Samstag, 29. August 2026

Unrettbar

 

 

Malerei. A.Wende

                                   

Tag frür Tag nehme ich wahr, wie verschieden Menschen die Dinge sehen, fühlen, wahrnehmen und interpretieren. Ganz gleich, welche anderen Sichtweisen man ihnen näherzubringen versucht. Eine ganze Welt voller Interpretationen. Und jede davon ist eine eigene Welt. Unendlich viele innere Welten, die mit der äußeren manchmal wenig, manchmal gar nichts zu tun haben. Und so ist jeder Mensch auf seine Weise in seiner inneren Welt gefangen. Immer wieder stelle ich fest, wie schwer es ist, den Denkrahmen zu verändern. Den meiner Klienten. Und manchmal auch meinen eigenen. Da ist so vieles, was an und in uns klebt wie zäher Leim. Und es gibt kein Lösungsmittel, das sicher funktioniert, um ihn zu lösen. Keine Methode, die allen Menschen gleichermaßen hilft. Es gibt unendlich viele Methoden. Und ebenso unendlich viele Menschen, bei denen keine davon wirklich hilft. Manchen Menschen ist nicht zu helfen. Auch das ist eine traurige Wahrheit. Manchen gelingt es nicht, aus ihrem inneren Gefängnis auszubrechen. Und auch das hat einen Grund. Es ist kein Versagen. Es ist, wie es ist.

 

Dann bleiben nur zwei Möglichkeiten: Man verzweifelt. Oder man akzeptiert die eigene innere Gefangenschaft und hört auf, sich dafür zu verurteilen. Denn oft haben wir uns längst selbst verurteilt. Uns selbst lebenslänglich gegeben, ohne überhaupt noch zu wissen, warum. Und auch das ist okay.

 

Man kann nicht alles und jeden retten. 

Und manchmal kann man auch sich selbst nicht retten. Man kann sich so annehmen, wie man ist. Unrettbar. Ja, auch unrettbar.

Ich will hier keine Illusionen zerstören. Ich spreche aus meiner Erfahrung mit vielen Menschen. Ich kenne die Unrettbarkeit. Ich habe einen Menschen geliebt, der unrettbar war. Ich habe Menschen unterstützt, die unrettbar waren. Sie haben gekämpft und den Kampf nicht gewinnen können. Es ist wie es ist. 

 

„Heilt Zeit Wunden?“, fragte mich jemand. Nein. Zeit heilt nicht alle Wunden.

Sie macht manche vielleicht weniger schmerzhaft. Weniger störend. Man lernt, mit ihnen zu leben. Aber jede Wunde hinterlässt eine Narbe. Und wenn sie grob berührt wird, kann sie wieder schmerzen. Manche brechen sogar wieder auf. Dann verbinden wir sie wieder. Versorgen sie, so gut wir können. Und manchmal können wir es nicht. Manchmal reicht die Kraft nicht. Manchmal reicht Hilfe nicht. Manchmal verbluten Menschen daran. Und auch damit müssen wir leben lernen.

 

Nicht alles ist heilbar. Nicht jeder ist rettbar. Und das ist kein Versagen.

Manchmal ist es einfach das Ende dessen, was ein Mensch tragen konnte.

 

Wähle achtsam



 

 

Jede Beziehung, in der wir uns befinden, trägt entweder zu unserer Heilung bei oder sie verstärkt die Dysregulation des Nervensystems.

Beziehungen die von Verlässlichkeit, Berechenbarkeit und Sicherheit geprägt sind, wirken heilsam auf ein Nervensystem das ständig im Überlebensmodus ist.

Beziehungen, die durch Unberechenbarkeit, Kritik oder emotionale Verletzungen geprägt sind, halten die Stressreaktion des Nervensystems chronisch aktiv.

 Wenn du heilen willst, wähle achtsam, wen du wählst.


Dienstag, 25. August 2026

Hast du dich wirklich verändert?

