Freitag, 27. März 2026

Fühlen statt Wegdenken

 

                                                               Foto: A.Wende

 
Viele von uns kennen das: Ein unangenehmes Gefühl taucht auf, vielleicht Angst, Traurigkeit oder Wut und fast automatisch beginnen wir, dagegen anzudenken. Wenn wir zum Beispiel versuchen, unsere Angst „wegzudenken“, sagen wir uns: „Das ist doch irrational“ oder „Stell dich nicht so an“. Wir sagen uns, dass es keinen Grund gibt, so zu fühlen, dass wir uns zusammenreißen sollen oder dass es doch gar nicht so schlimm ist. Für den Moment entsteht vielleicht kurz das Gefühl von Kontrolle, doch die Angst löst sich nicht wirklich auf, sie zieht zurück, wird leiser, verschiebt sich und kommt an anderer Stelle wieder zum Vorschein, nicht selten auch in körperlichen Symptomen.
Ähnlich ist es mit Traurigkeit, Wut oder Scham: Je mehr wir versuchen, sie mit Gedanken zu übergehen oder sie zu verdrängen, desto mehr verlieren wir den Zugang zu dem, was in uns gesehen werden möchte und desto mehr sammelt sich das Ungefühlte in unserem Seelenhaus.
Ein Verständnis von seelischem Schmerz ist, dass wir fühlen, was wir fühlen, weil wir denken, wie wir denken. Daraus entsteht die Annahme, dass Veränderung über das Denken möglich ist, also indem wir unser Denken ändern, wenn wir seelisch leiden. Das ist zum Teil wahr – unsere Gedanken beeinflussen unsere Gefühle, aber es ist auch wahr, dass unsere Gefühle unsere Gedanken beeinflussen.
Also was jetzt?
 
Viele von uns erleben, dass das mit dem Wegdenken oder anders denken, nicht wirklich nachhaltig funktioniert. Wir können unsere Gefühle nicht einfach „wegdenken“. Gefühle sind da, sie haben einen Grund und ihre Berechtigung. Heilung beginnt dann, wenn wir beginnen, unsere Gefühle ernst zu nehmen, sie zu verstehen und ihnen Ausdruck zu geben, statt gegen sie anzukämpfen.
Viele psychische Probleme entstehen, wenn wir keinen Kontakt zu unseren grundlegenden Gefühlen und Bedürfnissen haben. Dabei tragen wir alle von Anfang ein breites Spektrum von Emotionen in uns. Die sogenannten Grundgefühle, auch Basisemotionen genannt, sind universell und bei allen Menschen vorhanden, unabhängig von Kultur oder Herkunft. Dazu zählen Freude, Traurigkeit, Angst, Wut, Ekel, Scham, Liebe und Zuneigung. Jedes dieser Gefühle erfüllt eine wichtige Funktion. Freude zeigt uns, was uns gut tut, Traurigkeit hilft uns, Verluste zu verarbeiten, Angst schützt uns, indem sie uns auf mögliche Gefahren aufmerksam macht, Wut signalisiert, dass unsere Grenzen überschritten wurden und gibt uns die Kraft, für uns einzustehen, Ekel bewahrt uns vor Schaden, Scham hilft uns unser Verhalten im sozialen Miteinander einzuordnen, Liebe und Zuneigung ermöglichen Bindung, Nähe und Vertrauen. All das sind zutiefst menschliche Emotionen und jede von ihnen hat eine Bedeutung und einen Sinn. Sie weisen uns darauf hin, was uns wichtig ist und was wir brauchen.
 
