Sonntag, 31. Dezember 2023

Unterwegs

 


 

Manches lebt sich ab. Manches löst sich ab. Vertrautes geht.

Es verlässt uns, weil das, was es uns gab, was es uns lehrte, was es uns empfangen, verstehen und erfahren ließ, zu Ende ist.

Gelebte Zeit, gelebtes Gemeinsames, wird zu Erinnerung.

Vielleicht sind wir daran gewachsen, vielleicht nicht.

Vielleicht haben wir die Lektion begriffen, vielleicht nicht.

Vielleicht ist das Ende kein Ende, nur eine Unterbrechung um neu zu beginnen - irgendwann.

Manches ist endgültig vorbei.

Eine Zäsur.

Das Alte verabschieden.

Immer wieder sind es Abschiede.

Und immer bleibt etwas zurück.

Im Herzen.

Und weiter unterwegs sein.

Und immer wird Neues. 

 

 

Jeder Tag ist Neujahr.
 
Aus dem Zen

 

Freitag, 29. Dezember 2023

Sich selbst lieben

 


Lao Tse hat einmal gesagt: “Geliebt zu werden macht uns stark. Zu lieben macht uns mutig.”
Wir alle sehnen uns nach Liebe. 
 
Die Bedeutung, die wir der Liebe geben, wie wir Liebe und Geliebtsein empfinden, entsteht durch unsere frühen Bindungserfahrungen. Jeder von uns hat seine eigene Wahrheit über die Liebe. Jeder von uns liebt auf seine Weise. Jeder Mensch liebt so wie ihm Liebe oder was er dafür hält, in den ersten Jahren seines Erdenlebens gezeigt wurde. Manche lieben es zu lieben und andere lieben es geliebt zu werden. Und manche Herzen lieben einfach – sich selbst, ihren Nächsten, das Leben. Manche Menschen behaupten, sie wissen nicht, was Liebe ist, weil sie Liebe nie erfahren haben.
Viele kluge Menschen haben über die Liebe philosophiert. Unter anderem Erich Fromm in seinem Werk „ Die Kunst des Liebens“. Fromm hat sich tiefe Gedanken über die Liebe, ihre Erscheinungsformen gemacht. Er spricht von Nächstenliebe, von mütterlicher Liebe, von der erotischen Liebe, der Selbstliebe und der Liebe zu Gott. Auch die griechischen Philosophen sprechen nicht von DER Liebe schlechthin, auch hier ist Liebe nichts, was so und so ist und Punkt, sondern auch sie widmen sich ihren Erscheinungsformen und bilden die Dreiheit: Eros Agape, Philia.
Eros, die erotische Liebe, die uns den meisten Kummer machen kann, wie das Leben vieler von uns zeigt. Ist doch ihr Hauptmerkmal das Begehren, das Gegenseitige wohlgemerkt, denn wenn nur einer den anderen begehrt, läuft Eros ins Leere. Agape, die allumfassende Liebe und Philia, die geistige Liebe. Das ist die Liebe zwischen Menschen, die Interessen und Lebensvorstellungen haben, die in Resonanz gehen. Wenn dieses Dreigestirn in der Verbindung von zwei Menschen zusammenkommt, dann ist es wie ein kleines Wunder. 
 
Die Liebe zwischen zwei Menschen kann vergehen, auch wenn wir sie einmal stark gefühlt haben in einem Moment in der Zeit oder über lange Zeit. Sie kann zerbrechen, sich auflösen und uns verlassen, sie kann der Vergänglichkeit anheimfallen, aber das heißt nicht, dass es dann keine Liebe war und es heißt auch nicht, dass wir nicht wahrhaft geliebt haben, sowie wie wir lieben können. Selbst wenn sich der Schatten der missglückten Liebesbeziehungen, die wir bereits erfahren haben, auf das blendende Licht der Verliebtheit legt, hoffen wir weiter, dass uns die Liebe wieder begegnen möge. Sie bleibt: Die Sehnsucht nach Liebe. 
 
Das Kind in uns hofft ein Leben lang alles Wohlgefühl, alles Glück, alle Aufmerksamkeit, alle Liebe von diesem einen Menschen zu bekommen, der seine Augen liebend auf es legt und sie ausspricht, die magischen drei Worte: „Ich liebe dich“.
Wir tun vieles um geliebt zu werden. Wir sind so beseelt vom Gefühl geliebt zu werden, dass wir nicht merken, wie wir in Trance nach hinten gehen, zurück in die Zeit als wir uns nach bedingungsloser Liebe gesehnt haben. Manche von uns wollen diese eine Liebe, die wir schmerzlich vermisst haben, sogar um den Preis der Selbstverleugnung. Dieses sehnsüchtige Kind in uns ist süchtig danach endlich anzukommen, bei dem was es nie bekommen hat: bedingungslose Liebe. Solange wir diese nicht bekommen fühlen wir uns halb, und wir alle wollen ganz sein. Diese Ganzheit ist letztlich das Ziel unserer Existenz. 
 
Aber Ganzheit finden wir nicht im anderen. Warum sollte das gelingen, wo es schon damals nicht gelungen ist? Im Grunde suchen wir Etwas im Jetzt, das es damals schon nicht gab.
Warum kann das Finden so nicht gelingen?
Weil es das, so wie wir es uns wünschen, nicht gibt, ist die ernüchternde Antwort. Es ist eine Illusion, die wir uns machen. Eine Illusion, durch die wir uns wieder und wieder selbst verletzen. Eine Illusion, die auf einer unerfüllbaren Sehnsucht basiert. Wahr ist: Keiner kann uns ganz machen, das ist unser Job. Wir wissen es und suchen weiter nach einer Lösung im Außen für unser Bedürfnis nach Nähe, Geborgenheit und Liebe. Jedes Liebesaus zerstört die Hoffnung, dass es gelingen kann. 
Das Urbedürfnis geliebt und gehalten zu werden bleibt.
 
„The reason why so many relationships fail is because broken people are still trying to date.
Healing requires isolation and most people unfortunately haven't conquered the battle of being alone.“
~ Cody Bret
 
Wenn es uns aber nun gelingen würde, mit uns selbst gut zu sein, wenn es gelingen würde, mit uns selbst in liebevollem Kontakt zu sein, wenn es gelingen würde, in Freundschaft mit uns selbst zu leben, wenn es gelingen würde, uns selbst die Liebe zu geben, die wir im anderen suchen, dann könnten lieben was da ist - den Menschen, der immer da sein wird, bis zum Ende unseres Lebens – uns selbst.
Jesus sagt: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“. 
 
