Posts mit dem Label Gedanken zu Corona werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Gedanken zu Corona werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 20. September 2024

Kollektives Trauma - was kann der Einzelne zur Bewältigung beitragen?

 

                                                        Foto: Pixybay
 
 
Kriege, Wetterkatastrophen und Pandemien sind Ereignisse, die ein kollektives Trauma auslösen. Definiert wird ein kollektives Trauma als ein Ereignis oder eine Reihe von Ereignissen, die das Sicherheitsgefühl einer oder mehrerer Gruppen von Menschen zerstört. Ein kollektives Trauma ist eine tiefe Erschütterung unseres Vertrauens in die Kontrollierbarkeit des Lebens. Ein Trauma bedeutet immer: maximalen Kontrollverlust. Auch wenn wir wissen, dass wir wenig Kontrolle über die Dinge haben, so nimmt das Trauma uns das Gefühl, sie zu überhaupt zu haben.
Ein kollektives Trauma hat individuelle Auswirkungen auf jeden Einzelnen in der Gemeinschaft. Es bedeutet Stress, Verunsicherung, Angst. Es führt zu Gefühlen von Kontrollverlust, Ohnmacht, Gefühlen der Hilflosigkeit, des Ausgeliefertseins, zu Ängsten, Grübeln, Schlafstörungen, erhöhter Wachsamkeit, Hypervigilianz, ständige innerer Unruhe, Scham – und Schuldgefühlen, und vor allen auch zu einer Veränderung wie Menschen die Welt sehen.
Das einst Vertraute ist erschüttert. Ein permanentes Gefühl von Verunsicherung, Orientierungslosigkeit und Haltlosigkeit kann sich einstellen. Die Erfahrung eines kollektiven Traumas zeigt uns, wie fragil die eigene Existenz ist. 
 
Wie nach jeder traumatischen Erfahrung kann es zu einer Posttraumatischen Belastungsstörung kommen.
Folgen davon sind:
Angsterkrankungen, Zwangsstörungen, Depressionen, psychosomatische Störungen, körperliche Erkrankungen, Gefühl der Entfremdung, erhöhte Aggressivität, verringerte Impulskontrolle, Misstrauen, Desorientierung, sozialer Rückzug, Selbstisolation, Misstrauen anderen und dem Leben gegenüber, Angst vor weiteren Bedrohungen, Zukunftsangst.
Es kann zu Bewältigungsstrategien wie Alkohol- und Drogenmissbrauch kommen.
 
Die Auswirkungen eines kollektiven Traumas sind bei jedem von uns andere. Diese sind u.a. auch abhängig von der persönlichen Resilienz, dem eigenen Verhalten und dem Umgang mit dem traumatischen Ereignis im Moment des Geschehens und wie wir es empfunden haben, wie wir darauf reagiert und uns verhalten haben. Hier gilt der weise Satz von Dr. Gabor Maté: "Trauma ist nicht das, was mit dir passiert, sondern das, was in dir passiert."
"Ein Trauma ist eine psychische Wunde, die uns auf seelischer Ebene hart macht und in der Folge unsere Fähigkeit, zu wachsen und uns zu entwickeln, beeinträchtigt, konstatiert Dr. Gabor Maté weiter.
Ein kollektives Trauma hinterlässt eine unsichtbare kollektive Wunde. Diese Wunde wird über nachfolgende Generationen weitergegeben, wenn das Trauma nicht aufgearbeitet wird.
Aufarbeitung bedingt, das Trauma im kollektiven Kontext anzuerkennen und es aufzuarbeiten, anstatt es zu ignorieren, klein zu reden oder zu verdrängen. 
 
Was wenn das nicht geschieht?
Was können wir als Einzelne zur Traumabewältigung für das Ganze beitragen?
Als erstes den Satz: „Was kann ich schon tun?“, in unserem Denkapparat streichen. Jeder von uns kann etwas zur Bewältigung beitragen, indem er sich fragt, was die Auswirkungen des Traumas auf sich selbst sind. Wir können uns darüber klar werden, was das Ereignis mit uns gemacht hat.
Dazu gehört das Erforschen und Erkennen der eigenen Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen, während und nach dem traumatischen Ereignis.
Dazu gehört zu erkennen, welche Folgen uns belasten, z.B. in welcher Weise wir uns und unser Leben, unsere Beziehungen und unseren Alltag verändert haben.
Die bewusste Auseinandersetzung hilft uns unsere Rektionen zu verstehen und sie einzuordnen – das ist die Voraussetzung um den Genesungsprozess in Gang zu setzen.
Es hilft mit anderen darüber zu reden, zuzuhören, sich einander mitfühlend zuzuwenden, Verbundenheit herzustellen, auszusprechen, was man denkt und fühlt, Erfahrungen auszutauschenund sich, wenn wir spüren, dass wir die Verarbeitung alleine nicht bewältigen können, oder andere nicht zu Gesprächen bereit sind, professionelle Unterstützung zu holen um mit den Folgen umgehen zu lernen, die das Trauma in uns ausgelöst hat.
 
Die Verarbeitung ist für jedes Trauma von entscheidender Bedeutung, um unsere psychische Widerstandsfähigkeit zu stärken und um Wachstum nach dem Trauma möglich zu machen. Das ist nur möglich, wenn wir in der Lage sind es zu integrieren. Nur ein integriertes Trauma kann zu dem führen, was wir postraumatisches Wachstum nennen.
Gelingt die Integration nicht, wird das kollektive Trauma mit seinen destruktiven Folgen aufrechterhalten. Es verändert nicht nur den Einzelnen in unheilsamer Weise, sondern das ganze Kollektiv und die, die nach uns kommen. 
 
An dieser Stelle möchte ich Euch, bei Interesse, dieses Buch empfehlen: Vom Mythos des Normalen: Wie unsere Gesellschaft uns krank macht und traumatisiert – Neue Wege zur Heilung von Dr. Gabor Maté
 
Angelika Wende

Donnerstag, 19. September 2024

Angst essen Seelen auf

 

                                                        Foto: Pixybay

Was ist geschehen?
Viele Menschen sind kaum noch fähig Gegensätzliches auszuhalten. Sie sind kaum noch fähig konträre Meinungen stehen zu lassen. Seit Corona gibt es eine starke Tendenz, dass eine offene Diskurskultur kaum noch gelingt.
Anstatt achtungsvolles Miteinander herrscht ein aggressives Gegeneinander.
Respekt, Verständnis, Toleranz, Mitgefühl, Güte und Nächstenliebe findet man immer weniger. Dafür immer mehr Ichbezogenheit, Aggression, Wut und emotionale Verrohung.
Wir leben in einem Milieu der Spaltung und der Trennung.
Was ist geschehen, dass Qualitäten wie Respekt, Mitgefühl, Friedfertigkeit und Achtung vor dem anderen immer mehr fehlen, ebenso wie Güte, Offenheit und Zugewandtheit?
Was ist geschehen, das sich immer mehr Menschen ins Eigene zurückziehen, sich von der Gesellschaft abwenden und Selbstisolation wählen?
Was ist geschehen, dass Beziehungen immer schwerer herzustellen und zu leben sind und immer mehr Menschen, egal welchen Alters, zunehmend vereinsamen?
Was ist geschehen, dass die Basis eines gelingenden sozialen Miteinanders mehr und mehr zerbröselt?
Was ist geschehen, dass ein friedliches Miteinander und Nebeneinander kaum mehr gelingt?
Mit dem Beginn der Coronapandemie und ihren Maßnahmen wurde ein Klima der Angst geschaffen.
 
