Freitag, 20. Mai 2022

Aus der Praxis: Raus aus der Opferrolle

                                                              Malerei. A.Wende
 
 
Das Selbstwertgefühl mancher Menschen ist so tief verletzt, dass sie große Schwierigkeiten haben bei irgendetwas Fortschritte zu machen. Sie sehen ihr ganzes Leben als eine Kette von Scheitern und Missständen. Sie sehen nur, was nicht gelingt und blenden aus, was ihnen gut gelingt. Jeder kleine Fehler ist für sie ein Zeichen ihrer Unfähigkeit, sie glauben nicht an sich selbst, sie machen sich klein, sie brechen zusammen, sie machen sich Vorwürfe, versinken in Selbstmitleid oder projizieren die Schuld auf andere. Sie akzeptieren nicht, dass sie als Mensch auch Fehler machen dürfen, Schwächen haben dürfen, ein bisschen verrückt sein dürfen und dass genau das Menschsein ausmacht. Sie wollen immer stark sein und fühlen sich schwach, aber sind nicht in der Lage ihre Schwäche anzunehmen. Sie verurteilen sich dafür. Sie machen sich klein. Je kleiner sie sich machen, desto geringer wird ihr Selbstwertgefühl. 
 
Ein Mensch ohne Selbstwertgefühl sieht oft nur einen Ausweg: Er macht sich zum Opfer. 
Er entschuldigt sich selbst damit, dass er ein Opfer der Umstände ist, weil die Welt und das Leben es nicht gut mit ihm gemeint haben, weil man ihm Übles angetan hat und sucht die Schuld dafür im Außen. Ja, man hat vielen von uns Übles angetan, und ja, das Leben meinte und meint es nicht immer gut mit uns und ja, das Leben ist ungerecht. All das ist wahr und all das kann unser Selbstwertgefühl massiv erschüttern. Ich selbst kenne das auch. Irgendwann reicht es dann auch mal, denken wir, aber es ändert nichts, das Leben fragt uns nicht danach wie wir es gerne hätten. Dinge geschehen, Verletzungen geschehen, Schicksalsschläge geschehen und dann sind wir Opfer. 
 
Aber: Die große Gefahr der Opferhaltung ist, dass sie zu einer Entschuldigung für alles wird
Und damit wird Wachstum verhindert. Das Gefühl Opfer zu sein und nichts tun zu können, führt zu einer inneren Lähmung. Wir stecken in den begrenzten Umständen fest. Es kommt zu einer Verzweiflung am Leben und Möglichkeiten die Dinge anders zu sehen oder sie zu ändern, werden nicht mehr ergriffen. Wer in der Opferrolle feststeckt braucht Unterstützung und Liebe um aus der Lähmung herauszukommen. Diese Menschen brauchen jemanden, der ihnen hilft ihren Schmerz zu verarbeiten. Sie brauchen jemanden, der ihnen hilft den Glauben an sich selbst (wieder) zu finden, indem er an sie glaubt. Diese Menschen dürfen lernen zu akzeptieren, das Verletzungen zum Leben gehören und dass auch Schwachsein okay ist. Sie dürfen lernen, dass sie reifen und wachsen können – raus aus der Opferrolle, in ein selbstbestimmtes Leben. Sie dürfen lernen den Teil, der sie klein macht, nicht weiter abzulehnen, sondern mitfühlend anzunehmen und ihn zu integrieren. Dann kann die Selbstabwertung aufhören. Damit dies gelingt, muss die Bereitschaft da sein, es zu wollen. 
 
Wenn du Unterstützung möchtest, bist du herzlich willkommen.
Melde dich unter
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In einem unverbindlichen, kostenfreien 30 minütigen Erstgespräch können wir uns kennenlernen und ein Gefühl füreinander bekommen.
Ich freue mich auf dich!
 
Angelika Wende

Sonntag, 15. Mai 2022

Vom Wert des Selbstmitgefühls

 


 
Etwas, was mich in meiner Arbeit immer wieder berührt, ist der Mangel an Selbstmitgefühl vieler meiner Klienten. Den Meisten ist das gar nicht bewusst. Sie geben viel für andere, umsorgen andere, haben viel Verständnis für andere, sogar wenn die sie nicht gut behandeln, sie lassen Dinge zu, die sie verletzen und finden Entschuldigungsgründe für die, die sie verletzen.
Sie halten viel aus, was ihnen nicht gut tut und sie tun viel, was ihnen nicht gut tut. 
 