Diese Grundgefühle sind weder richtig noch falsch, nch gut oder schecht, sie sind wertvolle innere Signale. Warum sollten wir sie also in gut oder schlecht unterscheiden und uns die schlechten wegdenken?
Weil die meisten Menschen Unangenehmes nicht fühlen wollen. Das ist verständlich, weil es weh tut. Aber genau dieses „weh tun“ ist ein Signal, das ernst genommen werden will. Wenn wir bereit sind diese inneren Signale wahrzunehmen und auf sie zu hören, kommen wir uns selbst ein Stück näher, wir erlangen Selbstkenntnis und Selbst - Bewusstsein.
Es ist heilsam, uns mit unseren Emotionen verbinden. Es ist heilsam unsere Gefühle bewusst wahrzunehmen, sie zu akzeptieren und zu verstehen, was sie uns sagen wollen. Es ist heilsam zu lernen, sie zu regulieren und auf eine angemessene Weise auszudrücken. 
 
Heilung ist ein Prozess in dem wir uns bewusst auch dem Schmerzhaften in uns zuwenden, nicht, um darin stecken zu bleiben, sondern um zu verstehen, wie es uns prägt und unser Leben beeinflusst. Indem wir uns erlauben, unsere Gefühle zu durchfühlen, entsteht ein Raum der Veränderung möglich macht. Das bedeutet, dass wir uns bewusst dem Schweren sanft annähern, um in echten Kontakt mit uns selbst zu kommen und das, was uns schmerzt auf einer tieferen Ebene zu wandeln. Erst wenn wir uns unseren Emotionen wirklich zuwenden, wird echte Veränderung möglich, nicht durch Weg- oder Schöndenken, sondern durch das bewusste Erleben und Verstehen dessen, was in uns vorgeht.
 
"Das Poetische heißt: sammeln", schreibt Alexander Kluge.
Vielleicht lässt sich genau darin auch innere Arbeit verstehen: als ein Sammeln dessen, was in uns ist. Wir sammeln unsere Gefühle, statt sie wegzuschieben. Wir sammeln unsere Erfahrungen, auch die schmerzhaften, und geben ihnen Raum. Und nach und nach ensteht ein Zusammenhang, ein inneres Verstehen, das nicht durch Kontrolle, sondern durch Zulassen wächst.
 
Was du fühlst darf sein. 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Mittwoch, 25. März 2026

Tot im Leben


 

„Ich fühle mich wie tot im Leben“, sagt mein Klient. „Dieser Schmerz, diese Taubheit, diesem „tot im Leben“ Gefühl geht einfach nicht weg. Ich kann so nicht mehr weitermachen.“
Ich frage ihn, wie sich dieses „tot sein“ anfühlt.
„Das ist eine Schwere, die den ganzen Körper niederdrückt, eine Leere, die mich umgibt, das ist so viel Enttäuschung, die sich über Jahre angesammelt hat. Da ist Trauer und eine tiefe Einsamkeit, die alles durchzieht. Da ist eine Gleichgültig allem und jedem gegenüber. Das ist nicht mehr auszuhalten“, sagt er. Ich sehe, wie einsam er ist, wie verletzt, traurig, enttäuscht, ausgebrannt. Ich sehe, dass niemand ihn mehr hält, dass all die Menschen, die ihm wichtig waren, nicht mehr da sind und welche tiefe Leere das hinterlässt.
 
Dieses "tot im Leben-Gefühl" ist nicht einfach traurig sein oder erschöpft sein. Es ist ein Zustand, der den ganzen Menschen durchdringt: die Gedanken, die Gefühle, den Körper.  
Der Mensch ist körperlich noch da, er atmet noch, er funktioniert noch, aber innerlich ist alles wie eingefroren, leer, taub und schwer. Das macht dieses Gefühl so quälend. Da ist kein Moment von Lebendigkeit, Freude oder Hoffnung, alles fühlt sich grau, schwer und bedeutungslos an, sinnlos und leer. Das ist ein tiefes menschliches Leid, das sich über Jahre aufgebaut hat und jetzt als dauerhafte Last auf Körper und Seele liegt. Ein Mensch, der sich so fühlt, ist nicht nur traurig und müde, er ist verzweifelt bis in jede Zelle, weil ihn all das, was ihm wichtig war, verlassen hat. Das ist nicht nur Schmerz, das ist existenziell. Es ist der seelische Kollaps, der eintritt, wenn ein Mensch, der über Jahre viel Schmerz getragen hat, es einfach nicht mehr aushält. Das ist das Verzweifeln am Dasein.
Wenn die Frage nach dem Sinn sich stellt und sie keine Antwort mehr findet, schwindet der Lebenswille. Wenn dann im Außen nichts ist, was hält und trägt, erlischt dieser Wille. Die Leere, die gefühlt wird, ist nichts anderes als schiere Verzweiflung am Verlust des Lebenssinns, die Verzweiflung am eigenen Sein, das als wirkungslos geworden, erstarrt und nutzlos empfunden wird. 
 