Es wurde ein Klima der Spaltung und der Trennung geschaffen.
Es wurde die Erlaubnis geschaffen andere, die anderer Meinung sind, zu diskriminieren, zu attackieren, anzugreifen, zu beleidigen und zu demütigen und von der Gemeinschaft auszugrenzen.
Akzeptanz gegenüber anders Denkenden löste sich auf.
Es wurde ein Klima des Durcheinanders geschaffen. Aus dem Durcheinander wurde ein Gegeneinander, das bis heute geblieben ist.
Die Corona Jahre haben unser Miteinander gestört, verstört und nachhaltig zerstört. Freundschaften, Partnerschaften, Gemeinschaften, Familien haben sich entzweit und sind zerbrochen. Über drei Jahre fand eine schleichende Destruktion von ethischem Verhalten statt, das moralische Werte ihres Wertes und ihrer Bedeutung für ein mitfühlendes menschliches Miteinander, enthob. Wahrheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde verloren an Bedeutung und Gültigkeit.
Ein Milieu von Druck, Angst und Panik wurde zum Alltag.
Diese Angst wurde durch den Ausbruch des Krieges in der Ukraine weiter verstärkt.
Aus Frieden bewahren wollen wurde Kriegstreiberei.
Menschen, die sich gegen den Krieg aussprechen, werden diskriminiert. 
 
Seit vier Jahren herrscht Angst.
Seit vier Jahren dominiert die Angst.
Angst vor dem Virus, Angst krank zu werden, Angst zu sterben, Angst vor einem möglichen Weltkrieg, Angst vor Klimawandel, Angst die eigene Existenz zu verlieren, Angst die eigene Meinung zu sagen, Angst sich gegen den Mainstream zu stellen, Zukunftsangst.
Angst, Angst Angst.
Und kaum einer redet darüber.
Was in den Coronajahren mit jedem Einzelnen und kollektiv geschehen ist, wird verdrängt und totgeschwiegen. Eine Aufarbeitung findet nicht statt.
Angst ist die Wurzel und die Folge von Traumata.
 
Corona als kollektives Trauma hat die Angst in unser Leben gepflanzt. Wie eine Krebsgeschwulst metastasiert sie in der Psyche der Menschen und in der menschlichen Gemeinschaft.
Angst ist eine zerstörerische Emotion, je länger sie anhält, desto zerstörerischer ist ihre Wirkung. Angst führt zu Flucht, Starre oder Angriff. Angst schüchtert ein. Angst verhindert klares Denken. Angst führt zu Ohnmacht. Ohnmacht führt zu Frustration, Wut und Aggression.
Was also ist geschehen?
Die Angst ist in unser Leben eingezogen. Sie dominiert unser Fühlen, unser Denken, unser Verhalten und unser menschliches Miteinander.
Angst essen nicht nur Seelen auf.
Angst essen Mitgefühl, Güte, Wärme, Barmherzigkeit, Würde, Liebe und Nächstenliebe auf.
 
"You cannot get through a single day without having an impact on the world around you. What you do makes a difference, and you have to decide what kind of difference you want to make."
~Dr. Jane Goodall
 
Angelika Wende

Samstag, 18. Februar 2023

Gedanken zu Corona: Das Unfassbare der letzten drei Jahre

 


Ich habe erfahren, wie manipulierbar Menschen sind, wenn man nur genug Angst und Panik verbreitet. Ich habe erfahren, wie schnell sie bereit sind einer Wahrheit, die man ihnen als einzig Richtige verkauft, Glauben zu schenken, ihr zu folgen, ohne sie in Frage zu stellen und sie zur Maxime zu erheben, die ihnen das Recht gibt anders Denkende zu attackieren, zu diffamieren und sie radikal auszugrenzen. 
 
Ich habe erfahren, dass die meisten Menschen sich selbst die Nächsten sind und jedes Mitgefühl, jegliche Achtung und jeden Respekt vor dem Nächsten verlieren, ihre Menschlichkeit vergessen und erbarmungslos andere zu Sündenböcken machen um ihre eigene Ohnmacht nicht zu spüren. 
 
Ich habe erfahren, dass das Maß an Dummheit, Grausamkeit, Ignoranz und Führungswilligkeit der Masse immer noch größer ist, als ich es nach unserer jüngsten Geschichte vermutet habe. Ich habe erfahren, dass es nur genug entsprechende Propaganda braucht, man nur ein Feindbild installieren muss, um Menschen zum Hassen zu verführen.
 
Ich habe erfahren, dass es Menschen mit Rückgrat gibt, die sich selbst treu bleiben, egal wie hoch der Druck der Masse ist. Ich habe erfahren, wie es ist ausgegrenzt und attackiert zu werden. Ich habe es ausgehalten, weil ich mir selbst und meiner Wahrheit vertraut habe.
Ich habe erfahren, wer mein Freund ist und wer nicht. Ich habe erfahren, wen ich zum Freund haben will und wen nicht. 
 
Ich habe erfahren, was innere und soziale Einsamkeit ist und ich habe gelernt, was Einsamkeitsfähigkeit ist. Ich habe erfahren, was es bedeutet, auf mich selbst reduziert zu sein, die innere und äußere Stille auszuhalten, sich mit der eigenen Wahrheit zu konfrontieren, meine Ängste zu akzeptieren, mit ihnen angemessen umzugehen und bin daran gewachsen. Ich habe erfahren, dass ich eine große innere Kraft besitze und auch in schweren Zeiten anderen Menschen Unterstützung und Hilfe geben kann und will. 
 
Ich habe die Chance genutzt mich noch tiefer mit mir selbst zu verbinden, mit mir selbst in eine freundschaftliche, fürsorgliche Beziehung zu treten und was mich von mir selbst trennt, zu überwinden. Ich habe erfahren, dass ich meinen Werten treu bleibe, gegen alle Widerstände und dass es viele andere gibt, die das auch tun.  

Ich habe gelernt flexibel zu sein und mich den Umständen anzupassen. Meine Kreativität hat mir dabei geholfen.
 
