Sonntag, 8. November 2026

Chronos und das Paradoxon unserer Lebenszeit

 



Heute Morgen sitze ich da, betrachte alte Fotos aus meinem früheren Leben und spüre dieses leise Ziehen in der Brust. Wieder einmal begreife ich, wie unaufhaltsam die Zeiger der Uhr ticken. In diesem Moment des Innehaltens, dieser Mischung aus Wehmut über das Vergangene und dem leisen Wunsch, die Zeit anzuhalten, frage ich mich: Was macht die Zeit eigentlich mit uns?
 
Die tiefste Realität des Menschseins zeigt sich im Blick auf die eigene Existenz. Wir haben einen Körper, wir haben eine Seele und einen Geist und wir stehen vor der Tatsache, in der Zeit zu leben, die uns unaufhörlich entgleitet. Und je älter wir werden, desto bewusster sind wir uns, dass unsere Zeit endlich ist. Chronos, die Zeit verschlingt alles, was sie hervorbringt. Jeden Augenblick, jedes Lebewesen und jede Epoche. Sie duldet keinen Kompromiss und scheinbar keinen Trost. Unsere Lebenszeit ist ein unaufhaltsamer Countdown, beherrscht von einer unerbittlichen Dynamik. Jeder Geburtstag, den wir feiern, ist ein Jahr weniger Leben. Chronos duldet kein Verweilen. Der Moment unserer Kindheit, die Kraft der Jugend, Augenblicke des Glücks, Beziehungen, Rollen, Identitäten – all das wird im Moment seines Entstehens von der Zeit verschlungen und vergeht. Unser Körper altert und am Ende fordert Chronos das Leben, das er uns geliehen hat, unerbittlich zurück. Es ist das nackte Gesetz der Vergänglichkeit, dem wir schutzlos ausgeliefert sind. Das ist eine tiefe Wahrheit.
Doch wahr ist auch: Chronos verschlingt die Gegenwart, um sie als fruchtbaren Boden in die Vergangenheit einzubetten, auf dem die Zukunft wachsen kann. Bezieht man dies auf uns Menschen, verliert das Altern ein wenig seine Grausamkeit und wird zu einer gestaltenden Kraft. Wenn Chronos all die Tage unseres Lebens verschlingt, löscht er sie nicht aus, er verwandelt sie in das Fundament unserer Persönlichkeit.
 
Das Kind, das wir einmal waren, ist nicht im Nichts verschwunden, es lebt weiter in uns. Jede Erfahrung, jede Liebe, jede überwundene Krise wird von Chronos in unserer Seele, unserem Geist und unserem Körper bewahrt. Wir werden – und zwar zu dem, der wir sind, im Vergehen der Zeit und durch das Vergehen von Zeit. Unser Jetzt und unsere Zukunft entstehen niemals im luftleeren Raum, sie wachsen auf dem Sediment unserer eigenen Vergangenheit. Jede neue Epoche, jedes neue Lebewesen und jeder neue Gedanke speist sich aus dem, was vorher war. Das Vergangene verschwindet nicht im Nichts, sondern es wird gewandelt. Aus dem Alten entsteht Neues. Aus den Erfahrungen der Vergangenheit erwächst (hoffentlich) die Weisheit von morgen.
 
Chronos agiert in unserem Leben nicht nur als seine Kinder verschlingender Gott, sondern zugleich als Transformator, der jeden Moment gelebten Lebens bewahrt, uns wachsen und innerlich reifen lässt. Er ist für uns Menschen beides zugleich. Er lässt das körperliche Jetzt vergehen und zugleich formt und baut er daraus das Fundament unseres Ichs. Wir können die Zeit nicht aufhalten, wir werden vergehen, aber wir können die Herausforderung annehmen und unsere geliehene Zeit mit unserem Sein füllen, mit Sinn und Bedeutung und sie in unserem Einflussbereich gestalten. Augenblick für Augenblick.
 
