Donnerstag, 21. Mai 2026

Alt genug für die Schublade

 



 
Gestern bei der Physiotherapie lächelt mich der Therapeut breit an und sagt: „Für ihr Alter sehen sie noch verdammt gut aus.“
Ups!, Ich lächle irritiert, atme kurz ein und aus und sage: „Hm, interessant!, für mein Alter?“ 
Ihm rutscht das Lächeln aus dem Gesicht.
 
Was will er mir mit dem Satz sagen, und was sagt der Satz wirklich?
Er klang fast wie ein Kompliment, aber eben nur fast. Seine Stimme war warm, die Situation entspannt, sein Verhalten überaus charmant. Aber der Satz hat etwas in mir ausgelöst. Nicht laut, nicht dramatisch, eher wie ein kleiner innerer Stich, eine Mikrokränkung.
Während der Satz oberflächlich Anerkennung ausdrückt, ist da noch etwas anderes - eine Einordnung. Nicht einfach „Sie sehen gut aus“, sondern „sie sehen noch gut aus, trotz ihres Alters. Noch gut. Heißt das, eigentlich müssten sie in ihrem Alter hässlicher aussehen? Genau dieses „trotz“ ist der Stich. Es schränkt das Gesagte ein, es verschiebt es aus der Ebene einer direkten Wahrnehmung in eine Bewertung innerhalb einer Norm. Gutes Aussehen wird nicht als unmittelbare Eigenschaft meiner Person beschrieben, sondern als etwas, das im Vergleich zu meiner Altersgruppe beurteilt wird.
Mal ehrlich. Welche Frau will so was hören, egal wie alt sie ist? Das klingt wie eine Herabsetzung mit rosa Blümchen verziert. 
 
Jungsein ist der Maßstab für gutes Aussehen, vor allem was uns Frauen betrifft. Die Abwertung älterer und alter Frauen in unserer Gesellschaft ist nichts Neues und zeigt wie tief diese Abwertung ins kollektive Gedächtnis eingebrannt ist, es zeigt, dass Frauen noch immer mehr als Männer an altersbedingten Schönheitsnormen gemessen werden. Wer als Frau alt ist hat das gesellschaftlich gesetzte Verfallsdatum überschritten. Alt sein ist übel und wer als Frau nicht jünger und besser aussieht, als sie alt ist, wird sowieso unsichtbar. Attraktivität ist etwas für junge Frauen in den Köpfen der meisten Zeitgenossen.
 
Der Satz ist sozial grob. Ein echtes Kompliment klingt schlicht so: „Sie sehen gut aus.“ Punkt. Der Zusatz bewertet, relativiert und kategorisiert. Ich spüre am Abend, als ich mein altes, noch, gut aussehendes Gesicht, abschminke, wie mich das getroffen hat. Nicht, weil ich mich selbst nicht realistisch sehe, ich weiß, meine besten Jahre sind vorbei, aber ich wurde durch eine Brille gesehen, die mich in eine Schublade einordnet. Vielleicht war es nicht seine Absicht. Vielleicht war es sogar als freundliches Kompliment gemeint. Aber Wirkung und Absicht sind nicht dasselbe. Und die Wirkung war, dieses Gefühl nicht wirklich gesehen zu werden - als weibliches Individuum.

Mittwoch, 20. Mai 2026

Wenn Konflikte ungelöst bleiben – vom Versuch der Verständigung zum inneren Frieden

 


Konflikte sind ein Bestandteil menschlichen Zusammenlebens.
Sie können in allen Lebensbereichen auftreten, sei es im persönlichen Umfeld, am Arbeitsplatz oder in der Politik. Konflikte entzünden sich an Gegensätzen. Konflikte leben aus Spannungen zwischen polaren Ansichten und Sichtweisen. Konflikte resultieren aus Dissonanzen. Sie entstehen, wenn unterschiedliche Empfindungen, Überzeugungen, Ziele, Interessen, Bedürfnisse oder Werte aufeinandertreffen und nicht im Einklang miteinander stehen. Konflikte gibt es in Beziehungen mit anderen oder in uns selbst. 
 
Manche Konflikte sind lösbar, andere nicht. Sie schwelen weiter.
Um Konflikte wirklich abschließen zu können, ist es notwendig, uns mit ihnen auseinanderzusetzen. Dazu gehört Bereitschaft - die Bereitschaft sich überhaupt damit auseinandersetzen zu wollen um eine Einigung zu finden. Was aber wenn es diese nicht gibt? Wenn der andere mit dem wir im Konflikt sind, partout nicht bereit ist eine Lösung zu finden?
Dann bleibt nur ein schmerzhafter Teil des Konflikts sichtbar -
dass Konflikte nicht allein daran scheitern, wie man miteinander spricht, sondern daran, dass mindestens eine Seite gar keine gemeinsame Lösung will.
Ein Konflikt braucht nicht nur Gegensätze, sondern auch einen gemeinsamen Raum, in dem beide bereit sind, sich wertschätzend zu begegnen. Fehlt diese Bereitschaft, verändert sich die Natur des Konflikts. Dann geht es nicht mehr um Verständigung, sondern um Abgrenzung, Macht, Vermeidung, Kontrolle, Rückzug oder Selbstschutz.
 
Wir können einen Konflikt niemals vollständig allein lösen, aber wir können lernen, den eigenen Anteil daran zu klären und abzuschließen. 
Das bedeutet anzuerkennen, dass man den anderen nicht zwingen kann, die eigene Erwartung an Einsicht oder Versöhnung loszulassen, es bedeutet zu unterscheiden zwischen „den Konflikt lösen“ und „mit dem Konflikt leben lernen“ und manchmal auch zu akzeptieren, dass eine Einigung nicht mehr möglich ist. Fehlt die Bereitschaft des anderen, sich überhaupt auf eine Auseinandersetzung einzulassen, Verantwortung zu übernehmen oder eine Verständigung zu suchen, bleibt das Gefühl zurück, festzustecken, zwischen Hoffnung, Enttäuschung und dem Wunsch nach einem Abschluss, der nicht kommt. Manche Konflikte enden daher nicht mit Verständigung, sondern mit einer Entscheidung. Wir gehen in Distanz, wir ziehen eine Grenze, wir nehmen bewusst Abstand und sagen: "Dafür stehe ich nicht mehr zur Verfügung!" Wir verzichten darauf weiter um etwas zu kämpfen, was nur gemeinsam lösbar wäre. Wir lassen es sein und lassen innerlich los, was nicht in unserem Einflussbereich liegt. 
Das ist keine Niederlage. Es bedeutet, wir erkennen an: Beziehung braucht Gegenseitigkeit und Wertschätzung, auch in der Konfliktlösung.
 
Dennoch ist die Auseinandersetzung damit wichtig. 
Nicht mehr, um den anderen zu verändern, sondern damit der Konflikt in uns selbst nicht dauerhaft weiterwirkt.  
Ungelöste Konflikte verschwinden nicht einfach, sie brodeln weiter im Inneren. Sich mit einem ungelösten Konflikt auseinanderzusetzen bedeutet deshalb: nicht mehr nach einer gemeinsamen Lösung zu suchen, sondern nach unserem eigenen inneren Umgang damit.
Der erste Schritt besteht darin, die Realität anzuerkennen. Es wird keine gemeinsame Lösung mehr geben. Solange wir innerlich darauf warten, dass der andere Einsicht zeigt, auf uns zugeht, sich erklärt oder verändert, bleiben wir in den Konflikt verstrickt. Anerkennen bedeutet nicht, das Verhalten des anderen gutzuheißen. Es bedeutet, aufzuhören, gegen etwas anzukämpfen, was wir nicht kontrollieren können.
 
