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Sonntag, 23. August 2026

Weil ich endlich geliebt sein will: Aus der Innenwelt einer Co-Abhängigkeit

 



Manche meiner Leser hier, haben mein Buch vielleicht schon gelesen. Dafür möchte ich heute einfach einmal von Herzen Danke sagen, für euer Vertrauen, eure Rückmeldungen und dafür, dass ihr euch auf dieses sensible und tiefgehende Thema eingelassen habt. Jede einzelne Rückmeldung bedeutet mir sehr viel. 
 
„Weil ich endlich geliebt sein will.“
Dieser Satz ist der Titel meines Buches und er beschreibt für mich sehr viel von dem, was hinter Co-Abhängigkeit steht. Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich dieses Thema nicht nur aus psychologischer Perspektive kenne, sondern aus meiner eigenen Erfahrung.
Co-Abhängigkeit entsteht häufig dort, wo wir uns immer stärker mit den Gefühlen, Bedürfnissen und Problemen eines anderen Menschen verstricken. Wir spüren, was der andere braucht, übernehmen Verantwortung für seine Gefühle, versuchen Konflikte zu vermeiden, helfen, versuchen zu retten und halten aus. Und während wir immer mehr für den anderen tun verlieren wir uns selbst. Aus Fürsorge wird Selbstaufgabe. Aus Verbundenheit wird emotionale Verstrickung. Und irgendwann fällt es schwer zu unterscheiden: Was fühle eigentlich ich? Was brauche ich? Wo enden die Bedürfnisse des anderen und wo beginnen meine eigenen? Ich kenne diese Dynamik aus meinem eigenen Leben. Deshalb war es mir wichtig, in meinem Buch nicht psychologisches Wissen zu vermitteln, sondern meine persönlichen Erfahrungen und Erkenntnisse.
 
Co-Abhängigkeit ist kein persönliches Versagen.
Co-Abhängigkeit kann grundsätzlich jeden treffen, weil sie weniger eine bestimmte Persönlichkeit beschreibt als ein Beziehungsmuster, das sich unter bestimmten Bedingungen entwickeln kann. Häufig entsteht sie dort, wo wir uns immer stärker mit den Gefühlen, Bedürfnissen, Problemen oder der Sucht eines anderen Menschen verstricken. Oft sind es zudem erlernte Beziehungsmuster, die einmal geholfen haben, Nähe, Sicherheit oder Anerkennung zu bekommen. Der Weg aus der Co-abhängigkeit beginnt deshalb nicht mit Selbstvorwürfen, sondern mit Verständnis, Selbstmitgefühl, Bewusstheit und dem Mut, uns selbst wieder wichtig zu nehmen.
 
Dieses Buch liegt mir sehr am Herzen.
Es ist ein Buch über Verstrickung, Selbstverlust, Selbstwert und den Weg zurück zu sich selbst. Wenn du dich in diesen Worten wiedererkennst, schau dir mein Buch gerne an. Vielleicht findest du darin Gedanken, die etwas in dir bewegen. Und wenn du jemanden kennst, der sich ständig um andere kümmert und sich dabei selbst immer mehr verliert, teile diesen Beitrag gerne. Vielleicht ist dieses Buch der Impuls, den jemand gerade braucht.
 
Du musst dich nicht selbst verlieren, nur weil du geliebt sein willst.

Donnerstag, 4. Juni 2026

Du bist immer noch hier - Zwischen Schmerz und Heilung

 

                                                               Malerei: A.Wende

 

Sprich über deinen Schmerz.
Benenne, was ist: Verlust, Verrat, Verletzung, Zurückweisung, Entfremdung, Enttäuschung. Trauer, Wut, Angst, Verzweiflung.
Du kannst nicht heilen, was du nicht benennst und anerkennst.

Übe Akzeptanz.
Akzeptanz bedeutet nicht Zustimmung. Akzeptanz bedeutet, die Realität dem inneren Widerstand vorzuziehen.

Hör auf, alles immer wieder durchzuspielen.
Grübeln fühlt sich produktiv an – ist es aber nicht. Du kannst nicht ändern, was geschehen ist. Jedes „Was wäre, wenn?“ hält dich emotional an einer Version der Realität fest, die nicht mehr existiert.

Trenne den Schmerz von der Geschichte.

Dein Schmerz ist real. Das Narrativ, das du um ihn herum aufbaust, bestimmt mit ob du im Schmerz stecken bleibst oder weiter machst. Frag dich: Erzähle ich mir eine Geschichte, die mich stärkt – oder eine, die mich machtlos macht?

Erkenne zwei Wahrheiten gleichzeitig an: 
Es tut weh - und ich werde es überleben.

Übe Geduld und Selbstmitgefühl.
Heilung ist ein Prozess. Heilung beginnt mit dem Fühlen. Heilung verläuft nicht linear. Sie geschieht in kleinen Schritten und durch kleine, beständige Routinen. Schlechte Tage machen deine Fortschritte nicht zunichte.

Du bist nicht kaputt. Was dir passiert ist, hat Spuren hinterlassen. 

Aber es definiert nicht deinen Wert. Du versuchst gerade zu überleben. In deinem Kopf und in deinem Herzen findet ein Kampf statt. Und trotzdem bist du noch hier. Du brauchst Raum für alles, was du fühlst. Raum, um es auszudrücken. Raum, um zu trauern, zu wüten, zu weinen und langsam wieder Kraft zu sammeln. Nimm dir diesen Raum.

Sag dir jeden Morgen:
Nur für heute. Tu heute das, was du schaffen kannst. An manchen Tagen ist Überleben bereits schon ein Sieg.

Du bist immer noch hier. 

Sei stolz auf dich!

 

Angelika Wende

Kontakt: aw@wende-praxis.de

 
 
 
 
 
 
 
 

 

 
 

 



Freitag, 29. Mai 2026

„Wie kann es sein, dass ich wieder bei etwas Ähnlichem lande?“

 

                                                                  Zeichnung: A.W.