Wenn wir kein Mitgefühl mit uns selbst haben, ist das schmerzhaft, denn dann fügen wir uns leicht Schmerz zu, indem wir anderen ein Verhalten erlauben, das unheilsam für uns ist.
Wer kein Mitgefühl mit sich selbst hat, wird nicht selten krank. Seelisch, geistig und körperlich. Menschen zum Beispiel, die einer Sucht anheim fallen, haben kein Selbstmitgefühl, denn hätten sie es, würden sie sich selbst nicht zerstören. Menschen, die in toxischen Beziehungen bleiben, Menschen, die sich in Co-abhängigkeit aufopfern, Menschen, die sich selbst ausbeuten, Menschen, die zu viel arbeiten, ohne sich Ruhezeiten zu gönnen, Menschen, die zu viel oder zu ungesund essen, Menschen, die sich stets antreiben um noch besser zu werden, Menschen, die bei Schmerzen sofort Tabletten schlucken, ohne auf das Signal ihres Körpers zu hören, haben kaum Selbstmitgefühl. Fehlendes Selbstmitgefühl kann im schlimmsten Falle zu Selbsthass führen. 
 
Für viele Menschen aber ist anderes wichtiger, als das Mitgefühl mit sich selbst.
Dazu gehören: Die Bedürftigkeit nach Anerkennung, Erfolg und Bestätigung. Die Gier immer mehr zu erleben, zu konsumieren und zu besitzen. Kontrolle, Bequemlichkeit und (scheinbare) Sicherheit. Diese Bedürfnisse gehen meist mit Sorge und Angst einher: Angst vor Verlust, Angst vor Verlassenheit, Angst nicht genug zu bekommen, Angst etwas zu verlieren, Angst nicht genug zu erleben oder zu haben, Angst bedeutungslos oder wertlos zu sein, Angst etwas loszulassen.
Wenn du magst kannst du ja einmal schauen, was dich selbst davon abhält, dein Selbstmitgefühl zu spüren. 
 
Wo beginnt Selbstmitgefühl?
Selbstmitgefühl beginnt da, wo du beginnst Verständnis für dich selbst zu empfinden und einen liebevollen Blick auf dich legst. Es beginnt da, wo du ein Herz für dich selbst hast.
Mit unserem Selbstmitgefühl schützen wir unsere Gesundheit. Wir achten uns selbst und sorgen gut für uns selbst. 
 
 

Samstag, 14. Mai 2022

Geschenke

 



Mit klaren, direkten Menschen in Beziehung zu sein tut gut.
Wir müssen nicht spekulieren, was sie wirklich denken oder fühlen. 
Ihre Gedanken und ihre Worte sind ehrlich und sie bringen ihre wahren Gefühle zum Ausdruck. Wir fühlen uns sicher und wohl, wenn wir mit ihnen zusammen sind. Wir fragen uns nicht, ob sie mit uns zusammen sind, weil sie einen Nutzen von uns haben, oder weil sie gerade keinen anderen haben, mit dem sie zusammen sein können. Wir müssen uns nicht fragen, ob sie gern mit uns zusammen sind oder weil Schuld- oder Pflichtgefühle eine Rolle spielen. Wir brauchen uns nicht zu sorgen, wenn sie verärgert sind, denn sie gehen offen mit ihrem Ärger um und sprechen ihn ehrlich aus. Wir sind nicht in Ungewissheit über den Status unserer Beziehung. Wir müssen uns nicht fragen, ob wir uns auf sie verlassen können, denn sie sind zuverlässig. Wir wissen, dass sie zu uns stehen und uns lieben. 
Wir können vertrauen.
Solche Beziehungen sind ein wunderbares Geschenk, das wir hegen und pflegen und wir tun das mit Freude.
 
