Mittwoch, 30. September 2026

Wenn die Welt nicht antwortet – Sinn, chronische Einsamkeit und Resonanz

 

Foto: A.W.

 
Viktor Frankls Gedanke vom „Willen zum Sinn“ gehört zu den eindringlichsten Antworten auf die Frage, was den Menschen trägt. Der Mensch, so Frankl, sucht einen Sinn, eine Aufgabe, einen Grund, der sein Dasein auf etwas hin öffnet. Selbst unter schwierigen Bedingungen bleibt ihm, so Frankl, ein Raum der Freiheit: die Möglichkeit, zu seiner Situation Stellung zu nehmen. Dieser Gedanke hat eine große Kraft. Aber er ist kein Rezept für jede Form menschlicher Not. Gerade die chronische Einsamkeit macht eine Grenze sichtbar, die eine zu individualistische Auslegung des Willens zum Sinn leicht übersieht. Der Mensch ist nicht nur ein Wesen, das sich zu seiner Welt verhält. Er ist auch ein Wesen, das auf Antwort angewiesen ist. Er braucht nicht nur etwas, wofür er lebt. Er braucht auch ein Gegenüber, für das und mit dem er lebt. Frankls Aufforderung: „Nicht, was erwarte ich vom Leben?, sondern: Was erwartet das Leben von mir?“ klingt zunächst befreiend. Sie nimmt uns aus der passiven Position dessen, der nur fragt, was das Leben ihm zu geben hat. Stattdessen werden wir zum Antwortenden: Das Leben stellt Fragen und wir antworten durch unser Handeln. Das stimmt und es stimmt nicht ganz. 
 
In Frankls Vorstellung liegt eine heroische Versuchung.
Sie klingt, als müsse der Mensch auch dort noch eine Antwort finden, wo ihm jede Antwort fehlt.
Er leidet, also soll er einen Sinn darin entdecken. Er ist einsam, also hat er die Möglichkeit die Einsamkeit in eine Aufgabe verwandeln. Er hat keinen Halt, also hat er die Möglichkeit aus eigener Kraft einen inneren Halt zu schaffen. Das ist ein guter Ansatz und absolut hilfreich, besonders dann, wenn die Einsamkeit eine vorrübergehende, situationsbedingte ist. Aber was, wenn die Einsamkeit chronisch ist? Sich über Jahre oder Jahrzehnte hinzieht? Was wenn ein Mensch in einer radikalen Einsamkeit gefangen ist und trotz aller Bemühungen nicht herauskommt? 
 
Nicht jeder Mensch ist ein Held. Und nicht jede Not lässt sich durch Haltung bewältigen.
Ein Mensch kann einsam, ratlos, erschöpft, verzweifelt, ohne Aufgabe und ohne ein „Wozu“ sein. Er kann das Gefühl haben, dass sein Leben nirgendwohin führt. Es wäre vermessen, ihn dann dazu aufzufordern, er müsse darin jetzt einen Sinn finden. Vielleicht müssen wir nicht jederzeit einen Sinn erkennen. Es darf auch auch Zeiten geben, in denen wir keinen sehen. Man könnte jetzt natürlich sagen: Das Leben hat auch im bloßen Sein einen Sinn. Die Tatsache, dass ein Mensch existiert, muss nicht erst durch Leistung oder eine besondere Aufgabe gerechtfertigt werden. Das ist ein wahrer Gedanke, aber er beantwortet die Erfahrung der chronischen Einsamkeit nicht. Denn der chronisch einsame Mensch leidet möglicherweise gerade an seinem bloßen Dasein. Nicht weil er nicht weiß, dass er existiert, sondern weil sein Dasein keinen Widerhall findet.
Er fragt sich nicht: Warum existiere ich überhaupt? Er fragt sich: Wer sieht mich? Für wen habe ich eine Bedeutung? Das sind keine abstrakten Fragen nach dem Sinn des Lebens. Es sind Fragen nach Beziehung. Und damit verändert sich das Problem grundlegend.
 
Sinn entsteht nicht ausschließlich im eigenen Inneren, er entsteht in Resonanz.
Resonanz bedeutet dabei mehr als bloßer Kontakt. Ein Mensch kann unter vielen Menschen sein und trotzdem einsam sein. Resonanz entsteht dort, wo etwas von ihm ausgeht und etwas auf ihn antwortet. Ich spreche und werde gehört. Ich schaue und werde gesehen. Ich liebe und meine Liebe wird erwidert. Ich tue etwas und es hat für andere Bedeutung. Ich berühre die Welt und die Welt berührt mich. Dann entsteht das Gefühl: Ich bin nicht einfach nur da. Mein Dasein steht in einem Zusammenhang. Wir Menschen möchte nicht nur existieren. Wir möchten erfahren, dass unser Dasein bedeutsam ist und etwas bewirkt.
In der chronischen Einsamkeit aber bleibt die Antwort aus.
Dann ist Einsamkeit nicht einfach die Abwesenheit anderer Menschen. Sie ist das Ausbleiben von Antwort. Der Einsame erlebt: Ich rufe, aber niemand antwortet. Und darin liegt etwas, das sich nicht einfach durch eine veränderte innere Haltung beheben lässt.
Man kann einem einsamen Menschen sagen, er solle die Schönheit eines Sonnenuntergangs betrachten. Vielleicht kann er das sogar. Aber es bleibt eine andere Frage: Wer teilt dieses Erleben mit mir? Man kann ihm sagen, er soll etwas erschaffen. Aber vielleicht fragt er: Für wen? Man kann ihm sagen, er müsse lernen, mit sich selbst zufrieden zu sein. Aber vielleicht will er gar nicht nur mit sich selbst sein. Damit kommt ein bedrückendes Gefühl ins Spiel: Ohnmacht. Wenn für uns Menschen Sinn wesentlich in Resonanz entsteht, heißt das nicht, wir können Resonanz selbst vollständig herstellen. Wir können uns öffnen, auf andere zugehen. Aber wir können andere nicht zwingen, zu antworten. Wir können die Tür öffnen, aber niemanden zwingen, hindurchzugehen. Das bedeutet: Der Mensch kann die Möglichkeit von Resonanz schaffen, aber nicht ihre Wirklichkeit garantieren.
 
Genau hier liegt für mich eine Grenze des „Willens zum Sinn“.
Frankls Gedanke betont die Freiheit des Menschen gegenüber seinen Umständen. Aber der Mensch ist nicht nur frei. Er ist auch abhängig.  
Er ist abhängig von Beziehungen, von Anerkennung, von Nähe, von anderen Menschen. Das ist keine moralische Schwäche. Es ist eine anthropologische Tatsache. Der Mensch kann nicht alles, was er zum Leben braucht, aus sich selbst hervorbringen.
Was geschieht, wenn die Welt dem Einsamen tatsächlich nicht antwortet?
Keine Freundschaft, keine Liebe, kein Gegenüber, keine Gemeinschaft gibt ihm das Gefühl: Du bist wichtig. Dann kann die Erfahrung entstehen, dass nicht nur der Sinn verloren geht, sondern dass die Bedingungen, unter denen Sinn überhaupt entstehen könnte, fehlen. Das ist mehr als ein Defizit an positiver Einstellung. Es ist eine tiefe menschliche Not.
Und diese Not muss man anerkennen, ohne sie philosophisch oder psychologisch aufzulösen. Nicht: Deine Einsamkeit hat einen höheren Sinn. Nicht: Du musst nur die richtige Haltung finden. Und auch nicht: Du musst lernen, dich selbst genug zu sein, sondern: Du brauchst etwas, das du allein nicht herstellen kannst. Das ist eine bittere Wahrheit.
 
