Dienstag, 30. Januar 2024

Niemals ohne Liebe

 

                                                                                                                      Foto: www

 
Ein wesentlicher Aspekt unserer inneren Kraft ist die Fähigkeit, uns unserem Bedürfnis nach Liebe selbst zuzuwenden, indem wir lernen, wie wir uns dieses Bedürfnis selbst erfüllen können, anstatt uns zu sehnen, nach der oder dem Einen, der es uns dieses Bedürfnis nach Liebe erfüllt.
Es ist schön, wenn wir Liebe erfahren mit einem anderen Menschen. Es ist schön, wenn es diesen anderen gibt, aber es gibt ihn gerade nicht oder nicht mehr oder vielleicht nie mehr. Die Liebe eines anderen kann man nicht haben wollen. Man kann sie nicht anknipsen und nicht kaufen. Man kann sie nicht halten, wenn sie uns verlassen will. 
 
"Ohne Liebe aber ist alles nichts", steht in der Bibel.
Also wen lieben, wenn da keiner ist zum lieben?
Uns selbst. Uns selbst lieben so wie wir es können. Uns selbst lieben, wie wir es uns wünschen geliebt zu sein. Uns selbst lieben, wie wir den anderen lieben, wenn wir lieben.
 
Liebe ist ein Bewusstseinszustand.
Warum fällt uns das so schwer, uns selbst Liebe zu geben, sie in uns selbst zu fühlen, für uns selbst? Diese Frage kann man ,solange man will, psycholgisch zu ergründen versuchen, eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Aber brauchen wir immer eindeutige Antworten um zu handeln, zu fühlen? 
Nein, brauchen wir nicht. Ich jedenfalls brauche sie nicht. 
 
Wissen und Heilung ist nicht dasselbe. Antworten zu haben, ist nicht dasselbe wie heilen. Wir heilen indem wir heilsam denken und handeln.
Wir können lernen uns unserem Bedürfnis nach Liebe und Zuneigung zuzwenden, indem wir uns nach Innen wenden, indem wir beginnen zu lauschen um die Stimme unseres inneren Kindes zu hören, seine Bedürfnisse wahrnehmen, es ernst nehmen. Wir können handeln und diesem Kind in uns hinreichend gute Eltern sein, bessere als wir vielleicht hatten. Wir können lernen gut zu diesem Kind zu sein, es bedingungslos annehmen und es lieben, ihm Dinge sagen, die seinen Selbstwert, seinen Mut und sein Vertrauen in sich selbst stark machen. Wir können es trösten, schützen und behüten und es nicht dafür tadeln oder es ablehnen, wenn es uns manchmal mit seinem Trotz, seiner Wut, seiner Angst, seiner Traurigkeit und seiner Einsamkeit überfällt, wenn wir es doch gerade nicht brauchen können. All das können wir tun. Wir müssen nicht. Wir dürfen. 
 
Wir alle tragen dieses Kind in uns. Egal wie alt wir sind.
Es ist da, auch wenn wir es nicht wahrnehmen, uns ihm nicht zuwenden, es nicht sehen und hören können oder wollen.
Es lebt und wirkt in uns. Meistens ist es ein verletztes Kind, das aufgrund seiner Wunden, sein Leuchten verloren hat. Dieses Innere Kind ist ein wesentlicher Teil von uns.
Es ist zugleich der fragilste und der stärkste innere Anteil.
Stark, weil es überlebt hat bis heute, trotz all dem Unheilsamen, was ihm einst widerfahren ist und widerfährt. Es braucht unsere Liebe, unsere Wertschätzung, unsere Achtung und unsere Zuwendung. Es braucht Liebe und zugleich braucht es Grenzen um uns nicht zu dominieren. Wir dürfen ihm verständlich machen, dass es nicht all seine Bedürfnisse immer erfüllt bekommt, es darf verstehen lernen, dass es sich nicht an andere zu binden braucht, um sein Bedürfnis nach Liebe erfüllt zu bekommen, dass es das bedauern darf, aber nicht daran zerbrechen wird, wenn da kein anderer zum Lieben ist, weil wir für es da sind und es aus ganzem Herzen lieben.
Mit diesem Kind, für das wir jeden Tag in liebevoller Güte präsent sind, sind wir niemals ohne Liebe. 
 
