Freitag, 16. Oktober 2026

Die unsichtbare Wand

 



Es war der Moment, in dem unser Gespräch gegen eine unsichtbare Wand stieß. Ich erzählte von Andy Warhols Buch „The Philosophy of Andy Warhol“, das ich gerade lese und seine paradoxe Einsamkeit. Über die sterile Isolation eines Mannes, der ständig von einer schillernden Entourage umgeben war und sich doch hinter Kameras, Tonbandgeräten und einer kühlen, sorgfältig gepflegten Oberfläche verbarg, um menschliche Nähe auf Distanz zu halten. Die Antwort kam prompt, kühl und von einer eigentümlichen Distanziertheit. Mein Gegenüber meinte, Andy Warhol sei nicht sein Thema, und „Mr. Warhols Befindlichkeiten“ interessieren ihn nicht. Was als Gespräch über ein zutiefst menschliches, universelles Gefühl begonnen hatte, verwandelte sich plötzlich in einen kunsthistorischen Diskurs. Die Aufmerksamkeit verschob sich von Warhols Einsamkeit und Verletzlichkeit auf die Kunst im Allgemeinen. Zugegeben, eine elegante Flucht vor vermeintlichen „Befindlichkeiten“, die damit plötzlich wie etwas Belangloses klangen.
 
Heute morgen frage ich mich, weshalb manche Menschen beim Thema Einsamkeit so abrupt dichtmachen. Vielleicht berührt es etwas in ihnen, das sich nicht ohne Weiteres intellektualisieren, relativieren oder auf andere projizieren lässt. In einer Gesellschaft, die Unabhängigkeit, Erfolg und soziale Attraktivität zu Maßstäben eines gelungenen Lebens erhebt, erscheint Einsamkeit leicht als persönlicher Makel. Wer sich zu ihr bekennt, riskiert als unzulänglich, nicht begehrt oder sozial gescheitert wahrgenommen zu werden. Selbst wer über die Einsamkeit eines anderen Menschen spricht, kann unversehens in die Nähe dieser vermeintlichen Schwäche geraten. Dann setzt ein Abwehrreflex ein. Man distanziert sich vom Thema, als ließe sich durch die Zurückweisung des Gefühls der Einsamkeit zugleich die Möglichkeit ausschließen, selbst von ihm betroffen zu sein. Die Botschaft lautet dann unausgesprochen, aber deutlich: Das hat mit mir nichts zu tun.
 
Über Einsamkeit zu sprechen, bedeutet nicht zwangsläufig, sich selbst zu offenbaren. Und doch trägt das Thema eine eigentümliche Intimität in sich. Es fordert uns dazu heraus, die vertraute Distanz zwischen Beobachtung und Erfahrung zumindest für einen Augenblick aufzugeben. Wo diese Nähe als bedrohlich empfunden wird, bietet der Verstand einen sicheren Rückzugsort. Das Gespräch wird auf eine Metaebene gehoben, Begriffe werden sortiert, historische Zusammenhänge hergestellt, ästhetische Kategorien bemüht. An die Stelle der Frage, was Einsamkeit mit uns macht, tritt die Frage, wie sie sich theoretisch einordnen lässt. Der Intellekt wird zur Festung, er ermöglicht es über etwas zu sprechen, ohne sich von ihm berühren zu lassen.
Das ist jetzt keineswegs ein Plädoyer gegen das Denken.
Im Gegenteil, erst das Denken kann Erfahrungen sichtbar machen, für die uns im unmittelbaren Erleben bisweilen die Sprache fehlt. Doch es gibt einen Unterschied zwischen dem Denken, das sich einem Gefühl nähert, und jenem Denken, dass es auf Abstand hält. Man kann die Einsamkeit eines Menschen präzise analysieren und ihr dennoch ausweichen. Man kann über sie sprechen, ohne ihr wirklich zu emotional zu begegnen.
 
Nicht jede Form der Einsamkeit genießt denselben gesellschaftlichen Status. Es gibt eine Einsamkeit, die als Zeichen von Größe gilt, z.B. die selbstgewählte Isolation des Genies, die heroische Abkehr des Philosophen von der Gesellschaft, das einsame Ringen des Künstlers mit sich und der Welt. Diese Einsamkeit besitzt eine Dramaturgie. Sie ist aufgeladen mit Bedeutung, sie verspricht Tiefe, vielleicht sogar eine Form von Überlegenheit. Sie lässt sich bewundern, weil sie als bewusste Entscheidung erscheint. Warhols Einsamkeit hingegen war nichts Erhabenes und gerade deshalb hat sie etwas Verstörenderes. Sie war steril, modern und leise. Sie zeigte sich nicht im pathetischen Rückzug eines Einzelgängers, sondern mitten im gesellschaftlichen Betrieb, im Glanz der New Yorker Kunstszene, im Strom von Bildern, Stimmen und Begegnungen. Warhol war umgeben von Menschen und hielt sie doch auf Distanz. Seine Apparate zeichneten auf, was geschah, seine öffentliche Persona machte ihn sichtbar. Aber Sichtbarkeit ist nicht dasselbe wie Nähe und viel Gesellschaft ist nicht dasselbe wie echte Verbundenheit. Vielleicht liegt gerade darin die Irritation. 
 