Mein Glaube an das, was ein Mensch sein könnte, ist erschüttert.
Zu viele sind dem schwarzen Wolf gefolgt und haben ihn gefüttert.
Heute verstecken sich diese Menschen vor ihrer Verantwortung. Sie schweigen das, was war, das, woran sie beteiligt waren, tot. Sie verwehren sich jeder Einsicht und des Bewusstseins, dass ihr Handeln falsch und zutieftst unmenschlich und unheilsam war. 
„Wir haben es nicht gewusst ...“ 
 
Eine Entschuldigung denen gegenüber, die dem schwarzen Wolf nicht gefolgt sind? Sie bleibt aus. 
 
Mein Mitgefühl gilt all den Menschen, die man traumatisiert hat und es sind viele. 
Mein Respekt gilt denen, die sich nicht haben manipulieren und nicht brechen lassen.
Ich bin vorsichtiger geworden und noch bewusster im Umgang mit anderen. Ich wähle meine Kontakte bewusster aus. 
 
Ich habe erfahren, dass mein Glaube an Gott mir eine Kraft gibt, die mich in schweren Zeiten trägt. Ich halte trotz dem Unfassbaren, was in diesen drei Jahren geschehen ist, an meinem Werten fest. Ich halte fest an meinem Glauben an das Wahre, das Gute und das Schöne. Ich weiß heute, durch meine Erfahrungen der letzten drei Jahre: Er ist unerschütterlich. Er ist mein Nordstern.

Samstag, 16. Juli 2022

Hass ist keine Meinung

 

                                                                       Foto: www


Das Getrenntwerden von denen, die man liebt oder gern hat, erleben manche von uns in dieser unheilsamen Zeit. Wir kommen nicht mehr an die anderen heran. Sie verstehen uns nicht, sie hören uns gar nicht zu, sie können nicht fühlen, was wir fühlen oder sie weigern sich, sich mit unserer Sicht der Dinge auseinanderzusetzen. Sie halten stoisch an dem fest, was sie für die absolute Wahrheit halten, pochen darauf Recht zu haben, spielen sich als Richter auf und verurteilen all jene, die ihrem Urteil über die Dinge nicht zustimmen, inklusive uns. Oder sie beschimpfen uns mit den übelsten Worten und im traurigsten Falle wenden sie sich voller Hass von uns ab. 
 
Was ist passiert?
Wir passen nicht mehr in ihre Welt.
Wir sind die, die nicht ja sagen zu dem, was sie als Wahrheit zu glauben beschlossen haben. Wir haben unsere eigene Wahrheit oder zumindest wagen wir es ihre Wahrheit anzuzweifeln. Wir sind kritisch, wir hinterfragen, wir sagen vielleicht sogar: Nein, deine Wahrheit ist nicht meine.
Damit sind wir eine Bedrohung für ihre kleine Welt, an der sie festhalten um die Kontrolle nicht zu verlieren und ihre mentale Komfortzone nicht verlassen zu müssen. 
„Was nicht sein kann, darf nicht sein.“ Diese Überzeugung bringen wir ins Wanken. Also müssen wir weg aus ihrem kleinen Universum. Wir werden entsorgt. 
Das Band ist zerrissen, von dem wir glaubten, dass es für immer hält.
 
Manche Menschen machen es sich sehr einfach.
Manche Menschen sind einfach strukturiert und zu faul um komplex zu denken. Sie braucht eindeutige Kategorien von Schwarz und Weiß, Gut und Böse.
Aber glauben sie wirklich, dass sie auf einem guten Weg sind?
Glauben sie wirklich, man kann mit Wut, Hass und Aggression auf alles und jeden, der nicht in die eigene Welt und zur eigenen Wahrheit passt, einen guten Weg gehen?
Ich weiß, dass das ein Holzweg ist.
Ich entscheide nicht, was ein anderer zu denken hat.
Ich urteile nicht über den Weg, den ein anderer wählt.
Ich kann die Wahrheit anderer achten und sie stehen lassen, auch wenn sie mir nicht gefällt und ich sie nicht gut heiße.
 
Hass ist keine Meinung.
Ich spucke keinen Hass auf Andersdenkende, weil ich weiß, dass Hass nur die eigene Seele vergiftet. Ich lasse dem anderen das Seine.
Und wenn er mir das Meine nicht lassen kann, dann lasse ich ihn sein. 
 
 
"Es gibt keine zwei Menschen, die gleich sind. Keine zwei Menschen, die einen Satz in ein und derselben Weise verstehen. Wenn man es also mit Menschen zu tun hat, sollte man vermeiden, sie an die Vorstellungen anzupassen, wie man meint, dass sie sein sollten."
 
Milton Erikson

Sonntag, 10. April 2022

Corona-Lockerungen: Warum manche Menschen damit Probleme haben

 



Das Blatt hat sich gewendet. Nach über zwei Jahren Ausnahmezustand  ist das „normale" Leben wieder möglich. Fast alle Maßnahmen sind aufgehoben und die Welt da draußen steht allen Menschen wieder offen, unabhängig vom Impfstatus.

Das erlebt aber nicht jeder so.

Die Corona-Pandemie hat bei manchen Menschen das Sozialverhalten nachhaltig verändert. Das betrifft jene unter uns, die alle Kontakte heruntergefahren oder vermieden haben. Das führt zu einem Gewöhnungsprozess, der nicht so schnell umkehrbar ist. Vielleicht ist auch bei manchen von uns das Bedürfnis nicht mehr da, wieder so zu leben wie vorher, aber ohne zu wissen, wie ein anderes Leben aussehen kann.

 

Manche Menschen haben sich in all der Zeit an den Zustand der Isolierung und daran niemanden real zu sehen gewöhnt. Die Reize wurden heruntergefahren. Wenn sie wieder ins Leben hinausgehen, kann das zu einer Reizüberflutung und in der Folge zu Anpassungsschwierigkeiten führen.

Reizüberflutung ist etwas, das hochsensible Menschen gut kennen und sich davor zu schützen wissen, indem sie sich immer wieder ins Eigene zurückziehen um zur Ruhe zu finden. Was für Hochsensible normal ist, ist es für andere jedoch nicht. Für manche Menschen aber war dieser Rückzug neu und ungewohnt. Mit der Zeit aber haben sie sich o daran gewöhnt, dass das Rausgehen zu einer emotionalen Belastungsprobe wird. 

 

Auch wenn die Omikronvariante des Virus wesentlich ansteckender ist, aber weniger schwer krank machen soll, und zudem die Masken fallen und alle Maßnahmen aufgehoben wurden, haben einige Menschen Angst, sich zu infizieren. So wählen sie weiter den schützenden Rückzug und schotten sich gegenüber realen Kontakten ab.

