Sonntag, 23. August 2026
Weil ich endlich geliebt sein will: Aus der Innenwelt einer Co-Abhängigkeit
Donnerstag, 4. Juni 2026
Du bist immer noch hier - Zwischen Schmerz und Heilung
Malerei: A.Wende
Sprich über
deinen Schmerz.
Benenne, was ist: Verlust, Verrat, Verletzung, Zurückweisung, Entfremdung,
Enttäuschung. Trauer, Wut, Angst, Verzweiflung. Du kannst nicht heilen, was du nicht benennst und anerkennst.
Übe Akzeptanz.
Akzeptanz bedeutet nicht Zustimmung. Akzeptanz bedeutet, die Realität dem
inneren Widerstand vorzuziehen.
Hör auf, alles
immer wieder durchzuspielen.
Grübeln fühlt sich produktiv an – ist es aber nicht. Du kannst nicht ändern,
was geschehen ist. Jedes „Was wäre, wenn?“ hält dich emotional an einer Version
der Realität fest, die nicht mehr existiert.
Trenne den Schmerz von der Geschichte.
Dein Schmerz ist real. Das Narrativ, das du um ihn herum aufbaust, bestimmt mit ob du im Schmerz stecken bleibst oder weiter machst. Frag dich: Erzähle ich mir eine Geschichte, die mich stärkt – oder eine, die mich machtlos macht?
Erkenne zwei
Wahrheiten gleichzeitig an:
Es tut weh - und ich werde es überleben.
Übe Geduld und
Selbstmitgefühl.
Heilung ist ein Prozess. Heilung beginnt mit dem Fühlen. Heilung verläuft nicht linear. Sie geschieht in kleinen
Schritten und durch kleine, beständige Routinen. Schlechte Tage machen deine Fortschritte nicht zunichte.
Du bist nicht kaputt. Was dir passiert ist, hat Spuren hinterlassen.
Aber es definiert nicht deinen Wert. Du versuchst gerade zu überleben. In deinem Kopf und in deinem Herzen findet ein Kampf statt. Und trotzdem bist du noch hier. Du brauchst Raum für alles, was du fühlst. Raum, um es auszudrücken. Raum, um zu trauern, zu wüten, zu weinen und langsam wieder Kraft zu sammeln. Nimm dir diesen Raum.
Sag dir jeden
Morgen:
Nur für heute. Tu heute das, was du schaffen kannst. An manchen Tagen
ist Überleben bereits schon ein Sieg.
Du bist immer noch hier.
Sei stolz auf dich!
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de
Freitag, 29. Mai 2026
„Wie kann es sein, dass ich wieder bei etwas Ähnlichem lande?“
Zeichnung: A.W.
Eine ehemalige Co-Abhängige trennt sich von ihrem suchtkranken Partner. Kurz darauf lernt sie einen Mann kennen. Sie verliebt sich in ihn und später stellt sich heraus, dass der Vater des neuen Partners schwerer Alkoholiker ist.
Sie fragt: „Wie kann es sein, dass ich wieder in etwas Ähnlichem lande?“
Das wirkt tatsächlich seltsam oder fast schicksalhaft, psychologisch ist es aber gut nachvollziehbar. Menschen mit Co-Abhängigkeitsmustern entwickeln oft unbewusst eine starke Vertrautheit mit bestimmten Dynamiken - emotional instabile Beziehungen, Verantwortung für andere übernehmen, Retteridentifikation, ständige Wachsamkeit, Misstrauen sich selbst und anderen gegenüber, Scham – und Schuldgefühle, Angst vor Ablehnung und Verlust.
Wenn jemand sich aus einer Beziehung mit einem alkoholkranken Partner oder von einem suchtkranken Familenmitglied löst, verschwinden diese inneren Muster nicht automatisch sofort. Dann kann es leicht passieren, dass man sich kurz darauf wieder zu Menschen hingezogen fühlt, deren Lebensumfeld ähnliche emotionale Strukturen enthält, selbst wenn die neue Person selbst gar nicht alkoholabhängig ist.
Alkoholismus ist eine Familienkrankheit.