Mit unklaren Menschen in Beziehung zu sein tut uns nicht gut.
Wir fühlen uns unsicher und unwohl, wenn wir mit ihnen zusammen sind. 
Wir wissen nicht, was sie denken und fühlen. Sie reden einmal so und dann wieder anders. Sie senden Doppelbotschaften, die uns verwirren. Sie schaffen Unruhe in uns und wir sind damit beschäftigt herauszufinden, ob wir vielleicht nicht okay sind.  Wir waten in einem Morast unheilsamer Gefühle und versuchen ihn wegzuräumen um auf den Grund zu stoßen, auf dem sich die Wahrheit über diese Menschen und ihre Beziehung zu uns zeigt. Wir fragen uns, ob wir uns auf sie verlassen können, und stellen fest, dass sie immer wieder unzuverlässig sind und wir ihren Zusagen und Versprechen nicht trauen können.
Wir werden immer wieder zurückgewiesen, weil wir nicht so sind, wie sie es gerne hätten oder weil wir einen Fehler gemacht haben. Wir werden auf Eis gelegt, wenn sie etwas Besseres zu tun haben, und wieder aufgetaut, wenn sie uns brauchen. Wir werden immer wieder enttäuscht und hören immer wieder Entschuldigungen, aber es ändert sich nichts. Wir werden aufgewertet und wieder abgewertet. Wir wissen nicht, ob sie uns lieben. 
Wir können nicht vertrauen.
Solche Beziehungen sind unheilsam. Sie machen keine Freude. Sie sind ein giftiges Geschenk, das wir loslassen dürfen.

Dienstag, 10. Mai 2022

Nachtrag zu meinen letzten Artikel - So einfach ist es nicht

 

                                                           Malerei: A.Wende

 
Zum Muttertag habe ich den unten stehenden Artikel geschrieben über Eltern, deren erwachsene Kinder sie verlassen haben. Ich habe diesen Artikel für alle Mütter und Väter geschrieben, die betroffen sind. Ein Artikel über die Kinder, die Eltern verlassen, wäre ein eigener. Auch ein Artikel über Eltern, die ihre Kinder verstoßen, wäre ein eigener.
Der Artikel hat manche so aufgeheizt, dass ich unschöne Mails von erwachsenen Kindern bekam, die ihn als Trigger für ihre nicht aufgearbeitete Wut genutzt haben und meinten, wie könne ich nur so etwas schreiben.
Ich kann.
 
Ich habe diesen Artikel geschrieben, weil ich in der Praxis immer wieder Fälle hatte, wo Elternteile zu mir kamen, weil sie betroffen sind. Es sind Menschen, die leiden, weil ihre erwachsenen Kinder sie verstoßen haben. Ich bewerte diese Menschen nicht und ich verurteile sie nicht. Würde ich das tun, hätte ich meinen Job verfehlt und meine Aufgabe nicht begriffen.
Ich kenne ihre Geschichten und ich kenne die Gründe, warum es zu dem Bruch kam. Die meisten dieser Menschen sehen sehr genau, wo sie Fehler gemacht haben. Und es tut ihnen von Herzen leid. Sie würden alles geben, um ihre Fehler zu korrigieren, aber man gibt ihnen keine Chance mehr.
Ja, es gibt narzisstische Mütter und Väter, es gibt Suchtkranke, die ihre Kinder vernachlässigen, quälen und emotional vergiften, es gibt Mütter und Väter, die ihre Kinder seelisch und körperlich missbrauchen. Es gibt das Böse in jedem Menschen.
 
Aber von diesen Menschen schreibe ich nicht. Keiner dieser Menschen, die ich kennen lernen durfte, ist narzisstisch, böse oder wollte seinem Kind bewusst Schlechtes. Sie haben Fehler gemacht, sie haben es nicht so gut gemacht wie das Kind es gebraucht hätte. Sie haben ihre Kinder nicht bewusst verletzt.
Manche haben ihre Kinder zu sehr verwöhnt, und kleine Narzissten aufgezogen. Manche alleinerziehende Mutter war überfordert und konnte ihrem Kind nicht all das geben, was es gebraucht hätte. Manche waren Helikopter Eltern, die so viel Angst um ihr Kind hatten, dass sie es mit ihrer Fürsorge erdrückt und fast erstickt haben. Manche waren traumatisiert und haben das unerlöste Trauma an ihre Kinder unbewusst weitergegeben.
 
