Montag, 31. August 2026

Gegen das schöne Altern

 
Malerei: A.W.

 
Das Alter erfordert eine Menge Kraft und Geduld, weil man akzeptieren muss, dass Dinge, die früher völlig von alleine und ohne einen einzigen Gedanken selbstverständlich funktioniert haben, plötzlich Aufmerksamkeit und Disziplin verlangen und dass plötzlich einfachste Körperfunktionen mühsame Planung erfordern. Es ist absolut verständlich, dass man das unbarmherzig finden kann und darf. 
 
Ich denke viel über das Alter nach, weil es mich kalt erwischt hat. Ich bin nicht mehr die gesunde Frau, die ich bis vor Kurzem noch war und weil ich langsam auf die Siebzig zugehe. Man sieht es mir nicht unbedingt an, ich habe Glück gehabt, gute Gene oder was auch immer. Aber mein Außen und mein Inneres bewegen sich trauriger weise nicht mehr synchron. Vieles hat sich verändert. Ich habe mich verändert und ich verändere mich noch. Ich habe keine Ahnung, wo das endet, bzw. wo, wie und wann ich ende. Bis natürlich auf die Gewissheit meines Endens, das gar nicht mehr so weit weg ist. Auch wenn ich noch ein paar Jahre oder Jahrzehnte leben sollte, das Meiste ist gelebt.
 
Und nein, man ist nicht so alt, wie man sich fühlt. 
Man kann sich in Geist und Seele jung fühlen und körperlich wie eine Greisin. Auch da gilt nicht das beliebte „entweder oder“. Beides kann sein. Nun denn, es ist, wie es ist. Ich jammere nicht, aber ich kann mir auch nichts schönreden oder einreden lassen, ich sollte doch dankbar sein, dass ich noch lebe und mein Alter feiern. Altern ist eine zutiefst existenzielle Erfahrung und für jeden von uns ist sie eine andere. Ich stimme jedenfalls nicht in den Lobgesang des Alters ein. Kann ich nicht. Will ich nicht, weil ich noch nie der Typ zum Lobsingen war. Ich bin nicht altersoptimistisch. Das ist heutzutage fast schon ungewöhnlich. Überall liest man vom „jung gebliebenen Herzen“, vom „Faltenfeiern als Zeichen der gewonnenen Lebensweisheit“ (was auch nicht stimmt, denn alt sein ist nicht gleich weise sein), von „Best Agern“ und davon, dass Altern nur eine Frage der Einstellung sei. Ich verweigere mich genau diesem Trost. Mir fehlt da die Differenzierung.
 
Also suche ich Gleichdenkende, um mich mit meiner Empfindung nicht mehr so allein zu fühlen. Philipp Roth zum Beispiel, der seinen „Jedermann“ sagen lässt: „Das Alter ist ein Massaker“ und selbiges auch entsprechend begründet. Darin erkenne ich eine Haltung, die mir näher ist als die Lobgesänge auf das Alter, das Schönreden, die Ignoranz oder die Verdrängung. Ich brauche diese Differenzierung, um mich mit dem, was gerade mit mir geschieht, auseinandersetzen zu können. 
Es geschieht mir, das ist der Punkt. Das erzeugt eine grundlegende Spannung im Inneren: Ich bin diejenige, die mein Leben gestaltet und gleichzeitig geschieht mir mein Leben. Ich bin nicht nur diejenige, die Entscheidungen trifft. Ich bin auch diejenige, der Zeit geschieht. Das bedeutet nicht, dass unsere Entscheidungen bedeutungslos sind. Im Gegenteil, sie haben Bedeutung, nur eben keine vollständige Macht über das, was geschieht. 
 
Das Alter aber hat Macht.
Es hat Macht über den Körper, über die Zeit, über Möglichkeiten und schließlich über die Endlichkeit des eigenen Lebens. Und gerade darin unterscheidet sich das Alter von vielen anderen Lebensentscheidungen. Es entscheidet über uns. Einen Beruf kann man wechseln. Einen Ort kann man verlassen. Eine Beziehung kann man beenden. Aber man kann nicht einfach aus seinem Alter aussteigen. Man kann nicht sagen: Dieser alte Mensch möchte ich nicht mehr sein. Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Macht des Alters: Es nimmt einem nicht einfach Möglichkeiten weg, es verändert die Bedingungen, unter denen man überhaupt noch wählen kann. Man bleibt derselbe Mensch und ist doch nicht mehr derselbe Mensch. Man hat weiterhin Wünsche, Erinnerungen, Hoffnungen und Vorstellungen von sich selbst , aber der Körper, die Zeit und die Lebensumstände setzen diesen Wünschen zunehmend Grenzen.
 
Wenn man wirklich begreift, dass einem Dinge geschehen, kann das sehr beunruhigend sein. Ich stelle fest: Ich bin alt. Und darin steckt etwas Eigenartiges: Mein heutiges Ich wurde von der Zeit erzeugt, ohne dass mein heutiges Ich das beschlossen hätte. Das Alter zeigt mir die Grenze der Selbstbestimmung. Ich kann mich um meinen Körper kümmern, Sport machen, gesund leben, mich pflegen. Man kann beeinflussen, wie man altert. Und man kann es eben nicht. Man kann trotzdem krank werden. Nicht unbedingt, weil man etwas falsch gemacht hat, sondern weil der Körper und das Leben nicht vollständig unserer Kontrolle unterliegen. 
Krankheit ist ein besonders deutliches Beispiel dafür, dass der Mensch nicht ausschließlich ein selbstbestimmtes Wesen ist. Etwas geschieht an ihm, nicht nur durch ihn. Und dann wird das noch deutlicher: Der Körper verändert sich. Die Kraft nimmt ab, Möglichkeiten verschwinden, Menschen sterben, die man kannte, die eigene Lebenszeit wird spürbar begrenzt. Man wird alt, aber man kann nicht grundsätzlich entscheiden, ob und wie man altert. Und das ist schwer auszuhalten, weil wir psychologisch gerne glauben, dass zwischen unserem Verhalten und dem, was uns passiert, eine klare Ordnung besteht. Wenn ich mich richtig verhalte, werde ich belohnt, wenn ich mich falsch verhalte, passiert etwas Schlechtes. Das Leben funktioniert aber nicht nach diesem Prinzip. Das Alter schon gar nicht. 
 
Das Altern gilt in der Psychoanalyse als die vorletzte und nicht auszugleichende narzisstische Kränkung, während der Tod die letzte darstellt. Sind aber jetzt alle, die das Alter nicht feiern narzisstisch? Natürlich nicht. Die narzisstische Kränkung des Alters besteht nicht einfach darin, dass man plötzlich alt aussieht. Sie besteht darin, dass die Grundlagen, auf denen das Ich sein Gefühl von Selbstwirksamkeit, Autonomie, Attraktivität, körperlicher Integrität und Zukunft aufgebaut hat, allmählich wegbrechen. Narzissmus wird hier nicht als Pathologie, sondern als Regulationssystem des Selbstwertgefühls verstanden. Und das Alter macht etwas damit. Was, ist wie gesagt bei jedem etwas anderes.
 
