Montag, 16. März 2026

Gedankensplitter

 

                                                               Malerei: A.Wende

 

Alt werden ist eine Herausforderung, eine Anpassungsleistung, ein Lebensübergang, der mit unendlich vielen Emotinen verbunden ist. Alter bedeutet Verlust von sehr vielem, innen wie außen. Und Verluste schmerzen. Sie tragen immer Abschied und Trauer in sich. 

Auch die eigene Endlichkeit wird uns bewusst. 

Alt werden ist eine Kunst, die wir nicht gelernt haben und jetzt lernen dürfen. 

Alt werden ist nicht einfach, wenn man es sich nicht schönredet, sondern in all seinen hellen und dunklen Aspekten betrachtet.

Sonntag, 15. März 2026

Aged by Culture oder warum ältere Frauen unsichtbar werden

 



Was ist eigentlich damit gemeint, dass wir Frauen „unsichtbar“ werden, wenn wir alt werden? Das klingt übertrieben, fast metaphorisch. Niemand verschwindet schließlich wirklich aus dem Raum – es sei denn, er zieht sich in die soziale Isolation zurück oder stirbt. Mit „unsichtbar“ ist eine Erfahrung gemeint, die viele Frauen teilen – die Erfahrung, mit zunehmendem Alter weniger gesehen, seltener beachtet und seltener angesprochen zu werden. „Unsichtbar“ werden, meint nicht ein tatsächliches Verschwinden, sondern eine Abnahme von Sichtbarkeit. Ältere und alte Frauen tauchen seltener in den Medien auf und erhalten insgesamt weniger Aufmerksamkeit. Ein Phänomen, das durch ein Zusammenspiel kultureller Normen, psychologischer Wahrnehmungsmuster und sozialer Strukturen entsteht. 
 
Unsichtbar werden geschieht nicht abrupt, sondern schleichend.
Eine Studie am Women's Studies Research Center der Brandeis University von Margaret Morganroth Gullette, der Autorin des Buches „Aged by Cultue“, ergab, dass viele Frauen einen bestimmten Moment erleben, an dem sie Veränderungen in ihrer Sichtbarkeit bemerken. Zwischen 45 und 60 Jahren bemerken sie oft zum ersten Mal bewusst, dass sie weniger Aufmerksamkeit erhalten. Auf der Straße werden sie seltener angesehen, im Gespräch öfter überhört, im Beruf weniger ernst genommen. Besonders auf Dating-Plattformen werden sie häufig kaum mehr wahrgenommen. Insgesamt verschwindet ein Teil der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit.
 
Warum ist das so?, habe ich mich gefragt.
Ein wesentlicher Grund liegt in den Schönheitsidealen unserer Gesellschaft. Weiblichkeit und Schönheit werden kulturell stark mit Jugend verknüpft. Werbung, Filme und soziale Medien zeigen vor allem junge, schöne Gesichter. Wenn Frauen älter werden, entsprechen sie nicht mehr diesem Ideal von Attraktivität und geraten aus dem Fokus der öffentlichen Wahrnehmung. Susan Sontag beschreibt in ihrem Essay „The Double Standard of Aging“ genau dieses Phänomen: Während Männer mit zunehmendem Alter oft als erfahren oder charismatisch gelten, werden Frauen weiterhin nach Jugendlichkeit und Attraktivität bewertet. Wenn diese schwindet, verschwindet auch ein Teil ihrer gesellschaftlichen Sichtbarkeit – sie werden „unsichtbar“.
Hinzu kommen Altersstereotype.
In der Forschung spricht man von Ageism, dem Phänomen, dass ältere Menschen automatisch mit Eigenschaften wie Passivität, Schwäche oder geringerer gesellschaftlicher Relevanz verbunden werden. Treffen solche Vorstellungen dann noch auf traditionelle Geschlechterrollen, werden ältere Frauen leicht übersehen.
Interessant ist, dass ein Teil dieses Prozesses unbewusst abläuft. Psychologische Studien mittels Eye-Tracking, bei denen die Augenbewegungen von Versuchspersonen gemessen werden, zeigen: Menschen betrachten junge Gesichter im Durchschnitt länger als ältere. Der Blick bleibt dort hängen, wo kulturell geprägte Schönheitsnormen Attraktivität definieren. Diese Reaktionen passieren automatisch und beeinflussen, wer gesehen wird und wer als unsichtbar wahrgenommen wird.
Dazu kommt der sogenannte Attraktivitäts-Bias, der durch Medienbilder entsteht, in denen junge Frauen stark präsent sind. Die Unsichtbarkeit älterer Frauen ist also kein individuelles Problem, sondern basiert auf einem gesellschaftlichen Wahrnehmungs- und Deutungsmuster. 
 