Demnach hängt die Qualität unserer Verbindung zu anderen maßgeblich von der Hingabe an unsere Selbstliebe ab. Selbstliebe beginnt, wie gesagt, damit unser eigener bester Freund zu sein. Wir können es lernen, indem wir eine nährende Verbundenheit zu uns selbst aufbauen, indem wir achtsam, rücksichtsvoll und fürsorglich mit uns selbst umgehen.
Menschen, denen das gelingt, denen ein liebevolles Mit-sich-selbst-sein gelingt, finden das, was wir letztlich alle suchen - innere Ruhe, inneren Frieden, Zufriedenheit, Klarheit und eine Liebe, die nicht bedürftig ist. Sicher es ist menschlich bedürftig zu sein, aber wie viele Menschen geben sich selbst oder einen wesentlichen Teil ihrer selbst auf um vom anderen zu bekommen, was sie in sich selbst partout nicht finden? Und wieder und wieder dreht sich das Karussell der Erwartungen, der Sehnsüchte und der Enttäuschungen.
 
Wie wollen wir Etwas von einem anderen bekommen, wenn wir es uns selbst nicht geben können? Wie wollen wir einem anderen geben, was wir uns selbst nicht geben können?
Fangen wir bei uns selbst an!
Indem wir uns bemühen, es uns selbst zu geben und es nicht immer wieder von einem anderen einzufordern, der das meist auch nicht kann. Das ist Arbeit und das dauert. Das ist tägliche Übung. Das ist eine lebenslange Übung. Das ist nicht auf einmal da, weil wir es brauchen. Das ist genauso wie ein Kind großzuziehen, es liebevoll, achtsam und fürsorglich zu begleiten, es immer wieder zu trösten, wenn es ihm nicht gut geht, jeden Tag für dieses Kind da zu sein, so wie eine hinreichend gute Mutter für ihr Kind da ist.
 
Echte, tiefe Begegnungen können nur stattfinden, wenn sich Menschen begegnen, die dazu fähig sind sich selbst zu geben, was sie brauchen. Alles andere ist die bedürftige Sehnsucht des ungeliebten Kindes in uns. Und genau diese Sehnsucht führt zu immer wieder neuen Enttäuschungen. Vielleicht brauchen wir diese Enttäuschungen um endlich das zu erledigen, was unsere Aufgabe ist - uns selbst aushalten, wertschätzen und lieben.
 
„Liebe ist ein Wert, der durch liebende Handlungen verwirklicht wird“, schreibt Stephan R. Covey.
Liebevolles Handeln: Das ist der Weg zur Selbstliebe, das ist auch der Weg um einen anderen zu lieben. Manche Menschen lehnen sich selbst so sehr ab, dass das Wort Selbstliebe sie triggert. Sie haben ein falsches Selbst, das aufgrund ihrer ersten Beziehungserfahrungen nicht liebenswert sein darf, tief verinnerlicht. Sie wehren sich dagegen liebenswert sein zu dürfen. Man hat ihnen früh etwas anderes beigebracht und dem folgen sie bis zum Ende. Das ist traurig.
 
Dabei ist Selbstliebe nicht mehr und nicht weniger als liebevolles Handeln, erst einmal an und für uns selbst. Wenn uns das gelingt, greift die Liebe über uns selbst hinaus, hin zu einem anderen, der sich auch liebevoll behandelt. Dann ist eine Liebe auf Augenhöhe, frei von kindlichen Erwartungen und kindlichen Sehnsüchten möglich.
 
 

Samstag, 23. Dezember 2023

Wir müssen nicht mehr bewältigen, als wir zu leisten vermögen.

 



Ich habe in den letzten Tagen viele Nachrichten mit guten Wünschen erhalten.
In diesen Nachrichten stand immer wieder: "Es war ein schweres Jahr, möge das kommende Jahr leichter werden. "
Ja, es war für viele von uns ein schweres Jahr, nach all den schweren Jahren davor, wieder ein schweres Jahr. Als würden die schweren Jahre kein Ende finden. Also hoffen wir weiter auf bessere Zeiten.
Hope is bleeding, sage ich oft. Dann nämlich, wenn wir auf etwas hoffen, was nicht in unserem Einflussbereich liegt. Dann blutet die Hoffnung aus anstatt uns Kraft und Zuversicht zu schenken. Jahrelang habe ich gehofft, dass sich jemand, den ich liebe, nicht weiter selbst zerstört. Es war vergeblich. Es lag nicht in meinem Einflussbereich. Ich habe gekämpft und gehofft, weil ich mir nicht eingestehen konnte wie hilflos und ohnmächtig ich bin. Ich habe gehofft, weil ich mir den Verlust nicht eingestehen konnte, weil ich es so wie es ist, nicht haben wollte.
Was ich schließlich begriffen habe:
Verluste lehren mich, dass Bindungen an materielle Gegenstände oder an eine persönliche Beziehung nur Fesseln sind und das Anhaften und Festhalten wollen nur Schmerz verursacht. Das Ego will in seinem Trieb den Kampf um die Macht fortsetzen. Wenn ich aber in dieser Weise von meinem Ego beherrscht werde, setze ich meine Prioritäten falsch und werde kaum Erfolg haben, im Gegenteil – ich werde viel sinnlose Energie verschwenden, die mir woanders fehlt. Ich werde so beherrscht sein vom Wollen, dass ich keinen Blick mehr habe für das, was da auch ist, außer meinem Wollen.
Ich werde unglücklich und unfrei. 
 
Wir sind umso freier das zu tun, was uns am Herzen liegt, je weniger das Ego engagiert ist. Je weniger wir an etwas oder jemanden anhaften, desto freier sind wir und desto klarer sind wir. So klar, dass wir erkennen, dass wir oft etwas behalten wollten, das gar nicht bewahrenswert ist.
Was nun die Hoffnung für ein besseres neues Jahr angeht, ich hoffe nicht. Ich weiß nicht was kommt und ich spekuliere erfolglos.
Ich habe also beschlossen meine Energie in das hineinzugeben, was in meinem Einflussbereich liegt und mich nicht mehr für etwas oder jemanden zu engagieren wo ich weiß, dass ich keinen Einfluss habe. Das zu unterscheiden ist manchmal nicht leicht, aber man fühlt es. Ich habe beschlossen meinem Gefühl noch mehr Raum zu geben und meine Denkmaschine öfter mal abzuschalten. Ich habe beschlossen mich weiter mit dem Sammeln von Erfahrungen zu beschäftigen und in Resonanz zu gehen, mit dem, was ich fühle und es noch ernster zu nehmen als bisher. Dazu gehört auch mit meinen Ressourcen zu haushalten und mir öfter eine Pause zu gönnen, bevor mein Körper sie sich nimmt, weil ich nicht auf mein Gefühl hören will.
Wir alle meinen so oft zu müssen, aber das ist das Ego.
Wir müssen nicht mehr bewältigen, als wir zu leisten vermögen. Deshalb ist es okay kürzer zu treten bevor wir vor lauter „müssen“ nicht mehr können. Ich habe beschlossen nur für das unbedingt Notwendige zu arbeiten und meine Energie nur dorthin zu geben, wohin ich sie unbedingt geben will, nämlich in das, was mir am Herzen liegt und wo sie auch etwas ausrichtet.
 
