Freitag, 25. September 2026

Nichts weiter

 

Foto: A.W.

"Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort. Sie sprechen alles so deutlich aus: Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus, und hier ist Beginn und das Ende ist dort", schreibt Rainer Maria Rilke.
 
Dieser Zwang, für jedes Gefühl, jede Stille und jeden Zufall sofort ein „Warum“ zu finden nimmt dem Dingen ihre Tiefe, ihre Schönheit und Leichtigkeit. Für mich liegt darin eine der Zumutungen unserer Zeit, dass alles benannt, erklärt und eingeordnet werden muss. Kaum entsteht ein Gefühl, wird nach seiner Ursache gesucht. Kaum geschieht etwas Zufälliges, wird daraus ein Zeichen. Kaum entsteht Stille, wird sie mit Worten gefüllt. Es wird zerredet, analysiert, spekuliert und in Schubladen gesteckt. Als müssten wir allem einen Grund, eine Ursache, einen Sinn geben, bevor wir es überhaupt wirklich erfahren dürfen. Nein, nicht alles, was uns berührt, braucht eine Erklärung, eine Deutung, eine Analyse, ein Zerpflücken. Manche Dinge verlieren gerade dann etwas von ihrem Zauber, wenn wir sie zu genau betrachten. Ein Blick, der uns unerwartet trifft. Eine Begegnung, die uns berührt. Ein Lied, das uns an einen längst vergessenen Ort zurückführt. Ein Nachmittag, an dem nichts Besonderes geschieht und der sich trotzdem leicht und vollkommen anfühlt. Die Schönheit all dessen liegt für mich gerade darin, dass wir sie nicht erklären und nicht festhalten können.
 
Wir leben mit der Vorstellung, verstehen zu müssen, um etwas annehmen zu können. Aber manchmal ist es genau umgekehrt. Wir dürfen aushalten, etwas nicht zu verstehen, um ihm wirklich begegnen zu können. Wir dürfen vom Erklärungsmodus in den Erlebensmodus wechseln. Wie viel tiefer und berührender wäre dann das Leben.
 
Nicht alles ist immer eine Frage, auf die wir eine Antwort finden müssen. Manches darf einfach geschehen. Manches darf widersprüchlich bleiben. Manches darf unausgesprochen bleiben. Manches darf ungelöst bleiben. Und manches müssen wir nicht benennen, damit wir es als das wahrnehmen können, was es eigentlich ist: ein Moment, der nichts von uns verlangt, sondern uns berühren will. Nichts weiter. Und doch so viel. 
 
 
Angelika Wende
www.wende-praxis.de
 
 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen