Donnerstag, 11. April 2024

Aus der Praxis: Verrat

 

                                                              Foto: Lucas Wende

 
Das Misstrauen ist immer da, wie eine graue Nebelwand, die über allem liegt. Eine Wand, die sich aufbaut zwischen uns und jedem, der sich uns nähert. Können wir anderen überhaupt noch eine Chance geben? Können wir nach einem Verrat in der Beziehung wieder der oder die sein, die wir waren, bevor man uns den Boden des Vertrauens unter den Füßen weggezogen hat? Wir vergessen nicht wie hart die Landung war. Als wären sämtliche Knochen gebrochen, alle Weichteile zerflossen, das Herz zerrissen, ein allumfassender Schmerz, der uns überwältigt. 
 
Können wir nach einem Betrug, der sich vielleicht sogar über Jahre hinzog, überhaupt noch an die Liebe glauben und wenn nicht an die Liebe, doch zumindest an das Gute, oder stehen wir für immer auf wankendem Boden? Können wir Menschen noch unvoreingenommen begegnen, ohne zu fürchten, dass auch dieser Mensch Abgründe hat, die er perfekt verbirgt und in die er uns hineinziehen wird, wenn wir ihm unser Vertrauen schenken?
Wir Menschen sind voller Abgründe. Das hat mich meine jahrelange Erfahrung gelehrt, in der Praxis und im Leben. Manche Abgründe sind so tief, dass einen das Grauen packt. Wer jemals in einer Liebesbeziehung in einen solchen Abgrund gestürzt ist, verändert sich. Er ist nicht mehr fähig offen an Beziehungen heranzugehen. 
 
Zu erfahren, dass man absichtsvoll und mit System hintergangen, belogen und betrogen wurde, legt einen Schalter um. Werte, an die man glaubte, sind zerbröselt. Vorstellungen die man vom Partner und von sich selbst hatte, sind zerstört. Das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung und in die eigenen Gefühle ist eine fragwürdige Größe geworden.
Kann ich mir selbst noch vertrauen, wo ich mich so habe täuschen lassen?
Das ist das Schlimmste, bei all dem Schlimmen, was ein Verrat mit uns macht: Selbstzweifel. Uns selbst nicht mehr der vertraute Mensch sein.
Das Selbstbild ist zerbrochen, in tausend Fragmente, die zusammenzufügen eine schier unlösbare Aufgabe zu sein scheint. Das psychische Gleichgewicht kommt ins Wanken, die innere Balance geht verloren. Es kommt zur Identitätsdiffusion, die mit Gefühlen von innerer Fremdheit, Orientierungslosigkeit und Angst einhergeht. Das Jetzt hat sich schlagartig verändert. Die Vergangenheit wird fraglich.
 
Wer war ich und bin das noch ich?
Diese Frage quält.
Wie naiv war ich, wie blind, wie taub?
Habe ich es nicht sehen können oder wollte ich es nicht sehen?
Wie ist das möglich?
Was habe ich falsch gemacht?
Wie konnte er/sie mir diese Illusion vorgaukeln und warum bin ich ihr verfallen?
Diese Fragen, so quälend sie sind, sind sinnvoll um uns selbst zu reflektieren, um uns selbst besser zu verstehen, um uns aus der Rolle des Opfers zu befreien, um Selbstkenntnis zu erlangen über jene inneren Teile, die uns zum Betrogenen gemacht haben, den anderen eingeladen haben, mit einem unbewussten: „Mit mir ist es möglich.“
Diese Fragen sind wichtig um zu genesen, um das fragmentierte Selbst wieder neu zusammenzufügen und um uns selbst zu verzeihen. 
 
Ein Verrat bringt nicht nur den Schatten des Verräters ans Licht, er verweist uns auf die eigenen. Um die dürfen wir uns kümmern.
Der Verräter hat uns nicht mehr zu interessieren.
Und ja, ich weiß wie schwer es ist, auch ich bin verraten worden.
Nachdem all die Wut, der Hass, der Zorn, die Rachegedanken, die sich gegen den Verräter richten, in Schmerz in Trauer verwandelt sind, müssen wir uns uns selbst zuwenden.
Tun wir es nicht, sind wir verloren.
 
Wir müssen und ja, ich sage „müssen“, Schattenarbeit machen.
Wir müssen erkennen, was unser Anteil war, um nie wieder im Abgrund eines Verräters zu landen. Wir müssen es tun, um die Angst vor der Wiederholung zu verlieren, die Angst davor uns neu einzulassen, uns fallen zu lassen, zu vertrauen und wieder zu lieben.
Es gibt Menschen, die so gekonnt manipulieren und lügen, dass wir nicht fähig sind, es zu erkennen. Es gibt sie, die Masken der Niedertracht, es gibt Narzissten, Psychopathen, Soziopathen und notorische Betrüger. Sie sind schwer zu erkennen und schwer zu entlarven, weil sie eine Gabe haben: Sie spüren instinktiv unsere tiefste Sehnsucht, den Riss, durch den sie eindringen. Sie wissen, was sie tun müssen um unser Herz zu erobern und es dann zu brechen. Sie wissen, wie sie alle Schutzmauern einreißen um uns verwundbar zu machen und es zu tun. Sie sind Meister der Manipulation und der Lügen.
Sie sind fantastische, überzeugende Schauspieler. 
 
