Eine Klientin erzählt, dass sie sich in den vergangenen Jahren immer mehr isoliert hat. Zunächst habe sie den Rückzug als etwas Positives empfunden. Sie wollte ihre Ruhe haben, Abstand von anderen Menschen und den Alltag ohne den ständigen Druck sozialer Erwartungen bewältigen. Treffen mit Freunden sagte sie immer öfter ab, ihre Freizeit verbrachte sie zunehmend allein zu Hause. Lange Zeit habe sie darin kein Problem gesehen. Im Gegenteil. Sie empfand es als angenehm, niemandem etwas erklären zu müssen und selbst entscheiden zu können, wann sie mit anderen Menschen in Kontakt treten wollte. Doch irgendwann bemerkte sie, dass sich etwas verändert hatte. Als sie eines Tages darüber nachdachte, wen sie eigentlich anrufen könnte, wenn es ihr schlecht ginge, fiel ihr niemand ein. Aus einzelnen abgesagten Treffen waren Monate geworden, aus weniger Kontakt völlige soziale Isolation. Plötzlich wird ihr bewusst, dass sie zwar ständig über ihr Smartphone mit der Welt verbunden ist, aber kaum noch eine echte Bindung hat. Diese Erkenntnis löst bei ihr ein Gefühl von Leere und Einsamkeit aus.
Die Geschichte meiner Klientin ist kein Einzelfall. Immer mehr Menschen ziehen sich aus ihrem sozialen Umfeld zurück.
Besonders auch bei jungen Menschen scheint sich ein widersprüchliches Phänomen zu zeigen. Einerseits waren wir noch nie so leicht miteinander verbunden wie heute, andererseits fühlen sich viele Menschen zunehmend einsam. Soziale Medien, Messenger und digitale Plattformen ermöglichen einen permanenten Austausch, können persönliche Beziehungen jedoch nicht ersetzen. Die Frage stellt sich daher, warum Menschen trotz dieser ständigen Erreichbarkeit immer häufiger den Rückzug wählen.
Ein Grund liegt in einer zunehmenden Überforderung. Beruflicher und schulischer Druck, finanzielle Sorgen, Zukunftsängste und die permanente Verfügbarkeit durch digitale Medien können dazu führen, dass soziale Kontakte nicht mehr als Bereicherung, sondern als zusätzliche Belastung empfunden werden. Wer bereits erschöpft ist, erlebt eine Einladung zum Treffen möglicherweise nicht als Freude, sondern als eine weitere Verpflichtung. Der Rückzug ins eigene Zuhause bietet dagegen unmittelbare Entlastung. Hinzu kommt, dass soziale Medien den sozialen Vergleich verstärken. Wir sehen täglich Bilder von erfolgreichen Karrieren, abenteuerlichen Reisen und glücklichen Beziehungen. Das eigene Leben erscheint dagegen dannn gewöhnlich, langweilig oder unvollständig. Besonders bei Menschen, die ohnehin mit Selbstzweifeln kämpfen, kann dadurch der Eindruck entstehen, nicht dazuzugehören. Der einfachste Weg, dieser gefühlten Bewertung zu entkommen, besteht darin, sich gar nicht erst in Situationen zu begeben, in denen man bewertet werden könnte.
Der Rückzug kann dann eine Schutzfunktion erfüllen.
Wer sich zurückzieht, schützt sich vor Konkurrenz, Ablehnung, Konflikten, Enttäuschungen oder Überforderung. Kurzfristig kann das sogar sehr angenehm sein. Wir empfinden Ruhe und Kontrolle. Gleichzeitig besteht jedoch die Gefahr, dass aus einem freiwilligen Rückzug langsam eine dauerhafte Isolation wird. Dieser Prozess kann sich, wie bei meiner Klientin, selbst verstärken. Wer ein Treffen absagt, fühlt sich zunächst erleichtert. Beim nächsten Mal fällt die Absage noch leichter. Gleichzeitig werden soziale Erfahrungen seltener. Gespräche, spontane Begegnungen und der Umgang mit Menschen werden ungewohnter. Dadurch wächst die Unsicherheit und die nächste soziale Situation kann noch anstrengender erscheinen. So entsteht ein Kreislauf aus Überforderung, Rückzug und zunehmender Einsamkeit.