Jeder Augenblick unseres Daseins wird von Chronos verschlungen, nicht, um uns zu vernichten, sondern um uns zu dem Menschen zu machen, der wir morgen sein werden. Die Zeit verschlingt die Form der Dinge, aber sie bewahrt ihre Substanz als Bausteine für das Kommende. Jeder Augenblick ist die direkte Folge des vorangegangenen Moments. Die Vergangenheit hinterlässt kein Loch, sondern sie hinterlässt Formung. Wir stehen immer auf den Schultern dessen, was vor uns war und wer wir einst waren.
Alles, alles ist vergänglich, aber nichts ist umsonst.
Das was bleibt sind unsere Taten.
 
Angelika Wende
www.wende-praxis.de 

Samstag, 7. November 2026

Die Zerreißprobe des Ichs - Warum es uns so schwerfällt, Ambivalenz auszuhalten

 



Es gehört zu den anstrengendsten Aufgaben der menschlichen Psyche, zwei widersprüchliche Gefühle, Gedanken oder Bewertungen gegenüber derselben Sache gleichzeitig nebeneinander stehenzulassen. Wenn eine Situation oder eine Epoche uns zwingt, sowohl das Bedrohliche als auch das Hoffnungsvolle, sowohl den Gewinn als auch den Verlust im selben Moment zu spüren, gerät unser inneres System in Alarmbereitschaft. Psychologisch betrachtet ist das Aushalten von Ambivalenz, lateinisch ambo „beide“ und valere „gelten, wert sein“, ein Zustand, in dem zwei völlig gegensätzliche Gefühle, Gedanken oder Wünsche gleichzeitig in uns existieren, kein rein intellektueller Akt, sondern emotionale Schwerstarbeit, die an den Fundamenten unserer psychischen Stabilität rüttelt. Unser Gehirn ist von Natur aus einfach nicht für so viel Chaos gemacht. Es hat sich über Jahrtausende so entwickelt, dass es die Welt am liebsten in Schubladen steckt. Wenn beides gleichzeitig ist, streikt es. Das Gehirn ist ein Organ der Komplexitätsreduktion. Um unser Überleben zu sichern, ist es darauf programmiert, Muster zu erkennen, Vorhersagen zu treffen und die Welt in klare Kategorien zu unterteilen: Sicher oder gefährlich, gut oder schlecht, Freund oder Feind. 
 
Stoßen wir auf Ambivalenz, versagt dieses „entweder oder“. 
In der Psychologie wird dieser Zustand als kognitive Dissonanz beschrieben, ein zutiefst unangenehmer innerer Spannungszustand, der entsteht, wenn Geist und Gefühl unvereinbare Informationen verarbeiten müssen. Diese Dissonanz erzeugt hohen psychischen Stress, der sich oft in diffuser Angst, innerer Unruhe oder körperlicher Anspannung äußert. Unser System will diesen Zustand so schnell wie möglich beenden. Weil Ambivalenz jedoch oft nicht einfach auflösbar ist, neigt unsere Psyche zu radikalen Abwehrmechanismen. Die häufigste Reaktion auf eine Überforderung durch Widersprüche ist die Spaltung. Wenn das Ich die Komplexität nicht mehr halten kann, teilt es die Welt künstlich in Schwarz und Weiß. 
 
