Sonntag, 30. August 2026

Kann eine Seele zerbrechen?

 

Foto: A.W.


Meine Klientin ist am Boden zerstört. „Mein ganzes Leben, alles was mir Sinn und Halt gab ist verloren, meine Identität ist zerbrochen. Meine Seele ist zerbrochen“, sagt sie.
Dieses Gefühl kann einen Menschen zutiefst erschüttern und verzweifeln lassen. 
 
Aber ist es wahr? Kann eine Seele wirklich zerbrechen?
Wenn wir von einer zerbrochenen Seele sprechen, meinen wir oft einen Menschen, der durch Leid, Trauma, Verlust oder Verzweiflung innerlich so tief verletzt wurde, dass er sich selbst nicht mehr als ganz erlebt. Doch eine zerbrochene Seele ist keine wissenschaftliche Tatsache und keine medizinische Diagnose. Es ist ein Bild für einen Zustand tiefsten inneren Leidens.
Viele von uns glauben an die Vorstellung, dass unter jeder zerbrochenen Seele noch ein heiler und unversehrter Kern verborgen liegt. Das ist tröstlich, aber kein allgemeingültiges Gesetz. Es ist möglich, dass ein Mensch trotz schwerster Verletzungen etwas in sich bewahrt, das sich lebendig, ganz oder unverletzt anfühlt. Es kann aber auch sein, dass sich ein Mensch durch das Erlebte so sehr verändert und so verzweifelt ist, dass es nicht sinnvoll und nicht hilfreich ist, von einem unverletzten inneren Kern zu sprechen. Dieser Mensch würde es in seiner Verzweiflung nicht glauben. Und wir würden ihn in seiner Verzweiflung nicht ernst nehmen. Heilung muss nicht bedeuten, etwas Unversehrtes wiederzufinden, das unter den Verletzungen verborgen ist. Sie kann auch bedeuten, aus dem, was geschehen ist, ein neues Verhältnis zu sich selbst und zum eigenen Leben zu entwickeln.
 
Aber was ist Verzweiflung?
Verzweiflung ist etwas viel Tieferes als Traurigkeit, Schmerz oder Hoffnungslosigkeit. Verzweiflung ist ein Zustand, in dem der Mensch nicht mehr mit sich selbst sein kann. Das Selbst kann nicht mehr zu sich selbst finden.
In seinem Werk „Die Krankheit zum Tode“ beschreibt Søren Kierkegaard genau diesen Zustand. Verzweiflung betrifft für ihn das Verhältnis des Menschen zu seinem eigenen Selbst. Ein Mensch kann in eine Lage geraten, in der er nicht mehr derjenige sein möchte, der er ist. Er möchte seinem eigenen Selbst entkommen. Oder er versucht verzweifelt aus eigener Kraft er selbst zu sein und sich selbst zu tragen. Beide Formen zeigen ein gestörtes Verhältnis zu sich selbst.
Kierkegaard sagt deshalb nicht einfach: „Die Seele ist zerbrochen.“ Sein Denken geht tiefer. Der Mensch kann in eine derart tiefe Verzweiflung geraten, in der nicht nur sein Leben, sondern sein eigenes Selbst unerträglich geworden ist. Es ist dann nicht mehr bloß das Gefühl: Ich kann das, was mir geschieht, nicht ertragen, sondern: Ich kann den Menschen, der ich geworden bin, nicht mehr ertragen.
In Kierkegaards christlichem Denken ist das Selbst in Gott begründet. Der Mensch kann versuchen, seinem eigenen Selbst zu entkommen, aber er kann sich als Selbst nicht einfach loswerden. Für ihn ist das Selbst kein Gegenstand, den man besitzt wie einen Gegenstand, den man wegwerfen kann. Wir können vor vielem davonlaufen, aber nicht davor, dass wir wir sind. Wir können usneren Wohnort wechseln, unsere Arbeit aufgeben, Beziehungen beenden, Erinnerungen verdrängen oder versuchen uns völlig neu zu erfinden. Aber bei all dem bleibt eine Person, die diese Dinge tut - wir selbst.
 