Wenn ein Mensch über lange Zeit keine Resonanz erfährt, kann Einsamkeit nicht bloß unangenehm oder traurig sein. Sie kann existenziell zermürben. 
Dieser Mensch verliert dann nicht einfach die Freude an Gesellschaft. Es kann etwas Grundlegendes in seinem Verhältnis zu sich selbst und zur Welt erodieren. Er verliert das Gefühl, Bedeutung zu haben. Er verliert die Erfahrung, dass sein Handeln irgendwo ankommt. Er beginnt, sich selbst immer stärker aus der Perspektive der ausbleibenden Antwort zu erleben. Und irgendwann kann sogar die Frage nach dem Sinn ihren Sinn verlieren. Warum noch nach etwas suchen, wenn nichts antwortet?
Damit entsteht ein detruktiver Kreislauf. Die fehlende Antwort führt zum Rückzug, der Rückzug verringert die Möglichkeit von Begegnung, die ausbleibende Begegnung verstärkt die Erfahrung, dass niemand antwortet. Was ursprünglich eine Situation war, kann sich zu einer Weltanschauung verdichten: Nichts und niemand antwortet mir. Dann wird die Aufforderung zur Sinnsuche beinahe zirkulär. Der Mensch soll einen Sinn finden, damit er wieder eine Beziehung zur Welt bekommt, aber gerade die fehlende Beziehung macht es ihm schwer, Sinn überhaupt zu erfahren.
 
Man sollte deshalb vorsichtig sein mit der Vorstellung, der Mensch könne sich jederzeit durch eine innere Entscheidung aus seiner Sinnlosigkeit befreien. 
Vielleicht hat er tatsächlich alles getan, was ihm möglich war, und die Resonanz ist dennoch ausgeblieben. Dann ist sein Scheitern kein persönliches Versagen. Es ist Ausdruck einer wirklichen Ohnmacht. Und diese Ohnmacht kann in Verzweiflung münden und einen Menschen zerbrechen. Und „zerbrechen“ bedeutet hier nicht, dass ein Mensch plötzlich zusammenbricht. Nach und nach verschwindet sein Vertrauen, er verliert die Hoffnung, er erlebt sich selbst immer weniger als Teil eines Ganzen. Er zerbricht. Die Einsamkeit ist dann nicht ein vorrübergehender Zustand, sie beginnt, seine Beziehung zu allem zu bestimmen.
Damit wird Frankls Gedanke nicht falsch oder wertlos. Er wird präziser. Der Wille zum Sinn kann eine Möglichkeit des Menschen beschreiben. Er beschreibt aber keine Garantie. Ein Mensch kann nach Sinn verlangen und trotzdem keinen Sinn erfahren. Er kann sich bemühen und dennoch scheitern. Er kann sich öffnen und keine Antwort bekommen. Er kann die richtige Haltung haben und trotzdem einsam bleiben. Frankls Gedanken sind kein psychologisches Rezept für alles und jeden. Nach dem Motto: Leiden braucht nur die richtige Haltung und dann ergibt es Sinn. So funktioniert Leben nicht immer. Die bescheidenere und wahrere Formulierung lautet meines Erachtens: Der Mensch kann nach Sinn suchen, aber er kann Sinn nicht erzwingen. Resonanz kann ermöglicht, aber nicht hergestellt werden. Nicht alles liegt in unserer Hand. Das führt zu einer Vorstellung vom Menschen, die weniger heroisch ist.
 
Der Mensch ist weder völlig seinem Schicksal ausgeliefert noch vollständig souverän über sein Leben. Er befindet sich irgendwo dazwischen. 
Er kann handeln, aber nicht alles bewirken. Er kann sich öffnen, aber nicht die Antwort bestimmen. Er kann lieben, aber nicht erzwingen, geliebt zu werden. Er kann Sinn suchen, aber ihn nicht finden. Diese Begrenztheit gehört zum Menschsein. Die Vorstellung völliger Autonomie ist tröstlich, weil sie uns verspricht, unser Leben selbst in der Hand zu haben. Aber sie ist auch eine Überforderung. Denn wenn alles von mir selbst abhängt, bin ich letztlich auch für alles verantwortlich, was mir fehlt. Die chronische Einsamkeit zeigt dagegen: Manches Wesentliche entsteht zwischen Menschen und liegt deshalb nicht vollständig in der Macht des Einzelnen.
Das heißt nicht, die Frage „Was erwartet das Leben von mir?“ zu verwerfen, aber wir sollten sie ergänzen. Nicht nur: Was erwartet das Leben von mir? Sondern auch: Antwortet das Leben mir?
Und vielleicht lautet die entscheidende Frage nicht nur, was das Leben von uns verlangt, sondern ob wir Menschen füreinander zu einer Antwort werden können.
 
Denn wenn Sinn in Resonanz entsteht, dann ist Sinn nicht ausschließlich eine private Angelegenheit. Er hat eine soziale und zwischenmenschliche Dimension. 
Der chronisch Einsame ist dann nicht bloß jemand, der seinen Sinn nicht gefunden hat. Er ist jemand, dessen Bedürfnis nach Antwort unbeantwortet geblieben ist.
Wir müssen ihn nicht zum Helden machen. Wir müssen seine Einsamkeit nicht romantisieren. Wir müssen ihm nicht erklären, warum sein Leiden sinnvoll ist. Vielleicht müssen wir zunächst etwas viel Einfacheres tun: antworten. Nicht mit einer großen Lösung. Mit Anwesenheit. Mit Aufmerksamkeit. Mit echtem Zuhören. Da ist die Grenze zu Frankls „Willen zum Sinn“. Der Mensch kann willentlich nach Sinn suchen. Aber manchmal braucht er dafür nicht nur seinen Willen. Er braucht Resonanz.
 
 
Angelika Wende

Sonntag, 27. September 2026

Wie kann ich das Hier und Jetzt auf eine andere Ebene heben? Oder wie ein Spruch auf einem Teebeutel mich zum Nachdenken bringt.

 



Das Hier und Jetzt ist der einzige Ort, an dem wir wirklich existieren. Die Vergangenheit ist Erinnerung, die Zukunft ist Vorstellung und zwischen beiden liegt dieser eine Augenblick, der sich bereits wieder entzieht, während wir versuchen, ihn festzuhalten. Das Hier und Jetzt auf eine andere Ebene zu heben bedeutet nicht, dem Moment etwas hinzuzufügen, sondern tiefer in ihn einzudringen. Ihn zu erleben so wie er gerade ist. Und ihn nicht nur als Übergang zu betrachten. Uns nicht ständig fragen, was als Nächstes kommt, sondern beginnen, wahrzunehmen, was gerade ist. 

Eine andere Ebene ist kein höherer Ort. Vielmehr ist da eine andere Tiefe.

Ich kann denselben Moment anders wahrnehmen, empfinden, deuten und verstehen. Ich kann darüber nachdenken, wie ich im Hier und Jetzt sein möchte. Aber in dem Moment, in dem ich aufhöre, darüber nachzudenken, bin ich ihm vielleicht schon näher. Nicht weil sich die Wirklichkeit verändert, sondern weil sich mein Blick auf die Wirklichkeit verändert. 