Verzweiflung ist der schlimmste Affekt.
Verzweiflung ist nicht vernunftgesteuert. Sie ist ein existenziell bedrohlicher seelischer Zusammenbruch. Auf die Vernunft, auf rationale Argumente, kann man hier nicht setzen. Gegen rationale Argumente ist er Verzweifelte immun.
Verzweiflung ist nicht vernunftgesteuert.
In der Verzweiflung kann der Mensch sich von innen heraus nicht mehr selbst retten. Er braucht Rettung von außen. Ein verzweifelter Mensch braucht ein Gegenüber, das ihn versteht, seine Verzweiflung annehmen kann und nicht vor ihr zurückschreckt aus dem Gefühl eigener Hilflosigkeit heraus. Jemand, der vor der Wucht der Verzweiflung nicht flieht. Jemand, der präsent ist. 
 
Der verzweifelte Mensch braucht keine Ratschläge, kein „das wird wieder“, er braucht es gesehen zu werden. 
Und das bedeutet: dass jemand seine Gefühle nicht kleinredet, dass jemand seinen Schmerz spürt und anerkennt, ohne ihn sofort lösen zu wollen, dass sein inneres Erleben wahrgenommen wird, nicht nur seine Worte und seine Symptome – dieser Mensch braucht das Gefühl mit seiner Verzweiflung nicht mehr allein zu sein. Erst dann kann man nach und nach versuchen aktiv Denk-und Handlungsalternativen anzubieten, die zu einer neuen existenziellen Einstellung verhelfen. Erst dann kann der verzweifelte Mensch Schritt für Schritt beginnen, neue Perspektiven zu entdecken. Erst dann entsteht die Möglichkeit, aus der Verzweiflung heraus langsam wieder zu einem Leben zu finden, das Lebendigkeit, Sinn und Hoffnung enthält.
 
 
"Wessen wir am meisten im Leben bedürfen ist jemand, der uns dazu bringt, das zu tun, wozu wir fähig sind."
Ralph Waldo Emerson.
 
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Dienstag, 24. März 2026

Gedankensplitter


Das ist nicht so leicht.
Vieles ist nicht leicht.
Das Ego aber will es leicht haben.
Richtig schwer wird es, wenn das Ego sich nicht beugen will. Wenn es starr wird, aus Angst die Kontrolle zu verlieren.
Dann blockiert es Entwicklung um das alte Ich zu schützen.
Bewegung fühlt sich für das Ego immer bedrohlich an, weil sie Entwicklung fordert.
Entwicklung gelingt nicht, wenn das Ego nicht weich genug wird, um sich mitzubewegen.

Freitag, 20. März 2026

Du sollst dir kein Bildnis machen

 



"Du bist nicht", sagt der Enttäuschte oder die Enttäuschte: "wofür ich Dich gehalten habe." Und wofür hat man ihn denn gehalten? Für ein Geheimnis, das der Mensch ja immerhin ist, ein erregendes Rätsel, das auszuhalten wir müde geworden sind. Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose, der Verrat.“ Dieser Eintrag entstammt dem Tagebuch von Max Frisch 1946–1949. Und an einer anderen Stelle schreibt er: „Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis.“
 
