzhaft. Aber je unverstandener, je ungesehener, je verletzter wir uns fühlen, desto einsamer können wir uns fühlen, ohne uns der Ursache dieses Zustandes in der Tiefe bewusst zu sein. Spüren Sie, wenn Sie mögen, mal in sich hinein, was wirklich ist, habe ich meinem Klienten geantwortet.
Und dann erst fragen Sie sich, was jetzt zu tun ist.
Muss der Held wirklich die Welt bewegen oder will sich etwas in ihm bewegen und wohin könnte diese Bewegung gehen?
 
Muss der Held ins Außen gehen? Oder ist die Bewegung jetzt vielleicht eine Bewegung nach Innen?
Das sind Fragen, die wir uns stellen können, wenn wir das Gefühl von Einsamkeit haben. Aber meist ist es so, dass der begleitende Schmerz dieses Einsamkeitsgefühls es uns schwer macht oder gar unmöglich, etwas Gutes in diesem Jetzt-Zustand zu sehen.
Unser Alleinsein zwingt uns in die Bewegung hin zur Isolation.
Es ver rückt uns in das Ich-Bin. Und damit zwingt es uns, uns uns selbst zuzuwenden. Entweder wir machen diese Bewegung mit Offenheit uns selbst gegenüber und hin zu dem, was wir jetzt in uns selbst alles finden dürfen oder wir werden ver rückt.
Im Alleinsein ist unser Mut gefragt, der Mut uns selbst zu begegnen und uns selbst auszuhalten, der Mut unser Sosein zu erfahren und zu erleben. Wir entdecken, wenn wir uns selbst mit Offenheit und Neugier begegnen, vielleicht eine innere Fülle, die uns das Gefühl der Leere nimmt. Wenn wir Glück haben, zeigt sich dann das All-Ein-Sein. Und das Gefühl der Einsamkeit löst sich auf. Dann geben wie etwas von dieser inneren Fülle über uns selbst hinaus in die Welt. Wege dazu gibt es viele.
Möge es so sein. Für alle, die sich jetzt einsam fühlen.