Und vielleicht beginnt genau dort etwas Besonderes, in dem Augenblick, in dem ich nicht mehr versuche, dem Leben ständig etwas hinzuzufügen, sondern anfange wirklich anwesend zu sein, indem ich nicht dirigistisch eingreife, sondern den Augenblick erfahre - achtsamer, bewusster, tiefer und mit Offenheit für das, was in ihm liegt. Und das ist gerade ein köstlicher Yogi Tee.


Samstag, 26. September 2026

Warum „Du musst keine Angst haben“ ein ziemlich ignoranter Satz ist

 


 
„Du musst keine Angst haben.“ Ein Satz, der auf den ersten Blick beruhigend wirken soll. 
Schließlich klingt er freundlich und irgendwie tröstend. Man könnte fast meinen, man hätte gerade eine kostenlose psychologische Beratung bekommen.
Nur: Angst ist keine bewusste Entscheidung.
Niemand sitzt morgens am Frühstückstisch und denkt: „Heute hätte ich Lust, ein bisschen Angst zu haben zu müssen.“ Angst entsteht als Reaktion auf eine Situation, eine Erinnerung, eine Vorstellung oder eine wahrgenommene Gefahr. Angst ist eine emotionale und körperliche Reaktion auf eine als bedrohlich wahrgenommene Situation. Das Gehirn bewertet etwas als gefährlich oder unsicher. Darauf folgen automatisch Reaktionen wie Anspannung, erhöhte Aufmerksamkeit oder körperliche Unruhe. 
 
Wenn man einem Menschen dann sagt, er „müsse“ keine Angst haben, ignoriert man genau das, was gerade passiert: Er hat bereits Angst. 
Damit bekommt er nicht was er gerade braucht, er bekommt vielmehr die Aufforderung, einen Zustand zu verändern, den er gerade nicht bewusst kontrollieren kann. Zusätzlich zur ursprünglichen Angst entsteht in der Folge Unsicherheit über die eigene Reaktion. „Warum habe ich überhaupt Angst, wenn es doch angeblich keinen Grund gibt?“ Zur Angst legen sich dann Selbstzweifel. Wir erleben nicht nur das ursprüngliche Gefühl, sondern beginnen gleichzeitig, unser Gefühl zu bewerten.
 
Der Satz „Du musst keine Angst haben“ kann wie eine Form der emotionalen Entwertung wirken. Er vermittelt, zumindest unterschwellig, dass die emotionale Reaktion unangemessen ist. Dabei muss eine Emotion keinesfalls objektiv berechtig sein, um real zu sein. Ein Mensch kann wissen, dass eine Situation ungefährlich ist und trotzdem Angst haben. Rationales Wissen und emotionale Reaktion laufen nicht immer synchron.
Das macht den Satz auch ziemlich ignorant, weil er das tatsächlich vorhandene Gefühl der Angst nicht ernst nimmt, sondern es indirekt als unbegründet oder unnötig darstellt. Besonders hilfreich ist die Formulierung deshalb nicht. Statt das Gefühl des anderen ernst zu nehmen, wird ihm praktisch gesagt, wie sie sich fühlen muss. „Du musst keine Angst haben“ bedeutet dann nicht „Ich möchte dich beruhigen“, sondern klingt wie „Dein Gefühl ist gerade falsch.“
Gefühle lassen sich ja bekanntlich hervorragend durch Befehle kontrollieren. Man sagt einfach „Sei nicht traurig“, „sei nicht nervös“ oder „sei entspannt“ und schon ist es gut.
Ist es nicht. 
 
Hilfreicher ist es, die Angst anzuerkennen, ohne sie sofort beseitigen zu wollen. 
„Ich sehe, dass du Angst hast“. „Es ist verständlich, dass dich das gerade verunsichert“. „Was brauchst du jetzt?“ oder „Ich bin bei dir.“ Das löst die Angst zwar nicht magisch auf, leider existiert noch keine entsprechende Taste am Menschen, aber wir fühlen uns erst genommen und müssen die Angst nicht mehr zusätzlich bekämpfen oder rechtfertigen. Wir dürfen Angst haben, ohne daraus schließen zu müssen, dass mit uns etwas nicht stimmt.
 
Natürlich ist meistens keine böse Absicht dahinter. Die Person, die den Satz sagt, möchte vermutlich helfen. 
Sie möchte Sicherheit vermitteln und zeigen, dass alles okay ist. Das Problem liegt also weniger in der Absicht als in der Wirkung. Wenn ein Mensch Angst hat, braucht er nicht die Information, dass seine Angst objektiv nicht notwendig wäre. Er weiß möglicherweise selbst, dass die Situation keine unmittelbare Gefahr darstellt. Sein Nervensystem reagiert trotzdem mit Angst.
Der Satz „Du musst keine Angst haben“ ist ein Paradebeispiel dafür, dass gut gemeinte Worte nicht automatisch gute Worte sind. Er klingt auf den ersten Blick beruhigend, ist aber gleichzeitig eine ziemlich ignorante Art zu sagen: "Was du fühlst ist falsch.“ Wnn das tatsächlich funktionieren würde, wäre das Leben deutlich einfacher. Leider hat das menschliche Gehirn die unangenehme Eigenschaft, sich nicht per Sprachbefehl umprogrammieren zu lassen.
Deshalb ist es hilfreicher, nicht sofort zu sagen, dass jemand keine Angst haben sollte, sondern erst einmal zuzuhören, warum er Angst hat. Kein Mensch braucht eine Erklärung darüber, wie er sich fühlen soll. Vielmehr braucht jeder Mensch jemanden, der bleibt, während er sich so fühlt, wie er sich eben fühlt.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Freitag, 25. September 2026

Nichts weiter

 

Foto: A.W.

"Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort. Sie sprechen alles so deutlich aus: Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus, und hier ist Beginn und das Ende ist dort", schreibt Rainer Maria Rilke.
 
Dieser Zwang, für jedes Gefühl, jede Stille und jeden Zufall sofort ein „Warum“ zu finden nimmt dem Dingen ihre Tiefe, ihre Schönheit und Leichtigkeit. Für mich liegt darin eine der Zumutungen unserer Zeit, dass alles benannt, erklärt und eingeordnet werden muss. Kaum entsteht ein Gefühl, wird nach seiner Ursache gesucht. Kaum geschieht etwas Zufälliges, wird daraus ein Zeichen. Kaum entsteht Stille, wird sie mit Worten gefüllt. Es wird zerredet, analysiert, spekuliert und in Schubladen gesteckt. Als müssten wir allem einen Grund, eine Ursache, einen Sinn geben, bevor wir es überhaupt wirklich erfahren dürfen. Nein, nicht alles, was uns berührt, braucht eine Erklärung, eine Deutung, eine Analyse, ein Zerpflücken. Manche Dinge verlieren gerade dann etwas von ihrem Zauber, wenn wir sie zu genau betrachten. Ein Blick, der uns unerwartet trifft. Eine Begegnung, die uns berührt. Ein Lied, das uns an einen längst vergessenen Ort zurückführt. Ein Nachmittag, an dem nichts Besonderes geschieht und der sich trotzdem leicht und vollkommen anfühlt. Die Schönheit all dessen liegt für mich gerade darin, dass wir sie nicht erklären und nicht festhalten können.
 
Wir leben mit der Vorstellung, verstehen zu müssen, um etwas annehmen zu können. Aber manchmal ist es genau umgekehrt. Wir dürfen aushalten, etwas nicht zu verstehen, um ihm wirklich begegnen zu können. Wir dürfen vom Erklärungsmodus in den Erlebensmodus wechseln. Wie viel tiefer und berührender wäre dann das Leben.
 