Sie ist ein systemisches Geschehen, nicht weil alle Familienmitglieder alkoholabhängig sind, sondern weil sich das gesamte emotionale System an die Sucht anpasst. Diese Muster können noch lange wirken, selbst wenn später kein Alkohol mehr im Alltag existiert. Genau darin liegt auch die Tragik von Alkoholismus: Die Krankheit betrifft nicht nur die konsumierende Person. Sie prägt das ganze System – also alle, die mit dem Süchtigen zu tun haben, sie prägt Beziehungen, Bindungsstile und das emotionale Klima über Generationen hinweg. Ein Vater mit schwerer Alkoholabhängigkeit bedeutet, dass der Sohn bestimmte Überlebensstrategien gelernt hat, die einem ehemaligen Co-Abhängigen vertraut vorkommen. Das heißt nicht automatisch, dass die neue Beziehung „ungesund“ ist, oder dass man bewusst ein Konstrukt sucht, das mit Alkoholismus zu tun hat. Aber es kann bedeuten, dass das Nervensystem und das Bindungsmuster noch auf „ vertraute emotionale Landschaften“ reagieren.
Unbewusstes erkennt Unbewusstes blind.
Menschen erkennen oft nicht gleich den Grund warum sie einander anziehend finden, sondern sie spüren etwas Vertrautes im emotionalen Grundgefühl. Das läuft blitzschnell, intuitiv und unbewusst ab. Unsere Bindungs- und Beziehungsmuster wirken selten logisch oder bewusst gewählt. Deshalb können sich zwei Menschen stark voneinander angezogen fühlen und erst später merken - beide kennen Chaos aus Beziehungen, beide übernehmen zu viel Verantwortung, beide fühlen sich für die Gefühle anderer zuständig, beide wollen sich kümmern, helfen oder retten.
Das „blind“ daran ist der Punkt: Das Unbewusste sucht eher Vertrautheit als emotionale Gesundheit.
Diese Vertrautheit fühlt sich zunächst wie Chemie, Tiefe, Seelenverwandtschaft oder Schicksal, selbst wenn die zugrunde liegenden Muster später schwierig werden. Das heißt nicht, dass jede Verbindung zwischen zwei co-abhängigen Menschen zwangsläufig problematisch ist. Wenn beide reflektiert sind, wenn sie wissen wo sie selbst aufhören und der andere anfängt, wenn sie Eigenverantwortung übernehmen, ihre Muster erkennen und sich gesund abgrenzen kann daraus sogar etwas sehr Bewusstes entstehen.
Nur wenn wir Muster erkennen, entsteht überhaupt erst Wahlfreiheit.
Entscheidend ist, dass die alten Dynamiken nicht unbemerkt übernommen werden, dass man sie erkennt und nicht in Automatismen zurückfällt, z.B. indem man den anderen Co-abhängigen retten will, wie ehemals den alkoholkranken Partner oder das suchtkranke Familienmitglied.
Solche Muster können gleichzeitig plausibel und irgendwie unheimlich wirken. Fakt ist: Viele ehemalige Co-Abhängige spüren eine starke Anziehung zu Menschen mit schwierigen Familiengeschichten. Sie haben dann das Gefühl, besonders verstanden zu werden, lassen sehr schnell intensive emotionale Nähe zu oder sie spüren den Impuls, wieder emotional Verantwortung zu übernehmen.
Der entscheidende Punkt um nicht in die Wiederholungsfalle zu geraten ist Wachsamkeit und Selbstbeobachtung. Das heißt: Habe ich heute Grenzen? Kann ich meine Bedürfnisse äußern? Kann ich ein klares Nein sagen, ohne mich schuldig zu fühlen? Muss ich retten oder reparieren? Fühlt sich die Beziehung ruhig und sicher an oder intensiv und vertraut-chaotisch? Kann die andere Person Verantwortung für sich selbst übernehmen und tut sie das auch in ihren Handlungen? Gibt es eine Divergenz zwischen Worten und Handlungen?
Das Problem ist also nicht „Der Vater des Mannes ist alkoholkrank, sondern – erkennt die Frau ihre Muster und die Dynamik in der neuen Beziehung? Kommunikationsstil, emotionale Reaktionen, Bedürftigkeit, Anpassungsverhalten, Unsicherheit, Fürsorglichkeit, Distanz-Nähe-Muster usw.
Gerade Menschen mit Co-Abhängigkeits-Erfahrungen haben häufig ein sehr feines Gespür für bestimmte emotionale Dynamiken.