 
"Ich hoffe, du gehst raus und lässt dir Geschichten, die das Leben sind, passieren, und du arbeitest mit diesen Geschichten aus deinem Leben - nicht mit denen eines anderen - und tränkst sie mit deinem Blut und deinen Tränen und deinem Lachen, bis sie blühen. Bis du selbst blühst. Das ist die Arbeit.
Die einzige Arbeit."
 
Clarissa Pinkola Estés

Montag, 29. Januar 2024

Aus der Praxis: Sinn und Sinnverlust

 

                                                                                      Foto: www

 

In meinen Sitzungen mit Menschen taucht immer häufiger die Frage nach dem Sinn auf. Viele sind müde und manche sind so müde, dass sie keinen Sinn mehr empfinden können.

 

Was ist der Sinn des Lebens?, ist eine existenzielle Frage des Menschen.

Was, wenn der Sinn des Lebens fraglich wird?

 

„Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Sich entscheiden, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden oder nicht, heißt auf die Grundfrage der Philosophie antworten“, schreibt Albert Camus. Camus fragt nicht nach dem „Wie“ sondern nach dem „Ob“. Also nicht wie ein gelingendes Leben möglich ist, sondern ob das Leben überhaupt Sinn macht. Bei all den Verlusten im Laufe der Jahre, dem Leiden, den Ängsten, den Verletzungen, den Enttäuschungen, den Schmerzen, der Verzweiflung, der Vergänglichkeit, dem Sterben und dem Tod, fragt Camus nach dem Ob. Ob es das wert ist. Die Lösung, wenn wir das nicht erleben wollen, wäre dann in der Tat der Selbstmord. Eine Erleichterung, eine Art Lebenslösung, tiefe Ruhe. Endlich Ruhe. Trotzdem leben die meisten von uns weiter. 

Warum? 

 

„Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.“, schreibt Viktor Frankl. Und weiter: „Ein Warum - das ist ein Lebensinhalt; und das Wie - das waren jene Lebensumstände, die das Lagerleben so schwierig machten, dass es eben nur im Hinblick auf ein Warum überhaupt tragbar wurde.“

Frankl stellt im Gegensatz zu Camus die Frage nach dem „Ob“ nicht. 

Dem „Warum“ Gedanken folgend, erforschte Frankl, was den Menschen dazu antreibt, selbst in den tiefsten Krisen und im größten Schmerz weiterzumachen.

Sein Fazit: Es ist sein Warum. Ein Warum als Sinnstiftung.

 

Aber wenn es kein Warum mehr gibt und sich keines mehr finden lässt, was dann? Warum machen wir dann weiter?

Weil das Leben trotz allem ein Geschenk ist, eine Kostbarkeit, auch wenn es kein Warum, keinen übergeordneten Sinn hat? Lohnt es sich auch dann, wenn ich den Sinn, den ich meinem Leben einst gab, verloren habe?


Auch hierauf gibt Frankl eine Antwort: „Wir müssen die verzweifelten Menschen lehren, dass es nie und nimmer darauf ankommt, was wir vom Leben erwarten, lediglich darauf, was das Leben von uns erwartet. Leben heißt letztlich eben nichts anderes als: Verantwortung tragen für die rechte Beantwortung der Lebensfragen, für die Erfüllung der Aufgaben, die jedem einzelnen das Leben stellt, für die Erfüllung der Forderung der Stunde.“

 

Was aber, wenn ich nicht mehr sehen kann oder sehen will, was das Leben von mir erwartet? Was wenn ich die Fragen höre und nicht beantworten will, weil ich es leid bin, es müde bin, die Aufgaben und Forderungen der Stunde zu erfüllen.

Was wenn der Sinn verloren gegangen ist?

Was dann?

Dann vielleicht doch Albert Camus´ „Ob“?

Was bedeutet, dass ich mich mit der Absurdität meiner Existenz auseinandersetzen müsste. Um dahin zu kommen wo Camus hinkam?

„ Die einzige Möglichkeit, einen Sinn im Leben zu finden, besteht darin, die Tatsache zu akzeptieren, dass das Leben von Natur aus sinnlos ist.“

 

Und was dann?

Kann ich leben angesichts der Sinnlosigkeit?

Kann ich leben, wenn das Leben von Natur aus sinnlos ist?

Und wie?

Ohne Zweck, ohne Werte, ohne Orientierung, ohne Ziel, ohne Aufgabe. Ohne Hoffnung, ohne Träume, ohne Begehren. Ohne Liebe, ohne Zuneigung. Ohne Freude, ohne Glück. Ohne Verbundenheit. Ohne Glaube. Ohne soziale, spirituelle, geistige Bedürfnisse.