Sie können nicht mehr umschalten. So gaben in einer Studie der American Psychological Association gaben 48% der Befragten an, sie hätten trotz Impfung Angst vor sozialen Kontakten. Bei 46% löste der Gedanke, wieder einen Lebensstil wie davor zu führen , ein "unbehagliches Gefühl" aus.

 

Andere fühlen sich nach Monaten der Ausgrenzung als Ungeimpfte in der Welt seltsam fremd und nicht mehr dazugehörig. Ihr Menschenbild hat sich aufgrund dieser Erfahrung verändert.  

Sie mussten erleben wie sie diskriminiert, diffamiert, ausgegrenzt und zum Sündenbock gemacht wurden. Man hat ihnen Grundrechte entzogen, sie in Politik und Medien mit spalterischer Rethorik als asoziale Subjekte beschimpft, ihnen sogar den Erstickungstod gewünscht. Freunde, Familie und Bekannte haben sich von ihnen abgewandt und manche haben ihre Arbeit verloren. 

Das macht etwas mit der Psyche. Das bedeutet Zurückweisung und Stigmatisierung, das bedeutet Abwertung und Kränkung. Das weckt Gefühle von Ohnmacht, Wut, Trauer und Schmerz. Emotional kann sich wiederholte Demütigung in Depressionen, Angststörungen oder sozialer Phobie niederschlagen.


Bei einigen der Betroffenen wurden alte Traumata getriggert. 

„Du bist nicht okay, du bist ein Fehler, du bist nicht gut genug, krank, sozial inkompatibel, nicht liebenswert, wertlos, an allem schuld “ ... etc.  

Wer unter solchen destruktiven inneren Überzeugungen aus der Kindheit leidet, bei dem wurden alte Wunden aufgerissen und eine Menge Salz hineingestreut. 

Die Folge: Das von jeher fragile Vertrauen in die Mitmenschen und die soziale Gruppe ist massiv erschüttert. Dazu kommt möglicherweise, dass Werte, Ethik-und Moralvorstellungen, Gerechtigkeitssinn und der Glaube an das Gute, Wahre und Schöne in Frage gestellt wurden und nicht mehr tragen. Die Welt ist aus den Fugen geraten, sie hat sich aggressiv und feindlich gezeigt. 

Wie so wieder Vertrauen fassen und in wen, vor allem dann, wenn vormals Vertraute zu erbitterten Gegnern wurden?

 

Alles ungut.

Aber jetzt könnte doch alles wieder gut sein oder es zumindest werden, mag man denken, der Spuk ist erst mal vorbei. 

Aber so ist es nicht. Nicht für jeden.

 

Was ist, ist, dass einige Menschen durch ihre persönlichen Erfahrungen während über zwei Jahren Corona-Krise den Boden unter den Füßen verloren haben. Sie haben das Vertrauen in andere und die Welt, wie sie zuvor wahrgenommen und erlebt wurde, verloren. 

Was ihnen als selbstverständlich erschien ist zerstört. Was sozialen Halt und gefühlt Sicherheit gab, ist zerbröselt. Ihr ganzes System von Denken, Fühlen und Handeln ist erschüttert oder in sich zusammengefallen wie ein Kartenhaus. Betroffene fühlen sich auf sich selbst zurückgeworfen und manche von ihnen sind vollkommen auf sich alleine gestellt, in einer Welt, die kein sicherer Ort ist und in der sie, im worst case, nicht mehr wissen wo ihr Platz ist. Was Betroffene über Monate verinnerlich haben ist: Das Außen ist bedrohlich, und/oder: Ich gehöre nicht mehr dazu.

 

Manche von uns wollen auch nicht mehr dazugehören.

Aber wo gehören wir denn jetzt hin?

Diese Frage kann zu einem Sinnverlust führen, der schwerwiegende seelische und existentielle Folgen hat, wenn keine Lösung gefunden wird.

Eine dieser Folgen ist soziale Angst, die sich aufgrund der einschneidenden Erfahrungen von Rückzug, Isolation und/oder Ausgrenzung  entwickeln kann, besonders dann, wenn eine psychische Disposition vorliegt.

Soziale Angst ähnelt den Auswirkungen der Agoraphobie: der Angst das Haus zu verlassen, Geschäfte zu betreten, in Menschenmengen und auf öffentlichen Plätzen zu sein, oder alleine mit Bahn, Bus oder Flugzeug zu reisen sowie die Furcht vor der Betrachtung durch andere Menschen. All das führt zur Vermeidung der phobischen Situationen. Der Lebensradius wird immer enger.  Nur der Rückzug in die eigenen vier Wände fühlt sich noch sicher an.

 

In den beschriebenen Fällen, die ich in den vergangenen Monaten und Wochen in der Praxis erlebt habe, ist das alte Leben der Betroffenen unwiederbringlich vorbei und ein neues nicht in Sicht oder nicht vorstellbar.

Wie auch soll ein neues Leben Gestalt annehmen in dem Vertrauen, Halt und Orientierung verloren sind und wenn dann noch Angst herrscht?

Kein leichtes Unterfangen, denn eine Realität, die erschüttert wurde, führt immer zu einem Trauerprozess. Dieser hat vier verschiedene Phasen:

  1. Phase: Schock, Leugnen, Nicht-Wahrhaben-Wollen. 
  2. Phase: Aufbrechende Emotionen.
  3. Phase: Suchen und Sich-Trennen.
  4. Phase: Neuer Selbst- und Weltbezug.

 

Der Prozess der Verarbeitung eines existentiell bedeutenden Verlustes wird von jedem Menschen anders durchlebt und dauert bei jedem unterschiedlich lang.  Am Ende aber führt er in den meisten Fällen, vorausgesetzt, die Trauer wird nicht pathologisch, zur Akzeptanz: Der Mensch kehrt ins Leben zurück und beginnt es neu zu gestalten.

Wo aber Angst und Trauma zu Verlust und Trauer verstärkend hinzukommen, ist es wichtig, die Ängste und traumatischen Erlebnisse zu konkretisieren, sie zu benennen und zu hinterfragen und sich gegebenenfalls professionelle psychologische Hilfe zu suchen, wenn man sie nicht alleine bewältigen kann, was nach meiner Erfahrung selten gelingt. In jedem Falle gilt: Das Alte muss verarbeitet und losgelassen werden, bevor ein neuer Lebensentwurf überhaupt angedacht werden kann.

 

 

Wenn Du Unterstützung brauchst, bin ich für Dich da.

Kontakt: aw@wende-praxis.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Montag, 10. Januar 2022

Aneinandervorbeisein, einsam sein


 

„Er wurde nicht von denen verstanden, die er liebte. Und gerade das hielt er nicht aus, dieses Aneinandervorbeisein mit denen, die er liebte. Aber es war noch mehr da, das so groß wurde, daß es alles überwuchs, und das sich nicht wegschieben lassen wollte.