Es ist wichtig, die eigene Verletzung ernst zu nehmen.
Hinter ungelösten Konflikten liegen oft Gefühle von Enttäuschung, Kränkung, Wut, Ohnmacht, Trauer, Schuld, Groll, Bitterkeit oder Resignation. Viele Menschen versuchen, diese Gefühle zu verdrängen indem sie nur rational auf den Konflikt schauen. Doch Gefühle verschwinden nicht dadurch, dass wir sie ignorieren oder verdrängen. Gefühle wollen wahrgenommen und gefühlt werden. Erst wenn wir uns ehrlich eingestehen, was uns verletzt hat, kann die Verarbeitung beginnen.
Dazu gehört auch, den eigenen Anteil am Konflikt zu betrachten, nicht im Sinne von Schuldzuweisung, sondern als Selbstklärung. Welche Erwartungen hatte ich? Wo wurden meine Grenzen verletzt? Warum trifft mich dieser Konflikt so tief? Welches Thema, das lange schon in mir gärt, wurde dadurch berührt? Welche Erfahrung, die ich von früher kenne, wiederholt sich? Und: wie gehe ich mit der Zurückweisung um? 
 
Wir haben keine Macht über andere Menschen.
Den anderen können wir nicht verändern, unseren eigenen Umgang mit der Situation jedoch schon.
Besonders schwer wird es dann, wenn wir innerlich weiter auf etwas hoffen, das der andere uns nie geben wird: Verständnis, Einsicht, eine Entschuldigung, Anerkennung, Wertschätzung oder Gerechtigkeit. Solange diese Erwartungen bestehen bleiben, bleibt auch der Konflikt lebendig. Innerer Frieden entsteht erst dann, wenn wir akzeptieren, dass wir bestimmte Antworten niemals bekommen werden, dass es Dinge gibt, die nicht lösbar sind. 
 
Manche Konflikte machen neue Grenzen notwendig.
Wir geben den Kampf auf. Wir gehen in Distanz. Wir grenzen uns ab. Abgrenzung bedeutet nicht Ablehnung, aber sind sie notwendig, um uns selbst zu schützen. Letztlich geht es darum, dem Konflikt einen Platz im eigenen Leben zu geben, ohne ihn ständig neu innerlich auszutragen.
Nicht jeder Konflikt endet mit einer Versöhnung. Manche enden damit, dass wir aufhören, innerlich weiter Krieg zu führen gegen das, was unveränderbar ist. Wir akzeptieren was ist. Und diese Akzeptanz bedeutet nicht zu vergessen oder gutzuheißen, was ist. Es bedeutet lediglich, dem Konflikt nicht länger die Macht zu geben, unseren inneren Frieden dauerhaft zu belasten. Nicht jeder Konflikt ist lösbar, aber ein innerer Abschluss ist möglich, wenn wir die Bereitschaft haben sein zu lassen, was nicht sein soll.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende.praxis.de



Montag, 18. Mai 2026

Fremde Haut

 

                                                                                 Malerei: A.Wende

 
„Ich kann eben nicht aus meiner Haut“, sagt sie, als ich sie zum gefühlt hundertsten Mal bitte, mir zuzuhören, mich nicht ständig zu unterbrechen und während wir reden nicht aufs Handy zu schauen.
 
Die Haut, aus der sie nicht raus kann, will sie anderen abreißen.
Andere haben keinen Willen.
Andere sehen nicht, wo es langgeht.
Andere begreifen nicht, was sie verändern müssten.
 
Die anderen — die sollen aus ihrer Haut raus, wenn es nach ihr geht. 
Sie selbst kann es eben nicht.

Sonntag, 17. Mai 2026

„Du musst dir nur selbst Zuwendung und Aufmerksamkeit geben und schon klappt das mit der Heilung."

 

                                                                 Foto: A.Wende

 
„Du musst dir nur selbst Zuwendung und Aufmerksamkeit geben und schon klappt das mit der Heilung."
Sätze wie diese sind flache Antworten der Ratgeberpsychologie auf innere Prozesse, die psychisch und körperlich sehr viel komplexer sind.
 
Warum funktioniert das nicht?
Weil „Zuwendung und Aufmerksamkeit“ allein oft nicht das berühren, was in uns verletzt wurde. Heilung ist nicht nur eine bewusste Entscheidung, sondern auch ein Vorgang des Nervensystems, der Beziehungserfahrungen und innerer Prägungen.
 
Wenn unser Körper oder unsere Psyche über lange Zeit Stress, Angst, Unsicherheit oder emotionale Überforderung erlebt haben, bleibt unser System in einem dauerhaften Alarmzustand. Dann reagieren wir nicht aus innerer Sicherheit heraus, sondern aus Anpassung, Schutz oder Überleben. In solchen Zuständen reicht Verständnis und innere Zuwendung allein nicht aus.
Viele von uns verstehen ihre Muster sehr gut. Wir wissen, warum wir uns zurückziehen, warum wir Angst vor Nähe haben oder uns selbst ständig abwerten. Und trotzdem verändert dieses Verstehen oft zunächst wenig. Denn psychische Verletzungen sitzen nicht nur im Denken, sondern auch im Körper, in emotionalen Reaktionen und in tief verinnerlichten Beziehungserfahrungen.Deshalb braucht Heilung wiederholte neue Erfahrungen nicht nur liebevolle Gedanken.
Sie braucht Sicherheit im Kontakt mit anderen Menschen.
Viele Wunden entstehen in Beziehungen und zeigen sich später auch dort wieder - in Angst vor Ablehnung, im Gefühl wertlos zu sein oder nicht zu genügen, in Misstrauen oder in emotionaler Überanpassung. Deshalb geschieht Heilung nicht ausschließlich allein, sondern auch in Beziehung. Gesehen, verstanden und emotional gehalten zu werden kann verändern, was reine Selbstbeobachtung und Selbstzuwendung nicht erreicht. Das Nervensystem braucht Selbstregulation und Co-Regulation um sich wieder sicherer zu fühlen. 
 
Heilung braucht die Fähigkeit, Gefühle tatsächlich zuzulassen.
Viele von uns analysieren sich selbst sehr genau und bleiben dennoch innerlich abgeschnitten von ihrer Trauer, von Wut, Scham, Angst oder Einsamkeit. Gefühle zu verstehen ist nicht dasselbe wie sie zu fühlen.
 