Und wir spielen mit, die Rolle, die uns zugedacht ist, und wir merken es nicht. Weil wir lieben. Weil Liebe blind macht. Weil wir bedürftig sind nach dieser einen Liebe, die wir niemals hatten. Sie steht vor uns ganz groß, ein Blendwerk und wir sind geblendet.
Es ist möglich. Und es ist sogar möglich, dass wir intuitiv wissen, das ist eine Blendung, aber die Sehnsucht ist größer als die Klarsicht. Sie ist größer als die Vernunft.
Diese Sehnsucht, die endlich erfüllt scheint, ist die Falle, die zuschnappt.
Schmerzvoll am Ende.
Dann, wenn die unzerstörbare Wahrheit erscheint. Die Wahrheit über den anderen und unsere Wahrheit, die so alt ist wie wir selbst. Die wir nicht wahrhaben wollen und jetzt erkennen müssen: Wir sind Abhängige der Liebe. Nur einmal wollen wir geliebt werden um unserer selbst willen. Der Sehnsucht ein Ende bereiten. Ankommen.
 
Wo sind wir angekommen nach dem Verrat?
Im Tiefsten wieder bei uns selbst, bei der Wunde dieses ungeliebten Kindes, das wir schon immer waren und noch immer sind. Wir werden es solange bleiben, bis wir uns selbst geben können, was wir woanders erfolglos suchen.
Erst wenn wir uns Liebe selbst geben können, werden wir Misstrauen in Vertrauen wandeln – in uns selbst. Dann erst können wir dem Richtigen, der Richtigen, unser Vertrauen neu schenken. Wir werden uns selbst nicht mehr verraten und niemand wird uns mehr verraten können.
Wir sind erwacht.
Der Albtraum hat ein Ende. 
 
 
„Du musst etwas in dir entdecken, was nicht außer Balance gebracht werden kann. Nur wenn du etwas in dir entdeckst, was nicht außer Balance gebracht werden kann, dann hast du etwas sehr wertvolles gefunden.“
- Shihengyi

Montag, 8. April 2024

Fatou


                                                                   Foto: A.Wende

 
Ich sitze im Speisewagen des ICE. Ich brauche eine Auszeit. Ich muss mal wieder raus. Raus aus der grauen Enge der Stadt, in der ich lebe. Ich fahre nach Hause. Mein Zuhause ist Berlin, meine kleine Familie, die dort lebt.
Eine alte Dame fragt, ob sie sich zu mir setzen kann.
„Gerne“, antworte ich.
Mit zitternden Händen holt sie ein kleines Heft und einen Stift aus ihrer Tasche, legt beides auf den Tisch. Es ist ein Sodoku Heft. Der Kellner kommt. Die alte Dame bestellt eine Schokolade.
„Wissen Sie“, sagt sie plötzlich zu mir, "ich gehe immer in den Speisewagen. Im Abteil ist es mir zu eng, außerdem sitzt da immer jemand neben mir, der mich mit seinen Geschichten vollquatscht. Das strengt mich an. Sie lächelt. Es ist ein seltsam reduziertes Lächeln. Das Zittern und dieses Lächeln, sie hat Parkinson, denke ich.
"Ich rede nicht viel", sage ich. "Sie können beruhigt sein."
„Das ist gut.“
„Ja, das ist gut“, sage ich. 
 
Sie beginnt ihr Sodoku zu lösen. Ein echtes Sudoku-Rätsel hat nur eine Lösung, die eindeutig durch logische Kombination zu bestimmen ist, denke ich und, dass ich noch nie Sodoku gespielt habe. Ich bin keine Spielerin, außerdem weiß ich, dass es für alles mehrere Lösungen gibt, außer bei Sodoku eben.
Mit zitternden Händen hebt sie ihre Tasse und führt sie langsam an den Mund. Vorsichtig nimmt sie einen Schluck. Ein kleines hellbraunes Rinnsal läuft über ihre Lippen.
Ich sehe weg. Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, sie zu beobachten, obgleich ich es tue. Sie rührt mich an. Sie ist mir ähnlich, denke ich, eine einsame Wölfin.
Ich wende mich meinem Tagebuch zu. Schreibe. Meine Art nach Lösungen zu suchen ist Schreiben. Schreiben und reden. Und zuhören. Ich höre den ganzen Tag Menschen zu. Ich würde es der alten Dame gerne sagen und ihr sagen, dass ich es privat genauso wenig mag wie sie, wenn mich fremde Menschen vollquatschen. Ich sage es nicht. Wir haben Schweigen vereinbart. 

