Dienstag, 1. September 2026

Nicht alles, was von Licht spricht, ist Licht

 
 
Gestern saß ich in einem Café, als mich eine Frau ansprach. Sie sah mich an und sagte: „Sie haben die Energie von etwas Gutem und Lichtvollem. Ich spüre das.“
Ihre Worte berührten etwas in mir. Vielleicht deshalb, weil ich diese Sehnsucht nach Licht, Güte und innerer Verbundenheit in mir spüre. Für einen Moment entstand durch diese Worte das Gefühl, gesehen zu werden. Nicht äußerlich, sondern auf einer tieferen Ebene. Die Frau wirkte warm, offen und spirituell zugänglich. Ich empfand Sympathie und ließ mich auf ein Gespräch mit ihr ein. Im Laufe dessen empfahl sie mir ein Buch. Sie stellte eine Verbindung zwischen dem inneren Licht, das sie in mir wahrgenommen haben wollte, und diesem Buch her, so, als könne es mir den Weg zu genau jenem Licht eröffnen.
 
Wieder zu Hause, las ich online eine Leseprobe.
Dann kam der Schock. Statt Licht, Liebe und innerer Freiheit begegnete mir eine Welt von unerbittlichen Schöpfungsgesetzen, absoluten Wahrheiten, Drohungen, Gericht und Strafe. Wo ich Offenheit erwartet hatte, empfand ich Enge. Wo ich Licht erwartet hatte, spürte ich Dunkelheit. Und wo ich Liebe vermutet hatte, begegnete mir etwas, das in mir Beklemmung auslöste.
Ich saß vor diesem Text und fühlte einen tiefen Widerspruch.
Das warme Gefühl im Café, meine Sympathie für diese Frau, das Gefühl, von ihr auf eine besondere Weise erkannt worden zu sein, war nun untrennbar mit dem Buch verbunden, das in mir genau das Gegenteil auslöste: Unbehagen.
Ich fragte mich: Wie kann jemand, der diese gruselige Welt malt, ein Licht sein, von dem diese Frau gesprochen hat?
Und ich fragte mich: Woran erkennen wir eigentlich, was heilsam ist? Nicht jede warme Begegnung ist echt. Und nicht jedes Wort von Licht, Liebe oder Wahrheit trägt diese Dinge auch in sich.
Als ich etwas Abstand gewann, begann ich die Begegnung aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Ich fragte mich, ob die anfängliche spirituelle Schmeichelei, bewusst oder unbewusst, eine Tür öffnen sollte, durch die anschließend eine bestimmte Weltanschauung in mein Denken Eintritt finden sollte.
In der Psychologie und in der Sektenaufklärung wird beschrieben, wie stark positive Bestätigung und persönliche Spiegelung sein können. Es ist eine Form gezielter spiritueller Schmeichelei, ähnlich wie das Love Bombing des Narzissten.
Das Muster ist subtil:
Zuerst wird etwas in uns angesprochen, nach dem wir uns vielleicht schon lange sehnen. „Du bist Licht."
Solche Worte können das Herz öffnen.
Sie geben uns das Gefühl, erkannt und verstanden zu werden. Und genau dadurch entsteht Vertrauen. Erst danach wird die Verbindung zu einer bestimmten Lehre, einem Buch oder einer Weltanschauung hergestellt. Die unterschwellige Botschaft lautet dann: „Weil du so lichtvoll bist, ist dieses Buch genau das Richtige für dich.“ Die Falle zeigt sich erst im nächsten Schritt: Als ich in das Buch hineinlas, fand ich alles andere als dieses Licht. Ich fand eine strenge, angsteinflößende Welt.
 
Diese Erkenntnis macht mich traurig. Wieder einmal habe ich erlebt, wie manipulativ Menschen sein können. Doch gleichzeitig bin ich dankbar für mein gesundes Bauchgefühl. Es hat sofort Alarm geschlagen, als die Diskrepanz zwischen der gespielten Wärme und der Kälte des Buches fühlbar wurde. Und das ist ein wichtiger Teil geistiger Freiheit: die Fähigkeit, innezuhalten, selbst dann, wenn uns etwas als eine schöne Wahrheit präsentiert wird. Spiritualität bedeutet nicht, alles zu glauben, was sich spirituell anhört. Sie bedeutet auch, selbst zu prüfen. Dass wir nicht nur danach fragen, was eine Lehre verspricht, sondern danach, was sie in uns auslöst.
 