Heilung braucht Zeit.
Unser Nervensystem lernt durch Wiederholung. Eine einzelne positive Erfahrung reicht oft nicht aus, wenn über Jahre etwas anderes gelernt wurde. Erst durch wiederholte Erfahrungen von Sicherheit, Verbindung oder Selbstwirksamkeit beginnt sich innerlich langsam etwas zu verändern.
Selbstzuwendung anfangs sogar unangenehm sein.
Manche von uns geben sich Aufmerksamkeit und plötzlich tauchen Leere, Schmerz oder innere Unruhe auf. Wir versuchen freundlich mit uns zu sein, aber ein anderer Teil in uns glaubt diese Freundlichkeit nicht. Wir gehen in die Ruhe, meditieren oder ziehen uns zurück und merken, dass sich Stille nicht beruhigend, sondern bedrohlich anfühlt.
Das bedeutet nicht, dass wir „falsch heilen“. Oft zeigt sich darin nur, wie sehr unser System gelernt hat, angespannt, wachsam oder selbstkritisch zu sein.
Für manche Menschen fühlt sich echte Nähe zu sich selbst deshalb zunächst ungewohnt oder sogar unsicher an. Besonders dann, wenn sie früh lernen mussten, Gefühle zu unterdrücken, stark zu sein, zu funktionieren oder wenig emotionale Sicherheit erlebt haben. Solche Muster werden mit der Zeit oft Teil der eigenen Identität und wirken irgendwann selbstverständlich.
 
Heilung braucht Geduld mit uns selbst.
Alte Verletzungen verschwinden nicht automatisch, nur weil wir sie verstehen oder freundlich mit uns sein wollen. Unser Nervensystem kann dauerhaft auf Alarm stehen. Aufmerksamkeit auf uns selbst kann Schmerz sogar sichtbarer machen. Dann wird es zuerst schlimmer statt besser.
Viele von uns verwechseln Selbstzuwendung mit Kontrolle:
„Wenn ich alles richtig mache, muss es besser werden.“ Aber Heilung verläuft nicht linear.
Es funktioniert nicht, obwohl wir aufmerksam mit uns sind, weil wir innerlich weiterhin hart und abwertend zu uns sind oder im Überlebensmodus bleiben. Wir können uns beobachten, ohne uns wirklich sicher zu fühlen. 
 
„Zuwendung und Aufmerksamkeit für uns selbst“ allein berührt nicht das eigentliche Problem.
Sätze wie: „Liebe dich einfach selbst, dann heilt alles“, klingen wie ein Hohn, besonders für diejenigen, die es nicht schaffen, sich selbst zu lieben. Und sie sind nicht wahr.
Heilung funktioniert nicht wie ein Schalter, auf dem „Selbstliebe“ steht und den wir einfach anknipsen können. Trauma, Ablehnung, Angst, Überforderung, alte Erfahrungen, Depressionen, Neurosen, Persönlichkeitsstörungen, Süchte oder psychiatrische Erkrankungen reagieren nicht auf liebevolle Gedanken uns selbst gegenüber, um sich einfach in Wohlgefallen aufzulösen.
Viele Menschen suchen nach dem einen Moment, in dem endlich alles „richtig“ wird. Aber Heilung fühlt sich oft eher unspektakulär an. Und nicht alle Wunden verschwinden komplett. Darum geht es auch nicht — es geht darum, sie zu integrieren und zu lernen, mit ihnen zu leben und mit ihnen umzugehen. Dann kann sich das Verhältnis zu uns selbst verändern.
 
Heilung bedeutet nicht, dass alles verschwindet.
Es bedeutet einen anderen Umgang mit dem eigenen Schmerz zu entwickeln. Zu lernen, sich selbst nicht nur zu kontrollieren oder zu optimieren, sondern sich langsam sicherer im eigenen Inneren zu fühlen. Und vor allem gehört dazu die Erkenntnis, dass Heilung nicht linear verläuft. Es gibt Fortschritte, Rückfälle, Phasen von Hoffnung und Phasen von Erschöpfung. Nicht weil wir versagen, sondern weil psychische Prozesse selten geradlinig funktionieren.
 
Heilung ist ein komplexer, individueller Prozess.
Eine psychische Erkrankung ist kein Mindset, sie ist ein schmerzhafter Kampf im Inneren des Gehirns und des Körpers.
Selbstliebe ist etwas, das sich langsam entwickeln kann, wenn unser inneres System beginnt, Sicherheit, Verbindung und Vertrauen zu erleben. Heilung ist langer Weg, der bei jedem Menschen anders verläuft und in dem jeder etwas anderes braucht, um heilen zu können.
Wenn sich auf diesem Weg irgendwann Selbstliebe einstellt, ist das etwas Wundervolles. Aber sie ist oft das Ende des Weges und nicht der Anfang.
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Samstag, 16. Mai 2026

Gute Gespräche verbinden den Verstand. Tiefe Verbindung verbindet Herzen

                                                                   Foto: A.Wende
 


“The Heart is a lonely hunter with only one desire! To find some lasting comfort in the arms of anothers fire… driven by a desperate hunger to the arms of a neon light, the heart is a lonely hunter when there's no sign of love in sight”, schreibt Carson McCullers in “The Heart is a Lonely Hunter”.
So viele einsame Herzen da draußen. So viele Menschen, die sich nach gehalten werden, nach Liebe sehnen und sie nicht finden, oder sie hatten und verloren haben. So viele Menschen da draußen und trotzdem - der oder die eine findet sich nicht. So viele Begegnungen, Gespräche und doch keine Verbundenheit spüren.
And the Heart stays a lonely Hunter.
 
Sicher, es gibt Menschen mit denen man sich gut unterhalten kann, aber es entsteht keine tiefe Verbindung. Es gibt gute Gespräche über gemeinsame Interessen, ähnliche Gedanken oder man hat einen ähnlichen Humor. Man redet miteinander, versteht die Ansichten des anderen und fühlt sich geistig angeregt. Das kann durchaus angenehm sein und es kann kurzfristig ein Gefühl von Nähe erzeugen, bleibt aber auf der Ebene des Austauschs. Sich gut unterhalten zu können bedeutet vor allem, dass die Kommunikation funktioniert. Dass Gedanken, Interessen oder auch der Humor passen.
Aber da fehlt etwas!, sagt das Herz. 
 
Es fehlt Resonanz.
Resonanz geht tiefer. Sie entsteht, wenn wir uns innerlich vom anderen erreicht und berührt fühlt und den anderen innerlich berühren. Dann, wenn nicht nur die Worte passen, sondern auch das Gefühl dahinter. Dann, wenn wir spüren, dass etwas in unserem Inneren antwortet und mitschwingt. Dann entsteht das Gefühl von Echtheit und emotionaler Nähe. Wir fühlen uns gesehen, verstanden, nicht mehr allein mit dem, was wir empfinden. Es braucht kein ständiges reden, auch ohne Worte wird tiefe Begegnung spürbar. Resonanz ist so viel mehr als Harmonie oder gleiche Interessen. Sie ist das Erleben, wenn zwei Menschen sich gegenseitig wirklich berühren, emotional, menschlich, unausgesprochen. Wir verstehen nicht nur, was der andere sagt, sondern spüren ihn auf einer tieferen Ebene. Wir müssen uns nicht verstellen, wir müssen nicht performen - wir fühlen einander, wir fühlen uns gesehen und angenommen. Wir liegen einander am Herzen. Das macht für mich eine Begegnung bedeutungsvoll. 
Fehlt sie, bleibt das Herz ein einsamer Jäger.
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Freitag, 15. Mai 2026

Wird es je wieder gut?