„Ich habe Parkinson“, unterbricht sie meine Gedanken.
„Ich weiß“, sage ich, „ich sehe es.“
Sie lächelt mich an.„Sie sehen viel.“
"Ja", sage ich. "Manchmal zu viel."
„Ich habe Parkinson, seit mein Mann vor drei Jahren gestorben ist. Na ja vielleicht hatte ich es schon früher, aber ich hatte keine Zeit es zu bemerken, ich war zu beschäftig damit ihn zu pflegen. Ich habe ihn bis zum Ende gepflegt, das macht man doch, wenn man einen Menschen liebt.“
„Ja“, sage ich, "Sie haben es gemacht, weil sie Ihren Mann lieben."
„Als er dann tot war, bin ich nicht mehr raus. Nur noch um Besorgungen zu machen und zum Arzt. Der hat dann Parkinson festgestellt. Ich komme mittlerweile klar damit und ich gehe wieder raus.“
„Das ist gut“, antworte ich.
„Wissen Sie, eigentlich wollte ich nicht mehr leben nachdem er gestorben ist. Er war mein einziger Mensch. Ich habe niemand in Berlin. Mein Sohn lebt in Franken, da war ich gerade.“
„Warum ziehen sie nicht nach Franken zu Ihrem Sohn, da wären sie nicht mehr allein?"
„Nein, das ist nichts für mich. Berlin ist meine Heimat. Eine einsame Heimat jetzt. Aber hier war mein Leben, mit ihm. Ich muss ja auch auf den Friedhof, ihn besuchen.“
Ich nicke. „Ja, das verstehe ich sehr gut.“
„Wissen Sie, als ich nicht mehr leben wollte, da ist etwas Seltsames passiert. Ich gehe gern in den Zoo, das haben wir immer gemacht, damals als mein Mann noch lebte. Jeden Sonntag sind wir hingegangen. Eine Träne rinnt über ihr schmales Gesicht. Eines Tages bin ich, nachdem ich auf dem Friedhof war, in den Zoo. Da habe ich ihr in die Augen gesehen.“
„Wem haben Sie in die Augen gesehen?“
„Fatou.“
„Fatou?“
„Ja, die alte Gorilla Dame, die dort wohnt. Sie haben sie, weil sie alt und schwach ist, von den anderen getrennt. Sie ist ganz allein in ihrem Gehege. Das machen die, weil die starken Gorillas den Schwachen das Futter wegnehmen.“
„Das wusste ich nicht“, sage ich.
„Das hat mir der Zoowärter erzählt, darum weiß ich das. Ich weiß jetzt viel über Gorillas. Als ich Fatou sah, so abgetrennt und alleine in diesem Gehege und ihre einzige Freude, wenn man ihr das Futter hinschiebt, da hat sie mir schrecklich leid getan. Ich bin ganz lange vor dem Gehege gestanden und plötzlich hat sie mir in die Augen geblickt. Darin lag so eine Traurigkeit.Da passierte es, ich dachte, du bist frei, du bist nicht eingesperrt, du kannst raus.
Du lebst."

Sonntag, 31. März 2024

Was will das Leben von mir?


 
Heute feiern wir Ostern, das Fest der Auferstehung Jesu von den Toten. Die Wiedergeburt des Gottessohnes als Sieg über den Tod. Mit dem Auferstehungsglauben verbindet sich für viele gläubige Menschen die Hoffnung, dass der Tod nicht das letzte Wort über das Leben hat, dass unser Dasein nicht endlich ist, dass es da mehr gibt als das eine Leben, das mit dem Tod endet.
Vielleicht ist es so, vielleicht ist es nicht so. Aber ganz gleich was und woran wir glauben, da ist das Leben vor dem Tod.
Wie will ich leben? Was macht mein Leben zu einem erfüllten Leben? Was im Leben ist wirklich wichtig? Was zählt am Ende des Lebens?
Das sind Fragen, die sich viele Menschen stellen.
Auch ich stelle sie mir. Immer wieder neu. Denn das Leben ändert sich ständig und damit ändern sich auch die Fragen, die es uns stellt. „Das Leben selbst ist es, das dem Menschen Fragen stellt. Er hat nicht zu fragen, er ist vielmehr der vom Leben her Befragte, der dem Leben zu antworten - das Leben zu verantworten hat.“ Dieser Satz von Viktor Frankl begleitet mich schon sehr lange. Er taucht immer dann auf, wenn sich die Dinge in meinem Leben ändern. 
 
Die meisten Menschen wollen ein Leben, das der Erfüllung ihrer Wünsche, Bedürfnisse, Sehnsüchte und Vorstellungen dient. Sie fragen das Leben, was es ihnen zu geben hat, sie streben nach dem, was es zu erreichen gibt, was es zu haben gibt, was sie bekommen vom Leben, wie sie es auskosten können. Sie fragen: Was soll sich für mich erfüllen und wie schaffe ich das?
Sie sehen sich als Fragende dem Leben gegenüber, so hat man es ihnen beigebracht, mitsamt des Satzes: „Du bist deines Glückes Schmied!“. Und sie schmieden an ihrem Glück und manchmal ist es kein Glück, sondern ein heißes Eisen an dem sie schmieden und sich die Finger verbrennen. Sie sind enttäuscht vom Leben, wenn es nicht will, wie sie wollen, sie sind unzufrieden, wütend, beleidigt, oder sie denken, sie haben es nicht verdient, dass ihr Wollen erfüllt wird, oder sie verzagen und verzweifeln. Manche werden sogar bitter und böse, wenn sie nicht bekommen, was sie vom Leben wollen. Sie kommen nicht auf die Idee zu fragen: Was will das Leben von mir?
 
Was könnte es denn wollen? 
 