Diese Form der Einsamkeit lässt sich nicht ohne Weiteres romantisieren. Sie bietet keinen heroischen Widerstand, keine große Geste, keine beruhigende Erzählung vom genialen Außenseiter. Sie ist unspektakulär und zugleich radikal. Sie erinnert daran, dass Isolation nicht erst dort beginnt, wo jemand allein in einem Zimmer sitzt. Sie kann sich auch mitten unter Menschen ereignen, im Zentrum der Aufmerksamkeit, hinter einer perfekt funktionierenden sozialen Oberfläche.
Es mag leichter sein, die Einsamkeit des genialen Künstlers zu bewundern, als sich auf jene stille, unscheinbare Einsamkeit einzulassen, die keine ästhetische Rechtfertigung mitliefert. Solange sie als Ausdruck einer außergewöhnlichen Persönlichkeit erscheint, bleibt sie auf Distanz. Man kann sie mit Abstand betrachten, deuten und sogar verehren. Wird sie jedoch als ein gewöhnliches menschliches Leid sichtbar, verliert sie ihre schützende Aura. Dann steht nicht mehr nur ein einsamer Andy Warhol im Raum, sondern auch die Frage, wie viel Nähe wir selbst zulassen, wie gut wir uns hinter unseren Rollen verbergen und wie oft wir Gesellschaft mit Verbundenheit verwechseln.
 
Vielleicht war es das, was in diesem Gespräch auf dem Spiel stand. Nicht die Frage, ob Andy Warhol als Künstler interessant genug ist, und auch nicht, ob seine Einsamkeit kunsthistorisch angemessen von mir beschrieben wurde. Es ging um etwas Tieferes, um die Bereitschaft ein Gefühl gelten zu lassen, ohne es sofort zu erklären, abzuwerten oder aus dem eigenen Erfahrungsraum zu verbannen. Die Bezeichnung „Befindlichkeit“ wirkte dabei wie eine sprachliche Geste der Entwertung. Sie verkleinert, was sich nicht ohne Weiteres fassen und kontrollieren lässt. Aus einer allgemein menschlichen existenziellen Erfahrung wird eine private Empfindlichkeit, aus einer Frage, die uns alle betreffen könnte oder sogar betrifft, eine Marotte des Einzelnen. Das Thema war damit für mein Gegenüber erledigt. Doch möglicherweise verrät gerade die Heftigkeit, mit der etwas als belanglos zurückgewiesen wird, dass es keineswegs belanglos ist. Ich weiß nicht, was mein Gegenüber in diesem Moment tatsächlich empfand. Es wäre zu einfach, aus einer einzigen Reaktion auf eine verborgene Angst oder eine persönliche Abwehrhaltung zu schließen. Vielleicht war es schlicht Desinteresse, vielleicht eine andere Vorstellung davon, worüber sich unser Gespräch lohnen sollte. Aber die Szene hat mir vor Augen geführt, wie schnell ein Gespräch über Einsamkeit an eine Grenze gelangen kann und wie wenig es manchmal braucht, um diese Grenze sichtbar zu machen.
 
Einsamkeit ist nicht nur ein Zustand, den Menschen erleiden. Sie ist auch ein Thema, dem Menschen ausweichen. Wir können sie romantisieren, theoretisieren oder als bloße Befindlichkeit abtun. Wir können sie im Leben anderer erkennen, solange wir nicht befürchten müssen, etwas von uns selbst darin wiederzufinden. Ein tiefes Gespräch über Einsamkeit beginnt für mich dort, wo diese Ausweichbewegungen enden. Nicht mit dem Bekenntnis, selbst einsam zu sein und auch nicht mit der Pflicht, sich einem fremden Gefühl zu öffnen, sondern mit der Bereitschaft, uns berühren zu lassen, bevor wir entscheiden, ob uns etwas berührt.
Manchmal ist es nur ein Augenblick, in dem ein Gespräch verstummt und eine unsichtbare Wand entsteht. Doch hinter dieser Wand liegt womöglich nicht bloß das Unbehagen des anderen. Vielleicht liegt dort auch eine Frage, die wir am liebsten vermeiden, nämlich ob wir die Einsamkeit anderer tatsächlich nicht verstehen, oder ob wir nur nicht riskieren möchten, ihr zu nahe zu kommen.
 
Angelika Wende

Art Work: Horst Jannsen

Mittwoch, 14. Oktober 2026

Seit ich mit der Trauer lebe

 

Foto: A.W.


Seit ich mit der Trauer lebe, hat sich mein Blick auf das Leben verändert. Dinge, die früher selbstverständlich waren, fühlen sich heute anders an. Die Stille ist nicht mehr immer friedlich, die Ruhe nicht mehr immer erholsam, und selbst die schönsten Momente werden von einer schmerzhaften Sehnsucht begleitet. Ich gehe meinen Weg weiter, während ein Teil von mir noch immer in meiner Vergangenheit lebt. Ich bin hier, in der Gegenwart und doch zieht es mich immer wieder zurück zu dem, was einmal war. Zu meinem vorherigen Leben, zu einer Nähe, die mir vertraut war und zu den Gedanken an einer Zukunft, die ich mir anders vorgestellt habe.
Dabei wünsche ich mir nichts Außergewöhnliches.
Ich brauche kein lautes Leben, keine ständige Gesellschaft und keinen Alltag, der bis zum letzten Moment ausgefüllt ist. Ich brauche nicht viele Menschen um mich herum. Ich brauche keine ständige Ablenkung, um mich lebendig zu fühlen. Mein Sinn liegt in den stillen Dingen, in Gedanken, die ich zu Ende denken darf, in Worten, die ich auf Papier bringe, und in Wegen, auf denen ich mit mir selbst in Frieden kommen kann. Ich gehöre zu denen, die ihre Kraft aus dem Alleinsein schöpfen und die zu sich selbst finden, wenn die Welt um sie herum leiser wird. Ich brauche kein Leben, in dem ich ständig etwas darstellen oder jemandem etwas beweisen muss. Ich mag mein Leben, in dem ich lese, schreibe, arbeite, nachdenke und einfach sein darf. Ein Leben, das nicht von äußerer Fülle lebt, sondern von innerer Tiefe. Es ist möglich, in dieser Einfachheit einen tiefen Frieden zu finden, wenn die Trauer nicht wäre.
Seit ich in diesem Jahr so viel verloren habe, ist meine Vorstellung von Ruhe anders geworden. Es gibt einen Unterschied zwischen dem Alleinsein, das ich selbst wähle, und der inneren Einsamkeit, die ich fühle. Das eine bedeutet Freiheit, das andere fühlt sich wie Leere an. Ich habe nicht entschieden, mein Leben allein weiterzuführen. Ich muss lernen, mit einer Abwesenheit zu leben, die ich mir nicht gewünscht habe. Das ist es, weshalb sich die Stille manchmal so schwer anfühlt. Nicht, weil ich grundsätzlich nicht gerne allein bin, sondern weil ich weiß, wie es sich anfühlt, nicht allein zu sein, sondern mit geliebten Menschen verbunden.
 