Wir können sagen: Ich möchte nicht mehr dieser Mensch sein. 
Aber wer sagt das? Wir selbst sagen das. 
 
Schon der Versuch, vor uns selbst zu fliehen, setzt ein Selbst voraus, das fliehen will. Unser eigenes Selbst steht nicht außerhalb von uns. Wir können uns nicht von uns selbst entfernen, um irgendwo außerhalb unserer selbst zu sein. Verzweiflung bedeutet daher nicht, dass im Menschen nichts mehr vorhanden ist, sondern dass sein Verhältnis zu sich selbst zutiefst verzweifelt geworden ist.
Das lässt auch Menschen, die sich das Leben nehmen, in einem anderen Licht erscheinen. Sie haben eine Verzweiflung erlebt, die für sie unerträglich geworden ist. Aber wir können nicht mit Sicherheit sagen, dass ihre Seele zerbrochen ist. Wir kennen ihr Innerstes nicht. Und ihr Tod beweist auch nicht, dass in ihnen nichts Lebendiges mehr vorhanden war.
Vielleicht ist deshalb die entscheidende Frage nicht, ob eine Seele im wörtlichen Sinne zerbrechen kann. Die wichtigere Frage ist, was mit einem Menschen geschieht, wenn sein Verhältnis zu sich selbst so tief erschüttert wird, dass er sich selbst nicht mehr ertragen kann. 
 
Eine Seele muss nicht wie ein Gegenstand zerbrechen, damit ein Mensch sich vollkommen zerbrochen fühlen kann. Und es muss auch nicht unter jeder tiefen seelischen Verletzung ein unverletzter Kern in uns verborgen liegen. Ein Mensch kann tief verwundet und grundlegend verändert werden und dennoch bleibt er mehr als seine Verletzung und mehr als seine Verzweiflung. Ein Mensch kann innerlich so schwer verletzt sein, dass sich seine Seele für ihn selbst zerbrochen anfühlt. Aber ob sie dadurch wirklich als Ganzes zerstört wird, ist keine Frage, die sich einfach mit Ja oder Nein beantworten lässt.
Unter jeder noch so verletzten Seele liegt irgendwo ein unversehrter Kern. Klingt tröstlich, aber wir können nicht wissen, ob das für jeden Menschen gilt.
Wir wissen es einfach nicht. 
 
 
Angelika Wende
www.wende-praxis.de

Samstag, 29. August 2026

Unrettbar

 

 

Malerei. A.Wende

                                   

Tag frür Tag nehme ich wahr, wie verschieden Menschen die Dinge sehen, fühlen, wahrnehmen und interpretieren. Ganz gleich, welche anderen Sichtweisen man ihnen näherzubringen versucht. Eine ganze Welt voller Interpretationen. Und jede davon ist eine eigene Welt. Unendlich viele innere Welten, die mit der äußeren manchmal wenig, manchmal gar nichts zu tun haben. Und so ist jeder Mensch auf seine Weise in seiner inneren Welt gefangen. Immer wieder stelle ich fest, wie schwer es ist, den Denkrahmen zu verändern. Den meiner Klienten. Und manchmal auch meinen eigenen. Da ist so vieles, was an und in uns klebt wie zäher Leim. Und es gibt kein Lösungsmittel, das sicher funktioniert, um ihn zu lösen. Keine Methode, die allen Menschen gleichermaßen hilft. Es gibt unendlich viele Methoden. Und ebenso unendlich viele Menschen, bei denen keine davon wirklich hilft. Manchen Menschen ist nicht zu helfen. Auch das ist eine traurige Wahrheit. Manchen gelingt es nicht, aus ihrem inneren Gefängnis auszubrechen. Und auch das hat einen Grund. Es ist kein Versagen. Es ist, wie es ist.

 

Dann bleiben nur zwei Möglichkeiten: Man verzweifelt. Oder man akzeptiert die eigene innere Gefangenschaft und hört auf, sich dafür zu verurteilen. Denn oft haben wir uns längst selbst verurteilt. Uns selbst lebenslänglich gegeben, ohne überhaupt noch zu wissen, warum. Und auch das ist okay.