Wahres Licht muss nicht behaupten, dass es Licht ist. 
Man erkennt es daran, was es in uns an Gefühl entstehen lässt. Es braucht keine angsteinflößenden Dogmen und kein Buch der Welt, um unser inneres Licht zu spüren. Jeder der mit solchen Dogmen arbeitet ist gefährlich. Sie sprechen von Licht, Liebe und Wahrheit, nutzen aber als treibende Kraft Angst und Drohung. Und genau das, ist die eigentliche Erkenntnis dieser seltsamen Begegnung. Ich wurde in meinem Gefühl bestätigt. Ich muss mein inneres Licht nicht dort suchen, wo jemand anderes behauptet, den Weg dorthin zu kennen.  Das Licht, nach dem wir suchen ist viel näher, als wir denken. Es zeigt sich nicht in großen Worten, nicht in Dogmen und schon gar nicht in der Angst vor einem kommenden jüngsten Gericht. Es zeigt sich in unserer Fähigkeit, frei zu denken, zu fühlen, zu lieben und unserer inneren Wahrheit zu vertrauen.
Ich habe an diesem Tag nicht das Licht gefunden, das mir die Frau "verkaufen" wollte. Aber ich habe etwas anderes gefunden: die Gewissheit, dass ich mein eigenes Licht nicht an eine fremde Wahrheit abgeben muss. Und vielleicht beginnt genau dort wahre Spiritualität, nicht im blinden Glauben an das, was uns jemand erzählt, sondern im Vertrauen auf unser eigenes inneres Licht, das wir manchmal nur nicht sehen können.
 
Angelika Wende

Montag, 31. August 2026

Gegen das schöne Altern

 
Malerei: A.W.

 
Das Alter erfordert eine Menge Kraft und Geduld, weil man akzeptieren muss, dass Dinge, die früher völlig von alleine und ohne einen einzigen Gedanken selbstverständlich funktioniert haben, plötzlich Aufmerksamkeit und Disziplin verlangen und dass plötzlich einfachste Körperfunktionen mühsame Planung erfordern. Es ist absolut verständlich, dass man das unbarmherzig finden kann und darf. 
 
Ich denke viel über das Alter nach, weil es mich kalt erwischt hat. Ich bin nicht mehr die gesunde Frau, die ich bis vor Kurzem noch war und weil ich langsam auf die Siebzig zugehe. Man sieht es mir nicht unbedingt an, ich habe Glück gehabt, gute Gene oder was auch immer. Aber mein Außen und mein Inneres bewegen sich trauriger weise nicht mehr synchron. Vieles hat sich verändert. Ich habe mich verändert und ich verändere mich noch. Ich habe keine Ahnung, wo das endet, bzw. wo, wie und wann ich ende. Bis natürlich auf die Gewissheit meines Endens, das gar nicht mehr so weit weg ist. Auch wenn ich noch ein paar Jahre oder Jahrzehnte leben sollte, das Meiste ist gelebt.
 
Und nein, man ist nicht so alt, wie man sich fühlt. 
Man kann sich in Geist und Seele jung fühlen und körperlich wie eine Greisin. Auch da gilt nicht das beliebte „entweder oder“. Beides kann sein. Nun denn, es ist, wie es ist. Ich jammere nicht, aber ich kann mir auch nichts schönreden oder einreden lassen, ich sollte doch dankbar sein, dass ich noch lebe und mein Alter feiern. Altern ist eine zutiefst existenzielle Erfahrung und für jeden von uns ist sie eine andere. Ich stimme jedenfalls nicht in den Lobgesang des Alters ein. Kann ich nicht. Will ich nicht, weil ich noch nie der Typ zum Lobsingen war. Ich bin nicht altersoptimistisch. Das ist heutzutage fast schon ungewöhnlich. Überall liest man vom „jung gebliebenen Herzen“, vom „Faltenfeiern als Zeichen der gewonnenen Lebensweisheit“ (was auch nicht stimmt, denn alt sein ist nicht gleich weise sein), von „Best Agern“ und davon, dass Altern nur eine Frage der Einstellung sei. Ich verweigere mich genau diesem Trost. Mir fehlt da die Differenzierung.
 
