Dienstag, 3. Februar 2026

Kein richtiges Leben im Falschen

 



Unruhe, Hektik, Menschen, die dicht nebeneinander stehen, aneinander vorbeigehen, ohne den Blick zu heben. Der klebt am Handy. Der alte Mann fällt, als er in den Bus steigen will. Niemand reagiert. Keiner nimmt ihn wahr. Ich bitte einen jungen Mann mir zu helfen ihn vom Boden aufzuheben. Genervt steckt er sein Smart Phone in die Jackentasche und erbarmt sich schließlich. Dem alten Mann ist nichts passiert.
 
Endlich wieder zuhause, raus aus der Masse, frage ich mich zum hundertsten Male in welcher Welt ich lebe. Ich weiß es doch längst, was wundere ich mich noch und trotzdem lässt mich das Gefühl nicht los: Ich will hier weg, ganz weit weg. Weltflucht, aber wohin? Nach Vietnam zu meinem Sohn, der es hier auch nicht mehr ausgehalten hat. Ja, vielleicht mache ich das, wenn ich es hier überhaupt nicht mehr aushalte.
Aber jetzt bin ich hier. Das ist mein Jetzt.
Jetzt muss ich meinen Geist beruhigen. Ohne ein Werkzeug um unseren Geist zu beruhigen, schlägt er mit Gedanken nur so um sich. Als Folge davon machen uns Probleme, Ängste, Unsicherheiten, Befürchtungen, Verwirrungen und Vorstellungen benommen oder sie überwältigen uns. Das ewige Affengeschnatter im Kopf lässt uns nicht zur Ruhe kommen. Aber Ruhe ist entscheidend für einen klaren Geist und ein mitfühlendes Herz. Sie ist entscheidend um im Chaos gelassen zu bleiben. Sind wir ruhelos sind wir nicht bei uns selbst, wir sind anfällig für alles, was von Außen auf uns einströmt, wir lassen uns manipulieren und verführen, wir schweifen ab aus dem, was ist, wir sehen nicht einmal was direkt vor unseren Augen geschieht. Ich denke an den alten Mann.
 
Ruhelosigkeit sucht nach immer mehr Unruhe.
Sie schwingt in der Resonanz unruhiger Energie und bäumt sich immer weiter auf. Wir werden nervös und fahrig, uns zu konzentrieren fällt uns schwer. Achtsamkeit geht vollends flöten.
Sind wir ruhelos, sind wir nicht im Jetzt.
Ruhelosigkeit verschlingt die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Ruhelosigkeit steckt fest in der Anspannung und lässt Entspannung nicht zu. Sie führt dazu, dass wir uns in ein geistiges Gefängnis einsperren.
Die Folge davon: Unser Wahrnehmung ist fixiert auf das, was wir schon immer wahrnehmen, wir spulen das immer gleiche alte Programm ab, wir leben in Wiederholungen, Gewohnheiten, Projektionen, Kompensationen und Zerstreuungen, in virtuellen Welten, die uns abzulenken von uns selbst und uns vom Nächsten trennen.
Wir verpassen dabei eine ganze Menge Leben, das anders sein könnte, als das, was uns unser Gedankengefängnis als Realität vorgaukelt. Wir verpassen dabei die kostbaren Augenblicke des Guten, Wahren und Schönen, das es auch gibt, würden wir es nur wahrnehmen können. Wir leben in Achtlosigkeit dem Jetzt gegenüber und anderen gegenüber. Wir sind getrieben vom Wollen und Haben all dessen, was jetzt nicht ist. Wir schwanken ohne festen Boden unter den Füßen und fühlen uns unsicher, orientierungslos und ängstlich. Wir verlieren die innere Freiheit und unsere Lebendigkeit erstickt. Alles fühlt sich hohl und fad an. Wir schlafen, anstatt wach das Leben in seinem ganzen Reichtum zu erfahren. Und das Gefühl im falschen Leben zu sein wächst.
"Es gibt keine richtiges Leben im Falschen", schreibt Adorno.

Montag, 2. Februar 2026

Warum KI keine Therapie ersetzt

 


Immer mehr Menschen wenden sich an ChatGPT um über ihre intimsten Gedanken und ihre seelischen Probleme zu sprechen, besser: zu schreiben. Und sie bleiben hängen. Sie haben das Gefühl endlich verstanden zu werden. Wozu also noch eine Therapie machen, wenn der Therapeut so greifbar nahe ist, immer dann wenn ich den PC hochfahre?
 