                                                                  Foto: A.Wende



Meine Klientin sieht mich aus traurigen Augen an: „Wird es je wieder gut?“
Die Frage hat mich tief berührt. Vielleicht, weil sie so schlicht war. Keine theoretische Frage, keine Analyse, nur dieser eine Satz. Eine Frage, die Menschen oft dann stellen, wenn sie erschöpft sind vom Schmerz. 

Und für einen kurzen Moment fühlte ich mich wie eine Mutter, deren Kind verzweifelt und traurig vor ihr steht. Die Mutter, die am liebsten sofort Trost schenken würde, Sicherheit, Gewissheit, eine Zukunft ohne Schmerz. Etwas in mir wollte sagen: Ja, es wird wieder gut.
Aber ich konnte es nicht.
Ich habe geantwortet:
„Ich weiß es nicht. Manches wird sicher wieder gut. Und manches nicht.“

Früher hätte ich vielleicht „ja“ gesagt. Hätte gesagt, dass die Zeit vieles heilt, dass neue, bessere Wege entstehen, dass Menschen stärker und wandlungsfähiger sind, als sie glauben. Und auch das stimmt manchmal. Aber je länger ich Menschen begleite, je mehr im Leben ich erfahre, desto vorsichtiger bin ich geworden mit schnellen Antworten. Besonders vorsichtig bin ich mit Versprechen, besonders jenen, die ich nicht einlösen kann, weil es nicht in meiner Macht liegt.

Nicht alles heilt. Nicht jede Wunde schließt sich.
Es gibt Verluste, die bleiben. Lebensträume, die nicht zurückkehren. Manche Erfahrungen hinterlassen Narben, die nicht verschwinden, sondern Teil unserer selbst werden.
Und doch bedeutet das nicht zwangsläufig Hoffnungslosigkeit.
Vielleicht liegt das Problem im Wort „wieder“. Als müsste das Leben zu einem früheren Zustand zurückkehren, damit es wieder gut werden kann. Aber oft geschieht etwas anderes: Das Alte kommt nicht zurück, Zerbrochenes bleibt zerbrochen, Vertrauen bleibt zerstört, eine Liebe endet, Menschen verlassen uns oder gehen verloren und dennoch entsteht mit der Zeit etwas Tragfähiges. Nicht dasselbe Glück. Nicht dieselbe Unbeschwertheit. Nicht derselbe Mensch, der wir waren, aber eine andere Form von Leben, eine andere Identität.
Wachstum.
Reife.
Würde.
Innerer Frieden.
Wahrhaftigkeit.
Sanftheit, Geduld und Mitgefühl mit uns selbst.
Selbstliebe.

Gottes Geschenk an uns sind Möglichkeiten und die gibt es solange wir leben. Anders als wir es uns vorgestellt haben, anders als wir es gerne hätten.

Menschen fragen oft: „Wird alles wieder gut?“ Vielleicht weil sie sich nach Gewissheit sehnen. Nach jemandem, der sagt: Du wirst nicht fallen. Du wirst nicht zerbrechen. Es wird alles Sinn ergeben. Aber niemand kann das ehrlich versprechen.
Was wir tun können, ist etwas anderes: die Unsicherheit gemeinsam aushalten. Nicht sofort beruhigen. Nicht vorschnell retten wollen. Sondern da bleiben ohne die Leere sofort füllen zu wollen. Aushalten. Neben der Angst, neben der Trauer, neben dem Nichtwissen. Aushalten, dass keine schnellen Antworten existieren.
Vielleicht war genau das in diesem Gespräch wichtig. Nicht meine Antwort als solche, sondern dass die Frage Raum bekommen durfte.
„Manches wird wieder gut. Und manches nicht.“
In diesem Satz liegt Schmerz. Aber auch Hoffnung. Das Leben und wir selbst müssen nicht vollkommen heil sein, um weiterzugehen. Und vielleicht ist Menschsein genau das - mit dem Unvollkommenen und dem Nichtwissen leben zu lernen, ohne das Vertrauen zu verlieren.

In Japan gibt es die Kunst des Kintsugi, bei der zerbrochene Keramik mit einem Lack aus Gold oder Silber veredelt wird. Anstatt Zerbrochenes wegzuwerfen, werden die Risse sichtbar gemacht und veredelt. Die Narben erzählen die Geschichte des Objekts, die Schönheit der Unvollkommenheit statt der Perfektion. Mit unserem Leben ist es ähnlich. Wenn wir lernen, unsere Krisen, Verletzungen, Brüche und Narben nicht als Makel zu betrachten, sondern als Teil unserer Geschichte, entsteht etwas Neues. Nicht trotz der Risse, sondern mit ihnen.

Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Donnerstag, 14. Mai 2026

Der alte Schmerz des ungeliebten Kindes

 


Frühe Erfahrungen von Nicht-Gesehenwerden, emotionaler Unsicherheit, emotionalem und körperlichem Missbrauch, fehlender Zuwendung, Zurückweisung und Liebe hinterlassen Spuren, die sich nicht einfach wegdenken oder wegtherapieren  lassen. Dieses innere Erleben bleibt im Nervensystem und damit in unseren Beziehungsmustern gespeichert als sehnsuchtsvolle Erwartung von echter Nähe und tiefer Verbundenheit.

Der Schmerz des ungeliebten Kindes löst sich nicht durch Verstehen und Einsicht allein, sondern durch wiederholte neue Erfahrungen in Beziehung. Wenn wir immer wieder erleben, dass Nähe Verletzung bedeutet bleibt der Schmerz und verfestigt sich. Erleben wir aber über längere Zeit, dass Nähe verlässlich und emotional sicher sein kann, beginnt sich das alte innere Modell langsam zu verändern. Das heißt nicht, dass der Schmerz gelöscht wird aber er verliert nach und nach seine Intensität.

Entscheidend ist der Aspekt von Dauer und Verlässlichkeit. Einzelne positive Begegnungen reichen nicht aus, um tief verankerte Muster zu verändern und emotionale Wunden zu heilen. Erst Stabilität, Konsistenz, Vertrauen und Wiederholung schaffen emotionale Sicherheit.  Das ist die Grundlage dafür, dass sich alte Schutzmechanismen lockern können. Der alte Schmerz wird so langsam überschrieben und kann sich damit nach und nach auflösen

Nicht das Verstehen heilt allein, sondern das wiederholte Erleben von Beziehungen, die tragen.

Dienstag, 12. Mai 2026

Innere Spannung

 


Wir Menschen sind gleichzeitig bewusst und unbewusst.
Wir wissen vieles und verdrängen es.
Wir fühlen etwas und handeln dagegen.
Wir erzählen uns sich selbst und anderen Geschichten, die teilweise wahr sind und teilweise nicht.
Wir sind ein Konglomerat gleichzeitig aktiver innerer Zustände und innerer Teile, die sich oft widersprechen.
Nicht alles, was innerlich vor sich geht, wird bewusst wahrgenommen und zugelassen. Besonders Schuld, Scham, Wut oder Begehren werden oft abgespalten oder umgedeutet. Das schützt zwar kurzfristig vor Schmerz, langfristig aber führt zu es zur Inkongruenz zwischen Selbstbild und Verhalten.
Problematisch wird es besonders dann, wenn die innere Spannung nicht gespürt wird und keine Integration möglich ist.