Das sind nur einige Fehler, die Menschen in der Erziehung machen können. Das sind nur einige Schäden, die Mütter und Väter an Kinderseelen anrichten können. Es gibt vieles was einem Kind schadet, ohne, dass sich Eltern dessen bewusst sind. Sie wollen hinreichend gute Eltern zu sein und schaffen es nicht, genau die Eltern zu sein, die ein Kind sich wünscht und die es aufgrund seiner Anlagen braucht. Für das eine Kind reicht es, für das andere Kind ist es ungenügend, was es bekommt.
Es gibt keine perfekten Eltern, so wie es keine perfekten Menschen gibt.
Wir alle machen Fehler. Wir alle sind keine perfekten Menschen.
Ich selbst hatte keine liebenden Eltern. Sie haben mich wegegeben als ich ein Baby war. Meine Mutter sagte später einmal zu mir: Ich konnte dich nicht lieben. Als ich erwachsen war, haben sie mich verstoßen. Ich kenne auch die andere Seite, die des ungeliebten, verstoßenen Kindes. Ich habe gelernt damit zu leben und es hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Ich hasse meine Eltern nicht, ich weiß, sie konnten nicht anders. Ich bin manchmal wütend, dass sie nicht anders konnten, aber ich verurteile sie nicht gnadenlos. Ich heiße nicht gut, was sie gemacht haben, aber ich habe ihnen verziehen und meinen Frieden mit ihnen und mir selbst gemacht. Was nicht heißt, dass ich nicht immer wieder traurig bin und mich nach liebenden Eltern sehne.
Ich bin selbst Mutter, ich habe Fehler gemacht und meinen Sohn zu sehr verwöhnt und ihm wenig Grenzen gesetzt. Ich wollte es besser machen als meine Eltern, eine besser Mutter sein. Mein erwachsener Sohn hat mir gesagt, was ich in seinen Augen falsch gemacht habe. Wir haben darüber geredet. Er war offen und ehrlich zu mir. Er war manchmal wütend auf mich, und auch er hätte mich verlassen können. Es hätte mir genauso passieren können wie den Eltern, über die ich schreibe.
Was ich damit sagen will? Es ist immer leicht den Eltern die Schuld zu geben, wenn Kinder sie verlassen. 
 
„Die Mutter ist immer schuld“, den Spruch kennen wir alle.
Aber ist das wahr?
Nein, so einfach ist es nicht.
Wahr ist, jedes Verlassen hat seine eigene Geschichte und zu jedem Konflikt gehören, dann, wenn die Kinder erwachsen geworden sind, zwei Parteien.
Man löst den Konflikt oder man löst ihn nicht. Man versteht einander oder man versteht einander nicht. Man sucht einen Weg um zu verzeihen oder man verzeiht nicht. Man bleibt oder man trennt sich.
 
Eine Trennung ist oft dann der Weg, wenn das, was einem angetan wurde, so schmerzhaft, kränkend und unmenschlich war, dass es unheilsam, unerträglich und unverzeihlich ist. Dann ist sie notwendig und sinnvoll um sich selbst zu schützen und sich zu heilen. Oder es gelingt zu verzeihen und man beendet die Beziehung dennoch, weil verzeihen nicht bedeutet, es gut zu heißen und dass man weiter in der Beziehung bleiben muss.
Manche Trennungen wären vermeidbar und sie schaffen vermeidbares Leid.
Sie werden nicht selten vollzogen, weil nicht ehrlich und nicht genug geredet wurde. Sie werden vollzogen, weil Verletzungen nicht verarbeitet werden. Sie werden vollzogen, weil der eigene Anteil nicht erkannt und nicht anerkannt wird. Sie werden vollzogen, weil urteilen und verurteilen sich mehr Raum schafft, als Verstehen und Mitgefühl. Sie werde vollzogen, weil verzeihen und versöhnen nicht gelingt.
Und so werden Opfer zu Tätern. 
 
Die Gründe für Trennungen sind so vielfältig und komplex wie es Menschen gibt. 
Jede Trennungseschichte ist so individuell wie die Biografie und der Charakter der Menschen, die sie vollziehen. Keinem steht es zu von außen den Richter zu spielen.
Nicht nur Eltern formen Kinder, die Peergroup, die Schule, die Gesellschaft, die Gene und individuellen Anlagen formen Kinder. Auch da kann vieles falsch laufen, was dann als Schuld auf die Eltern projiziert wird. 
 