Nicht im Sinne von: „Oha, der Vater ist Alkoholiker“, sondern eher: Mit dieser Person fühle ich mich sofort verbunden. Sie versteht mich auf eine besondere Weise. Sie ist empathisch, sie wirkt verletzlich. Ich möchte sie beschützen. Menschen aus suchtbelasteten Familien senden oft, ebenfalls unbewusst, bestimmte Signale: starke Anpassung, Harmoniebedürfnis, Schwierigkeiten mit Grenzen, emotionale Wachsamkeit, Verantwortungsgefühl für andere, Angst vor Konflikten oder vor Verlassenwerden.
Das kann sich gegenseitig „bekannt“ anfühlen, lange bevor jemand über Alkoholismus spricht. Also nicht der Alkoholismus im System selbst wird erkannt, sondern die vertraute emotionale Struktur dahinter. Erst später erkennt man dann die Parallelen. Beziehungen entstehen in den meisten Fällen eben nicht über bewusste Entscheidungen, sondern über alte emotionale Prägungen, Nervensystem, Bindungserfahrungen und Vertrautheit.
Deshalb fragen sich Menschen nach einer toxischen oder co-abhängigen Beziehung: „Wie kann das sein, ich lande immer wieder in ähnlichen Dynamiken, obwohl die Menschen völlig anders sind.“
Es ist weder Schicksal noch Pech, es passiert unterhalb der bewussten Ebene.
Sonntag, 10. Mai 2026
Reaktivierte Bindungsverletzung nach Kontakt mit dem Ex-Partner - Altes Verhalten ist oft ein verlässlicher Hinweis auf zukünftiges Verhalten
Malerei: A.Wende
Samstag, 18. April 2026
Beschädigt
Malerei: A.Wende
„Ich
traue keinem Mann mehr, aber das Schlimmste ist, ich traue mir selbst
nicht mehr“, sagt meine Klientin. Der Satz klingt hart, endgültig, fast
wie ein Urteil. Und dann kommt noch dieses Wort: „beschädigt“. Als wäre
da etwas in ihr, das nicht mehr ganz ist. Und es ist ehrlich, das zu
sagen. Ja, da ist etwas beschädigt worden. Nicht im Sinne von „ich bin
kaputt“. Aber etwas, das einmal selbstverständlich war, ist beschädigt:
Das Vertrauen in andere und in sich selbst.
Vertrauen
ist die Basis für alle zwischenmenschlichen Beziehungen.
Selbstvertrauen ist Basis für eine gesunde Beziehung mit uns selbst.
Vertrauen bedeutet wir können sicher sein, dass wir uns auf uns selbst
und andere verlassen können. Vertrauen ist fragil und kann leicht
zerstört werden. Wird es zerstört, hinterlässt das eine tiefe Wunde, die
nur schwer heilt.
Nach toxischen
Beziehungen bleibt mehr zurück als nur schmerzhafte Erinnerungen.
Es
bleibt die Frage: Warum habe ich das nicht früher gesehen? Warum bin ich
so lange geblieben? Warum habe ich all das zugelassen? Warum habe ich
das mit mir machen lassen?
Das Misstrauen, das nach
unheilsamen Beziehungen entsteht, richtet sich nicht nur gegen den
anderen, sondern auch gegen uns selbst. Das
Vertrauen in den anderen ist erschüttert, weil Grenzen überschritten
wurden, weil es Manipulation, Unberechenbarkeit, Lug, Betrug und
Verletzungen gab, weil Nähe sich unsicher angefühlt hat. Das Vertrauen
in uns selbst ist beschädigt, weil wir an unserer eigenen Wahrnehmung
zweifeln, an unserer Intuition, an unserem Gefühl dafür, was uns gut tut
und was nicht. In diesem Sinne: Ja, etwas ist beschädigt. Aber
nicht, weil etwas grundsätzlich falsch an uns ist, sondern weil etwas
in uns verletzt wurde. Und diese Verletzung ist es, die meine Klientin
nicht einfach übergeht. Sie tut nicht so, als wäre nichts passiert. Und
das ist gut so.
Beschädigtes
Vertrauen kommt nicht einfach zurück, nur weil wir es uns wünschen. Aber
es kann sich langsam neu aufbauen, anders als vorher.
