Freitag, 31. März 2023

Aus der Praxis: Dieses nervige Innere Kind

                                                                     Foto: www


 

„Ich kann dieses blöde Kind in mir nicht leiden. Es nervt!“, sagte gestern ein Klient zu mir.

„Überhaupt das Gequatsche von diesem sogenannten Inneren Kind.

So ein neumodischer Psycho-Bullshit!“

 

Viele von uns können ihr Inneres Kind, bzw. ihre Inneren Kinder (viele von uns kennen mehr als einen Inneren-Kind-Zustand), nicht leiden. 

Und nicht wenigen Menschen macht es Angst. Kein Wunder, denn diese kindlichen Anteile sind meist für unsere emotionalen Probleme und unseren Kummer verantwortlich.

Wahr ist: Nicht das Innere Kind ist verantwortlich, sondern vielmehr der fehlende Innere Erwachsene, der es angemessen reguliert.

 

Neu ist das Konzept des Inneren Kindes nicht.

Das Konzept Inneres Kind ist in vielen Therapieschulen schon gedacht worden.

Wir finden es in den Archetypen von C.G.Jung, im Stufenmodell von Freud, in der Gestaltherapie, im Psychodrama, in der Transaktionsanalyse von Eric Berne. Es ist Teil der Schematherapie und der Ego-State Therapie von von Helen H. und John G. Watkins.

Allein die Worte und Metaphern für diesen inneren Anteil unserer Psyche unterscheiden sich.

 

Das Innere Kind ist ebenso ein Ich-Zustand in dem wir uns befinden, wie wir uns auch in anderen Ich-Zuständen befinden. 

Wir haben z.B. ein Erwachsenen-Ich, ein Mutter-Ich, ein Vater-Ich, ein Partner-Ich, ein Job-Ich, usw. All das sind Zustände, bzw. Rollen, die wir situationsabhängig wechseln und mit denen wir täglich umgehen müssen und die im besten Falle in einem gesunden Miteinander agieren.

 

Wenn ich innerlich frei und psychisch stabil bin, verfüge ich über eine gesunde Rollenflexibilität. Ich kann sie gezielt aufsuchen und dort wo sie notwendig ist angemessen einsetzen. 

Kann ich das nicht, sprich, wenn mich meine inneren Zustände unkontrolliert überwältigen oder ich automatisch hineinrutsche, habe ich ein Problem: Wir sprechen dann von Ego-State-Disorder, zu Deutsch: Selbst-Anteil-Unordnung. Ein Mensch mit einer Ego-State-Disorder hat dysfunktionale innere Rollen, welche den Alltag "stören" oder das Selbst-Gefühl massiv negativ beeinflussen. Je ausgeprägter diese innere Unordnung ist, und damit belastender für eine gelingende Lebensbewältigung, desto dringender benötige ich professionelle Unterstützung, die mir dabei hilft über die Koexistenz meiner Ich-Zustände Klarheit zu erlangen, sprich: sie zu identifizieren, sie unterscheiden zu lernen und sie steuern zu lernen um schließlich eine friedliche Koexistenz meiner Ich- Zustände zu erreichen. Das nennt man nach C.G. Jung: Individuation, was bedeutet ganz zu werden und mir meiner Ganzheit bewusst zu sein. Dann bin ich ein seelisch gereifter Mensch, der über eine angemessen Rollenflexibiliät verfügt.

Ist dies der Fall empfinde ich mich als komplettes Ich. Ich bin in der Lage meine innere vollständige Landkarte abzurufen, wenn es nötig ist. Ich bin fähig Sorge dafür zu tragen, dass meine Inneren Kinder mit ihren Traumata und Verletzungen und der daraus resultierenden Unfähigkeit die Gegenwartssituation zu erkennen, nicht die Macht über mein ganzes Selbst übernehmen und mich beherrschen oder hervorspringen, wo sie nichts zu suchen haben und mich boykottieren.

Dies ist ein Prozess des Erlernens und Trainierens der Zeit braucht.

 

Übrigens: Was den Psycho-Bullshit angeht, konnten mein Klient und ich im Laufe unserer Sitzung herausfinden, welcher Ich-Zustand da am Werk war.

 

 

 

 

 

 

 

Mittwoch, 29. März 2023

Innere Freiheit

 

                                                                     Foto: www

Was, wenn man sich in sich selbst nicht zu Hause fühlt? Wenn man in sich keinen sicheren Ort findet, der Geborgenheit bietet?
Dann ist man abhängig vom Außen und immer auf der Suche.
Ich will damit nicht sagen, dass wir andere nicht brauchen. Wir brauchen Verbundenheit, wir brauchen Beziehungen, wir brauchen aber auch Verbundenheit mit uns selbst und eine sichere Beziehung mit und zu uns selbst. Nur dann sind wir innerlich frei und treffen freie Entscheidungen.
Das größte Hindernis um zur inneren Freiheit zu gelangen sind wir selbst. Unser größter Feind sind wir selbst. Leidvoll wird es immer dann, wenn wir uns selbst verleugnen. Das heißt auch – wir selbst haben den Schlüssel zur inneren Freiheit in der Hand.
 
Um innere Freiheit zu erlangen, muss man sich erst selbst kennenlernen. Und man muss sich selbst aushalten können.  
Wer das kann, muss nicht mehr vor sich selbst davonlaufen. Er kann sich aushalten mit allem, was ihn ausmacht, mit all den inneren Konflikten, den Spannungen, den belastenden Gefühlen, mit seinen Ängsten und Sorgen, seinen Sehnsüchten und Bedürfnissen. Er ist Herr seiner selbst. 
 Wie oft denken wir, wir müssen in Kontakt sein, am besten ständig, wir denken, wir brauchen einen Partner um ganz zu sein, wir denken, wir müssen etwas tun, uns mit etwas beschäftigen, nur um nicht mit der Stille im Raum konfrontiert zu werden, wenn wir allein sind. Wir drehen das Radio auf, hören einen Podcast, berieseln uns mit Musik, ohne bewusst und aufmerksam hinzuhören, wir lassen den Fernseher laufen, nur um die Stille zu übertönen. 
 
