Gestern saß ich in einem Café, als mich eine Frau ansprach. Sie sah mich an und sagte: „Sie haben die Energie von etwas Gutem und Lichtvollem. Ich spüre das.“
Ihre Worte berührten etwas in mir. Vielleicht deshalb, weil ich diese Sehnsucht nach Licht, Güte und innerer Verbundenheit in mir spüre. Für einen Moment entstand durch diese Worte das Gefühl, gesehen zu werden. Nicht äußerlich, sondern auf einer tieferen Ebene. Die Frau wirkte warm, offen und spirituell zugänglich. Ich empfand Sympathie und ließ mich auf ein Gespräch mit ihr ein. Im Laufe dessen empfahl sie mir ein Buch. Sie stellte eine Verbindung zwischen dem inneren Licht, das sie in mir wahrgenommen haben wollte, und diesem Buch her, so, als könne es mir den Weg zu genau jenem Licht eröffnen.
Wieder zu Hause, las ich online eine Leseprobe.
Dann kam der Schock. Statt Licht, Liebe und innerer Freiheit begegnete mir eine Welt von unerbittlichen Schöpfungsgesetzen, absoluten Wahrheiten, Drohungen, Gericht und Strafe. Wo ich Offenheit erwartet hatte, empfand ich Enge. Wo ich Licht erwartet hatte, spürte ich Dunkelheit. Und wo ich Liebe vermutet hatte, begegnete mir etwas, das in mir Beklemmung auslöste.
Ich saß vor diesem Text und fühlte einen tiefen Widerspruch.
Das warme Gefühl im Café, meine Sympathie für diese Frau, das Gefühl, von ihr auf eine besondere Weise erkannt worden zu sein, war nun untrennbar mit dem Buch verbunden, das in mir genau das Gegenteil auslöste: Unbehagen.
Ich fragte mich: Wie kann jemand, der diese gruselige Welt malt, ein Licht sein, von dem diese Frau gesprochen hat?
Und ich fragte mich: Woran erkennen wir eigentlich, was heilsam ist? Nicht jede warme Begegnung ist echt. Und nicht jedes Wort von Licht, Liebe oder Wahrheit trägt diese Dinge auch in sich.
Als ich etwas Abstand gewann, begann ich die Begegnung aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Ich fragte mich, ob die anfängliche spirituelle Schmeichelei, bewusst oder unbewusst, eine Tür öffnen sollte, durch die anschließend eine bestimmte Weltanschauung in mein Denken Eintritt finden sollte.
In der Psychologie und in der Sektenaufklärung wird beschrieben, wie stark positive Bestätigung und persönliche Spiegelung sein können. Es ist eine Form gezielter spiritueller Schmeichelei, ähnlich wie das Love Bombing des Narzissten.
Das Muster ist subtil:
Zuerst wird etwas in uns angesprochen, nach dem wir uns vielleicht schon lange sehnen. „Du bist Licht."
Solche Worte können das Herz öffnen.
Sie geben uns das Gefühl, erkannt und verstanden zu werden. Und genau dadurch entsteht Vertrauen. Erst danach wird die Verbindung zu einer bestimmten Lehre, einem Buch oder einer Weltanschauung hergestellt. Die unterschwellige Botschaft lautet dann: „Weil du so lichtvoll bist, ist dieses Buch genau das Richtige für dich.“ Die Falle zeigt sich erst im nächsten Schritt: Als ich in das Buch hineinlas, fand ich alles andere als dieses Licht. Ich fand eine strenge, angsteinflößende Welt.
Diese Erkenntnis macht mich traurig. Wieder einmal habe ich erlebt, wie manipulativ Menschen sein können. Doch gleichzeitig bin ich dankbar für mein gesundes Bauchgefühl. Es hat sofort Alarm geschlagen, als die Diskrepanz zwischen der gespielten Wärme und der Kälte des Buches fühlbar wurde. Und das ist ein wichtiger Teil geistiger Freiheit: die Fähigkeit, innezuhalten, selbst dann, wenn uns etwas als eine schöne Wahrheit präsentiert wird. Spiritualität bedeutet nicht, alles zu glauben, was sich spirituell anhört. Sie bedeutet auch, selbst zu prüfen. Dass wir nicht nur danach fragen, was eine Lehre verspricht, sondern danach, was sie in uns auslöst.
Wahres Licht muss nicht behaupten, dass es Licht ist.
Man erkennt es daran, was es in uns an Gefühl entstehen lässt. Es braucht keine angsteinflößenden Dogmen und kein Buch der Welt, um unser inneres Licht zu spüren. Jeder der mit solchen Dogmen arbeitet ist gefährlich. Sie sprechen von Licht, Liebe und Wahrheit, nutzen aber als treibende Kraft Angst und Drohung. Und genau das, ist die eigentliche Erkenntnis dieser seltsamen Begegnung. Ich wurde in meinem Gefühl bestätigt. Ich muss mein inneres Licht nicht dort suchen, wo jemand anderes behauptet, den Weg dorthin zu kennen. Das Licht, nach dem wir suchen ist viel näher, als wir denken. Es zeigt sich nicht in großen Worten, nicht in Dogmen und schon gar nicht in der Angst vor einem kommenden jüngsten Gericht. Es zeigt sich in unserer Fähigkeit, frei zu denken, zu fühlen, zu lieben und unserer inneren Wahrheit zu vertrauen.
Ich habe an diesem Tag nicht das Licht gefunden, das mir die Frau "verkaufen" wollte. Aber ich habe etwas anderes gefunden: die Gewissheit, dass ich mein eigenes Licht nicht an eine fremde Wahrheit abgeben muss. Und vielleicht beginnt genau dort wahre Spiritualität, nicht im blinden Glauben an das, was uns jemand erzählt, sondern im Vertrauen auf unser eigenes inneres Licht, das wir manchmal nur nicht sehen können.
Angelika Wende
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