Eine Klientin entdeckte für sich das expressive Schreiben nach James Pennebaker. Als sie von der Methode las, entstand in ihr die Hoffnung, dass sich traumatische Erfahrungen durch radikal ehrliches Schreiben emotional lösen könnten. Die Vorstellung, den Schmerz endlich vollständig ausdrücken zu können, erschien ihr wie ein möglicher Weg zur Befreiung.
Das expressive Schreiben nach dem US-Psychologen James
Pennebaker ist eine wissenschaftlich belegte Methode, um belastende Gedanken,
Traumata oder Stress abzubauen. Durch das freie, unzensierte Aufschreiben der
eigenen Gefühle lassen sich emotionale Blockaden lösen, die mentale Gesundheit
stärken und der Schlaf verbessern.
Pennebaker ging davon aus, dass fragmentierte Erinnerungen, die noch nicht zu einer
Geschichte geformt wurden, fortlaufend kognitive Ressourcen erfordern, um
sie zu unterdrücken und zu verwalten. Sie niederzuschreiben, ihnen eine Gestalt
zu verleihen, scheint hingegen Kapazitäten freizusetzen, denn das, wofür wir noch
keine Worte gefunden haben, ist emotional unvollendet.
Meine Klientin begann intensiv zu schreiben.
Zunächst in einem Tagebuch, später immer umfassender. Schließlich entstand aus ihren Aufzeichnungen ein ganzes Buch, in dem sie ihre traumatischen Erfahrungen detailliert beschrieb. Sie hielt Erinnerungen fest, rekonstruierte Situationen, benannte Gefühle, analysierte Zusammenhänge und versuchte, dem Erlebten sprachlich eine Form zu geben.
Irgendwie erwartete sie: „Wenn ich endlich alles ausdrücke, bin ich frei.“
Doch am Ende des Schreibprozesses stellt sie fest,
dass sich der innere Schmerz nicht aufgelöst hatte. Die schmerzhaften Erinnerungen existieren
weiterhin, ebenso die emotionale Belastung. Sie erlebt dies als tief
enttäuschend und sagt:
„Ich habe meine Traumata in einem ganzen Buch aufgeschrieben. Nichts. Es hat
sich nicht gelöst.“ Im weiteren Verlauf unserer Sitzungen Verlauf wird
deutlich, dass traumatischer Schmerz nicht allein durch schriftliche
Verarbeitung verschwindet. Das Problem liegt dabei nicht in fehlender Erinnerung oder mangelnder
Einsicht. Im Gegenteil: Die Klientin kannte ihre Geschichte und was sie mit ihr
gemacht hat bis ins Detail. Dennoch blieb etwas in ihr unverändert verletzt.
Heißt das jetzt, Schreiben hilft nichts? Nein, das heißt es nicht. Ich bin absolut für das Schreiben. Schreiben kann soviel für uns tun.
Aber Trauma ist nicht nur Erinnerung, die wir in Worte fassen. Es zeigt sich auch im Nervensystem, in körperlichen Alarmreaktionen, in Scham- und Schuldgefühlen, in Ängsten, Depressionen, Hilflosigkeit, Erstarrung, Rückzug, Selbstisolation, Misstrauen, innerer Übererregung, Süchten und tief verankerten Beziehungserfahrungen. Und es ist möglich, dass eine Methode einfach nicht zu uns passt. Das ist kein persönliches Versagen, es zeigt nur, dass jeder von uns etwas anderes braucht um zu genesen.
Was dem einen hilft, hilft dem anderen nicht.
Meine Klientin erkannte allmählich: Man kann ein Trauma intellektuell vollständig verstanden haben und dennoch emotional und körperlich darin feststecken.
Das Schreiben hat ihre Erfahrungen zwar strukturiert und sprachlich zugänglich gemacht, den Schmerz und die Angst, hat es jedoch nicht beseitigt. Es hat Klarheit und Ordnung geschaffen und der Sprachlosigkeit etwas entgegengesetzt, aber keine tiefe Erlösung gebracht.
Besonders schmerzhaft war für sie die Erkenntnis:
„Jetzt habe ich alles vollkommen beschrieben und es tut trotzdem weh.“
Sie hatte gehofft, dass maximale Ehrlichkeit und radikale Konfrontation irgendwann zur Befreiung führen würden. Stattdessen muss sie erkennen, dass Trauma sich nicht einfach „wegschreiben“ lässt.
Im weiteren Verlauf unserer Gespräche verändert sich ihre Vorstellung von Heilung.
Heilung bedeutete nun weniger: „Der Schmerz verschwindet“, sondern: Meine Erinnerungen überwältigen mich weniger oft, mein Körper findet Phasen der Ruhe, ich bin nicht permanent im Alarmzustand, es gibt wieder Momente von Freude und Lebendigkeit, ich kann wieder Entscheidungen für mich selbst treffen und der Schmerz bestimmt nicht mehr jede Minute meines Bewusstseins.
Trauma erschien ihr schließlich weniger wie eine Geschichte, die gelöst werden muss, sondern wie eine reale Verwundung. Eine körperliche Narbe verschwindet schließlich auch nicht vollständig, nur weil wir ihre Geschichte exakt erzählen können. Zudem wurde ihr klar, dass sie das intensive Schreiben über die schmerzhafte Vergangenheit lange Zeit sehr nah an der Verletzung gehalten hat, fast wie in einer dauerhaften Wiederaktivierung des Traumas.
Verarbeitung bedeutet nicht immer zwangsläufig maximale Konfrontation und ewiges Durcharbeiten. Wenn sich ein Trauma nicht lösen kann, löst es sich nicht.
Auch das dürfen wir anerkennen. Und das bedeutet nicht, wir haben nicht genug an uns gearbeitet oder wir versagt. Es bedeutet: da ist etwas maximal Erschütterndes geschehen, das wir nicht loswerden und mit dem wir leben lernen müssen, das wir in unsere Ganzheit integrieren müssen, statt ewig mit allen Mitteln dagegen anzukämpfen.
Langsam gelang es meiner Klientin, innerlich etwas
anderes zu erfahren:
„Ich muss diesen Schmerz nicht lösen.“ Sie hat das nicht als Heilung erlebt, sondern
als das Ende eines permanenten inneren Kampfes. Der Schmerz ist nicht verschwunden.
Aber er beginnt allmählich, seine absolute Macht über sie zu verlieren.
Heilung bedeutet nicht unbedingt und immer vollständige emotionale Reinigung, sondern die Fähigkeit, neben dem Schmerz wieder uns selbst und das Leben wahrnehmen zu können und es zu gestalten.
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de
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