Der freundliche Fake-Therapeut hört geduldig zu, wirkt empathisch, wohlwollend, zugeneigt und geradezu herzlich. Er tut so, als hätte er eine Ahnung wie es einem geht. Er erklärt und strukturiert das Thema und gibt Hilfestellungen. Er setzt sogar an den passenden Stellen Emojis. Der Eindruck, der entsteht: Endlich habe ich einen echten Gesprächspartner, auf den ich mich zu jeder Tages -und Nachtzeit beziehen kann, der verlässlich ist und der mir bei meinen Problemen hilft. Dass das Gegenüber nicht echt ist, sondern künstlich und darauf programmiert wie ein Mensch zu reden, wird dabei von den meisten Nutzern ausgeblendet. 
 
Stellt sich die Frage: kann Künstliche Intelligenz eine Therapie ersetzen? 
 
Klares Nein. Chat CPT ersetzt keine Therapie und keinen Therapeuten. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass Therapie nicht allein aus Worten besteht, sondern aus lebendiger Beziehung.
"Was in Beziehung krank wurde, kann nur in Beziehung heilen“ ist ein Leitsatz der Psychologie und beschreibt etwas sehr Essenzielles: Heilung braucht neue Beziehungserfahrung.
Eine, in der jemand bei uns bleibt, obwohl wir unsere Gefühle zeigen. Heilung braucht eine Beziehung in der unsere Grenzen respektiert werden, in der Konflikte ausgehalten und gelöst werden, in der wir nicht funktionieren müssen, keine Rolle spielen müssen um wertfrei angenommen zu sein, in der wir alles sagen dürfen, ohne Angst zurückgewiesen zu werden. Erst durch wiederholte, korrigierende positive Erfahrungen mit einem lebendigen Gegenüber lernt unser Nervensystem: "Nähe ist nicht gefährlich. Ich darf ich selbst sein. Ich werde nicht bewertet, beschämt oder verlassen. "
Dabei geht es um Co-Regulation. 
 
Ein Therapeut hilft dabei, unsere Gefühle zu halten, bis wir sie selbst halten können, bis wir uns selbst halten können.
Die therapeutische Beziehung bietet dafür den geschützten Raum. Sie ist im besten Falle eine Beziehung mit Klarheit, Verlässlichkeit, in der alte Muster sichtbar werden und sich verändern dürfen. Ein menschlicher Therapeut ist ein echtes Gegenüber. Er zeigt Präsenz, Empathie und Mitgefühl, er besitzt Verantwortung und die Fähigkeit, eine tragfähige emotionale Bindung aufzubauen. Diese tragende Beziehung ist der wichtigste Wirkfaktor in jeder Therapie und in jedem Coaching.
Therapeuten nehmen weit mehr wahr als das Gesagte.
Sie achten auf Gestik, Mimik, Körpersprache, Tonfall, Pausen, Widersprüche und erspüren unausgesprochene Gefühle. Sie reagieren nicht nur logisch, sondern auch intuitiv, und passen sich an die jeweilige Situation und ihr Gegenüber an.
Eine KI hingegen erkennt Muster in Worten und Sprache, nicht aber die tiefere Bedeutung dahinter, vor allem nicht in emotional hochbelasteten Situationen. In Krisen, bei Selbstgefährdung oder Traumata tragen Therapeuten eine fachliche und ethische Verantwortung. Sie können Risiken einschätzen, Notfallpläne erstellen und für konkrete Hilfe sorgen. Eine KI kann das nicht leisten, außer der Nummer der Telefonseelsorge hat sie nicht viel zu bieten. Eine KI bleibt immer ein künstliches Werkzeug ohne echte Handlungsmöglichkeiten und vor allem: ohne Haftung.
 