Namasté und friedliche Weihnachten. 
 

Samstag, 16. Dezember 2023

Ich kann es nicht akzeptieren ...

 



„Ich kann nicht akzeptieren, dass es vorbei ist“, sagte gestern ein verzweifelter Klient zu mir. „Ich weiß ja, dass ich es nicht ändern kann und es akzeptieren muss, aber ich kann es nicht.“
So wie meinem Klienten geht es vielen von uns.
Akzeptanz ist verdammt schwer. Auch wenn der Kopf weiß, wir haben keine andere Wahl, wir sind absolut machtlos, der Bauch und das Herz kommen nicht mit. Weil es weh tut. Weil es schmerzt, weil wir es so wie es ist, nicht haben wollen.
„Gibt es denn da keine Technik?“, fragte mich mein Klient.
„Nein, die gibt es nicht“, antwortete ich.
 
Akzeptanz ist keine Technik, sie ist eine andere Sicht dessen, was ist.
Akzeptanz bedeutet nicht, dem was ist, zuzustimmen. Wir müssen es nicht gut finden. Akzeptanz bedeutet nicht, dass wir keine belastenden Gefühle mehr haben, sondern sie da sein lassen und ja zu ihnen sagen, anstatt dagegen anzukämpfen oder sie weghaben zu wollen.
Für die meisten ist das die schwerste Übung.
Keiner will sich verletzt, gekränkt, gedemütigt, verlassen, wütend, einsam, traurig oder ohnmächtig fühlen. All das sind Gefühle, die sich nicht gut anfühlen. Aber genau darum geht es bei der Akzeptanz auch – was sich nicht gut anfühlt, zu akzeptieren. Auch wenn wir es nicht wollen, manches müssen wir einfach aushalten. Auch eine schwere Übung.
Wer hält schon gerne aus, was weh tut?
Wenn wir körperliche Schmerzen haben, nehmen die meisten Schmerztabletten, für seelische Schmerzen gibt es keine Tabletten, die sie wegmachen. Das müssen wir selbst machen.
Akzeptanz ist keine willentliche Entscheidung, die wir auf Knopfdruck herbeiführen können. Etwas akzeptieren ist ein Prozess mit einer ganz eigenen Dynamik, in dem wir lernen mit den Umständen, die uns das Leben gerade serviert, umzugehen im Gewahrsein: ich kann daran jetzt nichts ändern, und - nichts bleibt wie es ist. 
 
Akzeptanz ist die Bereitschaft, uns nicht mehr gegen ungewollte Ereignisse und den damit verbundenen Schmerz aufzulehnen, sie zu bekämpfen oder verändern zu wollen. 
Akzeptanz ermöglicht das Erleben und Erfahren dessen, was gerade ist, so wie es ist. Sie entspricht der inneren Haltung - es ist, wie es ist - inklusive unsere emotionalen Reaktionen darauf. Sie verdrängt nicht, auch nicht den Schmerz und nicht die Angst. Sie nimmt an, bedingunglos, im Bewusstsein nichts ändern zu wollen. Akzeptanz ist die Haltung, die uns rettet, wenn wir vor einem Problem stehen, das nicht gelöst werden kann, einer Situation, die unveränderbar ist.
Geduld gehört dazu.
Geduld mit uns selbst und dem, was wir fühlen und nicht fühlen wollen. Und ja, es fühlt sich schrecklich an. Akzeptanz braucht Geduld mit den Tränen und der Sehnsucht nach Erlösung. Geduld mit den durchweinten Nächten und den miesen Tagen, an denen wir uns durchquälen, immer das im Kopf, was wir nicht akzeptieren können. Es ist okay. Wir können es noch nicht. Es ist okay. Es wird dauern. Es ist okay. Und wissen: Wir sind auf dem Weg. Und nein, es gibt keine Abkürzung. Es ist okay. Aber es gibt Hilfen, die wir nutzen können um das Schwere etwas leichter zu machen.
 
Atmen.
Bewusstes Atmen beruhigt den Körper, das Nervensystem und den Geist. Bewusst atmend im Moment sein. Die Ruhe des Augenblicks spüren. Konzentration auf das, was jetzt ist. 
 
Den Focus umlenken auf das Jetzt.
Weg von den Gedanken an das Vergangene. Weg von: Was wäre wenn?, hin zu: Was ist jetzt in meinem Leben, dem ich Aufmerksamkeit schenken könnte oder will? Auf ein Ziel fokussieren, etwas Neues lernen, neue Dinge ausprobieren. 
 
Schreiben, ein Tagebuch führen.
Das was wir nicht akzeptieren können aufschreiben. Unsere Gefühle aufschreiben. Bilanz ziehen und überlegen wozu es vielleicht gut ist, was ist. Was wir daraus lernen können. Und neue Handlungsspielräume andenken: Was liegt in meiner Macht, was kann ich selbst tun, damit es mir besser geht?
 
Ein Dankbarkeitstagebuch führen.
Das lenkt den Blick auf die guten Dinge und Aspekte, die es in unserem Leben auch noch gibt und holt sie ins Bewusstsein. 
 
Bewegung.
Raus gehen, egal wie das Wetter ist. Sport machen, den Körper auspowern und anschließend das wohlige Gefühl genießen.
 
Was mir hilft:
Mich mit Biografien beschäftigen von Menschen, die ich bewundere, und erfahren, wie diese Menschen Krisen und Schmerz überwunden haben. 
 
Reden.
Aussprechen was ist. Einem Menschen gegenüber, der achtsam zuhört. Indem wir die Dinge aussprechen, entlasten wir uns. Alles Ausgesprochene verliert seine Schwere und Bedrohlichkeit.
Nur was wir aussprechen, was Ausdruck findet, kann heilen.
 
Akzeptanz verdrängt nicht. Sie nimmt an. Akzeptanz beendet den inneren Kampf und befreit uns, damit wir unsere Energie in Aktivitäten investieren können, die uns weiter bringen.
Akzeptanz ist ein Prozess, der nicht im WARUM stecken bleibt. Sie fragt: WOZU ist es gut? Die Frage nach dem Warum ist destruktiv - die Frage nach dem Wozu ist konstruktiv. Denn mit der Frage Wozu? beginnen wir das Unveränderbare loszulassen um dann, wenn wir wieder zu Kräften gekommen sind, neue Wege zu suchen und das Leben neu zu gestalten. 
 
 
"Die Dinge verändern sich, egal, ob wir das nun wollen oder nicht. Wenn wir darauf bestehen, dass alles so bleibt, wie es ist, oder wenn wir das wegstoßen, was wir nicht mögen, dann lassen sich Veränderungen auch nicht aufhalten.
Es führt nur zu weiterem Leiden."
 