Ich lese Cioran, der sich mit Roth wohl wunderbar verstanden hätte, wären sie sich denn einmal begegnet, zumindest was ihre Ansichten über das Alter betrifft. Emil Cioran sah das Alter als eine unbarmherzige, bittere und illusionslose Phase des Lebens.  In seinen Aphorismen und Büchern beschreibt er das Altern als einen schmerzhaften Prozess des Verfalls und der Entzauberung. 
Für ihn ist das Altern der Moment, in dem der Mensch alle Masken, Illusionen und Lebenslügen verliert. So schreibt er, dass das Alter uns „die Dinge so zeigt, wie sie sind“ – nackt, leer und ohne den trügerischen Glanz der Jugend. Er geht sogar so weit, dass er behauptet, das Alter demaskiert das Leben als ein absurdes Theaterstück. Ich habe das schon in jungen Jahren gedacht, aber es nicht wirklich als solches ernst genommen und schön meine Rollen gespielt. Was ich nicht bereue, denn hätte ich das Spiel durchschaut, hätte ich so Einiges an Schönem, Leidenschaft und Wildheit verpasst. Allerdings hätte ich mir auch vieles an Dramen erspart, aber dann hätte ich ja die Theaterbühne nicht vollends ausgenutzt. Also alles okay.
 
Der Körper wird bei Cioran zur Last und zum Verräter.
Der Geist bleibt wach, während der Körper sich verändert, und das Bewusstsein muss diesem Vorgang zusehen. Das hat etwas Grausames. Gnadenlos beschreibt er den alternden Menschen als jemanden, der allmählich zum Sklaven seiner eigenen Biologie und seiner eigenen Organe wird.
Wohl dem, der gesund altert.
Die meisten von uns haben dieses Glück nicht. Auch wer gesund lebt, hat keine Garantie, gesund zu bleiben, bis der Tod den Körper schließlich von ihm trennt. In „Vom Nachteil, geboren zu sein“ findet sich der Satz: „Man altert nicht schrittweise, man stürzt von einer Stufe zur nächsten.“
Das kann ich für mich persönlich bestätigen. Zack. Ich stürze. Nicht wirklich von einer Stufe, sondern im metaphorischen Sinne. Und von diesem Tag an ist etwas anders als vorher. Und was dann? Tja. Dann kommen genau diese Gedanken. Bei mir zumindest. Das Alter ist unbarmherzig.
 
Und wo bleibt der Frieden, den ich mir nach einem langen, anstrengenden Leben verdient habe?  Den muss ich mir weiter selbst verdienen. Es gibt keine Belohnung von irgendwoher. Und schon gar nicht vom lieben Gott, der sagen könnte: All die Alten haben so viel geschafft, jetzt beschenke ich sie dafür. Weit gefehlt. Stattdessen sehe ich, wenn ich nach draußen gehe, immer mehr alte Menschen, die einsam und vergessen auf Bänken sitzen, die Flaschen sammeln, weil die Rente nicht reicht. Und dann sind da jene, die in Pflegeheimen vor sich hin existieren und nicht einmal mehr würdevoll behandelt werden. So viel zur Würde im Alter. Und das Schlimmste: Sie können sich oft nicht einmal wehren. Sie sind zur Hilflosigkeit verdammt. Nein, da möchte ich nicht enden. Vorher mache ich einen würdevollen Abgang von der Bühne.
 
Cioran hätte Philipp Roth in seiner Feststellung, dass das Alter ein „Massaker“ ist, und mir in meiner Empfindung, dass es unbarmherzig ist, vermutlich aus tiefster philosophischer Überzeugung zugestimmt. Er hielt wenig von der gesellschaftlichen Floskel des schönen oder würdevollen Alterns. Vielleicht muss man das Alter auch nicht schön finden.
Vielleicht muss man es überhaupt nicht feiern.
Vielleicht reicht es, ihm ins Gesicht zu sehen. Ohne Trost. Ohne Beschönigung. Ohne die Pflicht, darin unbedingt noch einen Gewinn erkennen zu müssen. Und vielleicht ist genau das die letzte Form von Selbstbestimmung, die uns bleibt: nicht darüber bestimmen zu können, was uns widerfährt, aber darüber, mit welcher Klarheit wir es ansehen. Das Alter geschieht mir.
Und ich sehe hin.
 
Angelika Wende
www.wende-praxis.de

Sonntag, 30. August 2026

Kann eine Seele zerbrechen?

 

Foto: A.W.


Meine Klientin ist am Boden zerstört. „Mein ganzes Leben, alles was mir Sinn und Halt gab ist verloren, meine Identität ist zerbrochen. Meine Seele ist zerbrochen“, sagt sie.
Dieses Gefühl kann einen Menschen zutiefst erschüttern und verzweifeln lassen. 
 
Aber ist es wahr? Kann eine Seele wirklich zerbrechen?
Wenn wir von einer zerbrochenen Seele sprechen, meinen wir oft einen Menschen, der durch Leid, Trauma, Verlust oder Verzweiflung innerlich so tief verletzt wurde, dass er sich selbst nicht mehr als ganz erlebt. Doch eine zerbrochene Seele ist keine wissenschaftliche Tatsache und keine medizinische Diagnose. Es ist ein Bild für einen Zustand tiefsten inneren Leidens.
Viele von uns glauben an die Vorstellung, dass unter jeder zerbrochenen Seele noch ein heiler und unversehrter Kern verborgen liegt. Das ist tröstlich, aber kein allgemeingültiges Gesetz. Es ist möglich, dass ein Mensch trotz schwerster Verletzungen etwas in sich bewahrt, das sich lebendig, ganz oder unverletzt anfühlt. Es kann aber auch sein, dass sich ein Mensch durch das Erlebte so sehr verändert und so verzweifelt ist, dass es nicht sinnvoll und nicht hilfreich ist, von einem unverletzten inneren Kern zu sprechen. Dieser Mensch würde es in seiner Verzweiflung nicht glauben. Und wir würden ihn in seiner Verzweiflung nicht ernst nehmen. Heilung muss nicht bedeuten, etwas Unversehrtes wiederzufinden, das unter den Verletzungen verborgen ist. Sie kann auch bedeuten, aus dem, was geschehen ist, ein neues Verhältnis zu sich selbst und zum eigenen Leben zu entwickeln.
 
Aber was ist Verzweiflung?
Verzweiflung ist etwas viel Tieferes als Traurigkeit, Schmerz oder Hoffnungslosigkeit. Verzweiflung ist ein Zustand, in dem der Mensch nicht mehr mit sich selbst sein kann. Das Selbst kann nicht mehr zu sich selbst finden.
In seinem Werk „Die Krankheit zum Tode“ beschreibt Søren Kierkegaard genau diesen Zustand. Verzweiflung betrifft für ihn das Verhältnis des Menschen zu seinem eigenen Selbst. Ein Mensch kann in eine Lage geraten, in der er nicht mehr derjenige sein möchte, der er ist. Er möchte seinem eigenen Selbst entkommen. Oder er versucht verzweifelt aus eigener Kraft er selbst zu sein und sich selbst zu tragen. Beide Formen zeigen ein gestörtes Verhältnis zu sich selbst.
Kierkegaard sagt deshalb nicht einfach: „Die Seele ist zerbrochen.“ Sein Denken geht tiefer. Der Mensch kann in eine derart tiefe Verzweiflung geraten, in der nicht nur sein Leben, sondern sein eigenes Selbst unerträglich geworden ist. Es ist dann nicht mehr bloß das Gefühl: Ich kann das, was mir geschieht, nicht ertragen, sondern: Ich kann den Menschen, der ich geworden bin, nicht mehr ertragen.
In Kierkegaards christlichem Denken ist das Selbst in Gott begründet. Der Mensch kann versuchen, seinem eigenen Selbst zu entkommen, aber er kann sich als Selbst nicht einfach loswerden. Für ihn ist das Selbst kein Gegenstand, den man besitzt wie einen Gegenstand, den man wegwerfen kann. Wir können vor vielem davonlaufen, aber nicht davor, dass wir wir sind. Wir können usneren Wohnort wechseln, unsere Arbeit aufgeben, Beziehungen beenden, Erinnerungen verdrängen oder versuchen uns völlig neu zu erfinden. Aber bei all dem bleibt eine Person, die diese Dinge tut - wir selbst.
 