Therapie ist nicht immer angenehm.
Veränderung erfordert auch das Ansprechen schmerzhafter Themen. Ein Therapeut kann diesen Prozess halten und begleiten, auch wenn es emotional belastend wird. KI hingegen ist darauf programmiert, konfliktarm und unterstützend zu bleiben, sie vermeidet bewusst Druck und Konfrontation.  
Genau das empfinden aber viele Nutzer als angenehm, es wird ihnen quasi nach dem Mund geredet.
Echte Selbstreflexion und tiefgreifende Veränderung kann so nicht stattfinden, geschweige denn kann eine KI Angststörungen, Zwänge, Borderline-Störungen oder Depressionen behandeln.
Veränderung in der Therapie entsteht eben nicht allein durch Verständnis, Bestätigung, wohlwollende Worte und freundliche Tipps. So wichtig Empathie und Akzeptanz auch sind – nachhaltige Entwicklung braucht Konfrontation.
Gute Therapie bedeutet nicht, jedes Verhalten zu bestätigen, sondern auch unangenehme Wahrheiten zu erkennen und sie anzusprechen. Ein Therapeut spricht Widersprüche an, macht auf selbstschädigende Muster aufmerksam und benennt Vermeidungsstrategien, selbst wenn das im ersten Moment beim Klienten Widerstand, Scham oder Wut auslösen kann. Er lässt sich nicht in destruktive Dynamiken hineinziehen Er spiegelt seine Klienten, wenn Grenzen überschritten oder Verantwortung abgegeben wird. All das wirkt heilsam, weil Beziehung auf eine neue, gesunde Weise erlebbar wird.
Tiefgreifende Veränderung geht immer mit emotionaler Reibung einher.
Wenn alte Schutzmechanismen hinterfragt werden, vertraute Überlebensmuster und alte Bewältigungsstrategien wegfallen, entstehen zunächst Unsicherheit und Angst. Ein guter Therapeut hält diese Reibung aus, ohne sie zu glätten. Er bleibt präsent, auch wenn es schmerzhaft wird, er unterstützt den Klienten dabei, belastende Gefühle zuzulassen und zu verarbeiten. Er hilft ihnen aktiv dabei sie zu regulieren, statt ihnen mit wohlwollenden Worten und küchenpsychologischen Ratschlägen auszuweichen.
 
Künstliche Intelligenz hingegen ist bewusst darauf ausgelegt, unterstützend, validierend und konfliktreduzierend zu reagieren. Sie vermeidet Druck und direkte Konfrontation, weil sie keine Verantwortung übernehmen kann und darf. Sie ist unfähig emotionale Belastung zu halten. Dadurch werden problematische oder selbstschädigende Muster kurzzeitig beruhigt und nachhaltig verfestigt, anstatt sie prozesshaft zu verändern. Was sich kurzfristig entlastend anfühlt, führt nicht zu langfristigem Wachstum und schon gar nicht zur Heilung psychischer Probleme oder Persönlichkeitsstörungen.
 
Therapie nutzt Konfrontation gezielt und verantwortungsvoll als Werkzeug. Nicht um zu verletzen, sondern um eine Entwicklung in Gang zu setzen und sie so zu ermöglichen. Gerade in Momenten, wenn es irritiert oder schmerzhaft wird, entsteht oft tiefgreifende Veränderung. Genau das: Beziehung, Spannung, Korrektur und Aushalten kann eine KI nicht leisten.
Fazit: KI ist nicht völlig nutzlos. Sie kann informieren, beim Sortieren von Gedanken helfen, Reflexion anstoßen und Menschen dabei unterstützen, Worte für ihre Probleme zu finden. Sie ist ein Hilfsmittel, aber sie ist kein Ersatz für die tiefgreifende Arbeit an uns selbst. Heilen kann eine KI nicht. Heilung braucht ein menschliches Gegenüber, sie braucht eine echte, sichere, tragfähige menschliche Beziehung. Eine Therapie ist viel mehr als ein gutes Gespräch, sie braucht Verantwortungsbewusstsein und echte emotionale Resonanz – und genau das kann eine herz- und seelenlose Maschine nicht ersetzen.
 
 
 
Zur besseren Lesbarkeit habe ich das generische Maskulinum verwendet, alle Geschlechter sind jedoch eingeschlossen. 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Sonntag, 1. Februar 2026

Der Rebound-Effekt

 



Unangenehme Gefühle sind nichts Schönes und schwer auszuhalten. Darum neigen viele Menschen dazu diese Gefühle zu unterdrücken. Ein unangenehmes Gefühl kommt hoch und wir drücken es weg, es soll uns in Ruhe lassen, weil wir gerade null Bock darauf haben uns schlecht zu fühlen. Wir lenken uns ab, beschäftigen uns mit etwas anderem oder betäuben uns mit dem Konsum von Dingen oder Substanzen.
Doch was passiert, wenn wir das immer wieder tun?
 