Jack Kornfield

Donnerstag, 14. Dezember 2023

Aus der Praxis: Sich der Wahrheit stellen

 



Um zu heilen, was für mich nichts anderes bedeutet als ganz zu werden und sich selbst zu finden, müssen wir uns zuerst einmal der Wahrheit stellen. Sich der Wahrheit stellen tut weh. Wir Menschen wollen Schmerz vermeiden. Das ist ganz natürlich, wer will schon Schmerz fühlen? Und dann noch freiwillig? Und dann vielleicht einen Schmerz, der unser Lebenskonstrukt ins Wanken bringt.
Ich habe in all den Jahren meiner Arbeit noch nie einen Menschen erlebt, der das freiwillig getan hat. Meistens braucht es eine massive Krise, einen schweren Verlust oder eine schwere Krankheit damit Menschen dazu bereit sind. Erst wenn das Leid groß genug ist, wenn alle Abwehrmechanismen und Verdrängungen nicht mehr funktionieren, sind Menschen bereit der Wahrheit ins Gesicht zu schauen.
Wenn ich von Wahrheit spreche meine ich nicht irgendeine spirituelle oder allgemeingültigen Wahrheit, ich meine die Wahrheit darüber wie die Dinge in unserem Leben wirklich sind und diese anzuerkennen.
 
Diese Wahrheit finden wir nicht über den Verstand.
Wir finden sie im Herzen. Unser Herz weiß sehr gut was wahr ist und was nicht. Es fühlt, wo wir uns etwas vormachen, wo wir uns selbst und andere belügen, wo wir etwas gerade biegen was schief ist oder etwas schön reden was unschön ist.
Wenn wir zum Beispiel in einer Beziehung sind, die sich nicht gut anfühlt, aber uns einreden, sie kann besser werden, der andere kann uns irgendwann besser verstehen, besser behandeln, besser lieben, wenn wir nur lange genug bei der Stange bleiben und aushalten, was schon längst nicht mehr aushaltbar ist, wenn wir uns uns selbst verleugnen, obwohl wir tief innen wissen, dass Selbstverleugnung niemals Liebe ist, sondern Abhängigkeit. Oder wenn wir einen Job machen, der uns krank macht, den wir aber weiter machen aus Angst, nichts Besseres zu finden oder uns nicht zutrauen, dass wir Besseres verdient haben. Oder wir bewegen uns kaum, essen, rauchen und trinken Alkohol mehr als uns gut tut. Wir vergiften unseren Körper und machen weiter, weil wir nicht auf die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung verzichten wollen. Unser Herz weiß, dass wir nach etwas ganz anderem dürsten oder hungern. Aber wir hören nicht auf unser Herz, das uns mahnt: Pass auf, du machst uns krank! 
 
Das Herz weiß, weil es fühlt. Es fühlt die Wahrheit und wir ignorieren sie. Wir leben gegen uns selbst und unser inneres Wissen. Wir leben in der Selbstentfremdung.
Der Verstand findet immer Ausreden und Argumente um weiter zu machen wie bisher. Er redet klein, was groß ist, nur damit wir uns der Wahrheit nicht stellen müssen.
Alles weil wir den Schmerz nicht fühlen wollen oder beim alten Schmerz bleiben wollen, den kennen wir ja. An den sind wir gewöhnt. Wir machen weiter, weil wir den großen Schmerz nicht spüren wollen oder den Verzicht fürchten auf all das, was uns betäubt, was das Unerträgliche erträglicher und das Schwere scheinbar leichter macht.
 
Der Weg zur Heilung aber geht durch den großen Schmerz. Und das bedeutet, dass wir uns mutig uns selbst stellen und Verantwortung übernehmen. Es bedeutet Bereitschaft den Weg zur Wahrheit zu gehen, auch wenn wir eine Zeit lang das Gefühl haben wir gehen durch unsere persönliche Hölle.
Und ja, darin ist es verdammt ungemütlich.
Da ist Angst, da ist Trauer, da ist Wut, da ist Verzweiflung, da ist Einsamkeit, das ist Leere. Um uns herum brennt ein Höllenfeuer. Ich kenne diese Hölle. Ich bin mehr als einmal durchgegangen. Wenn wir durch diese Hölle gehen gibt es nur eins: Du gehst weiter, immer weiter, bis du zum Ausgang kommst. Und du bist nicht verbrannt, du bist gewachsen. Du bist innerlich stärker geworden. Du bist ganz nah bei dir selbst angekommen.
Du bist wahrhaftiger geworden.
Und du fühlst es.
Viele machen sich auf den Weg und machen dann mittendrin kehrt. Sie gehen zurück in die toxische Beziehung oder sie machen immer öfter krank um kurz aufzuatmen und den gehassten Job weiter aushalten zu können. Oder sie trinken und essen weiter, über die Maßen, bis das Herz nicht mehr mitmacht und einen Infarkt bekommt. 
 
Jede Rückkehr, jede Verleugnung dessen, was ist, bedeutet, dass wir das Leid verlängern und es potenzieren. Irgendwann sind wir dann an dem Punkt an dem nichts mehr geht. Tiefpunkt.
Wir gleiten in eine Depression oder in den Burnout. Wir bekommen Panikattacken oder eine Krankheit. Dann können wir der Wahrheit nicht mehr ausweichen.
Die Bereitschaft uns der eigenen Wahrheit zu stellen bedeutet, sich der nicht berechenbaren Konsequenzen, die sie haben kann, zu stellen, sie in Kauf zu nehmen und bereit zu sein eine Entscheidung zu treffen, die sich im Herzen richtig anfühlt, auch wenn sie schmerzt. Der Preis ist hoch, aber der Preis, den wir zahlen, wenn wir die Wahrheit, die uns heilt, weiter verleugnen, ist weitaus höher.
Wer den Schmerz vermeiden will, wird noch mehr Schmerz erleiden. „Die Wahrheit ist eine unzerstörbare Pflanze. Man kann sie ruhig unter einem Felsen vergraben, sie stößt sich trotzdem durch, wenn es an der Zeit ist“. Das Zitat von Frank Thiess bringt es auf den Punkt.

Dienstag, 12. Dezember 2023

Empathie und Mitgefühl - die dunkle Seite



Es ist wichtig und gut, offen und zugeneigt zu sein, sonst kann ich keine Empathie entwickeln. 

Es ist wichtig und gut, mich abzugrenzen, sonst spült mich meine Empathie weg.

 

Der Begriff Empathie in der Psychologie entstand erstmals zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der deutsche Psychologe Theodor Lipps verstand darunter „ein inneres Mitmachen, eine imaginierte Nachahmung des Erlebens des Anderen“.

Empathie beruht auf Resonanz. Empathie ist die Fähigkeit mitzuschwingen und sich in die Gefühle anderer einzufühlen, man hat Anteil am anderen Menschen, kurz: Man hat Einfühlungsvermögen. Mitgefühl dagegen geht noch weiter: Mitgefühl möchte aktiv dazu beitragen, dass es dem anderen besser geht. Mitgefühl ist liebevolle Zuwendung und Fürsorge anderen gegenüber.