 

Man kann nicht alles und jeden retten. 

Und manchmal kann man auch sich selbst nicht retten. Man kann sich so annehmen, wie man ist. Unrettbar. Ja, auch unrettbar.

Ich will hier keine Illusionen zerstören. Ich spreche aus meiner Erfahrung mit vielen Menschen. Ich kenne die Unrettbarkeit. Ich habe einen Menschen geliebt, der unrettbar war. Ich habe Menschen unterstützt, die unrettbar waren. Sie haben gekämpft und den Kampf nicht gewinnen können. Es ist wie es ist. 

 

„Heilt Zeit Wunden?“, fragte mich jemand. Nein. Zeit heilt nicht alle Wunden.

Sie macht manche vielleicht weniger schmerzhaft. Weniger störend. Man lernt, mit ihnen zu leben. Aber jede Wunde hinterlässt eine Narbe. Und wenn sie grob berührt wird, kann sie wieder schmerzen. Manche brechen sogar wieder auf. Dann verbinden wir sie wieder. Versorgen sie, so gut wir können. Und manchmal können wir es nicht. Manchmal reicht die Kraft nicht. Manchmal reicht Hilfe nicht. Manchmal verbluten Menschen daran. Und auch damit müssen wir leben lernen.

 

Nicht alles ist heilbar. Nicht jeder ist rettbar. Und das ist kein Versagen.

Manchmal ist es einfach das Ende dessen, was ein Mensch tragen konnte.

 

Wähle achtsam



 

 

Jede Beziehung, in der wir uns befinden, trägt entweder zu unserer Heilung bei oder sie verstärkt die Dysregulation des Nervensystems.

Beziehungen die von Verlässlichkeit, Berechenbarkeit und Sicherheit geprägt sind, wirken heilsam auf ein Nervensystem das ständig im Überlebensmodus ist.

Beziehungen, die durch Unberechenbarkeit, Kritik oder emotionale Verletzungen geprägt sind, halten die Stressreaktion des Nervensystems chronisch aktiv.

 Wenn du heilen willst, wähle achtsam, wen du wählst.


Dienstag, 25. August 2026

Hast du dich wirklich verändert?

 


Auf unserer Heilungsreise nach einer toxischen Beziehung kommen wir irgendwann an einen Punkt an dem wir denken, so jetzt ist es gut. Ich habe viel gelernt und ich bin gewachsen. Ich habe meine alten Erfahrungen integriert und meine Wunden verbunden. Ich reagiere nicht mehr automatisch und ich beobachte mich hinreichend gut. Wenn ich spüre, das mich etwas triggert, reagiere ich anders als früher. Ich erkenne sofort, wenn jemand toxisch ist und gehe in Distanz. Wir glauben vielleicht insgeheim: Jetzt kommt die Belohnung für die Arbeit an uns selbst.

Aber oft kommt es anders, als wir glauben oder hoffen.

 

Das erste was wahrscheinlich passieren wird, ist dass das Leben uns dieselbe Lektion noch einmal präsentiert. Vielleicht kommt der Mensch, der uns verletzt hat, reumütig zurück. Vielleicht kommt er in Gestalt eines anderen Menschen, mit demselben Verhalten und denselben Mustern. Vielleicht hat er diesmal keine Alkoholsucht, sondern eine andere Sucht. Vielleicht ist es diesmal wieder ein geschickter Blender. 

Wir treffen wieder einen Menschen, zu dem wir uns auf magische Weise hingezogen fühlen, wir lassen uns auf ihn ein  und merken erst zu spät: Irrtum, auch er verletzt uns. Und wir werden genau mit denselben Erfahrungen und Gefühlen konfrontiert, von denen wir dachten, dass wir sie überwunden haben. Das kann uns so vorkommen als hätte alles nichts geholfen, als seien wir schlechte Schüler, als sei alles umsonst gewesen.

Es war nicht umsonst. 

 

Das, was uns begegnet, stellt uns Fragen: Hast du die Lektion wirklich gelernt. Hast du dich wirklich verändert oder kehrst du zu deinen alten Mustern zurück?