Montag, 11. Mai 2026

Humor ist, wenn man trotzdem lacht


 
 
In jedem Lachen steckt eine kleine Erkenntnis“, schreibt der Philosoph Yves Bossart seinem Buch „Trotzdem lachen. Eine kurze Philosophie des Humors“. Das Buch zeigt wie uns Humor hilft, einen Schritt zurückzutreten und uns selbst infrage zu stellen. „Denken und Lachen – beides sind Strategien, mit der Welt zurande zu kommen, sie auf Distanz zu halten“, so Bossart. 
 
Humor heißt nicht Probleme zu vergessen oder die Dinge ins Lächerliche zu ziehen. 
Humor bedeutet vielmehr, dass wir selbst in schweren Zeiten noch einen Grund finden zu lachen, mit anderen, aber auch über uns selbst. Wer das kann akzeptiert die eigene Unvollkommenheit. Er erkennt, dass Fehler, Schwächen, Krisen und peinliche Momente zum Leben gehören. Vielleicht ist Humor sogar eine kleine Form von Freiheit - wir müssen die Welt und uns selbst nicht allzu verbissen betrachten, nicht alles und auch uns nicht allzu zu ernst nehmen, es muss nicht alles immer passen, wir müssen nicht perfekt sein. Über sich selbst lachen zu können bedeutet das Menschsein mit Milde zu betrachten.
 
Wir leben in einer Zeit voller Unsicherheit: Kriege, Krisen, Leistungsdruck, Überforderung wohin man sieht und die ständige Flut negativer Nachrichten prägen unseren Alltag. Die Welt und viele Menschen werden wird immer ernster. Gerade brauchen wir deshalb die kleinen Momente des Humors, nicht als Flucht vor der Realität, sondern als eine besondere Art, ihr zu begegnen – mit einem „trotzdem“ Lachen.
 
Humor verändert sicher nicht die Welt, aber er kann unseren Blick auf sie ändern. Wenn wir lachen, wenn wir die Dinge mit Humor nehmen, erkennen wir für einen Moment, dass wir Menschen sind – unvollkommen, verletzlich und gleichzeitig erstaunlich resilient und stark. Humor erinnert uns daran, dass das Leben nie vollkommen kontrollierbar ist. Vieles läuft anders, als wir es planen. Darin liegt das Absurde des menschlichen Daseins und das kann man mit auch mit Humor sehen.
 
Humor verbindet uns mit anderen.
Wenn wir gemeinsam lachen, verschwinden für einen Moment in der Zeit Unterschiede, Sorgen oder Konflikte. In einer Welt, die mehr und mehr von Spaltung geprägt ist, entsteht durch Humor etwas Seltenes udn Kostbares: Nähe und Verbindung. Vielleicht lachen Menschen deshalb schon seit Jahrhunderten selbst in den dunkelsten Zeiten, weil das Lachen zeigt, dass Hoffnung noch existiert.
 
Humor hat auch etwas Mutiges.
Zu lachen, obwohl das Leben schwer ist, ist Widerstand gegen Verzweiflung. Es bedeutet, uns nicht völlig von Ängsten, Befürchtungen und Sorgen bestimmen zu lassen. Humor kann in schwierigen Zeiten ein kleines Licht im Dunkel aufblitzen lassen. Den Humor nicht zu verlieren ist eine Haltung zum Leben. Humor hilft uns, das Ernste und Schwere zu tragen, ohne zu verbittern, zu grollen oder daran zu zerbrechen. Vielleicht liegt gerade darin seine tiefere Bedeutung: Dass wir trotz aller Unsicherheit, trotz aller Krisen und trotz unserer eigenen Unvollkomenheit weiterhin lachen können – und dadurch menschlich bleiben.
 
 
"Der Humor ist der Regenschirm der Weisen."
Erich Kästner
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Sonntag, 10. Mai 2026

Reaktivierte Bindungsverletzung nach Kontakt mit dem Ex-Partner - Altes Verhalten ist oft ein verlässlicher Hinweis auf zukünftiges Verhalten

 

                                                                        Malerei: A.Wende

Meine Klientin erzählt, sie habe sich nach langer Zeit bei ihrem Ex-Partner, der sie in der Vergangenheit wiederholt belogen und betrogen hatte, gemeldet. Im Verlauf eines vierstündigen Telefonats zeigt er sich sehr emotional. Er beteuert, wie leid ihm sein damaliges Verhalten tut, spricht von Schuld- und Schamgefühlen und sagt, er sei froh, dass sie sich wieder gemeldet hat und dass er sie noch immer liebt. Die Klientin erlebt das Gespräch als sehr intensiv und berührend. Sie glaubt ihm die Reue, verzeiht ihm und lässt sich emotional wieder auf ihn ein. Am Ende des Gesprächs fragt er, ob er sie am nächsten Tag wieder anrufen dürfe. Sie stimmt zu. Der angekündigte Anruf kommt jedoch nicht. Meine Klientin ist am Boden zerstört.
Ich frage warum sie ihn überhaupt wieder angerufen hat. Sie sagt, sie weiß es nicht genau. Es sei ein Impuls gewesen.
Ihr „Ich weiß es nicht“ ist kein Zeichen dafür, dass es keinen Grund gab, sondern dafür, dass ihr die zugrunde liegenden Motive nicht vollständig bewusst sind. Gerade in Beziehungen mit starker emotionaler Verletzung, Betrug und ambivalenter Bindung handeln Menschen häufig nicht rational, sondern aus einem tieferen inneren Bedürfnis heraus.
Sie denkt nach und sagt, möglicherweise war der Anruf der Versuch, etwas innerlich Unabgeschlossenes zu lösen. 
 
Nach schmerzhaften Beziehungen bleibt oft eine innere Spannung zurück
Fragen nach Wahrheit, der Wunsch nach Wiedergutmachung oder danach, ob der andere den eigenen Schmerz jemals wirklich verstanden hat. Viele Menschen sehnen sich nicht nach dem verlorenen Partner, sondern nach einer Wiedergutmachung der Verletzung. Der Wunsch war bei ihr nicht: „Ich will ihn zurück“, sondern: „Ich möchte, dass alles einen anderen Ausgang bekommt.“
 
Frühere Bindungen bleiben im Nervensystem gespeichert.
Selbst wenn wir rational wissen, dass ein Mensch nicht gut für uns ist, kann emotional weiterhin Sehnsucht, Hoffnung oder Bindungsaktivierung bestehen. Gerade ungesunde Beziehungen in denen Nähe und Verletzung eng miteinander verknüpft waren erzeugen häufig eine besonders starke innere Anziehung. Kontakt wird dann als Möglichkeit zur Beruhigung oder Heilung empfunden. Leider geschieht dann genau wieder das, was schon zuvor ungesund war – auf Nähe folgt Distanz, auf Hoffnung folgt Enttäuschung.
Meine Klientin reagiert auf das Ausbleiben seines versprochenen Anrufs tief verstört und traurig. Sie erlebt das Verhalten als erneute Lüge und als Wiederholung seines Musters aus Betrug, Täuschung und Unverbindlichkeit. Besonders belastend ist für sie die Diskrepanz zwischen der emotionalen Intensität des Gesprächs und seinem anschließenden Rückzug. Sie sagt:“Wie blöd bin ich? Ich hätte es wissen müssen. Er ist ein Lügner und Betrüger.“
Die erneute Verletzung liegt nicht allein im ausgebliebenen Anruf, sondern vor allem darin, dass meine Klientin sich innerlich wieder geöffnet hat. Durch die Reuebekundungen, die emotionale Nähe und die Bitte um weiteren Kontakt wurden bei ihr starke Bindungssignale aktiviert. Sie dachte, dass möglicherweise etwas Wesentliches wiederhergestellt werden könnte: Aufrichtigkeit, Wiedergutmachung oder sogar eine nachträgliche Heilung der alten Verletzung. Das anschließende Schweigen des Ex-Partners führt nicht nur zu einer weiteren Enttäuschung, sondern zu einer tiefen emotionalen Destabilisierung.
 