Nicht alles ist immer eine Frage, auf die wir eine Antwort finden müssen. Manches darf einfach geschehen. Manches darf widersprüchlich bleiben. Manches darf unausgesprochen bleiben. Manches darf ungelöst bleiben. Und manches müssen wir nicht benennen, damit wir es als das wahrnehmen können, was es eigentlich ist: ein Moment, der nichts von uns verlangt, sondern uns berühren will. Nichts weiter. Und doch so viel. 
 
 
Angelika Wende
www.wende-praxis.de
 
 

Donnerstag, 24. September 2026

Resonanz

 



Einige von uns kennen das. Du fühlst viel. Du nimmst Zwischentöne wahr, spürst Veränderungen in der Stimmung eines Raumes, hörst, was zwischen den Worten schwingt, lässt dich von Menschen, Musik, Natur oder einem einzigen Satz tief berühren. Und trotzdem erlebst du manchmal erstaunlich wenig Resonanz. Du gibst etwas von dir in eine Beziehung, in ein Gespräch, eine Begegnung, einen Text und hoffst darauf, dass etwas zurückschwingt. Nicht unbedingt große Worte, nicht einmal dieselbe Intensität, nur ein kleines Zeichen, dass das, was in dir lebt, den anderen erreicht hat.
Doch oft kommt nichts zurück.
Du erzählst etwas, das dich bewegt und bekommst eine beiläufige Antwort. Du zeigst dich verletzlich und triffst auf Distanz. Du hörst aufmerksam zu, spürst den anderen, versuchst zu verstehen und merkst irgendwann, dass diese Bewegung fast ausschließlich in eine Richtung geht. Das kann einsam machen. Und das ist eine der schmerzhaftesten Erfahrungen für die, die viel fühlen: Nicht, dass sie zu viel fühlen, sondern dass das, was sie fühlen, so selten auf etwas trifft, das zurückschwingt.
 
Dann beginnst du irgendwann, an dir selbst zu zweifeln. Du fragst dich, ob du zu empfindlich bist, zu tief, zu kompliziert. Ob du weniger fühlen solltest, weniger von dir zeigen. Und am Besten: Nichts erwarten.
Nein. Es geht nicht darum weniger zu fühlen. Du musst nur aufhören, deine Tiefe dort zeigen zu wollen, wo keine Resonanz entstehen kann. Resonanz lässt sich nicht erzwingen. Du kannst dich öffnen, ehrlich sein, zuhören, dich berühren lassen und antworten, aber du kannst nicht beeinflussen, ob etwas zurückkommt. Und genau darin liegt ihre Schönheit und ihre Zumutung: Du kannst Resonanz nicht herstellen. Du kannst nur Räume schaffen, in denen sie möglich wird.
Manche werden dir dort begegnen. Andere nicht.
Es geht darum, den Unterschied zu erkennen, ohne deshalb dein eigenes Fühlen kleiner zu machen.


Angelika Wende
www.wende-praxis.de

Mittwoch, 23. September 2026

Nähe

 

Malerei: A.W.


Ich sitze im Sessel in der Buchhandlung und lese. Ein Mädchen, vielleicht zwölf Jahre alt, setzt sich auf den Sessel neben mir. Was machst Du? fragt sie mich.
Ich lese antworte ich.
Sie sagt: Gut, lies weiter. Ich wende mich wieder meinem Buch zu. Ich spüre ihren Blick.
Ich frage sie, ob die auch gerne liest. Ja, sagt sie, springt auf, holt ein Buch, setzt sich, schlägt es auf und liest laut vor. Ihr Gesicht ist vollkommen ausdrucklos. Ihre Worte sind schwer verständlich.
Ich sage, du kannst schön lesen. Ja, sagt sie.
Ich frage sie, wie sie heißt. Das darf ich nicht sagen, kommt die Antwort.
Wo ist deine Mama?, frage ich weiter. Dort hinten, sagt sie und zeigt mit dem Finger auf eine junge Frau. Die Frau ruft: Anna komm, wir gehen. Anna schüttelt fast unmerklich den Kopf, sieht mir tief in die Augen, wendet sich ihrem Buch zu und liest weiter vor.
In diesem Moment habe ich ein so tiefes Gefühl von Verbundenheit mit diesem Mädchen, wie es lange nicht gespürt habe. Da ist etwas zwischen Anna und mir, für das ich keine Worte finde.
Als die Mutter kommt um Anna zu holen, wehrt sich Anna mit einem lauten „Nein!“
Anna will nicht gehen. Sie will bleiben. Ich will, dass Anna bleibt, noch eine Weile. Anna wehrt sich immer lauter. Ich stehe auf und sage: Anna, ich muss jetzt gehen.
Ja, sagt sie plötzlich ganz ruhig. Ich verlasse die Buchhandlung. Heute Morgen denke ich noch immer an Anna und so seltsam es klingt, ich vermisse sie.

Dienstag, 22. September 2026

„Wo deine Angst ist, da ist deine Aufgabe.“

 


Dieser Satz von C.G. Jung berührt einen grundlegenden Gedanken der menschlichen Psyche: Angst ist nicht immer ein Zeichen dafür, dass wir auf dem falschen Weg sind. Manchmal zeigt sie uns vielmehr wo etwas in uns gesehen, verstanden und entwickelt werden will.
Angst entsteht häufig dort, wo wir mit etwas konfrontiert werden, das außerhalb unserer Komfortzone und unserer vertrauten Kontrolle liegt. Sie kann uns davor warnen, dass etwas tatsächlich gefährlich ist. Doch es gibt auch andere Formen der Angst: die Angst vor Veränderung, vor Ablehnung, vor dem Scheitern oder davor, uns unsere eigene Bedürfnisse und Wünschen zu erfüllen.
Gerade diese Ängste können viel über uns erzählen.
 
Jemand, der Angst davor hat, seine Meinung auszusprechen, darf lernen, für sich selbst einzustehen. Wer Angst vor Nähe hat, darf erforschen welche alten Erfahrungen von Verletzlichkeit oder Zurückweisung der Angst zugrunde liegen. Wer Angst vor dem Scheitern hat, darf sich fragen, was er dann nicht tun muss. Wer Angst vor Kontrollverlust hat, darf lernen Unsicherheit zu tolerieren. Wer Angst hat nicht gut genug zu sein, darf lernen den eigenen Wert nicht mehr ausschließlich von Leistung, Anerkennung oder dem Urteil anderer abhängig zu machen. Er darf lernen seinen Werten und Wünschen zu vertrauen und aus dem Gefühl heraus zu handeln, dass der eigene Wert bereits da ist.
In diesem Sinne bedeutet „Aufgabe“ nicht, dass wir uns zwanghaft all unseren Ängsten aussetzen sollen. Es geht vielmehr darum, unserer Angst mit Neugierde und Forschergeist zu begegnen und zu fragen: Was genau macht mir Angst? Was befürchte ich, wenn ich diesen Schritt mache? Welche Erfahrung aus meiner Vergangenheit wird dadurch berührt? Und: was würde ich gewinnen, wenn ich mich dieser Angst langsam annähern könnte?
 