Wenn ich heute an meine Zukunft denke, muss ich mich mit einer Wirklichkeit auseinandersetzen, die ich mir so niemals ausgesucht hätte. Ich kann mir ein ruhiges Leben vorstellen, und dennoch macht mich der Gedanke daran an manchen Tagen tieftraurig. Nicht, weil dieses Leben weniger wertvoll wäre, sondern weil ich es mir anders gewünscht habe. Ich wollte die Ruhe mit einem Menschen teilen, mit dem selbst das Schweigen etwas Verbindendes hat, wissen, dass da jemand ist, mit dem ich meine Gedanken und meine Erlebnisse teilen kann. Es ist etwas anderes, allein durch den Wald zu gehen, weil ich die Natur liebe, als durch denselben Wald zu gehen und dabei schmerzlich zu spüren, wer nicht mehr neben mir geht. Der Schmerz über meine Verluste hat mein Jetzt radikal verändert. Ich denke an das, was war, und vergleiche es mit dem, was heute ist. Ich erinnere mich an Nähe und Verbundenheit und spüre die Lücke. Ich denke an gemeinsame Momente und frage mich ob das Leben jemals wieder eine solche Tiefe erreichen kann. Manchmal scheint die Vergangenheit heller als die Gegenwart, weil sie etwas enthält, das man verloren hat und nicht zurückholen kann. Dabei vergesse ich dann leicht, dass auch mein gegenwärtiges Leben einen Wert besitzt, selbst wenn es sich im Moment anders anfühlt als früher. Ich merke, wie gefährlich es ist, wenn ich mein heutiges Leben ständig an dem messe, was nicht mehr da ist. Dann wird jeder schöne Augenblick von dem überschattet, was fehlt. Ein Spaziergang ist nicht einfach ein Spaziergang, sondern wird zur Erinnerung an gemeinsame Wege. Ein ruhiger Abend ist nicht nur eine Gelegenheit zum Lesen oder Schreiben, er erinnert mich daran, mit wem ich ihn so gerne verbracht habe. Selbst ein friedliches Leben kann dazu führen, sich wie ein schmerzhafter Kompromiss anzufühlen, wenn ich es mit dem vergleiche was war.
Genau hierin liegt etwas, das ich noch lernen muss. 
 
Mein Leben muss nicht wieder so werden, wie es einmal war. Ich kann die Vergangenheit nicht zurückwünschen, um in der Gegenwart Frieden finden zu können. Es ist vorbei. Ich muss auch nicht so tun, als hätte ich die Verluste verarbeitet. Beides darf nebeneinander existieren. Ich darf mein altes Leben vermissen und trotzdem ein neues Leben aufbauen, das mir entspricht. Ich darf darüber trauern, dass ich bestimmte Erfahrungen nicht mehr teilen kann, und dennoch neue Erfahrungen machen. Ich darf die Vergangenheit in meinem Herzen bewahren, ohne sie zum Maßstab für jeden kommenden Tag zu machen.
 
Vielleicht bedeutet Loslassen für mich deshalb etwas anderes, als ich mal geglaubt habe. Es bedeutet nicht, dass ich vergesse oder dass das Vergangene vollständig verarbeite. Es bedeutet vielmehr, dass ich akzeptiere, dass mein Leben nicht dort enden muss, wo die Vorstellung über meine Zukunft zerbrochen ist. Ich kann die Liebe und die Verbundenheit, die ich erlebt habe, als Teil meiner Geschichte mitnehmen, ohne für immer in dieser Geschichte leben zu müssen. Ich lerne, mit dem was unveränderbar ist irgendwie klarzukommen und ein neues Leben um meine Verluste herum zu gestalten. Sie sind zwar da, aber sie müssen nicht mehr mein ganzes Leben beherrschen. Ich darf das Leben, das zu mir passt, wiederentdecken, auch wenn es sich durch die Trauer verändert hat.
Es braucht noch Zeit bis ich den Unterschied zwischen meinem freiwilligen Alleinsein und meiner unfreiwilligen inneren Einsamkeit wieder deutlicher spüren kann. Ich muss lernen, dass nicht jede stille Stunde ein Zeichen für Verlust ist und nicht jeder glückliche Moment bedeutet, dass er, ohne ihn teilen zu können, wertloser ist. Ich darf mir ein Leben schaffen, in dem ich mich zu Hause fühle, ohne dabei so zu tun, als hätte es die Vergangenheit nie gegeben. Ich darf mich nach der Vergangenheit sehnen und gleichzeitig offenbleiben für das, was das Leben mir noch schenken kann.
Der Schmerz über das Vergangene sabotiert das Jetzt vor allem dann, wenn ich glaube, dass nur das frühere Leben ein erfülltes Leben war. Wenn ich meine Gegenwart ausschließlich durch den Verlust betrachte, nehme ich mir die Möglichkeit, ihren eigenen Wert zu erkennen. Dann wird mein Jetzt zu einer blassen Kopie dessen, was war, statt zu etwas, das auf seine eigene Weise Bedeutung hat. Ich möchte nicht, dass meine Erinnerungen zu einem Gefängnis werden. Ich möchte, dass sie ein Teil von mir bleiben dürfen, ohne mich daran zu hindern, weiterzugehen.
 