Besonders in Zeiten wo das Glück uns verlässt, wo wir erkennen müssen, dass ein Traum, eine Beziehung, ein Weg zu Ende geht, wenn wir verlieren oder scheitern ist diese Frage hilfreich. Die Frage: Was will das Leben jetzt von mir?, hilft Herausforderungen anzunehmen, Krisen als Chancen zu erkennen, zu lernen, uns zu entwickeln und zu wachsen – am Leben, auf dass wir, was wirklich von Bedeutung ist, erkennen. Vielleicht erkennen wir sogar, was sich durch uns erfüllen will und eben nicht für uns erfüllen soll. Diese Frage hilft, Demut zu lernen, dem Leben gegenüber. 
 
Jesus hat sei Leben so gelebt. Er hat gelebt, im Bewusstsein dessen, was sich durch ihn erfüllen soll. Bis in den Tod am Golgathakreuz. Sein Tod war Teil der Erfüllung seiner Aufgabe. Er wusste was er tat, als er mit den Jüngern in Jerusalem einzog, er wusste, was ihn erwartete. Er wusste es im Tiefsten und hat trotzdem gehandelt wie er handelte. Jesus sagt zu den Jüngern: "Denn er lehrte seine Jünger und sprach zu ihnen: Der Menschensohn wird überantwortet werden in die Hände der Menschen, und sie werden ihn töten; und wenn er getötet ist, so wird er nach drei Tagen auferstehen.“ (Lutherbibel)
Jesus hat seine Aufgabe, die Gott und das Leben ihm gaben, erfüllt, über sich selbst hinaus - für das Leben. Seine Lebensaufgabe, die Erlösung von Irrglauben, war damit abgeschlossen.
"Denn die Liebe Christi drängt uns, da wir erkannt haben, dass einer für alle gestorben ist und so alle gestorben sind. Und er ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben ist und auferweckt wurde.“ (2 Korinther 5:14-15)
Und Jesus ist auferstanden am 3. Tag.
Tod und Auferstehung Christi vermitteln der Menschheit nicht nur ein Angebot zum ewigen Leben, sie vermitteln mir auch das Angebot einer persönlichen Auferstehung nach jedem kleinen Tod im Leben. Hin von „Ich will“ zu: Was will das Leben von mir? Was will sich in diesem Leben durch mich erfüllen?

Freitag, 29. März 2024

Von sinnlosen Kämpfen

 



Heute ist Karfreitag. Der Tag an dem Jesus am Kreuz starb. Jesus war unschuldig. Er hat Liebe gelebt, er hat Menschen geheilt und sie zu Gott geführt. Er wurde verraten, für ein paar Silberlinge. Er wusste, er muss sterben, um die Menschen von ihrer Sünde und ihrer Schuld zu befreien, um ihnen abzunehmen, was sie von Gott und der Liebe trennt. Er war bereit dazu, er hat den Tod besiegt und er ist auferstanden.
Einer, der kam und zeigte, was ein Mensch sein könnte, wurde getötet, um uns Menschen zu retten.
Das ist grausam, das ist ungerecht, das ist traurig. Und was hat es geholfen? Die Menschen haben sich nicht geändert. Sie leben nicht in der Liebe, sie leben viel mehr im Kampf, innen wie außen, im Krieg, innen wie außen.
Jeder Tag ist ein Kampf, las ich neulich unter einem meiner Texte. Ja, es ist wahr, viele von uns kämpfen ihren persönlichen Kampf, jeden Tag.
Wogegen kämpfen wir?
Womit kämpfen wir?
Wofür kämpfen wir?
 
Ich habe selbst lange für ein Wofür gekämpft und den Kampf verloren. Dieser Kampf hat mich aufgerieben, er hat mich so beherrscht, dass ich das Gefühl hatte, mein ganzes Leben ist nur noch ein einziger Kampf. Ich habe den Kampf verloren. Als ich erwachte und das begriff, kamen Enttäuschung, Ohnmacht, Wut, Verzweiflung, Schmerz und am Ende eine tiefe Erschöpfung und Trauer.
So geht es vielen von uns. Wir kämpfen und verlieren. Ganz gleich wie sehr wir uns bemühen, uns anstrengen, unser Bestes geben – es gibt Kämpfe, die wir nicht gewinnen können, weil es Dinge gibt, die nicht in unserer Macht und nicht in unserem Einflussbereich liegen. Diese Dinge haben oft mit anderen Menschen zu tun, oder mit dem Schicksal, das uns trifft.
 
Manche von uns kämpfen mit dem Zustand der Welt. Wir sehen wie sich mehr und mehr zum Unguten wendet. Wir sehen wie das Dunkle an Macht gewinnt. Wir kämpfen gegeneinander und jeder meint, er hätte die Wahrheit gepachtet und die Fronten verhärten sich. Erschöpfung wohin man sieht und grenzenlose Enttäuschung, dass das, was wir alle gemeinsam erleben und tragen müssen, nicht gemeinsam bewältigt werden kann - weil wir gegeneinander anstatt füreinander kämpfen. 
Und wo ist die Liebe?
Je länger das Kämpfen andauert, desto größer wird das Schlachtfeld, innen und außen, desto größer werden die Verluste auf beiden Seiten. In jedem Kampf gibt es am Ende Sieger und Verlierer. Manchmal gibt es nur Verlierer. Diese Kämpfe sind unheilsam, weil sie etwas radikal Zerstörerisches haben.
 