Genug Gründe um die Unsichtbarkeit zu erklären und zu verstehen. Das kann man jetzt akzeptieren oder nicht. Man kann unter Unsichtbarkeit leiden oder nicht. 
Das ist individuell von Frau zu Frau verschieden und hat viel damit zu tun, was im Leben einen persönlichen Wert bedeutet und welche Bedürfnisse einem wichtig sind. Wer gesehen werden will und plötzlich „unsichtbar“ ist, wird darum trauern, dass die eigene Vergänglichkeit nicht mitspielt.
Aber es gibt eine andere Seite dieser Unsichtbarkeit. Viele Frauen sagen, dass sie sich freier fühlen, wenn der Druck nachlässt, ständig gefallen, gesehen und bewertet zu werden. Plötzlich ist da Raum für Selbstbestimmung, für eigene Wünsche für die eigene Entfaltung, für den Weg nach Innen. Es kann durchaus befreiend sein nicht mehr gefallen zu müssen, man darf endlich man selbst sein oder sich endlich selbst fnden. In dieser Freiheit liegen kreative Möglichkeiten. Zudem verändert sich das Bild langsam. Gerade die Literatur gibt älteren Frauen Stimmen, die lange ungehört blieben. Romane von und über „unsichtbare“ Frauen zeigen, dass Frauen gesehen werden, wenn sie den Mut haben, sichtbar zu sein. 
 
Unsichtbarkeit ist keine unverrückbare Tatsache, sie ist ein Blickwinkel. Und Blickwinkel lassen sich ändern. Ältere und alte Frauen sind nicht unsichtbar, sie werden nur oft durch die Augen der anderen übersehen. Es liegt an uns Frauen, uns zu zeigen – voller Erfahrung, voller Wissen, voller Leben, in voller Präsenz.

Samstag, 14. März 2026

Masken der Scham

 

                                                                                                              Malerei: A.Wende


Du kannst nicht Nein sagen.

Du kannst keine Grenzen setzen.
Du passt dich ständig anderen an.
Du funktionierst für die Erwartungen anderer.

Du hast an dich selbst überzogene Erwartungen.

Du willst Konflikte vermeiden.

Du willst perfekt sein. 

Du willst perfekt aussehen.

Du willst alles und jeden unter Kontrolle haben.

Du definierst dich über Leistung.

Du denkst, du musst und kannst alles alleine schaffen.

Du schützt dich durch Arroganz, durch Wissen oder Erfolg.

Du entwertest dich selbst.

Du kannst Komplimente nicht annehmen.

Du bleibst innerlich leer. 

Du ziehst dich zurück.

Du isolierst dich.

Dahinter verbirgt sich oft ein abgespaltenes Selbst, eine zweite Version der Persönlichkeit, die entsteht, wenn ein Mensch früh lernt, dass bestimmte Seiten von ihm nicht erwünscht sind und besser im Verborgenen bleiben.

Weil er so wie er war, nicht willkommen war.
Weil er zu viel, zu lebendig, zu empfindlich, zu anders, falsch war.

Weil er nie genug war. 

Weil er für seine Gefühle bestraft wurde.

Weil er beurteilt, verurteilt, missbraucht, verraten, lächerlich gemacht und beschämt wurde.

Weil er sich als entwertet, bedeutungslos, klein, unwürdig und minderwertig empfindet.

Scham folgt oft auf Komplexe Traumata.

Sie wirkt leise, zersetzend und nachhaltig.

Scham friert ein.
Scham führt zu Schutzmechanismen.

Scham und Schuld sind Schwestern.

Scham trägt Masken.

Scham will sich den Blicken anderer entziehen.

Scham sagt Worte der Selbstentwertung.

Scham hat ständig Angst vor erneuter Kränkung, Entwertung und Zurückweisung.