Das war, dass er nachts weinen konnte, ohne dass die, die er liebte, ihn hörten. Das war, dass er sah, daß seine Mutter, die er liebte, älter wurde und dass er das sah. Das war, dass er mit den anderen im Zimmer sitzen konnte, mit ihnen lachen konnte und dabei einsamer war als je. Das war, dass die anderen es nicht schießen hörten, wenn er es hörte. Dass sie das nie hören wollten. Das war dieses Aneinandervorbeisein mit denen, die er liebte, das er nicht aushielt.“

Diese Sätze sind aus Wolfgang Borcherts Buch, „Das Holz für morgen“.

 

Das Aneinandervorbeisein mit denen, die man liebt, erleben manche von uns zur Zeit. Wir kommen nicht mehr an die anderen heran. Sie verstehen uns nicht, sie hören vielleicht gar nicht zu, sie können nicht fühlen, was wir fühlen oder sie weigern sich, sich mit uns auseinanderzusetzen.

Das kaum Aushaltbare dabei ist, dass wir uns uns allein gelassen fühlen und es sind. Und je mehr wir uns allein gelassen fühlen, desto einsamer fühlen wir uns, sind wir. Wir sind getrennt von denen, die wir lieben, Einzelmenschen, die ihre Gefährten verloren haben. Die Sehnsucht nach Verbundenheit findet keinen Anker mehr. Wir sind getrennte Wesen, die in einem Orbit der Leere trudeln, denn, was uns einst Halt gab und Geborgenheit, hat sich aufgelöst. 

Wir sind enttäuscht und die Enttäuschung sitzt tief. Wir fühlen Trauer. Trauer, die unteilbar ist, die keinen Trost findet, macht noch einsamer.  Sie zieht uns wie ein Sog in den Abgrund der totalen Isolation. 

Keine Verbundenheit - das ist Einsamkeit.

 

Einsamkeit hat Wirkungen. Wir sind müde, immer müde, zu müde um mit jemandem sprechen zu wollen. Mit wem auch?

Nachdenken, Gedanken über das, was war und verloren ist und nie mehr so sein wird. Je länger wir einsam sind, je bewusster uns unsere Verluste werden, desto größer wird die Angst. Angst verrückt zu werden in unserem leeren Orbit, Angst, die sich abwechselt mit der Wut auf die Menschen, die die Einsamkeit verursacht haben. Die uns allein gelassen haben. Das Band ist zerrissen, von dem wir glaubten, dass es für immer hält.

Wir haben uns getäuscht und es hilft uns nichts zu wissen, dass die Enttäuschung das Ende der Täuschung ist. Wir leiden. Gefühle lassen sich nicht wegdenken, weil der Verstand zur Einsicht kommt.

Wir fragen uns: Ist das was wir hatten, noch irgendwie da? Gibt es da noch einen Rest von Verbindung? Macht es noch Sinn überhaupt miteinander zu reden? 

Wir haben es doch versucht, immer wieder und immer wieder nur die Erfahrung des Aneinandervorbeiseins.

Da ist diese Wand, die zu hoch ist, um sie zu übersteigen, zu hart um sie zu durchbrechen.

Äußerste Einsamkeit - das ist ohne Gefährten sein. 

Das ist kaum aushaltbar.

Wir wollen befreit werden, aber es kommt keine Befreiung. Wir wünschen uns Versöhnung, aber sie kommt nicht. Wir beschließen auszuhalten und verlegen uns auf das Hoffen. Wir mahnen uns zur Geduld, sagen uns, die Zeit heilt auch diese Wunde, im Wissen, dass es Wunden gibt, die niemals heilen. Wir sind in Gefahr aufzugeben, wenn wir nicht wissen, womit anfangen, wohin gehen, allein. Immer wieder stoßen wir an unsere Grenzen.

Wir brauchen jetzt geduldige Beharrlichkeit. 

Uns nicht überwältigen lassen. 

Unserer Einsamkeit einen Sinn verleihen.

 

 

 

Donnerstag, 30. Dezember 2021

Für die Menschlichkeit

 


Es geht es zu Ende, das Jahr 2021.
Ein Jahr, in das wir Hoffnung gesetzt haben, die Hoffnung es möge besser werden, als das vorangegangene.
Ist es besser geworden?
Nein.
Das Virus ist geblieben, es hat sich durch eine Impfung, auf die viele Menschen große Hoffnung gesetzt haben, nicht vertreiben lassen und es mutiert weiter. Es ist geblieben und es wird bleiben und mit ihm massive Einschränkungen unseres Lebens, die, hätte man uns das vor zwei Jahren erzählt, keiner von uns für möglich gehalten hätte. Wir haben das Kostbarste verloren, das wir Menschen haben: Unsere Freiheit.
 
Aber wir haben noch etwas Kostbares verloren: Menschen, die wir einst unsere Freunde nannten, Familienmitglieder, Geliebte, Bekannte mit denen wir in gutem Kontakt waren und manche von uns haben das Lächeln, die Offenheit, die Lebensfreude, die Liebe und die Güte füreinander verloren. Manche von uns haben ihre Arbeit verloren und Ihr Recht sich frei zu bewegen. 
 
Wir haben Menschen verloren durch Krankheit und Tod.
Das ist eine Tragödie, aber darauf haben wir keinen Einfluss.
Aber es haben sich Tragödien abgespielt auf die wir Einfluss hatten. Manche von uns haben Menschen verloren, durch ihr eigenes Denken und Handeln, indem sie sich gegeneinander aufhetzen und spalten ließen. Manche von uns haben sich eingelassen auf verwirrte Politiker und eine mediale Welt, die Andersdenkende und Andersfühlende zum Sündenbock und als Gefahr für das Kollektiv abgestempelt haben, solange bis man ihnen Glauben schenkten und sie haben genauso gehandelt hat, wie man es uns wieder und wieder eingetrichtert hat. 
 
Manche von uns haben Menschen ausgegrenzt, verachtet und stigmatisiert, die zuvor eine oder einer von ihnen war.
Wir haben uns auf Lügen verlassen und Versprechungen, die nicht gehalten wurden und mache von uns glauben sie noch immer.
Wir haben uns von der Angst beherrschen und leiten lassen und aus unserer Ohnmacht wurde Wut, die auf diejenigen einschlug, die man zu Schuldigen gemacht hat. Und die „Schuldigen“ haben zurückgewütet.
Wir haben Menschlichkeit, Nächstenliebe, Respekt, Achtung und Mitgefühl zerbröseln lassen.
Wir haben, anstatt zusammenzuhalten, Krieg gegeneinander geführt und führen ihn weiter.
Wir haben das Unheilsame in unsere Welt gelassen, ohne auch nur einen Moment innezuhalten und es einfach laufen lassen; und wir lassen es weiter laufen.
Wir haben durch unsere Respektlosigkeit der Natur gegenüber nicht nur das Virus in unsere Welt eingeladen, sondern auch die Kräfte und die Mächte des Unheils, die es sich zunutze machen.
Wir haben aus einem Unheil ein weiteres Unheil gemacht und manche von uns machen weiter.
Das Unheil wird bleiben. 
 