Wir werden
wachsamer, klarer, stärker. Wir beobachten genauer bevor wir handeln und
uns auf etwas einlassen, was sich von Anfang an nicht sicher anfühlt.
Wir haben feinere Antennen als zuvor. Wir sind vorsichtig, zweifelnd,
tastend. Und das ist gut so. Dieses
Gefühl von beschädigt sein ist eine Erinnerung daran, was ungut war -
Enttäuschung, Vertrauen, das gebrochen wurde, Hoffnungen, die sich nicht
erfüllt haben. Das sind schmerzhafte Erfahrungen, die wir nicht einfach
abschütteln können. Sie bleiben und sie verändern uns.
Misstrauen entsteht nicht aus dem Nichts.
Es
ist die normale Folge von beschädigtem Vertrauen. Und es ist gewachsen
in Momenten, in denen es, nach dem Vertrauensverlust, sicherer war, uns
zurückzuziehen als uns noch einmal zu öffnen.
Die Zeit hat den Schmerz in eine Lektion verwandelt.
Kein
blindes Vertrauen, kein naives Hoffen mehr, kein Ignorieren oder
Schönreden mehr, kein Idealisieren mehr, kein Rationalisieren mehr, wenn
sich Nähe nicht sicher anfühlt, wenn Wort und Handlungen nicht
übereinstimmen, wenn Wertschätzung fehlt. Keine faulen Kompromisse mehr,
nur um nicht allein zu sein, sondern ein klares Bewusstsein darüber,
was wir in einer Beziehung wirklich wollen und brauchen, wo unsere
Standards, unsere Werte und Grenzen sind und wie wir sie schützen.
Misstrauen
erinnert uns daran, was wir überlebt haben. Misstrauen macht
vorsichtig. Und Vorsicht ist nicht dasselbe wie Beschädigung.
Vorsicht
bedeutet nicht, dass Nähe und Beziehung für immer unmöglich geworden
sind. Vorsicht bedeutet, dass wir uns nicht unüberlegt oder überstürzt
auf eine neue Beziehung einlassen.
Wir nehmen uns
Zeit den anderen kennenzulernen. Wir prüfen unsere Gefühle, ob wir
emotional bereit für etwas Neues sind. Wir achten auf mögliche
Warnsignale und respektieren unsere Grenzen anstatt uns schnell
anzupassen. Das bedeutet nicht, dass wir eine grundsätzliche Angst vor
Beziehungen haben, sondern dass wir gelernt haben: nämlich Achtsamkeit,
Selbstfürsorge und Vorsicht, um uns vor Verletzungen zu schützen.
Natürlich können wir dennoch verletzt werden.
All
das ist keine Garantie dafür, dass nichts schiefgeht. Gefühle und
andere Menschen lassen sich nicht kontrollieren. Sobald wir uns auf
jemanden einlassen, machen wir uns immer verletzlich.
Nur
– mit Vorsicht stürzen wir uns nicht blind hinein, wir achten auf uns
selbst und erkennen schneller, wenn uns etwas nicht guttut, und können
entsprechend reagieren. Das kann Verletzungen nicht verhindern, aber es
kann sie abmildern und dafür sorgen, dass wir uns nicht verlieren.
Nähe
zulassen ist immer ein Risiko. Eine Beziehung einzugehen heißt eben
auch, Vertrauen zu schenken, obwohl wir wissen, dass es keine absolute
Sicherheit gibt, dass es nicht wieder missbraucht wird.
„Beschädigt“
klingt nach etwas, das nicht mehr heil werden kann. Aber wir Menschen
sind keine Dinge. Was sich in uns verändert hat, ist nicht kaputt, es
hat sich unseren Erfahrungen angepasst. Wir haben daraus gelernt, unter
anderem, dass wir uns, um einer Beziehung willen, nicht mehr selbst
verraten, dass Liebe uns nicht unsere Identität kosten darf, dass wir
für Nähe keinen Preis mehr zahlen, der uns unseren Seelenfrieden kostet.
Im Moment ist es einfach so: Meine Klientin schützt sich. Solange bis sie sich selbst wieder voll und ganz vertraut.
Und das ist okay.
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de
Mittwoch, 3. September 2025
Der Albtraum ist zu Ende. Die Erinnerung nicht.