Eine ehemalige Co-Abhängige trennt sich von ihrem suchtkranken Partner. Kurz darauf lernt sie einen Mann kennen. Sie verliebt sich in ihn und später stellt sich heraus, dass der Vater des neuen Partners schwerer Alkoholiker ist.

Sie fragt: „Wie kann es sein, dass ich wieder in etwas Ähnlichem lande?“

Das wirkt tatsächlich seltsam oder fast schicksalhaft, psychologisch ist es aber gut nachvollziehbar. Menschen mit Co-Abhängigkeitsmustern entwickeln oft unbewusst eine starke Vertrautheit mit bestimmten Dynamiken -  emotional instabile Beziehungen, Verantwortung für andere übernehmen, Retteridentifikation, ständige Wachsamkeit, Misstrauen sich selbst und anderen gegenüber, Scham – und Schuldgefühle, Angst vor Ablehnung und Verlust. 

 

Wenn jemand sich aus einer Beziehung mit einem alkoholkranken Partner oder von einem suchtkranken Familenmitglied löst, verschwinden diese inneren Muster nicht automatisch sofort. Dann kann es leicht passieren, dass man sich kurz darauf wieder zu Menschen hingezogen fühlt, deren Lebensumfeld ähnliche emotionale Strukturen enthält, selbst wenn die neue Person selbst gar nicht alkoholabhängig ist.

Alkoholismus ist eine Familienkrankheit. 

Sie ist ein systemisches Geschehen, nicht weil alle Familienmitglieder alkoholabhängig sind, sondern weil sich das gesamte emotionale System an die Sucht anpasst. Diese Muster können noch lange wirken, selbst wenn später kein Alkohol mehr im Alltag existiert. Genau darin liegt auch die Tragik von Alkoholismus: Die Krankheit betrifft nicht nur die konsumierende Person. Sie prägt das ganze System – also alle, die mit dem Süchtigen zu tun haben, sie prägt Beziehungen, Bindungsstile und das emotionale Klima über Generationen hinweg. Ein Vater mit schwerer Alkoholabhängigkeit bedeutet, dass der Sohn bestimmte Überlebensstrategien gelernt hat, die einem ehemaligen Co-Abhängigen vertraut vorkommen. Das heißt nicht automatisch, dass die neue Beziehung „ungesund“ ist, oder dass man bewusst ein Konstrukt sucht, das mit Alkoholismus zu tun hat. Aber es kann bedeuten, dass das Nervensystem und das Bindungsmuster noch auf „ vertraute emotionale Landschaften“ reagieren.

Unbewusstes erkennt Unbewusstes blind.

Menschen erkennen oft nicht gleich den Grund warum sie einander anziehend finden, sondern sie spüren etwas Vertrautes im emotionalen Grundgefühl. Das läuft blitzschnell, intuitiv und unbewusst ab. Unsere Bindungs- und Beziehungsmuster wirken selten logisch oder bewusst gewählt. Deshalb können sich zwei Menschen stark voneinander angezogen fühlen und erst später merken - beide kennen Chaos aus Beziehungen, beide übernehmen zu viel Verantwortung, beide fühlen sich für die Gefühle anderer zuständig, beide wollen sich kümmern, helfen oder retten. 

 

Das „blind“ daran ist der Punkt: Das Unbewusste sucht eher Vertrautheit als emotionale Gesundheit.  

Diese Vertrautheit fühlt sich zunächst wie Chemie, Tiefe, Seelenverwandtschaft oder Schicksal, selbst wenn die zugrunde liegenden Muster später schwierig werden. Das heißt nicht, dass jede Verbindung zwischen zwei co-abhängigen Menschen zwangsläufig problematisch ist. Wenn beide reflektiert sind, wenn sie wissen wo sie selbst aufhören und der andere anfängt, wenn sie Eigenverantwortung übernehmen, ihre Muster erkennen und sich gesund abgrenzen kann daraus sogar etwas sehr Bewusstes entstehen.

 

Nur wenn wir Muster erkennen, entsteht überhaupt erst Wahlfreiheit.

Entscheidend ist, dass die alten Dynamiken nicht unbemerkt übernommen werden, dass man sie erkennt und nicht in Automatismen zurückfällt, z.B. indem man den anderen Co-abhängigen retten will, wie ehemals den alkoholkranken Partner oder das suchtkranke Familienmitglied.

 Solche Muster können gleichzeitig plausibel und irgendwie unheimlich wirken. Fakt ist: Viele ehemalige Co-Abhängige spüren eine starke Anziehung zu Menschen mit schwierigen Familiengeschichten. Sie haben dann das Gefühl, besonders verstanden zu werden, lassen sehr schnell intensive emotionale Nähe zu oder sie spüren den Impuls, wieder emotional Verantwortung zu übernehmen. 

 

Der entscheidende Punkt um nicht in die Wiederholungsfalle zu geraten ist Wachsamkeit und Selbstbeobachtung. Das heißt: Habe ich heute Grenzen? Kann ich meine Bedürfnisse äußern? Kann ich ein klares Nein sagen, ohne mich schuldig zu fühlen? Muss ich retten oder reparieren? Fühlt sich die Beziehung ruhig und sicher an oder intensiv und vertraut-chaotisch? Kann die andere Person Verantwortung für sich selbst übernehmen und tut sie das auch in ihren Handlungen? Gibt es eine Divergenz zwischen Worten und Handlungen?

Das Problem ist also nicht „Der Vater des Mannes ist alkoholkrank, sondern – erkennt die Frau ihre Muster und die Dynamik in der neuen Beziehung? Kommunikationsstil, emotionale Reaktionen, Bedürftigkeit, Anpassungsverhalten, Unsicherheit, Fürsorglichkeit, Distanz-Nähe-Muster usw.

 

Gerade Menschen mit Co-Abhängigkeits-Erfahrungen haben häufig ein sehr feines Gespür für bestimmte emotionale Dynamiken. 

