![]() |
| Foto: A.W. |
„Mir selbst zu vertrauen, dass ich eine Veränderung wagen kann, ist schwer, besonders dann, wenn man jahrelang immer wieder in dieselben Muster zurückgefallen ist und immer wieder von vorn anfangen musste. Ich habe mir so oft selbst eingeredet: Diesmal wird alles anders und es ist nichts anders geworden“, sagt meine Klientin.
Das ist eine kluge und zugleich schmerzhaft ehrliche Erkenntnis.
Sie beschreibt genau den Kern der Frustration, die viele von uns kennen: Es ist nicht der Mangel an gutem Willen, sondern das erschöpfte Vertrauen in uns selbst, trotzdem wir wollen wollen.Wenn wir jahrelang erlebt haben, dass wir trotz der Bereitschaft und festem Willen, Versprechen die wir uns selbst gegeben haben, immer wieder gebrochen haben, schaltet die Psyche irgendwann auf Selbstschutz. Der Satz „Diesmal wird alles anders“ fühlt sich dann nicht mehr wie eine berechtigte Hoffnung an, sondern wie eine naive Illusion. Unser Gehirn glaubt es schlichtweg nicht mehr, dass es anders wird, weil die Beweise der Vergangenheit dagegensprechen.
Unsere Muster sind aber keine Fehler, sie sind tief verankert in eingefahrene neuronale Autobahnen.
Unser Gehirn rutscht nicht in alte Muster, weil wir schwach sind oder unfähig sind, sondern weil diese Bahnen im Gehirn tief ausgetretenen Pfaden im Wald gleichen. Ein neues Muster aufzubauen ist ungefähr so schwer wie das Schlagen eines neuen Pfades durch dichtes Unterholz. Das braucht Zeit, Kraft und viel Geduld. Um das Vertrauen in uns selbst langsam und sanft wieder aufzubauen, hilft es oft, radikal umzudenken.
Dazu gehört:
Keine großen Ziele mehr setzen
Die Veränderungen müssen so klein sein, dass wir sie auch tatsächlich umsetzen können. Die Hürde sollte so niedrig sein, dass wir nicht schon an unserem eigenen Anspruch scheitern. Vertrauen baut sich nicht auf, indem wir sofort den großen Berg besteigen. Es baut sich in kleinen Schritten auf. Indem wir uns beispielsweise vornehmen, heute einen Liter Wasser zu trinken und es dann auch tun. Indem wir kontinuierlich einmal am Tag eine Atemübung machen, selbst wenn es nur ein paar Minuten sind. Indem wir einen tiefen Atemzug nehmen und innehalten, bevor wir unseren Körper wieder mit etwas Ungesundem schaden. Indem wir jeden Abend eine einzige kleine Sache aufschreiben, die uns an diesem Tag gelungen ist.
Und wenn es an einem Tag nicht klappt, beginnen wir am nächsten Tag erneut.
Kleine, winzige Absprachen mit uns selbst, die wir konsequent einhalten, sind das Fundament, auf dem neues Vertrauen in uns selbst wachsen kann.
Vergebung und Selbstmitgefühl statt Härte und Selbstverurteilung
Das Zurückfallen in alte Muster ist Teil des Prozesses, nicht das Ende. Wenn wir uns nach einem Rückschlag selbst verurteilen, entziehen wir unserem Selbstvertrauen nur noch mehr Nährboden. Wir dürfen lernen, uns selbst zu vergeben und uns mit mehr Mitgefühl zu begegnen. Nicht, um uns alles durchgehen zu lassen, sondern um nach einem Rückschlag wieder aufstehen und weitermachen zu können.
Neuroplastizität: Der Bau einer neuen Autobahn
Das Gehirn ist ein Vorhersageorgan. Es versucht ständig, die Zukunft auf der Grundlage unserer bisherigen Erfahrungen einzuschätzen und es liebt Wiederholungen. Es nutzt sie als zentralen Mechanismus, um Erinnerungen dauerhaft zu speichern und sich effizient an unsere Umwelt anzupassen. Ohne bewusste oder unbewusste Wiederholungen könnten wir Informationen nicht langfristig im Gedächtnis behalten. Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass das Gehirn dafür Erlebtes in Ruhephasen oder im Schlaf im sogenannten Zeitraffer-Modus eigenständig wiederholt. Der Hippocampus spielt dabei die erlebten Aktivitätsmuster immer wieder im Schnelldurchlauf ab, um sie im Großhirn zu verankern. Bei der ersten Konfrontation mit einer Information wird ein neuer, noch schwacher Pfad zwischen den Neuronen angelegt. Durch ständige Stimuluswiederholungen feuern diese Neuronen immer wieder gemeinsam. Das Gehirn passt die Verbindungen an, die Synapsen werden verstärkt und die Signalübertragung wird effizienter.
„Neurons that fire together, wire together“.
Das können wir uns zunutze machen, indem wir es mit neuen Vorhersagen füttern.
Ein Beispiel:
Die alte Vorhersage lautet: „Wenn ich mir vornehme, mich jeden Tag zu bewegen und einen Spaziergang zu machen, klappt das sowieso nicht.“
Dieser Gedanke kann schon im Vorfeld Frustration auslösen und es uns schwerer machen, überhaupt anzufangen.