Angst kann zu einem Wegweiser für persönliche Entwicklung werden. Sie führt uns an die Grenzen unseres vertrauten Selbstbildes. Dort begegnen wir Teilen von uns, die wir vielleicht lange verdrängt, abgespalten, angepasst, abgelehnt oder nicht wahrgenommen haben.
C.G Jung bezeichnete diesen Prozess als Teil der Individuation, die Entwicklung hin zu einem immer vollständigeren und authentischeren Selbst. Dazu gehört nicht nur, die angenehmen Seiten der eigenen Persönlichkeit anzunehmen. Auch Unsicherheit, Verletzlichkeit, Onmacht, Wut, Scham, Schuld, Zweifel und eben auch Angst gehören zum Menschsein. Was wir verdrängen, verschwindet nicht einfach. Es beeinflusst vielmehr unbewusst unser Denken und Handeln. Und es kann sich eben auch als Angst zeigen. Und die kann uns daran hindern uns selbst zu verwirklichen. Sie kann unsere Träume, Ziele, Wünsche und Visionen zerstören und das, was wir sein könnten.
Die Aufgabe besteht nicht darin, keine Angst mehr zu haben. Sie besteht darin, trotz der Angst mit uns selbst in Beziehung zu bleiben. Manchmal bedeutet Wachstum, einen Schritt nach vorne zu machen. Manchmal bedeutet es aber auch, eine Grenze zu setzen, Nein zu sagen, Hilfe anzunehmen oder uns einzugestehen, dass etwas nicht gut für uns ist. Angst ist nicht automatisches Signal dafür, dass wir etwas tun müssen. Sie ist eine Einladung, genauer hinzuschauen.
 
Darin liegt für mich die tiefere Bedeutung des Satzes. Dort, wo wir uns selbst am liebsten vor der Angst verstecken würden, kann etwas Wesentliches über uns verborgen liegen.
Die Angst ist nicht unser Gegner. Wir dürfen lernen, ihr zuzuhören, ohne ihr blind zu folgen. Denn hinter manchen Ängsten liegt nicht nur das, was wir vermeiden wollen, sondern auch das, was in uns wachsen möchte. Persönliche Entwicklung beginnt in dem Moment, wenn wir aufhören, uns zu fragen: Wie werde ich die Angst los?, und uns stattdessen fragen: Was will mir meine Angst über mich selbst zeigen?
 
 
 
"Unsere tiefste Angst ist es nicht,
ungenügend zu sein.
Unsere tiefste Angst ist es,
dass wir über alle Maßen kraftvoll sind.
Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit,
das wir am meisten fürchten
Wir fragen uns, wer bin ich denn,
um von mir zu glauben, dass ich brillant,
großartig, begabt und einzigartig bin?
Aber genau darum geht es,
warum solltest Du es nicht sein? 
 
Du bist ein Kind Gottes.
Dich klein zu machen nützt der Welt nicht.
Es zeugt nicht von Erleuchtung, dich zurückzunehmen,
nur damit sich andere Menschen um dich herum
nicht verunsichert fühlen.
Wir alle sind aufgefordert, wie die Kinder zu strahlen.
Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit Gottes,
die in uns liegt, auf die Welt zu bringen.
Sie ist nicht in einigen von uns,
sie ist in jedem. 
 
Und indem wir unser eigenes Licht scheinen lassen,
geben wir anderen Menschen unbewusst die Erlaubnis,
das Gleiche zu tun.
Wenn wir von unserer eigenen Angst befreit sind,
befreit unser Dasein automatisch die anderen."
Nelson Mandela 
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Sonntag, 20. September 2026

Der Mut zur eigenen Wahrheit - C.G. Jung, Albert Camus und der Weg der radikalen Selbstbehauptung

 

Foto: A.W.


 
Sie sind meine großen Lehrer: Carl Gustav Jung und Albert Camus. Obwohl der Schweizer Psychiater und der französisch-algerische Philosoph und Schriftseller aus völlig unterschiedlichen Disziplinen stammen, umkreisen sie im Kern dieselbe fundamentale, existenzielle Frage: Wie kann der Mensch im Angesicht eines chaotischen, gleichgültigen Kosmos ein authentisches Leben führen?
Was diese beiden Titanen des Geistes verbindet, ist eine kompromisslose, fast schmerzhafte Ehrlichkeit gegenüber der conditio humana. Beide verweigern sich jedem billigen Trost, jeglicher spirituellen Realitätsflucht und jedem intellektuellen Ausfluchtversuch, ohne dabei in den lähmenden Abgrund des Nihilismus zu stürzen. Stattdessen fordern sie den Mut, der Realität ungeschönt und aufrecht ins Gesicht zu blicken. Wo Camus das Absurde in der Außenwelt seziert, das tragische, unauflösbare Aufeinandertreffen unseres Verlangens nach Sinn mit dem unerbittlichen Schweigen des Universums, blickt Jung tief in die Abgründe der menschlichen Seele und zwingt uns zur Konfrontation mit dem Schatten, jenen verdrängten, dunklen und ungeliebten Anteilen der eigenen Psyche, vor denen wir am liebsten fliehen würden.
 
Beide Sichtweisen ergänzen sich auf faszinierende Weise, was sich besonders in der Nutzung von Mythen zeigt. Während Jung im kollektiven Unbewussten zeitlose Archetypen findet, universelle, urbildliche Muster und Symbole, die tief im sogenannten kollektiven Unbewussten aller Menschen verankert sind, erweckt Camus diese Bilder literarisch zum Leben. Der Mythos des Sisyphos liest sich wie ein tiefenpsychologisches Manifest der Selbstbehauptung. Hier machen wir Bekanntschaft mit dem Archetyp des Rebellen, eng verwandt mit dem Archetypen des Helden oder des Zerstörers und Erneuerers.
Sisyphos, der seinen Stein immer wieder den Berg hinaufrollt akzeptiert die Sinnlosigkeit seiner Aufgabe, rebelliert gegen die Verzweiflung und findet in diesem Akt der Selbstbehauptung letzlich seine Erfüllung. Sisyphos wird bei Camus zum archetypischen Helden. Er kapituliert nicht vor der Sinnlosigkeit. Er transformiert sie. Indem er seinen Stein bewusst annimmt, rebelliert er gegen die Verzweiflung. In diesem Akt der absoluten, stolzen Selbstbehauptung triumphiert er über die Götter und findet seine Erfüllung.
 
Hier verschmelzen Camus Revolte und Jungs Konzept der Individuation. Individuation, der lebenslange, oft schmerzhafte Prozess die Masken der gesellschaftlichen Konditionierungen abzureißen, den Schatten zu integrieren und zum eigenen Selbst zu werden, ist der psychologische Vollzug dessen, was Camus philosophisch als Rebellion einfordert.
Beide Denker nehmen uns jede metaphysische Ausrede und fordern eine radikale Eigenverantwortung. Sie wenden sich gegen das blinde, gehorsame Aufgehen im Kollektiv oder in gesellschaftlichen Dogmen. Sie zeigen uns, dass Sinn nicht im Außen gefunden wrid, er wird nicht geschenkt oder diktiert. Vielmehr muss er im eigenen Inneren durch radikale Selbsterforschung, ungeschönte Selbstkenntnis, durch Rebellion, Akzeptanz, Schattenintegration und durch mutiges schöpferisches Handeln im Hier und Jetzt, Moment für Moment selbst erschaffen werden.

Samstag, 19. September 2026

Diese eine große Liebe

 



 
Diese eine Liebe, die große Liebe, die wir so wie sie war, niemals zuvor gefühlt haben. Welch ein Glück, wenn sie uns einmal im Leben begegnet. Und welch ein Unglück, wenn wir sie wieder verlieren. Wie damit leben, wie damit fertig werden, wie sich jemals wieder verlieben können? Nichts wird ihr gleichen und wir werden vergleichen, jeden, der uns begegnet und der so anders ist als unsere große Liebe und wir wenden uns enttäuscht ab.
Eine große Liebe ist Segen und Fluch zugleich. Sie ist das Schönste, was wir erleben dürfen und das Schrecklichste, was wir durchleben müssen, wenn sie vorbei ist.
Ja, auch eine große Liebe kann enden, aus vielen Gründen.
Und was dann?
 