Aus Sicht meiner Klientin handelt es sich klar um eine erneute Lüge. 
Er kündigt einen Anruf an und hält sein Versprechen nicht. Vor dem Hintergrund der Vorgeschichte erlebt sie das Verhalten nicht als kleine Unzuverlässigkeit, sondern als Lüge, als Ausdruck fehlender Integrität und emotionaler Unverbindlichkeit. Der Mann stellt intensive Nähe her, erzeugt Hoffnung und zieht sich anschließend wieder zurück. Wieder fühlt sich meine Klientin getäuscht und emotional im Stich gelassen. 
 Ich sage ihr, dass Menschen in emotional intensiven Momenten durchaus Dinge sagen können, die sie in diesem Augenblick so empfinden, ohne anschließend fähig zu sein, diese Gefühle in verlässliches Verhalten zu übersetzen. 
 
Reue bedeutet nicht automatisch Beziehungsfähigkeit und Schuldgefühle garantieren keine emotionale Stabilität. 
 
Gerade Menschen mit vermeidendem oder unreifem Bindungsverhalten ziehen sich nach intensiver Nähe häufig wieder zurück, sobald die emotionale Realität des Kontakts spürbar wird. Hinzu kommt, dass sich grundlegende Verhaltensmuster bei Menschen in der Regel nur selten ändern. Altes Verhalten ist oft ein verlässlicher Hinweis auf zukünftiges Verhalten. Gerade wenn sich über längere Zeit hinweg Muster wie Unverbindlichkeit, Brüche von Zusagen und emotionale Inkonsistenz gezeigt haben, ist es wahrscheinlich, dass diese Dynamik auch im neuen Kontakt wieder auftritt.
 
Für meine Klientin macht diese Differenzierung emotional jedoch keinen Unterschied - das Ergebnis bleibt dasselbe: Sie wurde wieder belogen und erneut emotional allein gelassen.
Die Frage ist hier jedoch weniger, ob der Mann bewusst gelogen hat, sondern warum sie sich selbst beschuldigt. Der Satz „Ich hätte es doch wissen müssen. Ich bin blöd“, zeigt den Versuch meiner Klientin, im Nachhinein Kontrolle über die Situation herzustellen. Dahinter steht die Vorstellung, sie hätte sich schützen können, wenn sie nur realistischer oder misstrauischer gewesen wäre. Ich versuche ihr zu vermitteln, dass ihr Vertrauen nicht Ausdruck ihrer Naivität war, sondern aus ihrer Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit, Wiedergutmachung und emotionaler Heilung entstanden ist. Für meine Klientin ist es jetzt wichtig, den Fokus von seinem Verhalten zurück auf die eigene innere Erfahrung zu lenken. Was genau wurde durch diesen Kontakt in ihr wieder lebendig? 
Welche Sehnsucht stand hinter ihrer Hoffnung? 
Und woran würde sie heute emotionale Verlässlichkeit erkennen?
 
Hilfreich ist es außerdem zu begreifen, dass starke emotionale Intensität nicht automatisch mit Verlässlichkeit oder Beziehungstiefe gleichzusetzen ist. 
Meine Klientin hat die Tendenz, Worte und emotionale Momente stärker zu gewichten als konsistentes Verhalten. Für sie ist es wichtig sich künftig sich, was Beziehungen angeht, an Kontinuität, Integrität und Handlungskonsistenz zu orientieren. Nicht was jemand sagt, sondern wie ein Mensch handelt ist entscheidend dafür, ob man ihm vertrauen kann.
Meine Klientin sagt, sie habe nun endgültig begriffen, dass der Kontakt mit diesem Mann ihr „nicht gut tut“ , weil sie wie schon damals in der Beziehung, emotional destabilisiert zurückbleibt. 
 
Wir besprechen einen konsequenten Kontaktabbruch als mögliche Selbstschutzmaßnahme. Nicht als Strafe für den Ex, sondern als emotionale Selbstfürsorge. Ziel ist es, meine Klientin aus der Dynamik von Hoffnung, Enttäuschung und erneuter Bindungsaktivierung herauszuführen. Gerade inkonsistente Beziehungen aktivieren das Nervensystem besonders stark, weil Nähe und Verlust sich ständig abwechseln. Der Kontaktabbruch ist eine Möglichkeit, wieder Zugang zu ihrer Würde und ihrer emotionalen Stabilität zu finden.
Aber warum verhält er sich so?, fragt sie mich in Tränen aufgelöst. Hier ist es wichtig weg von der Frage „Warum verhält er sich so?“ hin zu diesen Fragen zu kommen:
Warum hat sie ihn angerufen?
War es die Sehnsucht nach Wiedergutmachung?
Der Wunsch, doch noch wichtig zu sein?
Hoffnung auf Reue?
Das Bedürfnis, die eigene Geschichte umzuschreiben?
Oder die Suche nach emotionaler Verbindung.
Und: Was brauche ich, um mich emotional sicher und respektiert zu fühlen?
 
Das Entscheidende ist, dass sie versteht, welche tiefe alte Wunde durch die erneute Unzuverlässlichkeit wieder aufgerissen wurde. Genau hier liegt der therapeutisch relevante Kern an dem wir arbeiten dürfen. Heilung beginnt dabei an dem Punkt, an meine Klientin aufhört, auf die nächste Erklärung oder Wiedergutmachung des Ex-Partners zu warten, und stattdessen ihre eigene Verletzung und ihr Bedürfnis nach Schutz ernst nimmt.

Donnerstag, 7. Mai 2026

Resignation - ein schleichender Prozess

 



Immer öfter begegnen mir in meiner Arbeit Menschen, die sagen, sie hätten resigniert. Sie beschreiben einen Zustand tiefer innerer Erschöpfung. Sie glauben nicht mehr daran, dass sich ihr Leben oder ihre Beziehungen grundlegend verändern können. Wir Menschen resignieren nicht von heute auf morgen. Resignation ist eine schleichende Entwicklung. Enttäuschungen, Zurückweisungen, Verluste, Schicksalsschläge, chronische Krankheiten und Ohnmachtsgefühle führen nach und nach dazu, dass der innere Glaube an Veränderung zerbröselt.
 