All die Verletzungen, die sich Menschen in diesem Jahr zugefügt haben, werden nicht vergessen und schwer zu vergeben sein. Wir haben die Krise nicht genutzt um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Wir haben die Chance, die in der Krise liegt, nicht ergriffen, wir haben uns für die Gefahr entschieden und stecken tief drin.
 
2021 war das erschütterndste Jahr in meinem Leben und ich habe weiß Gott einige Erschütterungen erlebt und überlebt. Diese aber ist so gewaltig, dass ich die Welt anders sehe, als ich sie zuvor sah. Nie zuvor war ich am Ende eines Jahres so traurig und so müde. Ich, die starke Frau, die es sich zur Aufgabe gemacht hat Menschen zu unterstützen, die Menschen hilft, weil sie es kann, die anderen Kraft und Zuversicht schenkt, bin müde. Ich bin menschenmüde. Müde der Menschen, die gezeigt haben, was ein Mensch nicht sein sollte. 
 
Und dennoch bin ich dankbar, für meine Kraft, meinen Mut, meine Liebe zum Leben, meinen Glauben an das Wahre, das Gute und das Schöne und dafür, dass ich noch gesund bin und meine Liebsten auch. Ich bin dankbar, dass ich meinen Werten, trotz allem, was es mir abverlangt, treu geblieben bin.
Und ich bin dankbar – den Menschen, die in diesem Jahr alles ihnen Mögliche getan haben um andere zu unterstützen und ihnen, trotzdem es ihnen selbst auch nicht gut ging, durch die schwere Zeit geholfen haben, egal welchen Impfstatus sie haben.
Möge dieser Wahnsinn ein Ende haben.
Mögen die Menschlichkeit, die Freiheit, die Nächstenliebe und die Würde des Menschen nicht ganz verrotten.
 
In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein menschlicheres 2022.
Namasté

Mittwoch, 22. Dezember 2021

Welten



In unserer Jetztzeit, wo es nahezu unmöglich geworden ist, eine Meinung über bestimmte Dinge zu äußern oder gar zu vertreten, die nicht dem Mainstram entspricht, sollten wir einmal ganz bewusst innehalten und unseren durch ständige Angst und Dauerstress verstörten Denkapparat, zur Ruhe bringen. Erst dann ist wieder klares Denken möglich. Erst dann ist es möglich dem Anderen sein Anderssein zu lassen.
Dann werden wir vielleicht erkennen: Es ist nicht unser Aufgabe andere zu bekehren oder zu überzeugen oder gar dazu zu drängen, dem zu folgen, was wir denken oder wie wir es gerne hätten. So funktionieren Menschen nicht und sie werden es nie tun. Und das ist gut so. Niemand lässt sich zu etwas zwingen, was er mit sich selbst nicht vereinbaren kann, es sei denn durch Gewalt, aber auch dann gibt es Menschen, die sich innerlich nicht brechen lassen.
 
Bevor wir andere beurteilen oder verurteilen, sollten wir uns bewusst machen: Jeder von uns nähert sich der äußeren Welt durch die Brille seiner inneren Welt. 
Und in dieser inneren Welt, die durch unser Erleben und unsere Erfahrungen geprägt ist, liegen Vorstellungen, Überzeugungen, Erwartungen, Annahmen, Glaubensmuster, Ängste und Traumata, die sich in unserer persönlichen Geschichte herausgebildet haben. Aufgrund dieser Prägungen, sehen und erleben wir uns selbst und die äußere Welt. Jeder Einzelne von uns lebt auf gewisse Weise in seinem psychischen und geistigen Mikrokosmos inmitten der äußeren Welt. Jeder Einzelne von uns ist sein eigener Mensch. Und jeder Einzelne von uns hat ein Recht auf sein Sosein. Wir beanspruchen das für uns selbst und somit ist es ein Anspruch, den wir auch dem anderen zuzugestehen haben. 
 
Auch wenn wir heute viel über Psychologie, über den Zusammenhang von Körper, Geist und Seele wissen, so beschleicht mich das Gefühl, dass wir gerade dabei sind, dieses wertvolle Wissen auszuradieren, auf Kosten einer Gleichmacherei, die von Angst getrieben ist, der Angst um unser rein körperliches Überleben. 
Aber, was nützt uns das, wenn Geist und Seele dabei erkranken und wir psychisch nicht mehr den Herausforderungen des Lebens gewachsen sind? Absolut nichts.
Im Gegenteil es führt zu Unheil. In uns selbst, in unserem Nächsten, in der äußeren Welt. Weil alles miteinander verbunden ist und eins das andere bedingt.
Wenn wir wieder einmal über andere den Stab brechen, sollten wir uns daran erinnern, dass wir unsere innere Funktionsweise und unsere Sicht der äußeren Welt nicht dem anderen überstülpen dürfen, im Glauben wir besäßen die absolute Wahrheit. Die Wahrheit von gestern, relativiert sich indem wir neue Erkenntnisse gewinnen, indem sich die Umstände ändern, auf denen eine alte Wahrheit basierte. Niemand besitzt die absolute Wahrheit - das ist die Wahrheit. Was heute wahr scheint, kann morgen schon anders sein. Das erleben wir gerade. Und auch das kann wiederum Angst machen. Worauf können wir uns noch verlassen? Welcher äußeren Wahrheit können wir zutiefst vertrauen? Was ist wirklich wahr?
Wahr ist aber: Wenn Angst in uns herrscht, entspricht die innere Welt nicht mehr der äußeren. Die Sicht aus der Angst heraus ist niemals eine klare. Angst führt immer zu unverhältnismäßigen Reaktionen, sie lässt unsere Alarmglocken läuten und die klingen bei jedem von uns anders und jeder reagiert anders. Und bei manchen von uns, reagieren sie über.
Es ist nicht so, dass es nichts Angstmachendes oder Besorgniserregendes in unserer äußeren Welt gibt, es gibt leider zur Zeit sehr viel davon, darüber müssen wir nicht diskutieren, aber wir könnten darüber nachdenken, ob unsere Reaktionen angemessen sind. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir alle Menschen sind und jeder Mensch ein Individuum, auch wenn dieser Mensch gänzlich anderer Meinung ist. Und dass er deshalb nicht gleich unser Feind ist. Wir sollten darüber nachdenken, wie wir in unserem Mikrokosmos wieder Frieden schaffen und es tun.