Ohne Erfüllung?

Nichts, was mir am Herzen liegt.

In vollkommener Apathie.

Das Leben als Dasein, als reine Existenz? 

Gibt es dann noch eine Sinn, einen Grund zu leben?

 

Vielleicht hilft ja die Haltung der Stoiker, wonach nur der Weise, der im Einklang mit der Ordnung des Kosmos lebt, frei von Affekten, Wünschen und Leidenschaften und gleichgültig gegenüber dem eigenen äußeren Schicksal, den Endzustand der Apathie erreichen kann. Was bedeutet: Die Unempfindlichkeit gegen die Wechselfälle des Lebens, die stoische Ruhe. Sie bedeutet das einzige Glück.

 

"Warum setzen Sie eigentlich voraus, dass ein Leben, außer da zu sein, auch noch etwas haben müsste oder auch nur könnte – eben das, was Sie Sinn nennen?

— Günther Anders

 

 

 

 

 

 

 

Freitag, 26. Januar 2024

Kontrolle

 

                                                                     Foto: Pixybay

 
Kontrolle ist ein zentrales Bedürfnis des Menschen, dessen zugrundeliegendes Motiv es ist die äußere und die innere Welt den eigenen Erwartungen und Wünschen entsprechend zu beeinflussen oder zu manipulieren, sprich - aktiv zu kontrollieren und um zukünftige Ereignise vorhersehen zu können, etwas zu gestalten oder Bestehendes zu verändern.
 
Und was können wir überhaupt kontrollieren?
Der ergebnislose Versuch Dinge oder Menschen außerhalb unseres Einflussbereiches kontrollieren zu wollen, führt zu nichts außer Stress und im Zweifel zu Leid.
Das Einzige, was wir kontrollieren können sind unsere eigenen Gedanken und die Überzeugungen, die durch diese Gedanken geformt werden und das auch nur mit viel Gewahrsein, Achtsamkeit und Übung. Aber selbst die Handlungen und deren Ergebnisse, die unseren Gedanken folgen, entziehen sich unserer Kontrolle.
 
Wenn wir versuchen zu kontrollieren, was nicht in unserem Einflussbereich liegt, folgt der Focus diesen Dingen. Wir machen uns abhängig von unkontollierbaren Zuständen, Ereignissen oder Menschen. 
Das Einzige was wir dann noch kontrollieren können, ist unser Reaktion auf die Ereignisse, Zustände oder Menschen. Auch das läuft bei vielen von uns als automatisches Muster ab, das wir nicht kontrollieren können, solange wir uns dessen nicht bewusst sind und nicht verinnerlicht haben, dass es einen Raum zwischen Reiz und Reaktion gibt, den wir nutzen können. Die Reaktion ist auch nur dann kontrollierbar, wenn wir unsere Emotionen und Affekte im Griff haben. 
 
Welch ein Trugschluss, wenn der Mensch meint, alles unter Kontrolle zu haben, wo er nicht einmal sich selbst unter Kontrolle hat.

Sonntag, 14. Januar 2024

Abschied von dem, was wir für unser Leben gehalten haben

 

                                                         Malerei: Angelika Wende

 

Das Schwerste, wenn wir die Entscheidung getroffen haben zu heilen, ist das loszulassen, was wir für unser Leben gehalten haben. Dazu gehören auch bestimmte Menschen mit denen wir ständig Konflikte haben, die wir nicht lösen können, Menschen, die uns nicht gut tun. 

Nicht jeder tut jedem gut.

Manchmal tun sich zwei Menschen, auch wenn sie eine starke Anziehung fühlen oder sogar Liebe, einfach nicht gut. Sie holen nicht das Beste, sondern das Schlechteste aus dem anderen. 

 

Man fühlt sich miteinander einfach nicht gut, nicht sicher, nicht geborgen. 

Die Beziehung ist unheilsam. Man streitet und kämpft, ist ständig wütend und frustriert, enttäuscht, gekränkt, verletzt, man zerrt aneinander, will den anderen ändern, man will ihn retten, weil man sieht, dass der andere sich selbst zerstört und damit auch der Beziehung und einem selbst schweren Schaden zufügt und geht dabei selbst langsam kaputt.

Wir können manches nicht ändern, schon gar nicht andere Menschen und wie sie ihr Leben leben. Jeder ist auf seiner eigenen Reise.