Wir können sagen: Ich möchte nicht mehr dieser Mensch sein. 
Aber wer sagt das? Wir selbst sagen das. 
 
Schon der Versuch, vor uns selbst zu fliehen, setzt ein Selbst voraus, das fliehen will. Unser eigenes Selbst steht nicht außerhalb von uns. Wir können uns nicht von uns selbst entfernen, um irgendwo außerhalb unserer selbst zu sein. Verzweiflung bedeutet daher nicht, dass im Menschen nichts mehr vorhanden ist, sondern dass sein Verhältnis zu sich selbst zutiefst verzweifelt geworden ist.
Das lässt auch Menschen, die sich das Leben nehmen, in einem anderen Licht erscheinen. Sie haben eine Verzweiflung erlebt, die für sie unerträglich geworden ist. Aber wir können nicht mit Sicherheit sagen, dass ihre Seele zerbrochen ist. Wir kennen ihr Innerstes nicht. Und ihr Tod beweist auch nicht, dass in ihnen nichts Lebendiges mehr vorhanden war.
Vielleicht ist deshalb die entscheidende Frage nicht, ob eine Seele im wörtlichen Sinne zerbrechen kann. Die wichtigere Frage ist, was mit einem Menschen geschieht, wenn sein Verhältnis zu sich selbst so tief erschüttert wird, dass er sich selbst nicht mehr ertragen kann. 
 
Eine Seele muss nicht wie ein Gegenstand zerbrechen, damit ein Mensch sich vollkommen zerbrochen fühlen kann. Und es muss auch nicht unter jeder tiefen seelischen Verletzung ein unverletzter Kern in uns verborgen liegen. Ein Mensch kann tief verwundet und grundlegend verändert werden und dennoch bleibt er mehr als seine Verletzung und mehr als seine Verzweiflung. Ein Mensch kann innerlich so schwer verletzt sein, dass sich seine Seele für ihn selbst zerbrochen anfühlt. Aber ob sie dadurch wirklich als Ganzes zerstört wird, ist keine Frage, die sich einfach mit Ja oder Nein beantworten lässt.
Unter jeder noch so verletzten Seele liegt irgendwo ein unversehrter Kern. Klingt tröstlich, aber wir können nicht wissen, ob das für jeden Menschen gilt.
Wir wissen es einfach nicht. 
 
 
Angelika Wende
www.wende-praxis.de

Samstag, 29. August 2026

Unrettbar

 

 

Malerei. A.Wende

                                   

Tag frür Tag nehme ich wahr, wie verschieden Menschen die Dinge sehen, fühlen, wahrnehmen und interpretieren. Ganz gleich, welche anderen Sichtweisen man ihnen näherzubringen versucht. Eine ganze Welt voller Interpretationen. Und jede davon ist eine eigene Welt. Unendlich viele innere Welten, die mit der äußeren manchmal wenig, manchmal gar nichts zu tun haben. Und so ist jeder Mensch auf seine Weise in seiner inneren Welt gefangen. Immer wieder stelle ich fest, wie schwer es ist, den Denkrahmen zu verändern. Den meiner Klienten. Und manchmal auch meinen eigenen. Da ist so vieles, was an und in uns klebt wie zäher Leim. Und es gibt kein Lösungsmittel, das sicher funktioniert, um ihn zu lösen. Keine Methode, die allen Menschen gleichermaßen hilft. Es gibt unendlich viele Methoden. Und ebenso unendlich viele Menschen, bei denen keine davon wirklich hilft. Manchen Menschen ist nicht zu helfen. Auch das ist eine traurige Wahrheit. Manchen gelingt es nicht, aus ihrem inneren Gefängnis auszubrechen. Und auch das hat einen Grund. Es ist kein Versagen. Es ist, wie es ist.

 

Dann bleiben nur zwei Möglichkeiten: Man verzweifelt. Oder man akzeptiert die eigene innere Gefangenschaft und hört auf, sich dafür zu verurteilen. Denn oft haben wir uns längst selbst verurteilt. Uns selbst lebenslänglich gegeben, ohne überhaupt noch zu wissen, warum. Und auch das ist okay.

 

Man kann nicht alles und jeden retten. 

Und manchmal kann man auch sich selbst nicht retten. Man kann sich so annehmen, wie man ist. Unrettbar. Ja, auch unrettbar.

Ich will hier keine Illusionen zerstören. Ich spreche aus meiner Erfahrung mit vielen Menschen. Ich kenne die Unrettbarkeit. Ich habe einen Menschen geliebt, der unrettbar war. Ich habe Menschen unterstützt, die unrettbar waren. Sie haben gekämpft und den Kampf nicht gewinnen können. Es ist wie es ist. 

 

„Heilt Zeit Wunden?“, fragte mich jemand. Nein. Zeit heilt nicht alle Wunden.

Sie macht manche vielleicht weniger schmerzhaft. Weniger störend. Man lernt, mit ihnen zu leben. Aber jede Wunde hinterlässt eine Narbe. Und wenn sie grob berührt wird, kann sie wieder schmerzen. Manche brechen sogar wieder auf. Dann verbinden wir sie wieder. Versorgen sie, so gut wir können. Und manchmal können wir es nicht. Manchmal reicht die Kraft nicht. Manchmal reicht Hilfe nicht. Manchmal verbluten Menschen daran. Und auch damit müssen wir leben lernen.

 

Nicht alles ist heilbar. Nicht jeder ist rettbar. Und das ist kein Versagen.

Manchmal ist es einfach das Ende dessen, was ein Mensch tragen konnte.

 

Wähle achtsam



 

 

Jede Beziehung, in der wir uns befinden, trägt entweder zu unserer Heilung bei oder sie verstärkt die Dysregulation des Nervensystems.

Beziehungen die von Verlässlichkeit, Berechenbarkeit und Sicherheit geprägt sind, wirken heilsam auf ein Nervensystem das ständig im Überlebensmodus ist.

Beziehungen, die durch Unberechenbarkeit, Kritik oder emotionale Verletzungen geprägt sind, halten die Stressreaktion des Nervensystems chronisch aktiv.

 Wenn du heilen willst, wähle achtsam, wen du wählst.


Dienstag, 25. August 2026

Hast du dich wirklich verändert?

 


Auf unserer Heilungsreise nach einer toxischen Beziehung kommen wir irgendwann an einen Punkt an dem wir denken, so jetzt ist es gut. Ich habe viel gelernt und ich bin gewachsen. Ich habe meine alten Erfahrungen integriert und meine Wunden verbunden. Ich reagiere nicht mehr automatisch und ich beobachte mich hinreichend gut. Wenn ich spüre, das mich etwas triggert, reagiere ich anders als früher. Ich erkenne sofort, wenn jemand toxisch ist und gehe in Distanz. Wir glauben vielleicht insgeheim: Jetzt kommt die Belohnung für die Arbeit an uns selbst.