Eltern waren auch einmal Kinder. Auch sie hatten Eltern, die etwas falsch gemacht haben. Sie waren Opfer und wurden zu Tätern an ihren eigenen Kindern.
Und so geht es weiter über Generationen, wenn die Urwunden nicht geheilt werden.
Urteilen ist leicht, verstehen ist schwer.
Ich bin für das Verstehen. Immer. Ich habe Mitgefühl, auch mit denen, die Fehler begangen haben.

Sonntag, 8. Mai 2022

Aus der Praxis - Wenn erwachsene Kinder ihre Eltern verlassen

 


Es ist eines der schlimmsten Dinge, die erwachsene Kinder ihren Eltern antun können: ein Kontaktabbruch. Kontaktabbrüche in der Familie sind schon immer keine Seltenheit. Seit Corona haben sie sich gehäuft. So wie sich Paare, Freunde und Bekannte getrennt haben, haben sich Kinder von den Eltern getrennt. Fast 100.000 Fälle von erwachsenen Kindern, die ihre Eltern verlassen haben, gibt es zur Zeit schätzungsweise in Deutschland.
 
Wie kann das geschehen?
Man versteht sich nicht mehr. Der andere hat eine komplett andere Sicht der Dinge, man hat sich so lange gestritten, bis man endgültig zerstritten ist und die Fronten verhärtet sind, so hart, dass es zu dem harten Schnitt des Kontaktabbruches kommt.
Ein plötzlicher Kontaktabbruch ist eine impulsive, endgültige Trennung am Ende eines langen schmerzhaften Prozesses. Aber, auch wenn es so scheinen mag, ist ein Kontaktabbruch nichts, was man mal so eben geschieht. Meist ist er die Folge eines jahrelang schwelenden Konflikts oder eines lang gehegten Golls, dessen Ursachen in der Vergangenheit liegen. Bei den meisten Kontaktabbrüchen war das Miteinander bereits lange schon konfliktbeladen und fragil. Irgendwann kommt dann der Tag, wo das Fass überläuft. 
 
Wenn Kinder ihre Eltern verlassen, verlassen sie das, was sie in der Vergangenheit verletzt hat und nicht verzeihen können.
Sie fühlen sich als Opfer und werden zu Tätern.
Das tut weh. Es ist eines der schlimmsten Dinge, die eine liebende Mutter oder ein leibender Vater erleben können. Gefühle wie Schuld und Scham, Ohnmacht, Trauer, Wut und Verzweiflung sind dann die Begleiter. Die Betroffenen fragen sich ständig, was sie falsch gemacht haben. Sie finden in den meisten Fällen auch Antworten, aber sie helfen nichts – das eigene Kind hat sie als Mutter oder als Vater ausgelöscht. Mehr noch – es hat sie bestraft, dafür kein hinreichend guter Elternteil zu sein.
 
Wer sein Kind liebt und von ihm verlassen wird, hat in seinen eigenen Augen in der Liebe versagt. Wie sonst könnte er verlassen werden.
 
Das sind Gedanken, die Betroffene Tag für Tag begleiten und ihr Leben massiv beschweren. Die Trauer ist groß, Trost gibt es nicht. Sie haben das Liebste verloren, das Wesen, das sie von Geburt an umsorgt und behütet haben, das sie bedingungslos geliebt haben, hat sie verstoßen. Es zeigt ihnen, dass alles nicht genug war oder falsch. Es zeigt ihnen, dass sie unentschuldbare Fehler gemacht haben, dass sie ihr Kind verletzt haben.
„Du bist eine schlechte Mutter, ein schlechter Vater“, ist die unausgesprochene Botschaft. „Du tust mir nicht (mehr) gut, ich brauche und ich will dich nicht mehr“.
 
Indem ein Kind den Kontakt abbricht leugnet es die elterliche Existenz in seinem Leben. Das ist für die Betroffenen wie eine Ich-Vernichtung. Da reißt etwas ab, was einen großen Teil der Identität ausgemacht hat, da zerbröselt, was man für ewig und unzerstörbar gehalten hat, die Liebe des eigenen Kindes. 
 