Ich weiß nicht, wie meine Zukunft aussehen wird. Vielleicht wird sie stiller sein, als ich sie mir früher vorgestellt habe. Vielleicht werde ich viele Stunden allein verbringen, mit meinen Büchern, meinen Gedanken, meinen Spaziergängen. Vielleicht werde ich lernen, in dieser Lebensform eine neue Art von Frieden zu finden. Und vielleicht wird die Sehnsucht immer einen Platz in mir behalten. Aber ich möchte nicht länger glauben, dass ein Leben, das anders geworden ist, deshalb ein unvollständiges Leben sein muss. Und dass ich nicht gezwungen bin, meine Trauer zu überwinden, bevor ich wieder anfangen kann, mir ein Leben zu gestalten. Am Ende geht es für mich nicht darum, die Trauer und den Schmerz einfach hinter mir zu lassen. Es geht darum einen Weg zu finden, auf dem beides Platz hat, das Leben, das ich gelebt habe und das Leben, das ich, so Gott will, noch vor mir habe. Ich möchte mir erlauben, das Leben, das ich heute führen kann, nicht ständig mit dem Leben zu vergleichen, das ich verloren habe. Vielleicht ist Frieden nicht der Zustand, in dem wir nichts mehr vermissen. Vielleicht ist Frieden der Moment, in dem wir das Vermissen nicht mehr mit dem Gefühl verwechseln müssen, dass uns deshalb das Leben verschlossen bleibt. Auch wenn ich nicht mehr dort leben kann, wo mein Herz einmal zu Hause war, kann ich langsam lernen, mir in meinem eigenen Herzen wieder ein Zuhause zu schaffen.
 
Angelika Wende

Dienstag, 13. Oktober 2026

Wenn Krisen kein Ende haben

 

Foto. A.W.


In der Psychologie wird eine Krise meist als ein zeitlich begrenzter Zustand definiert. Modelle wie z.B. das von Verena Kast beschreiben einen zyklischen Verlauf. Auf den Schock folgen Trauer, Wut, Verhandlung und schließlich die Neuorientierung. Am Ende dieser Entwicklung, so das theoretische Versprechen, steht der Austritt aus der Krise und der Beginn eines neuen Normalzustands. Die Annahme dieses zyklischen Verlaufs ist heute längst überholt. Die Phasen können sich abwechseln, wiederholen oder bestehen bleiben und manchmal gibt es einfach kein Ende der Krise.
Unsere moderne Gesellschaft ist stark von einem Optimierungs- und Lösungsgedanken geprägt und auch in Teilen der Psychologie dominierte lange Zeit das Paradigma der „Bewältigung“, sprich Coping. Bewältigung suggeriert jedoch ein Ziel. Das Problem wird verarbeitet, die Wunde heilt, die Krise ist vorbei. 
 
Dass jede Krise ein klares Ende hat, ist eine Wunschvorstellung der Theorie.
Diese Vorstellung scheitert an der Komplexität des realen menschlichen Lebens. Wenn wir über schwerwiegende Ereignisse sprechen, wie den Verlust eines geliebten Menschen, eine chronische oder fortschreitende schwere Krankheit, schwere Traumata oder das lebenslange Pflegen eines schwerkranken Angehörigen, dann gibt es keinen Punkt, an dem alles wieder gut ist oder die Krise einfach aufhört. Zu verlangen, dass jede Krise irgendwann abgeschlossen sein muss, führt zu einer Pathologisierung natürlicher Langzeitprozesse und erzeugt bei den Betroffenen nicht selten einen massiven sekundären Leidensdruck.
 
Es gibt drei wesentliche Gründe, warum manche Lebenskrisen kein klassisches Ende haben.
 
Dazu gehört der unumkehrbare Verlust
Manche Krisen verändern das Fundament unseres Lebens radikal und dauerhaft. Das was uns Halt gab und uns getragen hat, was wir liebten, was uns Sinn gab, ganz gleich was es im einzelnen Fall war, bricht weg. Und damit bricht nicht nur ein Leben weg, sondern in vielen Fällen auch unsere alte Identität. Dieser Verlust bleibt. Unser Leben wird nie wieder so sein wie davor. Es gibt kein Zurück zum alten Normal.
 
Die chronische Krise
Auch bei unheilbaren körperlichen oder seelischen Krankheiten oder anhaltenden existenziellen Belastungen bleibt der Krisenzustand dauerhaft bestehen. Die Bedrohung, das Leid oder der Schmerz verschwinden nicht. Hier verschwimmt die Grenze zwischen einer akuten Krise und der Realität permanenter Lebensumstände, die in der Regel auch noch zunehmend schlechter werden können.
 
Das Nachbeben
Selbst wenn ein traumatisches Ereignis vorbei ist, wie z. B. das Entkommen aus einer missbräuchlichen Beziehung oder das Überleben einer Katastrophe, können die psychischen Folgen, wie eine Posttraumatische Belastungsstörung, Jahrzehnte oder sogar ein Leben lang andauern. Die äußere Krise ist vorbei, die innere Krise bleibt.
 