Aber oft kommt es anders, als wir glauben oder hoffen.

 

Das erste was wahrscheinlich passieren wird, ist dass das Leben uns dieselbe Lektion noch einmal präsentiert. Vielleicht kommt der Mensch, der uns verletzt hat, reumütig zurück. Vielleicht kommt er in Gestalt eines anderen Menschen, mit demselben Verhalten und denselben Mustern. Vielleicht hat er diesmal keine Alkoholsucht, sondern eine andere Sucht. Vielleicht ist es diesmal wieder ein geschickter Blender. 

Wir treffen wieder einen Menschen, zu dem wir uns auf magische Weise hingezogen fühlen, wir lassen uns auf ihn ein  und merken erst zu spät: Irrtum, auch er verletzt uns. Und wir werden genau mit denselben Erfahrungen und Gefühlen konfrontiert, von denen wir dachten, dass wir sie überwunden haben. Das kann uns so vorkommen als hätte alles nichts geholfen, als seien wir schlechte Schüler, als sei alles umsonst gewesen.

Es war nicht umsonst. 

 

Das, was uns begegnet, stellt uns Fragen: Hast du die Lektion wirklich gelernt. Hast du dich wirklich verändert oder kehrst du zu deinen alten Mustern zurück?

 

Wenn du dich dieses Mal dafür entscheidest, deine Grenze zu achten und zu schützen,  dich selbst nicht mehr verleugnest und nicht mehr in alte Muster zurückfällst, nicht mehr aus magischer Anziehung auf Menschen  hereinfällst, die unheilsam für dich sind, nicht mehr Altes wiederholst, sondern rechtzeitig Stopp sagst und danach handelst, dann hast du die Arbeit wirklich gemacht. Dann hast du dich wirklich verändert.

 

Heilung bedeutet nicht, dass du etwas Altes nicht mehr fühlst oder ihm begegnest, nicht dass dich etwas Vertrautes nicht mehr anzieht, sondern, dass du nicht mehr zulässt, dass es sich in deinem Leben wiederholt.

Montag, 24. August 2026

Heilung braucht Bewusstsein

 


 
Heilung braucht Bewusstsein. Heilung ist nicht nur eine einzige Sache. Es geht darum, sich um den ganzen Menschen zu kümmern, Körper, Geist und Seele. Es reicht nicht, sich einfach gesund zu ernähren. Es reicht nicht, sich zu bewegen. Es reicht nicht, eine Therapie zu machen, Medikamente einzunehmen oder sich hin und wieder eine Auszeit zu gönnen. All das kann wichtig und wertvoll sein, aber Heilung bedeutet mehr. Es geht darum, den ganzen Menschen zu betrachten: Körper, Geist und Seele.
Denn wie sollen wir wirklich gesund werden, wenn wir nur einen Teil von uns verändern, während wir gleichzeitig an den Dingen festhalten, die uns immer wieder schaden?
 
Viele Menschen sind krank, erschöpft oder fühlen sich innerlich nicht mehr wohl und machen trotzdem weiter wie bisher. Sie wissen vielleicht sogar, dass bestimmte Gewohnheiten ihnen nicht guttun. Sie schlafen zu wenig, essen ungesund, bewegen sich kaum, übergehen ihre Grenzen, betäuben Gefühle mit Tabletten oder Alkohol, leben ständig unter Stress oder halten an Beziehungen und Situationen fest, die ihnen nicht guttun. Und oft wird das verdrängt.
Sie reden sich ein, dass es schon nicht so schlimm sei. Dass sie später etwas ändern können. Dass sie gerade keine Zeit haben. Dass die Umstände schuld sind. Dass der Körper einfach nicht mitmacht. Dabei wäre der erste Schritt zur Veränderung, ehrlich hinzuschauen und sich zu fragen: Was tue ich mir selbst eigentlich jeden Tag an?
Nicht um Schuldgefühle zu erzeugen. Im Gegenteil. Bewusstsein bedeutet nicht, sich für seine Krankheit zu verurteilen. Es bedeutet, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, mit Mitgefühl und Achtsamkeit, statt mit Selbstanklage oder Selbstverurteilung.
 
Heilung braucht Bewusstsein.
Bewusstsein dafür, wie wir mit unserem Körper umgehen.
Bewusstsein für unsere Gedanken und inneren Überzeugungen.
Bewusstsein für unsere Gefühle und das, was wir schon lange verdrängen. Bewusstsein für unsere Grenzen, unsere Bedürfnisse und unsere Entscheidungen. Und auch Bewusstsein dafür, welche Gewohnheiten uns stärken und welche uns immer wieder von uns selbst entfernen und uns schwächen.
 
Wie soll Heilung stattfinden, während wir gleichzeitig jeden Tag etwas tun, das unsere Heilung verhindert?
Wir wünschen uns Ruhe und leben ständig im Stress.
Wir wünschen uns Energie und rauben unserem Körper den Schlaf. Wir wünschen uns Gesundheit und ignorieren die Signale unseres Körpers. Wir wünschen uns inneren Frieden und halten an Konflikten, Ängsten oder alten Mustern fest. Wir wünschen uns Veränderung, wollen aber unsere Gewohnheiten nicht verändern. Das ist menschlich. Veränderung ist nicht einfach. Viele Verhaltensweisen haben einen Grund. Sie können uns irgendwann geholfen haben, mit Schmerz, Angst, Überforderung oder schwierigen Erfahrungen umzugehen. Aber was uns einmal geholfenhat, kann uns jetzt schaden. Deshalb bedeutet Heilung auch, ehrlich zu werden. Nicht nur darüber, was mit uns passiert, sondern auch darüber, wie wir mit uns selbst dabei umgehen.
Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch seine Krankheit selbst verursacht hat. Krankheit ist komplex und hat viele Ursachen, die wir nicht kontrollieren können. Aber wir können lernen, bewusster wahrzunehmen, was in unserer eigenen Verantwortung liegt. 
 
Heilung beginnt mit dem ehrlichen Moment, in dem wir aufhören, uns selbst zu belügen und uns auszuweichen.
Wenn wir anfangen hinzusehen, statt zu verdrängen.
Wenn wir anfangen zuzuhören, statt die Signale unseres Körpers zu übergehen und zu betäuben.
Wenn wir anfangen zu fühlen, statt zu verdrängen.
Wenn wir anfangen, uns selbst nicht länger als Gegner zu behandeln.
Heilung ist ein Weg zurück zu uns selbst.
 
Und dieser Weg kann Ernährung beinhalten. Bewegung. Therapie. Medizin. Schlaf. Ruhe. Natur. Beziehungen. Grenzen. Emotionale Arbeit. Veränderung von Gewohnheiten. Vor allem aber: die Bereitschaft, bewusst udn radikal ehrlich hinzusehen. Gesundheit bedeutet nicht nur, dass keine Symptome mehr da sind. Es bedeutet auch, zu lernen, wie wir mit uns selbst leben wollen.
 
 
Angelika Wende

Sonntag, 23. August 2026

Weil ich endlich geliebt sein will: Aus der Innenwelt einer Co-Abhängigkeit

 



Manche meiner Leser hier, haben mein Buch vielleicht schon gelesen. Dafür möchte ich heute einfach einmal von Herzen Danke sagen, für euer Vertrauen, eure Rückmeldungen und dafür, dass ihr euch auf dieses sensible und tiefgehende Thema eingelassen habt. Jede einzelne Rückmeldung bedeutet mir sehr viel. 
 