Nun ist Kämpfen aber per se nichts Schlechtes. Es gehört zum Menschsein. Kämpfen heißt auch gestalten. Gestalten heißt schöpferisch sein, etwas Neues kreieren und sich nicht an Etwas anpassen, dem ich mich nicht anpassen will, weil ich es, so wie sie ist, nicht gut heißen kann und es meinen Werten nicht entspricht. Dann macht das Kämpfen Sinn, weil es nicht zerstören will, sondern verbessern und heilen, was unheilsam ist.
Es lohnt sich FÜR eine gute Sache, einen Menschen, der uns um Hilfe bittet, eine Vision oder ein Ziel zu kämpfen, das uns am Herzen liegt. Diese Kämpfe schenken uns und anderen Kraft. Wir haben nicht das zersetzende Gefühl sinnlos gegen Mauern anzurennen. Daran erkennen wir, dass unser Kampf Sinn macht, zu etwas führt, was Sinn macht.
Es bringt nichts gegen Mauern anzukämpfen, die gegen uns errichtet sind. So wie es nichts bringt, um einen Menschen zu kämpfen, der sich gegen uns richtet. Unser Kämpfen wird nichts ändern.
Nur weil ich mir jemanden ausgewählt habe und mich entschieden habe, für ihn oder um ihn zu kämpfen, heißt das nicht, dass dieser Mensch bereit ist, das Gleiche für sich oder für mich zu tun. Nur weil ich für Heilung, Respekt, Liebe und Frieden kämpfe, heißt das nicht, dass andere das Gleiche tun.
Wir haben keine Macht über andere Menschen.
Auch Jesus hatte sie nicht. Er hat sich in Demut ergeben. Er hat nicht gekämpft. Er hat sein Kreuz in Würde getragen.
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Und dann seine letzten Worte: Und Jesus rief mit lauter Stimme: Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist. Mit diesen Worten hauchte er den Geist aus. (Lukas Evangelium 23, 46)
Er hat sich Gott überlassen. 
 
Manchmal müssen auch wir die Dinge sein lassen, loslassen, den Kampf aufgeben, wenn wir begreifen – es ist vergeblich. Wenn wir trotzdem weiter kämpfen verletzen wir uns damit nur selbst. Dann ist es Zeit loszulassen, egal wie viel Energie wir schon hineingegeben haben. Weil es besser für uns ist. Weil wir nirgendwohin kommen, außer an den Rand unserer Kräfte und in einen Cocktail destruktiver Gefühle. 
 
Wir haben verloren.
Wir erkennen das an, auch wenn wir es bedauern, auch wenn es weh tut.
Wir geben zu, dass wir machtlos sind.
Wir erkennen unsere Machtlosigkeit in Demut an.
Wir erkennen, es gibt etwas, das Größer ist als wir und geben vertrauensvoll nach Oben ab, was wir nicht ändern können.
Wir lassen nicht zu, dass wir verbittern.
Damit schaden wir uns nur selbst.
Wir beginnen keinen neuen, zerstörerischen Kampf – in uns selbst.
Wir wählen Frieden - in uns selbst. 
 
 
"Continue to be humble,
loving and patient.
Seek Truth above all things
and God, the Self,
will be attracted to you
and reveal Himself
as awareness inside your heart."
~ Mooji

Mittwoch, 27. März 2024

Fealing is healing

 



Wir sind fühlende Wesen. Jeder Mensch hat ein ganzes Spektrum von Emotionen. 
Wir haben „gute“ Emotionen und „schlechte“ Emotionen. Mal fühlen wir uns gut und mal fühlen wir uns schlecht. Das ist normal. Es ist auch normal, dass unsere Emotionen und Stimmungen im Laufe eines Tages mehrmals wechseln. Wir stehen am Morgen auf und fühlen uns gut, dann passiert etwas Unangenehmes oder wir denken belastende Gedanken und wir fühlen uns schlecht. Wir machen in der Mittagspause einen Spaziergang oder ein guter Freund ruft an und wir fühlen uns besser.
Und ebenso gibt es in unser aller Leben Zeiten tiefer Krisen in denen unsere Gefühle Achterbahn oder Geisterbahn fahren. Es gibt Hochs und Tiefs in jedem Leben. Zeiten, in denen wir glücklich und zufrieden sind und Zeiten, in denen wir rotzunglücklich sind.
 
Die meisten Menschen wollen sich immer glücklich oder zumindest gut fühlen. Ist das nicht der Fall, geraten sie in Stress. Wenn sie sich schlecht fühlen, wollen sie es weghaben und das am besten sofort. „Ich will das nicht haben, ich will das nicht fühlen, ich will gute Gefühle!“ Sie versuchen mit aller Macht aus ihren unguten Gefühlen auszusteigen. Und dann merken sie, dass es nicht geht. Gefühle haben die Eigenschaft zu wachsen, wenn wir sie nicht wahrhaben oder weghaben wollen. Gefühle brauchen Raum. Gefühle lassen sich nicht einfach abstellen, wenn wir das wollen. Sie haben ja eine Berechtigung da zu sein. Wenn uns Unheilsames widerfährt, fühlen wir uns schlecht. Das ist vollkommen normal. 
 
