Der Mensch lebt nicht nur von dem, was tatsächlich geschieht. Er lebt auch von seinen Erwartungen darüber, wie die Welt funktioniert. Wir entwickeln Vorstellungen davon, dass unser Handeln Folgen hat, dass Beziehungen Bestand haben, dass der Körper uns trägt und dass die Zukunft zumindest in groben Zügen berechenbar ist. Diese Annahmen bilden einen unsichtbaren Hintergrund unseres Alltags. Solange sie funktionieren, denken wir kaum über sie nach. Erst wenn sie zerbrechen, bemerken wir, wie sehr wir auf ihnen aufgebaut haben. Plötzlich genügt es nicht mehr, vernünftig zu handeln. Es genügt nicht, ein guter Mensch zu sein. Es genügt nicht, Verantwortung zu übernehmen. Die Welt folgt nicht mehr der erwarteten Logik von Ursache und Wirkung. Damit beginnt eine der tiefsten Erfahrungen menschlicher Krisen: die Begegnung mit der eigenen Begrenztheit.
Wir neigen im Alltag dazu, unsere Handlungsfähigkeit mit Kontrolle zu verwechseln. Wir planen, entscheiden, vermeiden Risiken und versuchen, unser Leben möglichst sinnvoll zu organisieren. Daraus entsteht leicht das Gefühl, dass wir unser Schicksal weitgehend selbst bestimmen. Schwere Krisen können diese Vorstellung innerhalb kürzester Zeit zerstören.
Eine Krankheit kann den Körper verändern. Ein Verlust kann eine Beziehung beenden. Eine Kündigung kann die berufliche Identität erschüttern. Der Tod eines geleibten Menschen kann eine Zukunft auslöschen. Dann zeigt sich die Grenze menschlicher Kontrolle. Das Erschütternde daran ist nicht nur der Verlust selbst, es ist die Erfahrung, dass das eigene Handeln nicht mehr ausreicht, um die Situation wieder in Ordnung zu bringen. Aus Selbstbestimmung wird Abhängigkeit. Aus Planung wird Ungewissheit. Aus Zukunft wird Gegenwart. Und aus einem Menschen, der sein Leben gestaltet hat, kann vorübergehend ein Mensch werden, dem das Leben widerfährt.
Besonders radikal wird diese Erfahrung, wenn sie den eigenen Körper erreicht.
Der Körper ist unter anderem die Voraussetzung für unsere Handlungsfreiheit. Wir bewegen uns, arbeiten, berühren, gestalten, gehen, essen, schlafen und leben, ohne ständig darüber nachzudenken. Eine Krankeit verändert diese Selbstverständlichkeit. Der Körper wird plötzlich nicht mehr als etwas erlebt, das uns trägt, sondern als etwas, mit dem wir ringen müssen. Er setzt Grenzen, die der Wille nicht überwinden kann. Er zwingt uns in eine Gegenwart, aus der es keinen Rückzug gibt. Deshalb ist körperliches Leiden immer auch eine psychische Erfahrung. Es bedroht nicht nur das körperliche Wohlbefinden, sondern kann auch unser Gefühl von Autonomie, Würde und Selbstverständlichkeit erschüttern.
Besonders schmerzhaft wird eine körperliche Krise dort, wo der Mensch mit seiner Erfahrung allein bleibt. Man kann von Menschen umgeben sein und sich trotzdem vollkommen unverstanden fühlen. Das geschieht, wenn die anderen nicht wirklich zuhören.
Der leidende Mensch erzählt von seinem Schmerz und bekommt eine Erklärung. Er spricht über seine Angst und erhält einen Ratschlag. Er zeigt seine Verzweiflung und bekommt die Aufforderung, stark zu sein. Solche Reaktionen entstehen nicht unbedingt aus Ignoranz. Sie entstehen oft aus Hilflosigkeit. Menschen möchten das Leiden des anderen beenden, weil sie es selbst kaum aushalten. Wirkliche Begleitung beginnt dort, wo das Bedürfnis nach einer schnellen Lösung endet. Empathie bedeutet nicht immer, eine Antwort zu haben. Manchmal bedeutet sie, bei einem Menschen bleiben zu können, obwohl es keine Antwort gibt.

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