Können wir jemals wieder lieben, unser Herz einem Fremden öffnen, uns auf einen neuen Menschen einlassen, wo wir doch die Erinnerung an das große Gefühl ins uns tragen, in jeder Zelle?
Manche können es und andere können es nicht.
Sie bleiben allein und bewahren diese Liebe und die schmerzhafte Sehnsucht nach der unwiederbringlichen Vergangenheit mit diesem Menschen in ihrem Herzen. Sie trauern und ihre Trauer nimmt kein Ende. Und dann verhindern der Schmerz und die Trauer jedes mögliche romantische Glück. Wir ziehen uns in uns selbst zurück, wir leben rückwärtsgewandt und sind nicht fähig jemals wieder etwas Neues zuzulassen.
Wir bleiben allein, vielleicht für immer.
Das ist traurig.
 
Das fühlt sich an, als existiere das romantische Glück für uns nicht mehr. Es war und ist gegangen. Unsere große Liebe hat es mitgenommen.
Aber sehnen wir uns tatsächlich nach diesem Menschen oder gilt diese Sehnsucht etwas anderem?
Uns selbst vielleicht? Dem, der wir waren mit diesem Menschen, dem, der wir nur mit diesem Menschen sein konnten? Und würden wir diesem Menschen heute begegnen, würden wir wieder genauso fühlen? Würden wir ihn, so wie er jetzt ist, zurückhaben wollen oder sind es nur die Gefühle, die dieser Mensch in uns ausgelöst hat, die wir zurückhaben wollen?
 
Oder hängen wir möglicherwiese in einem romantischen Mythos fest, den wir selbst geschaffen haben um das verlorene Glück in uns zu bewahren und es niemals mehr hergeben zu müssen? Wollen, wir festhalten, was an Glück in unserem Herzen geblieben ist auf dass es uns niemand mehr nehmen kann, wenn uns schon diese Liebe genommen wurde?
Dann wird es schwierig. Dann bleibt unser Herz von dieser einen großen Liebe besetzt und es gibt keinen Platz für einen neuen Menschen. Er hat keine Chance, weil wir uns selbst keine mehr geben. Und das ist unendlich traurig.

Freitag, 18. September 2026

Krankheitsangst – Die Unerträglichkeit der Ungewissheit

                                                              Malerei A.Wende
 

 

Krankheitsangst ist die perfideste Angst, weil sie Recht hat.

Sie weiß, dass es jeden, jeden Moment treffen kann.

Sie weiß, dass kein Mensch ohne jemals krank zu sein oder Schmerz zu fühlen das Leben übersteht.

Sie weiß, dass kein Leben ohne Leiden gibt.

Sie weiß, dass wir sterblich sind.

Sie weiß, dass jeder Check-Up nur den Jetzt Zustand abbildet und morgen schon alles anders sein kann.

Sie weiß, dass nichts im Leben sicher ist.

Nicht einmal der eigene Körper.

Die Krankheitsangst ist deshalb so perfide und hartnäckig, weil ihr Fundament, die Verletzlichkeit und Endlichkeit unseres Körpers, eine unumstößliche Realität ist. Und genau dieses Wissen macht die Heilung der Krankheitsangst so schwer, besonders wenn sie chronisch ist.

 

Die perfide Logik der Krankheitsangst liegt genau darin: Sie baut ihre Überzeugung auf etwas auf, das tatsächlich wahr ist.  

Wir sind sterblich. Unser Körper ist verletzlich. Krankheiten können unvorhersehbar kommen. Keine medizinische Untersuchung kann garantieren, dass morgen nichts passiert. Daraus folgt nicht, dass die Angst absolut recht hat, denn sie vermischt zwei völlig verschiedene Dinge: Es gibt keine absolute Sicherheit. Das ist eine Tatsache. Und: Deshalb muss ich ständig auf der Hut sein, weil jederzeit etwas passieren kann, das ist die Antwort der Angst auf die Tatsache.

 

Die Behandlung von Krankheitsangst ist schwer, nicht zuletzt deshalb, weil die Störung ihre eigenen Heilungsmechanismen blockiert. 

Betroffene sind zutiefst davon überzeugt, körperlich schwer krank zu sein oder es zu werden, weshalb sie die Ursache fälschlicherweise hauptsächlich im Organischen statt im Psychischen suchen, selbst dann, wenn sie sich ihrer Störung bewusst sind. Um die massive Angst zu bewältigen, greifen sie zu Kontrollverhalten wie exzessivem Symptom-Googeln (Cyberchondrie), ständigem Arzt-Hopping, Rückversicherung durch vertraue Menschen oder zum permanenten Abtasten und Scannen des eigenen Körpers. Diese Maßnahmen bringen jedoch nur für wenige Minuten Erleichterung und wirken langfristig wie eine Droge, die die Angst chronisch macht. Zudem führt die extreme Fokussierung auf den eigenen Körper zu einer somatosensorischen Verstärkung. Völlig normale, alltägliche Körperprozesse werden wie durch eine Lupe wahrgenommen, katastrophisierend als echte Bedrohung bis hin zur Lebensgefahr fehlinterpretiert und lösen eine echte Stressreaktion im Körper aus, was den Betroffenen in seiner Krankheitsannahme bestätigt.

 

Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen und dem Gehirn abzugewöhnen, jeden kleinsten Reiz als lebensbedrohlich einzustufen, setzt die kognitive Verhaltenstherapie auf die Methode der Exposition mit Reaktionsverhinderung. 

Betroffene sollen lernen, die aufkommende Angst und die medizinische Unsicherheit bewusst auszuhalten, ohne der Versuchung nachzugeben, sich durch Kontrollen rückzuversichern. Wenn dieser Kontrollimpuls durch die Aufschiebe-Taktik verzögert wird, greift die biologische Gewöhnung und die Angstkurve flacht nach einer anfänglichen Spitze von ganz alleine wieder ab. Begleitet wird dieser Prozess durch eine kognitive Umbewertung, bei der das Gehirn aktiv mit harmlosen Alternativerklärungen und Wahrscheinlichkeiten gefüttert wird, um Schmerz nicht länger als Alarmsignal für köreprlichen Schadens zu deuten, sondern als harmlosen Schutzmelder eines arbeitenden Körpers zu begreifen. Durch Verhaltensexperimente, Exposition und das bewusste Lenken der Aufmerksamkeit nach außen lernt das Nervensystem schrittweise um. Es reguliert seine Fehlalarme herunter und bricht die neuronale Autobahn von der Wahrnehmung zur Katastrophe dauerhaft auf.  Um angstfrei zu werden, müssen die tieferen Mechanismen der Störung und das was sie aufrecht erhält, verstanden und gezielt im Alltag umgesetzt werden.

 

Betroffene lernen die Biologie des Schmerzes neu zu bewerten.

Das Gehirn hat gelernt: Schmerz = Bedrohung, bzw. Lebensgefahr. Das ist medizinisch falsch. Schmerz ist ein Schutzmelder, kein Schadensmelder. Das Gehirn erzeugt Schmerz oft rein vorsorglich, weil es gestresst ist oder eine Situation falsch bewertet. Ein lebendiger Organismus ist niemals still. Muskeln spannen sich an, Nerven feuern, Organe bewegen sich. Ein Stechen, Ziehen oder Pochen ist der Beweis, dass der Körper lebt, nicht unbedingt, dass er krank ist oder stirbt. Was natürlich nicht heißt, wenn man Schmerzen hat nicht zum Arzt zu gehen.