Wir halten die Stille nicht aus, weil wir uns selbst nicht aushalten.
Nicht das Alleinsein für längere Zeit und noch schwerer das Gefühl von Einsamkeit. Alleine sein ist noch kein Problem, einsam sein ist ein Problem. Doch in der Einsamkeit steckt ein großes Potenzial. Das Potenzial sind wir selbst. Dafür benötigen wir den Mut und die Kraft uns selbst zum Thema zu machen. Damit geben wir dem Reichtum, den wir in uns selbst entdecken können, eine Chance uns zu finden. Zugegeben, die Stille, das Alleinsein hat seine Tücken. Und die sind nicht ohne. Ich weiß das aus Erfahrung. Wenn wir uns trauen, werden wir mit unseren Schatten Bekanntschaft machen. Mit all dem, was wir nicht fühlen, wenn wir unter Menschen sind, wenn wir beschäftigt und abgelenkt sind und gar keine Zeit haben uns selbst zu spüren, uns unserer selbst gewahr zu sein.
In der Stille können Gefühle von Trauer, Schmerz, Wut, Sehnsucht und all unsere verdrängten Ängste auftauchen. Wir können nichts kompensieren, uns nicht ablenken. Selbst wenn der Fernseher läuft, irgendwann dringen die Stimmen durch, sie werden lauter als das mediale Geblubber.
Wir können nicht mehr weghören. Wir müssen hinhören.
Wir können nichts mehr tun, um unsere Gedanken zu stoppen – wir müssen sie aushalten. 
 
Das Wort „aushalten“ ist ein schweres Wort. Ersetzen wir es durch Hinhören.  
Zu uns hinhören, uns zuhören. Dem in uns, was uns etwas sagen will.
Und wenn wir achtsam hinhören, beginnen wir über uns selbst nachzudenken. Über unsere Identität, unsere Erfahrungen, unsere Erinnerungen, den Weg, den wir bis hierhin gegangen sind.
Plötzlich kommen Fragen wie: Wer bin ich wirklich? Wie stehe ich zu mir selbst und wie zum Leben? Was erwarte ich von mir und dem Leben? Habe ich an mir selbst vorbei gelebt oder habe ich mich selbst verwirklicht, so gut ich es vermochte? Was will ich wirklich? Was will ich noch tun und was erleben, bevor der Vorhang fällt?
Das sind tiefe Fragen, Fragen die sich nicht so leicht beantworten lassen, die uns Angst machen können oder Schmerz bereiten.
 
In der Stille können wir ihnen nicht ausweichen.
Und das ist gut so, finde ich.
Denn nur so kommen wir dort an, wo wir immer sein wollten – bei uns selbst. Ehrlich und aufrichtig, ohne Maske, ohne die Rollen, die wir gespielt haben – nackt und verdammt echt. Ja, auch verletzlich. Es ist okay, denn das sind wir auch. Und trotzdem und gerade deshalb „ja“ zu uns selbst sagen.
In der Stille erkennen wir auf einmal, was im Alltag auf der Strecke geblieben ist, was für Emotionen sich aufgestaut haben, welche Enttäuschungen wir nicht verarbeitet haben, die uns noch immer belasten, weil wir uns nie Zeit dafür genommen haben unsere Biografie anzuschauen, sie zu hinterfragen, sie zu verstehen und sie zu würdigen, uns zu würdigen, dass wir es bis hierhin geschafft haben.
Wir erkennen all die Ablenkungsmanöver, die wir betrieben haben um all das nicht zuzulassen, das da ist, jetzt, wo es keine Ablenkung gibt. 
 
Die Stille ist plötzlich laut. Sie will gehört werden.
Wer sie hört, ihr wirklich zuhört wird einen großen Reichtum in sich finden.
Er wird lernen, sich selbst und seine inneren Spannungen auszuhalten. Er wird lernen, in sich selbst Geborgenheit zu finden, sich in sich selbst zuhause fühlen, an einem sicheren inneren Ort, ganz gleich was im Außen passiert. Er ist ein freier Mensch, der freie selbstbestimmte Entscheidungen trifft, der weiß, was er will und was er nicht will, der Konflikten standhalten kann, weil er sich selbst standhalten gelernt hat. Ein innerlich freier Mensch wird sein wahres Ich kennenlernen und schließlich das Leben gestalten, das zu ihm passt. 
 
"Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen."
Blaise Pascal

Dienstag, 28. März 2023

Aus der Praxis: Traumabindung

 

                                                         ART: Louise Bourgeois

 
"Ich kann nicht gehen, er, sie, ist doch mein Seelenpartner."
Wie oft höre ich das, wenn Klienten zu mir kommen um über ihre Beziehung zu klagen, die sie langsam kaputt macht.
Ist das wirklich wahr? Ist das der Seelenpartner?
Ist das wahr, wenn die Beziehung alles andere ist, als erfüllend?
Wenn deine Gefühle und Bedürfnisse körperlich und emotional nicht erfüllt werden?
Wenn die Beziehung ein ständiger Tanz von On und Off ist?
Wenn es mit und ohne nicht gut ist?
Wenn sie sich zerstörerisch anfühlt?
Wenn eigene Bedürfnisse auf der Strecke bleiben?
Wenn das Ungute überwiegt und dann wieder diese Wahnsinnsmomente kommen, wo du im siebten Himmel schwebst um kurz danach wieder abzustürzen?
Wenn jeder neuen Hoffnung eine neue Enttäuschung folgt?
Wenn du bleibst, obwohl dein Verstand und dein Bauch sagen: Geh!
Wenn du daran festhälst, weil dein Herz sagt: Das ist meine große Liebe. Ich kann ohne sie nicht leben!
Wenn Liebe als Sehnsuchtswert alles Unheilsame ertragbar macht?
Wenn du am anderen klebst wie zäher Leim, obwohl er dich immer wieder verletzt und du dich einfach nicht lösen kannst?
Wenn das so ist, dann ist es nicht der Seelenpartner.
Der tut dir nämlich gut und du ihm.
Was das ist, ist Traumabindung.
 