Was, wenn eine Krise kein Ende hat?
In der Psychologie gehen wir bei solchen permanenten Krisen weg vom Konzept der Bewältigung, im Sinne von - das Problem verschwindet, hin zum Konzept der Integration.
Wenn die Krise kein Ende hat, verändert sich die Aufgabe.
So banal es klingen mag: Es geht jetzt darum mit dem Verlust des alten Lebens und dem Schmerz leben zu lernen. Es geht nicht darum wieder das Leben zurückzubekommen was vorher war, nicht mehr darum, der Mensch zu werden, der wir vor der Krise waren, es geht nicht mehr darum gesund oder schmerzfrei zu werden, sondern das was jetzt ist, als Teil des eigenen Lebens anzunehmen, sprich: zu integrieren. Mit einfachen Worten: Es geht darum, mit dem was unveränderbar ist irgendwie klarzukommen und ein neues Leben um die Krise herum zu gestalten. Die Krise ist zwar da, aber sie darf im besten Fall nicht mehr unser ganzes Leben beherrschen. Es geht um Resilienz statt Heilung. Es geht um Widerstandskraft, was bedeutet, trotz der dauerhaften Belastung, dem Leid und dem Schmerz noch Momente von Lebenssinn und Lebensqualität zu finden. Im besten Fall wachsen wir um die Krise herum. Das Leben erweitert sich wieder. Es entstehen neue Beziehungen, neue Interessen und neuer Sinn. Die Krise bleibt im Zentrum, nimmt aber irgendwann nicht mehr den gesamten Raum ein. 
 
Resilienz ist der Weg im Angesicht des krisenhaften Dauerzustands.
Resilienz bedeutet in einer permanenten Krise etwas anderes als in einer akuten Krise.
Sie ist hier nicht wie bei der akuten Krise das Zurückfedern in den Ursprungszustand, sondern sie bedarf der Fähigkeit zur radikalen Akzeptanz. Radikale Akzeptanz bedeutet, die Realität so anzunehmen, wie sie ist, ohne sie zu beschönigen, aber auch ohne gegen das Unabänderliche anzukämpfen. Erst diese Akzeptanz stoppt das emotionale Ausbluten durch den vergeblichen Kampf gegen Windmühlen.
 
Aus psychologischer und menschlicher Sicht ist es meines Erachtens essenziell, anzuerkennen: Manche Krisen enden nie. Diese Erkenntnis kann uns entlasteten. 
Sie befreit uns von der Erwartung, irgendwann wieder die oder der Alte sein zu müssen oder eine traumatische Erfahrung hinter uns zu lassen und vollständig zu heilen. Wir können nicht alle Wunden heilen. Und auch die Zeit heilt nicht alle Wunden. Psychologische Begleitung solcher dauerhaften Krisenzustände zielt daher nicht auf ein Ende der Krise, sondern auf den Aufbau der bestmöglichen Lebensqualität mit der Krise. Das Unabänderliche wird nicht weggemacht, aber es bekommt einen Platz in der eigenen Biografie.
 
Viele Menschen sagen, dass Krisen uns stärker machen. Doch eine Krise allein tut das nicht. 
Ein Verlust ist keine Lektion, Schmerz ist kein Training, ein gebrochenes Herz ist kein Preis, den wir für persönliche Reife zahlen müssen, eine Krankheit ist keine Strafe und ein Schicksalsschlag kein Versprechen auf persönliches Wachstum. Manchmal macht uns die Krise einfach verletzlicher. Das tut weh. Das nimmt uns Sicherheit, Vertrauen oder Hoffnung. Was uns verändert ist nicht die Krise, nicht das, was passiert ist, sondern die Auseinandersetzung mit dem, was passiert ist. Die Zeit, die wir brauchen, um zu verstehen, um zu trauern, um loszulassen, um zu akzeptieren und langsam wieder Boden unter den Füßen zu finden. Nicht das, was uns zerbricht, macht uns stärker. Sondern die Arbeit, die wir machen, um uns aus den Trümmern wieder selbst aufzubauen.
Es ist völlig normal und legitim zu sagen: „Diese Krise hat für mich kein Ende.“ Die Erwartungshaltung an uns selbst oder die Erwartung anderer, dass wir irgendwann darüber hinwegkommen müssen, ist nicht nur falsch, sie ist unmenschlich und erzeugt nur zusätzlichen, unnötigen Druck.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Mittwoch, 7. Oktober 2026

Macht uns eine Krise wirklich stärker?

 
 

 
 
Viele Menschen sagen, dass Krisen uns stärker machen. Doch eine Krise allein tut das nicht. Ein Verlust ist keine Lektion, Schmerz ist kein Training, ein gebrochenes Herz ist kein Preis, den wir für persönliche Reife zahlen müssen und ein Schicksalsschlag kein Versprechen auf persönliches Wachstum.
Manchmal macht uns die Krise einfach verletzlicher. Das tut weh. Das nimmt uns Sicherheit, Vertrauen oder Hoffung.
Was uns verändert ist nicht das, was passiert ist, sondern die Auseinandersetzung mit dem, was passiert ist. Die Zeit, die wir brauchen, um zu verstehen, zu trauern, loszulassen und langsam wieder Boden unter den Füßen zu finden.
Nicht das, was uns zerbricht, macht uns stärker. Sondern die Arbeit, die wir machen, um uns aus den Trümmern wieder selbst aufzubauen.

Montag, 5. Oktober 2026

Wenn Vergangenes nicht vergangen ist

 

Foto: A.W.


Wir Menschen erzählen unsere Geschichte, um Erfahrungen zu ordnen, Zusammenhänge herzustellen und dem, was wir erlebt haben, einen Platz in unserem Leben zu geben. Wir suchen nach Kohärenz, dem Gefühl dass unser Leben und unsere Biografie verständlich, handhabbar und sinnvoll ist. Die Wiederholung kann dabei etwas über den inneren Zustand eines Menschen verraten. Wenn eine Geschichte immer wieder erzählt werden muss, hat sie innerlich noch keinen festen Platz gefunden. Das Erlebte ist dann noch nicht vollständig in die eigene Lebensgeschichte integriert. Es bleibt psychisch gewissermaßen gegenwärtig und verlangt immer wieder nach Aufmerksamkeit, Erklärung oder Anerkennung.
 