„Weil ich endlich geliebt sein will.“
Dieser Satz ist der Titel meines Buches und er beschreibt für mich sehr viel von dem, was hinter Co-Abhängigkeit steht. Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich dieses Thema nicht nur aus psychologischer Perspektive kenne, sondern aus meiner eigenen Erfahrung.
Co-Abhängigkeit entsteht häufig dort, wo wir uns immer stärker mit den Gefühlen, Bedürfnissen und Problemen eines anderen Menschen verstricken. Wir spüren, was der andere braucht, übernehmen Verantwortung für seine Gefühle, versuchen Konflikte zu vermeiden, helfen, versuchen zu retten und halten aus. Und während wir immer mehr für den anderen tun verlieren wir uns selbst. Aus Fürsorge wird Selbstaufgabe. Aus Verbundenheit wird emotionale Verstrickung. Und irgendwann fällt es schwer zu unterscheiden: Was fühle eigentlich ich? Was brauche ich? Wo enden die Bedürfnisse des anderen und wo beginnen meine eigenen? Ich kenne diese Dynamik aus meinem eigenen Leben. Deshalb war es mir wichtig, in meinem Buch nicht psychologisches Wissen zu vermitteln, sondern meine persönlichen Erfahrungen und Erkenntnisse.
 
Co-Abhängigkeit ist kein persönliches Versagen.
Co-Abhängigkeit kann grundsätzlich jeden treffen, weil sie weniger eine bestimmte Persönlichkeit beschreibt als ein Beziehungsmuster, das sich unter bestimmten Bedingungen entwickeln kann. Häufig entsteht sie dort, wo wir uns immer stärker mit den Gefühlen, Bedürfnissen, Problemen oder der Sucht eines anderen Menschen verstricken. Oft sind es zudem erlernte Beziehungsmuster, die einmal geholfen haben, Nähe, Sicherheit oder Anerkennung zu bekommen. Der Weg aus der Co-abhängigkeit beginnt deshalb nicht mit Selbstvorwürfen, sondern mit Verständnis, Selbstmitgefühl, Bewusstheit und dem Mut, uns selbst wieder wichtig zu nehmen.
 
Dieses Buch liegt mir sehr am Herzen.
Es ist ein Buch über Verstrickung, Selbstverlust, Selbstwert und den Weg zurück zu sich selbst. Wenn du dich in diesen Worten wiedererkennst, schau dir mein Buch gerne an. Vielleicht findest du darin Gedanken, die etwas in dir bewegen. Und wenn du jemanden kennst, der sich ständig um andere kümmert und sich dabei selbst immer mehr verliert, teile diesen Beitrag gerne. Vielleicht ist dieses Buch der Impuls, den jemand gerade braucht.
 
Du musst dich nicht selbst verlieren, nur weil du geliebt sein willst.

Samstag, 22. August 2026

Innerer Frieden

 



Was bedeutet innerer Frieden für mich? 
Diese Frage stelle ich mir an diesem Morgen, nach einem Vorfall, der mich zutiefst schockiert und befremdet hat. Für mich bedeutet innerer Frieden, mit mir selbst im Einklang zu sein. Das bedeutet nicht, dass ich keine Sorgen, Ängste oder Probleme habe. Vielmehr bedeutet es, trotz all dem einen ruhigen Ort in mir zu bewahren und ihn zu schützen. Einen Ort, an dem ich ich selbst sein kann, ohne Erwartungen zu erfüllen oder mir selbst und anderen etwas beweisen zu müssen und ohne alles oder jeden verstehen zu müssen. 
 
Oft verlieren wir unseren inneren Frieden, weil wir zu sehr nach außen schauen. 
Wir denken darüber nach, wie es anderen geht, was andere über uns denken, machen uns Sorgen über Dinge, auf die wir keinen Einfluss haben, oder versuchen zu kontrollieren, was wir nicht kontrollieren können. Dabei vergessen wir, auf uns selbst zu hören. Wir vergessen, uns selbst wahrzunehmen. Oder wir nehmen etwas wahr und verdrängen oder beschönigen es, weil wir glauben, dass wir es nicht einfach loslassen können.  Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, meinen inneren Frieden zu schützen. Ich habe gelernt, schneller loszulassen, was mir nicht guttut oder mich zu viel Energie kostet. Nicht jeder Streit muss gewonnen, nicht jede Meinung beantwortet und nicht jedes Problem gelöst werden. Nicht jeder muss mich mögen, und ich muss mich nicht verbiegen, um gemocht zu werden. Ich muss mich nicht erklären oder rechtfertigen, wenn ich etwas sage oder fühle, nur weil andere damit nicht umgehen können.
 
Manchmal bedeutet Frieden auch, bewusst zu sagen: Das lasse ich nicht mehr an mich heran. Ich lasse es sein. Diese Situation, diesen Menschen, diesen Gedanken, ich lasse los. Denn was mir nicht guttut und sich nicht gut anfühlt, kostet mich nicht nur Kraft, sondern auch meinen inneren Frieden. Und je älter ich werde, desto bewusster wird mir, wie kostbar er ist. Kostbarer als vieles, was ich im Außen finden kann. Innerer Frieden ist für mich keine Flucht vor der Welt. Es ist die Fähigkeit, inmitten all des Lärms bei mir selbst zu bleiben. Ich kann nicht bestimmen, was in meinem Leben passiert, ich kann andere nicht ändern, aber ich kann entscheiden, welchen Einfluss die Dinge auf mich haben. Und darin liegt für mich innere Freiheit. Ich darf meiner Wahrnehmung vertrauen. Sie erinnert mich daran, auf mich selbst zu hören und mich nicht zu verlieren, egal, was um mich herum geschieht. Ich bleibe bei mir, um meines inneren Friedens willen.
 

„Jene, die den Weg der Achtsamkeit gehen,
Haften nicht an Orten, Menschen, Dingen,
Wie Schwäne erheben sie sich vom See,
Lassen Orte, Menschen, Dinge los.“


Buddha


Freitag, 21. August 2026

Ein Versuch von Leben




 
Alles Liebe“ heißt Ronja von Rönnes neues Buch.
Nur dass von Liebe in diesem Buch nicht die Rede ist, eher vom Geliebtwerdenwollen, was den Protagonisten aber nicht gelingt, obwohl sie einiges dafür tun und vieles dafür halten.
Es geht um Selbstlügen, ums Anlügen, um Lebenslügen. Die Menschen in den Geschichten sind erbärmlich, verzweifelt, neurotisch, depressiv, größenwahnsinnig, frustriert, resigniert, mutlos, verbittert, obsessiv und alle sind auf ihre eigene Weise einsam. Sie alle sind Menschen, die nebeneinanderher leben, geliebt werden wollen und doch nicht wissen, wie man sich selbst und anderen wirklich nahekommt. Und sie alle haben ihre Strategien, mit denen sie versuchen, ihren Mangel an Liebe zu kompensieren.
 