Nicht im Sinne von: „Oha, der Vater ist Alkoholiker“, sondern eher: Mit dieser Person fühle ich mich sofort verbunden. Sie versteht mich auf eine besondere Weise. Sie ist empathisch, sie wirkt verletzlich. Ich möchte sie beschützen. Menschen aus suchtbelasteten Familien senden oft, ebenfalls unbewusst, bestimmte Signale: starke Anpassung, Harmoniebedürfnis, Schwierigkeiten mit Grenzen, emotionale Wachsamkeit, Verantwortungsgefühl für andere, Angst vor Konflikten oder vor Verlassenwerden. 

 

Das kann sich gegenseitig „bekannt“ anfühlen, lange bevor jemand über Alkoholismus spricht. Also nicht der Alkoholismus im System selbst wird erkannt, sondern die vertraute emotionale Struktur dahinter. Erst später erkennt man dann die Parallelen. Beziehungen entstehen in den meisten Fällen eben nicht über bewusste Entscheidungen, sondern über alte emotionale Prägungen, Nervensystem, Bindungserfahrungen und Vertrautheit.

 

Deshalb fragen sich Menschen nach einer toxischen oder co-abhängigen Beziehung: „Wie kann das sein, ich lande immer wieder in ähnlichen Dynamiken, obwohl die Menschen völlig anders sind.“

Es ist weder Schicksal noch Pech, es passiert unterhalb der bewussten Ebene.

 

 

 

Sonntag, 10. Mai 2026

Reaktivierte Bindungsverletzung nach Kontakt mit dem Ex-Partner - Altes Verhalten ist oft ein verlässlicher Hinweis auf zukünftiges Verhalten

 

                                                                        Malerei: A.Wende

Meine Klientin erzählt, sie habe sich nach langer Zeit bei ihrem Ex-Partner, der sie in der Vergangenheit wiederholt belogen und betrogen hatte, gemeldet. Im Verlauf eines vierstündigen Telefonats zeigt er sich sehr emotional. Er beteuert, wie leid ihm sein damaliges Verhalten tut, spricht von Schuld- und Schamgefühlen und sagt, er sei froh, dass sie sich wieder gemeldet hat und dass er sie noch immer liebt. Die Klientin erlebt das Gespräch als sehr intensiv und berührend. Sie glaubt ihm die Reue, verzeiht ihm und lässt sich emotional wieder auf ihn ein. Am Ende des Gesprächs fragt er, ob er sie am nächsten Tag wieder anrufen dürfe. Sie stimmt zu. Der angekündigte Anruf kommt jedoch nicht. Meine Klientin ist am Boden zerstört.
Ich frage warum sie ihn überhaupt wieder angerufen hat. Sie sagt, sie weiß es nicht genau. Es sei ein Impuls gewesen.
Ihr „Ich weiß es nicht“ ist kein Zeichen dafür, dass es keinen Grund gab, sondern dafür, dass ihr die zugrunde liegenden Motive nicht vollständig bewusst sind. Gerade in Beziehungen mit starker emotionaler Verletzung, Betrug und ambivalenter Bindung handeln Menschen häufig nicht rational, sondern aus einem tieferen inneren Bedürfnis heraus.
Sie denkt nach und sagt, möglicherweise war der Anruf der Versuch, etwas innerlich Unabgeschlossenes zu lösen. 
 
Nach schmerzhaften Beziehungen bleibt oft eine innere Spannung zurück. 
Fragen nach Wahrheit, der Wunsch nach Wiedergutmachung oder danach, ob der andere den eigenen Schmerz jemals wirklich verstanden hat. Viele Menschen sehnen sich nicht nach dem verlorenen Partner, sondern nach einer Wiedergutmachung der Verletzung. Der Wunsch war bei ihr nicht: „Ich will ihn zurück“, sondern: „Ich möchte, dass alles einen anderen Ausgang bekommt.“
 
Frühere Bindungen bleiben im Nervensystem gespeichert.
Selbst wenn wir rational wissen, dass ein Mensch nicht gut für uns ist, kann emotional weiterhin Sehnsucht, Hoffnung oder Bindungsaktivierung bestehen. Gerade ungesunde Beziehungen in denen Nähe und Verletzung eng miteinander verknüpft waren erzeugen häufig eine besonders starke innere Anziehung. Kontakt wird dann als Möglichkeit zur Beruhigung oder Heilung empfunden. Leider geschieht dann genau wieder das, was schon zuvor ungesund war – auf Nähe folgt Distanz, auf Hoffnung folgt Enttäuschung.
Meine Klientin reagiert auf das Ausbleiben seines versprochenen Anrufs tief verstört und traurig. Sie erlebt das Verhalten als erneute Lüge und als Wiederholung seines Musters aus Betrug, Täuschung und Unverbindlichkeit. Besonders belastend ist für sie die Diskrepanz zwischen der emotionalen Intensität des Gesprächs und seinem anschließenden Rückzug. Sie sagt:“Wie blöd bin ich? Ich hätte es wissen müssen. Er ist ein Lügner und Betrüger.“
Die erneute Verletzung liegt nicht allein im ausgebliebenen Anruf, sondern vor allem darin, dass meine Klientin sich innerlich wieder geöffnet hat. Durch die Reuebekundungen, die emotionale Nähe und die Bitte um weiteren Kontakt wurden bei ihr starke Bindungssignale aktiviert. Sie dachte, dass möglicherweise etwas Wesentliches wiederhergestellt werden könnte: Aufrichtigkeit, Wiedergutmachung oder sogar eine nachträgliche Heilung der alten Verletzung. Das anschließende Schweigen des Ex-Partners führt nicht nur zu einer weiteren Enttäuschung, sondern zu einer tiefen emotionalen Destabilisierung.
 
Aus Sicht meiner Klientin handelt es sich klar um eine erneute Lüge. 
Er kündigt einen Anruf an und hält sein Versprechen nicht. Vor dem Hintergrund der Vorgeschichte erlebt sie das Verhalten nicht als kleine Unzuverlässigkeit, sondern als Lüge, als Ausdruck fehlender Integrität und emotionaler Unverbindlichkeit. Der Mann stellt intensive Nähe her, erzeugt Hoffnung und zieht sich anschließend wieder zurück. Wieder fühlt sich meine Klientin getäuscht und emotional im Stich gelassen. 
 Ich sage ihr, dass Menschen in emotional intensiven Momenten durchaus Dinge sagen können, die sie in diesem Augenblick so empfinden, ohne anschließend fähig zu sein, diese Gefühle in verlässliches Verhalten zu übersetzen. 
 