Wir alle haben ein Bildnis von uns selbst. Man nennt das Selbstbild, das oft mit dem Fremdbild nicht übereinstimmt, also wie wir uns sehen und wie uns andere sehen. Und wir alle machen uns ein Bild von anderen.  
Auf gewisse Weise sind wir darauf angewiesen. Keiner von uns ist ein offenes Buch in dem wir alles über ihn lesen können. Wir Menschen machen uns ein Bild von anderen, um sein Verhalten einzuschätzen zu können und es vorhersehbarer zu machen. Es hilft Komplexität und Unsicherheit zu reduzieren, indem es Verhalten vorhersehbar macht und um Energie zu sparen, weil unser Gehirn dann nicht jede Handlung neu bewerten muss. Dabei spielen unsere Wahrnehmung, unsere Überzeugungen, unsere Erfahrungen, unsere Erwartungen und innere Werte eine Rolle. Das führt dazu, dass unsere Sicht auf den anderen unvollständig ist und nicht selten auf Vorstellungen Projektionen und Übertragungen beruht. Bisweilen führt kann es auch dazu führen, dass wir andere idealisieren. 
 
Idealisierung ist ein zentraler Mechanismus in vielen zwischenmenschlichen Beziehungen. 
Dabei wird der andere nicht als vollständige, vielschichtige Person wahrgenommen, sondern vor allem durch ein Bild, das den eigenen Erwartungen entspricht. Oft projizieren Menschen dabei ihre Wünsche, Hoffnungen oder ihre Sicherheitsbedürfnisse auf den anderen. Sie sehen vor allem die Eigenschaften, die ihrem inneren Bild von Stärke und Kompetenz entsprechen, und blenden Aspekte aus, die nicht in diese Vorstellungen passen. Idealisierung beeinflusst stark die Erwartungsstruktur (verfestigte Erwartungen darüber, wie sich Menschen in bestimmten Situationen verhalten sollen) die jemand an Beziehungen stellt. Wir entwickeln quasi ein inneres Drehbuch, wie sich der andere verhalten soll und was er für uns sein soll. Stimmt etwas nicht mit diesem Drehbuch überein, passt es nicht ins Bild, entstehen Irritation, Verunsicherung oder sogar Enttäuschung. 
 
Menschen, die stark idealisieren, tun dies oft aus aus Unsicherheit, Schutzbedürfnis und dem Wunsch nach Halt und Orientierung.  
Sie haben häufig ein hohes Bedürfnis nach Stabilität, Sicherheit und Verlässlichkeit und neigen zu schwarz-weiß-Denken. Alles, was nicht in das innere Bild passt, wirkt irritierend oder gar bedrohlich. Idealisierung kann auch ein Ausdruck von Bewunderung sein. Menschen, die dazu neigen sind besonders empfänglich für Status, Kompetenz und Leistung und neigen dazu, bestimmte Eigenschaften zu überhöhen. Dabei spielen frühere Beziehungserfahrungen eine Rolle. Wer in der Kindheit instabile oder unsichere Bindungen erlebt hat, neigt oft dazu, Bezugspersonen zu idealisieren. Die Idealisierung wirkt dann wie ein Schutzmechanismus - indem die Person idealisiert wird, wird die Angst vor Enttäuschung und Verletzung abgemildert.
 
Idealisierung und Erwartungsstrukturen sind eng mit emotionalen Bedürfnissen verknüpft. Sie können Beziehungen intensivieren und auch belasten.  
 Ist das Bild, das wir uns vom anderen machen zu starr, fällt es schwer, Grenzen, Einschränkungen oder normale menschliche Schwächen zu akzeptieren. Wer zur Idealisierung neigt, darf lernen, den anderen als ganzen, komplexen Menschen wahrzunehmen, mit seinen Stärken, seinen Schwächen und seinen Grenzen. Er muss begreifen, dass Schwächen menschlich und normal sind und keine Bedrohung darstellen. Darüber hinaus dürfen diese Menschen lernen, ihre eigenen Erwartungen zu reflektieren inde sie sich fragen: Welche Vorstellungen entstammen meinen eigenen Bedürfnissen und welche sind Projektionen? Dabei geht es darum, flexibler auf Abweichungen reagieren zu können und Irritationen oder Enttäuschungen auszuhalten.
 