 

Empathie haben viele. Mitgefühl ist schon seltener zu finden. 

Sogar Menschen die unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leiden, können sich in andere einfühlen. Sie können sehr gut erkennen, was andere Menschen fühlen, denken und beabsichtigen, daher können sie andere auch so gut manipulieren, sie empfinden jedoch kein Mitgefühl.

 

Empathen und mitfühlenden Menschen fällt es oft schwer Grenzen zu ziehen. Sie sind derart empfänglich für die Gefühle, Bedürfnisse und Nöte anderer, dass sie sich dabei selbst vergessen oder an zweite Stelle setzen.

Oft liegt gerade bei Empathen, die für allen und jeden Mitgefühl haben, genau darin eine innere Ambivalenz. Ihr Mitgefühl für alles und jeden ist nicht selten eine Übertragung (unbewusste Gefühle, Wünsche, Sinnesempfindungen oder Verhaltensmuster aus wichtigen vergangenen Beziehungenwerden werden in gegenwärtigen Beziehungen aktualisiert (Projektion) der eigenen fehlenden Erfahrungen von Mitgefühl durch andere auf andere. Da ist ein innerer Mangel, der unbewusst dadurch erfüllt werden soll, dass anderen gegeben wird, was dem Selbst fehlte oder fehlt. Da ist etwas gut zu machen, wenn schon nicht bei sich selbst, dann durch das Mitgefühl für andere.

 

Nicht selten entwickelt sich daraus ein Helfersyndrom. Dem anderen wird die Hilfe gegeben, die sich das Selbst wünscht(e) aber nicht bekommen hat und nicht bekommt. Manche betreiben das bis zu Selbstaufgabe. Sie fühlen sich nur gut indem sie zu anderen gut sind. Ihr Mitgefühl fungiert als Abwehr von innerer Leere, eigenen Bedürfnissen und Ängsten. Sich selbst vergessen oder sogar aufzuopfern, zeugt jedoch davon, dass diese Menschen Mitgefühl für sich selbst gar nicht empfinden können. Denn wer schadet sich selbst, wenn er sich selbst mitfühlend erlebt? Niemand.

 

Echtes Mitgefühl bedeutet zuallererst mitfühlend mit sich selbst zu sein. Sind wir das nicht, projizieren wir auf andere. 

Damit kommt es nicht aus einem vollen mitfühlenden Herzen, sondern aus einem leeren Herzen, dass verzweifelt nach Fülle sucht. Dieses Herz spürt nicht wo es selbst aufhört und wo der andere anfängt. Der Mitfühlende identifiziert sich unbewusst mit dem, dem er Mitgefühl entgegenbringt, auch wenn er einen Preis dafür zahlt – nämlich Selbstverleugung und Selbstausbeutung.

 

Mitfühlende Menschen, besonders Menschen aus helfenden Berufen geraten dabei selbst oft an den Rand ihrer Kräfte. 

Sie geben anderen die Fürsorge, die sie sich selbst nicht geben und brennen langsam ab wie eine Kerze. Compassion Fatigue (Mitgefühlsermüdung)  Burnut und Depressionen sind die Folge. TherapeutInnen und MedizinerInnen weisen empirisch belegt eine höhere Suizidrate auf als die Allgemeinbevölkerung auf. Die Selbsttötungsraten sind nach den Ergebnissen von 14 internationalen Studien sogar 2,5-5,7-fach höher als bei vergleichbaren Nichtmedizinerinnen.

 

Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer beschrieb vor über 40 Jahren erstmals das Helfersyndrom in seinem Buch „Hilflose Helfer“. Schmidbauer beschreibt wie Helfer sich selbst blockieren und, nicht einfach das an sich anwenden können, was sie ihren Klienten täglich raten.

Zitat: Nächstenliebe als Beruf zieht jene Menschen an, die das Gefühl haben, zu wenig Liebe erhalten zu haben. Jemand hilft, weil eigentlich selbst Hilfe gebraucht wird. Ein Leben ganz im Sinne des Über-Ichs schützt das Ich vor dem Erleben jeglicher Ohnmachtsgefühle. So kann das Helfen genutzt werden, um den fehlenden Selbstwert zu erhöhen und Anerkennung zu erhalten. Da das Bedürfnis jedoch so groß ist und die Quellen beschränkt sind (der Selbstwert macht sich fast ausschließlich von außen über das Helfen als Zufuhr fest), ist immer mehr Energie (Helfen) notwendig, um den nötigen Selbstwert aufrecht zu erhalten. Da der Helfer aufgrund seines Über-Ichs und seines Ich-Ideals keine negativen Gedanken und Gefühle zulassen kann, steigt sein Aggressionspotential insgeheim immer mehr an und muss letztendlich doch irgendwie eine Öffnung finden.“

 Schmidbauer macht ausführlich deutlich, dass zu viel Mitgefühl und in Folge das Helfersyndrom als Möglichkeit fungiert, die narzisstische Kränkung der Kindheit, scheinbar zu bewältigen.

 

Empathie und Mitgefühl haben also wie alles zwei Seiten.

 

Mitfühlend zu sein bedeutet nicht alle Grenzen abzubauen. Gesundes Mitgefühl bedeutet nicht, dass wir es immer allen recht machen, ihnen alles geben, was sie wollen und alles zulassen was sie tun, auch wenn es unheilsam ist, für sie selbst und für uns. Es bedeutet auch nicht immer lieb und nett zu sein. Und es bedeutet nicht alles zu verstehen und alles zu entschuldigen.

 

Grenzen ziehen ist Ausdruck des Mitgefühls mit uns selbst.

Angemessene gesunde Grenzen ziehen macht einen gesunden Dialog und gesunde Beziehungen überhaupt erst möglich. Zu wissen wo ich aufhöre und wo der andere anfängt, schafft Klarheit und Augenhöhe. Grenzen ziehen heißt - sich selbst behüten, sich hüten vor einer Vermengung des anderen mit sich selbst.

Ohne selbstmitfühlend Grenzen zu ziehen landen wir in der Verstrickung und diese schafft immer Leid.

Grenzen ziehen schafft Klarheit über uns selbst und in uns selbst.

Wo ist es mir zu viel?

Wo gebe ich mehr, als mir gut tut?

Warum mache ich das?

Wo habe ich Verständnis, wo es nicht angebracht ist?

Warum lasse ich zu, dass mich Menschen immer wieder verletzen?

Warum suche ich Entschuldigen für mieses Verhalten, und unterdrücke meine Missbilligung, meine Enttäuschung, mein Verletztsein, meine Kränkung oder meine Wut?

Um diese Fragen zu beantworten müssen wir bereit sein wirklich hinzuschauen und radikal ehrlich zu uns selbst sein.

 

Klarheit über uns selbst und Mitgefühl mit uns selbst führt dazu, dass wir wissen, woran wir sind - mit uns selbst und mit anderen.