Reue bedeutet nicht automatisch Beziehungsfähigkeit und Schuldgefühle garantieren keine emotionale Stabilität. 
 
Gerade Menschen mit vermeidendem oder unreifem Bindungsverhalten ziehen sich nach intensiver Nähe häufig wieder zurück, sobald die emotionale Realität des Kontakts spürbar wird. Hinzu kommt, dass sich grundlegende Verhaltensmuster bei Menschen in der Regel nur selten ändern. Altes Verhalten ist oft ein verlässlicher Hinweis auf zukünftiges Verhalten. Gerade wenn sich über längere Zeit hinweg Muster wie Unverbindlichkeit, Brüche von Zusagen und emotionale Inkonsistenz gezeigt haben, ist es wahrscheinlich, dass diese Dynamik auch im neuen Kontakt wieder auftritt.
 
Für meine Klientin macht diese Differenzierung emotional jedoch keinen Unterschied - das Ergebnis bleibt dasselbe: Sie wurde wieder belogen und erneut emotional allein gelassen.
Die Frage ist hier jedoch weniger, ob der Mann bewusst gelogen hat, sondern warum sie sich selbst beschuldigt. Der Satz „Ich hätte es doch wissen müssen. Ich bin blöd“, zeigt den Versuch meiner Klientin, im Nachhinein Kontrolle über die Situation herzustellen. Dahinter steht die Vorstellung, sie hätte sich schützen können, wenn sie nur realistischer oder misstrauischer gewesen wäre. Ich versuche ihr zu vermitteln, dass ihr Vertrauen nicht Ausdruck ihrer Naivität war, sondern aus ihrer Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit, Wiedergutmachung und emotionaler Heilung entstanden ist. Für meine Klientin ist es jetzt wichtig, den Fokus von seinem Verhalten zurück auf die eigene innere Erfahrung zu lenken. Was genau wurde durch diesen Kontakt in ihr wieder lebendig? 
Welche Sehnsucht stand hinter ihrer Hoffnung? 
Und woran würde sie heute emotionale Verlässlichkeit erkennen?
 
Hilfreich ist es außerdem zu begreifen, dass starke emotionale Intensität nicht automatisch mit Verlässlichkeit oder Beziehungstiefe gleichzusetzen ist. 
Meine Klientin hat die Tendenz, Worte und emotionale Momente stärker zu gewichten als konsistentes Verhalten. Für sie ist es wichtig sich künftig sich, was Beziehungen angeht, an Kontinuität, Integrität und Handlungskonsistenz zu orientieren. Nicht was jemand sagt, sondern wie ein Mensch handelt ist entscheidend dafür, ob man ihm vertrauen kann.
Meine Klientin sagt, sie habe nun endgültig begriffen, dass der Kontakt mit diesem Mann ihr „nicht gut tut“ , weil sie wie schon damals in der Beziehung, emotional destabilisiert zurückbleibt. 
 
Wir besprechen einen konsequenten Kontaktabbruch als mögliche Selbstschutzmaßnahme. Nicht als Strafe für den Ex, sondern als emotionale Selbstfürsorge. Ziel ist es, meine Klientin aus der Dynamik von Hoffnung, Enttäuschung und erneuter Bindungsaktivierung herauszuführen. Gerade inkonsistente Beziehungen aktivieren das Nervensystem besonders stark, weil Nähe und Verlust sich ständig abwechseln. Der Kontaktabbruch ist eine Möglichkeit, wieder Zugang zu ihrer Würde und ihrer emotionalen Stabilität zu finden.
Aber warum verhält er sich so?, fragt sie mich in Tränen aufgelöst. Hier ist es wichtig weg von der Frage „Warum verhält er sich so?“ hin zu diesen Fragen zu kommen:
Warum hat sie ihn angerufen?
War es die Sehnsucht nach Wiedergutmachung?
Der Wunsch, doch noch wichtig zu sein?
Hoffnung auf Reue?
Das Bedürfnis, die eigene Geschichte umzuschreiben?
Oder die Suche nach emotionaler Verbindung.
Und: Was brauche ich, um mich emotional sicher und respektiert zu fühlen?
 
Das Entscheidende ist, dass sie versteht, welche tiefe alte Wunde durch die erneute Unzuverlässlichkeit wieder aufgerissen wurde. Genau hier liegt der therapeutisch relevante Kern an dem wir arbeiten dürfen. Heilung beginnt dabei an dem Punkt, an meine Klientin aufhört, auf die nächste Erklärung oder Wiedergutmachung des Ex-Partners zu warten, und stattdessen ihre eigene Verletzung und ihr Bedürfnis nach Schutz ernst nimmt.

Samstag, 18. April 2026

Beschädigt


                                                                     Malerei: A.Wende

 

„Ich traue keinem Mann mehr, aber das Schlimmste ist, ich traue mir selbst nicht mehr“, sagt meine Klientin. Der Satz klingt hart, endgültig, fast wie ein Urteil. Und dann kommt noch dieses Wort: „beschädigt“. Als wäre da etwas in ihr, das nicht mehr ganz ist. Und es ist ehrlich, das zu sagen. Ja, da ist etwas beschädigt worden. Nicht im Sinne von „ich bin kaputt“. Aber etwas, das einmal selbstverständlich war, ist beschädigt: Das Vertrauen in andere und in sich selbst.

Vertrauen ist die Basis für alle zwischenmenschlichen Beziehungen. Selbstvertrauen ist Basis für eine gesunde Beziehung mit uns selbst. Vertrauen bedeutet wir können sicher sein, dass wir uns auf uns selbst und andere verlassen können. Vertrauen ist fragil und kann leicht zerstört werden. Wird es zerstört, hinterlässt das eine tiefe Wunde, die nur schwer heilt.

Nach toxischen Beziehungen bleibt mehr zurück als nur schmerzhafte Erinnerungen.  