Traumabindung ist, wenn wir in einem Beziehungsmuster feststecken, das uns in einer Dynamik festhält, die uns nicht dienlich ist. Es handelt sich um ein Beziehungsmuster, das wir in der Kindheit erlernt haben und im Erwachsenenalter wiederholen.  
Wir wiederholen, was wir erlebt haben und leben es immer wieder aus, um unbewusst die alten Beziehungsmuster zu heilen, nach dem Motto: Es muss doch endlich gut werden, wenn ich es es nur immer wieder versuche, wenn ich nur genug liebe, genug verstehe, genug gebe, genug verzeihe.
Es wird nicht gut. 
 
Ein Problem lässt sich nicht mit Strategien lösen, die damals schon nicht geholfen haben. 
Die kindlichen Überlebenstrategien halfen uns zwar Probleme mit unseren frühen Bindungspersonen zu bewältigen, sie halfen uns Traumata emotional zu überleben, jetzt aber bringen sie uns in direkt zurück in die unheilsame Lage der Kindheit.
Fatalerweise halten wir an diesen Strategien fest.
Es zieht uns unbewusst so stark zu diesen Mustern, dass wir wider besseren Wissens gegen uns selbst handeln, um eine Beziehung zu halten, die auf Traumabindung basiert. Wir verleugnen das Unheilsame, wie damals als Kind, um geliebt zu werden. Wir verleugnen uns selbst um Liebe zu bekommen, weil wir gelernt haben: Bindung ist Überleben, und ohne Bindung, egal wie sie ist, sind wir nicht überlebensfähig.
Menschen, die diese Erfahrung gemacht haben, verwechseln Gefühle der emotionalen Abhängigkeit mit Liebe und wahrhaftiger Verbundenheit. 
 
Das kindliche Gefühl der Abhängigkeit fühlt sich nach Heimat an. So kennen wir es, egal wie unheilsam und schmerzhaft die Heimat der Kindheit war. Was sich vertraut anfühlt, wird als Verbundenheit empfunden und gedeutet, selbst wenn dies Schmerz bedeutet.
Unsere kindliche Bedürftigkeit fühlt sich von einer ähnlichen Dynamik magisch angezogen, egal ob sie uns guttut oder nicht. Daher finden wir uns immer wieder in ähnlichen Beziehungsmustern wieder, die wir als Kind erlebt haben. Wir haben gelernt diesen traumatischen Zustand mit Liebe zu verbinden, weil er unserer Erfahrung von „Liebe“ gleicht. Er sitzt in jeder Zelle wie ein fest installiertes Programm.
Wenn wir in einer Traumabindung stecken setzt unser Verstand aus. Wir sind gesteuert von den Verletzungen der Vergangenheit. Wir leben in unseren alten Mustern, unfähig auszusteigen, obwohl wir genau spüren – das hier ist Gift für uns. Wir schlucken es weiter, süchtig nach der Vergangenheit. Es hat eine solche Anziehung auf uns wie die Droge auf den Süchtigen. Bekommen wir unsere Dosis nicht, fühlt sich unser Leben leer an und sinnlos. Dann fehlt das Drama, der Kick, die Intensität, die Tiefe, der Exzess, der Dopaminschuss der Traumabindungen aufrechterhält. 
 
Also bleiben wir, wie der Süchtige, auf der Droge hängen, die unser Leben nach und nach zerstört, gelingt es uns nicht die Sucht zu stoppen.
Aber genau darum geht es: Stopp zu sagen.
Hinzuschauen, was sich da in uns und vor uns abspielt. Uns dessen bewusst zu werden, was wir in Endlosschleife reinszenieren, um davon zu genesen. Um wir selbst zu werden, erwachsen zu werden und nicht dem traumatisierten Kind in uns die Zügel in der Hand zu lassen. Genesen, um mit dem Partner in Resonanz zu treten, der uns gut tut und nicht dem, der unsere Neurose bedient.
Dazu müssen wir uns der alten Muster gewahr werden.
Wir müssen sie identifizieren und sie dann verlernen. Das erfordert den absoluten Willen, viel Zeit, viel Arbeit und die Kraft den Entzug durchzustehen, denn genau das ist es - ein Entzug, von dem Gift, das uns von Kindheit an beherrscht. 
 
 
Wenn Du Unterstützung suchst: Schreib mir eine Mail unter: 
aw@wende-praxis.de

Donnerstag, 23. März 2023

Aufmerksamkeit verändert vieles

 

                                                                  Foto: A.Wende

 
Gestern hatte ich ein Gespräch mit einer Klientin, die sich über sich selbst ärgert, weil sie immer dann, wenn ihr Partner sich anderen zuwendet, ein bedrohliches Gefühl von Verlassenheit empfindet, das sie dann mit Wut auf ihren Partner ausagiert. Sie weiß genau, dass diese Angst alt ist und es keinen Grund im Jetzt gibt. Ihre Beziehung ist stabil und sie weiß, dass ihr Partner sie liebt. Dieses Wissen nützt ihr aber nichts. Immer wieder wird sie von den alten Gefühlen überflutet. Ich spüre wie die Wut hochkriecht, aber ich kann nichts tun, ich muss sie rauslassen. Das macht mich traurig. Hört denn das nie auf?, sagt sie.
Ob das irgendwann aufhört weiß ich nicht, antworte ich, aber Sie können lernen bewusster mit ihren Emotionen umzugehen.
Ich empfehle meiner Klientin ihre Aufmerksamkeit zu trainieren. Diese ist wesentlich für unsere Fähigkeit zur Selbstberuhigung in emotional aufwühlenden Momenten.
Wenn wir lernen unsere Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment zu richten und diese Aufmerksamkeit täglich trainieren, finden im Gehirn interessante Veränderungen statt. Unser Gehirn besitzt die Fähigkeit, sich neu zu organisieren und neue Verbindungen zwischen den Nervenzellen herzustellen. Das bedeutet: Es ist dazu fähig sich strukturell und physiologisch zu verändern. Und das gelingt durch das Praktizieren von Aufmerksamkeitstraining.
 