Die neue Erfahrung kann dagegen lauten: „Ich habe mir vorgenommen, einen kleinen Spaziergang zu machen, und ich habe es getan.“
Wenn wir eine solche kleine Zusage an uns selbst wiederholt einhalten, sammeln wir neue Erfahrungen. Natürlich verändern sich in wenigen Tagen noch keine tief verwurzelten Verhaltensmuster grundlegend. Aber wir beginnen, die Erfahrung der eigenen Ohnmacht zu durchbrechen.
Eine Studie der Verhaltensforscherin Phillippa Lally zeigte, wie lange es dauert, bis sich neue Verhaltensweisen zu festen Gewohnheiten entwickeln. In ihrer Studie lag der geschätzte Mittelwert bei etwa 66 Tagen. Die tatsächliche Dauer variierte allerdings erheblich, abhängig von der Person und dem jeweiligen Verhalten. Es gibt also keinen magischen Zeitpunkt, an dem eine neue Gewohnheit plötzlich automatisch funktioniert. Wichtiger ist, dass wir dranbleiben. Mit jeder Wiederholung sammeln wir Erfahrungen, die es wahrscheinlicher machen, dass wir das neue Verhalten künftig wieder ausführen. Belohnungs- und Lernprozesse im Gehirn spielen dabei eine wichtige Rolle. Je öfter wir ein Verhalten wiederholen, desto vertrauter wird es für unser Gehirn. Schritt für Schritt entsteht ein neuer Pfad. Und mit jeder eingehaltenen Zusage sammeln wir Erfahrungen, die einer neuen inneren Überzeugung Raum geben können: „Wenn ich mir etwas vornehme, kann ich es auch tun.“
Wenn wir uns immer wieder an kleine Absprachen mit uns selbst halten, kann sich allmählich unser Bild von uns selbst verändern. Wir erleben, dass wir durchaus in der Lage sind, unser Verhalten zu beeinflussen und unsere Vorhaben umzusetzen.
Letztlich geht es darum, unserem Gehirn neue Erfahrungen zu ermöglichen.
Lernprozesse im Gehirn werden wie gesagt durch Wiederholung und Rückmeldung beeinflusst. Auch Dopamin spielt dabei eine Rolle, unter anderem bei Motivation, Lernen und der Verarbeitung von Belohnung. Es ist allerdings nicht so, dass jeder kleine Erfolg automatisch neue Verbindungen festigt. Vielmehr tragen unterschiedliche Lern- und Anpassungsprozesse dazu bei, dass neue Verhaltensweisen mit der Zeit vertrauter werden. Jeder kleine Erfolg kann uns dabei helfen, den alten, ausgetretenen Pfad zu verlassen und einen neuen Weg einzuschlagen. Und je öfter wir neue Erfahrungen machen, desto größer ist die Chance, alte Muster nachhaltig zu verändern.
Wir müssen uns nicht beweisen, dass wir nie wieder scheitern. Vielleicht liegt genau hier der größte Denkfehler, wenn wir unser Selbstvertrauen zurückgewinnen möchten.
Wir glauben, wir müssten uns erst beweisen, dass wir es diesmal wirklich schaffen. Dass wir konsequent bleiben, nicht mehr zurückfallen und unsere alten Muster endlich hinter uns lassen. Aber was, wenn Vertrauen etwas anderes bedeutet? Was, wenn es nicht darum geht, uns selbst zu garantieren, dass wir nie wieder scheitern, sondern darum, darauf vertrauen zu lernen, dass wir auch dann noch für uns da sein können, wenn etwas nicht gelingt. Dass wir uns nicht sofort aufgeben, wenn wir einen Umweg gehen. Dass ein schwieriger Tag nicht alle Fortschritte zunichte macht. Dass wir nicht jedes Mal wieder bei null anfangen müssen, nur weil wir einen Schritt zurück gemacht haben. Und wenn wir nicht länger erwarten, immer alles richtig machen zu müssen, sondern beginnen, uns selbst auch in unseren schwierigen Momenten mit liebevoller Güte zu begleiten.
Wir müssen nicht von heute auf morgen zu einem Menschen werden, der niemals zweifelt und immer durchhält. Wir dürfen ein Mensch sein, der sich selbst wieder ein wenig mehrvertraut. Schritt für Schritt. Erfahrung für Erfahrung. Tag für Tag.
Und vielleicht können wir irgendwann sagen: „Ich weiß nicht, ob diesmal alles anders wird. Aber ich weiß, dass ich heute einen kleinen Schritt machen kann. Und wenn ich morgen stolpere, bedeutet das nicht, dass ich gescheitert bin. Ich kann wieder aufstehen und weitergehen.“
Uns selbst wieder zu vertrauen bedeutet nicht, darauf zu vertrauen, dass wir niemals wieder hinfallen. Es bedeutet, darauf zu vertrauen, dass wir uns auch dann nicht verlassen, wenn wir hinfallen. Es bedeutet, darauf zu vertrauen, dass wir nach dem Hinfallen wieder aufstehen und von Neuem beginnen können.
Slow and steady wins the race. :)