Donnerstag, 18. November 2021

Wir schaffen das!

 



Gestern hatte ich eine Sitzung mit einer verzweifelten Klientin. Sie weinte viel. Es war schwer sie zu beruhigen.
„Da ist so viel Angst, da ist so viel Schwäche, ich halte das nicht mehr aus, ich habe Angst, dass es niemals aufhört. Das überfordert mich und macht mich so kraftlos. Ich habe Angst um meine Kinder, Angst um mich. Angst um uns alle. Und ich fühle mich so mutterseelenallein“, sagte sie.
Vielen von uns geht es wie meiner Klientin. Es ist eine schwere Zeit. Und wer von uns allein ist in dieser schweren Zeit hat es sehr schwer. Wenn da keiner ist, an dem wir uns festhalten können, der uns auffängt, wenn wir kippen, der uns tröstet und uns Mut zuspricht, wenn wir traurig oder verzweifelt sind, wenn wir alles aus eigener Kraft schaffen müssen, alleine durch- und aushalten müssen und uns jeden Tag aufs Neue dem Alltag stellen müssen im Gewahrsein: Du darfst nicht zusammenbrechen. Nicht krank werden. Du musst weiter machen, denn du hast nur dich. Und die, die dich brauchen, die zählen auf dich. 
 
Ich weiß wie schwer es ist stabil zu bleiben, wenn sich das Außen wie eine Welle über uns erhebt und wir allein am Strand stehen und uns fürchten, dass sie über uns zusammenbrechen wird, noch bevor wir ihr ausweichen können.
Ich kann sehr gut nachfühlen, wie meine Klientin sich fühlt, wie manche von uns sich fühlen. Ich habe in meinem Leben einige schwere Krisen erlebt und überlebt. Allein. Es ist schwer stabil zu bleiben, besonders wenn man allein ist oder sich alleine fühlt.
Mir hilft es im Moment zu bleiben. Bewusst auf das zu achten, was gerade ist, was ich gerade mache oder zu tun habe. Im Jetzt sein. Präsent sein. Das Mögliche sehen und tun. Und kleine Schritte machen. Nicht zu weit nach Vorne denken. Auch zulassen, wenn es einmal gar nicht geht. Das ist okay. Und Weinen um den Druck abzulassen. Auch das ist okay. 
 
Die Welt wandelt sich und wohin sie sich wandelt, wissen wir nicht.
Diese Unsicherheit macht Angst, wie so vieles andere in dieser schweren Zeit. Ja, ich habe auch Angst. Und ja, es ist okay Angst zu haben. Aber wir müssen achtsam sein, aufpassen, dass sie nicht lähmt und unser Denken verwirrt. Und wieder im Moment sein. Und atmen. Und Vertrauen in das Gute. Das habe ich noch immer. Denn das gibt es, das ist unzerstörbar.
Halten wir durch. Wir sind nicht allein. Wir sind niemals allein, denn wir sind miteinander verbunden. Alle. So wie Ihr mit mir und ich mit Euch, hier in diesem Feld.
„Es ist Schweres, das euch aufgetragen wurde", schrieb einst Rainer Maria Rilke.
Aber auch das Schwere wird irgendwann leichter. Denn: Alles, alles geht vorüber. Alles wandelt sich. Immer. Das ist Leben, das sind die Gesetze des Lebens.
Wir können den Wandel nicht beschleunigen. Es ist ein Prozess. Wir können nichts vom Unguten im Außen ändern, aber wir können jeden Moment entscheiden unsere Haltung zu ändern und damit ändern wir unser Inneres und das wirkt auch auf das Außen. 
 
Wie wir die Dinge deuten, wie wir mit den Dingen umgehen, das liegt in unserer Hand. Wie wir die Möglichkeiten, die uns bleiben, trotz all dem unmöglich Gewordenen sehen, gestalten und nutzen, liegt in unserer Hand. Und was wir Beitragen zum Schweren um es für uns selbst und die, die wir lieben, leichter zu machen – auch das liegt in unserer Hand, solange wir gesund sind und leben.
Achten wir gut auf uns und unsere Nächsten. Das ist eine Aufgabe. Sie anzunehmen liegt in unserer Hand.
Wir schaffen das!

Donnerstag, 30. September 2021

Entfremdung


                                                                  Foto: A.Wende

Schon immer wurden Beziehungen zu Menschen, die unseren Erwartungen nicht gerecht werden und deren Ansichten und Lebensweise nicht in unser Weltbild passen, stillschweigend beendet oder auf Eis gelegt, ohne dass ein echter Abschied stattfindet. Der Rückzug ins Eigene wird angetreten und der andere weiß gar nicht, warum wir uns zurückziehen und meistens fragt er auch nicht. Eine stille Übereinkunft zwischen Menschen, die sich nicht trauen zu sagen und sich nicht trauen zu fragen.
Mir scheint die Pandemie hat diese Art von Rückzug verstärkt.
 
Viele Menschen ziehen sich zurück. 
In die kleine Zelle der Beziehung, in das kleine Feld der Familie oder in sich selbst, wenn sie allein sind. Offen bleiben, zugewandt bleiben, neugierig bleiben, empathisch sein, hilfsbereit sein, auch wenn es nicht der direkte Nächste ist, Interesse zeigen am anderen, gelingt vielen nicht mehr in diesem neuen Normal, das so unnormal ist, das ein normaler Mensch damit nicht klar kommt. In einer abnormalen Situation ist eine abnormale Reaktion das normale Verhalten. Ein Mensch, je normaler er ist, desto abnormaler wird er auf die Tatsache reagieren, dass er in die abnorme Situation geraten ist. 
 
Wir alle sind in eine abnorme Situation geraten und wir alle sind auf gewisse Weise traumatisiert. Die wenigsten aber sind sich dessen bewusst. Sie entwickeln unbewusst Überlebensstrategien, die alles, was das eigene Wohlbefinden gefühlt bedroht, vermeiden. Sie haben aufgehört sich für andere, die nicht zum engsten Kreis gehören, zu interessieren. 
 
Ausschluss statt Einschluss.
Menschen verpuppen sich in das, was ihnen noch sicher und kontrollierbar erscheint, halten es fest und verschließen sich dem Außen. Sie öffnen sich nichts und niemanden, was diese scheinbare Sicherheit ins Wanken bringen könnte. Da war zu viel Bedrohung, da ist zu viel Bedrohung. Immer noch ist die Welt da draußen unsicheres Gebiet. Und alles was die kleinste Unsicherheit bedeuten könnte, wird abgewehrt. 
 