Wer resigniert fühlt sich ohnmächtig.
Er glaubt, dass das eigene Handeln keinen Unterschied mehr macht.  
Wenn wir über längere Zeit erleben, dass sich trotz unserer Bemühungen nichts verändert, entsteht irgendwann das Gefühl: „Egal, was ich tue, es bringt nichts.“ Viele Menschen resignieren nach wiederholtem emotionalem Schmerz, etwa in Beziehungen, in denen sie nicht gesehen, nicht gehalten oder immer wieder verletzt werden. Dauerhafte emotionale oder soziale Unsicherheit kann dazu führen, dass Menschen irgendwann innerlich aufgeben, weil sie keinen Halt mehr spüren. All das führt zu innerer Erschöpfung und wer innerlich erschöpft ist, verliert irgendwann den Zugang zu den eigenen Bedürfnissen und die Hofnfung gleich mit. Dann entsteht ein Zustand, in dem wir nur noch funktionieren, uns zurückziehen oder in belastenden Mustern und Situationen verharren, weil uns die Kraft fehlt, etwas zu ändern.
 
Resignation entsteht dort, wo Hoffnung verloren geht, und Hoffnung verlieren wir dann, wenn wir die Verbindung zu uns selbst verlieren. Sie ist ein inneres Aufgeben, ein Sich-Fügen in eine als unveränderlich erlebte Situation.
Nicht zu resignieren bedeutet nicht, immer stark zu sein oder niemals zu zweifeln. Es bedeutet vielmehr, trotz Schmerz und Schwäche die Verbindung zu uns selbst nicht aufzugeben. Der Weg aus der Resignation beginnt nicht im Außen, sondern in der Beziehung zu uns selbst. Er beginnt damit, dass wir unsere Gefühle wieder ernst nehmen, statt sie zu verdrängen. Er beginnt damit, Erschöpfung nicht als Schwäche abzuwerten, sondern als Signal zu verstehen, dass etwas in uns gesehen und verändert werden möchte. Wenn wir am resignieren sind, brauchen wir nicht mehr Härte gegen uns selbst, sondern mehr Selbstmitgefühl, mehr Ehrlichkeit uns selbst gegenüber und innere Zuwendung. Viele Menschen glauben, sie müssten erst stark werden, um etwas verändern zu können. In Wahrheit entsteht Stärke dann, wenn wir beginnen, uns selbst nicht länger zu verlassen. Wenn wir lernen, uns selbst zuzuhören, uns zu schützen, Grenzen zu setzen und Hilfe anzunehmen. 
 
Heilung beginnt dort, wo wir aufhören, gegen uns selbst zu kämpfen.
Nicht zu resignieren bedeutet die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, ohne uns für die eigene Geschichte und unser Sosein zu verurteilen. Irgendwann kommt der Punkt, an dem wir entscheiden müssen, ob wir in der Ohnmacht stecken bleiben oder beginnen, uns sanft und langsam aus ihr herauszubewegen. Heilung geschieht nicht in großen Momenten. Sie beginnt ganz klein: mit einem ehrlichen Gedanken, einem klaren Nein, dem Eingeständnis der eigenen Erschöpfung und der Entscheidung, uns selbst nicht länger aufzugeben, für was oder wen auch immer. Wenn wir bereit sind, wieder in Beziehung zu uns selbst zu treten, ist Hoffnung möglich. Nicht zu resignieren heißt letztlich, die Hoffnung für uns selbst nicht zu verlieren.
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de
 
Link zum Buch:  


Dienstag, 5. Mai 2026

Wenn alte Wunden in neuen Begegnungen wieder spürbar werden – über Enttäuschung, Klarheit und Abgrenzung

 

                                                                   Foto: A.W.


Meine Klientin ist aufgelöst. Sie erzählt, sie habe fest geglaubt, die Trennung von ihrem Ex-Partner bereits weitgehend überwunden zu haben. Nach einer längeren Phase der Verarbeitung habe sie sich innerlich wieder stabiler gefühlt und sei vorsichtig wieder offener für neue soziale Kontakte geworden. Dabei ist ein alter Bekannter wieder in ihr Leben getreten. Zunächst hat sie damit die Hoffnung verbunden, wieder angenehme soziale Nähe zu erleben, sich treffen, reden, einen Kaffee zu trinken, ohne Druck und ohne große Erwartungen. Schon nach wenigen Treffen hat sie jedoch erkannt, dass die Gespräche stark einseitig verlaufen. Ihr Gegenüber hat sehr viel von sich erzählt, sie ständig unterbrochen und kaum Fragen an sie gestellt. Obwohl sie mehrfach versucht hat, darauf hinzuweisen und selbst mehr Raum einzufordern, hat sich nichts verändert. Bei meiner Klientin ist zunehmend das Gefühl entstanden, nicht wirklich gesehen oder ernst genommen zu werden.
Sie schwankt zwischen Wut und Trauer: „Jetzt öffne ich mich wieder und dann diese Enttäuschung. Ich werde wohl immer allein bleiben und das macht mir Angst.“
 
Ich verstehe sie gut. Diese Erfahrung hat sie emotional zurückgeworfen. 
Gefühle, die sie im Zusammenhang mit der Trennung als verarbeitet erlebt hat, sind wieder aktiviert worden. Die aktuelle Situation hat nicht nur Enttäuschung im Hier und Jetzt ausgelöst, sondern auch alte emotionale Wunden, die durch den Verlust des Partners entstanden sind, wieder spürbar gemacht. Aus bindungstheoretischer Sicht lässt sich ihre Reaktion als Aktivierung eines Bindungssystems verstehen, das auf Gegenseitigkeit und Responsivität ausgerichtet ist. Wird dieses Muster nicht erfüllt, kommt es zu einer Kombination aus Enttäuschung und Rückzugstendenzen. In der beschriebenen Situation hat sich das zusätzlich mit Wut und Trauer überlagert, einerseits als Reaktion auf die Enttäuschung im Jetzt, andererseits als Aktivierung des früheren Verlustes.
 
Um Verbindung zu spüren, brauchen wir in Gesprächen ein gewisses Maß an Gegenseitigkeit. 
 
Wenn jemand dauerhaft nur redet, nicht fragt und kaum zuhört, entsteht beim Gegenüber schnell ein Gefühl von innerem Rückzug und emotionaler Leere. Genau dieses Gefühl der Leere hat bei meiner Klientin etwas Altes wieder berührt. Die aktuelle Begegnung hat Erinnerungen an ihre frühere, sehr bedeutsame Beziehung ausgelöst, in der sie echte Gegenseitigkeit erlebt hat, Zuhören, Interesse und Resonanz auf beiden Seiten. Diese frühere Erfahrung ist bei ihr zu einer Art innerem Maßstab geworden, an dem sie neue Kontakte unbewusst misst. Dadurch hat sich die aktuelle Enttäuschung verstärkt. Nicht nur die konkrete Situation war für sie belastend, sondern der Verlust der einst erlebten Qualität von Nähe ist wieder spürbar geworden. Das hat Trauer ausgelöst, aber auch Wut. Wut darüber, nicht gehört zu werden und Trauer über das, was einmal möglich war und verloren ist. Dass daraufhin die Angst vor Einsamkeit hochkriecht ist nachvollziehbar. 
 