Heilung beginnt mit der Erlaubnis unsere Gefühle zuzulassen.
Ich habe schon lange begriffen, dass ich nicht versuchen muss meine Gefühle wegzumachen. Ich habe gelernt, alle Gefühle, auch die sogenannten „schlechten“, anzunehmen. Ich habe gelernt, auch die die Traurigkeit, den Schmerz und die Wut anzunehmen und meine Zeit dennoch sinnvoll und zu meinem Besten zu gestalten.
Ich atme mich in meine Gefühle hinein.
Ich bin traurig. Es ist okay. Ich bin wütend. Es ist okay. Ich fühle Schmerz. Es ist okay.
Wenn ich eine Zeit lang ruhig und bewusst atme, löst sich das Gefühl langsam auf. Es geht nicht ganz weg, aber es wird weniger stark. Ich leiste ja keinen Widerstand mehr, also muss es sich nicht aufbäumen. Es darf sich auflösen.
Mein Nervensystem beruhigt sich.
Dann frage ich mich: Was brauche ich jetzt, damit es mir besser geht?
Was auch immer ich dann in diesem Moment brauche, ich erfülle mir das oder ich mache das. Das muss nichts Großes sein, manchmal bereite ich mir einfach eine Tasse Matcha Tee zu und genieße seine schöne grüne Farbe und seinen herrlichen Geschmack sehr bewusst.
„Es ist okay, und „was kann ich jetzt für mich tun?“, gibt mir die Freiheit mich nicht von meinen Emotionen beherrschen zu lassen. Ich fühle mich vielleicht noch immer traurig, aber ich fühle mich nicht mehr hilflos, ohnmächtig und als Opfer der Umstände. Ich praktiziere Selbstregulation. Damit erfahre ich Selbstwirksamkeit und eine mitfühlende, wohlwollende innere Haltung der Fürsorge für mich selbst. 
 
Es geht nicht darum Emotionen wegzumachen, das funktioniert sowieso nicht, es geht allein darum angemessen mit unseren Emotionen umzugehen.
Es geht darum, zu erkennen, dass wir durch unsere geistige Ausrichtung die Wahl haben, was im Jetzt unheilsam ist, für uns besser zu machen.
Es geht darum zu praktizieren, um es umsetzen zu können.
Es geht um unsere Genesung.
Feeling is healing.
 
"Erst ist da ein Berg,
dann ist kein Berg mehr,
dann ist."
- Donovan

Mittwoch, 20. März 2024

Aus der Praxis: Schmerz

 

                                                     Mixed Media: Angelika Wende

 

„Etwas, dem wir uns nicht stellen, wir uns doch ausfindig machen.“  - John Trudell

Das gilt für alles, was wir verdrängen oder abwehren, vor dem wir davonlaufen oder es nicht haben wollen, auch für den Schmerz, dem wir uns nicht stellen, er wird uns doch ausfindig machen. Es gibt keinen Fluchtweg, egal was wir anstellen, um den Schmerz zu vermeiden. Wenn etwas weh tut, tut es weh. Und manches tut verdammt weh. Manches schmerzt so sehr, dass wir glauben, wir werden verrückt vor Schmerz. Anstatt mit sinnlosem Bemühen vor dem Schmerz wegzulaufen, nach Drogen oder Alkohol zu greifen, zu viel zu essen, zu viel zu kaufen, zu viel zu konsumieren, können wir anhalten und uns dem Schmerz zuwenden. Dazu müssen wir uns zunächst gewahr sein: Weglaufen ist ein Lösungsversuch, der nicht funktioniert. Und wo es keinen Fluchtweg gibt, können wir Freiheit finden.

Schmerz bedeutet zunächst nichts weiter als, ich bin lebendig, ich fühle, ich bin ein fühlender Mensch. Schmerz gehört zur Geburt, zum Leben und zum Sterben. Warum also meinen wir, dass Schmerz nicht sein darf, warum meinen wir, ihn nicht haben zu sollen?

Warum meinen wir, dass schmerzhafte Erfahrungen nicht in Ordnung sind oder, dass wir die Einzigen sind, die Schmerz fühlen und das Leben ungerecht und grausam zu uns ist? Warum suchen wir nach Schuldigen, warum klagen wir das Schicksal oder Gott an? Weil wir uns dem lebendig sein verweigern. Weil wir nur das Gute und das Glück haben wollen. Weil wir nicht begreifen wollen, dass Leben alles ist. Weil wir alles persönlich nehmen was archetypisch ist. Weil wir ignorant uns selbst und dem Leben gegenüber sind.

Vieles von dem was Menschen tun um dem Schmerz auszuweichen, entspringt dem sinnlosen Bemühen sich dem Leben wie es ist, zu verweigern

Sie glauben, dass da ein Fehler im System ist und dass Schmerz einer dieser Fehler ist. Um das System zu begreifen und es zu akzeptieren, müssen wir auch den Schmerz begreifen und akzeptieren. Wir müssen die Idee von richtig und falsch fallen lassen. Wenn wir das schaffen, besteht eine realistische Chance zu heilen.