In gesellschaftlichen Krisenzeiten äußert sich dies in rigidem Denken, Dogmatismus und dem Rückzug in absolute Wahrheiten. Viele Menschen flüchten sich deshalb in starre Meinungen, radikale Ansichten oder in digitale Blasen im Internet, in denen man nur noch das eigene Echo hört. Weil Social-Media-Algorithmen uns ohnehin fast nur noch das zeigen, was wir ohnehin schon glauben, entsteht das Gefühl, in einem Raum zu sein, in dem uns alle ständig recht geben. Alle anderen Meinungen bleiben draußen. Dieses Schwarz-Weiß-Denken nimmt uns zwar kurzfristig die quälende Last der Widersprüche ab udn entlastet die Psyche, trennt uns aber von der Realität und blockiert unsere persönliche Weiterentwicklung. Die Grautöne werden eliminiert, weil die Sehnsucht nach Eindeutigkeit übermächtig wird. Die Fähigkeit, diese inneren Widersprüche eben nicht fluchtartig aufzulösen, sondern sie bewusst zu tragen, nennt man Ambiguitätstoleranz. Sie beschreibt die Reife einer Persönlichkeit, die Ungewissheit des „Sowohl-als-auch“ zu akzeptieren. Wer Widersprüche wahrnimmt, blickt bewusst auf eine komplexe Realität. Dieses Umdeuten nimmt der inneren Dissonanz die Bedrohlichkeit. Widerstand gegen die Komplexität Realität hingegen erzeugt zusätzlichen emotionalen Stress. Akzeptanz hingegen schafft den emotionalen Raum, um durchzuatmen.
 
Wer über Ambiguitätstoleranz verfügt, kann Widersprüche, Zweifel, Unsicherheit und die Angst vor Kontrollverlust aushalten, ohne depressiv zu verstummen oder in Frustration, Aggression und in Radikalität zu flüchten. Es bedeutet zu trauern und gleichzeitig zu hoffen, Angst vor der Zukunft zu haben und sich dennoch gestaltend in sie hineinzubewegen. Diese Toleranz ist jedoch eine endliche Ressource. Wenn der äußere Druck durch Dauerkrisen zu hoch wird, sinkt unsere psychische Kapazität für Widersprüche, und das Bedürfnis nach einfachen Antworten steigt drastisch.
Das Aushalten von Ambivalenz ist die wohl größte Reifeprüfung unserer Zeit. Es verlangt von uns, den Wunsch nach absoluter Sicherheit und Eindeutigkeit aufzugeben. Nur wenn wir anerkennen, dass die Realität selten eindeutig ist und dass das Aushalten dieser inneren Zerreißprobe kein Zeichen von Schwäche, sondern von mentaler Stärke ist, bleiben wir in einer immer komplexer werdenden Welt handlungsfähig. Vielleicht liegt der Schlüssel zu mehr innerem Frieden in der radikalen Frage der buddhistischen Nonne Pema Chödrön: „Was wäre, wenn wir uns von der Ambivalenz und Ungewissheit des Lebens nicht entmutigen ließen, sondern sie akzeptierten und uns in sie hineinentspannten?“
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de


Montag, 2. November 2026

Eskapismus - Der Vorhang fällt, die Welt verblasst

 

Foto: A.W.


Das Verlangen der Realität zu entfliehen, ist so alt wie das menschliche Bewusstsein selbst. Doch in einer Gegenwart, die von permanenter Reizüberflutung, kollektiver Überforderung, globalen Krisen und dem unerbittlichen Takt der Leistungsgesellschaft geprägt ist, hat der Eskapismus eine neue Dimension erreicht. Wo früher der Roman oder das Tagträumen ausreichten, stehen heute via Smartphone unendliche digitale Zufluchtsorte permanent bereit. Doch was treibt Menschen in den Eskapismus und wo verläuft die Grenze zwischen heilsamer Erholung und gefährlichem Selbstverlust?
 
Der Begriff des Eskapismus ist im alltäglichen Sprachgebrauch oft negativ besetzt. Er klingt nach Drückebergerei vor den harten Fakten des Lebens. Wer vor der Realität flieht verweigert sich ihren Herausforderungen. Andererseits, die menschliche Psyche ist keine Maschine, die ununterbrochen funktionieren kann und muss. J.R.R. Tolkien schrieb dazu in einem Essay: „Warum sollte ein Mensch verpönt oder verachtet sein, wenn er, da er sich in einem Gefängnis befindet, versucht, herauszukommen und nach Hause zu gehen? Oder wenn er, falls er das nicht tun kann, über andere Themen nachdenkt und spricht als über Gefängniswärter und Gefängnismauern?“
 