Aufmerksamkeitstraining stärkt die Verbindungen zwischen verschiedenen Gehirnregionen, die an der Aufmerksamkeitssteuerung beteiligt sind, wie z.B. den präfrontalen Cortex und den parietalen Cortex. Dadurch können Informationen schneller und effizienter verarbeitet werden. Die graue Substanz nimmt zu.
Studien haben gezeigt, dass Menschen, die regelmäßig Achtsamkeit praktizieren trainieren, eine höhere Dichte an grauer Substanz in bestimmten Gehirnregionen haben, die für die Aufmerksamkeitskontrolle wichtig sind, wie z.B. der präfrontale Cortex. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit regelmäßig trainieren, erhöht sich die Aktivität in dieser Region, was uns u.a. hilft, uns besser auf eine Aufgabe zu konzentrieren und ablenkende Reize auszublenden. Das Trainieren der Aufmerksamkeit verändert auch die Konzentration und Verfügbarkeit von Neurotransmittern wie Dopamin, Noradrenalin und Serotonin. Diese Neurotransmitter sind wichtig für die Regulierung der Aufmerksamkeit und können ebenfalls helfen, unsere Konzentration zu verbessern.
 
Wenn neue neuronale Pfade angelegt werden, gelingt es uns mit der Zeit uns aus unseren Automatismen zu lösen. Wir reagieren nicht mehr unmittelbar und automatisch auf Reize und Trigger, sondern lernen, den Raum dazwischen achtsam wahrzunehmen und ihn zu nutzen, um nicht von unseren Gefühlen überflutet zu werden. Mit einfachen Worten: Wir reagieren zunehmend bewusster und nicht aus unseren alten Mustern heraus. Wir sind präsent im Jetzt.
Die Praxis der Metta Meditation z.B. bei der es um liebende Güte, also um das Gefühl von Liebe geht, indem wir durch das Sprechen von Sätzen und Mantras üben liebevolle Güte für uns selbst und jedes Lebewesen zu empfinden, stärkt sogar unser Limbisches System, also den Ort im Gehirn wo unsere Emotionen sitzen. 
 
Jede Art von Aufmerksamkeitsstraining führt, wenn wir es zu unserer täglichen Routine machen, zu einem ruhigeren, gelasseneren und bewussteren Umgang mit uns selbst und unseren emotionalen Herausforderungen. Es gibt unserem Nervensystem die Balance zurück. Es hilft uns, uns in der Gegenwart zu verankern. Es verhilft uns dazu nicht mehr aus dem Autopiloten zu reagieren, uns von Denkverzerrungen zu lösen, mehr Gelassenheit zu erlangen und bewusster mit uns selbst und anderen umzugehen. Aufmerksamkeit hilft uns dabei, dass wir unseren Konditionierungen und unseren Emotionen nicht mehr unbewusst ausgeliefert sind. Unsere Aufmerksamkeit steuert, wofür wir unsere mentalen Ressourcen nutzen. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit besser kontrollieren können, können wir leichter Abstand von wenig hilfreichen Gedanken nehmen. Das Gewahrsein der Reaktionen unseres Nervensystems ist ein enormer Schritt in Richtung Genesung. Schon kleine tägliche Übungen verändern vieles.

Dienstag, 21. März 2023

Auf dem Weg

 

                                                                        Foto: www

 
Während wir auf dem Weg der Genesung sind beginnen wir viele geglaubte Wahrheiten und Überzeugungen zu hinterfragen. Wir beginnen anzuzweifeln, was wir für selbstverständlich hielten. Wir beginnen mehr und mehr wahrzunehmen, was in uns und um uns herum nicht in Ordnung ist.
Wir werden sensibler, für uns selbst und für andere.
Wir brauchen mehr Zeit für uns selbst und beginnen öfter die Stille zu suchen. Wir hören auf unsere Intuition und beginnen ihr mehr und mehr zu vertrauen.
Wir setzen Grenzen Menschen gegenüber, die uns immer wieder missachten und verletzen. Wir grenzen uns von jenen ab, die uns nicht wertschätzen und von jenen, die unseren Weg nicht mitgehen. Wir lassen ihnen das Ihre und kümmern uns weiter um das Unsere. Wir verlassen Beziehungen, die uns schädigen und sorgen für gesunde Beziehungen.
Wir erkennen, dass unser Wert nicht von anderen Menschen abhängt. Wir lassen uns nicht mehr manipulieren und bestimmen selbst wo es lang geht.
Vielleicht ziehen wir uns eine Weile zurück.
Unser Denken über emotionale und geistige Gesundheit verändert sich. Wir begreifen die Zusammenhänge zwischen unserer Psyche, unserem Geist und unserer Gesundheit und beginnen selbstschädigende Gewohnheiten zu lassen und entwickeln neue heilsame Gewohnheiten, die wir täglich praktizieren. Wir praktizieren Selbstfürsorge.
Wir begegnen unserem Inneren Kind und machen uns mit ihm vertraut. Wir lehnen es nicht mehr ab, weil es uns so oft boykottiert, sondern begegnen ihm mit Verständnis, Neugier, Mitgefühl und liebender Güte.
Wir reagieren weniger aus dem alten Überlebensmodus heraus und nehmen den Raum zwischen Reiz und Reaktion immer öfter bewusst wahr. Wir reagieren weniger und agieren mehr.
Wir stärken unsere Selbstwirksamkeit. Wir kennen unsere Werkzeuge zur Selbstberuhigungskompetenz und nutzen sie, wenn ungute Gefühle uns zu schaffen machen. Wir beginnen langsam das verlorene Vertrauen in uns selbst zurückzugewinnen.
Unsere Beziehung zu unserer Umwelt wird wacher, achtsamer und mitfühlender. Wir fühlen stärker unsere Verbundenheit mit allem. Wir leben bewusster. Wir vertrauen mehr und mehr unserer inneren Führung. Wir folgen unseren Werten und handeln danach.
Wir denken ganzheitlicher und integraler. 
 