Heilen bedeutet nicht alles ist perfekt und das Leben voller Glückseligkeit, heilen bedeutet: Setz dich hin zu deinen Schmerz und fühle deinen Schmerz. Mach deine Arbeit, die dir keiner abnehmen kann, weil es dein Job ist. Ein anderer kann dir die Hand halten, aber da durch musst du selbst. Heilen bedeutet, uns mit dem Leben in seiner Ganzheit vertraut machen, es zu leben, zu erfahren, es zu akzeptieren wie es ist, mit allem was uns widerfahren ist und widerfährt und einen Sinn darin zu finden und zu wachsen. Heilen bedeutet zuallerst anzunehmen was ist, auch den Schmerz.

„Wir können nichts ändern, solange wir es nicht akzeptieren.“

~ C. G. Jung

Heilen bedeutet, sich zu fragen: Worin liegt die Chance? Und nicht: Warum ich?

Wir irren, wenn wir glauben, dass Schmerz nicht sein darf, dass etwas falsch daran ist. Aus diesem Irrtum ergibt sich dann Leiden. Schmerz ist ein Signal, er weist immer auf etwas Existentielles hin. Folgen wir seinem Hinweis, lernen wir. Im Schmerz hilft es nicht den Versuch zu machen das Außen so zu verändern, dass es so ist wie wir das wollen. 

Viele Menschen versuchen zwanghaft den Schmerz zu betäuben. 

Jede Sucht ist eine Flucht vor dem Schmerz, der ihr zugrunde liegt. Der Süchtige versucht, wenn auch erfolglos, immer wieder den Schmerz zu betäuben, ihn auszuschalten und erreicht dabei das Gegenteil – der Schmerz wird immer größer, er muss immer öfter, immer mehr konsumieren. Das Konsumieren wird zur obersten Priorität. Es zerstört alles Lebendige, nur den Schmerz nicht.

Um den Schmerz zu bewältigen müssen wir ihn erst einmal einfach annehmen und mit dem Wegrennen und betäuben aufhören. Wir müssen ihn erkunden und erforschen. Herausfinden wie wir ihn beurteilen und wie wir auf ihn reagieren. Wir müssen alle Schmerzvermeidungsstrategien sein lassen und ihn da sein lassen, solange er da sein will, solange bis wir begriffen und verinnerlicht haben, was er uns zu sagen hat. Wir dürfen ihn durchleben und erfahren, dass wir ihn überleben. Nur wenn wir auf diese Weise durch den Schmerz durchgegangen sind, können wir einen Ort inneren Friedens erreichen. Das ist das Ende der Flucht - ein Einverstandensein mit dem, was war und ist und was nicht mehr sein muss, weil wir stärker, wahrhaftiger und weiser geworden sind.

 

„Ihr braucht nichts weiter zu tun, als aufrecht mitten im Schmerz zu stehen.“

Katagiri Roshi

 

 

 

 

Freitag, 15. März 2024

Aus der Praxis: Der Schatten der Eltern

                                                             Malerei: A.Wende
 

Selbstkenntnis erlangen bedeutet, sich durch die Prozesse der Selbsterkenntnis auszudifferenzieren, mit dem Ziel die eigene Einzigartigkeit zu finden und sie anzunehmen, was immer sie auch sein mag. Das Annehmen meiner selbst in meiner Besonderheit ist ein wichtiger Schritt um mich aus der Schleife von Selbstanklage, Selbstbeurteilung, Selbstabwertung und Selbstverurteilung heraus zu bewegen. Und immer wieder, ich kann es nicht oft genug betonen, spielt das Erkennen der Schatten bei diesem Prozess eine entscheidende Rolle.
Solange das Verdrängte, eben das, was ich nicht sehen will in mir selbst und meiner Biografie, nicht angeschaut und aufgelöst ist, werde ich mir meiner selbst nicht bewusst. Ich reife nicht, wenn ich mich vor den Schatten verstecke, aus Angst sie könnten mein Leben im Jetzt überschatten. Dabei tun sie es längst, nur dass ich es nicht bewusst wahrnehme. 
 
Zu den Schatten gehört auch der Elternschatten, den wir so gerne unangetastet lassen.
Gerade hier neigen wir dazu uns selbst zu blenden um uns die Illusionen nicht zu nehmen, wie die Eltern in unserem Wunschdenken waren, auch wenn wir in der hintersten Ecke unseres Bewusstseins wissen, dass unser Bild eben nur ein Bild von ihnen ist, ein Wunschbild bisweilen, das sich auflöst sobald wir nur ein wenig daran kratzen.
Aber was nützt uns ein Wunschbild, das der Realität unserer Erfahrung nicht entspricht?
Das Werden zu dem, der ich bin, bedeutet auch, mir klar darüber zu werden, wessen Kind ich bin. Es bedeutet, mir Klarheit darüber zu verschaffen, was meine Kindheit geprägt und was sie überschattet hat.
Wie kann sich ein Mensch selbst lieben, der sehr früh erfahren musste, dass er nicht liebenswert sei? Dass er besser anders wäre als er ist, dass er den Eltern eine Last war oder besser nicht geboren worden wäre? Er glaubt, dass er die wahre Ursache ihrer Ablehnung, ihrer Wut, ihrer Lieblosigkeit, ihrer Gewalt ist, was nicht stimmt. Er fühlt sich schuldig, er schämt sich, will besser werden, lieber werden, folgsamer, aber all das kann gar nicht gelingen, weil die Eltern das Unheilsame was sie selbst nicht verarbeitet haben, ihre Neurosen oder eigenen Traumata auf das Kind projizieren. 
 