 

Wenn du dich dieses Mal dafür entscheidest, deine Grenze zu achten und zu schützen,  dich selbst nicht mehr verleugnest und nicht mehr in alte Muster zurückfällst, nicht mehr aus magischer Anziehung auf Menschen  hereinfällst, die unheilsam für dich sind, nicht mehr Altes wiederholst, sondern rechtzeitig Stopp sagst und danach handelst, dann hast du die Arbeit wirklich gemacht. Dann hast du dich wirklich verändert.

 

Heilung bedeutet nicht, dass du etwas Altes nicht mehr fühlst oder ihm begegnest, nicht dass dich etwas Vertrautes nicht mehr anzieht, sondern, dass du nicht mehr zulässt, dass es sich in deinem Leben wiederholt.

Montag, 24. August 2026

Heilung braucht Bewusstsein

 


 
Heilung braucht Bewusstsein. Heilung ist nicht nur eine einzige Sache. Es geht darum, sich um den ganzen Menschen zu kümmern, Körper, Geist und Seele. Es reicht nicht, sich einfach gesund zu ernähren. Es reicht nicht, sich zu bewegen. Es reicht nicht, eine Therapie zu machen, Medikamente einzunehmen oder sich hin und wieder eine Auszeit zu gönnen. All das kann wichtig und wertvoll sein, aber Heilung bedeutet mehr. Es geht darum, den ganzen Menschen zu betrachten: Körper, Geist und Seele.
Denn wie sollen wir wirklich gesund werden, wenn wir nur einen Teil von uns verändern, während wir gleichzeitig an den Dingen festhalten, die uns immer wieder schaden?
 
Viele Menschen sind krank, erschöpft oder fühlen sich innerlich nicht mehr wohl und machen trotzdem weiter wie bisher. Sie wissen vielleicht sogar, dass bestimmte Gewohnheiten ihnen nicht guttun. Sie schlafen zu wenig, essen ungesund, bewegen sich kaum, übergehen ihre Grenzen, betäuben Gefühle mit Tabletten oder Alkohol, leben ständig unter Stress oder halten an Beziehungen und Situationen fest, die ihnen nicht guttun. Und oft wird das verdrängt.
Sie reden sich ein, dass es schon nicht so schlimm sei. Dass sie später etwas ändern können. Dass sie gerade keine Zeit haben. Dass die Umstände schuld sind. Dass der Körper einfach nicht mitmacht. Dabei wäre der erste Schritt zur Veränderung, ehrlich hinzuschauen und sich zu fragen: Was tue ich mir selbst eigentlich jeden Tag an?
Nicht um Schuldgefühle zu erzeugen. Im Gegenteil. Bewusstsein bedeutet nicht, sich für seine Krankheit zu verurteilen. Es bedeutet, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, mit Mitgefühl und Achtsamkeit, statt mit Selbstanklage oder Selbstverurteilung.
 
Heilung braucht Bewusstsein.
Bewusstsein dafür, wie wir mit unserem Körper umgehen.
Bewusstsein für unsere Gedanken und inneren Überzeugungen.
Bewusstsein für unsere Gefühle und das, was wir schon lange verdrängen. Bewusstsein für unsere Grenzen, unsere Bedürfnisse und unsere Entscheidungen. Und auch Bewusstsein dafür, welche Gewohnheiten uns stärken und welche uns immer wieder von uns selbst entfernen und uns schwächen.
 
Wie soll Heilung stattfinden, während wir gleichzeitig jeden Tag etwas tun, das unsere Heilung verhindert?
Wir wünschen uns Ruhe und leben ständig im Stress.
Wir wünschen uns Energie und rauben unserem Körper den Schlaf. Wir wünschen uns Gesundheit und ignorieren die Signale unseres Körpers. Wir wünschen uns inneren Frieden und halten an Konflikten, Ängsten oder alten Mustern fest. Wir wünschen uns Veränderung, wollen aber unsere Gewohnheiten nicht verändern. Das ist menschlich. Veränderung ist nicht einfach. Viele Verhaltensweisen haben einen Grund. Sie können uns irgendwann geholfen haben, mit Schmerz, Angst, Überforderung oder schwierigen Erfahrungen umzugehen. Aber was uns einmal geholfenhat, kann uns jetzt schaden. Deshalb bedeutet Heilung auch, ehrlich zu werden. Nicht nur darüber, was mit uns passiert, sondern auch darüber, wie wir mit uns selbst dabei umgehen.
Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch seine Krankheit selbst verursacht hat. Krankheit ist komplex und hat viele Ursachen, die wir nicht kontrollieren können. Aber wir können lernen, bewusster wahrzunehmen, was in unserer eigenen Verantwortung liegt. 
 