Montag, 20. März 2023

Aus der Praxis: Emotionale Reifung

 

                                                                   Foto: A.Wende

 
Der Schmerz, den wir fühlen, lässt sich nicht durch einen besseren Job, einen besseren Partner oder mehr Erfolg beheben. Gefühle der Verlassenheit, der Trauer der Wut, der Wertlosigkeit, der inneren Einsamkeit, der Unzufriedenheit und der inneren Leere werden nicht durch das Verändern äußerer Umstände geheilt, auch wenn manche das meinen.
Die Erfahrung zeigt: Egal wo wir hingehen, wir nehmen uns mit.
Wir können die Probleme nicht auf der Ebene lösen, auf der sie entstanden sind.
Solange die verletzten jüngeren Anteile in uns unsere Sicht der Wirklichkeit prägen, bleiben wir der Mensch, der wir sind. Darum ist es so wichtig unsere Vergangenheit zu verstehen, zu verarbeiten und zu integrieren, um das verlorene Vertrauen in uns selbst wiederzuerlangen. Damit beginnt der Weg der Genesung.
 
Genesung ist ein bewusster Prozess, der Tag für Tag gelebt werden muss, indem wir uns unsere Denkweise über uns selbst bewusst machen und verändern.  
Dazu gehört, dass wir unser Bewusstsein auf die unbewussten Anteile in uns selbst richten, indem wir uns selbst von einer höheren Ebene aus mit Abstand beobachten. Damit ändert sich mit der Zeit unsere Selbstwahrnehmung und unser Bewusstsein über uns selbst.
Wir nehmen mehr und mehr wahr, wann wir aus den verletzen Anteilen heraus denken, empfinden und reagieren. Erst wenn wir diese Wahrnehmung geschult haben, können wir entscheiden, ob diese Anteile es gut mit uns meinen oder nicht, ob sie hilfreich sind oder nicht. Sind sie es nicht, nehmen wir Abstand und entscheiden uns für das, was jetzt in diesem Moment hilfreich ist. Damit beginnt der Prozess der emotionalen Reifung.
Emotionale Reife heißt kurz: Wir handeln nicht mehr aus den alten Konditionierungen und Überzeugungen der Kindheit heraus. Wir lernen die alten Muster zu identifizieren und sie nicht mehr auszuagieren, im Wissen, dass sie uns schaden, auch wenn wir dafür aus unserer Komfortzone heraustreten müssen. Dieser Prozess ist schwierig und er braucht neben der Bereitschaft ihn zu leben, viel Zeit, Arbeit und Disziplin. Wir müssen dranbleiben. 
 
Genesung ist keine Spontanheilung und kein Wunderwerk.
Was über Jahrzehnte unbewusst in uns wirkt, ändert sich nicht in kurzer Zeit, nur weil wir uns dessen jetzt bewusst sind. Wissen ist wichtig, aber es bedeutet noch lange nicht, damit wird gleich alles anders.
Es braucht Umsetzung. Gelebtes Wissen. Wissende Handlung.
Genesung braucht vor allem eins: Aktive, kontinuierliche Arbeit an uns selbst. Es gibt keine Abkürzung, der Weg ist das Ziel.
Ob wir diesen Weg gehen wollen, entscheiden wir selbst.
Denn jetzt sind wir kein Kind mehr - wir sind erwachsen und treffen unsere eigenen Entscheidungen. Wir übernehmen Eigenverantwortung. Wir haben eine Wahl.
Wir stellen uns dem alten Schmerz. Anstatt uns von ihm beherrschen zu lassen, lernen wir von ihm, sonst bleiben wir ewig darin stecken. 
 
Namasté

Freitag, 17. März 2023

Genesung

 


Genesung bedeutet auch: Ich gehe in eine Phase der Verpuppung. Ich ziehe mich zurück.

Ich verbringe meine Zeit alleine. Ich bleibe bei mir selbst. Ich bleibe in der Stille. 

Ich höre auf meine innere Stimme. Ich zwinge mich zu nichts. 

Ich tue nichts um mich zu manipulieren. Ich erlaube mir nichts zu tun und nichts zu wollen. Ich bin eine Weile absichtlos. Ich nehme nur wahr. Ich bin präsent. Ich vertraue dem Prozess. Ich schiebe ihn nicht mit Druck an. Ich vertraue mir selbst. Ich weiß, dass sich am Ende ein Schmetterling offenbart.

Mittwoch, 15. März 2023

„Mädchen, ich sage dir steh auf!“

 

                                                                      Foto:www


Viele Frauen haben sich jahrelang bereitwillig in den Dienst anderer gestellt. Dann kommt der alles verändernde Moment: Die Kinder sind aus dem Haus, die Ehe oder die Beziehung sind unerträglich geworden oder gescheitert, der Job langweilt oder belastet nur noch und der Blick auf die Zeit sagt: Mädchen deine Jahre sind begrenzt. Dann kann es sein, dass sie kommt: Die existentielle Sinnkrise.
Diese Frauen müssten eigentlich verdammt stolz auf sich sein, was sie bis in die 50iger Jahre ihres Lebens geleistet haben. Sie sind es aber nicht. Vielmehr fühlen sie sich nicht mehr gebraucht, leer und einsam, weil da niemand mehr ist für den sie da sein können. Sie haben nur noch sie selbst, sie fragen sich: Wer ist dieses Selbst? Und sie wissen nicht, wer sie wirklich sind und wie es weiter gehen soll.
Sie wissen oft nicht einmal mehr was ihre Bedürfnisse, Wünsche und Visionen sind, weil sie immer auf andere fokussiert waren und sie umsorgt haben, und wenn sie es wissen, denken sie, dass diese sich nicht mehr erfüllen lassen. „Zu spät“, kommt dann oft und je öfter sie diesen Gedanken denken, desto fester sitzt er im Kopf und verstärkt sich.
 