Aber ist das wirklich so?
Lieben Kinder, die ihre Eltern verlassen, sie nicht mehr?
Es ist möglich. So unbegreiflich es auch sein mag, sogar die Libe zu den Eltern kann vergänglich sein, aber in den meisten Fällen sind die Kinder im Tiefsten verletzt und enttäuscht. Sie haben es aufgegeben, zu bekommen, was sie von den Eltern gebraucht hätten und aus welchen Gründen auch immer, nicht bekommen haben. Sie geben den Kampf auf. Ihre Erwartungen sind massivst enttäuscht. Oder sie ziehen als erwachsener Mensch endlich die Konsequenzen aus traumatischen Kindheitsverletzungen, die ihnen die Eltern zugefügt haben. 
 
Besser ein Cut, als weiter leiden. Besser Schweigen als weiter kämpfen und in den Konflikt gehen. Am Ende bleibt als Problemlösungsstrategie, um sich selbst zu entlasten dann nur das große Schweigen. Sie sind nicht mehr erreichbar. Sie antworten weder auf Nachrichten, noch auf Anrufe, noch auf Briefe. Endlich Ruhe. Endlich frei vom elterlichen Schatten.
Nachvollziehbar, aber dennoch zutiefst schmerzhaft für die Verlassenen. Alle Versuche den Kontakt wieder aufzunehemen sind ist nutzlos. Vergeblich. Sie prallen ab an einer eisigen Wand des Schweigens. Es dauert lang bis verlassene Eltern das überhaupt begreifen. Es dauert lang bis sie die Hoffnung aufgeben, dass es wieder gut werden könnte. Manche geben sie nie auf. Und manchmal kommen die Kinder auch zurück.
 
Aber was wenn sie nicht zurückkommen?
Wie gesagt, die Hoffnung, dass sie ihr Kind noch einmal wiedersehen, geben die wenigsten Eltern auf. Es dauert bis Betroffene akzeptieren können was ist und manche können es nie. Sie zerbrechen daran. Sie werden krank oder fallen in eine tiefe Depression. Sie sehen keinen Sinn mehr im Leben. Das Leben, das sie geschenkt haben, hat sich gegen sie gewandt. Das ist eine tiefe Erschütterung, die einen Menschen komplett aus der Bahn werfen kann. Das Liebste ist verloren und man selbst ist schuld. Eine Schuld, die sich nicht sühnen lässt, nicht entschuldbar ist, solange das Kind nicht fähig oder nicht bereit ist zu verstehen und zu verzeihen.
Wenn Kinder im Erwachsenenalter den Kontakt zu ihren Eltern für immer abbrechen, hat das die Wucht einer Tragödie. Es ist eine Tragödie um Schuld und Sühne, die nicht nur die Seelen der Eltern zerstören kann, sondern auch die der Kinder, die verlassen haben, werden Ursachen und Gründe des Verlassens nicht be-und verarbeitet.
 
Was kann man als verlassener Elternteil tun?
Es ist hilfreich sich in eine Therapie zu begeben um zu lernen das eigene Leben trotzdem weiter zu leben und es zu gestalten. Eine Therapie kann helfen um mit dem Schmerz, den Schuld- und Schamgefühlen und der Ohnmacht umgehen zu lernen und die Trennung zu akzeptieren und zu verarbeiten, so gut es geht. Manche Eltern suchen sich eine Selbsthilfegruppe um ihren Schmerz zu teilen. Heilen wird er nicht.  
 
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Freitag, 6. Mai 2022

Recht haben

 



Recht haben fühlt sich gut an.
Bestätigung zu bekommen für das, was man denkt und fühlt, fühlt sich gut an.
Was, wenn uns jemand nicht zustimmt?
Wenn er heftig gegenargumentiert, wenn er Recht haben will?
Was dann?
Macht uns das aggressiv, wütend? Werden wir ausfällig und greifen den anderen verbal an? Gehen wir weg oder trennen wir uns sogar von ihm?
Wenn wir genau hinsehen, erkennen wir wie Kriege entstehen, zwischen uns Menschen und in der Welt.
Und dabei wollen doch alle Frieden.
Anstatt die Meinugn anderer als richtig oder falsch zu beurteilen können wir einen anderen Weg wählen.
Wir können uns eingestehen, dass unsere Version unsere Version von Recht ist.
Wir können achten, dass der andere seine Version hat, die nicht mit der unseren übereinstimmen muss.
Wir können unseren Geist und unser Herz öffnen, um zu erkennen, dass unser Recht haben wollen mit unserem Bedürfnis nach Halt und Sicherheit zu tun hat. Und dass es beim anderen ebenso ist.
Wir können uns bewusst machen, dass es keine allgemeingültige, absolute Wahrheit und keine absolute Sicherheit gibt, in nichts.
Wir können anerkennen, dass ein jeder die Welt durch seine Brille sieht und jeder anders wahrnimmt.
Wir können aufhören zu urteilen über richtig und falsch.
Wir können uns eingestehen, dass wir in nichts sicher sein können, wenn wir radikal ehrlich zu uns selbst sind.
Dann ist der andere, ob er in unseren Augen im Recht ist oder nicht, ein Mitmensch und kein Feind, den es zu bekämpfen gilt.
 