 

Des Weiteren geht es darum Wahrscheinlichkeits-Denken etablieren.

Wenn das Gehirn eine schlimme Diagnose sieht, zwingt man es zu einem rationalen Gegengutachten. Die Angstbehauptung (1 % Wahrscheinlichkeit): „Das Kopfweh ist ein Tumor.“ Versus die Realität (99 % Wahrscheinlichkeit): „Ich habe zu wenig getrunken, oder meine Nackenmuskeln sind vom Stress und der Angst verspannt.“
Was bedeutet zu lernen: Glaube nicht alles, was dein Gehirn dir ungefiltert erzählt. Es ist ein extrem schlechter Ratgeber, weil seine Alarmanlage falsch eingestellt ist.

Hilfreich ist es zudem den Unterschied in der Bewertung erkennen.

Das Ziel der Übung ist nicht, sich einzureden: „Ich bin zu 100 % für immer gesund.“ Das kann niemand wissen. Das wahre Ziel ist, dass das Gehirn lernt: „Dieses Symptom ist kein medizinischer Notfall, der mich in den nächsten Stunden umbringt. Ich muss deshalb nicht sofort in Panik verfallen.“

 

Die größte Herausforderung: Die Akzeptanz der Unsicherheit

Die größte Hürde bei Krankheitsangst ist der Wunsch nach hundertprozentiger Sicherheit. Betroffene brauchen die absolute Garantie, gesund zu sein. Doch genau diese Garantie gibt es im Leben nicht. Damit hat die Krankheitsangst leider Recht. Diese nicht zu erlengende Sicherheit wird paradoxerweise, wider besseren Wissens, versucht durch das zwanghafte Googeln, den Arztbesuch und alle anderen Rückversicherungen herzustellen. Aber jedes Mal, wenn versucht wird diese Sicherheit durch Googeln oder Kontrollieren zu erzwingen, füttert das die Angst. Heilung bedeutet hier nicht, maximale Sicherheit zu erlangen, sondern Unsicherheit akzeptieren und aushalten zu lernen. Daher müssen Betroffene lernen das Googeln und Rückversichern zu lassen um bewusst Unsicherheit auszuhalten. Mitsamt den schrecklichen Gefühlen, die sie macht. Und damit sind wir beim Kernproblem der Krankheitsangst.  

 

Betroffene halten die Unsicherheit unter enormer Anstrengung vielleicht einmal oder zweimal aus, aber die Angst kommt beim nächsten Trigger trotzdem genauso heftig zurück.

Es fühlt sich an, als würde man gegen eine Wand kämpfen, ohne dass sich etwas verändert. Und das hat einen biologischen Grund: Das Gehirn hat über Jahre gelernt, dass Körperreize Gefahr bedeuten. Diese neuronale Verknüpfung ist wie eine tief ausgetretene Autobahn im Kopf. Wenn die Angst jetzt ein oder zwei mal ausgehalten wird, baut das Hirn gerade mal einen winzigen Trampelpfad der Entwarnung. Die Autobahn der Angst ist natürlich immer noch viel breiter und schneller als der neue Trampelpfad. Das Gehirn braucht viel Zeit und ständige Wiederholungen, um zu begreifen, dass trotz der Unsicherheit keine Katastrophe eintritt. Erst durch die Menge an sicheren Erfahrungen verkümmert die Angst-Autobahn langsam, und der neue Pfad wird zur beruhigenden Gewohnheit. 

Der Denkfehler, den hier viele machen ist: Die Angst muss sofort weg sein. 

Wenn wir versuchen, die Unsicherheit auszuhalten, tun wir das oft mit der Erwartung: „Ich halte das jetzt aus, damit die Angst aufhört.“ Wenn die Angst dann beim nächsten Mal wieder da ist, glauben wir, es bringt nichts oder fühlen uns als Versager. Darum ist es wichtig, den Druck rauszunehmen. Nicht zu erwarten, dass man die die Unsicherheit immer perfekt aushältst. Das schafft niemand. Manchen Betroffen gelingt es jedoch und die Krankheitsangst wird erträglicher oder zumindest so gering, dass sie das Leben nicht mehr dominiert.

Warum Googeln leider oft gewinnt.

Wenn wir googeln, passiert im Gehirn Folgendes: Da ist Todesangst und massiver Stress. Durch das Googlen entsteht das positive Gefühl: ich bin nicht vollkommen hilflos, ich kann noch etwas kontrollieren, indem ich mir Wissen aneigne und Rückversicherung verschaffe. Läuft es gut, wird dann eine harmlose Erklärung gefunden. Das Gehirn schüttet schlagartig Dopamin aus und es wird emotionale Entlastung empfunden. Es ist eine sofortige, chemische Belohnung. Das Gehirn speichert dann ab: „Googeln hat mir geholfen.“ Dass die Angst beim nächsten Symptom wiederkommt, vergisst es in diesem Moment. Es will einfach nur den schnellen Schuss Erleichterung.

Wird die Angst dagegen ausgehalten, passiert genau das Gegenteil: Es gibt keine Belohnung. Der Körper schüttet immer mehr Adrenalin aus. Die Angst steigt, das Herz rast, der Bauch krampft, die Verzweiflung wird unerträglich. Es fühlt sich an, als würde man absichtlich in ein brennendes Haus rennen und darin stehen bleiben. 

 

Hinzu kommt: Das Gehirn lernt durch Belohnung und positive Verstärkung und wehrt sich mit allem, was es hat, gegen Schmerz. Wenn das Gehirn so tief in der Angstschleife einer chronischen Krankheitsangst steckt, dass jeder Minischmerz Panik auslöst, ist der Spiegel an Stresshormonen Cortisol und Adrenalin im Körper dauerhaft auf Anschlag. In diesem Zustand kann das Gehirn rein biologisch gesehen gar nicht mehr logisch lernen. Man kann diese Angststruktur nicht mit reiner Logik wegmachen, weil die Amygdala schneller schießt als der präfrontale Kortex denken kann.

 

Die schmerzhafte, biologische Wahrheit über Krankheitsangst, die kaum jemand ausspricht, ist: Sie ist, wie die Zwangsstörung, extrem schwer zu behandeln und hat eine der höchsten Abbruchraten in der Psychotherapie.  

Und sie ist der Zwangsstörung in vielem ähnlich. Zudem liegt, wie bei der Zwangsstörung, bei der Krankheitsangst in vielen Fällen ein Trauma im Hintergrund, was nicht verarbeitet und integriert wurde. Dann ist mit reiner Verhaltensänderung nicht von einer Heilung auszugehen, was leider viele Therapeuten und Therapieansätze übersehen. 

Bei der Krankheitsangst ist der Körper der Behälter für all das, was die Seele nicht verarbeiten oder ertragen kann.

 

Krankheitsangst ist schwer heilbar, aber nicht unheilbar.

Der Grund, warum Menschen trotzdem genesen liegt oft darin, dass man in einer wirksamen Therapie zuerst das zugrundeliegende Trauma bearbeitet und dann den biologischen Teufelskreis der Krankheitsnagst nicht mit purer Willenskraft durchbricht, sondern das System von außen aushebelt.