Wenn die Realität als Gefängnis oder als Überforderung erlebt wird, ist die Flucht kein Akt der Schwäche, sondern ein Akt der psychischen Selbsterhaltung. In seiner gesunden Form fungiert der Eskapismus dann als ein mentaler udn emotionaler Schutzraum. Unser Nervensystem ist nicht dafür gebaut, im Sekundentakt mit den Katastrophenmeldungen der ganzen Welt konfrontiert zu werden, während wir gleichzeitig im Alltag funktionieren müssen. Das bewusste Abtauchen in ein Videospiel, das Versinken in eine Serie oder das stundenlange Hören von Musik erlaubt es dem Gehirn auszuruhen. In diesen künstlichen Welten gelten klare Regeln. Im Videospiel haben wir die Kontrolle, in der Serie siegt oft das Gute. In der eigenen Traumwelt fühlen wir uns sicher. Diese temporäre Reduktion von überfordernder Komplexität schenkt der Psyche die Atempause, die sie braucht, um danach wieder in die echte Welt zurückzukehren. In diesem Sinne ist Eskapismus keine Verweigerung der Realität, sondern ein psychologischer Abwehrmechanismus, eine Auszeit von einer Welt, die zu viel ist. Viele Künstlerinnen und Künstler haben diesen Abwehrmechanismus schon immer in eine produktive Kraft verwandeln. Aber während der Alltagskonsument in vorgefertige Welten eintaucht, baut sie der Kreative. Künstler flüüchten nicht vor der Welt, sondern in die Leinwand, in das Notenblatt oder in das Manuskript. Sie schaffen Zufluchtsorte für Menschen, die dieselbe Enge spüren wie sie selbst. 
 
Gefährlich wird die Realitätsflucht erst dann, wenn der Vorhang des seelischen Schutzraums dauerhaft geschlossen bleibt. Durch die Digitalisierung ist die Weltflucht so barrierefrei geworden wie nie zuvor. Algorithmen sind darauf programmiert, uns genau mit der Ablenkung zu füttern, die uns am effektivsten betäubt. Wenn aber das digitale Exil gemütlicher wird als das reale Leben, droht die chronische Vermeidung. Die Probleme in der realen Welt lösen sich durch Eskapismus nicht. Sie sind da, auch wenn wir ihnen lieber entkommen wollen. Wer nur noch im Digitalen lebt, entfremdet sich von seinen eigenen Gefühlen und Bedürfnissen. Das innere System kollabiert, wenn die Rückkehr in die Realität nicht mehr als Option, sondern als Bedrohung wahrgenommen wird.
 
Der Eskapismus ist also weder gut noch schlecht. Er ist eine Art Überlebensstrategie und zugleich ist er auch ein Seismograph. Die Intensität, mit der ein Mensch oder eine Gesellschaft nach Ablenkung sucht, zeigt an, wie hoch der Druck und die Überforderung im Inneren sind. Ein gesunder Umgang mit Eskapismus erfordert Ehrlichkeit mit sich selbst. Die Frage lautet nicht: „Fliehe ich?“, sondern: „Wovor fliehe ich und komme ich gestärkt zurück?“ Solange die Fluchtwelt nicht zur dauerhaften Heimat wird, ist sie ein zutiefst menschliches und kreatives Ventil. Sie erlaubt uns zu träumen, auszuruhen und kurz durchzuatmen, um schließlich den Blick wieder in diese, unsere Welt zu richten, uns der Realität mit ihrer Unvollkommenheit zu stellen und in unserem Einflussbereich etwas dazu beizutragen, dass sie aushaltbarer wird.


Angelika Wende

Sonntag, 25. Oktober 2026

Warum ist Veränderung so schwer?

Foto: A.W.