Verdrängte Emotionen verschwinden nicht einfach, sie kommen oft mit doppelter Wucht zurück und zwar genau dann, wenn wir es nicht erwarten. Es ist wie mit einem Ball, den wir immer wieder unters Wasser drücken und der, sobald wir den Druck nachlassen, nach Oben ploppt.
Dieses Phänomen bezeichnet man in der Psychologie als Rebound-Effekt, zu Deutsch: Rückprall-Effekt. Je mehr wir versuchen, bestimmte Gedanken oder Gefühle zu unterdrücken, desto präsenter werden sie in unserem Bewusstsein. Es gibt sogar Studien, die herausfanden, dass Personen, die versuchen einen bestimmten Gedanken zu verdrängen, diesen Gedanken häufiger und präsenter erleben als Personen, die sich bewusst darauf einlassen. Diese Beobachtungen legen nahe, dass der Versuch, Gedanken und Gefühle zu unterdrücken als Selbstkontrollstrategie paradoxe Auswirkungen hat, was bedeutet: Unterdrückung ruft genau das hervor wogegen sie gerichtet ist.
 Die verdrängten Gedanken sind nicht weg, wenn wir sie nicht denken wollen. Die Gefühle, die wir nicht fühlen wollen, brechen irgendwann unkontrolliert aus. Und das kann gerade bei belastenden Gefühlen unangenehm werden. Oft kommen sie umso vehementer zurück. Sie zeigen sich in Angst und Panikattacken, in Zwängen und/oder in Körperreaktionen sowie in psychosomatischen und körperlichen Erkrankungen.
 
Gefühle zu unterdrücken ist also keine gute Strategie.
Im Gegenteil, es führt zu einer hohen emotionalen Stresssituation.  
Das Nervensystem ist innerlich ständig im Alarmzustand. Es kommt zu innerer Unruhe und zu muskulärer Anspannung. Und plötzlich triggert eine scheinbar harmlose Situation ein lang unterdrücktes Gefühl und wir wissen gar nicht was jetzt los ist, warum wir plötzlich eine Panikattacke haben oder weshalb wir wie aus heiterem Himmel auf einmal tieftraurig oder wahnsinnig wütend sind. Aufgestaute Emotionale Energie fließt immer irgendwohin und wenn wir sie nicht rauslassen und lernen sie zu regulieren, sucht sie ihren eigenen Weg – in eine unheilsame Richtung.
 
In meiner Arbeit begegne ich oft Menschen, die innerlich leiden wir ein Hund, aber alles dafür tun, sich das nicht anmerken zu lassen, weder vor ich selbst und schon gar nicht vor anderen. Sie wollen einfach nicht fühlen was da ist. Sie wollen die Trauer nicht fühlen, die Angst, die Verzweiflung. Viele sagen das sogar: „Ich will das nicht „oder „Das soll endlich weggehen“. Sie tun alles Mögliche um sich abzulenken in der irrigen Annahme - dann schmerzt es weniger. Manche verbergen sogar in den Sitzungen ihre Gefühle, oft weil sie meinen, sie nicht aushalten zu können oder weil sie meinen, ihre Gefühle hätten keine Berechtigung da zu sein. Diese geistige Anstrengung zehrt enorm an unseren seelischen und körperlichen Kräften. Wir schaden uns damit massiv selbst.  
 
Das Unterdrücken von Gefühlen raubt unglaublich viel Energie. Und: wir machen uns selbst etwas vor.
Gefühle wollen ausgedrückt und nicht unterdrückt werden.
Was sich nicht ausdrückt, drückt sich ein.
Und irgendwann drückt sich das Eingedrückte auf eine Weise aus, die wir mit Sicherheit nicht haben wollen. 
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Freitag, 30. Januar 2026

Aus der Praxis: Wenn alles zusammenbricht

 



Wenn alles zusammenbricht, ist das eine brutale Situation. Wenn alle Säulen, auf die wir unsere Leben gebaut haben, gleichzeitig oder kurz nacheinander einstürzen ist das wie ein Erdrutsch. Wir verlieren den Boden unter den Füßen. Das Nervensystem ist im Alarmzustand. Wir sind überflutet von Existenzangst. Wenn alles gleichzeitig kollabiert, ist unser Gehirn nicht mehr funktionsfähig. Nicht für Entscheidungen, nicht für Lösungen, nicht für das Erkennen große Zusammenhänge. Egal wie klar, wie klug, wie reflektiert, wir sonst sind. Jetzt fühlt sich alles gleich dringend an. Alles wirkt unlösbar. Jeder Gedanke daran macht es schlimmer. Wir verstricken uns in uns selbst. Und dann kommen genau die Entscheidungen, die wir später bereuen oder wir erstarren komplett. 
 