Es bleibt die Frage: Warum habe ich das nicht früher gesehen? Warum bin ich so lange geblieben? Warum habe ich all das zugelassen? Warum habe ich das mit mir machen lassen?
Das Misstrauen, das nach unheilsamen Beziehungen entsteht, richtet sich nicht nur gegen den anderen, sondern auch gegen uns selbst. Das Vertrauen in den anderen ist erschüttert, weil Grenzen überschritten wurden, weil es Manipulation, Unberechenbarkeit, Lug, Betrug und Verletzungen gab, weil Nähe sich unsicher angefühlt hat. Das Vertrauen in uns selbst ist beschädigt, weil wir an unserer eigenen Wahrnehmung zweifeln, an unserer Intuition, an unserem Gefühl dafür, was uns gut tut und was nicht. In diesem Sinne: Ja, etwas ist beschädigt. Aber nicht, weil etwas grundsätzlich falsch an uns ist, sondern weil etwas in uns verletzt wurde. Und diese Verletzung ist es, die meine Klientin nicht einfach übergeht. Sie tut nicht so, als wäre nichts passiert. Und das ist gut so.

Beschädigtes Vertrauen kommt nicht einfach zurück, nur weil wir es uns wünschen. Aber es kann sich langsam neu aufbauen, anders als vorher.   

Wir werden wachsamer, klarer, stärker. Wir beobachten genauer bevor wir handeln und uns auf etwas einlassen, was sich von Anfang an nicht sicher anfühlt. Wir haben feinere Antennen als zuvor. Wir sind vorsichtig, zweifelnd, tastend. Und das ist gut so. Dieses Gefühl von beschädigt sein ist eine Erinnerung daran, was ungut war - Enttäuschung, Vertrauen, das gebrochen wurde, Hoffnungen, die sich nicht erfüllt haben. Das sind schmerzhafte Erfahrungen, die wir nicht einfach abschütteln können. Sie bleiben und sie verändern uns.

Misstrauen entsteht nicht aus dem Nichts.
Es ist die normale Folge von beschädigtem Vertrauen. Und es ist gewachsen in Momenten, in denen es, nach dem Vertrauensverlust, sicherer war, uns zurückzuziehen als uns noch einmal zu öffnen.
Die Zeit hat den Schmerz in eine Lektion verwandelt.
Kein blindes Vertrauen, kein naives Hoffen mehr, kein Ignorieren oder Schönreden mehr, kein Idealisieren mehr, kein Rationalisieren mehr, wenn sich Nähe nicht sicher anfühlt, wenn Wort und Handlungen nicht übereinstimmen, wenn Wertschätzung fehlt. Keine faulen Kompromisse mehr, nur um nicht allein zu sein, sondern ein klares Bewusstsein darüber, was wir in einer Beziehung wirklich wollen und brauchen, wo unsere Standards, unsere Werte und Grenzen sind und wie wir sie schützen.

Misstrauen erinnert uns daran, was wir überlebt haben. Misstrauen macht vorsichtig. Und Vorsicht ist nicht dasselbe wie Beschädigung.   

Vorsicht bedeutet nicht, dass Nähe und Beziehung für immer unmöglich geworden sind. Vorsicht bedeutet, dass wir uns nicht unüberlegt oder überstürzt auf eine neue Beziehung einlassen.
Wir nehmen uns Zeit den anderen kennenzulernen. Wir prüfen unsere Gefühle, ob wir emotional bereit für etwas Neues sind. Wir achten auf mögliche Warnsignale und respektieren unsere Grenzen anstatt uns schnell anzupassen. Das bedeutet nicht, dass wir eine grundsätzliche Angst vor Beziehungen haben, sondern dass wir gelernt haben: nämlich Achtsamkeit, Selbstfürsorge und Vorsicht, um uns vor Verletzungen zu schützen.
Natürlich können wir dennoch verletzt werden.
All das ist keine Garantie dafür, dass nichts schiefgeht. Gefühle und andere Menschen lassen sich nicht kontrollieren. Sobald wir uns auf jemanden einlassen, machen wir uns immer verletzlich.
Nur – mit Vorsicht stürzen wir uns nicht blind hinein, wir achten auf uns selbst und erkennen schneller, wenn uns etwas nicht guttut, und können entsprechend reagieren. Das kann Verletzungen nicht verhindern, aber es kann sie abmildern und dafür sorgen, dass wir uns nicht verlieren.
Nähe zulassen ist immer ein Risiko. Eine Beziehung einzugehen heißt eben auch, Vertrauen zu schenken, obwohl wir wissen, dass es keine absolute Sicherheit gibt, dass es nicht wieder missbraucht wird.

„Beschädigt“ klingt nach etwas, das nicht mehr heil werden kann. Aber wir Menschen sind keine Dinge. Was sich in uns verändert hat, ist nicht kaputt, es hat sich unseren Erfahrungen angepasst. Wir haben daraus gelernt, unter anderem, dass wir uns, um einer Beziehung willen, nicht mehr selbst verraten, dass Liebe uns nicht unsere Identität kosten darf, dass wir für Nähe keinen Preis mehr zahlen, der uns unseren Seelenfrieden kostet.
Im Moment ist es einfach so: Meine Klientin schützt sich. Solange bis sie sich selbst wieder voll und ganz vertraut.
Und das ist okay. 

Angelika Wende

Kontakt: aw@wende-praxis.de

Mittwoch, 3. September 2025

Der Albtraum ist zu Ende. Die Erinnerung nicht.


 

Heute Abend lese ich aus meinem Buch Lesung: "Weil ich endlich geliebt sein will - Aus der Innenwelt einer Co-Abhängigkeit."Das Blaue Kreuz, Ortverein Wiesbaden hat mich in die Räume der Ev. Auferstehungsgemeinde, Heinrich-Zille-Straße 48, 652501 Wiesbaden eingeladen. 
Danke dafür.