 

Warum fällt es uns so schwer vertraute Verhaltensmuster zu ändern, selbst wenn wir wissen, dass wir uns damit selbst schädigen. Warum sind selbst kleine Veränderungen eine Herausforderung, an der wir scheitern? Und warum empfinden wir Veränderungen häufig als bedrohlich, obwohl wir sie uns wünschen? Die Antwort liegt zu einem wesentlichen Teil in der Funktionsweise unseres Gehirns. Die Neurowissenschaftliche Forschung zeigt, dass unser Gehirn alles was neu ist zunächst als potenzielle Gefahr bewertet. Dadurch entsteht ein innerer Widerstand, der bereits bei den kleinsten Schrotten in Richtung Veränderung spürbar wird.
 
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.
Alles was wir uns irgendwann angewöhnt haben, alles was wir oft genug wiederholen, ob gut oder ungut, ist tief im neuronalen Belohnungssystem verankert. Dort sitzt es fest und wir spulen es automatisch ab. Diese Automatismen bestimmen bis zu 90 % unseres Handelns. Unser Gehirn nutzt solche Automatismen, um den Alltag effizient zu bewältigen. Es muss nicht jede Handlung neu planen und jede Entscheidung von Grund auf abwägen. Was sich bewährt hat, kann schnell und mit vergleichsweise geringem kognitivem Aufwand abgerufen werden. Das gilt für hilfreiche Gewohnheiten ebenso wie für Verhaltensweisen, die uns langfristig schaden. Untersuchungen zeigen zudem, dass habitualisiertes Verhalten gegenüber Veränderungen der erwarteten Konsequenzen teilweise widerstandsfähig werden kann.Das Problem ist also nicht allein, dass wir an Gewohnheiten festhalten. Das Problem ist, dass unser Verhalten häufig bereits organisiert ist, bevor wir bewusst darüber nachdenken. 
 
„Niemand ändert sich auf Kommando“, schreibt der Hirnforscher Gerhard Roth. Und niemand ändert sich, weil er es zu seinem eigenen Wohlergehen muss, möchte ich hinzufügen.
Selbst wenn Menschen erkennen, dass ihr Verhalten sie auf Dauer krank macht, fällt es ihnen unendlich schwer es zu verändern. Das erklärt auch warum Suchterkrankungen so schwer zu stoppen sind. Ein Mensch kann beispielsweise unter seiner Sucht leiden und dennoch an ihr festhalten.
Warum?
Weil unsere Verhaltensweisen häufig eine Funktion erfüllen, die über das Bewusste hinausgeht. Sie helfen uns möglicherweise, Angst zu reduzieren, Konflikte zu vermeiden oder unangenehme Gefühle kurzfristig nicht fühlen zu müssen. Selbst schädliche Verhaltensweisen wie Süchte, können auf diese Weise zu vertrauten Bewältigungsstrategien werden. Wenn eine Veränderung mit Angst, Kontrollverlust, Verzicht oder dem möglichen Verlust von Zugehörigkeit verbunden ist, gewichtet unser Gehirn die damit verbundenen Kosten besonders stark. Gleichzeitig ist der kurzfristige Nutzen des alten Verhaltens unmittelbar verfügbar. Wir reduzieren Anspannung und entgehen einer möglicherweise unangenehmen Erfahrung. Wir greifen in der Folge auf das Vertraute zurück. Wir bleiben beim Status quo, obwohl wir wissen, dass er uns langfristig schadet. Wer also klar erkennt, dass ein bestimmtes Verhalten ihm langfristig schadet, kann kurzfristig dennoch Erleichterung darin finden. Das Wissen um die fatalen Folgen löscht die erlernten Muster nicht automatisch aus. Das erklärt, weshalb Einsicht allein nicht ausreicht.
 