Sie trägt Masken, nur um nicht als der, der wir auch sind, gesehen und erkannt zu werden. 

Scham sagt: Du darfst nicht sein. Du musst dich verbergen. Du musst verhindern, dass andere sehen, dass etwas mit dir nicht stimmt.

Scham lügt, von Anfang an, durch die, dich beschämt haben.




 

Freitag, 13. März 2026

Gedankensplitter


 

Es gibt Erfahrungen, die man nicht überleben kann. Danach fühlt man, dass alles, was man auch täte, keine Bedeutung mehr haben kann. Das gewöhnliche Leben verliert jeglichen Reiz. Es gibt keinen „Sinn“ im klassischen Sinne, kein Ziel, kein Licht am Ende des Tunnels. Manchmal ist das Leben einfach schwer, ohne Antwort, und die Trauer, die Enge, der Überdruss, die Müdigkeit sind die vollständige Wahrheit des Moments.
Bleibt nur noch die Passion für das Absurde.

Donnerstag, 12. März 2026

Trauer

 



Manche Abschiede kommen, wenn du nicht bereit ist.
Menschen, die du liebst, gehen.
Sie leben jetzt in dir weiter, in den Teilen von dir, die du ohne sie nie gekannt hättest.
Es gab ein Leben vor dem Verlust und ein Leben nach dem Verlust, und du kannst nicht zurück, egal wie sehr du es dir wünscht.
Nach dem Verlust weiterzumachen ist nicht einfach. Alles hat sich verändert. Du hast dich verändert.
Und nun musst du lernen, mit dieser Veränderung zu leben.
Egal wie viele andere Dinge du erlebst, der Schmerz ist da.
Die Trauer ist da.
Die Trauer ist nicht das Ende deiner Geschichte.
Sie ist ein Teil davon. Sie gehört jetzt zu dir.
Und vielleicht verschwindet sie nie ganz.
 
 
Angelika Wende

Dienstag, 10. März 2026

Leben

 



Es gibt kein neues Leben.
Es gibt nur ein Leben.
Und dieses Leben ist so alt wie wir selbst.
Die Vorstellung eines neuen Lebens ist so töricht
wie die Vorstellung von Unsterblichkeit.

In jedem Leben gibt es Abschnitte.
Und jeder Abschnitt ist nur ein Stück
auf demselben Weg.

Wir werden keine neuen Menschen.
Wir werden im Leben die, die wir sind –
oder wir werden es nicht.

Montag, 9. März 2026

Die stille Kraft der Dankbarkeit

 



Dankbarkeit ist das Gefühl der Wertschätzung für das Gute, das uns widerfährt. Sie ist zugleich eine Emotion und eine innere Haltung, eine Gabe, die uns hilft, das Leben bewusster wahrzunehmen. Dankbarkeit bedeutet, Vertrauen ins Leben zu haben und das Positive in unserem Alltag zu erkennen.
Sie beeinflusst unser Denken, Fühlen und Handeln auf tiefgreifende Weise. Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass Dankbarkeit erstaunliche Auswirkungen auf unser Gehirn hat. Wenn wir Dankbarkeit empfinden, wird das Belohnungssystem aktiviert. Gleichzeitig steigt der Spiegel der Neurotransmitter Dopamin und Serotonin – zwei Botenstoffe, die maßgeblich zu unserem Wohlbefinden und unserer emotionalen Ausgeglichenheit beitragen.
 
Dankbarkeit beginnt oft im Kleinen, kann jedoch große Auswirkungen haben. Sie ist ein kraftvolles Werkzeug, mit dem wir unser Leben bewusst positiver gestalten können. Verschiedene Praktiken helfen uns dabei, Dankbarkeit im Alltag wahrzunehmen und zu vertiefen. Wenn wir sie regelmäßig anwenden, lernen wir, unseren Blick stärker auf die guten Aspekte unseres Lebens zu richten und mehr Zufriedenheit zu empfinden.
 
Wege, Dankbarkeit im Alltag zu kultivieren:
Das Dankbarkeitstagebuch
Diese Methode gilt als besonders wirksam – das zeigen zahlreiche Studien. Nimm dir täglich ein paar Minuten Zeit, morgens oder abends, und schreibe mindestens drei Dinge auf, für die du an diesem Tag dankbar bist.
 