Manche Menschen sagen von sich: „Ich habe das längst verarbeitet.“ Und vielleicht glauben sie das auch. Doch manchmal zeigt gerade die Art, wie sie über das Vergangene sprechen, etwas anderes. 
Wenn dieselbe Geschichte immer wieder erzählt wird, mit denselben Einzelheiten, denselben Vorwürfen, derselben Wut, derselben Fassungslosigkeit oder derselben Trauer, liegt darin ein Hinweis, dass das Erlebte innerlich noch keinen wirklichen Abschluss gefunden hat. Das bedeutet nicht, dass jedes wiederholte Erzählen ein Zeichen von Nichtverarbeitung ist. Entscheidend ist vielmehr, wie eine Geschichte erzählt wird. Wird sie immer wieder aus derselben Perspektive erzählt, mit denselben Gefühlen, denselben Vorwürfen und demselben Ausgang, kann die Wiederholung darauf hinweisen, dass sich innerlich noch nichts bewegt hat. Die Geschichte wird erzählt, aber nicht neu verstanden.
 
Erinnerungen sind dabei keine unveränderlichen Abbilder der Vergangenheit. 
Wenn wir uns an etwas erinnern und darüber sprechen, greifen wir auf die Erfahrung zurück und verbinden sie mit dem Menschen, der wir heute sind.  
Dadurch kann sich auch unsere Sicht auf das Vergangene verändern. Eine Erfahrung kann mit der Zeit einen anderen Platz bekommen. Was zunächst nur als Verletzung erlebt wurde, kann später vielleicht auch als Teil der eigenen Entwicklung verstanden werden. Was lange unverständlich war, kann in einen größeren Zusammenhang treten. Was traumatisch war, kann integriert werden.
 
Erzählen ist eine Form der psychischen Verarbeitung.
Indem wir unsere Geschichte in Worte fassen, geben wir einzelnen Erlebnissen eine Struktur und versuchen, sie in unser Selbstbild einzuordnen. Integration bedeutet dabei nicht, dass etwas vergessen, entschuldigt oder gutgeheißen werden muss. Integration bedeutet vielmehr, dass das Erlebte Teil der eigenen Geschichte werden kann, ohne die Gegenwart zu bestimmen. Wenn ein Mensch immer wieder zu derselben Geschichte zurückkehrt, als müsse er sie erneut erklären, rechtfertigen oder beweisen, dass ihm Unrecht geschehen ist, deutet das darauf hindeuten, dass die Erfahrung noch immer nach Bedeutung sucht. Die Wiederholung allein beweist zwar nicht, dass etwas unverarbeitet ist, aber sie kann eine Spur sein. Besonders dann, wenn sich beim Erzählen nichts verändert. Die Geschichte bleibt dieselbe, die Rollen bleiben dieselben, der Schmerz bleibt derselbe und auch die eigene Position innerhalb dieser Geschichte bleibt unverändert. Wir erzählen dann nicht einfach von der Vergangenheit, wir kehren in gewisser Weise immer wieder zu ihr zurück.
 
Verarbeitung besteht deshalb nicht darin, usnere Geschichte möglichst oft zu erzählen, sondern darin, dass sie sich mit der Zeit verändern darf.  
Nicht die Tatsachen müssen sich verändern, sondern ihre Bedeutung für uns. Aus „Das ist mir passiert“ kann irgendwann „Das ist ein Teil dessen, was mir passiert ist“ werden. Der Unterschied scheint klein, ist aber entscheidend. Im ersten Satz bestimmt das Erlebte noch die eigene Identität, im zweiten ist es ein Teil der eigenen Geschichte geworden.
Eine integrierte Erfahrung muss nicht vergessen oder vergeben werden. Sie darf weiterhin wehgetan haben, sie darf ungerecht gewesen sein und sie darf erzählt werden. Aber sie muss nicht mehr ständig erzählt werden, damit ihre Bedeutung bestehen bleibt. Sie gehört zu uns, ohne unsere Identität vollständig zu bestimmen. 
 
Echte Verarbeitung zeigt sich deshalb weniger darin, dass jemand sagt: „Ich habe es verarbeitet“, als darin, dass er nicht mehr gezwungen ist, dieselbe Geschichte immer wieder auf dieselbe Weise zu erzählen. 
Denn solange eine Geschichte immer wieder nacherzählt werden muss, ist sie noch nicht wirklich zur Vergangenheit geworden. Sie lebt weiter, nicht nur in unserer Erinnerung, sondern auch in der Art, wie wir die Gegenwart und uns selbst wahrnehmen.
Eine vergangene Erfahrung ist nicht dadurch integriert, dass wir sie vergessen. Integration bedeutet vielmehr, dass wir uns an sie erinnern können, ohne immer wieder in sie zurückkehren zu müssen. Solange wir sie immer wieder erzählen müssen, versucht etwas in uns noch, mit ihr fertig zu werden. Sie hat ihren Platz in unserer Vergangenheit noch nicht gefunden.
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de


Sonntag, 4. Oktober 2026

Wenn der eigene Körper zum „Verräter“ wird

 

Malerei: A.W.


Eine plötzliche schwere oder eine chronische Krankheit kann sich anfühlen wie ein Verrat unseres eigenen Körpers. Da ist Vertrauen wiederzugewinnen sehr schwer. Wir würden ja auch einem Menschen, der uns verraten hat, nicht einfach wieder vertrauen können. Da ist so Entäuschung, da ist Trauer, und da ist ein existenzieller Verlust. Wie können wir uns einem Körper wieder anvertrauen, von dem wir jetzt wissen, dass er uns trotz unserer Liebe und Fürsorge verletzen kann?
 