Mein Buch ist schwere Kost. Es ist ein kompromissloser und schonungslos ehrlicher Blick in die Innenansicht einer Psyche, der das Dilemma der Co-Abhängigkeit fassbar macht. „Weil ich endlich geliebt sein will“ ist meine Geschichte. Ich habe sie aufgeschrieben für alle co-abhängigen Menschen, die sich in ihrem Drama allein und verlassen fühlen. Ich habe sie aufgeschrieben, weil ich weiß, wie schwer es für Co-abhängige ist, ihre Gefühle und ihr Leid in Worte zu fassen, um es Freunden, Familie, Therapeuten und dem suchtkranken Angehörigen zu vermitteln.
Ich weiß, wie schwer es ist, sich aus der Hölle der Abhängigkeit zu befreien. Ich bin durch diese emotionale Hölle gegangen und ich habe sie hinter mir gelassen.
Weil ich weiß, dass es eine Hölle ist, weil ich weiß, was Co-Abhängigkeit mit der Seele und dem eigenen Leben macht, weil ich weiß, wie schwer es ist, zu verstehen und nur im Ansatz nachzuvollziehen, was ein co-abhängiger Mensch durchmacht, weil ich all das erfahren habe, begleite ich co-abhängige und emotional abhängige Menschen auf ihrem Weg zur Selbstermächtigung.
Viele Co-abhängige schweigen. Sie leiden still.
Ich habe ihnen mit meinem Buch eine Stimme gegeben. 
 "Eines Tages wirst du deine Geschichte erzählen, wie du das überwunden hast, was du durchgemacht hast, und sie wird der Überlebensratgeber eines anderen sein", schreibt Brené Brown.
 
Wenn meine Geschichte nur für einen Menschen hilfreich ist, um sich selbst zu retten, habe ich sie nicht umsonst geschrieben. Diese Lesung fällt mir nicht leicht, weil ich schon bei der Vorbereitung wieder in die Erinnerung geglitten bin.
Der Albtraum ist zu Ende. Die Erinnerung nicht.
 
 
Angelika Wende

Dienstag, 2. September 2025

Lesung

 


Lesung: "Weil ich endlich geliebt sein will - Aus der Innenwelt einer Co-Abhängigkeit." 
 
Das Blaue Kreuz, Ortverein Wiesbaden lädt Morgen, Mittwoch, den 3. September 2025 um 19 Uhr, zu einer Autorenlesung mit Angelika Wende in die Räume der Ev. Auferstehungsgemeinde, Heinrich-Zille-Straße 48, 652501 Wiesbaden ein.
Das Blaue Kreuz bietet seit über 25 Jahren Selbsthilfegruppen für alkoholkranke Menschen und deren Angehörige in den Räumen der Ev. Auferstehungsgemeinde in Wiesbaden an. 
 
Das bundesweit organisierte Blaue Kreuz freut sich sehr, dass die seit vielen Jahren in Wiesbaden ansässige Autorin mit dieser Lesung zu Gast ist.
 
 
Danke für die Einladung.
Ich freue mich auch.

Mittwoch, 21. Mai 2025

Aus der Praxis: Der mächtige Gegner Sucht

 

 
                                      Aus meinem Buch: Weil ich endlich geliebt sein will ...


Sucht hat viele Erscheinungsformen. Aber alle Süchte haben eins gemeinsam: Sie sind der Versuch schmerzliche Erfahrungen und Gefühle nicht spüren zu müssen. Sie zu betäuben, weil sie unaushaltbar scheinen. „Sucht = Schmerz“, schreibt der Arzt, Sucht-und Traumaexperte Gabor Maté in seinem Buch „Im Reich der hungrigen Geister“. Und weiter: „Wo immer Suchtverhalten auftritt, kann man fragen welcher Schmerz nicht gefühlt ist. Die erste Frage lautet nicht: Warum die Sucht?, sondern warum der Schmerz?“
Süchtige tun alles um Schmerz zu vermeiden.
Sie tun alles um das Gefühl der Leere zu vermeiden.
Diese innere Leere ist Kern jeder Sucht.
Die Leere, die entsteht, wo tiefes Unbehagen mit sich selbst herrscht, das bis hin zum Selbsthass gehen kann. Die Leere, die entsteht wo ein riesiger Mangel herrscht an Liebe und eine Überfülle an Verzweiflung, Schmerz und Leid.
„Was ist Sucht wirklich? Sie ist ein Zeichen, ein Signal, ein Symptom der Verzweiflung. Sie ist eine Sprache, die uns von der Notlage erzählt, die verstanden werden muss“, schreibt Alice Miller in Abbruch der Schweigemauer.
 
Sucht ist immer der verzweifelte Versuch das Problem des emotionalen Schmerzes zu lösen und immer führt sie zu keiner Lösung, sondern zu Siechtum, wenn sie nicht gestoppt werden kann.  
Ich habe von Kind an mit Sucht zu tun. Mein Vater trank, meine Mutter war abhängig von Beruhigungstabletten. Beide konnten die Sucht irgendwann in ihren späteren Jahren stoppen. Der Vater meines Sohnes wurde nach einem Schicksalsschlag alkoholkrank. Er ist an seiner Sucht früh verstorben. Mein letzter Partner war alkoholkrank. Er ist sechsundfünfzig Jahre alt und hat nach einem Herzinfarkt jetzt drei Stents im Herzen. Er trinkt weiter. Ich habe ein Buch über Sucht und Co-abhängigkeit geschrieben. Sucht ist ein Thema, das mein Leben durchzieht. Ich arbeite mit Suchtkranken und mit Co-abhängigen. Ich kenne den Schmerz, die Verzweiflung und das Leid beider Seiten, weil ich es selbst erlebt und gefühlt habe. Wenn ich auf all diese Menschen blicke, kann ich Gabor Maté beipflichten: Süchtige leiden an sich selbst. Süchtige sind verzweifelte Menschen.
Ich weiß aus Erfahrung, es gibt für sie nichts, was sie mehr bedroht als die Vorstellung von ihrem Suchtmittel lassen zu müssen. Denn die Angst davor, die Verzweiflung könnte dann so groß werden, dass sie sie zerbricht, ist größer als die Krankheitseinsicht und die Kraft die Sucht zu stoppen. Und weil diese Vorstellung so bedrohlich ist, schaffen es viele nicht aufzuhören. Sie bleiben süchtig.
Das Suchtmittel wirkt wie ein keines Wunder. Es bietet all das, was diesen Menschen aus sich selbst heraus nicht gelingt und was kein anderer Mensch ihnen geben kann – es beruhigt, es betäubt, es verschafft gute Gefühle. Es ist wie eine universelle warme Umarmung, ein Gehaltensein, das keine weltliche Liebe geben kann. Endlich ist es gut. Für Momente in der Zeit ist die Verzweiflung aufgelöst.
Darum geht es: diesen Moment wiederhaben wollen, immer wieder, weil dann Ruhe ist. Endlich ist Ruhe im Kopf, in der Seele, im Herzen. 
 