Sie fühlen sich verbraucht, müde, alt, nicht mehr attraktiv und begehrenswert, nicht wertvoll, nicht liebenswert und uninteressant. Sie fühlen sich haltlos und unsicher und wissen nicht wohin mit sich. Sie haben auf einmal viel Zeit für sich und wissen nicht, wie sie sie gestalten sollen. Sie haben keinen Plan, wie es weitergehen soll und die Angst vor einer ungewissen Zukunft lähmt.
„War das jetzt alles?“, fragen sie sich und tiefe Traurigkeit und Mutlosigkeit erfasst ihr Inneres.
Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel.
 
Ich kenne die Sorgen und Nöte dieser Frauen, den manche von ihnen durfte und darf ich begleiten.
Was diese Frauen brauchen ist zuallererst eine Inventur.
Einen Rückblick auf das, was sie alles geschafft haben, ein Anerkennen dessen, was sie vollbracht haben und Selbstwürdigung. Eine neue Sicht der Dinge und eine neue Bewertung dessen, was ihr Leben war – eine Kraft gebende. 
 
Es geht es darum, sich Klarheit zu verschaffen.
Dazu gehört zu schauen, was aufzuarbeiten ist, und es dann aufzuarbeiten. Dazu gehört: Auszusortieren, was nicht mehr hilfreich ist und zu behalten, was hilfreich und nützlich ist.
„Den Keller ausmisten“, nenne ich das.
Wenn das getan ist, wenn alles an hinderlichen Gedanken, lähmenden Überzeugungen, unheilsamer Realitäts- und Selbstbewertung, belastenden Erfahrungen, Verletzungen und Enttäuschungen angeschaut und verarbeitet ist, geht es um Weichenstellung.
Es geht um eine Weichenstellung, die klar und wahrhaftig ist, statt: „Ich sollte, ich müsste…
Sollen und müssen war lang genug!
Was will ich wirklich? Was will ich nicht (mehr)? 
Was oder und wer dient mir zu meinem Besten und was und wer nicht?
Was ist meine Vision? Was gibt mir Sinn? Was sind meine Werte?
Wie will ich mein Leben gestalten, so dass es tiefer, lebendiger und wesentlicher wird?
Das sind nur einige Fragen, die neue, klare Weichen stellen.
 
In dem Buch von Anselm Grün mit dem Titel „Finde Deine Lebensspur“ gibt es die Geschichte der kleinen Esther, die ich meinen Klientinnen, die sich in oben beschriebener Lage befinden, zum Lesen ans Herz lege.
Die Geschichte beginnt mit dem Entschluss der kleinen Esther, lieber zu sterben, als weiter in der Welt der Erwachsenen zu leben. Und damit beginnt ihre Heldinnenreise Richtung Freiheit, denn das ist der Schatz, den sie sucht.
Im Laufe der Reise lernt Esther trotz ihrer Angst zu handeln, sie lernt die Leere und das Alleinsein zu ertragen und anzunehmen. Je mehr Zeit vergeht, desto deutlicher und lauter hört sie ihre innere Stimme. Sie beginnt auf sie zu hören und die Kraft ihres Herzens wächst. Sie gibt nicht auf. Sie überwindet alle Herausforderungen.
Bis sie auf den Schwellenhüter trifft, der sich in jeder Heldenreise irgendwann zeigt um zu überprüfen, ob der Held oder die Heldin es wirklich ernst meinen. Er zeigt sich in Gestalt eines Steines, auf dem die Inschrift steht: „Ich lebe – und ich liebe dich, so wie du bist!“
Esther erstarrt. Sollte das etwa der Schatz sein, den sie sucht, der ihr zu einem freien Leben verhilft?
Sie kann und will es nicht glauben.
Sie ist enttäuscht, ihr Herz ist so voller Trauer, dass sie zusammenbricht. So viele Jahre war sie unterwegs, hat alle Gefahren überwunden, aller Angst getrotzt, all ihre Einsamkeit. Leere und Sehnsucht ausgehalten – und jetzt das?
Nur ein Stein mit der Inschrift: „Ich lebe - und ich liebe dich, so wie du bist?
Esther resigniert. Sie ist bereit aufzugeben und zu sterben.
Plötzlich hört sie eine Stimme: „Mädchen, ich sage dir steh auf!“
Nein, sagt Esther: Warum? Wozu? Für wen?
Aber die Stimme ruft ein zweites und ein drittes Mal: „Mädchen, ich sage dir steht auf!“
Und beim dritten Ruf kommt Esther eine Kraft entgegen, die sie bis in Innerste ihres Wesens führt. Dorthin, wo sie sich selbst als liebenswert und stark erkennt.
Und Esther steht auf.
Und geht weiter …
 
 
Namasté
Angelika Wende


Montag, 13. März 2023

Aus der Praxis: Wer in der Gefangenschaft der Sucht nicht leben will, muss aussteigen.

 

                                                         Malerei: A. Wende

 

Das Zusammenleben mit einem Alkoholiker bedeutet extremen Stress. Der Süchtige verhält sich wie eine Melange aus Dr. Jeckyl und Mr.Hyde, einem hilflosen, ungezogenen, bockigen Kind und, je weiter die Sucht voranschreitet, wie ein Pflegefall. Die Angehörigen müssen alles ertragen und alles erledigen, was der Süchtige nicht mehr schafft. Sie müssen die Schäden der Sucht mittragen und schließlich den Süchtigen versorgen, wenn er selbst dazu nicht mehr in der Lage ist. Sucht ist eine Familienkrankheit, von der alle betroffen sind.

Sucht gleicht einem schwarzen Loch, das alle Bemühungen verschluckt. Irgendwann kommt der Punkt, an dem der Angehörige, der den Süchtigen „retten will“, in diesem schwarzen Loch versinkt, während der krankheitsuneinsichtige Süchtige weiter seiner Sucht frönt. 