Der Dankbarkeits-Rückblick
Nimm dir am Wochenende einige Minuten Zeit, um auf die vergangene Woche zurückzuschauen. Notiere dir die Momente, in denen du Dankbarkeit empfunden hast. So wird dir bewusst, wie viele positive Erfahrungen dein Alltag bereithält.
 
Dankbarkeit teilen
Schreibe einem Menschen, der dir wichtig ist, eine Nachricht und teile mit ihm, wofür du gerade dankbar bist. Vielleicht entsteht daraus eine kleine gemeinsame Gewohnheit: regelmäßig Dinge miteinander zu teilen, für die ihr dankbar seid.
 
Das Dankbarkeitsglas
Nimm ein großes Glas und einige kleine Zettel. Jedes Mal, wenn du etwas erlebst, wofür du dankbar bist, schreibe es auf einen Zettel und lege ihn in das Glas. Stelle es an einen gut sichtbaren Ort. Mit der Zeit kannst du beobachten, wie sich das Glas füllt. Am Ende des Jahres kannst du alle Zettel noch einmal lesen und dich an die vielen schönen Momente erinnern.
 
Das Erbsensammeln
Nimm dir morgens eine Handvoll Erbsen und stecke sie in deine Hosen- oder Jackentasche. Immer wenn du einen Moment der Dankbarkeit erlebst, nimm eine Erbse und lege sie in die andere Tasche. Am Abend zählst du die Erbsen und siehst, wie viele Momente der Dankbarkeit dein Tag enthalten hat.
 
Die Metta-Meditation
Die Metta-Meditation stammt aus der buddhistischen Meditationspraxis. Ihr Ziel ist es, „liebende Güte“ (Metta) und Wohlwollen gegenüber sich selbst und allen Lebewesen zu entwickeln. Dabei üben wir eine freundliche, wohlwollende Haltung, zunächst uns selbst gegenüber, dann gegenüber Menschen, die uns nahestehen, anschließend gegenüber schwierigen Menschen und schließlich gegenüber allen Lebewesen. Durch diese Praxis entwickeln wir Gefühle von Dankbarkeit, Mitgefühl und Verbundenheit. Sie stärkt Empathie, fördert inneren Frieden und kann zu mehr Zufriedenheit im Leben beitragen.
Zentral für die Metta-Meditation sind kurze, wohlwollende Sätze, die innerlich wiederholt werden:
 
Möge ich glücklich sein.
Möge ich mich sicher und geborgen fühlen.
Möge ich gesund sein.
Möge ich unbeschwert leben.
 
Anschließend richten wir diese Wünsche auch an andere:
Mögen alle Menschen und Lebewesen glücklich sein.
Mögen alle Menschen und Lebewesen sich sicher und geborgen fühlen.
Mögen alle Menschen und Lebewesen gesund sein.
Mögen alle Menschen und Lebewesen unbeschwert leben.
 
Dankbarkeit ist eine stille Kraft, die unser Leben verändern kann. Sie verlangt nichts von uns, außer einen Moment der Aufmerksamkeit. Einen Moment, in dem wir innehalten und erkennen, wie viel Gutes bereits in unserem Leben vorhanden ist. Wenn wir beginnen, Dankbarkeit bewusst zu kultivieren, verändert sich unser Blick auf uns selbst und die Welt. Aus Selbstverständlichem wird etwas Wertvolles. Aus kleinen Augenblicken entstehen kostbare Erinnerungen. Und aus dem Gefühl des Mangels wächst langsam ein Gefühl von Fülle. Dankbarkeit bedeutet nicht, dass alles im Leben immer leicht ist. Aber sie hilft uns, auch in schwierigen Zeiten Lichtpunkte zu entdecken, kleine Zeichen des Guten, die uns Kraft geben. Mit jedem dankbaren Gedanken öffnen wir unser Herz. Für das Leben, für andere Menschen und auch für uns selbst.
Dankbarkeit beginnt mit einer einfachen Entscheidung:
Heute nehme ich mir einen Moment Zeit, um dankbar zu sein. Denn wer Dankbarkeit im Herzen trägt, entdeckt im Alltag immer wieder kleine Wunder.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de