Unvollkommenheit aushalten können – sowohl die der anderen als auch die eigene, heißt das Menschliche in uns selbst und im anderen zu würdigen. 
Nobody is perfect. Wir nicht und der andere nicht. Wir sind alle Menschen und keine programmierbaren Roboter, die genauso funktionieren, wie wir das gerne hätten.
Es geht darum echte Verbindung statt Projektion zu leben, Beziehungen bewusst auf Augenhöhe zu gestalten, den anderen mit allem, was ihn ausmacht, wahrzunehmen und zu achten, ohne Angst vor Enttäuschung oder Kontrollverlust. Es geht darum Realität und Wunschbild zu unterscheiden, die Grenzen und Schwächen anderer zu akzeptieren wie unsere eigenen und gleichzeitig die eigene innere Sicherheit zu stärken - eine die Grundlage für gesunde, stabile und authentische Beziehungen.
 
„Du sollst dir kein Bildnis machen“, oder wie es Max Frisch so formuliert: „Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis.“
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Mittwoch, 18. März 2026

Nicht: Wer bin ich?, sondern: Werde, der Du bist.

 


Wenn eine alte Identität zusammenbricht fühlt sich das wie ein Verlust an. Plötzlich fehlt, was uns vorher Orientierung und Halt gegeben hat. Gleichzeitig liegt in diesem Verlust auch die Chance, etwas Neues entstehen zu lassen. Das hört sich tröstlich an, ist aber ein langer, mitunter schmerzhafter Prozess.

Eine neue Identität lässt sich nicht einfach bewusst erfinden. 

Identität entwickelt sie sich langsam – sie formt sich aus Erfahrungen, Erlebnissen, Entscheidungen und Bedeutungen, die wir uns selbst und dem Leben geben. Bevor sich eine neue Identität überhaupt zeigen kann, steht am Anfang des Prozesses das Verstehen dessen, was eigentlich zerbrochen ist. Das Gefühl für unsere Identität hängt mit vielen Lebensbereichen und den dazugehörigen Rollen und Selbstbildern zusammen. Beruf, Beziehung, ein Lebensplan, Werte, Weltbild und dem Gefühl unseres In der Welt seins. Wenn nur einer dieser Pfeiler wegbricht, gerät unser Selbstbild ins Wanken. Brechen mehrere weg, bricht ein ganzes Identitätsempfinden weg. Alles, womit wir uns identifiziert haben, worüber wir uns definiert haben, was unserem Leben Sinn und Halt gab, zerbröselt und im Zweifel wir mit. Und dann kommt sie die bange Frage: 

Wer bin ich jetzt noch?

Wenn wir an diesem Punkt stehen ist es hilfreich, uns zu fragen, was genau verloren gegangen ist und welche Teile davon wirklich zu unserem inneren Kern – uns selbst - gehörten. 

Manches, was wir für unsere Identität gehalten hat, stammt vielleicht aus Erwartungen von außen – von Familie, Gesellschaft oder dem Umfeld in dem wir leben. Vielleicht haben wir nie bewusst darüber nachgedacht, wer wir sind ohne das außen. Vielleicht kennen wir uns nicht wirklich, weil wir über endlos lange Zeit funktioniert haben, unsere Bedürfnisse ignoriert haben und unsere Wünsche hintenangestellt haben, Wünsche, die nur uns selbst betreffen.  

Wer nicht mehr weiß oder nicht weiß wer er ist, befindet sich in einem Niemandsland. Einer Zwischenphase, in der vieles unklar und nichts fassbar ist. Wir wissen nicht, wer wir noch sind und schon gar nicht wer wir künftig sein möchten. Diese Phase kann sich zutiefst beängstigend anfühlen, sie ist aber ein wichtiger Teil des Prozesses. In dieser Phase dürfen wir uns auf die Suche begeben, Dinge ausprobieren, Ansichten hinterfragen, neue Rollen ausprobieren und Dinge verwerfen, die sich nicht mehr richtig anfühlen oder nie richtig angefühlt haben. Eine neue Identität entsteht nicht aus einem festen Plan oder einem Weg, dessen Ziel wir definieren, sie formt sich aus vielen kleinen Experimenten im Alltag.