Also suche ich Gleichdenkende, um mich mit meiner Empfindung nicht mehr so allein zu fühlen. Philipp Roth zum Beispiel, der seinen „Jedermann“ sagen lässt: „Das Alter ist ein Massaker“ und selbiges auch entsprechend begründet. Darin erkenne ich eine Haltung, die mir näher ist als die Lobgesänge auf das Alter, das Schönreden, die Ignoranz oder die Verdrängung. Ich brauche diese Differenzierung, um mich mit dem, was gerade mit mir geschieht, auseinandersetzen zu können. 
Es geschieht mir, das ist der Punkt. Das erzeugt eine grundlegende Spannung im Inneren: Ich bin diejenige, die mein Leben gestaltet und gleichzeitig geschieht mir mein Leben. Ich bin nicht nur diejenige, die Entscheidungen trifft. Ich bin auch diejenige, der Zeit geschieht. Das bedeutet nicht, dass unsere Entscheidungen bedeutungslos sind. Im Gegenteil, sie haben Bedeutung, nur eben keine vollständige Macht über das, was geschieht. 
 
Das Alter aber hat Macht.
Es hat Macht über den Körper, über die Zeit, über Möglichkeiten und schließlich über die Endlichkeit des eigenen Lebens. Und gerade darin unterscheidet sich das Alter von vielen anderen Lebensentscheidungen. Es entscheidet über uns. Einen Beruf kann man wechseln. Einen Ort kann man verlassen. Eine Beziehung kann man beenden. Aber man kann nicht einfach aus seinem Alter aussteigen. Man kann nicht sagen: Dieser alte Mensch möchte ich nicht mehr sein. Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Macht des Alters: Es nimmt einem nicht einfach Möglichkeiten weg, es verändert die Bedingungen, unter denen man überhaupt noch wählen kann. Man bleibt derselbe Mensch und ist doch nicht mehr derselbe Mensch. Man hat weiterhin Wünsche, Erinnerungen, Hoffnungen und Vorstellungen von sich selbst , aber der Körper, die Zeit und die Lebensumstände setzen diesen Wünschen zunehmend Grenzen.
 
Wenn man wirklich begreift, dass einem Dinge geschehen, kann das sehr beunruhigend sein. Ich stelle fest: Ich bin alt. Und darin steckt etwas Eigenartiges: Mein heutiges Ich wurde von der Zeit erzeugt, ohne dass mein heutiges Ich das beschlossen hätte. Das Alter zeigt mir die Grenze der Selbstbestimmung. Ich kann mich um meinen Körper kümmern, Sport machen, gesund leben, mich pflegen. Man kann beeinflussen, wie man altert. Und man kann es eben nicht. Man kann trotzdem krank werden. Nicht unbedingt, weil man etwas falsch gemacht hat, sondern weil der Körper und das Leben nicht vollständig unserer Kontrolle unterliegen. 
Krankheit ist ein besonders deutliches Beispiel dafür, dass der Mensch nicht ausschließlich ein selbstbestimmtes Wesen ist. Etwas geschieht an ihm, nicht nur durch ihn. Und dann wird das noch deutlicher: Der Körper verändert sich. Die Kraft nimmt ab, Möglichkeiten verschwinden, Menschen sterben, die man kannte, die eigene Lebenszeit wird spürbar begrenzt. Man wird alt, aber man kann nicht grundsätzlich entscheiden, ob und wie man altert. Und das ist schwer auszuhalten, weil wir psychologisch gerne glauben, dass zwischen unserem Verhalten und dem, was uns passiert, eine klare Ordnung besteht. Wenn ich mich richtig verhalte, werde ich belohnt, wenn ich mich falsch verhalte, passiert etwas Schlechtes. Das Leben funktioniert aber nicht nach diesem Prinzip. Das Alter schon gar nicht. 
 
Das Altern gilt in der Psychoanalyse als die vorletzte und nicht auszugleichende narzisstische Kränkung, während der Tod die letzte darstellt. Sind aber jetzt alle, die das Alter nicht feiern narzisstisch? Natürlich nicht. Die narzisstische Kränkung des Alters besteht nicht einfach darin, dass man plötzlich alt aussieht. Sie besteht darin, dass die Grundlagen, auf denen das Ich sein Gefühl von Selbstwirksamkeit, Autonomie, Attraktivität, körperlicher Integrität und Zukunft aufgebaut hat, allmählich wegbrechen. Narzissmus wird hier nicht als Pathologie, sondern als Regulationssystem des Selbstwertgefühls verstanden. Und das Alter macht etwas damit. Was, ist wie gesagt bei jedem etwas anderes.
 