Existenzangst ist eine der heftigsten Formen von Angst.
Es geht ums Überleben. Deshalb fühlt sie sich so absolut, so endgültig, so nach Untergang und Vernichtung an. 
In dieser Situation ist der Kopf ein schlechter Berater. Nicht weil wir unfähig sind, sondern weil Existenzbedrohung das Denken auf Katastrophenlogik und Schwarz-Weiß -Szenarien verengt. Das ist kein realistischer Blick, sondern wir befinden uns im höchsten Alarmmodus.
Wenn die Existenz wegbricht, heißt das - mehrere konkrete Säulen, die uns getragen haben, zerbröseln. Beziehung, Einkommen, Job, Gesundheit, Perspektive, Sicherheit, das Gefühl von Kontrolle, Können, Eigenwert. Dass sich das existenziell zutiefst bedrohlich anfühlt, ist absolut normal. Wenn wir jetzt die Existenzbedrohung nicht genau analysieren, bleibt sie ein Monster, gegen das wir machtlos sind und im Zweifel verzagen wir. 
 
Es gibt einen Unterschied zwischen: „Alles ist vorbei“ und „Alles ist gerade nicht tragfähig“.
Im Alarmmodus fühlt sich beides identisch an. In der Realität ist es das fast nie. Ich spreche aus Erfahrung. In meinem Leben gab es einige existenzielle Krisen, die ich bewältigen musste und immer gab es wieder etwas, das tragfähig wurde. Auch wenn es dauerte und ich jedes Mal dachte: "Alles ist vorbei. Das war´s dann."
Was ich in all den Krisen gelernt habe: Jetzt ist es überlebenswichtig Ruhe bewahren.
Leicht gesagt! Wenn alles zusammenbricht, wirkt so ein Satz wie blanker Hohn. Als würde man sagen: „Das Haus brennt ab, aber trink erst mal einen Schluck Wasser.“ 
 
Ruhe bewahren ist keine Lösung für das, was kaputtgeht. Aber es geht im ersten Schritt nicht um „lösen“, es geht um stabilisieren. Es geht ums Runterkommen, es geht darum das Nervensystem zu beruhigen um wieder einigermaßen klar denken zu können. Erst dann sind wir überhaupt fähig die Realität klar zu sehen ohne den Panikfilm, der innerlich abläuft. Dann erst sind wir überhaupt fähig Lösungen zu suchen.
Und bevor wir das tun, brauchen wir eine klare, realistische Analyse der Situation:
Was genau ist weggebrochen?
Was davon ist irreversibel, was ist „nur“ gerade eskaliert?
Wie viele Wochen geht es noch, bis es wirklich kippt? Nicht „irgendwann“, sondern eine konkrete Zahl ermitteln.
Wo verliere ich gerade am meisten Boden?
Was ist der worst case?
Wie kann ich den verhindern?
 
Wir befassen uns zuallererst mit dem, was sich existenziell am Zerstörerischsten anfühlt. Wir räumen nicht den ganzen Schutt weg. Nur den schwersten Brocken. 
Wir suchen nach Übergangslösungen, wenn die optimale Lösung gerade nicht möglich ist.
Kein „Das wird schon“ Denken, sondern konkrete Schritte, auch wenn sie noch so klein sind, um es zu schaffen wieder ein wenig mehr Boden unter den Füßen zu erlangen. Und bloß keine Scham, wenn es darum geht uns Hilfe zu holen. Scham hält Menschen länger in der Krise als alles andere. Scham ist gerade ein „Luxus“, den wir uns nicht leisten können. Wir brauchen klares Denken und klares Handeln.
Manche Menschen oder wir selbst, sagen in solchen Situationen gern: "Du schaffst das!" Das ist ein ehrlicher Wunsch. Und leider nicht immer hilfreich. Weil „Du schaffst das!“ sich gerade nicht wahr anfühlt und unser Gehirn keine Sätze akzeptiert, die es unwahr hält.
Wir brauchen eine ruhigere, tragfähige Überzeugung. Eine, die stimmt. Nicht: Du schaffst das!, sondern: „Ich habe schon Krisen überstanden, von denen ich vorher nicht wusste, wie.“
Das ist Rückblick-Logik. Die ist wahr. Wir haben Krisen überlebt, die wir damals auch nicht im Griff hatten. Nicht ohne Angst, aber mit der Angst sind wir da durch. Und um durch zu gehen brauchen wir, wie gesagt, Ruhe. 
 