Sie leiden unter ihren Lebensumständen, tragen aber gleichzeitig selbst dazu bei, dass sich diese Umstände immer weiter verfestigen. Sie leben nicht wirklich, sondern reagieren nur noch auf ihr eigenes, immer enger werdendes Konstrukt von Wirklichkeit. Ihr Leben ist ein Drüberleben, ein Versuch von Leben, der am Ende scheitert. Sie schaffen sich ihre eigene Wirklichkeit, die bisweilen so absurd, befremdlich und grotesk daherkommt, dass sie einem trotz ihrer Erbärmlichkeit nicht einmal leidtun. Sie werden nicht erklärt. Man muss sie aushalten. Sie sind Opfer, die zu Tätern werden, Opfer, die es nicht schaffen, aus dem Hamsterrad auszusteigen und Eigenverantwortung zu übernehmen, und stattdessen einen Kampf gegen sich selbst führen, den sie am Ende nicht gewinnen. Und irgendwie wird man beim Lesen den Eindruck nicht los, dass sie alle in die Psychiatrie gehören, damit ihnen geholfen werden kann. 
 
Ronja von Rönne beschreibt das stille Leid ihrer Figuren mit einer an Empathielosigkeit grenzenden Distanz. Jedem von ihnen widmet sie ein Kapitel und überschreibt es mit dem Vornamen ihrer trostlosen Heldinnen und Helden. Sie bewertet nicht, interpretiert nicht, psychologisiert nicht. Sie beobachtet und beschreibt. Gerade dadurch werden ihre Figuren so unangenehm wirklich. "Alles Liebe" ist ein ziemlich liebloses Buch. Und am Ende fragt man sich, ob es solche lieblosen Leben wirklich gibt. Ja, es gibt sie. Und gerade das macht das Buch noch trostloser, weil es eine Wirklichkeit abbildet, die sich Tag für Tag hinter verschlossenen Türen abspielt.

Dienstag, 18. August 2026

Wenn niemand mehr da ist, der uns sieht

 



„Was ist ein Leben noch wert, wenn ein Mensch vollkommen allein ist und niemanden mehr hat?“, fragte mich gestern eine verzweifelte Klientin. Im Laufe der letzten zwei Jahre hat sie alle Menschen verloren, die ihr etwas bedeutet haben. Ich kann mit ihr fühlen. Auch ich habe wichtige Menschen in meinem Leben verloren. Auch ich kenne Momente, in denen die Frage auftaucht: Was bleibt, wenn die Menschen fehlen, die meinem Leben Bedeutung gegeben haben? Das ist eine zutiefst existenzielle Frage.
 
Wenn ein Mensch vollkommen allein ist, kann sich das Leben tatsächlich wertlos anfühlen. 
Wenn Alleinsein zu Einsamkeit wird, kann diese Einsamkeit das eigene Selbstbild verändern. Man fühlt sich verlassen, überflüssig, bedeutungslos, vergessen und nicht mehr gebraucht. Der Blick auf das eigene Leben wird enger. Was gestern noch selbstverständlich wertvoll erschien, kann plötzlich leer wirken. Doch das Gefühl von Wertlosigkeit ist nicht dasselbe wie tatsächliche Wertlosigkeit. Ein Mensch kann sich wertlos fühlen, ohne wertlos zu sein. Das klingt wie eine einfache Unterscheidung. Für einen Menschen in tiefer Einsamkeit ist sie jedoch schwer zu spüren. Einsamkeit ist nicht bloß ein Gedanke. Sie ist ein schmerzhafter emotionaler Zustand. 
 
Wir Menschen sind soziale Wesen. 
Wir brauchen Resonanz, Nähe, Zugehörigkeit, Berührung, Blickkontakt und das Gefühl, für jemanden Bedeutung zu haben. Beziehungen helfen uns dabei, uns selbst zu erkennen, zu entwickeln und zu regulieren. Das Ich braucht das Du. Deshalb würde ich einem einsamen Menschen niemals sagen: Du brauchst keine anderen Menschen. Dein Leben hat auch allein genügend Wert. Das klänge zwar philosophisch, könnte aber menschlich etwas völlig anderes vermitteln, nämlich, dass sein Bedürfnis nach Nähe ein Zeichen von Abhängigkeit oder Bedürftigkeit sei. Das ist es nicht. Der Wunsch nach Verbundenheit ist kein Defizit. Er gehört zu unserem Menschsein.
 
Wenn wir uns wertlos fühlen, weil wir niemanden mehr haben, zeigt das nicht, dass wir tatsächlich wertlos sind. Es zeigt wie sehr uns Beziehung fehlt. Einsamkeit ist ein Gefühl, und dieses Gefühl verweist auf ein zutiefst menschliches Bedürfnis.
Was aber bleibt, wenn niemand mehr da ist?
Was ist mit einem Menschen, der tatsächlich niemanden mehr hat? Kann ein Leben seinen Wert verlieren, wenn es nicht mehr gesehen, geliebt oder gebraucht wird?
Sicher nicht.
 
Der Wert eines Menschen hängt nicht ausschließlich davon ab, ob andere ihn bestätigen. Er ist nicht an Status, Beziehungen, Leistung oder gesellschaftlichen Nutzen gebunden. Ein Mensch ist nicht erst dann wertvoll, wenn jemand anderes ihn wertvoll findet. Er ist da. Er erlebt. Er fühlt. Er denkt. Er erinnert sich. Er nimmt wahr. Er kann etwas erschaffen, etwas betrachten, sich selbst begegnen. Das bedeutet nicht, dass Existieren sich immer wertvoll anfühlt.
 
Genau hier liegt der entscheidende Unterschied.
Der objektive oder philosophisch angenommene Wert eines Lebens und das subjektive Gefühl, dass dieses Leben wertvoll ist, sind nicht dasselbe. Ein Mensch besitzt einen unverlierbaren Wert besitzen und kann sich gleichzeitig vollkommen wertlos fühlen. Und manchmal ist genau diese Diskrepanz kaum auszuhalten.
 
Kann Einsamkeit einen Menschen zerstören?
Die Antwort ist komplizierter, als „Ja“ oder „Nein“.
Chronische Einsamkeit und soziale Isolation können die psychische und körperliche Gesundheit erheblich belasten. Sie können mit Depressionen, Angst, Schlafproblemen, Sucht, kognitiven Beeinträchtigungen und anderen gesundheitlichen Problemen verbunden sein. Für viele Menschen ist dauerhafte Beziehungslosigkeit eine enorme Belastung. Aber Belastung bedeutet nicht zwangsläufig Zerstörung. Wir Menschen besitzen eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Anpassung. Wir können innere Strukturen entwickeln, Erinnerungen bewahren, Beziehungen innerlich weiterführen, mit uns selbst sprechen, imaginieren, schreiben, beten, Musik hören, Kunst betrachten oder schaffen, in der Natur sein und uns sinnhafte Aufgaben geben. All das ersetzt Beziehung nicht. 
 Ein Gespräch mit uns selbst ist kein Ersatz für eine Umarmung. Eine Erinnerung ist keine gegenwärtige Beziehung. Selbstgenügsamkeit ersetzt keine Zugehörigkeit. Aber diese inneren Ressourcen können helfen, eine Zeit zu überstehen, in der äußere Verbindung fehlt.
 
Was, wenn ich für immer allein bleibe?, fragt meine Klientin weiter. Was, wenn es keine Beziehung mehr gibt? Was, wenn niemand mehr meinem Leben zusieht? Was, wenn mich niemand mich braucht und niemand sich an mich erinnert?
Selbst dann bliebe eines bestehen: Ihr Erleben. Schmerz wäre weiterhin Schmerz. Freude wäre weiterhin Freude. Ein Gedanke wäre weiterhin ein Gedanke. Eine Entscheidung wäre weiterhin eine Entscheidung. Ihre Wirklichkeit würde nicht dadurch unwirklich, dass niemand sie bezeugt.
 