Solange wir gesund sind, denken wir nicht darüber nach, dass wir unserem Körper vertrauen. Dieses Vertrauen ist so selbstverständlich, dass wir es gar nicht als Vertrauen wahrnehmen. Wir leben einfach. Wir versorgen unseren Körper. Wir bewegen ihn. Wir achten auf ihn. Und irgendwo tief in uns entsteht daraus eine stille Gewissheit: Wenn wir gut für unseren Körper sorgen, wird er uns tragen. Nicht immer. Nicht perfekt. Aber grundsätzlich. Unser Körper ist nicht etwas, über das wir nachdenken müssen. Er ist das Medium, durch das wir überhaupt in der Welt sind.
Und plötzlich werden wir krank.
Vielleicht nach Jahrzehnten eines gesunden Lebens. Trotz aller Fürsorge. Es gibt keinen Fehler, auf den wir zeigen können, keine Entscheidung, die wir rückgängig machen könnten, keine Schuld, dir wir uns zuweisen können. Wir haben unseren Körper nicht vernachlässigt. Und trotzdem passiert etwas mit ihm, das wir nicht verhindern können. Und dann kann sich Krankheit wie Verrat anfühlen. Nicht, weil unser Körper uns tatsächlich verraten hätte. Er hat keine böse Absicht. Aber wir erleben etwas, das sich wie Verrat anfühlt: Der Körper, dem wir vertraut haben, wird zur Quelle von Schmerz, Leid, Angst und Bedrohung.
 
Wenn ein Mensch uns verrät, können wir gehen. Wir können Abstand schaffen. Wir können die Beziehung beenden. Wir können sagen: Ich vertraue dir nicht mehr.
Aber was tun wir, wenn derjenige, dem wir nicht mehr vertrauen, unser eigener Körper ist?
 
Wir können nicht aus ihm ausziehen. Wir können nicht sagen: Mit diesem Körper möchte ich nichts mehr zu tun haben. Wir müssen in ihm bleiben. Darin liegt die besondere Erschütterung dieser Erfahrung: Wir sind auf etwas angewiesen, von dem wir wissen, dass es uns verletzen kann.
Das kann unser Verhältnis zu uns selbst verändern. Was vorher selbstverständlich war, ist plötzlich fragil. Wir beginnen, unseren Körper zu beobachten. Wir horchen in ihn hinein. Wir achten auf jedes Symptom. Wir fragen uns, ob etwas normal ist, ob etwas gefährlich ist, ob wir etwas falsch gemacht haben. Wir versuchen herauszufinden, was wir kontrollieren können, damit es nicht noch einmal passiert.
 
Aus Vertrauen wird Vorsicht. Aus Vorsicht wird Kontrolle. 
Und unter der Kontrolle liegt die Angst und das Nervensystem reagiert: Wenn ich nur aufmerksam genug bin, wenn ich nur alles richtig mache, kann ich verhindern, dass mein Körper mich wieder verrät. Und genau darin liegt die Tragik. Denn irgendwann müssen wir erkennen, dass wir diese Sicherheit nicht herstellen können. Wir können unseren Körper gut versorgen. Wir können gesund leben. Wir können Vorsorge treffen. Wir können aufmerksam sein. Aber wir können nicht erzwingen, dass unser Körper niemals schwer krank wird. Das ist eine der erschütterndsten Wahrheiten des Menschseins: Unsere Fürsorge ist keine Versicherung. Wir können alles richtig machen und trotzdem krank werden. Und damit verlieren wir nicht nur Gesundheit. Wir verlieren etwas Wesentliches - die Selbstverständlichkeit, mit der wir bisher in unserem Körper gelebt haben. Wir verlieren Spontaneität. Unbekümmertheit. Bewegungsfreiheit. Vertrauen in unsere Körpersignale. Vielleicht verlieren wir sogar ein Stück unserer Identität. Wir müssen Abschied nehmen von einer Version unseres Lebens, in der wir in Sicherheit mit unserem gesunden Körper lebten.
 
Das ist ein schwerer Verlust. Darüber dürfen wir trauern. 
Um etwas, das nie wieder genauso zurückkommt. Wir trauern um den Körper, den wir einmal hatten und um das Vertrauen, das einmal selbstverständlich war. Um eine Freiheit, die wir nie als Freiheit wahrgenommen haben, weil wir sie nicht infrage stellen mussten. Der Gedanke: Ich muss wieder lernen, meinem Körper zu vertrauen, ist zu einfach. Denn nach einer schweren Krankheit wissen wir etwas, was wir vorher so nicht wussten, worüber wir uns nie Gedanken gemacht haben: Unser Körper ist verletzlich. Er ist nicht vollständig kontrollierbar. Er kann krank werden, obwohl wir gut für ihn sorgen. Er kann uns Schmerzen zufügen, obwohl wir ihn lieben. Und er kann uns keine Garantie dafür geben, dass das, was heute sicher ist, auch morgen sicher sein wird. Das alte, unschuldige Vertrauen lässt sich nicht mehr zurückholen.
Diese Trauer wird oft übergangen.
Stattdessen versuchen wir viel zu schnell, aus dieser Erfahrung eine Aufgabe zu machen Wir sollen unserem Körper wieder vertrauen. Wir sollen ihn akzeptieren so wie er jetzt ist, wir sollen lernen mit ihm zu leben, so wie er jetzt ist. Aber um das zu können, müssen wir zunächst überhaupt anerkennen, dass etwas zwischen uns und unserem Körper zerbrochen ist.
Wir dürfen trauern, wir dürfen wütend sein. Wir dürfen sagen: Ich habe dich gut behandelt. Ich habe dir vertraut. Ich habe dich gepflegt und geschützt. Und trotzdem hast du mir das angetan.
Auch wenn wir wissen, dass dieser Vorwurf biologisch absolut keinen Sinn ergibt, kann er emotional wahr sein. Denn Krankheit kann sich wie ein Verrat anfühlen, gerade weil wir unseren Körper nicht als etwas Fremdes erleben. Wir sind auch dieser Körper. Wenn er krank wird, passiert nicht einfach etwas mit einem Körper, den wir besitzen. Es passiert mit uns, mit dem ganzen Menschen. Mit Körper, Geist und Seele.
 