Ich lese Cioran, der sich mit Roth wohl wunderbar verstanden hätte, wären sie sich denn einmal begegnet, zumindest was ihre Ansichten über das Alter betrifft. Emil Cioran sah das Alter als eine unbarmherzige, bittere und illusionslose Phase des Lebens.  In seinen Aphorismen und Büchern beschreibt er das Altern als einen schmerzhaften Prozess des Verfalls und der Entzauberung. 
Für ihn ist das Altern der Moment, in dem der Mensch alle Masken, Illusionen und Lebenslügen verliert. So schreibt er, dass das Alter uns „die Dinge so zeigt, wie sie sind“ – nackt, leer und ohne den trügerischen Glanz der Jugend. Er geht sogar so weit, dass er behauptet, das Alter demaskiert das Leben als ein absurdes Theaterstück. Ich habe das schon in jungen Jahren gedacht, aber es nicht wirklich als solches ernst genommen und schön meine Rollen gespielt. Was ich nicht bereue, denn hätte ich das Spiel durchschaut, hätte ich so Einiges an Schönem, Leidenschaft und Wildheit verpasst. Allerdings hätte ich mir auch vieles an Dramen erspart, aber dann hätte ich ja die Theaterbühne nicht vollends ausgenutzt. Also alles okay.
 
Der Körper wird bei Cioran zur Last und zum Verräter.
Der Geist bleibt wach, während der Körper sich verändert, und das Bewusstsein muss diesem Vorgang zusehen. Das hat etwas Grausames. Gnadenlos beschreibt er den alternden Menschen als jemanden, der allmählich zum Sklaven seiner eigenen Biologie und seiner eigenen Organe wird.
Wohl dem, der gesund altert.
Die meisten von uns haben dieses Glück nicht. Auch wer gesund lebt, hat keine Garantie, gesund zu bleiben, bis der Tod den Körper schließlich von ihm trennt. In „Vom Nachteil, geboren zu sein“ findet sich der Satz: „Man altert nicht schrittweise, man stürzt von einer Stufe zur nächsten.“
Das kann ich für mich persönlich bestätigen. Zack. Ich stürze. Nicht wirklich von einer Stufe, sondern im metaphorischen Sinne. Und von diesem Tag an ist etwas anders als vorher. Und was dann? Tja. Dann kommen genau diese Gedanken. Bei mir zumindest. Das Alter ist unbarmherzig.
 
Und wo bleibt der Frieden, den ich mir nach einem langen, anstrengenden Leben verdient habe?  Den muss ich mir weiter selbst verdienen. Es gibt keine Belohnung von irgendwoher. Und schon gar nicht vom lieben Gott, der sagen könnte: All die Alten haben so viel geschafft, jetzt beschenke ich sie dafür. Weit gefehlt. Stattdessen sehe ich, wenn ich nach draußen gehe, immer mehr alte Menschen, die einsam und vergessen auf Bänken sitzen, die Flaschen sammeln, weil die Rente nicht reicht. Und dann sind da jene, die in Pflegeheimen vor sich hin existieren und nicht einmal mehr würdevoll behandelt werden. So viel zur Würde im Alter. Und das Schlimmste: Sie können sich oft nicht einmal wehren. Sie sind zur Hilflosigkeit verdammt. Nein, da möchte ich nicht enden. Vorher mache ich einen würdevollen Abgang von der Bühne.
 
Cioran hätte Philipp Roth in seiner Feststellung, dass das Alter ein „Massaker“ ist, und mir in meiner Empfindung, dass es unbarmherzig ist, vermutlich aus tiefster philosophischer Überzeugung zugestimmt. Er hielt wenig von der gesellschaftlichen Floskel des schönen oder würdevollen Alterns. Vielleicht muss man das Alter auch nicht schön finden.
Vielleicht muss man es überhaupt nicht feiern.
Vielleicht reicht es, ihm ins Gesicht zu sehen. Ohne Trost. Ohne Beschönigung. Ohne die Pflicht, darin unbedingt noch einen Gewinn erkennen zu müssen. Und vielleicht ist genau das die letzte Form von Selbstbestimmung, die uns bleibt: nicht darüber bestimmen zu können, was uns widerfährt, aber darüber, mit welcher Klarheit wir es ansehen. Das Alter geschieht mir.
Und ich sehe hin.
 
Angelika Wende
www.wende-praxis.de

Sonntag, 30. August 2026

Kann eine Seele zerbrechen?

 

Foto: A.W.