Dienstag, 2. September 2025
Lesung
Mittwoch, 21. Mai 2025
Aus der Praxis: Der mächtige Gegner Sucht
Sonntag, 27. April 2025
„Nicht warum die Sucht, sondern warum der Schmerz?“
Was lässt Menschen in ungesunden und unausgeglichenen Beziehungen bleiben, in denen sie Liebe, Zuneigung und Fürsorge geben, aber nichts von all dem zurückbekommen?
Was lässt sie in diesem unheilsamen, toxischen Konstrukt bleiben, obwohl sie leiden?
Es ist Angst. Meistens ist es die Angst vor der Einsamkeit, die sie fürchten, wenn sie die Beziehung verlassen. Die Angst niemanden mehr zu finden, den sie und der sie lieben könnte, auch wenn sie genau wissen, dass das, was sie in dieser Beziehung bekommen, alles andere ist als Liebe. Sie wissen es, sie spüren es, aber sie wollen es nicht wahrhaben. Sie machen Konstruktionen um es sich schön zu reden und leben in einem Zustand permanenter kognitiver Dissonanz - ein Abwehrmechanismus, der ihnen ein gutes Gefühl vorgaukelt. Sie ignorieren oder leugnen das Problem, sie spalten es ab und rationalisieren es.
Sie haften an und halten fest, weil sie endlich geliebt sein wollen, weil sie das kleinste Zeichen von Interesse und Zuneigung aufsaugen wie die Luft zum Atmen. Sie halten fest, weil sie die Hoffnung nicht aufgeben wollen, dass sie doch noch irgendwann bekommen, wonach sie ich so sehr sehnen – und zwar genau von diesem einen, für sie unerreichbaren, Menschen. Genau das macht ihn für sie so interessant. Etwas, das sie aus der Kindheit kennen, was ihnen aber nicht bewusst ist.
Sie kämpfen einen Kampf, den sie nie gewinnen können, aber das Kämpfen scheint ihnen leichter als aufzugeben, denn dann sind da nur noch sie selbst – und das scheint ihnen unerträglicher als der Schmerz und das Leid in der toxischen Beziehung. Sie haben eine Beziehung und die Vorstellung keine Beziehung zu haben, ist furchteinflößender als in einer unheilsamen Beziehung zu leben, denn hier können sie sich auf einen anderen beziehen und sind nicht mit sich selbst und ihrer inneren Leere konfrontiert. Sie glauben fest daran, dass ihr pathologischer Partner sich eines Tages ändert und ihnen endlich die Liebe schenkt, die sie sich so sehr wünschen. Sie alle versuchen, den Partner zu kontrollieren und zu manipulieren, damit er sie endlich liebt.
Vergeblich.
Das, was
ich hier beschreibe wird als emotionale Ahängigkeit oder Co-Abhängigkeit bezeichnet. Und
ich kann es nicht nur beschreiben, ich habe es selbst gefühlt.
Menschen die zur emotionalen Abhängigkeit neigen, haben alle eins gemeinsam: Sie leiden unter einem Defizit an Selbstliebe. Die emotionale Abhängigkeit ist lediglich ein Symptom dafür, sich selbst nicht lieben zu können, sich selbst nicht genug zu sein, mit sich selbst nicht gut zu sein, mit sich selbst nichts anfangen zu können, was innerlich tief erfüllt, sich selbst nicht der beste Freund zu sein. Dieses emotionale Defizit ist die Ursache für co-abhängiges Verhalten und das muss behandelt werden und nicht das Symptom – die Co-Abhängigkeit.
Abhängigkeit ist emotionale Sucht und wie jede Sucht kann sie nur geheilt werden, wenn die ihr zugrunde liegenden Ursachen erkannt und gelöst werden.
Gabor Maté bringt es mit einem Satz auf den Punkt : "Not why the addiction, but why the pain?"
„Nicht warum die Sucht, sondern warum der Schmerz?“
Wenn man nicht versteht, dass emotionale und Co-Abhängigkeit nur ein Symptom eines tiefen seelischen Schmerzes ist, kann das Problem nicht gelöst werden.