 


Auf unserer Heilungsreise nach einer toxischen Beziehung kommen wir irgendwann an einen Punkt an dem wir denken, so jetzt ist es gut. Ich habe viel gelernt und ich bin gewachsen. Ich habe meine alten Erfahrungen integriert und meine Wunden verbunden. Ich reagiere nicht mehr automatisch und ich beobachte mich hinreichend gut. Wenn ich spüre, das mich etwas triggert, reagiere ich anders als früher. Ich erkenne sofort, wenn jemand toxisch ist und gehe in Distanz. Wir glauben vielleicht insgeheim: Jetzt kommt die Belohnung für die Arbeit an uns selbst.

Aber oft kommt es anders, als wir glauben oder hoffen.

 

Das erste was wahrscheinlich passieren wird, ist dass das Leben uns dieselbe Lektion noch einmal präsentiert. Vielleicht kommt der Mensch, der uns verletzt hat, reumütig zurück. Vielleicht kommt er in Gestalt eines anderen Menschen, mit demselben Verhalten und denselben Mustern. Vielleicht hat er diesmal keine Alkoholsucht, sondern eine andere Sucht. Vielleicht ist es diesmal wieder ein geschickter Blender. 

Wir treffen wieder einen Menschen, zu dem wir uns auf magische Weise hingezogen fühlen, wir lassen uns auf ihn ein  und merken erst zu spät: Irrtum, auch er verletzt uns. Und wir werden genau mit denselben Erfahrungen und Gefühlen konfrontiert, von denen wir dachten, dass wir sie überwunden haben. Das kann uns so vorkommen als hätte alles nichts geholfen, als seien wir schlechte Schüler, als sei alles umsonst gewesen.

Es war nicht umsonst. 

 

Das, was uns begegnet, stellt uns Fragen: Hast du die Lektion wirklich gelernt. Hast du dich wirklich verändert oder kehrst du zu deinen alten Mustern zurück?

 

Wenn du dich dieses Mal dafür entscheidest, deine Grenze zu achten und zu schützen,  dich selbst nicht mehr verleugnest und nicht mehr in alte Muster zurückfällst, nicht mehr aus magischer Anziehung auf Menschen  hereinfällst, die unheilsam für dich sind, nicht mehr Altes wiederholst, sondern rechtzeitig Stopp sagst und danach handelst, dann hast du die Arbeit wirklich gemacht. Dann hast du dich wirklich verändert.

 

Heilung bedeutet nicht, dass du etwas Altes nicht mehr fühlst oder ihm begegnest, nicht dass dich etwas Vertrautes nicht mehr anzieht, sondern, dass du nicht mehr zulässt, dass es sich in deinem Leben wiederholt.

Montag, 24. August 2026

Heilung braucht Bewusstsein

 


 
Heilung braucht Bewusstsein. Heilung ist nicht nur eine einzige Sache. Es geht darum, sich um den ganzen Menschen zu kümmern, Körper, Geist und Seele. Es reicht nicht, sich einfach gesund zu ernähren. Es reicht nicht, sich zu bewegen. Es reicht nicht, eine Therapie zu machen, Medikamente einzunehmen oder sich hin und wieder eine Auszeit zu gönnen. All das kann wichtig und wertvoll sein, aber Heilung bedeutet mehr. Es geht darum, den ganzen Menschen zu betrachten: Körper, Geist und Seele.
Denn wie sollen wir wirklich gesund werden, wenn wir nur einen Teil von uns verändern, während wir gleichzeitig an den Dingen festhalten, die uns immer wieder schaden?
 
Viele Menschen sind krank, erschöpft oder fühlen sich innerlich nicht mehr wohl und machen trotzdem weiter wie bisher. Sie wissen vielleicht sogar, dass bestimmte Gewohnheiten ihnen nicht guttun. Sie schlafen zu wenig, essen ungesund, bewegen sich kaum, übergehen ihre Grenzen, betäuben Gefühle mit Tabletten oder Alkohol, leben ständig unter Stress oder halten an Beziehungen und Situationen fest, die ihnen nicht guttun. Und oft wird das verdrängt.
Sie reden sich ein, dass es schon nicht so schlimm sei. Dass sie später etwas ändern können. Dass sie gerade keine Zeit haben. Dass die Umstände schuld sind. Dass der Körper einfach nicht mitmacht. Dabei wäre der erste Schritt zur Veränderung, ehrlich hinzuschauen und sich zu fragen: Was tue ich mir selbst eigentlich jeden Tag an?
Nicht um Schuldgefühle zu erzeugen. Im Gegenteil. Bewusstsein bedeutet nicht, sich für seine Krankheit zu verurteilen. Es bedeutet, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, mit Mitgefühl und Achtsamkeit, statt mit Selbstanklage oder Selbstverurteilung.
 