Das größte Leid der Angehörigen tritt dann ein, wenn der Süchtige in der chronischen Phase angelangt ist und sie weiter auszublenden versuchen, dass der zerstörerische Sog des Siechtums sie mit in den Abgrund zieht.

Angehörige von Süchtigen, die zu mir kommen, haben emotionale und/oder physische Gewalt erfahren und viele leiden unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, was ihnen oft nicht bewusst ist.

Das Leben in der Co-abhängikeit von einem Süchtigen, der keine Kranheitseinsicht hat, ist ein Ritt durch die Hölle. Und der hat Nachwirkungen, auch dann wenn Co-abhängige sich bereits getrennt haben. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes vergiftet. Sie müssen entgiften um zu genesen.  

Viele Co-abhängige geben alles um dem Süchtigen zu helfen, und alles ist vergeblich. Sie betreiben oft über Jahrzehnte oder lebenslang "betreutes Trinken", ohne sich dessen bewusst zu sein. Mit ihrer Unterstützung, ihrer Duldsamkeit, ihrer Leidensfähigkeit und ihrer Hilfe, halten Sie die Sucht aufrecht.

Wer mit einem Alkoholiker lebt weiß: Alles dreht sich um den Süchtigen. Eigene Bedürfnisse, Wünsche und Sehnsüchte bleiben unerfüllt. Und nicht nur das:

Selbst der Gesündeste beginnt an sich zu zweifeln, wenn er mit einem Alkoholiker zusammenlebt. 

Alkoholismus schafft verzweifelte Menschen. 

Sucht zerstört den ganzen Menschen. 

Sucht macht so ich-süchtig, dass jedes Gefühl abstirbt.

Sucht macht so taub, so leer, so kalt, dass alles andere darunter begraben wird.

Eben auch die Seele und das Leben der Angehörigen.

Für Süchtige gibt es zahllose Hilfen, die jeder, der eine Krankheitseinsicht hat, nutzen und in Anspruch nehmen kann. Die Angehörigen stehen in ihrem Leid oft alleine da. 

Co-abhängige haben kaum eine Lobby. Und viele von ihnen schämen sich Hilfe überhaupt zu suchen oder sie reden sich ein, dass es ihnen so schlecht nicht geht und es so schlimm doch nicht ist. Dem Süchtigen geht es ja am Schlimmsten. Sogar in den Angehörigenseminaren mancher Suchtkliniken, ich spreche aus eigener Erfahrung, sieht man die Aufgabe der Angehörigen darin, den Suchtkranken auch bei seiner Genesung mit allen Kräften zu unterstützen. Und wieder sind sie in der Rolle der Therapeutin, bzw. des Therapeuten, des alles Verstehenden und Verzeihenden, des Betreuers bzw. der Betreuerin. Denn: auch wenn der Süchtige trocken ist, geheilt ist er nicht. Alkoholsucht ist eine chronische Krankheit, die nicht heilbar ist, man kann sie nur stoppen. Sie hat die höchste Rückfallquote aller Süchte.

TherapeuthIN oder BetreuerIN – ein Platz, an den Angehörige nicht hingehören, denn dazu ist eine Partnerschaft nicht da. 

Wieder kommt es zu einem unheilsamen systemischen Ungleichgewicht, indem die Rücksicht auf und das Verständnis für den Süchtigen vor den eigenen Bedürfnissen und Befindlichkeiten Vorrang haben. Es geht ja um seine Genesung. Dazu gehört aufzupassen, dass man als Angehöriger den Suchtkranken nicht wieder durch irgendeinen "Fehler" oder Trigger in den Rückfall treibt. Wieder kommt es zu Dauerstress, dauernder Angespanntheit, dauernder Habacht-Stellung, dem ständigem Drehen um den Süchtigen, jetzt um ihn vor einem Rückfall zu bewahren. Denn nach wie vor dreht es sich um den Alkohol, der jetzt nicht mehr getrunken werden soll und die Belastung, die Abstinenz bedeutet. Und wieder ist da Erschöpfung, Traurigkeit und Wut, und wieder sind da permanent Druck und Angst. Zu viel an Belastendem um die eigenen Bedürfnisse hinreichend leben zu können. Zu viel um endlich Ruhe und Frieden zu finden. 

Wer will so leben?  Meiner Meinung nach niemand, der sein Leben und sich selbst genug wertschätzt und würdigt. Aber: das ist nur meine Meinung. Jeder entscheidet für sich. Jeder ist für sich selbst und sein Leben verantwortlich.

Wer in der Gefangenschaft der Sucht nicht leben will, muss aussteigen. 

Das ist für Co-abhängige genauso schwer wie der Ausstieg des Suchtkranken aus der Sucht. Der Ausstieg beginnt mit dem ersten Schritt: Dem Anerkennen, das die Suchtdynamik die Kontrolle über das eigene Leben hat. Entscheidend um den Ausstieg aus dieser Dynamik zu finden ist es zu lernen die eigenen Gefühle bewusst wahrzunehmen und sie auch ernst zu nehmen. Dann geht es darum Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein (wieder)zuerlangen, die eigenen Grenzen zu spüren und zu setzen, sprich gesunden Selbstschutz zu üben, um schließlich das co-abhängige Verhalten zu verlernen. Dazu gehört unabdingbar, dass man nach den Ursachen sucht, die oft in den jüngeren verletzen Anteilen liegen.

Es geht im Grunde darum das zu lernen, was der uneinsichtige chronisch Süchtige nicht will und am Ende auch nicht mehr kann: Verantwortung für sein Denken und Handeln zu übernehmen - Eigenverantwortung - und das bedeutet: Zuallererst für sich selbst gut zu sorgen.

Wenn Du co-abhängig bist und Unterstützung suchst – ich bin für dich da.

Schreib mir eine Mail unter: aw@wende-praxis.de

Ich freue mich auf Dich.