Gesundes Mitgefühl heißt also nicht, dass wir keine Grenzen haben. Nur wenn wir unsere Grenzen achten, achten wir wiederum auch die Grenzen anderer.

 

Zur Empathie

Auch sie hat dunkle Seiten und zahlreiche unbeabsichtigte Konsequenzen. Mit den verdrängten Aspekten der Empathie beschäftigt sich das Buch "Die dunklen Seiten der Empathie" von Fritz Breithaupt, Professor für Kognitionswissenschaften. Stichwort: Empathie um der Empathie willen. 


Empathie heißt nicht, keine Gefühle zu haben, keinen Ärger, Abneigung oder Wut zu empfinden. Empathie heißt nicht, alles zu entschuldigen, alles zu verstehen und jedem, der rücksichtlos anderen gegenüber ist und Menschen verletzt aufgrund seiner Persönlichkeitsstörung, seiner Neurose oder seiner Egozentrik, zu entschuldigen. Eine schlimme Kindheit ist kein Grund und schon gar keine Entschuldigung sich anderen gegenüber respektlos ignorant und verletzend zu gebärden.

Empathie heißt auch, nicht zu glauben, alles was mir begegnet, ist ein Spiegel meiner selbst und ich bin selbst verantwortlich, wenn mir Ungutes widerfährt.

Empathie spürt sehr genau, wo etwas unheilsam ist.

 

Empathie und Mitgefühl mit sich selbst ist ein Fürsorgliches zu sich selbst stehen, wenn nötig ein klares Nein zu sagen und sich nicht in Illusionen zu verlieren, dass alle Menschen im Grunde arme Opfer und gut sind. Und man sie doch in Schutz nehmen muss.

Nicht alle Menschen sind gut. Sie sich gut denken, macht sie nicht besser.



 

 

 

 

 

 

 

Samstag, 9. Dezember 2023

Weg von ... hin zu



Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“, lautet das Sprichwort. Hört sich gut an, gelingt nur nicht immer so einfach wie wir das wollen. Wir haben zwar den Willen, aber da sind Blockaden, die wir scheinbar nicht überwinden können. Wir stecken fest. Der Grund ist oft eine zu gegenwärtige Vergangenheit, die wir nicht abschließen können und die uns wie ein Schatten verfolgt. Wir schaffen es nicht ihn hinter uns zu lassen und zu etwas anderem überzugehen. Wir wissen genau, dass unsere Probleme so weiter anhalten und nicht gelöst werden können.

 

Aber unser Wissen allein hilft uns nicht, ohne Handlung wird es keine Heilung geben.  

 

Wenn wir z.B. glauben, dass wir Opfer unserer Vergangenheit sind, wird unser Denken und Fühlen vollständig von unserer Vergangenheit bestimmt. Wir sind überzeugt davon, dass wir nichts ändern können.  Wir fühlen Ohnmacht und Hilflosigkeit und versinken in Lähmung. Wir fühlen uns unfähig unser Leben in die Hand zu nehmen. Menschen, die stark an der Vergangenheit festhalten, meist nicht was sie wollen. Ihnen fehlen Ziele, die ihnen Sinn geben. Haben wir keine Ziele entsteht eine innere Leere, die wir mit den Erinnerungen an die Vergangenheit füllen. Wenn unser Denkapparat nichts hat womit er intensiv beschäftigt ist, wenn es nichts gibt, was uns interessiert, inspiriert oder begeistert, fällt er automatisch in alte Muster und altes Erleben zurück. Je mehr wir aber dem Alten Aufmerksamkeit schenken, desto präsenter ist es. Um das zu ändern, ist es hilfreich uns kleine oder größere Ziele zu setzen und täglich daran zu arbeiten, also in dem Sinne zu handeln, um das zu verwirklichen, was wir uns vorgenommen haben. Indem wir das tun wenden wir uns dem Jetzt zu.

 

Der Weg ist das Ziel. 

 

Wenn wir uns auf den Weg machen, erhält unser Denkapparat neuen Input. Damit tritt die Vergangenheit nach und nach automatisch in den Hintergrund. (Dabei spreche ich nicht von schweren Traumata, diese brauchen mehr als Ziele, sie brauchen professionelle Behandlung.) Aber auch hier gilt:

Jede neue Erfahrung, die wir machen, alles was wir an Neuem lernen und erleben, egal wie klein es ist, jede Handlung in Sachen Selbstfürsorge und Selbstwirksamkeit, hilft uns, uns von der Vergangenheit wegzubewegen. Wir sind präsent in der Gegenwart und zwar indem wir aktiv etwas tun um diese zu gestalten. Schritt für Schritt, in Babyschritten, Hauptsache wir kommen in Bewegung – geistig, emotional und körperlich.

 

Was aber wenn da keine Ziele sind?

Wenn wir keinen blassen Schimmer haben, was wir wollen? Wenn wir zwar wissen, was wir wollen, aber einfach nicht die Kraft finden uns in Bewegung zu setzen um es zu erreichen? Wenn uns der Mut fehlt etwas zu beginnen? Wenn wir mit den Blockaden unserer Vergangenheit alleine nicht fertig werden?

Dann ist es sinnvoll uns Hilfe zu suchen um unsere Blockaden zu lösen und in Bewegung zu kommen. Schon das ist eine erste Bewegung weg vom Alten, hin zu Neuem.  

 

 

 

Ganz gleich wie beschwerlich das Gestern war, stets kannst du im Heute von Neuem beginnen.

Buddha

Mittwoch, 6. Dezember 2023

Nicht alles beginnt in deinen Gedanken

 

                                                              Malerei: A.Wende
 
 
"Alles beginnt in deinen Gedanken."
Nein, nicht alles beginnt in deinen Gedanken.
"Alle Probleme sind Illusionen des Geistes."
Nein, nicht alle Probleme sind Illusionen des Geistes.
 
Ein Trauma ist kein Gedanke.
Ein Trauma ist keine Illusion des Geistes.
Ein Trauma bleibt bestehen.
Es wird gespeichert.
Prägt sich ein bis in die kleinste Zelle des Körpers.
Bleibt dort. Unauslöschbar. Wird Erinnerung.
Trauma fragmentiert und spaltet das Ich.
Trauma setzt sich über Generationen fort.
Trauma hinterlässt Wunden und Narben. 
Trauma lässt sich nicht umdenken, nicht neu denken, nicht besser denken, nicht weg denken.
Trauma heilt nicht durch Denken.  

Du kannst nur versuchen damit zu leben.
Du kannst das Mögliche dafür tun, um es zu integrieren damit du Heilung findest.
Und hoffen, dass du sie findest.
 
Nein!
Nicht alles beginnt in deinen Gedanken.
Nicht alles sind Illusionen des Geistes.