Wenn alte Rollen wegfallen, kann es hilfreich sein uns künftig weniger über Rollen zu definieren und stattdessen über Werte.

Wenn mehrere Teile der eigenen Identität gleichzeitig wegfallen – PartnerIn, Mutterrolle, Vaterrolle, Berufstitel oder soziale Positionen, das Gefühl von Jugend, Attraktivität oder körperliche Kraft, kann sich das anfühlen, als wäre der tragende Boden unter den Füßen weggebrochen. Rollen geben nicht nur Struktur im Alltag, sondern auch eine Antwort auf die Frage: Wer bin ich eigentlich? Wenn sie zusammenbrechen, entsteht ein Gefühl von Leere, Trauer und Orientierungslosigkeit. Das Gefühl, nicht mehr zu wissen, welche Rolle man hat, bedeutet jedoch nicht, dass man keine mehr hat. Es bedeutet eher, dass die alten Rollen sehr stark waren und nun Platz entstanden ist, der noch nicht gefüllt ist. Diese Leere kann sehr schmerzhaft sein, aber sie gehört zu diesem Übergangszustand. In solchen Übergängen fühlt sich Identität oft vorübergehend „aufgelöst“ an.

Ein wichtiger erster Schritt ist zu verstehen, dass solche Reaktionen absolut normal sind. Wenn Identitäten an Beziehungen, Lebensphasen oder körperliche Zustände gebunden waren, bedeutet ihr Verlust nicht nur eine radikale Veränderung, sondern auch einen Abschied. 

Wir trauern gewissermaßen um eine frühere Version des eigenen Lebens und um die Person, die wir darin waren. Neue Identität entsteht Schritt für Schritt, und manchmal erst nachdem wir uns erlaubt haben, die alte wirklich zu betrauern. Diese Trauer braucht Raum. Diesen Raum dürfen wir ihr geben. Neue Identität entsteht in solchen Situationen oft langsam, Schritt für Schritt, und manchmal erst nachdem man sich erlaubt hat, die alte wirklich zu betrauern.

Rollen sind instabil - Werte und Fähigkeiten und innere Qualitäten hingegen sind stabiler.

Rollen können sich im Laufe eines Lebens mehrfach verändern – Beziehungen beginnen und enden, Kinder werden selbstständig, der Körper verändert sich. Die Fähigkeiten, Erfahrungen und Werte, die man in diesen Rollen entwickelt hat, bleiben jedoch Teil der eigenen Person. Wenn wir wissen weiß, was uns wirklich wichtig ist – etwa innere Freiheit, Kreativität, Wissen, Ehrlichkeit, Liebe, Verantwortung, Hilfsbereitschaft, Fürsorge, Beziehung –, können wir unser Leben auf unterschiedliche Weise danach gestalten. Die äußere Form mag sich verändern, aber die innere Richtung bleibt erkennbar – sie ist ein Kompass, nach dem wir uns innerlich ausrichten können.

Mit der Zeit wächst eine neue Identität vor allem durch wiederholte neue Handlungen. 

Statt zu beschließen, ein völlig neuer Mensch zu sein, entstehen Veränderungen durch kleine Entscheidungen im Alltag. Gewohnheiten und Verhaltensweisen, die zu den eigenen Werten passen, formen langsam ein neues Selbstbild. Irgendwann beginnt man sich selbst als jemand zu sehen, der bestimmte Dinge tut, bestimmten Werten und Prinzipien folgt oder auf eine bestimmte Weise sein Leben gestaltet. Wir finden neue Routinen, neue Interessen, vielleicht neue soziale Kontakte. Dadurch entstehen langsam neue Bedeutungen im Alltag.

Identität baut sich nicht als großer Plan auf, sondern wächst aus vielen kleinen Handlungen und Erfahrungen.