Das kann beängstigend sein. Zugleich kann darin eine besondere Form von Freiheit liegen: die Freiheit, uns nicht ausschließlich über die Blicke anderer zu definieren.
Doch diese Freiheit bedeutet nicht, dass andere Menschen unwichtig werden. Im Gegenteil. Gerade weil wir frei sind, dürfen wir entscheiden, dass Beziehungen für uns wichtig sind. Wir dürfen entscheiden, dass wir Nähe brauchen. Wir dürfen uns neuen Begegnungen öffnen. Freiheit bedeutet nicht, niemanden zu brauchen. Sie bedeutet auch, anerkennen zu können, was wir brauchen.
 
Nicht jede Einsamkeit muss in eine philosophische Erkenntnis verwandelt werden. Nicht jeder Schmerz braucht sofort einen Sinn. Manchmal ist Einsamkeit einfach nur schmerzhaft.
Aber wir können entscheiden, wie wir uns zu ihr verhalten.
Ich bin allein, aber ich bin nicht wertlos. Ich habe Menschen verloren, aber ich habe dadurch nicht meine Fähigkeit verloren zu lieben. Ich kann die Vergangenheit nicht zurückholen, aber ich weiß noch, was Beziehung für mich bedeutet. Und dieser Schmerz der Einsamkeit zeigt mir, wonach ich mich sehne.
 
Es ist keine Lösung Einsamkeit zu romantisieren.
Es wäre eine gefährliche Vereinfachung zu sagen: Du brauchst niemanden. Lerne einfach, dir selbst zu genügen, dich selbst zu lieben. Selbstliebe bedeutet nicht, ich kann auf die Liebe von anderen verzichten. Wir dürfen uns nach Liebe sehnen. Wir dürfen anerkennen, dass ein Leben ohne Beziehungen für uns persönlich schwer vorstellbar ist. Und trotzdem bleibt unser Wert bestehen, wenn das gerade fehlt. Genau das ist der entscheidende Punkt: Mein Leben ist nicht wertvoll, nur weil jemand anderer mir dabei zusieht, aber gerade weil mein Leben wertvoll ist, darf ich mir wünschen, wieder jemanden an meiner Seite zu haben.Das eine hebt das andere nicht auf.
Und auch wenn ein Mensch in diesem Moment überzeugt ist, dass niemand mehr kommen wird, ist das eine Aussage über seine gegenwärtige Erfahrung und nicht notwendigerweise eine zuverlässige Beschreibung seiner Zukunft.
 
Vielleicht liegt darin die existenzielle Herausforderung: Wenn mich niemand mehr jemals sehen würde, würde es für mich selbst einen Unterschied machen, wie ich lebe?
Ich habe auf diese Frage noch keine endgültige Antwort. Ich muss sie auch nicht endgültig beantworten. Für mich besteht die Herausforderung nicht darin, meiner Klientin zu beweisen, dass sie niemanden braucht, sondern darin, anzuerkennen: Ich brauche Menschen. Und trotzdem bin ich auch dann nicht wertlos, wenn gerade niemand da ist. Ich darf traurig über Verluste sein, ohne daraus zu schließen, dass mein eigenes Leben mit diesen Verlusten ebenfalls verloren gegangen ist. Ich darf meine Vergangenheit lieben, ohne in ihr leben zu müssen. Und ich darf entscheiden, wie ich mit dem umgehen möchte, was mir geblieben ist. Ich kann mich auf die Suche nach neuer Verbindung machen. Und vielleicht kann ich sogar lernen, mir selbst für eine Weile gute Gesellschaft zu leisten, ohne daraus eine endgültige Lebensform machen zu müssen.
 
Der Wert eines Lebens verschwindet nicht dadurch, dass Beziehungen verschwinden. 
Aber der Mensch, der zurückbleibt, braucht deshalb nicht weniger Unterstützung, sondern umso mehr. Wir sollten beides gleichzeitig halten können. Ein Mensch besitzt seinen Wert unabhängig davon, ob ihn jemand sieht. Und ein Mensch braucht Verbindung.
Das ist kein Widerspruch. Wir sind autonome Wesen und zugleich aufeinander angewiesen. Wir können uns selbst begegnen und brauchen dennoch andere. Wir können einen eigenen Sinn entwickeln und uns trotzdem danach sehnen, diesen Sinn mit anderen zu teilen. Wir sind auch allein wertvoll und dürfen uns trotzdem wünschen, nicht allein zu bleiben.
Das Leben ist nicht erst dann wertvoll, wenn uns jemand dabei zusieht. Aber es ist leichter, wenn jemand sagt: Ich sehe dich. Und vielleicht ist das am Ende die Antwort, die wir einander geben können. Nicht: Du brauchst niemanden. Sondern: Du bist auch dann wertvoll, wenn du gerade niemanden hast. Und du musst mit deinem Schmerz nicht allein bleiben.

Montag, 17. August 2026

Am Ende finden wir uns nicht, wir werden

 

                                                                  Malerei: A.W.
 
 
Manche von uns haben die Vorstellung, dass irgendwo in uns eine feststehende Version unseres wahren Ichs existieren, ein unverfälschtes, wahres Selbst, das nur darauf wartet, entdeckt zu werden. Also suchen wir. Wir hinterfragen unsere Entscheidungen, unsere Beziehungen, unsere Ziele. Wir fragen uns, wer wir wirklich sind. Wir machen unendlich viele Verrenkungen um endlich dieses wahre Selbst zu finden. Aber der Mensch ist kein Rätsel, dessen Lösung tief in seinem Inneren verborgen liegt. Unsere Persönlichkeit ist kein unveränderlicher Kern, den wir irgendwann vollständig freilegen. Sie entsteht in einem ständigen Wechselspiel zwischen dem, was wir erlebt haben, dem, was uns geprägt hat, was wir im Laufe der Zeit erleben und dem, was wir daraus machen. Wir sind nicht nur das Ergebnis unserer Vergangenheit. Wir sind auch das Ergebnis unserer Entscheidungen, unserer Reaktionen und der Richtung, in die wir unser Leben lenken.
 
Wir tragen Dinge in uns, die wir nicht selbst gewählt haben. 
Unser Temperament, unsere frühen Erfahrungen, unsere Verletzungen, unsere Bedürfnisse und unsere Ängste. Vieles davon entsteht, bevor wir überhaupt die Möglichkeit haben, bewusst darüber zu entscheiden. Manche Prägungen begleiten uns ein Leben lang. Aber keine Prägung muss unsere endgültige Identität bestimmen.
Persönliche Entwicklung bedeutet für mich, zwischen dem zu unterscheiden, was mich geprägt hat, und dem, was mich definieren soll. Nicht jede Angst muss Teil meiner Identität bleiben. Nicht jede Verletzung muss bestimmen, wie ich liebe. Nicht jede Erwartung, die andere an mich gestellt haben, muss zu meinem eigenen Lebensentwurf werden.
 
Sich selbst zu finden bedeutet deshalb nicht zwangsläufig, krampfhaft eine verborgene Wahrheit über ein Selbst aufzudecken. Es bedeutet, mich selbst immer bewusster zu gestalten.
Es gibt keine endgültige Version von uns, die wir eines Tages erreichen. Wir verändern uns, wenn wir lieben. Wir verändern uns, wenn wir verlieren. Wir verändern uns, wenn wir scheitern, Grenzen setzen oder den Mut finden, etwas Neues zu beginnen. Menschen bringen Seiten in uns zum Vorschein, von denen wir vorher nichts wussten. Einschneidende Erfahrungen zerstören manchmal ein Selbstbild, an dem wir jahrelang festgehalten haben. Und all das ist der Raum für ein ehrlicheres und bewussteres Selbstverständnis.
 