Und wie behalten wir genug Ruhe, um nicht zu verzweifeln und kopflos zu handeln?
Ruhe ist gerade kein Zustand, sondern eine wichtige Funktion. Wir brauchen sie nicht, um uns gut zu fühlen, wir brauchen sie, damit wir keine falschen Entscheidungen treffen.
 
Was jetzt wirklich hilft: 
 
Akzeptieren: Du wirst nicht ruhig sein.
Das ist wichtig.
Das Ziel ist nicht Gelassenheit, sondern:„Ich bin angespannt UND handlungsfähig.“ Sobald wir aufhören gegen die Unruhe zu kämpfen, verliert sie an Macht.
Klingt banal, ist aber so. 
 
Denken von Tun trennen: Existenzangst macht das Denken chaotisch.
Also Angstdenken nur in festen Zeitfenstern. Nur c.a. 30 Minuten zu einer bestimmten Tageszeit.
Außerhalb davon konzentrieren wir uns aufs Handeln. Wenn Angstgedanken kommen, sagen wir: „Nicht jetzt. Später.
Das ist keine Flucht und kein Verdrängen, das ist Containment.
 
Entscheidungen und Schritte aufschreiben:
Die Unruhe bleibt, solange Dinge ungeklärt im Kopf rotieren.
Mach eine Liste mit drei Spalten:
Was genau ist das Problem?
Was ist der nächste mögliche realistische Schritt?
Wann mache ich ihn?
Es geht nicht um die absolute „Lösung“, es geht um den nächsten sinnvollen Schritt.
Das Gehirn wird ruhiger, sobald es einen Punkt sieht, den es setzen kann.
 
Nervensystem runterfahren:
Wenn unser Körper im Alarmmodus bleibt, produzieren wir schlechte Entscheidungen. Regelmäßige Atemübungen, alles, was den Vagusnerv beruhigt, dient jetzt nicht zur Entspannung, sondern dazu denk-und handlungsfähig zu bleiben.
 
Suboptimale Lösungen erlauben:
Ein großer Angstauslöser ist der innere Satz: „So habe ich mir mein Leben nicht vorgestellt.“ Hilfreich ist: „Okay. Das ist eine Krise. Das ist ein Übergang. Das ist nicht mein Ende. Damit sinkt der Druck. Krisen fühlen sich wie Scheitern an, in Wahrheit sind sie Übergänge und brauchen eine Strategie um zur Chance zu werden.
 
Sätze, die mir in akuten Angstmomenten helfen:
Ich muss nicht alles heute lösen. Ich muss heute nur nichts verschlimmern. Ich muss nicht wissen, wie es ausgeht – nur, was der nächste Schritt ist. Nur für heute.
 

Vielleicht steckst du gerade in einer solchen Krise. Wenn du magst, können wir gemeinsam da durch gehen und Lösungen für dich finden, Schritt für Schritt.


Schreib mir gerne eine Mail an: aw@wende-praxis.de

Dienstag, 27. Januar 2026

Deine Tasse darf voll sein

 



„Fill your own cup first, as you can´t pour from an empty one“, heißt zu deutsch: „Fülle zuerst deine eigene Tasse, denn aus einer leeren kann man nicht einschenken.“
Dieser Satz steht seit einigen Tagen in einem kleinen Rahmen auf meinem Schreibtisch. Er ist eine liebevolle Erinnerung besser auf mich zu achten und bewusst mit meiner Kraft zu haushalten.
Ich teile ihn heute mit an all jenen von uns, die immer zuerst an andere denken. Mit denen, die immer geduldig zuhören, anderen helfen, andere tragen und auffangen, oft selbstverständlich und sich selbst immer hinten anstellen.
 
„Fill your own cup first“ heißt nicht: Tu weniger für andere. 
Es bedeutet: Vergiss dich selbst dabei nicht!
Deine Fürsorge für dich selbst hat Priorität. Denn nur wenn du dir erlaubst, innezuhalten, Kraft zu schöpfen und gut mit dir selbst umgehst, kannst du Fürsorge weitergeben, ohne dich selbst zu verlieren. Du darfst wichtig sein – genauso wie alle anderen.
„Fill your own cup first“ erinnert daran, dass Selbstfürsorge kein Egoismus ist, sondern eine Voraussetzung um achtsam mit unserer Lebensenergie umzugehen, denn die ist nicht unendlich. Nur wenn wir auf unsere eigenen Bedürfnisse achten und innerlich im Gleichgewicht sind, können wir auch für andere da sein, ohne dabei zu ermüden. 
 