 
 
 

Dienstag, 3. Mai 2022

"Schon die Sehnsucht nach Liebe ist Liebe."

 

                                                                 Zeichnung: A. Wende
 
 
Es gibt Menschen, die behaupten, dass du dich erst selbst lieben musst, bevor du jemand anderen lieben kannst oder bevor dich jemand anderes lieben kann. Wer sich also selbst nicht liebt hat schlechte Aussichten auf ein liebevolles Leben.
Jeden Tag posten Leute das große Wort Selbstliebe in den sozialen Medien. Und wie wichtig sie doch sei um ein gutes Leben zu leben, um Frieden in sich selbst zu finden und um zu lieben und geliebt zu werden. Das klingt wie eine Forderung: Liebe dich selbst, sonst bis du nicht liebenswert und bekommst vom Leben nichts Gutes zurück und Frieden wirst du auch nicht finden. Welch eine unheilsame Prophezeihung für sensible Gemüter.
Was für ein Bullshit!
 
In all den Jahren meiner Arbeit mit Menschen ist mir noch kein Einziger unter Hunderten begegnet, der von sich sagen konnte, dass er sich so richtig selbst liebt.  
Nun könnte man sagen, dass sie ja genau darum zu mir kommen um das zu lernen. Ich behaupte, die wenigsten Menschen auf dieser Erde lieben sich selbst. Natürlich ist eine hinreichend gute Beziehung zu uns selbst wichtig. Und je besser diese Beziehung ist, desto zufriedener sind wir. Aber das heißt noch lange nicht, dass ein Mensch sich selbst über alles lieben muss, um Liebe zu geben oder zu empfangen oder um ein friedliches Leben mit sich selbst und anderen zu führen.
Behauptungen wie: „Nur wer sich selbst liebt, kann auch andere lieben“ oder „Wer sich selbst nicht liebt, kann nicht geliebt werden“, halte ich für mehr als kritisch. Selbstliebe als Bedingung für ein liebevolles, friedliches Leben, führt allein dazu, dass wir unser Seelenheil an eine Bedingung knüpfen, die auf einem Konzept basiert, das sich bis heute jeder Beweisführung entzieht und an der Realität zerplatzt. 
 
Die meisten Menschen haben Schwieriggkeiten sich selbst zu lieben, denn die meisten von uns haben nicht gelernt wie das geht. Viele von uns haben lieblose oder traumatsiche Erlebnisse in der Kindheit erfahren und die meisten von uns haben unheilsame Überzeugungen und Glaubensmuster über sich selbst, die zwischen ihnen und der Gabe steht sich selbst bedingungslos selbst zu lieben. Die meisten von uns sehnen sich nach Liebe um die Wunde des ungeliebten Kindes in sich selbst zu heilen.
Die meisten von uns haben nicht die Liebe bekommen, die sie als Kind gebraucht hätten, aber sie lieben ihre Eltern, ihre Familie, ihre Kinder, ihren Partner so wie sie lieben können.
Definiere mir doch mal Selbstliebe – was genau ist das?
Wenn ich gut für mich selbst sorge, dann liebe ich mich, könnte eine Antwort lauten. Ja, aber das ist nur die halbe Wahrheit, denn ich kann auch gut für mich selbst sorgen, weil mein Verstand weiß, dass Selbstfürsorge heilsam für mich ist, für meinen Geist, meinen Körper und meine Seele. Dazu muss ich mich nicht aus ganzem Herzen selbst lieben. Ich behandle mich gut, mit liebevoller Güte mir selbst gegenüber. Das ist möglich, auch wenn ich tief in meinem Inneren nicht bedingungslose Liebe zu mir selbst spüre. 
 