Meine Klientin ist am Boden zerstört. „Mein ganzes Leben, alles was mir Sinn und Halt gab ist verloren, meine Identität ist zerbrochen. Meine Seele ist zerbrochen“, sagt sie.
Dieses Gefühl kann einen Menschen zutiefst erschüttern und verzweifeln lassen. 
 
Aber ist es wahr? Kann eine Seele wirklich zerbrechen?
Wenn wir von einer zerbrochenen Seele sprechen, meinen wir oft einen Menschen, der durch Leid, Trauma, Verlust oder Verzweiflung innerlich so tief verletzt wurde, dass er sich selbst nicht mehr als ganz erlebt. Doch eine zerbrochene Seele ist keine wissenschaftliche Tatsache und keine medizinische Diagnose. Es ist ein Bild für einen Zustand tiefsten inneren Leidens.
Viele von uns glauben an die Vorstellung, dass unter jeder zerbrochenen Seele noch ein heiler und unversehrter Kern verborgen liegt. Das ist tröstlich, aber kein allgemeingültiges Gesetz. Es ist möglich, dass ein Mensch trotz schwerster Verletzungen etwas in sich bewahrt, das sich lebendig, ganz oder unverletzt anfühlt. Es kann aber auch sein, dass sich ein Mensch durch das Erlebte so sehr verändert und so verzweifelt ist, dass es nicht sinnvoll und nicht hilfreich ist, von einem unverletzten inneren Kern zu sprechen. Dieser Mensch würde es in seiner Verzweiflung nicht glauben. Und wir würden ihn in seiner Verzweiflung nicht ernst nehmen. Heilung muss nicht bedeuten, etwas Unversehrtes wiederzufinden, das unter den Verletzungen verborgen ist. Sie kann auch bedeuten, aus dem, was geschehen ist, ein neues Verhältnis zu sich selbst und zum eigenen Leben zu entwickeln.
 
Aber was ist Verzweiflung?
Verzweiflung ist etwas viel Tieferes als Traurigkeit, Schmerz oder Hoffnungslosigkeit. Verzweiflung ist ein Zustand, in dem der Mensch nicht mehr mit sich selbst sein kann. Das Selbst kann nicht mehr zu sich selbst finden.
In seinem Werk „Die Krankheit zum Tode“ beschreibt Søren Kierkegaard genau diesen Zustand. Verzweiflung betrifft für ihn das Verhältnis des Menschen zu seinem eigenen Selbst. Ein Mensch kann in eine Lage geraten, in der er nicht mehr derjenige sein möchte, der er ist. Er möchte seinem eigenen Selbst entkommen. Oder er versucht verzweifelt aus eigener Kraft er selbst zu sein und sich selbst zu tragen. Beide Formen zeigen ein gestörtes Verhältnis zu sich selbst.
Kierkegaard sagt deshalb nicht einfach: „Die Seele ist zerbrochen.“ Sein Denken geht tiefer. Der Mensch kann in eine derart tiefe Verzweiflung geraten, in der nicht nur sein Leben, sondern sein eigenes Selbst unerträglich geworden ist. Es ist dann nicht mehr bloß das Gefühl: Ich kann das, was mir geschieht, nicht ertragen, sondern: Ich kann den Menschen, der ich geworden bin, nicht mehr ertragen.
In Kierkegaards christlichem Denken ist das Selbst in Gott begründet. Der Mensch kann versuchen, seinem eigenen Selbst zu entkommen, aber er kann sich als Selbst nicht einfach loswerden. Für ihn ist das Selbst kein Gegenstand, den man besitzt wie einen Gegenstand, den man wegwerfen kann. Wir können vor vielem davonlaufen, aber nicht davor, dass wir wir sind. Wir können usneren Wohnort wechseln, unsere Arbeit aufgeben, Beziehungen beenden, Erinnerungen verdrängen oder versuchen uns völlig neu zu erfinden. Aber bei all dem bleibt eine Person, die diese Dinge tut - wir selbst.
 
Wir können sagen: Ich möchte nicht mehr dieser Mensch sein. 
Aber wer sagt das? Wir selbst sagen das. 
 