 

Wenn wir mit einem Menschen mehr leiden als alles andere, dann ist es Zeit die Verantwortung für unser Genesung zu übernehmen und diesen Menschen gehen zu lassen.

Das schmerzt, denn mit ihm geht nicht nur ein Mensch, sondern vieles, was unser Leben war. Mit seinem Gehen entsteht eine große Lücke. Wir wissen erst einmal nicht womit wir sie füllen sollen. Das ist eine bittere Zeit, eine schwere Zeit, eine Zeit, in der wir auf uns selbst zurückgeworfen sind. Eine Zeit in der wir mit dem Zweifel und der Angst konfrontiert werden.

Schaffen wir es?

Halten wie das aus?

Das war doch unser Mensch?

Wie ohne ihn leben?

Wer sind wir ohne diesen Menschen?

Was ist jetzt unser Leben und was machen wir damit?

 

Wenn wir inneren Frieden wollen, wenn wir aufhören wollen unsere alten Dramen zu wiederholen, wenn wir unsere Traumata erlösen wollen, müssen wir uns von manchen Menschen verabschieden.

Das ist eine riesige Herausforderung. 

Wir können sie nicht sofort bewältigen. 

Es braucht Zeit, Kraft, Zuversicht und Durchhaltevermögen um sie zu bewältigen. 

 

Jeder Abschied ist wie ein kleiner Tod im Leben. Er bedeutet Verlust, Kummer, Schmerz und Trauer. 

Er bedeutet vielleicht sogar eine lange Zeit allein oder einsam zu sein. Aber da müssen wir jetzt durch, wenn wir wirklich heilen wollen. Und vielleicht kann jetzt auch der andere heilen. Die Belohnung für das Loslassen wird kommen. Es werden neue Menschen und neue Möglichkeiten  in unser Leben treten. Vertrauen wir dem Prozess.

 

 

 

"So as long as you live keep learning how to live."

Seneca

Freitag, 12. Januar 2024

In diesem Moment habe ich nicht die Kontrolle

 

Mein komplettes Scheitern zugeben? Ich doch nicht! 

Ich habs doch im Griff, ich habe doch immer eine Lösung. Ich habe mich doch immer wieder neu aufgestellt nach jedem Schicksalsschlag, nach jedem Verlust. 

Ich bin doch ein Aufstehmensch.

Wahr ist: In diesem Moment in der Zeit habe ich nicht die Kontrolle. 

Ich habe nicht einmal Antworten auf meine Fragen, schon gar keine Lösung. 

Ich bin schachmatt gesetzt.

 

Was kann ich tun?

Ich kann genau das akzeptieren.

Ich habe nicht die Kontrolle und ich weiß nicht wie es weitergeht. 

Ich akzeptiere das vollkommen. Radikal, ohne wenn und aber. Radikale Akzeptanz. 

Ich lasse mein Bedürfnis zu kontrollieren, los. Ich lasse die Welt laufen, wie sie laufen soll.

Währenddessen lebe ich nur diesen Tag. Nur heute. 

Nur in diesem Heute tue ich, was wichtig ist. Ich unterscheide was wichtig ist und was nicht. Was nicht wichtig ist, lasse ich sein.

Ich sorge dafür, dass ich gesund esse, genug trinke, mich bewege und ruhe. So gut ich es kann. Ich erwarte nichts von mir und nichts vom Außen.

Ich treibe mich nicht an, ich lasse mich selbst in Ruhe. 

Ich vertraue auf das, was größer ist als ich.

 

 

 

Mittwoch, 10. Januar 2024

Wer ich bin

 
                                                              Foto: www
 
 
„Werde, der Du bist!“, forderte einst der griechische Philosoph Pindar seine Mitmenschen auf. Nosce te ipsum - „Erkenne dich selbst“ - stand als Inschrift am Apollotempel von Delphi. Aber was aber bedeutet das, zu werden wer man ist, was bedeutet, sich selbst erkennen? Es bedeutet für mich sich selbst kennen zu lernen, sich selbst zu erforschen und sich seiner Einzigartigkeit bewusst zu werden. Es bedeutet eine eigene Identität zu formieren, die niemals festgeschrieben ist, sondern wandelbar wie das Leben selbst. 
 