Wir neigen dazu, anzunehmen, dass wir unser Verhalten verändern können, sobald wir ein Problem verstanden haben. Doch zwischen Erkenntnis und tatsächlicher Veränderung liegt ein komplexer Prozess. Veränderung bedeutet auch wir müssen wir lernen, unangenehme Gefühle auszuhalten, ohne automatisch in die alten Muster zurückzufallen. Wer eine Sucht stoppen möchte, braucht Strategien für den Umgang mit Verlangen, Stress und belastenden Gefühlen Wer Grenzen setzen möchte, muss möglicherweise die Angst vor Ablehnung bewältigen. Wer Kontrolle reduzieren möchte, muss Unsicherheit zulassen. Veränderung bedeutet deshalb nicht nur, eine alte Gewohnheit zu lassen. Sie bedeutet auch mit den Gefühlen umzugehen, auf die das bisherige Verhalten eine Antwort gegeben hat. Sie bedeutet auch, zu lernen mit den Situationen und Gefühlen umzugehen, auf die das bisherige Verhalten eine Antwort gegeben hat.
 
Unser Verhalten wird in erster Linie von unbewussten Prozessen gesteuert. Unser limbisches System entscheidet schneller, als wir bewusst denken können.  
Das rationale Bewusstsein kann zwar einleuchtende Argumente für eine Veränderung liefern und Impulse regulieren, doch die erste Tendenz zur Entscheidung entsteht im emotionalen und unbewussten Teil des Gehirns. Neurowissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass bereits vor einer bewussten Entscheidung Signale im Gehirn und in der Pupille aktiviert werden, die Aufwand- und Nutzenaspekte abwägen. Deshalb bleibt es beim Status-quo, heißt: wir bleiben beim alten Verhalten, auch wenn dieser Zustand selbstschädigend ist.
Das erklärt auch warum Therapie nicht, wie viele Menschen denken und hoffen, schnell hilft. Sie wollen ihre Probleme loswerden, ihre destruktiven Muster lösen, ihre unheilsamen Glaubenssätze ändern, ungesundes Verhalten sein lassen und machen die Rechnung ohne den Wirt: ihr Gehirn. Und das signalisiert: Bedrohlich! Das wiederum erzeugt Stress und inneren Widerstand.
Die gute Nachricht ist, dass die neuronalen Prozesse, die Gewohnheiten entstehen lassen, nicht ausschließlich gegen uns arbeiten. Dieselbe Fähigkeit des Gehirns, aus Erfahrungen zu lernen und Verhaltensweisen zu verändern, ermöglicht auch die Entwicklung neuer Muster. Wiederholung spielt dabei eine entscheidende Rolle. 
 
Neue Verhaltensweisen müssen wiederholt in konkreten Situationen angewendet werden. Entscheidend ist allerdings nicht allein die Häufigkeit der Wiederholung, sondern Veränderung muss sich lohnen. 
Viele machen zwar gedanklich am Anfang mit, ändern aber langfristig nichts. Sie schieben es dann auf die Methode, die nicht funktioniert, oder auf ihr Nervensystem und die darin gespeicherten Emotionen. Und damit haben sie sogar recht. Veränderungen, gleich welche, scheitert selten an der Therapie, oder am guten Willen des Klienten, sondern daran, dass das unbewusste emotionale System nicht erreicht wird. Veränderung muss auf drei Ebenen stattfinden. Sie muss unser Gehirn, unser Herz und unser emotionales Unbewusstes erreichen. Und sie findet zudem auch nur dann statt, wenn unser Gehirn sich eine Belohnung davon verspricht, heißt wenn die Veränderung positiv emotional aufgeladen wird. Auch das hat die Hirnforschung hinlänglich bewiesen. Veränderung braucht daher vor allem Wiederholung, Kontinuität, Zeit und das emotional empfundene Versprechen auf Belohnung.
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Samstag, 24. Oktober 2026

Wenn sich Reden sinnlos anfühlt

 



Wenn die Menschen fehlen, die wir lieben, ist das der tiefste und schmerzhafteste Verlust, den ein Leben erfahren kann. Wenn die wichtigsten Menschen gehen, sei es durch Trennung, Abschied oder Tod, verlieren wir nicht nur sie, sondern auch einen Teil von uns selbst, die gemeinsame Zukunft, Bedeutung und Sinn. 