Schon der Versuch, vor uns selbst zu fliehen, setzt ein Selbst voraus, das fliehen will. Unser eigenes Selbst steht nicht außerhalb von uns. Wir können uns nicht von uns selbst entfernen, um irgendwo außerhalb unserer selbst zu sein. Verzweiflung bedeutet daher nicht, dass im Menschen nichts mehr vorhanden ist, sondern dass sein Verhältnis zu sich selbst zutiefst verzweifelt geworden ist.
Das lässt auch Menschen, die sich das Leben nehmen, in einem anderen Licht erscheinen. Sie haben eine Verzweiflung erlebt, die für sie unerträglich geworden ist. Aber wir können nicht mit Sicherheit sagen, dass ihre Seele zerbrochen ist. Wir kennen ihr Innerstes nicht. Und ihr Tod beweist auch nicht, dass in ihnen nichts Lebendiges mehr vorhanden war.
Vielleicht ist deshalb die entscheidende Frage nicht, ob eine Seele im wörtlichen Sinne zerbrechen kann. Die wichtigere Frage ist, was mit einem Menschen geschieht, wenn sein Verhältnis zu sich selbst so tief erschüttert wird, dass er sich selbst nicht mehr ertragen kann. 
 
Eine Seele muss nicht wie ein Gegenstand zerbrechen, damit ein Mensch sich vollkommen zerbrochen fühlen kann. Und es muss auch nicht unter jeder tiefen seelischen Verletzung ein unverletzter Kern in uns verborgen liegen. Ein Mensch kann tief verwundet und grundlegend verändert werden und dennoch bleibt er mehr als seine Verletzung und mehr als seine Verzweiflung. Ein Mensch kann innerlich so schwer verletzt sein, dass sich seine Seele für ihn selbst zerbrochen anfühlt. Aber ob sie dadurch wirklich als Ganzes zerstört wird, ist keine Frage, die sich einfach mit Ja oder Nein beantworten lässt.
Unter jeder noch so verletzten Seele liegt irgendwo ein unversehrter Kern. Klingt tröstlich, aber wir können nicht wissen, ob das für jeden Menschen gilt.
Wir wissen es einfach nicht. 
 
 
Angelika Wende
www.wende-praxis.de

Samstag, 29. August 2026

Unrettbar

 

 

Malerei. A.Wende

                                   

Tag frür Tag nehme ich wahr, wie verschieden Menschen die Dinge sehen, fühlen, wahrnehmen und interpretieren. Ganz gleich, welche anderen Sichtweisen man ihnen näherzubringen versucht. Eine ganze Welt voller Interpretationen. Und jede davon ist eine eigene Welt. Unendlich viele innere Welten, die mit der äußeren manchmal wenig, manchmal gar nichts zu tun haben. Und so ist jeder Mensch auf seine Weise in seiner inneren Welt gefangen. Immer wieder stelle ich fest, wie schwer es ist, den Denkrahmen zu verändern. Den meiner Klienten. Und manchmal auch meinen eigenen. Da ist so vieles, was an und in uns klebt wie zäher Leim. Und es gibt kein Lösungsmittel, das sicher funktioniert, um ihn zu lösen. Keine Methode, die allen Menschen gleichermaßen hilft. Es gibt unendlich viele Methoden. Und ebenso unendlich viele Menschen, bei denen keine davon wirklich hilft. Manchen Menschen ist nicht zu helfen. Auch das ist eine traurige Wahrheit. Manchen gelingt es nicht, aus ihrem inneren Gefängnis auszubrechen. Und auch das hat einen Grund. Es ist kein Versagen. Es ist, wie es ist.

 

Dann bleiben nur zwei Möglichkeiten: Man verzweifelt. Oder man akzeptiert die eigene innere Gefangenschaft und hört auf, sich dafür zu verurteilen. Denn oft haben wir uns längst selbst verurteilt. Uns selbst lebenslänglich gegeben, ohne überhaupt noch zu wissen, warum. Und auch das ist okay.

 

Man kann nicht alles und jeden retten. 

Und manchmal kann man auch sich selbst nicht retten. Man kann sich so annehmen, wie man ist. Unrettbar. Ja, auch unrettbar.

Ich will hier keine Illusionen zerstören. Ich spreche aus meiner Erfahrung mit vielen Menschen. Ich kenne die Unrettbarkeit. Ich habe einen Menschen geliebt, der unrettbar war. Ich habe Menschen unterstützt, die unrettbar waren. Sie haben gekämpft und den Kampf nicht gewinnen können. Es ist wie es ist. 

 

„Heilt Zeit Wunden?“, fragte mich jemand. Nein. Zeit heilt nicht alle Wunden.