Heilung beginnt mit dem ehrlichen Moment, in dem wir aufhören, uns selbst zu belügen und uns auszuweichen.
Wenn wir anfangen hinzusehen, statt zu verdrängen.
Wenn wir anfangen zuzuhören, statt die Signale unseres Körpers zu übergehen und zu betäuben.
Wenn wir anfangen zu fühlen, statt zu verdrängen.
Wenn wir anfangen, uns selbst nicht länger als Gegner zu behandeln.
Heilung ist ein Weg zurück zu uns selbst.
 
Und dieser Weg kann Ernährung beinhalten. Bewegung. Therapie. Medizin. Schlaf. Ruhe. Natur. Beziehungen. Grenzen. Emotionale Arbeit. Veränderung von Gewohnheiten. Vor allem aber: die Bereitschaft, bewusst udn radikal ehrlich hinzusehen. Gesundheit bedeutet nicht nur, dass keine Symptome mehr da sind. Es bedeutet auch, zu lernen, wie wir mit uns selbst leben wollen.
 
 
Angelika Wende

Sonntag, 23. August 2026

Weil ich endlich geliebt sein will: Aus der Innenwelt einer Co-Abhängigkeit

 



Manche meiner Leser hier, haben mein Buch vielleicht schon gelesen. Dafür möchte ich heute einfach einmal von Herzen Danke sagen, für euer Vertrauen, eure Rückmeldungen und dafür, dass ihr euch auf dieses sensible und tiefgehende Thema eingelassen habt. Jede einzelne Rückmeldung bedeutet mir sehr viel. 
 
„Weil ich endlich geliebt sein will.“
Dieser Satz ist der Titel meines Buches und er beschreibt für mich sehr viel von dem, was hinter Co-Abhängigkeit steht. Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich dieses Thema nicht nur aus psychologischer Perspektive kenne, sondern aus meiner eigenen Erfahrung.
Co-Abhängigkeit entsteht häufig dort, wo wir uns immer stärker mit den Gefühlen, Bedürfnissen und Problemen eines anderen Menschen verstricken. Wir spüren, was der andere braucht, übernehmen Verantwortung für seine Gefühle, versuchen Konflikte zu vermeiden, helfen, versuchen zu retten und halten aus. Und während wir immer mehr für den anderen tun verlieren wir uns selbst. Aus Fürsorge wird Selbstaufgabe. Aus Verbundenheit wird emotionale Verstrickung. Und irgendwann fällt es schwer zu unterscheiden: Was fühle eigentlich ich? Was brauche ich? Wo enden die Bedürfnisse des anderen und wo beginnen meine eigenen? Ich kenne diese Dynamik aus meinem eigenen Leben. Deshalb war es mir wichtig, in meinem Buch nicht psychologisches Wissen zu vermitteln, sondern meine persönlichen Erfahrungen und Erkenntnisse.
 
Co-Abhängigkeit ist kein persönliches Versagen.
Co-Abhängigkeit kann grundsätzlich jeden treffen, weil sie weniger eine bestimmte Persönlichkeit beschreibt als ein Beziehungsmuster, das sich unter bestimmten Bedingungen entwickeln kann. Häufig entsteht sie dort, wo wir uns immer stärker mit den Gefühlen, Bedürfnissen, Problemen oder der Sucht eines anderen Menschen verstricken. Oft sind es zudem erlernte Beziehungsmuster, die einmal geholfen haben, Nähe, Sicherheit oder Anerkennung zu bekommen. Der Weg aus der Co-abhängigkeit beginnt deshalb nicht mit Selbstvorwürfen, sondern mit Verständnis, Selbstmitgefühl, Bewusstheit und dem Mut, uns selbst wieder wichtig zu nehmen.
 