Alles Leben ist Veränderung.
Ich war gestern die und heute bin ich die. Denn das Leben ändert mich. Jede Erfahrung bewirkt und ändert etwas in mir und wie ich mich selbst erlebe und Welt sehe. Jedes Jahr meines Lebens ist ein Fortschreiten. Wir bleiben nicht an einem festgeschriebenen Punkt für immer stehen und ebenso wenig bleibt unsere Identität was sie einmal war. Dieses „Werden wer ich bin“, ist niemals zu Ende, es ist ein Prozess, eine Entwicklung und wohin sie geht, das wissen wir nicht. Sich selbst erkennen bedeutet nicht wie viele meinen herauszufinden wo meine Stärken, Fähigkeiten, Anlagen und Sehnsüchte liegen und meine Gaben und Potentiale zu verwirklichen, es bedeutet mich selbst angesichts dessen, was mir widerfährt wahrzunehmen – Gewahrsein. Mir gewahr sein wie ich reagiere, wie ich auf das, was mir begegnet, antworte, wie ich denke, fühle und handle und was sich daraus ergibt – für meine Entwicklung als Mensch.
 
Ich bin viele. Wir sind viele. In uns sind so viele Anteile und Anlagen, ist so viel Unbewusstes und Bewusstes, so viel Konditioniertes und Eigenes – ein hochkomplexes Etwas, das ein Ganzes bildet. 
Ich kann z.B. ein Trauma haben und es bewältigen, ich kann ein Trauma haben und darin stecken bleiben, ich kann retraumatisiert werden und all das bin ich. Ich kann ungesunde und gesunde Anteile haben und all das bin ich. Ich kann dumm sein und weise und all das bin ich. Ich kann mich verlieren und wieder finden. Und all das bin ich.
 
Altes und Neues, Erinnerung und Gegenwart. Kind, Jugendliche, Erwachsene, Alter Mensch – all das bin ich und immer im Werden.
Ich bin im Werden. Und dieses Werden macht mich am Ende zu dem, der ich bin. Und im besten Falle erkenne ich dann, wer ich bin. In meiner Komplexität, meiner Ganzheit, meinem Wesen, meiner Essenz, die nichts anderes ist als mein reines Sein. Ich atme, ich lebe. Ich bin.
Und immer gilt: Ich selbst bin all das.
Echte Selbstfindung ist für mich die Folge einer achtsamen Selbstwahrnehmung, einer kontinuierlichen Selbstreflexion, eines hohen Bewusstseins für den Menschen, der ich bin, mitsamt meinem Licht und meinen Schatten auf meinem Weg durch mein Leben, das mich formt.

Dienstag, 9. Januar 2024

Aus der Praxis: Verletzungen

 

                                                              Malerei: A.Wende

 
„Du kannst nur verletzt werden, wenn du es zulässt.“
Es gibt Menschen die das glauben, aber ist das wirklich wahr?
Wahr ist – das ist ein typischer Spruch aus dem Repertoire des Selbstoptimierungshandbuchs einer egozentrierten Gesellschaft, in der sich der Mensch zum Maß der Dinge erhebt und meint mit dem richtigen Mindset habe er alles unter Kontrolle.
Wenn uns jemand emotional verletzt, und wir uns sagen, es sei unser Fehler, weil wir es zugelassen haben, behaupten wir damit in Wirklichkeit: Wir haben die absolute Kontrolle und können entscheiden was uns widerfährt und zukünftige Verletzungen verhindern, wenn wir uns ändern.
Diese fatale Dynamik steckt voller Selbstvorwürfe und Schuldzuweisungen. Indem wir uns selbst die Schuld dafür geben, dass uns andere verletzen, halten wir an der Illusion fest: Wenn wir nur alles richtig machen können wir weiteren Schmerz verhindern. Solange wir uns Selbstvorwürfe machen und glauben wir seien schuld wenn uns jemand verletzt, gibt es noch Hoffnung, die Hoffnung uns selbst derart zu verändern um beim anderen Veränderungen zu bewirken. Nur, dass das nicht funktioniert. Wir können andere nicht verändern. Niemals. 
 
Wahr ist: Wir können nicht verhindern, das andere uns verletzen, wir haben keinen Einfluss auf das Verhalten anderer. Wir sind Menschen mit Gefühlen und dazu gehört auch, dass man unsere Gefühle verletzen kann. Wir leben nicht in einer Rüstung aus Eisen, die uns vor Verletzungen schützt. Wir sind emotionale Wesen und damit verwundbar. 
 