Dabei muss die alte Identität nicht verschwinden. Alles, was wir erlebt haben, bleibt Teil der eigenen Geschichte. Hilfreich ist - bewusst zu entscheiden, welche Aspekte wir aus der Vergangenheit mitnehmen möchten und welche wir hinter uns lassen, weil sie sich überlebt haben. Es geht nicht um eine radikale Trennung zwischen einem „alten“ und einem „neuen“ Selbst, sondern um eine biografische Entwicklungslinie, in der all unsere Erfahrungen integriert werden. Während das Ich mit all seinen Rollen und Identifikationen nur einen kleinen Teil der Psyche repräsentiert, verbindet das Selbst alle bewussten und unbewussten Elemente zur Ganzheit - das Selbst als inneres Zentrum und zugleich als die Gesamtheit der Persönlichkeit. Dieses Selbst ist kein festes Objekt, sondern eher ein inneres Ordnungsprinzip, das uns Menschen zur Ganzheit und damit zum inneren Gleichgewicht führt. So besteht die Chance im Laufe unseres Lebens immer mehr zu dem Menschen zu werden, der in uns angelegt ist. Einerseits ist der Mensch ein Wesen, das sich ständig wandelt, andererseits trägt er eine verborgene innere Ordnung in sich, die ihn zu sich selbst führen will. Das Selbst ist nicht etwas, das man einfach besitzt. Vielmehr ist dieses Selbst ein Werden - ein Weg zu uns hin, ein langsames Annähern an unsere Ganzheit.

Wir Menschen verstehen unser Leben stark über Geschichten, die wir uns über uns selbst erzählen.  

Wenn eine Identität zerbricht, verändert sich auch diese innere Geschichte. Was zunächst wie ein Zusammenbruch oder ein Scheitern wirkt, kann jedoch ein Wendepunkt sein – eine Phase, die uns dazu zwingt, uns neu zu definieren und neue, bewusstere Entscheidungen über das eigene Leben zu treffen. Viele stabile und reflektierte Identitäten entstehen gerade nach solchen Brüchen, weil man gezwungen ist, grundlegende Fragen neu zu stellen. Eine neue Identität entsteht nicht in einem einzigen Moment, sondern langsam. Sie wächst aus Reflexion, Experimenten, Entscheidungen und der Bereitschaft, sich selbst immer wieder neu zu entdecken, zu verstehen und im Kern des eigenen Wesens zu erkennen und anzunehmen.

In solchen Phasen hilft es manchmal, die Frage zu verändern.

Statt sofort zu fragen: „Wer bin ich jetzt?“, können wir fragen: „Wie möchte ich leben, auch wenn gerade vieles offen ist?“„Welche Art von Mensch möchte ich in dieser neuen Lebensphase werden?“

 Also nicht: Wer bin ich?, sondern „Werde, der Du bist“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Dienstag, 17. März 2026

Verlässlichkeit – das stille Fundament von Beziehungen

 

                                                                                            Foto: www

 
 
Viele Menschen empfinden mehr und mehr den Verlust von Verlässlichkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen als etwas sehr Reales.
Woran liegt das?
Dahinter steckt eine Mischung aus gesellschaftlichen Veränderungen, sozialen Medien und inneren, psychologischen Dynamiken. Einerseits gibt es heute mehr Freiheit, gleichzeitig bleibt Kommunikation oft oberflächlich, Erwartungen werden nicht klar ausgesprochen, Vertrauen wird dadurch fragiler.
Soziale Medien und Datingplattformen tragen dazu bei, dass Menschen sich stärker vergleichen und schneller weiterziehen. Dabei entsteht der Eindruck, dass andere jederzeit verfügbar sind und dass Menschen gewissermaßen wie ein Konsumgut behandelt werden: austauschbar, ersetzbar, nie ganz „genug“, immer kann es noch jemand Besseres geben – das Netz ist übervoll mit "Angeboten". 
Das erzeugt das Gefühl ständiger Alternativen und schwächt die Bereitschaft, sich festzulegen. Hinzu kommt oft Inkonsistenz im Verhalten. Worte und Handlungen passen nicht zusammen, Nähe und Distanz wechseln sich abrupt ab. Dieses unvorhersehbare Verhalten verunsichert und untergräbt Vertrauen, denn Verlässlichkeit entsteht vor allem durch Commitment und Klarheit.
Auch innere Unsicherheit spielt eine Rolle.
Wer instabil ist, nicht weiß, was er will, oder Angst vor Enttäuschung oder Verletzung hat, bleibt oft widersprüchlich, er sucht Nähe, zieht sich aber zurück, sobald es ernst wird und wirkt dadurch unzuverlässig. So treffen äußere Möglichkeiten, digitale Einflüsse und Ängste aufeinander. Unsere zwischenmenschlichen Beziehungen werden immer freier, aber auch immer unzuverlässiger, oberflächlicher und fragiler.
 