Dieses Buch liegt mir sehr am Herzen.
Es ist ein Buch über Verstrickung, Selbstverlust, Selbstwert und den Weg zurück zu sich selbst. Wenn du dich in diesen Worten wiedererkennst, schau dir mein Buch gerne an. Vielleicht findest du darin Gedanken, die etwas in dir bewegen. Und wenn du jemanden kennst, der sich ständig um andere kümmert und sich dabei selbst immer mehr verliert, teile diesen Beitrag gerne. Vielleicht ist dieses Buch der Impuls, den jemand gerade braucht.
 
Du musst dich nicht selbst verlieren, nur weil du geliebt sein willst.

Samstag, 22. August 2026

Innerer Frieden

 



Was bedeutet innerer Frieden für mich? 
Diese Frage stelle ich mir an diesem Morgen, nach einem Vorfall, der mich zutiefst schockiert und befremdet hat. Für mich bedeutet innerer Frieden, mit mir selbst im Einklang zu sein. Das bedeutet nicht, dass ich keine Sorgen, Ängste oder Probleme habe. Vielmehr bedeutet es, trotz all dem einen ruhigen Ort in mir zu bewahren und ihn zu schützen. Einen Ort, an dem ich ich selbst sein kann, ohne Erwartungen zu erfüllen oder mir selbst und anderen etwas beweisen zu müssen und ohne alles oder jeden verstehen zu müssen. 
 
Oft verlieren wir unseren inneren Frieden, weil wir zu sehr nach außen schauen. 
Wir denken darüber nach, wie es anderen geht, was andere über uns denken, machen uns Sorgen über Dinge, auf die wir keinen Einfluss haben, oder versuchen zu kontrollieren, was wir nicht kontrollieren können. Dabei vergessen wir, auf uns selbst zu hören. Wir vergessen, uns selbst wahrzunehmen. Oder wir nehmen etwas wahr und verdrängen oder beschönigen es, weil wir glauben, dass wir es nicht einfach loslassen können.  Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, meinen inneren Frieden zu schützen. Ich habe gelernt, schneller loszulassen, was mir nicht guttut oder mich zu viel Energie kostet. Nicht jeder Streit muss gewonnen, nicht jede Meinung beantwortet und nicht jedes Problem gelöst werden. Nicht jeder muss mich mögen, und ich muss mich nicht verbiegen, um gemocht zu werden. Ich muss mich nicht erklären oder rechtfertigen, wenn ich etwas sage oder fühle, nur weil andere damit nicht umgehen können.
 
Manchmal bedeutet Frieden auch, bewusst zu sagen: Das lasse ich nicht mehr an mich heran. Ich lasse es sein. Diese Situation, diesen Menschen, diesen Gedanken, ich lasse los. Denn was mir nicht guttut und sich nicht gut anfühlt, kostet mich nicht nur Kraft, sondern auch meinen inneren Frieden. Und je älter ich werde, desto bewusster wird mir, wie kostbar er ist. Kostbarer als vieles, was ich im Außen finden kann. Innerer Frieden ist für mich keine Flucht vor der Welt. Es ist die Fähigkeit, inmitten all des Lärms bei mir selbst zu bleiben. Ich kann nicht bestimmen, was in meinem Leben passiert, ich kann andere nicht ändern, aber ich kann entscheiden, welchen Einfluss die Dinge auf mich haben. Und darin liegt für mich innere Freiheit. Ich darf meiner Wahrnehmung vertrauen. Sie erinnert mich daran, auf mich selbst zu hören und mich nicht zu verlieren, egal, was um mich herum geschieht. Ich bleibe bei mir, um meines inneren Friedens willen.
 

„Jene, die den Weg der Achtsamkeit gehen,
Haften nicht an Orten, Menschen, Dingen,
Wie Schwäne erheben sie sich vom See,
Lassen Orte, Menschen, Dinge los.“


Buddha