Sie macht manche vielleicht weniger schmerzhaft. Weniger störend. Man lernt, mit ihnen zu leben. Aber jede Wunde hinterlässt eine Narbe. Und wenn sie grob berührt wird, kann sie wieder schmerzen. Manche brechen sogar wieder auf. Dann verbinden wir sie wieder. Versorgen sie, so gut wir können. Und manchmal können wir es nicht. Manchmal reicht die Kraft nicht. Manchmal reicht Hilfe nicht. Manchmal verbluten Menschen daran. Und auch damit müssen wir leben lernen.

 

Nicht alles ist heilbar. Nicht jeder ist rettbar. Und das ist kein Versagen.

Manchmal ist es einfach das Ende dessen, was ein Mensch tragen konnte.

 

Wähle achtsam



 

 

Jede Beziehung, in der wir uns befinden, trägt entweder zu unserer Heilung bei oder sie verstärkt die Dysregulation des Nervensystems.

Beziehungen die von Verlässlichkeit, Berechenbarkeit und Sicherheit geprägt sind, wirken heilsam auf ein Nervensystem das ständig im Überlebensmodus ist.

Beziehungen, die durch Unberechenbarkeit, Kritik oder emotionale Verletzungen geprägt sind, halten die Stressreaktion des Nervensystems chronisch aktiv.

 Wenn du heilen willst, wähle achtsam, wen du wählst.


Dienstag, 25. August 2026

Hast du dich wirklich verändert?

 


Auf unserer Heilungsreise nach einer toxischen Beziehung kommen wir irgendwann an einen Punkt an dem wir denken, so jetzt ist es gut. Ich habe viel gelernt und ich bin gewachsen. Ich habe meine alten Erfahrungen integriert und meine Wunden verbunden. Ich reagiere nicht mehr automatisch und ich beobachte mich hinreichend gut. Wenn ich spüre, das mich etwas triggert, reagiere ich anders als früher. Ich erkenne sofort, wenn jemand toxisch ist und gehe in Distanz. Wir glauben vielleicht insgeheim: Jetzt kommt die Belohnung für die Arbeit an uns selbst.

Aber oft kommt es anders, als wir glauben oder hoffen.

 

Das erste was wahrscheinlich passieren wird, ist dass das Leben uns dieselbe Lektion noch einmal präsentiert. Vielleicht kommt der Mensch, der uns verletzt hat, reumütig zurück. Vielleicht kommt er in Gestalt eines anderen Menschen, mit demselben Verhalten und denselben Mustern. Vielleicht hat er diesmal keine Alkoholsucht, sondern eine andere Sucht. Vielleicht ist es diesmal wieder ein geschickter Blender. 

Wir treffen wieder einen Menschen, zu dem wir uns auf magische Weise hingezogen fühlen, wir lassen uns auf ihn ein  und merken erst zu spät: Irrtum, auch er verletzt uns. Und wir werden genau mit denselben Erfahrungen und Gefühlen konfrontiert, von denen wir dachten, dass wir sie überwunden haben. Das kann uns so vorkommen als hätte alles nichts geholfen, als seien wir schlechte Schüler, als sei alles umsonst gewesen.

Es war nicht umsonst. 

 

Das, was uns begegnet, stellt uns Fragen: Hast du die Lektion wirklich gelernt. Hast du dich wirklich verändert oder kehrst du zu deinen alten Mustern zurück?

 

Wenn du dich dieses Mal dafür entscheidest, deine Grenze zu achten und zu schützen,  dich selbst nicht mehr verleugnest und nicht mehr in alte Muster zurückfällst, nicht mehr aus magischer Anziehung auf Menschen  hereinfällst, die unheilsam für dich sind, nicht mehr Altes wiederholst, sondern rechtzeitig Stopp sagst und danach handelst, dann hast du die Arbeit wirklich gemacht. Dann hast du dich wirklich verändert.

 

Heilung bedeutet nicht, dass du etwas Altes nicht mehr fühlst oder ihm begegnest, nicht dass dich etwas Vertrautes nicht mehr anzieht, sondern, dass du nicht mehr zulässt, dass es sich in deinem Leben wiederholt.

Montag, 24. August 2026

Heilung braucht Bewusstsein

 


 
Heilung braucht Bewusstsein. Heilung ist nicht nur eine einzige Sache. Es geht darum, sich um den ganzen Menschen zu kümmern, Körper, Geist und Seele. Es reicht nicht, sich einfach gesund zu ernähren. Es reicht nicht, sich zu bewegen. Es reicht nicht, eine Therapie zu machen, Medikamente einzunehmen oder sich hin und wieder eine Auszeit zu gönnen. All das kann wichtig und wertvoll sein, aber Heilung bedeutet mehr. Es geht darum, den ganzen Menschen zu betrachten: Körper, Geist und Seele.
Denn wie sollen wir wirklich gesund werden, wenn wir nur einen Teil von uns verändern, während wir gleichzeitig an den Dingen festhalten, die uns immer wieder schaden?
 