Viele haben verlernt den anderen zu sehen.
Sie sehen nicht mehr über den eigenen Tellerrand hinaus. Das Sichtfeld ist eingeschränkt vom Ego, dass sich ängstlich nur noch um sich selbst dreht.
Mitmenschlichkeit hat eine neue Bedeutung bekommen.
Mitmensch ist nur der, der direkt neben uns ist, den wir brauchen, um emotional zu überleben. Die anderen sind uns gleichgültig. In dieser neuen Gleichgültigkeit zählen nur noch die eigenen Interessen und dass es uns gut geht, so gut es uns gehen kann in diesen unguten Zeiten. 
 
Trennung wohin man sieht.
Trennung nicht nur vom für uns unbedeutenden Nächsten, Trennung von allem und jedem, was dem egozentrischen Motiv „Ich bin mir selbst der Nächste“ im Wege steht.
Wir alle sind auf uns allein gestellt. Das ist nichts Neues. Aber nie war es so fühlbar wie heute. Nie war die Fiktion eines menschlichen Miteinanders so zerbröselt wie heute. Nie haben Menschen andere Menschen so radikal ausgeschlossen wie heute. Nie wurde Narzissmus so offen und unverdeckt gelebt wie heute.
 
Die Pandemie wird diesen Narzissmus weiter füttern.
Aus der Anfangs gebotenen Distanz zum Selbstschutz ist ein Dauerzustand geworden. Eine Distanz, die unweigerlich, gelingt es uns nicht sie aufzuweichen, in die totale Entfremdung des Menschen vom Menschen und damit - und das ist der springende Punkt: zur Entfremdung des Menschen von sich selbst führt.

Mittwoch, 8. September 2021

Apokalypse - was bedeutet das?

 



Gestern sah ich auf you tube den Beitrag einer von mir geschätzten Kollegin zum Thema „Apokalypse“. Ein tiefgründiger Beitrag, gut recherchiert, die Reflexion eines klugen, hochsensiblen Menschen, die mich beindruckt hat. Ihrer Meinung nach, und ich stimme ihr zu, ist die Corona-Pandemie ein apokalyptisches Ereignis.
Ich habe nachgedacht, mache mir an diesem Morgen weiter meine Gedanken.
 
Was ist die Apokalypse?
Die Apokalypse ist ein Buch des Neuen Testamentes und den meisten von uns unbekannt. Der Verfasser ist ein ebenso unbekannter Johannes, der dieses Buch um die Wende vom 1. zum 2. Jahrhundert geschrieben hat. Die Apokalypse ist die Beschreibung einer düsteren Zukunft der Menschheit und wird gedeutet als die prophetische Vorhersage vom Ende der Welt, mit der den Menschen Angst und Schrecken eingejagt werden sollte. Sie schildert eine sehr dunkle, bedrohliche Situation der Zerstörung in beindruckend erschreckenden Bildern. Daher kommt, dass wir von einer schrecklichen Katastrophe sprechen, wenn wir von „apokalyptischen Ereignissen“ sprechen.
Befasst man sich intensiv mit dem Bibeltext, lässt man sich von der Düsterkeit der Bilder überfluten und emotional gefangen nehmen, kann man ihn so deuten, dass der Menschheit der Untergang bevorsteht. Sieht man aber über die Schreckensbilder hinaus und nimmt einen anderen Standpunkt der Betrachtung ein, ist der eigentliche Inhalt der Apokalypse die große Zukunftsverheißung, die Hoffnung macht, dass alles ein gutes Ende nimmt und dass das Göttliche siegen wird.
 
Es lässt sich nicht leugnen, dass es Veränderungen gibt, katastrophische Veränderungen. 
Wir erleben das seit zwanzig Monaten, denn eine Krise, die sehr lange anhält, wandelt sich zur Katastrophe. (Katastrophe = ein folgenschweres Unglücksereignis). Die Folgen sind spürbar, für jeden Einzelnen von uns.
Jetzt haben wir haben die Wahl.
Wir können glauben, das ist alles schrecklich und schlimm und uns von Angst und Untergangstimmung leiten lassen, aber wir können uns angesichts der Katastrophe auch fragen: Was machen wir aus dem was jetzt ist? Und: Wie gehen wir damit um?
Lassen wir uns weiter in eine apokalyptische Weltuntergangstimmung hineinziehen, die, sehen wir uns die Bilder der Coronakrise in den Medien an, immer wieder die Seuche ausrufen, gefüttert wird? Lassen wir uns in eine Dauerangst hineinreißen und immer weiter verunsichern und gar lähmen, oder halten wir fest an der Zuversicht, dass alles vorüber geht, dass nichts bleibt wie es und sich die Dinge zum Besseren wandeln?
Hinterfragen wir, prüfen wir oder glauben wir alles, was man uns erzählt? Lassen wir uns vom täglichen Schreckgespenst erschrecken, oder blicken wir ihm unerschrocken ins Gesicht, bereit das uns Mögliche zu tun um unser Seelenheil zu schützen?
Wir haben die Wahl, wir können entscheiden. Auch wenn wir das, was ist, nicht ändern können – unseren Umgang mit dem was ist, wählen wir selbst. 
 
Machen wir uns bewusst, dass die Apokalypse nicht einfach eine Katastrophe ist, sondern wie alle Katastrophen auch eine Möglichkeit der Transformation. Eine unbequeme, eine schmerzhafte zwar, aber eine Möglichkeit das zu ändern, was unheilsam war und ist, individuell und kollektiv.
Welchem Weg wollen wir folgen?
Dem derer, die uns mit Angst und Schrecken füttern oder dem derer, die uns Zuversicht und Glaube vermitteln? Den Glauben an das Gute, das letztlich siegen wird.
Wollen wir, ob der Härte der apokalyptischen Realität unser Herz verhärten oder wollen wir es öffnen, für uns selbst und unsere Mitmenschen, indem wir zusammenstehen, uns einander beistehen und uns gegenseitig unterstützen, indem wir uns Mut machen und festhalten an Glaube, Liebe und Hoffnung?
Womit fühlen wir uns besser? Was gibt uns mehr Kraft? Was ist gesund?
Apokalypse ist zwar Vernichtung, doch was vernichtet sie?
 
Die Apokalypse ist im Grunde genommen schon selbst die Überwindung. Sie vernichtet, sie überwindet das, was nicht mehr trägt, was längst zerbröselt ist, was ungut und unheilsam war. Längst ist etwas untergegangen. Und längst hat etwas Neues begonnen.
Jetzt sind wir an einem empfindlichen Punkt: Das Neue kann sich positiv utopisch entwickeln oder destruktiv dystopisch. Wir entscheiden mit. Jeder für sich, jeder von uns trägt seinen Teil dazu bei wie die Dinge sich entwickeln. Jeder von uns ist wichtig.
Der Vernichtung kann der Wandel folgen, das Heilsame. Wir entscheiden, was wir dazu beitragen - im Kleinen, denn das Kleine formiert das große Ganze.