Montag, 4. Dezember 2023

Möglichkeiten

 



Möglichkeiten sind Gottes Geschenke an uns.
Um sie zu empfangen müssen wir sie sehen wollen.
Sie sind da.
Immer und überall.
Sie warten darauf geträumt und gewagt zu werden.
Im Wagnis des eigenen Lebens,
im Mut mit der Angst zu gehen,
in jedem "trotzdem",
in jedem "obwohl"
in jedem "aber", das wir überwinden,
liegt die Möglichkeit zu Wachstum und innerer Freiheit.
Trotz aller Beschränkungen, die die Umstände diktieren und in denen wir gefangen sind.
Es gibt immer Möglichkeiten.

Sonntag, 3. Dezember 2023

Was ein Mensch sein könnte ...




Alle Jahre wieder … die Sehnsucht nach einer heileren Welt, die Sehnsucht alles möge sich zum Guten fügen, die Sehnsucht nach Liebe, die Sehnsucht nach Familie, nach Geborgenheit und Halt, die Sehnsucht nach Frieden unter den Menschen.
Mit Frieden ist gerade nix. Mehr Krieg als Frieden ist.
Wir drängen das weg, wir wollen es weihnachtlich. Ehrlich? Mir ist nicht nach weihnachtlich.

Letztlich ist es wohl diese unstillbare Sehnsucht danach, dass alles gut ist und schön und friedlich, die uns in der Weihnachtszeit umtreibt, innerlich, während wir im Außen umtriebig dafür sorgen, dass alles schön wird. Schöne Geschenke, schönes Essen, eine schöne Zeit.
Advent, Advent, ein Lichtlein brennt.
Schön soll sie werden, die Weihnachtszeit. Frieden auf Erden und in den Seelen und den Menschen ein Wohlgefallen, wo in Wahrheit alles auseinanderfällt.
Alle Jahre wieder Hoffnungen und Erwartungen. Aber da kommt bei vielen von uns auch eine Menge hoch, was das ganze Jahr unterdrückt wird. Irgendwie macht das was mit uns, dieses Weihnachten, so ganz tief innen drinnen. Wir werden sentimentaler, nachdenklicher, berührbarer, melancholischer. Sogar die scheinbar Hartgesottenen spüren dieses seltsam nominose Gefühl, das sich nicht ignorieren lässt. Dieses unbestimmte Gefühl, das sich nicht wirklich fassen lässt. Irgendwie so ein Gefühl zwischen Frost und Wärme und beides gleichzeitig. Alle Jahre wieder, wenn in den Städten die Weihnachtbeleuchtung das Dauerdunkel ein bisschen heller und erträglicher macht und drinnen die erste Kerze am Adventskranz angezündet wird, ziehen viele von uns Resumee und vielen geht es dabei nicht sonderlich gut. Ja, die Weihnachtszeit, die hat schon was. Da rührt was ans Gemüt, ob wir sie feiern oder einfach ignorieren, was sowieso nicht gelingt, weil Weihnachten nun einmal stattfindet, mit oder ohne uns.

Was war denn da eigentlich an Weihnachten?
Da wurde Jesus Christus geboren in einem Stall in Bethlehem. Und die ganze Welt weiß darum noch heute. Da kam einer auf die Welt um den Menschen die Augen zu öffnen. Einer kam, der so ganz anders war. Gütig, liebevoll, gebend, helfend, verzeihend, heilend in seinem ganzen Wesen und in seinem ganzen Tun.

Einer, der kam und zeigte, was ein Mensch sein könnte.

Das ist es wohl, was uns so besinnlich macht, das Wissen, wie der Mensch sein könnte, wenn ... ?
Ja wenn er all das, was er auch ist, nicht wäre.
Dieses "auch" ist es, was uns das Leben und das miteinander leben so schwer macht und nicht friedlich. All der dunkle Kram in der Seele, all das Unheilsame in den Herzen, was uns daran hindert zu sein, was ein Mensch sein könnte. Wir sind nicht wie Jesus und wir werden es nie sein, keiner von uns, auch wenn wir noch so lange an uns selbst arbeiten. Wir werden weiter unsere Schatten mit uns herumtragen, ebenso wie unser Licht. Im Kleinen wie im Großen.

„Es ist okay“, sage ich immer, wenn ich etwas nicht ändern kann, wenn ich es sein lasse wie es ist, weil es nicht in meinem Einflussbereich liegt. Aber es gibt etwas, was in meinen Einflussbereich liegt, in unser aller Einflussbereich: Nämlich ob wir inmitten des Dunkels unser Licht anknipsen, das innere Licht, damit es wärmer wird, in uns selbst und über uns selbst hinaus dahin wo wir hinreichen, andere erreichen. Es ist okay, solange wir den Schatten nicht die Macht geben unser Leben und das Leben unserer Nächsten verdunkeln. Es ist okay, solange wir noch wissen, was ein Mensch sein könnte.

Mittwoch, 29. November 2023

Stille

 



Wenn ich früh am Morgen um halb sechs aufstehe ist es still. Nichts, kein Laut, kein Geräusch bis auf das Ticken der Wanduhr im Zimmer. Tick, Tack, im immer gleichen Rhythmus, erinnert sie mich an das Vergehen der Zeit und an meine Endlichkeit. Und zugleich sagt sie mir: Nutze den Tag. Jeder Tag ist kostbar. Jeder Tag ist ein Tag Leben. Jeder Tag ist eine Möglichkeit und ein Geschenk. Wenn ich das Fenster öffne ist es still, keine Vogelstimmen, kein Straßenlärm, ein stiller lautloser Morgen. Ein Morgen, der mir allein mir gehört. Ich lebe, wie schön, ich atme, wie schön. Ich trinke ein Glas warmes Ingwerwasser, mache mir einen Kaffee, setze mich an den Schreibtisch und lasse meine Gedanken fließen. Ich genieße diese ersten stillen Stunden des Tages.
Stille ist Lärmlosigkeit.
In der Stille begegne ich mir jeden Morgen selbst, spüre nach wie ich mich fühle. In der Stille des Morgens bin ich ganz bei mir. Nichts lenkt mich ab, nichts stört meine Kreise, niemand will etwas von mir. Da bin nur ich und meine eigene Gesellschaft. Und es ist gut und ruhig und still. Es gab eine Zeit, da habe ich das nicht so empfunden. Da war es mir zu still im ZImmer, da war diese Leere, und in der Leere eine diffuse Angst, ein Gefühl von Verlassenheit, ein bedrohliches auf mich selbst Zurückgeworfensein. Ich fühlte mich verlassen wie ein mutterloses Kind. Kein Halt, ein Gefühl von Trudeln im leeren Raum, das eine leise Verzweiflung und eine tiefe Trauer in sich trug. Die Stille war mir unerträglich. Warum ist da niemand? Warum muss ich das aushalten? Warum bin ich allein? Warum habe ich den Menschen verloren, den ich so sehr liebe? Was habe ich getan oder nicht getan? Was hätte sein können, wenn …? Endlose anstrengende Gedanken, die sich in der Stille aufblähten, keine Antworten fanden, sich wie kleine Hamster im Kopf drehten und kein Entkommen aus dem Hamsterrad. Und viel Schmerz und Trauer um das verlorene Glück. Es war kein guter Morgen. Statt beruhigende Stille war gruseliger Lärm in meinem Kopf. Nach und nach habe ich gelernt die Stille auszuhalten. Langsam, ganz langsam, habe ich gelernt meine Gedanken zu beobachten, sie vorüberziehen zu lassen, ohne ihnen all den Mist zu glauben, den sie mir einsagen wollen über mich. Ich habe gelernt meine ängstlichen Gedanken zu besänftigen und mein Gefühl von Leere zu füllen – mit mir selbst. Ich habe gelernt mich selbst auszuhalten, mit allem, was mich ausmacht, mehr noch, ich habe gelernt mich in meiner eigenen Gesellschaft wohl und sicher zu fühlen. Es war keine leichte Übung, es hat gedauert, es brauchte Mut und Geduld, aber es hat sich gelohnt. Heute liebe ich die Stille. 
 