Verlässlichkeit ist ein unsichtbares Band, das Menschen miteinander verbindet.  
Sie ist ein gelebter Wert, der Beziehungen Stabilität verleiht, sie lässt Vertrauen wachsen und schafft das Gefühl von Sicherheit, was Nähe und echte Verbundenheit erst möglich macht. In jeder Art von zwischenmenschlichen Beziehungen wirkt sie wie ein Anker - wer hält, was er sagt, wer präsent ist, vermittelt Vertrauen und Zuverlässigkeit.
 
Unzuverlässigkeit dagegen wirkt wie eine subtile Erosion.
Wenn Zusagen und Absprachen nicht eingehalten werden, entsteht beim Gegenüber Verunsicherung und Misstrauen. Nähe und Vertrauen geraten ins Wanken, es entsteht ein innerer Rückzug – der Versuch, sich selbst zu schützen. Wer Unzuverlässigkeit zeigt, sendet ein Signal über sich selbst. Unzuverlässigkeit sagt viel darüber aus, wie ernst er oder sie Worte und Zusagen nimmt, wie er Verantwortung wahrnimmt und wie er Prioritäten setzt. Wer unzuverlässig handelt, vermittelt subtil: Meine Worte und Versprechen sind nicht verbindlich. Die Verantwortung wird leichtfertig verschoben. Vertrauen kann nicht sicher aufgebaut werden. 
 
Verlässlichkeit ist die Basis konsistenter Beziehungen. Sie signalisiert nicht nur:„Du kannst dich auf mich verlassen“, sondern, dass der andere respektiert, wertgeschätzt und geachtet wird.  
Verlässlichkeit ist die stillschweigende Versicherung, dass eine Verbindung Wert und Bestand hat. Unzuverlässigkeit sendet das Gegenteil: Nähe und Vertrauen sind unsicher, fragile Räume entstehen, und das Fundament der Beziehung wackelt.
Verlässlichkeit entsteht dort, wo wir trotz dieser Dynamiken bewusst, klar, präsent und verbindlich bleiben. Verlässlichkeit ist mehr als ein Versprechen, sie ist ein Wert, sie ist gelebte Präsenz, Achtung und Respekt. Sie schafft Räume, in denen Nähe, Verständnis und gegenseitige Wertschätzung wachsen können, Räume, in denen Vertrauen nicht nur ein Wort ist, sondern gelebt wird. Für mich ist sie das Fundament, das jede zwischenmenschliche Beziehung trägt. 
 
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Montag, 16. März 2026

Gedankensplitter

 

                                                               Malerei: A.Wende

 

Alt werden ist eine Herausforderung, eine Anpassungsleistung, ein Lebensübergang, der mit unendlich vielen Emotinen verbunden ist. Alter bedeutet Verlust von sehr vielem, innen wie außen. Und Verluste schmerzen. Sie tragen immer Abschied und Trauer in sich. 

Auch die eigene Endlichkeit wird uns bewusst. 

Alt werden ist eine Kunst, die wir nicht gelernt haben und jetzt lernen dürfen. 

Alt werden ist nicht einfach, wenn man es sich nicht schönredet, sondern in all seinen hellen und dunklen Aspekten betrachtet.