Heilung braucht Bewusstsein.
Bewusstsein dafür, wie wir mit unserem Körper umgehen.
Bewusstsein für unsere Gedanken und inneren Überzeugungen.
Bewusstsein für unsere Gefühle und das, was wir schon lange verdrängen. Bewusstsein für unsere Grenzen, unsere Bedürfnisse und unsere Entscheidungen. Und auch Bewusstsein dafür, welche Gewohnheiten uns stärken und welche uns immer wieder von uns selbst entfernen und uns schwächen.
 
Wie soll Heilung stattfinden, während wir gleichzeitig jeden Tag etwas tun, das unsere Heilung verhindert?
Wir wünschen uns Ruhe und leben ständig im Stress.
Wir wünschen uns Energie und rauben unserem Körper den Schlaf. Wir wünschen uns Gesundheit und ignorieren die Signale unseres Körpers. Wir wünschen uns inneren Frieden und halten an Konflikten, Ängsten oder alten Mustern fest. Wir wünschen uns Veränderung, wollen aber unsere Gewohnheiten nicht verändern. Das ist menschlich. Veränderung ist nicht einfach. Viele Verhaltensweisen haben einen Grund. Sie können uns irgendwann geholfen haben, mit Schmerz, Angst, Überforderung oder schwierigen Erfahrungen umzugehen. Aber was uns einmal geholfenhat, kann uns jetzt schaden. Deshalb bedeutet Heilung auch, ehrlich zu werden. Nicht nur darüber, was mit uns passiert, sondern auch darüber, wie wir mit uns selbst dabei umgehen.
Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch seine Krankheit selbst verursacht hat. Krankheit ist komplex und hat viele Ursachen, die wir nicht kontrollieren können. Aber wir können lernen, bewusster wahrzunehmen, was in unserer eigenen Verantwortung liegt. 
 
Heilung beginnt mit dem ehrlichen Moment, in dem wir aufhören, uns selbst zu belügen und uns auszuweichen.
Wenn wir anfangen hinzusehen, statt zu verdrängen.
Wenn wir anfangen zuzuhören, statt die Signale unseres Körpers zu übergehen und zu betäuben.
Wenn wir anfangen zu fühlen, statt zu verdrängen.
Wenn wir anfangen, uns selbst nicht länger als Gegner zu behandeln.
Heilung ist ein Weg zurück zu uns selbst.
 
Und dieser Weg kann Ernährung beinhalten. Bewegung. Therapie. Medizin. Schlaf. Ruhe. Natur. Beziehungen. Grenzen. Emotionale Arbeit. Veränderung von Gewohnheiten. Vor allem aber: die Bereitschaft, bewusst udn radikal ehrlich hinzusehen. Gesundheit bedeutet nicht nur, dass keine Symptome mehr da sind. Es bedeutet auch, zu lernen, wie wir mit uns selbst leben wollen.
 
 
Angelika Wende

Sonntag, 23. August 2026

Weil ich endlich geliebt sein will: Aus der Innenwelt einer Co-Abhängigkeit

 



Manche meiner Leser hier, haben mein Buch vielleicht schon gelesen. Dafür möchte ich heute einfach einmal von Herzen Danke sagen, für euer Vertrauen, eure Rückmeldungen und dafür, dass ihr euch auf dieses sensible und tiefgehende Thema eingelassen habt. Jede einzelne Rückmeldung bedeutet mir sehr viel. 
 