Das heißt: Die Belohnung wird umgeleitet. Ein erfahrener Therapeut verlangt nicht, dass Betroffene die Angst einfach so ertragen. In der Therapie wird der Verzicht auf das Googeln und das Rückversichern anfangs in winzige, erträgliche Mikro-Schritte zerlegt. Die Erleichterung und das Lob des Therapeuten, gepaart mit dem wachsenden Stolz, die Kontrolle überhaupt einmal um ein paar Minuten verzögert zu haben, aktivieren ganz langsam ein neues, gesundes Belohnungssystem im Gehirn. Dieser Prozess braucht viel Mitgefühl seitens des Therapeuten, viel Selbstmitgefühl, viel Geduld und vor allem Kontinuität und Zeit.

 

Allen Betroffenen möchte ich Folgendes mitgeben: Der Fehler liegt nicht an deiner Schwäche, sondern daran, dass du versuchst, ein hochkomplexes biologisches Problem mit reiner Logik und Willenskraft zu lösen. Das kann nicht funktionieren. Es braucht viel mehr um zu genesen und es braucht für jeden etwas anderes. Das zu suchen lohnt sich. 

 

 

Angelika Wende

Kontakt: aw@wende-praxis.de

 

 

 


 

Donnerstag, 17. September 2026

Je mehr Selfies, desto weniger Selbst - Das fragmentierte Ich oder warum die digitale Selbstdarstellung uns uns selbst entfremdet

 



Selfies über Selfies. Die sozialen Medien sind voll davon. Auch ich poste ab und an mal ein Selfie. Auf den ersten Blick wirkt das Selfie wie ein Akt der Selbstermächtigung und der gesunden Selbstwertschätzung. Wir zeigen uns der Welt, wie wir gesehen werden wollen. Doch wer die Dynamik hinter der Kamera psychologisch analysiert, erkennt das Paradoxon: Eine inflationäre Produktion des eigenen Abbilds führt nicht zu einem starken, gefestigten Ich, sondern vielmehr zu dessen schleichender Schrumpfung.

 

Um zu verstehen, warum das „Selbst“ mit jedem Klick schrumpft, lohnt sich der Blick auf das Konzept der Objektifizierung.  

Wenn wir ein Selfie machen, betrachten wir uns nicht mehr primär von innen heraus. Wir schlüpfen in die Rolle des externen Beobachters. Das Individuum spaltet sich auf,  in den Betrachter und das betrachtete Objekt.

Wir bewerten unser Aussehen und zugleich unsere Makel. Und letztere werden dann retuschiert oder mit einem Filter überzogen. Aus einem fühlenden Subjekt wird ein zu optimierendes Objekt. In der Psychologie sprechen wir hier von der Selbst-Objektifizierung. Wer sich permanent durch diese Brille der Fremdwahrnehmung betrachtet, verliert den Zugang zu seinen introzeptiven Signalen, sprich dem inneren Gespür dafür, wer er eigentlich ist, abseits von Lichtverhältnissen, Aufnahmewinkeln und Filtern.

 

Ein weiterer psychologischer Mechanismus ist die Verschiebung des Selbstwertgefühls.

Ein stabiles Selbst ruht idealerweise in einer intrinsischen Stabilität. Es ist sich seines Wertes bewusst, unabhängig von der Meinung oder der Bewunderung anderer. Das Selfie-Zeitalter jedoch verlagert den Selbstwert nach außen, was man extrinsische Validierung nennt. Jedes gepostete Bild ist quasi ein ins außen gerichteter Antrag auf Bestätigung. Die Währung, in der bezahlt wird, sind Likes, Kommentare und Shares. In der Folge reagiert das Gehirn reagiert auf die digitale Resonanz mit der Ausschüttung von Dopamin. Bleibt das Feedback aus oder fällt es geringer aus als erhofft, wird dies als Ablehnung interpretiert. Das „Selbst“ wird dadurch hochgradig volatil und abhängig von den Algorithmen der Plattformen. Es existiert nicht mehr aus sich heraus, sondern vornehmlich im Spiegel der anderen.  In der Psychologie unterscheiden wir zwischen dem wahren Selbst und dem falschen Selbst. Das Selfie-Protokoll zwingt uns dazu, eine idealisierte, fehlerfreie Version unserer selbst zu kuratieren, inszeniert in den besten Momenten des Lebens. Je mehr Energie und Zeit wir in die Pflege dieses digitalen Zwillings investieren, desto größer wird die Kluft zum realen, unvollkommenen Ich. Das wahre Selbst, mit all seinen Ecken und Kanten, wird als ungenügend empfunden und ins Unbewusste verdrängt. Am Ende identifizieren wir uns mit der glänzenden Fassade, während das eigentliche Wesen dahinter verschwindet.

 

Dass die digitale Selbstdarstellung oft das Gegenteil von dem bewirkt, was sie bezwecken will zeigt sich in der Fremdwahrnehmung.

Studien der Washington State University belegen das sogenannte Selfie-Paradoxon. Obwohl Menschen regelmäßig Selfies machen, werden Accounts mit einer hohen Dichte dieser Bilder oft als weniger sympathisch, weniger erfolgreich und unsicherer wahrgenommen. Selbst bei identischen Inhalten, wie Reisen oder persönlichen Erfolgen, wirken Personen auf Selfies unnahbarer als auf Fotos, die von Dritten aufgenommen wurden. Während Befürworter das Phänomen gern als kreativen Ausdruck von Selbstliebe verteidigen, offenbart die psychologische Realität ein tief verwurzeltes, oft missverstandenes Phänomen: den Narzissmus. Viele Menschen setzen Narzissmus meist mit exzessiver Eigenliebe gleich. Die klinische Psychologie zeigt jedoch ein anderes Bild. Der Narzissmus speist sich nicht aus zu viel, sondern aus zu wenig Selbstwertgefühl. Das narzisstische Ego gleicht einem Fass ohne Boden und ist permanent auf externe Bestätigung angewiesen, die sogenannte narzisstische Zufuhr. Hier setzt die Dynamik des Selfies an. Jedes hochgeladene Bild ist ein digitaler Köder, ausgeworfen in der Hoffnung auf Likes und Bewunderung. Diese Reaktionen fungieren als kurzfristige Dopamin-Injektionen, die das fragile Selbstwertgefühl künstlich stabilisieren.

 

Je mehr Selfies jemand postet, desto höher ist die Gefahr einer chronischen Selbst-Objektifizierung. 

Aus psychoanalytischer Sicht lässt sich hierbei eine fatale Kuration des „falschen Selbst“ beobachten. Das Selfie-Protokoll zwingt uns dazu, eine idealisierte, fehlerfreie und grandiose Version unserer selbst zu erschaffen. Je mehr Energie, Zeit und emotionale Ressourcen wir in die Pflege dieses makellosen digitalen Zwillings investieren, desto größer wird die Kluft zum realen, unvollkommenen Ich. Das wahre Selbst, mit all seinen verletzlichen, ungeliebten oder abgelehnten Teilen, wird als ungenügend empfunden und ins Unbewusste verdrängt. Am Ende identifiziert sich der Mensch mit seiner eigenen Fassade und verwechselt die digitale Performance mit seiner Existenz. Mein Aphorismus „Je mehr Selfies, desto weniger Selbst“ warnt vor dieser emotionalen Insolvenz. Wenn wir die emotionale Verbindung zu uns selbst nicht verlieren wollen, müssen wir den Blick wieder öfter nach innen richten und die Kamera ausschalten, um das Leben nicht bloß abzubilden, sondern uns selbst und das Leben zu spüren.