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| Foto: A.W. |
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| Foto: A.W. |
Tag frür Tag nehme ich wahr, wie verschieden Menschen die Dinge sehen, fühlen, wahrnehmen und interpretieren. Ganz gleich, welche anderen Sichtweisen man ihnen näherzubringen versucht. Eine ganze Welt voller Interpretationen. Und jede davon ist eine eigene Welt. Unendlich viele innere Welten, die mit der äußeren manchmal wenig, manchmal gar nichts zu tun haben. Und so ist jeder Mensch auf seine Weise in seiner inneren Welt gefangen. Immer wieder stelle ich fest, wie schwer es ist, den Denkrahmen zu verändern. Den meiner Klienten. Und manchmal auch meinen eigenen. Da ist so vieles, was an und in uns klebt wie zäher Leim. Und es gibt kein Lösungsmittel, das sicher funktioniert, um ihn zu lösen. Keine Methode, die allen Menschen gleichermaßen hilft. Es gibt unendlich viele Methoden. Und ebenso unendlich viele Menschen, bei denen keine davon wirklich hilft. Manchen Menschen ist nicht zu helfen. Auch das ist eine traurige Wahrheit. Manchen gelingt es nicht, aus ihrem inneren Gefängnis auszubrechen. Und auch das hat einen Grund. Es ist kein Versagen. Es ist, wie es ist.
Dann bleiben nur zwei Möglichkeiten: Man verzweifelt. Oder man akzeptiert die eigene innere Gefangenschaft und hört auf, sich dafür zu verurteilen. Denn oft haben wir uns längst selbst verurteilt. Uns selbst lebenslänglich gegeben, ohne überhaupt noch zu wissen, warum. Und auch das ist okay.
Man kann nicht alles und jeden retten.
Und manchmal kann man auch sich selbst nicht retten. Man kann sich so annehmen, wie man ist. Unrettbar. Ja, auch unrettbar.
Ich will hier keine Illusionen zerstören. Ich spreche aus meiner Erfahrung mit vielen Menschen. Ich kenne die Unrettbarkeit. Ich habe einen Menschen geliebt, der unrettbar war. Ich habe Menschen unterstützt, die unrettbar waren. Sie haben gekämpft und den Kampf nicht gewinnen können. Es ist wie es ist.
„Heilt Zeit Wunden?“, fragte mich jemand. Nein. Zeit heilt nicht alle Wunden.
Sie macht manche vielleicht weniger schmerzhaft. Weniger störend. Man lernt, mit ihnen zu leben. Aber jede Wunde hinterlässt eine Narbe. Und wenn sie grob berührt wird, kann sie wieder schmerzen. Manche brechen sogar wieder auf. Dann verbinden wir sie wieder. Versorgen sie, so gut wir können. Und manchmal können wir es nicht. Manchmal reicht die Kraft nicht. Manchmal reicht Hilfe nicht. Manchmal verbluten Menschen daran. Und auch damit müssen wir leben lernen.
Nicht alles ist heilbar. Nicht jeder ist rettbar. Und das ist kein Versagen.
Manchmal ist es einfach das Ende dessen, was ein Mensch tragen konnte.
Jede Beziehung, in der wir uns befinden, trägt entweder zu unserer Heilung bei oder sie verstärkt die Dysregulation des Nervensystems.
Beziehungen die von Verlässlichkeit, Berechenbarkeit und Sicherheit geprägt sind, wirken heilsam auf ein Nervensystem das ständig im Überlebensmodus ist.
Beziehungen, die durch Unberechenbarkeit, Kritik oder emotionale Verletzungen geprägt sind, halten die Stressreaktion des Nervensystems chronisch aktiv.
Wenn du heilen willst, wähle achtsam, wen du wählst.
Auf unserer Heilungsreise nach einer toxischen Beziehung kommen wir irgendwann an einen Punkt an dem wir denken, so jetzt ist es gut. Ich habe viel gelernt und ich bin gewachsen. Ich habe meine alten Erfahrungen integriert und meine Wunden verbunden. Ich reagiere nicht mehr automatisch und ich beobachte mich hinreichend gut. Wenn ich spüre, das mich etwas triggert, reagiere ich anders als früher. Ich erkenne sofort, wenn jemand toxisch ist und gehe in Distanz. Wir glauben vielleicht insgeheim: Jetzt kommt die Belohnung für die Arbeit an uns selbst.
Aber oft kommt es anders, als wir glauben oder hoffen.
Das erste was wahrscheinlich passieren wird, ist dass das Leben uns dieselbe Lektion noch einmal präsentiert. Vielleicht kommt der Mensch, der uns verletzt hat, reumütig zurück. Vielleicht kommt er in Gestalt eines anderen Menschen, mit demselben Verhalten und denselben Mustern. Vielleicht hat er diesmal keine Alkoholsucht, sondern eine andere Sucht. Vielleicht ist es diesmal wieder ein geschickter Blender.
Wir treffen wieder einen Menschen, zu dem wir uns auf magische Weise hingezogen fühlen, wir lassen uns auf ihn ein und merken erst zu spät: Irrtum, auch er verletzt uns. Und wir werden genau mit denselben Erfahrungen und Gefühlen konfrontiert, von denen wir dachten, dass wir sie überwunden haben. Das kann uns so vorkommen als hätte alles nichts geholfen, als seien wir schlechte Schüler, als sei alles umsonst gewesen.
Es war nicht umsonst.
Das, was uns begegnet, stellt uns Fragen: Hast du die Lektion wirklich gelernt. Hast du dich wirklich verändert oder kehrst du zu deinen alten Mustern zurück?
Wenn du dich dieses Mal dafür entscheidest, deine Grenze zu achten und zu schützen, dich selbst nicht mehr verleugnest und nicht mehr in alte Muster zurückfällst, nicht mehr aus magischer Anziehung auf Menschen hereinfällst, die unheilsam für dich sind, nicht mehr Altes wiederholst, sondern rechtzeitig Stopp sagst und danach handelst, dann hast du die Arbeit wirklich gemacht. Dann hast du dich wirklich verändert.
Heilung bedeutet nicht, dass du etwas Altes nicht mehr fühlst oder ihm begegnest, nicht dass dich etwas Vertrautes nicht mehr anzieht, sondern, dass du nicht mehr zulässt, dass es sich in deinem Leben wiederholt.
„Jene, die den Weg der Achtsamkeit
gehen,
Haften nicht an Orten, Menschen, Dingen,
Wie Schwäne erheben sie sich vom See,
Lassen Orte, Menschen, Dinge los.“
Buddha