Man selbst werden bedeutet für mich nicht, irgendwann herauszufinden, wer man wirklich ist. Es bedeutet, Verantwortung dafür zu übernehmen, wer man werden will. 
Die Vergangenheit erklärt, warum wir heute so sind. Sie entscheidet aber nicht darüber, wer wir morgen sein werden. Wir können unsere Geschichte nicht auslöschen. Wir können nicht jede Prägung abschütteln und nicht jede Wunde durch Willenskraft überwinden. Aber wir können entscheiden, welche Bedeutung wir dem Erlebten geben und welchen Einfluss es auf unser weiteres Leben haben soll. Wer sein ganzes Leben damit verbringt, sich selbst zu finden, übersieht dabei, dass man sich nicht unbedingt finden, sondern entwickeln darf. Wer ein Leben lang nach sich selbst sucht, wartet auf eine Antwort, die außerhalb von ihm liegt. Auf eine Eingebung, einen Moment des Erwachens, in dem plötzlich alles einen Sinn ergibt und man endlich weiß, wer man wirklich ist. Doch dieses Erwachen kommt vielleicht nicht und vielleicht ist dieses Erwachen auch wieder nur eine Illusion des Geistes, der nach sich selbst sucht. 
 
Das Selbst ist keine verborgene Wahrheit, die darauf wartet, entdeckt zu werden. 
Es entsteht in dem Moment, in dem wir aufhören zu suchen und beginnen, bewusst zu entscheiden, wer wir sein wollen. Für mich besteht die eigentliche Freiheit nicht darin, irgendwann endgültig herauszufinden, wer ich wirklich bin. Sie besteht darin, mich immer wieder bewusst zu fragen: Wer möchte ich von hier an sein?
Am Ende finden wir uns nicht, wir werden.

Samstag, 15. August 2026

Das Gewicht des Todes

 

                                                                 Malerei: A.W.

 
 
Einer sagte zu mir: "Der Tod ist und bleibt immer der letzte und eigentliche Prüfstein."
Nein, der Tod ist für mich nicht der letzte und eigentliche Prüfstein des Lebens. Für mich liegt sein eigentliches Gewicht vielmehr darin, dass wir von ihm wissen. Der Mensch ist nicht nur ein Wesen, das irgendwann stirbt, er ist ein Wesen, das weiß, dass es sterben wird. Dieses Wissen begleitet ihn durch sein ganzes Leben, bewusst oder unbewusst. Der Tod ist nicht nur ein Ereignis am Ende des Lebens, sondern eine Möglichkeit, die bereits in jedem Augenblick gegenwärtig ist.
Es ist dieses Wissen um die eigene Endlichkeit, das dem Leben seine eigentümliche Spannung verleiht. Wir wissen, dass unsere Zeit begrenzt ist, und dennoch leben wir so, als hätten wir unendlich viel davon. Wir planen, verschieben, hoffen, warten auf Dinge die wir uns wünschen, wir scheitern und beginnen neu. Zugleich liegt über all dem die innere Gewissheit, dass wir irgendwann nichts mehr aufschieben, nichts mehr neu beginnen können. Der Tod wirkt somit schon im Leben, obwohl er noch nicht eingetreten ist. Vielleicht ist deshalb auch nicht der Tod selbst das eigentlich Beängstigende, sondern die Angst vor ihm. Diese Angst durchzieht das Leben, ohne dass wir uns ihrer bewusst sind. Wenige Menschen denken ständig über den Tod nach. Es wäre wohl auch unheilsam, denn in Anbetracht des Todes verschieben sich die Dinge. Sie werden kleiner oder größer. Bedeutungsvoller oder bedeutungsloser. Sie verlieren ihr Maß.
 
Wir verdrängen den Tod also, beschäftigen uns, suchen Sicherheit, Beziehungen, sammeln Erfahrungen und geben unserem Leben einen Sinn.  
Vieles von dem, was wir tun, könnte auch als Antwort auf unsere Endlichkeit verstanden werden. Wir versuchen, innerhalb unserer begrenzten Zeit etwas zu bewahren, etwas zu erfahren, etwas zu gestalten und zu verwirklichen. Wir lieben, wir wachsen, wir scheitern, wir werden zu dem, was wir sind, oder wir bleiben hinter dem zurück, was wir hätten werden können. Wir erleben ein Leben und wir erleben uns selbst in diesem Leben. Wir entfalten uns selbst oder auch nicht. Und wofür, könnte man sich fragen. Um am Ende all das loslassen zu müssen? Was war das dann? Was bleibt dann? Und warum möchten wir, das etwas bleibt? Etwas von uns, eine Spur unter all den Spuren, die im Sand verrinnen. Etwas was nicht der Auslöschung anheimfällt. 
 
Die Angst vor dem Tod ist so viel mehr als die Angst vor dem bloßen Nichtsein. 
In der Todesangst sammeln sich viele Ängste. Der Tod ist Behälter für so viele Ängste. Die Angst vor dem Verlust geliebter Menschen, vor der Trennung von allem Vertrauten, vor der Einsamkeit, dem Verlassensein, vor dem Ende aller Möglichkeiten und vor dem Unbekannten. Auch für die Frage: Habe ich mein Leben tatsächlich so gelebt, wie ich es hätte leben wollen? Habe ich so gelebt, dass es mir entspricht? Dass ich mich in meinem eigenen Leben wiedererkenne? Eine Frage, die gegen Ende des Lebens immer dringlicher wird.
In diesem Sinne ist nicht der Tod selbst, sondern das Wissen um den Tod ein Prüfstein, der nicht erst am Ende erscheint. Der Tod begleitet unser Leben von Anfang an. Er ist da sobald wir den ersten Atemzug machen. Er ist unser ständiger unsichtbarer Begleiter. Es stellt unsere Entscheidungen, unsere Prioritäten und unsere Vorstellungen von Sinn unter einen Horizont der Endlichkeit. Gerade weil unsere Zeit begrenzt ist, bekommt das, womit wir sie füllen, überhaupt erst Gewicht.
 
Darin liegt das Paradoxe: Der Tod bestimmt unser Leben, obwohl er noch nicht da ist. Er ist Abwesenheit und zugleich ständige Gegenwart. 
Er steht am Ende unserer Existenz, wirkt aber in ihren Anfang, ihre Mitte, in ihr Ende hinein. Und vielleicht besteht die eigentliche Aufgabe nicht darin, die Angst vor dem Tod zu überwinden, sondern zu verstehen, was sie uns über unser Leben erzählt. Somit ist der Tod nicht der letzte Prüfstein, an dem sich am Ende entscheidet, ob ein Leben gelungen ist. Das eigentliche Prüfende ist vielmehr das Wissen um die Endlichkeit selbst. Dieses Wissen begleitet uns durch jeden Tag und stellt immer wieder dieselbe Frage: Was bedeutet es für mich, dieses begrenzte Leben zu leben, obwohl ich weiß, dass ich es eines Tages verlieren werden?
Die Frage ist nicht, ob sie gestellt wird. Sie ist längst da.
Die Frage ist, ob wir sie hören. 
 
 

Angelika Wende

www.wende-praxis.de