Das Einzige was wir ändern können ist wie wir mit den Verletzungen und denen, die uns verletzen, umgehen. Es ist gesund sich einzugestehen, dass man verletzt ist.
Es ist ungesund zu glauben, man selbst sei dafür verantwortlich, weil das richtige Mindset fehlt.
Die Eigenverantwortung liegt darin sich mit der Verletzung auseinanderzusetzen.
Verletzungen kränken und schaffen Leid.
Oft bringen sie altes Leid nach Oben, Leid, das so alt ist wie wir selbst. Damit können wir uns befassen. Wir können uns unseren alten Wunden zuwenden um sie zu heilen. Aber auch wenn wir alte Wunden geheilt haben, was nicht immer gelingt, ist es möglich, dass man uns neue Wunden zufügt, dass man uns kränkt und emotional oder sogar körperlich verletzt. Glauben wir aber wir sind schuld daran, verletzen wir uns noch dazu selbst. Das ist unheilsam und führt dazu, dass wir weiter in der Spirale von Selbstvorwürfen, Schuld-und Schamgefühlen verstrickt sind.
Es ist gesund anzuerkennen, ich bin ein Mensch und ich bin verletzbar. Das kann ich nicht verhindern und nicht kontrollieren. Was ich kontrollieren kann ist meine Reaktion darauf, nicht die emotionale, denn eine Verletzung tut nun mal weh, sondern meine Handlungsweise. Menschen, die mich verletzen, besonders die, die es immer wieder tun, sind ungesund für mich und ich handle zu meinem Besten, indem ich mich von ihnen entferne. 
 
 
„Als Kinder dachten wir, dass wir als Erwachsene nicht mehr verletzlich sein würden. Aber erwachsen zu sein heißt, Verletzlichkeit zu akzeptieren. Am Leben zu sein heißt, verletzlich zu sein.“
 
Madeleine L'Engle

Montag, 1. Januar 2024

Es ist Zeit

 



Meine zunehmende Dünnhäutigkeit und Empfindlichkeit, nehme ich als Zeichen dafür, dass ich so manchem nicht mehr so viel entgegensetzen möchte wie früher. Ich nehme sie als ein Zeichen dafür, dass ich die Energie und die Kraft, die ich noch habe, vornehmlich mir selbst geben muss, sie nicht mehr einsetze für Dinge, die nicht in meinem Einflussbereich liegen und unveränderbar sind und auch nicht für Menschen, die mir nicht gut tun.
Was ich jetzt entwickeln will ist ein Leben nach Innen, ein Leben vom Sein getragen und nicht von Machen, Engagieren und Leistung. Alles Machen um des Leistens willen ist der Vergänglichkeit preisgegeben.
Schimäre weiter nichts.
 
Ich werde kürzer treten und sehr bewusst wählen, was ich tun will, für wen ich es tun will und mit wem ich es tun will.
 
Wenn man fühlt, dass der Zeitpunkt des Innehaltens überschritten ist, aber trotzdem weitermacht und in verschwenderischer Manier sein Leben und seine Zeit vergeudet, wird man schwach vor der Zeit. Man gießt seine kostbare Lebenskraft in ein Gefäß, dessen Boden ein Loch hat. Das ist unsinnige Verschwendung. 
 
Innehalten so oft ich will, leben um mit mir selbst in Frieden zu sein, das gilt für mich jetzt. Die Zeit, die mir noch bleibt ist kostbar. Sie kann kurz sein, das ist mir sehr bewusst. Jeden Tag kann es vorbei sein. Mit dem Älterwerden wird die Zeit ein fragiles Gut, welches es gut zu hüten gilt. Zu behüten vor allem, was ungut ist. 
 
Älterwerden ist für mich die Zeit den Blick nach Innen zu richten, auf meine Individuation und dem Rest Leben, das noch bleibt, Sinn und Würde zu verleihen. Es ist an der Zeit meinem zukünftigen Selbst Frieden zu schenken, indem ich mich mit dem auseinandersetze, was ich bisher vermieden habe. Dazu gehört die Trauer, die mich ein ganzes Leben lang begleitet. Dazu gehört auch jenen Teilen von mir selbst, die ich nicht mag, genauso viel Liebe zu schenken, wie jenen, die ich gerne an mir mag. Es ist Zeit mir ein Leben zu erlauben, das mich zur Ruhe kommen lässt. Und das bedeutet jetzt Ordnung zu machen - Innen, auch wenn die Welt da draußen in Unordnung ist.
Gerade weil sie es ist.