„Weil ich endlich geliebt sein will.“
Dieser Satz ist der Titel meines Buches und er beschreibt für mich sehr viel von dem, was hinter Co-Abhängigkeit steht. Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich dieses Thema nicht nur aus psychologischer Perspektive kenne, sondern aus meiner eigenen Erfahrung.
Co-Abhängigkeit entsteht häufig dort, wo wir uns immer stärker mit den Gefühlen, Bedürfnissen und Problemen eines anderen Menschen verstricken. Wir spüren, was der andere braucht, übernehmen Verantwortung für seine Gefühle, versuchen Konflikte zu vermeiden, helfen, versuchen zu retten und halten aus. Und während wir immer mehr für den anderen tun verlieren wir uns selbst. Aus Fürsorge wird Selbstaufgabe. Aus Verbundenheit wird emotionale Verstrickung. Und irgendwann fällt es schwer zu unterscheiden: Was fühle eigentlich ich? Was brauche ich? Wo enden die Bedürfnisse des anderen und wo beginnen meine eigenen? Ich kenne diese Dynamik aus meinem eigenen Leben. Deshalb war es mir wichtig, in meinem Buch nicht psychologisches Wissen zu vermitteln, sondern meine persönlichen Erfahrungen und Erkenntnisse.
 
Co-Abhängigkeit ist kein persönliches Versagen.
Co-Abhängigkeit kann grundsätzlich jeden treffen, weil sie weniger eine bestimmte Persönlichkeit beschreibt als ein Beziehungsmuster, das sich unter bestimmten Bedingungen entwickeln kann. Häufig entsteht sie dort, wo wir uns immer stärker mit den Gefühlen, Bedürfnissen, Problemen oder der Sucht eines anderen Menschen verstricken. Oft sind es zudem erlernte Beziehungsmuster, die einmal geholfen haben, Nähe, Sicherheit oder Anerkennung zu bekommen. Der Weg aus der Co-abhängigkeit beginnt deshalb nicht mit Selbstvorwürfen, sondern mit Verständnis, Selbstmitgefühl, Bewusstheit und dem Mut, uns selbst wieder wichtig zu nehmen.
 
Dieses Buch liegt mir sehr am Herzen.
Es ist ein Buch über Verstrickung, Selbstverlust, Selbstwert und den Weg zurück zu sich selbst. Wenn du dich in diesen Worten wiedererkennst, schau dir mein Buch gerne an. Vielleicht findest du darin Gedanken, die etwas in dir bewegen. Und wenn du jemanden kennst, der sich ständig um andere kümmert und sich dabei selbst immer mehr verliert, teile diesen Beitrag gerne. Vielleicht ist dieses Buch der Impuls, den jemand gerade braucht.
 
Du musst dich nicht selbst verlieren, nur weil du geliebt sein willst.

Samstag, 22. August 2026

Innerer Frieden

 



Was bedeutet innerer Frieden für mich? 
Diese Frage stelle ich mir an diesem Morgen, nach einem Vorfall, der mich zutiefst schockiert und befremdet hat. Für mich bedeutet innerer Frieden, mit mir selbst im Einklang zu sein. Das bedeutet nicht, dass ich keine Sorgen, Ängste oder Probleme habe. Vielmehr bedeutet es, trotz all dem einen ruhigen Ort in mir zu bewahren und ihn zu schützen. Einen Ort, an dem ich ich selbst sein kann, ohne Erwartungen zu erfüllen oder mir selbst und anderen etwas beweisen zu müssen und ohne alles oder jeden verstehen zu müssen. 
 
Oft verlieren wir unseren inneren Frieden, weil wir zu sehr nach außen schauen. 
Wir denken darüber nach, wie es anderen geht, was andere über uns denken, machen uns Sorgen über Dinge, auf die wir keinen Einfluss haben, oder versuchen zu kontrollieren, was wir nicht kontrollieren können. Dabei vergessen wir, auf uns selbst zu hören. Wir vergessen, uns selbst wahrzunehmen. Oder wir nehmen etwas wahr und verdrängen oder beschönigen es, weil wir glauben, dass wir es nicht einfach loslassen können.  Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, meinen inneren Frieden zu schützen. Ich habe gelernt, schneller loszulassen, was mir nicht guttut oder mich zu viel Energie kostet. Nicht jeder Streit muss gewonnen, nicht jede Meinung beantwortet und nicht jedes Problem gelöst werden. Nicht jeder muss mich mögen, und ich muss mich nicht verbiegen, um gemocht zu werden. Ich muss mich nicht erklären oder rechtfertigen, wenn ich etwas sage oder fühle, nur weil andere damit nicht umgehen können.
 