Angelika Wende

 

 

 

 

 

 

 



Sonntag, 12. März 2023

People Bashing: Hurt People hurt People

 


Mit steigender Unsicherheit, Frust und Angst ob der schwierigen Zeit in der wir seit Beginn der Corona Krise leben, werden viele Menschen immer nervöser und empfindlicher und manche leider auch immer aggressiver und feindseliger. Besonders gut beobachten kann man das in den sozialen Medien.
Diese Feindseligkeit hat ein neues Phänomen hervorgebracht: Das sogenannte "People oder Social Bashing".
„People Bashing“ ist eine Bezeichnung für die öffentliche heftige bis herabsetzende Kritik an einer Person. Diese wird verbal angegriffen und öffentlich schlecht gemacht. Bashing geht mit Vorwürfen, Unterstellungen, Beschimpfungen und Diffamierung einher. Ziel ist es, die Person öffentlich schlecht zu machen.
Der gebashten Person werden immer ungute, böse oder unmoralische Motive unterstellt. Es wird kein gutes Haar an ihr gelassen. Dabei werden bewusst negative Eigenschaften betont und als Vorwürfe formuliert. Die Person wird attackiert, niedergemacht, runtergemacht und schlecht geredet.
People Bashing ist der moderne Pranger unserer Zeit zum Zwecke der sozialen Vernichtung derer, die nicht dem Mainstream oder den Befindlichkeiten ihrer Gegner entsprechen.
Motiv des People Bashings ist: Die betreffende Person sozial zu vernichten. Und im Extremfall kann das gelingen. People Bashing kann so weit gehen, dass ein sensibler Mensch in die Verzweiflung getrieben wird. So hat sich vor kurzem der Biologe Clemens Arvay das Leben genommen, weil er die öffentlichen Angriffe, Kränkungen, die Hassampagne und die mediale Hetze gegen seine Person nicht mehr ertragen hat.
R.I.P Clemens Arvay.
 
Was treibt solche Leute an, die andere verunglimpfen und fertig machen wollen?
Ihnen fehlt vor allem Empathiefähigkeit. Sie sind unfähig sich in die Gefühle derer zu versetzen, die sie fertig machen wollen. Sie sind unsensibel für andere. Sie zeigen antisoziales Verhalten. Sie verletzen rücksichtslos Normen und Werte wie Respekt, Achtung und Wertschätzung ihren Mitmenschen gegenüber, zum eigenen Frustabbau oder zum eigenen Vergnügen.
Zu ihren Eigenschaften gehören Impulsivität, mangelnde Impulskontrolle, hohe Reizbarkeit und aggressives Verhalten. Sie projizieren ihre verdrängten Schatten auf andere und reagieren ihren Frust, ihre Unzufriedenheit, ihre Ohnmacht, ihre Wut, ihre Unsicherheit, ihre eigenen Verletzungen und ihr geringes Selbstwertgefühl an anderen ab um sich selbst besser zu fühlen und sich selbst zu erhöhen indem andere abgewertet werden. Es besteht keine Einsicht in das eigene schädliche Tun und zugleich eine hohe Ignoranz für die Folgen der eigenen destruktiven Handlungen, die anderen Schaden zufügen. Aufgrund des mangelnden Einfühlungsvermögens haben sie keine Schuldgefühle oder empfinden Verantwortungsbewusstsein, wenn sie andere verletzen. 
 
Hurt people hurt people.
People Basher projizieren und schlagen munter drauf los, oft ohne sich dessen bewusst zu sein. Sie denken in Schwarz-Weiß Kategorien und kennen keinen Zwischentöne. In ihrer Welt gibt es nur ihre Meinung und ihre Sicht der Dinge. Wer diese nicht teilt oder in Frage stellt, ist ihr Feind und der muss bekämpft oder sogar vernichtet werden. Und manchmal gelingt ihnen das sogar, wie der Fall des Biologen Clemens Arvay auf tragische Weise gezeigt hat.
Traurig.
Und übel das Bashen.
Sehr übel.
 
Besonders übel ist, man kann diesem Bashing kaum Einhalt gebieten. Jede Person, die in der Öffentlichkeit steht und eine eigene Meinung vertritt, kann ihm zum Opfer fallen.  
Diese Meinung muss nicht einmal eine politische oder wissenschaftliche sein. Pepole Basher finden immer Trigger und Gründe und immer neue Opfer um sich abzureagieren.
Es reicht schon eine Meinung zu vertreten oder eine Wahrheit zu konstatieren, die solchen Leuten nicht in den Kram passt. Man ist, einmal zum Opfer auserkoren, dem Bashing auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Die einzige Chance dem zu entkommen ist der mediale Rückzug. Oder man hält es aus. Dazu braucht es eine sehr starke Persönlichkeit, ein hohes Maß an Gelassenheit und die Fähigkeit Schläge einzustecken.
Aber auch dann stellt sich mir die Frage: Will man das aushalten? Ist es das wert? Ist einem das, was man tut und wofür man steht, wert, dass man sich diesen Aggressoren zum Fraß vorwirft?
Wenn ihr mich fragt: Nein.
Clemens Arvay hat es lange ausgehalten bis er sich zurückzog. Nur war es wohl tragischerweise zu spät.
Was in einem Menschen durch permante Angriffe und Kränkungen tief verletzt wurde, heilt nicht indem er sich nicht mehr als Angriffsfläche zur Verfügung stellt. Was geschehen ist, die soziale Vernichtung und damit die soziale Ausgrenzung, nimmt ihm sein soziales Leben und damit auch das, was ihm seinen Lebenssinn gab. Clemens Arvay hatte eine Vision. Sie wurde medial vernichtet, und damit wurde dieser sensible Forscher und Biologe in seinem ganzen Sein vernichtet.
Wir sollten sehr vorsichtig sein, wie wir miteinander umgehen.
Wir sollten sehr vorsichtig sein, "wie" wir Kritik an anderen Meinungen üben.
Wir sollen sehr vorsichtig sein, im Umgang mit den Seelen unserer Mitmenschen und mit der eigenen.