Besonders problematisch ist dabei, dass Isolation nicht immer sofort als solche wahrgenommen wird.
Ein Mensch kann den ganzen Tag beschäftigt sein, online kommunizieren, Serien schauen, oder soziale Medien nutzen und sich trotzdem emotional allein oder einsam fühlen. Auch die Anzahl unserer Kontakte sagt wenig über die Qualität usnerer sozialen Beziehungen aus. Entscheidend ist vielmehr, ob wir das Gefühl haben, mit anderen verbunden zu sein und jemanden zu haben, auf den wir uns verlassen können.Das bedeutet nicht, jedes Alleinsein ist problematisch. Allein zu sein udn es zu genießen ist wichtig und gesund. Wir brauchen Rückzugsräume, um uns zu erholen und unser Gedanken zu ordnen. Der entscheidende Unterschied liegt darin, ob der Rückzug freiwillig gewählt wird oder ob er zunehmend aus Angst, Überforderung, Unsicherheit oder fehlenden Möglichkeiten entsteht.
Die Erfahrung meiner Klientin zeigt, wie schleichend dieser Übergang stattfinden kann. Sie hat nicht eines Tages beschlossen, keine sozialen Beziehungen mehr haben zu wollen. Vielmehr bestand ihr Rückzug aus vielen kleinen Entscheidungen.
Eine Nachricht nicht beantworten, eine Einladung absagen, lieber zu Hause bleiben. Jede einzelne Entscheidung erschien unproblematisch. Erst im Rückblick wird sichtbar, dass aus vielen kleinen Rückzügen eine große soziale Distanz entstanden ist.
Meine Kientin ist nur eine von vielen Menschen, die in dieser sozialen Distanz leben. Die zunehmende Isolation ist längst auch ein gesellschaftliches Problem. Man könnte jetzt sagen, sie soll wieder mehr unter Menschen gehen. Aber es reicht nicht aus, Menschen einfach dazu aufzufordern, mehr raus zu gehen. Vielmehr ist es wichtig zu betrachten, welche Bedingungen dazu führen, dass soziale Beziehungen für viele Menschen immer schwieriger werden. Gemeinschaft braucht Orte, Zeit und Möglichkeiten für Begegnung. Sie entsteht nicht allein dadurch, dass Menschen technisch miteinander verbunden sind. Die Geschichte meiner Klientin macht deutlich, dass Isolation nicht mit dem Wunsch beginnt, einsam zu sein. Sie beginnt vielmehr mit dem Wunsch nach Ruhe, Sicherheit, Schutz oder Kontrolle. Problematisch wird es dann, wenn der Rückzug so selbstverständlich wird, dass irgendwann die sozialen Beziehungen fehlen, die Halt geben könnten.
Die eigentliche psychologische Herausforderung besteht daher nicht darin, einen isolierten Menschen möglichst schnell wieder unter Menschen zu bringen. Vielmehr muss verstanden werden, welche Funktion der Rückzug für ihn erfüllt.
Isolation ist häufig nicht einfach Ausdruck von Desinteresse an anderen, sondern kann eine Form des Selbstschutzes sein. Sie schafft Distanz zu Situationen, die als überfordernd, verletzend oder beschämend erlebt werden. Gleichzeitig entsteht jedoch ein paradoxer Prozess. Was kurzfristig Sicherheit gibt, kann langfristig Einsamkeit und Unsicherheit verstärken. Die zentrale Frage ist deshalb nicht, warum ein Mensch sich zurückzieht, sondern wovor er sich durch seinen Rückzug schützt und welche Bedürfnisse dabei unbefriedigt bleiben. Erst wenn dieser innere Konflikt verstanden wird, wird sichtbar, warum es so schwer sein kann, die Isolation wieder zu verlassen.
Angelika Wende
www.wende-praxis.de
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