Sucht ist Sehnsucht und Siechtum. Viele Süchtige wissen das, sie wissen es und können nicht einfach aufhören, auch wenn sie es wollten. 
Längst ist da der Kontrollverlust, das unkontrollierbare Verlangen nach dem Suchtmittel oder dem Suchtverhalten, die Unfähigkeit frei zu entscheiden, ob, wann und wie viel konsumiert wird, die Unfähigkeit das selbstschädigende, aber Erlösung versprechende Vorhaben gegen die eigene Einsicht und Vernunft durchzusetzen. Viele Süchtige merken erst dann, dass sie die vollends die Kontrolle verloren haben, wenn sie sich dem Suchtmittel entziehen wollen. 
 
Gegen die Sucht anzukämpfen ist unfassbar schwer.
Für den Süchtigen und für den, der den Weg der Genesung mitgeht, in welcher Funktion auch immer. 
Es ist ein Kampf gegen einen mächtigen Gegner, der einerseits barmherzig und anderseits unbarmherzig ist. Barmherzig, weil der die Verzweiflung kurzfristig erlöst und unbarmherzig, weil er nach immer mehr verlangt und jedes Mehr vom Suchtmittel zerstörerisch wirkt.
Was also gibt es anderes, was das für den Süchtigen tun kann?
Was gibt es anderes, wenn nicht einmal die Liebe retten kann, was ich selbst schmerzhaft begreifen und akzeptieren musste.
Was also ist es, was das bieten kann, was das Suchtmittel kurzfristig immer wieder bietet?
Was ist es, was ersehnt wird?
Und was, wenn das erkannt wird, ist zu tun?
Entzug ist der erste Schritt. Aber Entzug bedeutet nicht Heilung. Mit dem Entzug ist das Suchtgedächtnis nicht überschrieben. Gehirnstrukturen veränderten sich nur durch neue Lernprozesse und neues Handeln.
Was hilft also um das Suchtgedächtnis zu überschreiben?
Vor diesen Fragen steht jeder Süchtige, der Krankheitseinsicht hat und seine Sucht stoppen will.
Und wenn er das erkannt wird, woher bekommt er es?
Woher bekommt er all das wonach er sich sehnt?
Wie etwas bekommen, was nie da war?
Wie etwas bekommen, was den Schmerz beendet oder zumindest aushaltbar macht?
Wie die Leere füllen, die da ist und noch größer ist als mit dem Suchtmittel, das sie ab und zu füllt?
Wie sich selbst lieben, wertschätzen, gut zu sich sein, wenn es nie gelernt wurde und nicht gefühlt wird? Ich weiß es nicht. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich es nicht.
Aber ich fühle, worum es im Kern geht: Die innere Leere füllen, nüchtern werden und den Schmerz annehmen und mit ihm leben lernen, ohne ihn betäuben zu müssen. 
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Sonntag, 27. April 2025

„Nicht warum die Sucht, sondern warum der Schmerz?“

 


 

 

Was lässt Menschen in ungesunden und unausgeglichenen Beziehungen bleiben, in denen sie Liebe, Zuneigung und Fürsorge geben, aber nichts von all dem zurückbekommen?

Was lässt sie in diesem unheilsamen, toxischen Konstrukt bleiben, obwohl sie leiden?

 

Es ist Angst. Meistens ist es die Angst vor der Einsamkeit, die sie fürchten, wenn sie die Beziehung verlassen. Die Angst niemanden mehr zu finden, den sie und der sie lieben könnte, auch wenn sie genau wissen, dass das, was sie in dieser Beziehung bekommen, alles andere ist als Liebe. Sie wissen es, sie spüren es, aber sie wollen es nicht wahrhaben. Sie machen Konstruktionen um es sich schön zu reden und leben in einem Zustand permanenter kognitiver Dissonanz - ein Abwehrmechanismus, der ihnen ein gutes Gefühl vorgaukelt. Sie ignorieren oder leugnen das Problem, sie spalten es ab und rationalisieren es.

 

Sie haften an und halten fest, weil sie endlich geliebt sein wollen, weil sie das kleinste Zeichen von Interesse und Zuneigung aufsaugen wie die Luft zum Atmen. Sie halten fest, weil sie die Hoffnung nicht aufgeben wollen, dass sie doch noch irgendwann bekommen, wonach sie ich so sehr sehnen – und zwar genau von diesem einen, für sie unerreichbaren, Menschen. Genau das macht ihn für sie so interessant. Etwas, das sie aus der Kindheit kennen, was ihnen aber nicht bewusst ist.

Sie kämpfen einen Kampf, den sie nie gewinnen können, aber das Kämpfen scheint ihnen leichter als aufzugeben, denn dann sind da nur noch sie selbst – und das scheint ihnen unerträglicher als der Schmerz und das Leid in der toxischen Beziehung. Sie haben eine Beziehung und die Vorstellung keine Beziehung zu haben, ist furchteinflößender als in einer unheilsamen Beziehung zu leben, denn hier können sie sich auf einen anderen beziehen und sind nicht mit sich selbst und ihrer inneren Leere konfrontiert. Sie glauben fest daran, dass ihr pathologischer Partner sich eines Tages ändert und ihnen endlich die Liebe schenkt, die sie sich so sehr wünschen. Sie alle versuchen, den Partner zu kontrollieren und zu manipulieren, damit er sie endlich liebt.  

