Bei
der Hitze sitze ich seit Tagen überwiegend unfreiwillig in der Wohnung.
Ich könnte zwar rausgehen und das mache ich auch am frühen Morgen ,
aber alles, was ich sonst gern mache, lasse ich freiwillig bleiben, weil
ich Hitze nicht gut vertrage. Und während ich so in der Wohnung vor
mich hinschmore, frage ich mich: Wie frei bin ich eigentlich?
Auf
den ersten Blick scheint die Antwort einfach zu sein. Natürlich bin ich
frei. Niemand hält mich fest. Die Tür ist nicht verschlossen. Ich
könnte jederzeit hinausgehen. Und doch tue ich es nicht. Meine
Entscheidung wird durch etwas beeinflusst, das ich nicht kontrollieren
kann: die Hitze.
Was ist Freiheit
überhaupt?, frage ich mich, während ich vor mich hin schwitze. Fast
jeder von uns wünscht sie sich, doch fragt man, was genau damit gemeint
ist, bleibt die Antwort oft erstaunlich unklar. Vielleicht ist genau das
der Grund, warum die Suche nach Freiheit so leicht zu einem endlosen
inneren Prozess werden kann. Solange wir nicht genau wissen, was unter
Freiheit verstanden wird, jagen wir womöglich einem Ideal hinterher, das
sich niemals erfüllen kann.
Eine
verbreitete Vorstellung ist Freiheit als Kontrolle über das eigene
Leben. Freiheit bedeutet dann: Ich bestimme, was passiert. Ich bin nicht
abhängig von nichts und niemanden, nicht mal von mir selbst, meinem Ego
und meinen inneren Dämonen. Das klingt zunächst ziemlich
selbstbestimmt. Doch diese Vorstellung hat ihren Preis. Freiheit wird
dann zur Aufgabe, alles im Griff haben zu müssen. Jede Unsicherheit,
jede Unvorhersehbarkeit und jede Form von Abhängigkeit erscheint als
Bedrohung. Was als Befreiungsgedanke beginnt, endet nicht selten in
innerer Enge.
Eine andere Vorstellung versteht Freiheit als Entlastung.
Im
Sinne von: Ich muss nicht funktionieren, mich nicht anstrengen, nichts
leisten. Ich muss eigentlich nichts außer SEIN. Naja, außer essen
trinken, verdauen und sterben. Diese Freiheit wäre dann ein radikales
Loslassen, nicht mehr kämpfen, für nichts und gegen nichts. Das hat auch
seine Tücken, denn selbst das Loslassen wird dann zur Aufgabe und
verwandelt sich im Zweifel in ein Projekt, das gelingen muss.
Manche
Menschen verbinden Freiheit mit einem Leben ohne innere und äußere
Probleme. Nach dem Motto: Ich will keine inneren Konflikte, keine
Ambivalenzen, keinen Stress. Alles soll eindeutig, klar und
widerspruchsfrei sein. Doch wir Menschen sind von Natur aus von
unterschiedlichen Bedürfnissen, Trieben Gefühlen und Gedanken
ausgestattet. Wer Freiheit mit innerer Konfliktlosigkeit gleichsetzt,
beginnt gegen Teile seiner selbst zu kämpfen. Alles, was nicht in das
gewünschte Sebstbild passt, wird als Hindernis erlebt und soll
verschwinden. Die Suche nach Freiheit wird dadurch zu einem Kampf gegen
das eigene Erleben.
Eine weitere
Vorstellung besteht darin, Freiheit als Authentizität zu verstehen. Ich
will so denken, fühlen und handeln, wie es mir entspricht. Diese Form
der Freiheit verlangt nicht, innere Widersprüche zu beseitigen. Sie
setzt vielmehr voraus, die unterschiedlichen Stimmen, Anteile und
Impulse in uns wahrnehmen und unterscheiden zu können, ohne eine davon
sofort unterdrücken oder absolut setzen zu müssen. Freiheit bedeutet
dann uns selbst im Ganzen anzunehmen, mit allem, was wir sind oder nicht
sind. Das bedeutet nicht, frei von inneren Konflikten zu sein, sondern
uns nicht vollständig von ihnen bestimmen zu lassen.
Doch was ist Freiheit nun eigentlich für mich?
Freiheit
ist nicht die Abwesenheit aller Grenzen, Konflikte oder Abhängigkeiten.
Freiheit bedeutet auch nicht, das Leben vollständig kontrollieren zu
können oder jederzeit genau das zu tun, was ich möchte. Ein solcher
Zustand ist weder erreichbar noch menschlich.
Freiheit
beginnt für mich dort, wo ich nicht mehr ausschließlich von meinen
inneren und äußeren Bedingungen bestimmt werde. Sie zeigt sich in der
Fähigkeit, bewusst wahrzunehmen, zwischen Möglichkeiten zu unterscheiden
und entsprechend der eigenen Wahrheit zu handeln. Frei ist nicht
derjenige, der keine Ängste, Zweifel oder Widersprüche in sich trägt,
sondern derjenige, der sich von ihnen nicht vollständig beherrschen
lässt.
„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In
diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer
Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“ Für mich bringt
es dieser Satz von Viktor Frankl auf den Punkt: Freiheit besteht nicht
darin, alle Umstände kontrollieren zu können, sondern darin, wie wir uns
zu ihnen verhalten.
Freiheit schließt Grenzen daher nicht aus.
Jeder
Mensch lebt in persönlichen, biologischen, sozialen und geschichtlichen
Bedingungen. Niemand von uns hat sich seine Herkunft, seine
Vergangenheit oder viele Umstände seines Lebens ausgesucht. Freiheit
besteht vielmehr darin, innerhalb dieser Bedingungen einen
Handlungsspielraum zu entdecken und verantwortlich zu nutzen.
Innere
Freiheit entsteht, wenn Gedanken, Gefühle und Impulse nicht mehr
automatisch unser Handeln bestimmen. Äußere Freiheit entsteht dort, wo
Menschen ohne Zwang leben, denken und handeln können. Beide Formen
gehören zusammen, sind aber nicht identisch. Ein Mensch kann äußerlich
frei und innerlich gefangen sein, ebenso kann jemand unter schwierigen
äußeren Umständen eine bemerkenswerte innere Freiheit entwickeln.
Vielleicht
lässt sich Freiheit so beschreiben: Freiheit ist die Fähigkeit, dem
Leben bewusst zu begegnen, anstatt ausschließlich von Gewohnheiten,
Ängsten, Zwängen oder äußeren Umständen gesteuert zu werden. Sie ist
kein Zustand völliger Unabhängigkeit, sondern die Möglichkeit, sich
immer wieder neu und verantwortlich zum eigenen Leben zu verhalten.
Freiheit
ist kein Ziel, das irgendwann endgültig erreicht wird. Sie ist auch
kein Zustand vollkommener Kontrolle oder völliger Konfliktlosigkeit.
Freiheit ist vielmehr die Fähigkeit, dem Leben zu begegnen, offen für
das, was ist, bewusst im eigenen Denken und Handeln und bereit,
Verantwortung für die eigenen Entscheidungen zu übernehmen. Vielleicht
zeigt sich Freiheit gerade an diesen heißen Sommertagen besonders
deutlich: Nicht darin, dass die Hitze verschwindet, sondern darin, wie
wir mit ihr umgehen.
Angelika Wende