Die
meisten abhängigen Menschen, die mir in meiner Arbeit begegnen, haben ein
Bindungstrauma. Alles beginnt in Beziehung und wie die frühe Beziehung zu
unseren Bindungspersonen war, heißt wie wir sie gefühlt wahrgenommen haben,
bestimmt unsere späteren Beziehungsmuster. Kinder, die sich geliebt,
respektiert, umsorgt und sicher gefühlt haben, haben gesunde Bindung erfahren
dürfen und werden im späteren Leben gesunde Beziehungen erleben. Wer aber keine bedingungslose
Liebe erfahren hat, sondern eine „Liebe“ die er sich erkämpfen musste und trotzdem
nie bekam, wer eine „Liebe“ erfahren hat, die an Bedingungen geknüpft und
abwertend war, wird das für Liebe halten. Dieses Kind lernt: Ich muss etwas dafür
tun, um geliebt zu werden. Dieses Kind wird ein Leben lang nach dieser
bedingungslosen Liebe suchen, im Versuch seine Wunde zu heilen.
Das Bindungstrauma erzeugt im Kind zudem eine Kernscham. Es schämt sich seiner selbst, es verinnerlicht die Überzeugung, nicht liebenswert, schwierig, unsichtbar, schlecht ungewollt oder wertlos zu sein. Diese Scham führt dazu, dass sich der erwachsene Mensch später nur dann „geliebt“ fühlt, wenn er sich selbst vergisst und alles für andere tut.
Betroffene können sich im Leben und im Beruf durchaus als wertvoll, begabt und erfolgreich empfinden und es sein – auf der Beziehungsebene fühlen sie das aber nicht.
In ihren Beziehungen erleben sie einen tiefen emotionalen Schmerz. Sie werden trotz ihrer „Leistungen“ zurückgewiesen, benutzt und nicht wertgeschätzt. Sie strengen sich an, denn Leistung ist ihnen vertraut, aber was im Beruf oder in der Karriere funktioniert, funktioniert in Beziehung nicht.
Je mehr sie leisten desto weniger Erfolg haben sie, desto mehr werden sie emotional ausgebeutet. Sie ertragen diesen emotionalen Schmerz aufgrund des verzweifelten Bedürfnisses nach einer Beziehung, die den Schmerz der inneren Einsamkeit und der mangelnden echten Selbstliebe lindert. Die pathologische Sucht nach Liebe und Beziehung wird zu ihrer Droge, die die Einsamkeit und das lebenslange Streben nach Liebe jedoch nicht lindert. Solange dieses Defizit an Selbstwertschätzung, Selbstliebe und emotionaler Autonomie nicht aufgefüllt werden kann, bleiben sie emotional Abhängige.
Hier der Link zu meinem Buch: Weil ich endlich geliebt sein will: Aus der Innenwelt einer Co-Abhängigkeit
https://www.amazon.de/Weil-endlich-geliebt-sein-will/dp/3769323904/ref=sr_1_1?crid=1NU65KQKMSM16&dib=eyJ2IjoiMSJ9.P64XriiLqIP2Da5GIkbFrR9km-UETHaSwavLcy7RxUNz6g1yfibneLwfg4xJy3CDP5dyr0DDa7CRW6V7Lcl1poubipW35dnR7ze6c40i68rnqBOworMiOxiMc7wF_vsGKee_83ufophxIRBH8LetDgRXpQEXdKat5j6n3oRCYobetCg-RzYyPVd2DY7KChRUiG8O-RVBchdo9AwIu4gII1vaQJ7GWk2aj-uWOxXSoVE.-OgnbR8GGhcJBiCQ4quoRsxWd46qZconi6hXTOP5qjI&dib_tag=se&keywords=angelika+wende+weil+ich+endlich+geliebt+sein+will&qid=1745743835&sprefix=weil+ich+endlich+%2Caps%2C125&sr=8-1
Freitag, 11. April 2025
Anhaftung
Zeichnung: A.Wende
Das Problem bei der Anhaftung ist, dass wir etwas vom anderen erwarten, auf Veränderung hoffen und an ihm zerren,
dass wir die Ohnmacht ob der Vergeblichkeit unserer Bemühungen nicht aushalten können,
dass wir immer wieder hoffen um immer wieder enttäuscht zu werden.
Das Problem löst sich nicht, indem wir immer wieder darüber er reden.
Das entlastet kurz, aber es löst das Problem nicht.
Das Problem löst sich dann, wenn wir keine Erwartungen mehr haben und loslassen.
Das können nur wir selbst, indem wir die Bereitschaft haben unsere Ohnmacht zu akzeptieren.



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