Eine leere Tasse kann nichts geben. Erst wenn wir uns selbst nähren, haben wir genug, um anderen Kraft, Energie, Unterstützung und Liebe zu geben.
Die eigene Tasse zu füllen heißt weniger Anstrengung für all die UMS - um anderen zu gefallen, um es anderen Recht zu machen, um fremde Probleme zu lösen, um geliebt zu sein, sondern zuerst für uns selbst da zu sein. Es heißt: weniger tun müssen und uns selbst mehr erlauben. Das beginnt damit uns selbst zu achten, auf uns selbst acht zu geben, uns selbst ernst zu nehmen. Unsere Müdigkeit, unsere Erschöpfung, unsere Gefühle, unsere Grenzen, unsere Bedürfnisse, unsere Träume und Wünsche.
Uns ernst nehmen heißt ganz praktisch auch: Pausen nicht erst dann zu machen, wenn nichts mehr geht, sondern bevor nichts mehr geht. Und das ohne schlechtes Gewissen, sondern im bewussten Gewahrsein: Ich achte jetzt auf mich. Es heißt: Nein zu sagen, ohne uns dafür zu rechtfertigen. Es heißt auch: Um Hilfe zu bitten und Hilfe anzunehmen, statt Hilfe immer nur zu geben.
 
Unsere Tasse füllt sich schon durch ganz kleine Dinge.
Eine Morgenroutine, kleine Momente der Stille und Ruhe im Alltag, bewusstes Ein -und Ausatmen, einen guten Cappucchino in der Arbeitspause, den wir achtsam trinken ohne zu scrollen, frische Luft, Bewegung, Tagebuch schreiben, ein gutes Buch lesen statt endlos Serien zu gucken oder unser Gemüt mit den Schreckensnachrichten dieser Welt zu füttern, die zu ändern nicht in unserem Einflussbereich liegt, ein kurzer Mittagschlaf, ohne zu denken wir stehlen Gott die Zeit. Apropos Zeit. Wir brauchen Zeit um zu uns selbst zu kommen, Zeit für uns allein. Und wir brauchen Zeit mit Menschen, bei denen wir nichts leisten und nicht performen müssen.
Unsere Tasse füllen heißt auch: Freundlich und mit liebevoller Güte mit uns selbst zu sprechen, uns das zu geben, was wir anderen so selbstverständlich geben und uns nicht erst dann wertvoll zu fühlen, wenn wir gebraucht werden – sondern einfach, weil wir da sind, weil wir leben.
Viva la Vida!
Deine Tasse darf voll sein. Nicht irgendwann. Jetzt.

Montag, 26. Januar 2026

Ein sicherer Boden

 


 

Enttäuschung schleicht sich langsam mit der Zeit und mit den Jahren ein. 

Zurückweisungen, ein Mensch, auf den wir uns verlassen haben und der uns verrät, eine Hoffnung, die im Sand verrinnt, eine Anstrengung, die nichts bringt, ein Plan, der nicht funktioniert, ein Lebenskonstrukt, das zerbricht, eine Sehnsucht, die kein Ankommen kennt.
Mit der Zeit wird es schwer, sich ständig an Dinge oder Menschen anzulehnen oder festzuhalten, die sich plötzlich ändern können. Zu viele Enttäuschungen führen zur Erschöpfung, weil der Boden auf dem wir gehen nie fest und sicher ist. 

Die Seele aber braucht einen sicheren Boden.
Der Boden, der trägt liegt nicht im außen.
Er liegt da, wo wir auf etwas stehen, das uns sicher tragen kann, etwas das stabil ist und sich nicht plötzlich ändern kann – und das können wir nur in uns selbst finden.


Sonntag, 25. Januar 2026

Zeit

 