„Wenn man einmal wirklich verstanden hat, hört man auf, auf die Liebe der Eltern zu warten. Man weiß dann, warum sie nicht möglich war noch ist. Erst dann erlaubt man sich, zu sehen, wie man als Kind behandelt wurde, und zu spüren, wie man darunter gelitten hat. Statt die Eltern wie bisher zu bemitleiden, zu verstehen und sich selber zu beschuldigen, fängt man an, dem misshandelten Kind beizustehen, das man einst war.“
Zitat: Alice Miller
 
Der Elternschatten ist solange ein mich unbewusst beeinflussender Teil, solange ich mich davor fürchte ihn ins Licht meiner Aufmerksamkeit zu holen. Und wenn ich spüre und erkenne, dass ich eine Illusion anschaue, dann ist es eine Illusion.
Sich die Eltern gut denken wollen, macht sie und mich nicht besser. Das gute Denken ist vielleicht ungefährlicher, weil es mich nicht mit Gefühlen von Schmerz und Wut konfrontiert, aber das ist Verdrängung, die nur den Sinn hat, mich selbst zu schützen und nicht die Eltern, wie man fälschlicherweise denken könnte. Denn wenn ich mich wage auch das Ungute, das Destruktive, das nicht Liebevolle, das Grausame der Eltern zu sehen, dann fühle ich Schuld, dann fühle ich Scham, weil ich sie als gutes Kind ja lieben und ehren soll.
 
Den Schatten der Eltern sehen heißt: ich differenziere und ich erwache. Ich erwache aus der infantilen Illusion des "alles ist gut, wenn ich ausschließlich das Gute sehen will".
 Indem ich erwache, werde ich wach für mich selbst und den Teil in mir, der mich geprägt, beeinflusst und geformt hat. Ich erkenne die Wut, die nicht die meine ist, ich erkenne die Trauer, die nicht die meine ist, ich erkenne die Angst, die nicht die meine ist, ich erkenne die Scham, die nicht die meine ist, ich sehe die Schuld, die nicht die meine ist, ich erkenne die Verzweiflung, die nicht die meine ist, ich erkenne die Unsicherheit, die nicht die meine ist und ich sehe den inneren Kampf, der nicht der meine ist und doch zu dem meinen geworden, solange ich mich nicht innerlich gereinigt habe, von dem, was nicht das meine ist.
Eltern formen ihre Kinder. Und die Wirkung ihrer eigenen Schatten wirkt auf ihre Kinder. Je massiver der Elternschatten, desto stärker die Gefahr, dass sich im Kind ein falsches Selbst bildet, denn als Kind entscheiden wir nicht, was wir in uns aufnehmen. Wir können nicht anders, wir saugen auf - alles, das Hell und das Dunkel derer, die uns nähren und erziehen. Es braucht mitunter ein Leben lang um herauszufinden wer bin ich und was der Schatten der Eltern, der mich beeinflusst in meinem Fühlen, meinem Denken und in meinen Handlungen, vor allem aber in meinem Selbstbild.
 
Es geht um Erinnern statt Erinnerungsleugnung.
Um der zu werden, der ich im Kern bin, muss ich hinschauen, (muss und nicht ein gesäuseltes darf). Ich muss es wagen zu demontieren, was ich für unanstastbar halte, um unter all den Fragmenten, die diese Demontierung nach sich zieht, die Teile zu erkennen, die nicht die meinen sind um mehr ich selbst zu werden. Differenzieren ist nötig um alle falschen Identifikationen aufzulösen. Das bedeutet Abgrenzung und Loslösung mit dem Ziel zu mehr Selbstbestimmung zu gelangen, zur eigenen Mitte hin zu balancieren um ein Mehr an Selbstbewusstsein, Selbstachtung und Autonomie zu erreichen. 
 
Das Werden zu dem, der ich bin, bedeutet nicht, ein Mensch zu sein, der keine Probleme mehr hat, es bedeutet ein Mensch zu sein, der sich mehr und mehr allen Teilen seiner Persönlichkeit bewusst wird. Und dazu gehört der Elternschatten, den wir introjiziert haben, ohne eine Wahl gehabt zu haben, dazu gehört ihn zu identifizieren um ihn dahin zurückzugeben, wo er hingehört: zu Mutter und Vater.
Wenn das gelingt, wenn wir fähig sind zu spüren und zuzulassen wie wir als Kind unter dem unheilsamen Verhalten der Eltern gelitten haben, verschwinden Verständnis und Entschuldigungen für die Eltern. Sie konnten nicht anders. Aber wir können anders.
Wir können uns der Wahrheit stellen, auch wenn sie schmerzt.
Dann erst sind wir fähig uns unserem Inneren Kind wirklich mitfühlend zuzuwenden und es aus dem Schatten der Vergangenheit ans Licht zu holen, damit es, damit wir lebendig werden. Wir werden zum Helfer dieses Kindes der ihm immer zur Seite steht, es vertritt und vor weiteren Verletzungen und Selbstverletzungen schützt. Wir beginnen diesem Kind in uns, das zu geben, wonach es sich zeitlebens sehnt: Liebe.