Deshalb ist die Frage nach dem verlorenen Vertrauen so schwierig. 
Vielleicht können wir das alte Vertrauen gar nicht zurückgewinnen. Das Vertrauen, das wir hatten, bevor wir wussten, dass unser Körper uns jederzeit etwas nehmen kann, war ein unschuldiges Vertrauen. Wir wussten nicht, was wir heute wissen. Wir fühlten nicht, was wir heute fühlen. Vielleicht müssen wir deshalb nicht versuchen, wieder so zu vertrauen wie früher. Vielleicht muss etwas Neues entstehen. Ein Vertrauen, das den Verrat kennt. Ein Vertrauen, das nicht mehr glaubt, mein Körper wird mich nicht verletzen, sondern: Ich weiß jetzt, dass mein Körper mich verletzen kann. Ich weiß, dass ich ihn nicht vollständig kontrollieren kann. Ich weiß, dass meine Fürsorge keine Garantie ist. Und trotzdem ist das mein Körper. Das ist viel schwerer als das alte Vertrauen. Denn es bedeutet, die Illusion der vollständigen Sicherheit aufzugeben. 
 
Heilung besteht dann nicht darin, wieder sicher zu sein, dass der Körper uns nicht verraten wird. 
Sie besteht darin mit der Tatsache leben zu lernen, dass wir einem Körper anvertraut sind, der wunderbar, verletzlich, unberechenbar und manchmal grausam sein kann. Dann ensteht irgendwann eine andere Form von Vertrauen. Nicht das Vertrauen in einen Körper, der uns niemals im Stich lässt, sondern das Vertrauen darin, dass wir auch dann bei uns bleiben können, wenn unser Körper uns wieder etwas nimmt oder noch mehr nimmt. Das ist keine Rückkehr zu dem Menschen, der wir vor der Krankheit waren. Es ist etwas anderes. Es ist eine neue, schwer erworbene Form von Verbundenheit mit uns selbst. Nicht weil wir endlich wieder glauben, dass unser Körper uns niemals wieder verraten wird, sondern weil wir aufgehört haben, von ihm die Unmöglichkeit zu verlangen, uns vor allem Leid und Schmerz zu bewahren. Er hat es lange getan, so lange bis er es nicht mehr konnte, warum auch immer.
 
Darin liegt die schwerste und zugleich tiefste Form von Vertrauen: nicht darauf zu vertrauen, dass unser Körper uns niemals wieder verraten wird, sondern darauf, dass wir uns selbst nicht verlassen werden, wenn er es tut. Das ist keine Rückkehr zu dem Menschen, der wir vor der Krankheit waren. Es ist etwas anderes. Etwas, das vielleicht erst durch die Krankheit entstehen kann, eine neue, schwer erworbene Verbundenheit mit uns selbst, nicht trotz der Verletzlichkeit unseres Körpers, sondern im Wissen um sie.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Samstag, 3. Oktober 2026

"Die Straße" von Robert Seethaler

 



Eine Straße, irgendwo. Sie kann in Berlin sein, sie kann in Wien sein. Man weiß es nicht. Es zu wissen, ist auch nicht wichtig. Eine Straße und die Menschen, die in ihr wohnen und leben. Gewöhnliche Menschen mit gewöhnlichen Leben, graue Normalität und banaler Alltag. Nichts wirklich Spektakuläres ereignet sich und doch begegnen dem Leser innere und äußere Dramen menschlicher Existenz.

Kein Plot, kein Handlungsstrang. Keine Hauptfiguren.
Nur Momente innerer und äußerer Dramen. Da ist die Mutter, deren Baby stirbt, weil sie zu spät zum Arzt geht. Der Arzt, der sich für seine Patienten aufopfert und sich mit Alkohol betäubt. Der Junge, der aus ohnmächtiger Wut einen Polizisten verprügelt. Die Heimleiterin, die sich täglich um ihre alten Schützlinge kümmert und selbst die Einsamste von allen ist. Die Blumenhändlerin, die sich in einen Mann verliebt, den sie nicht einmal kennt. Kleine Dramen in einer kleinen Welt. Menschliche Dramen, wie sie sich Tag für Tag irgendwo in den Straßen abspielen und die keinen interessieren. Robert Seethaler schon. In seinem Buch "Die Straße" sind es genau diese scheinbar gewöhnlichen Menschen, denen er seine Aufmerksamkeit schenkt, denen er eine Stimme verleiht und ein Gesicht.

Die Straße ist melancholisch, poetisch und voll mit Sätzen, die man mehrmals lesen will, weil sie so tief berühren. So wie dieser: „Manche Menschen scheinen um das Unglück zu kreisen wie Fliegen um einen Schießhaufen. Dabei weiß man gar nicht, ob man ihn bedauern oder bewundern soll. Unermüdlich in seinem Kampf. Geradezu attraktiv in seiner Verzweiflung.“
Und irgendwie trifft dieser Satz den Kern des Buches. Eine Straße voller Verzweifelter. Menschen, die mit ihrem Unglück leben, daran scheitern, sich ihm widersetzen oder es einfach mit sich herumtragen.


Angelika Wende