Seit ich in Rente bin habe das Gefühl, die Zeit rast. Nicht, weil mein Leben so voll ist, sondern weil es sich irgendwie leer anfühlt. Es ist als würden mir die Tage wie Sand durch die Finger rinnen. Ich stehe auf, mache die immer gleichen Dinge, erledige dies und das, um die Zeit totzuschlagen. Am Abend bin ich müde und weiß nicht wovon. Wenn ich dann auf den Tag zurückblicke, ist da kein klarer Anfang und kein klares Ende. Nur das ewig Gleiche. Da ist nur eine verschwommene Strecke Zeit, die vergangen ist. Ich frage mich, ob die Zeit schneller geworden ist oder ob ich aufgehört habe, richtig da zu sein. In mir so eine innere Unruhe und zugleich ist da eine Leere, die sich nicht füllen lässt. Alles rast an mir vorbei. Nichts setzt sich fest, nichts bleibt. Alles gleitet weiter, und ich mit. Früher hatte meine Zeit Gewicht. Sie war erfüllt. Sie hat Spuren in meiner Erinnerung hinterlassen. Jetzt ist sie irgendwie leblos. Das Beunruhigende ist nicht nur, dass die Zeit, die mir noch bleibt, so schnell vergeht, ich habe das Gefühl ich vergehe mit ihr. Das macht mich traurig und irgendwie macht mir das auch Angst. Was kann ich nur tun?
Diese Frage stellt mir ein Klient. 
 
Wir alle kennen das Gefühl: Je älter ich werde, desto schneller vergeht die Zeit.
Aber so ist es nicht. Objektiv vergeht die Zeit immer gleich.
In unserer subjektiven Wahrnehmung hängt unser Zeitempfinden davon ab, wie viele bedeutungsvolle Erlebnisse wir in der Zeit haben, wie wir sie wahrnehmen und abspeichern. Das Vergehen der Zeit fühlt sich nicht schneller an, weil wir älter werden oder alt sind, sondern weil das Leben im Alter oft gleichförmiger und routinierter wird, weil es weniger Neues gibt, das wir erleben. Klingt paradox, ist aber so. Wenn ich wenig Neues erlebe, wenn ich die immer gleichen Routinen abspule, kommt mir das Vergehen der Zeit schneller vor. Ein eintöniger, langweiliger Tag an dem nichts Besonderes geschieht, fühlt sich zäh an, im Rückblick aber habe ich das Gefühl als sei der Tag einfach so verflogen.
 
Unser Gehirn misst nicht in Zeit, sondern in Erlebnissen.
Viele Erlebnisse, viele neue Eindrücke schaffen viele Erinnerungen und die Zeit wird als erfüllt und länger empfunden. Je weniger geschieht, je unerfüllter an Neuem, je leerer an Inspiration, je weniger neue Herausforderungen und je weniger Begeisterung, desto schneller scheint die Zeit zu vergehen, weil das Gehirn kein Futter bekommt, was es speichern kann und worauf es dann in der Erinnerung zurückgreifen kann.
Kurz: Je mehr wir erleben, desto länger erscheint uns das Vergehen der Zeit. Je weniger wir erleben, desto schneller erscheint uns das Vergehen der Zeit.
 
Was kann mein Klient tun?
Er muss nichts ändern. Er muss nicht krampfhaft dafür sorgen ständig Neues zu erleben. Eigentlich muss er fast gar nichts ändern. Er hört nur auf, sich selbst weiter zu übergehen. Es beginnt damit, dass er sich erlaubt einfach (da) zu sein. Er zwingt sich nicht mehr, die Leere zu füllen. Er sitzt mit ihr. Das ist am Anfang vielleicht unangenehm, aber ehrlich - es ist wie es jetzt ist.
Mit der Zeit wird er spüren, dass die Zeit dort langsamer wird, wo er nicht mehr flieht, wo er keinen inneren Widerstand mehr leistet, wo er nicht mehr meint, es muss etwas Besonderes passieren. Er kann damit beginnen kleine Dinge bewusst wahrzunehmen und die Dinge bewusst und achtsam zu tun.
Das scheint wenig, aber es ändert viel.
Er darf aufhören seine Tage danach zu bewerten, ob sie erfüllt waren. Er fragt nur: Bin ich wirklich anwesend? Bin ich präsent im Moment? Bin ich achtsam bei dem, was ich tue? Nehme ich wahr, was ich tue?
Und diesem Moment hat Zeit plötzlich Gewicht. Sie rast nicht mehr so. In diesem Gewahrsein vergeht sie langsamer. Und mit der Zeit kann mein Klient vielleicht spüren: Zeit braucht nur mich. Und die Leere wird erfüllter. Er ist wieder bewusst Teil und Gestalter seiner eigenen Zeit.
Die Zeit nimmt ihn nicht mehr einfach nur mit.
Und das ist viel.
 
 
Wenn Du Dich in diesem Text wiederfindest, kannst Du mir gern schreiben. Wir finden heraus, wie es Dir gelingt achtsamer und bewusster mit Deiner Lebenszeit umzugehen.
Kontakt: aw@wende-praxis.de
Angelika Wende