Der hohe Anspruch, sich selbst lieben zu müssen, führt zu immensem Druck und Druck hat mit Liebe absolut nichts zu tun.
Das Streben nach Selbstliebe kann Menschen komplett überfordern und nach hinten losgehen. Weil sie sich nicht lieben können, fühlen sie sich schlecht, klein, schuldig, wertlos, nicht gut genug, schämen sie sich sogar. Das schüttet nur mehr Salz in die Wunden einer lieblosen Kindheit. Boah, der oder die kriegt das mit der Selbstliebe hin, nur ich nicht. Und zack fühlt man ich noch mieser und unfähiger als man sich eh schon fühlt.
Manche versuchen es dann mit Selbstliebe-Affirmationen. Sie stellen sich vor den Spiegel und reden sich ein, wie lieb sie sich haben und wie liebenswert sie sind. Aber Selbstliebe lässt sich nicht einreden. Sie lässt sich nicht mal von dem einreden, der uns lieb hat, obwohl wir uns selbst nicht lieb genug haben und auch kein Therapeut kann sie seinem Klienten einreden. Übrigens haben Studien gezeigt, dass Selbstliebe-Affirmationen nur bei jenen funktionieren, die ein gesundes Selbstvertrauen und ein starkes Selbstwertgefühl haben. Also bei Menschen, die sie eigentlich gar nicht brauchen. Andererseits ist es laut dieser Studien sogar so, dass Affirmationen bei Menschen mit schwachem Selbstwertgefühl negative Effekte haben. Wenn du magst, mach mal den Test, stell dich vor den Spiegel und sage zu dir, dass du dich selbst liebst. Beobachte achtsam was passiert. Ziemlich schnell wird sich bei den meisten von uns eine innere Stimme melden die sagt: Nein, das ist doch nicht wahr, du belügst dich gerade selbst. 
 
Sich selbst lieben ist ein tief im Menschen verwurzeltes Gefühl, das sehr viel mit Urvertrauen zu tun hat und mit der eigenen Biografie. 
Unsere Selbstliebe basiert unter anderem wie gesagt auf unseren Glaubenssätzen und unseren frühkindlichen Erfahrungen. Eben deshalb ist sie nichts, was man affimieren oder von heute auf morgen lernen kann. Die Liebe zu uns selbst ist ein Gefühl, das man erfahren kann, wenn die Seele so weit ist. Da hilft kein Zerren und kein Druck machen. Zur Selbstliebe finden, ist sie nicht in uns angelegt, ist eine innerseelische Entwicklung, die mitunter ein Leben lang fortschreitet und vielleicht auch nie zum hohen Ziel bedingungsloser Selbstliebe führt.
Der Weg ist das Ziel. 
 
Wie sagte Antoine de Saint-Exupéry einmal: "Schon die Sehnsucht nach Liebe ist Liebe.“
Und dafür liebe ich ihn. Das sind Worte der liebevollen Güte, das ist eine tiefe menschliche Wahrheit, die mein Herz berührt. Das Herz, der Ort wo die Liebe wohnt – und zwar in allen Menschen, auch in denen, die sich mit der Selbstliebe schwer tun. Das Herz ist berührbar, weil es im Tiefsten lieben kann, auch wenn der Verstand es nicht erkennt. Wie sonst könnte es in Resonanz mit der Liebe gehen, wäre sie nicht schon da? 
 
Hören wir auf uns Druck zumachen und beginnen dort wo der Weg anfängt, nämlich bei der Selbstakzeptanz. Anstatt uns Druck zu machen, wir müssten uns selbst lieben, ist es heilsamer uns selbst zu akzeptierten, mit all unseren Schwächen, Traumata und Schattenseiten, die uns als ganzer Mensch ausmachen. Das ist Selbstmitgefühl. Mit diesem Mitfühlen mit uns selbst beginnen wir uns mit uns selbst anzufreunden. Das genügt. Selbstfreundschaft ist der Beginn einer liebevollen Beziehung zu uns selbst.