Obwohl meine Klientin rational weiß, dass sie lediglich einen für sie unpassenden Kontakt beendet hat, hat sich emotional das Gefühl verstärkt, wieder allein zu sein und es im Zweifel zu bleiben. Auch wenn sie schließlich erkannt hat, dass diese Art von einseitigem Kontakt nicht ihren Bedürfnissen entspricht und sie Beziehungen braucht, in denen es echten Austausch gibt, und sich aus diesem Grund sie entschieden hat, den Kontakt zu beenden – es entsteht wieder die alte Leere, die sie nach der Trennung von ihrem Partner empfunden hat. Das ist normal udn menschlich. Auch nach dem einer unbefriedigenden Beziehung entsteht kurzfristig ein Vakuum, das subjektiv als soziale Leere oder als Angst vor Vereinsamung erlebt werden kann. Dieser Zustand ist jedoch weniger der Ausdruck realer Isolation als vielmehr eine Reaktion unsers Bindungssystems auf den Wegfall einer, wenn auch dysfunktionalen, sozialen Verbindung.
 
Gleichzeitig zeige sich in dieser Situation aber auch eine wichtige Entwicklung: Meine Klientin nimmt ihre eigenen Bedürfnisse heute deutlich klarer wahr als früher. Sie ignoriert innere Signale von Unwohlsein nicht mehr, sondern erkennt sie frühzeitig und nimmt sie ernst. Statt sich in unheilsame Dynamiken zu verstricken, zieht sie Grenzen und trifft bewusste Entscheidungen für sich selbst. Das ist ein wichtiger Schritt in Richtung Selbstschutz und gesunder Abgrenzung.
 
Worum geht es jetzt?
Es geht darum, ihre Gefühle von Trauer, Wut und Angst einzuordnen und zu beruhigen. Gleichzeitig ist es für meine Klientin hilfreich, diese Phase auch als positiven Entwicklungsschritt zu erkennen: hin zu mehr Selbstwahrnehmung und Selbstfürsorge, klareren Grenzen und der Fähigkeit, frühzeitig Beziehungen zu beenden, die nicht auf Gegenseitigkeit beruhen und sich nicht gut anfühlen. Sie hat Größe bewiesen, sie hat auf sich selbst geachtet und sich nicht auf etwas eingelassen, was ihr nicht guttut, sie hat sich nicht von ihrer Sehnsucht nach Verbindung zum Preis der Selbstverleugnung leiten lassen.
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Montag, 4. Mai 2026

Beziehung ist nicht Liebe

 

                                                               Malerei: A.Wende

 
Wir alle möchten geliebt sein. Und viele Menschen suchen Liebe. Manche suchen sie sogar verzweifelt. Sie wünschen sich eine Beziehung, jemanden, mit dem sie ihr Leben teilen können. Und manche verwechseln dabei Beziehung mit Liebe.
Diese Verwechslung ist verständlich, weil Beziehung etwas Greifbares ist. Man kann sie benennen, definieren., zeigen. „Wir sind zusammen“. Das klingt nach Sicherheit, nach Ankommen, nach einem emotionalen Zuhause. Eine Beziehung gibt Form und Form wirkt in einer Welt, die unsicher ist, wie ein Ersatz für innere Stabilität.
Liebe dagegen ist weniger eindeutig. Sie ist kein Status, den man erreicht, sondern etwas, das sich im Erleben zeigt. Sie ist nicht nur das Gefühl von Nähe, von Begehren, nicht nur getragen von gegenseitiger Fürsorge, von Respekt und tiefer Wertschätzung, von inniger Vertrautheit udn Verbundenheit, sondern auch von der inneren Haltung, den anderen wirklich zu sehen, mit seinen Bedürfnissen, seinen Grenzen, seiner Eigenständigkeit, in seinem Wesen. Liebe ist nicht Besitz, sondern Beziehung im tieferen Sinn - ein inneres Antworten auf das Dasein eines anderen Menschen und der Wunsch, dass es ihm gut geht. 
 
Die Verwechslung von Beziehung mit Liebe entsteht dort, wo das Äußere für das Innere gehalten wird.  
Wenn zwei Menschen viel Zeit miteinander verbringen, gemeinsame Routinen entwickeln, etwas gemeinsam aufbauen oder sich als Paar definieren, entsteht schnell die Annahme: Dann muss da auch Liebe sein. Aber Nähe ist nicht automatisch Liebe. Vertrautheit ist nicht automatisch Zuwendung. Eine gemeinsame Geschichte ist nicht automatisch Liebe.
Wenn Menschen sich eine Beziehung wünschen spielen dabei oft auch Angst und Bedürftigkeit eine Rolle. Die Angst vor Einsamkeit kann dazu führen, dass eine Beziehung allein durch ihre Existenz schon als „Liebe“ interpretiert wird, weil die Alternative schwer auszuhalten ist. Oft spielt dabei auch eine tiefere Dynamik hinein - das Bedürfnis, im Außen etwas zu finden, was im eigenen Inneren fehlt. Dann ist die Beziehung nicht nur Verbindung, sondern hat auch eine Funktion. Sie soll halten, ausgleichen, beruhigen, bestätigen. Das geben, was man selbst nicht hat. Und genau dort beginnt die Verschiebung von Liebe hin zu etwas anderem.
 
Wer mit sich selbst nicht gern zusammen ist, wer die eigene innere Leere schwer aushalten kann, wer im Alleinsein eher Einsamkeit empfindet, statt Ruhe und Selbstgenügsamkeit, der sucht im Anderen nicht nur Nähe, sondern emotionale Stabilisierung. 
Der andere wird dann zum Halt, zum Ausgleich, zur Ergänzung eines inneren Mangels. Und je größer dieser Mangel ist, desto weniger wird der andere als eigenständiges Wesen gesehen. Wer den anderen braucht, um sich vollständig zu fühlen, verwechselt Liebe mit Ergänzung. Wer den anderen als Beruhigung der eigenen Unsicherheit nutzt, verwechselt Liebe mit Absicherung. Und wer im anderen vor allem das sucht, was im eigenen Inneren fehlt, erlebt zwar Bindung, aber nicht unbedingt Liebe. Das Festhalten wird wichtiger als das Fühlen. Die Struktur ersetzt das Erleben. So entstehen Beziehungen, die innerlich leer sind. Man ist zusammen, aber begegnet sich nicht wirklich. Und genau hier liegt der Unterschied: Man glaubt, man hätte Liebe, nur weil man eine Beziehung hat.
 
Aber Liebe entsteht nicht aus Mangel.
Sie wächst dort, wo zwei Menschen sich begegnen, ohne sich gegenseitig zu etwas machen zu müssen, was sie nicht sind. Sie ist kein Mittel gegen Einsamkeit, sondern eine Form von Verbundenheit, die auch dann bestehen kann, wenn man innerlich ganz bei sich bleibt. Das bedeutet nicht, dass wir keine Nähe brauchen. Wir sind soziale Wesen, wir brauchen Bindung, Resonanz, Austausch. Aber der Unterschied liegt darin, ob der andere zur Lösung eines inneren Problems wird, oder ob er als freier Mensch gesehen wird, dem wir frei begegnen. Vielleicht ist das der entscheidende Punkt: Liebe beginnt dort, wo der andere nicht mehr Funktion ist. Nicht Halt, nicht Ergänzung, nicht Rettung, sondern ein eigenständiges Gegenüber. Wenn beides zusammenkommt, fühlt sich eine Beziehung nicht nur richtig an, sie ist lebendig und echt. Erst wenn diese Freiheit möglich ist, kann eine Beziehung mehr sein als Form und Struktur, nämlich ein lebendiger Raum zwischen zwei Menschen, die einander nicht brauchen, um vollständig zu sein, sondern sich trotzdem wählen.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de