In der Stille zu sein ist für die meisten Menschen nicht leicht. 
Viele meiner KlientInnen sagen, dass die Stille sie beängstigt und unruhig macht, dass sie Musik anmachen, den Fernseher anschalten, etwas tun müssen, sich beschäftigen müssen, raus müssen, weil sie es nicht aushalten in der Stille mit sich selbst und ihren Gedanken.
Gedanken können beängstigend sein, sie können anstrengend sein, sie können uns in Gefilde führen, die sich wie die Hölle anfühlen. Mit sich selbst, den eigenen Gedanken, Sehnsüchten und Ängsten konfrontiert zu sein kann verdammt bedrohlich sein. Unsere Dämonen gesellen sich in den stillen Stunden gerne zu uns. In der Stille finden sie Raum, werden gehört, gefühlt, endlich dürfen sie da sein. All das Verdrängte will da sein. Und wir wollen es weghaben. Ganz schnell soll das weggehen, was wir nicht fühlen, nicht hören, nicht sehen wollen. Wir kämpfen dagegen an. Im Lärm des Alltags obsiegen wir oft, das Laute übertönt was da an Unliebsamem in uns haust. Wir leben in einer lauten Umwelt, die immer lauter wird, auf dass wir nicht in uns hineinhören. Aber: Wer laut argumentiert, hat nicht immer die besten Argumente. In der Stille verlieren wir diesen Kampf, wenn sie nur lange genug anhält. Das ist gut so. Denn genau dazu ist sie da. 
 
Die Stille ist nicht gegen uns, sondern für uns, damit wir all dem, was da im Lärm des Alltags untergeht, endlich gegenübertreten, hinhören und uns uns selbst stellen. Dem, der wir sind, dem, der wir nicht sind und dem, der wir auch sind. Nur so werden wir überhaupt herausfinden wer wir im Ganzen sind. In der Stille machen wir uns mit uns selbst vertraut. Wir kommen uns näher, ganz nah. Die Stille wird zum zentralen Punkt der Selbsterkenntnis. Wir kommen uns nah wie einem Fremden, den wir uns vertraut machen, mit Neugier und Wohlwollen, mit Aufmerksamkeit und Achtsamkeit, mit Zuneigung und Wertschätzung, so wie wir es einem Fremden gegenüber tun würden, der uns interessiert.
Stille ist auch der zentrale Punkt für Veränderung.
Nur wenn wir uns selbst in der Stille so weit als möglich erkannt haben, wissen wir was wir nicht mehr wollen und was wir wollen. Wir finden Klarheit über den Menschen mit dem wir da gerade alleine im Zimmer sitzen. Diese Klarheit ist die Vorrausetzung um der zu werden, der wir sein wollen, um unser Leben zu gestalten, auf das es das Unsere ist, egal was andere denken, meinen und glauben. Wir werden uns unserer selbst bewusst. Das ist die Kraft, die wir aus der Stille schöpfen: Selbst-Bewusstsein und ja, auch Selbstfreundschaft. Am Ende ist diese Freundschaft mit uns selbst die einzige sichere Stabile im Leben. Alles kann uns verlassen, nur wir selbst dürfen uns nicht verlassen, denn dann sind wir wirklich verlassen. 
 
„Die größten Ereignisse in unserem Leben – das sind nicht unsere lautesten, sondern unsere stillsten Stunden.“
Friedrich Nietzsche

Dienstag, 28. November 2023

Work in Progess : Takotsubo / Heartbreak

 

"The heart breaks and breaks
and lives by breaking
It is necessary to go
through dark and deeper dark
and not to turn."
 

 

Stanley Kunitz, The Testing-Tree

 

 

 








Namensgeber des sogenannten „Takotsubo“-Syndroms ist eine traditionelle, japanische Tintenfischfalle in Form eines ausgebuchteten Tonkruges mit verengtem Hals

 Sie erinnerte die Ärzte an das typische Bild des Herzens bei dieser Krankheit: Eine Bewegungsstörung und eine ballonartige Aufweitung der linken Herzkammer .

Takotsubo-Kardiomyopathie: Wenn Stress das Herz aus dem Takt bringt. 

Atemnot, Brustenge und Schmerzen im Oberkörper.

Die Symptome der Takotsubo-Kardiomyopathie, auch Stress-Kardiomyopathie oder „Broken Heart-Syndrom“ genannt, gleichen denen eines Herzinfarkts.

Montag, 27. November 2023

Trauer

 

                                                               Malerei: A.Wende

In der Trauer lebst du zwei Leben.
Das eine in dem du tust was wichtig ist um deinen Alltag zu leben.
Das andere in dem du deine Trauer zulässt um weiter zu leben.
Trauer braucht Zeit und Geduld.
Trauer kommt in Wellen.
Manche überwältigen dich, manche wiegen dich sanft in der liebevollen Erinnerung an das Verlorene.
Manchmal ist der Schmerz so stark wie körperlicher Schmerz, der dich zerreisst.
Manchmal weinst du leise Tränen, die dich trösten und beruhigen.
Manchmal möchtest du schreien.
Manchmal möchtest du für immer schweigen.
Manchmal möchtest du nicht mehr hier sein, damit der Schmerz endlich aufhört.
Manchmal erinnert dich das Lachen eines Kindes an die Schönheit und die Kostbarkeit des Lebens.
Und du spürst, tief in deinem Herzen die Gnade der Liebe.
Das Leben ist da, auch wenn du deine Liebe verloren hast.
Es ist okay, dich verloren zu fühlen.
Es ist okay Tage voller Schmerz zu haben, an denen die Welt leer und grau erscheint.
Es ist okay, dir Hilfe zu holen.
Es geht nicht darum, weiterzumachen wie vor dem Verlust, es geht darum voranzukommen.
Jeder Schritt, den du gehst, ist ein Akt der Liebe zum Leben selbst, die du in dir trägst.