Manchmal bedeutet Frieden auch, bewusst zu sagen: Das lasse ich nicht mehr an mich heran. Ich lasse es sein. Diese Situation, diesen Menschen, diesen Gedanken, ich lasse los. Denn was mir nicht guttut und sich nicht gut anfühlt, kostet mich nicht nur Kraft, sondern auch meinen inneren Frieden. Und je älter ich werde, desto bewusster wird mir, wie kostbar er ist. Kostbarer als vieles, was ich im Außen finden kann. Innerer Frieden ist für mich keine Flucht vor der Welt. Es ist die Fähigkeit, inmitten all des Lärms bei mir selbst zu bleiben. Ich kann nicht bestimmen, was in meinem Leben passiert, ich kann andere nicht ändern, aber ich kann entscheiden, welchen Einfluss die Dinge auf mich haben. Und darin liegt für mich innere Freiheit. Ich darf meiner Wahrnehmung vertrauen. Sie erinnert mich daran, auf mich selbst zu hören und mich nicht zu verlieren, egal, was um mich herum geschieht. Ich bleibe bei mir, um meines inneren Friedens willen.
 

„Jene, die den Weg der Achtsamkeit gehen,
Haften nicht an Orten, Menschen, Dingen,
Wie Schwäne erheben sie sich vom See,
Lassen Orte, Menschen, Dinge los.“


Buddha


Freitag, 21. August 2026

Ein Versuch von Leben




 
Alles Liebe“ heißt Ronja von Rönnes neues Buch.
Nur dass von Liebe in diesem Buch nicht die Rede ist, eher vom Geliebtwerdenwollen, was den Protagonisten aber nicht gelingt, obwohl sie einiges dafür tun und vieles dafür halten.
Es geht um Selbstlügen, ums Anlügen, um Lebenslügen. Die Menschen in den Geschichten sind erbärmlich, verzweifelt, neurotisch, depressiv, größenwahnsinnig, frustriert, resigniert, mutlos, verbittert, obsessiv und alle sind auf ihre eigene Weise einsam. Sie alle sind Menschen, die nebeneinanderher leben, geliebt werden wollen und doch nicht wissen, wie man sich selbst und anderen wirklich nahekommt. Und sie alle haben ihre Strategien, mit denen sie versuchen, ihren Mangel an Liebe zu kompensieren.
 
Sie leiden unter ihren Lebensumständen, tragen aber gleichzeitig selbst dazu bei, dass sich diese Umstände immer weiter verfestigen. Sie leben nicht wirklich, sondern reagieren nur noch auf ihr eigenes, immer enger werdendes Konstrukt von Wirklichkeit. Ihr Leben ist ein Drüberleben, ein Versuch von Leben, der am Ende scheitert. Sie schaffen sich ihre eigene Wirklichkeit, die bisweilen so absurd, befremdlich und grotesk daherkommt, dass sie einem trotz ihrer Erbärmlichkeit nicht einmal leidtun. Sie werden nicht erklärt. Man muss sie aushalten. Sie sind Opfer, die zu Tätern werden, Opfer, die es nicht schaffen, aus dem Hamsterrad auszusteigen und Eigenverantwortung zu übernehmen, und stattdessen einen Kampf gegen sich selbst führen, den sie am Ende nicht gewinnen. Und irgendwie wird man beim Lesen den Eindruck nicht los, dass sie alle in die Psychiatrie gehören, damit ihnen geholfen werden kann. 
 
Ronja von Rönne beschreibt das stille Leid ihrer Figuren mit einer an Empathielosigkeit grenzenden Distanz. Jedem von ihnen widmet sie ein Kapitel und überschreibt es mit dem Vornamen ihrer trostlosen Heldinnen und Helden. Sie bewertet nicht, interpretiert nicht, psychologisiert nicht. Sie beobachtet und beschreibt. Gerade dadurch werden ihre Figuren so unangenehm wirklich. "Alles Liebe" ist ein ziemlich liebloses Buch. Und am Ende fragt man sich, ob es solche lieblosen Leben wirklich gibt. Ja, es gibt sie. Und gerade das macht das Buch noch trostloser, weil es eine Wirklichkeit abbildet, die sich Tag für Tag hinter verschlossenen Türen abspielt.