Vergeblich.  

 

Das, was ich hier beschreibe wird als emotionale Ahängigkeit oder Co-Abhängigkeit bezeichnet. Und ich kann es nicht nur beschreiben, ich habe es selbst gefühlt.

Menschen die zur emotionalen Abhängigkeit neigen, haben alle eins gemeinsam: Sie leiden unter einem Defizit an Selbstliebe. Die emotionale Abhängigkeit ist lediglich ein Symptom dafür, sich selbst nicht lieben zu können, sich selbst nicht genug zu sein, mit sich selbst nicht gut zu sein, mit sich selbst nichts anfangen zu können, was innerlich tief erfüllt, sich selbst nicht der beste Freund zu sein. Dieses emotionale Defizit ist die Ursache für co-abhängiges Verhalten und das muss behandelt werden und nicht das Symptom – die Co-Abhängigkeit.  

 

Abhängigkeit ist emotionale Sucht und wie jede Sucht kann sie nur geheilt werden, wenn die ihr zugrunde liegenden Ursachen erkannt und gelöst werden.

Gabor Maté bringt es mit einem Satz auf den Punkt : "Not why the addiction, but why the pain?"

 

„Nicht warum die Sucht, sondern warum der Schmerz?“

 

Wenn man nicht versteht, dass emotionale und Co-Abhängigkeit nur ein Symptom eines tiefen seelischen Schmerzes ist, kann das Problem nicht gelöst werden.

Die meisten abhängigen Menschen, die mir in meiner Arbeit begegnen, haben ein Bindungstrauma. Alles beginnt in Beziehung und wie die frühe Beziehung zu unseren Bindungspersonen war, heißt wie wir sie gefühlt wahrgenommen haben, bestimmt unsere späteren Beziehungsmuster. Kinder, die sich geliebt, respektiert, umsorgt und sicher gefühlt haben, haben gesunde Bindung erfahren dürfen und werden im späteren Leben gesunde Beziehungen erleben. Wer aber keine bedingungslose Liebe erfahren hat, sondern eine „Liebe“ die er sich erkämpfen musste und trotzdem nie bekam, wer eine „Liebe“ erfahren hat, die an Bedingungen geknüpft und abwertend war, wird das für Liebe halten. Dieses Kind lernt: Ich muss etwas dafür tun, um geliebt zu werden. Dieses Kind wird ein Leben lang nach dieser bedingungslosen Liebe suchen, im Versuch seine Wunde zu heilen.

 

Das Bindungstrauma erzeugt im Kind zudem eine Kernscham. Es schämt sich seiner selbst, es verinnerlicht die Überzeugung, nicht liebenswert, schwierig, unsichtbar, schlecht ungewollt oder wertlos zu sein. Diese Scham führt dazu, dass sich der erwachsene Mensch später nur dann „geliebt“ fühlt, wenn er sich selbst vergisst und alles für andere tut.

Betroffene können sich im Leben und im Beruf durchaus als wertvoll, begabt und erfolgreich empfinden und es sein – auf der Beziehungsebene fühlen sie das aber nicht.

In ihren Beziehungen erleben sie einen tiefen emotionalen Schmerz. Sie werden trotz ihrer „Leistungen“ zurückgewiesen, benutzt und nicht wertgeschätzt. Sie strengen sich an, denn Leistung ist ihnen vertraut, aber was im Beruf oder in der Karriere funktioniert, funktioniert in Beziehung nicht.

Je mehr sie leisten desto weniger Erfolg haben sie, desto mehr werden sie emotional ausgebeutet. Sie ertragen diesen emotionalen Schmerz aufgrund des verzweifelten Bedürfnisses nach einer Beziehung, die den Schmerz der inneren Einsamkeit und der mangelnden echten Selbstliebe lindert. Die pathologische Sucht nach Liebe und Beziehung wird zu ihrer Droge, die die Einsamkeit und das lebenslange Streben nach Liebe jedoch nicht lindert. Solange dieses Defizit an Selbstwertschätzung, Selbstliebe und emotionaler Autonomie nicht aufgefüllt werden kann, bleiben sie emotional Abhängige.

 

Hier der Link zu meinem Buch: Weil ich endlich geliebt sein will: Aus der Innenwelt einer Co-Abhängigkeit

https://www.amazon.de/Weil-endlich-geliebt-sein-will/dp/3769323904/ref=sr_1_1?crid=1NU65KQKMSM16&dib=eyJ2IjoiMSJ9.P64XriiLqIP2Da5GIkbFrR9km-UETHaSwavLcy7RxUNz6g1yfibneLwfg4xJy3CDP5dyr0DDa7CRW6V7Lcl1poubipW35dnR7ze6c40i68rnqBOworMiOxiMc7wF_vsGKee_83ufophxIRBH8LetDgRXpQEXdKat5j6n3oRCYobetCg-RzYyPVd2DY7KChRUiG8O-RVBchdo9AwIu4gII1vaQJ7GWk2aj-uWOxXSoVE.-OgnbR8GGhcJBiCQ4quoRsxWd46qZconi6hXTOP5qjI&dib_tag=se&keywords=angelika+wende+weil+ich+endlich+geliebt+sein+will&qid=1745743835&sprefix=weil+ich+endlich+%2Caps%2C125&sr=8-1

 

 

 

 

 

 

Freitag, 11. April 2025

Anhaftung

 

                                                                  Zeichnung: A.Wende

 

Das Problem bei der Anhaftung ist, dass wir etwas vom anderen erwarten, auf Veränderung hoffen und an ihm zerren,

dass wir die Ohnmacht ob der Vergeblichkeit unserer Bemühungen nicht aushalten können,

dass wir immer wieder hoffen um immer wieder enttäuscht zu werden.

 

Das Problem löst sich nicht, indem wir immer wieder darüber er reden.

Das entlastet kurz, aber es löst das Problem nicht.

Das Problem löst sich dann, wenn wir keine Erwartungen mehr haben und loslassen.

Das können nur wir selbst, indem wir die Bereitschaft haben unsere Ohnmacht zu akzeptieren.