Viele Menschen sind krank, erschöpft oder fühlen sich innerlich nicht mehr wohl und machen trotzdem weiter wie bisher. Sie wissen vielleicht sogar, dass bestimmte Gewohnheiten ihnen nicht guttun. Sie schlafen zu wenig, essen ungesund, bewegen sich kaum, übergehen ihre Grenzen, betäuben Gefühle mit Tabletten oder Alkohol, leben ständig unter Stress oder halten an Beziehungen und Situationen fest, die ihnen nicht guttun. Und oft wird das verdrängt.
Sie reden sich ein, dass es schon nicht so schlimm sei. Dass sie später etwas ändern können. Dass sie gerade keine Zeit haben. Dass die Umstände schuld sind. Dass der Körper einfach nicht mitmacht. Dabei wäre der erste Schritt zur Veränderung, ehrlich hinzuschauen und sich zu fragen: Was tue ich mir selbst eigentlich jeden Tag an?
Nicht um Schuldgefühle zu erzeugen. Im Gegenteil. Bewusstsein bedeutet nicht, sich für seine Krankheit zu verurteilen. Es bedeutet, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, mit Mitgefühl und Achtsamkeit, statt mit Selbstanklage oder Selbstverurteilung.
 
Heilung braucht Bewusstsein.
Bewusstsein dafür, wie wir mit unserem Körper umgehen.
Bewusstsein für unsere Gedanken und inneren Überzeugungen.
Bewusstsein für unsere Gefühle und das, was wir schon lange verdrängen. Bewusstsein für unsere Grenzen, unsere Bedürfnisse und unsere Entscheidungen. Und auch Bewusstsein dafür, welche Gewohnheiten uns stärken und welche uns immer wieder von uns selbst entfernen und uns schwächen.
 
Wie soll Heilung stattfinden, während wir gleichzeitig jeden Tag etwas tun, das unsere Heilung verhindert?
Wir wünschen uns Ruhe und leben ständig im Stress.
Wir wünschen uns Energie und rauben unserem Körper den Schlaf. Wir wünschen uns Gesundheit und ignorieren die Signale unseres Körpers. Wir wünschen uns inneren Frieden und halten an Konflikten, Ängsten oder alten Mustern fest. Wir wünschen uns Veränderung, wollen aber unsere Gewohnheiten nicht verändern. Das ist menschlich. Veränderung ist nicht einfach. Viele Verhaltensweisen haben einen Grund. Sie können uns irgendwann geholfen haben, mit Schmerz, Angst, Überforderung oder schwierigen Erfahrungen umzugehen. Aber was uns einmal geholfenhat, kann uns jetzt schaden. Deshalb bedeutet Heilung auch, ehrlich zu werden. Nicht nur darüber, was mit uns passiert, sondern auch darüber, wie wir mit uns selbst dabei umgehen.
Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch seine Krankheit selbst verursacht hat. Krankheit ist komplex und hat viele Ursachen, die wir nicht kontrollieren können. Aber wir können lernen, bewusster wahrzunehmen, was in unserer eigenen Verantwortung liegt. 
 
Heilung beginnt mit dem ehrlichen Moment, in dem wir aufhören, uns selbst zu belügen und uns auszuweichen.
Wenn wir anfangen hinzusehen, statt zu verdrängen.
Wenn wir anfangen zuzuhören, statt die Signale unseres Körpers zu übergehen und zu betäuben.
Wenn wir anfangen zu fühlen, statt zu verdrängen.
Wenn wir anfangen, uns selbst nicht länger als Gegner zu behandeln.
Heilung ist ein Weg zurück zu uns selbst.
 
Und dieser Weg kann Ernährung beinhalten. Bewegung. Therapie. Medizin. Schlaf. Ruhe. Natur. Beziehungen. Grenzen. Emotionale Arbeit. Veränderung von Gewohnheiten. Vor allem aber: die Bereitschaft, bewusst udn radikal ehrlich hinzusehen. Gesundheit bedeutet nicht nur, dass keine Symptome mehr da sind. Es bedeutet auch, zu lernen, wie wir mit uns selbst leben wollen.
 
 
Angelika Wende