Wir verlieren unser Fundament. Was uns bleibt ist ein tiefer Schmerz. 

Dieser tiefe Schmerz ist Ausdruck der Liebe zu diesen Menschen. 

Er lässt sich nicht einfach abstellen oder "reparieren".

Es bleibt eine Leere zurück, die sich durch nichts und niemanden einfach füllen lässt. 

 

Wir ziehen uns in die Stille zurück. 

Wir schweigen.

Wir wissen, kein Wort der Welt kann diese Menschen jemals wieder zurückbringen. Die Realität ihres Verlusts bleibt unveränderlich und das Aussprechen ändert nichts an dieser schmerzhaften Tatsache. Deshalb fühlt sich das Reden so völlig sinnlos an.

Worte können die Lücke nicht füllen. 

Sie können die Vergangenheit nicht umschreiben.

Das Einzige, was Reden tun kann ist, die innere Isolation für einen kurzen Moment zu durchbrechen. Nein, Reden ändert nichts am Verlust, aber wir müssen das unerträgliche Gewicht der Stille für einen Moment in der Zeit nicht völlig allein tragen.

Freitag, 23. Oktober 2026

Die Erlaubnis zur Kapitulation vor dem Unabänderlichen und das Schrumpfen des Fokus

 

Foto: A.W.


Wenn unser altes Leben durch den Verlust wichtiger Bindungspersonen oder einen Schickalsschlag in Trümmern liegt, blicken wir in ein tiefes schwarzes Loch. Wir wachen morgens auf und fragen uns „Wofür“ und wir finden keins. Und das ist okay. Wenn wir versuchen in einer solchen existenziellen Krise krampfhaft ein „Wofür“ zu finden, einen Sinn zu konstruieren oder uns zwingen nach vorne zu schauen werden wir von der Größe dieser Anforderungen an uns selbst regelrecht erdrückt. 
 
In einer existenziellen Krise schalten Gehirn und Nervensystem unter der immensen emotionalen Last in den Alarmzustand, der zu einer lähmenden Erstarrung führen kann. Im Zustand des emotionalen Zusammebruchs gibt es keine schnellen Lösungen und keinen sofortigen neuen Lebenssinn. Wir sind erst einmal gar nicht fähig dazu. Wenn durch den Verlust unseres alten Lebens und unserer alten Identität das gesamte psychische Koordinatensystem zerbricht, blickt die Seele in ein Vakuum. Wer jetzt in einem solchen Zustand versucht, ein Wofür oder eine Zukunftsperspektive zu entwickeln, überfordert die eigenen kognitiven und emotionalen Kapazitäten. Schon die schiere Antizipation einer Zukunft ohne das Verlorene, löst einen Zustand permanenter neuronaler Alarmbereitschaft aus, die das Nervensystem schützt, indem es es in die Erstarrung (Freeze) zwingt. In diesem Zustand ist das Suchen nach einem neuen Lebenssinn psychologisch unmöglich. Die einzige tragfähige Überlebensstrategie liegt darin, die Aufmerksamkeit und den Fokus auf das absolute Jetzt zu schrumpfen.
 
Wenn das große „Wofür“ im Leben fehlt, ist das Hilfreichste, was wir für uns tun können, den Moment zu leben.
Es geht nicht darum, wofür wir aufstehen, sondern es geht darum jetzt aufzustehen, jetzt ein Glas Wasser zu trinken, jetzt etwas zu essen, jetzt einen kleinen Spaziergang zu machen. Es geht nur darum im Jetzt zu sein. Wenn wir uns ins Jetzt holen und sei es nur durch den Blick aus dem Fenster in den Himmel oder das Spüren der warmen Kaffeetasse in den Händen, signalisieren wir unserem Nervensystem: "Genau in diesem Moment droht dir keine akute Gefahr. Du bist im Hier und Jetzt sicher." Das erlaubt unserem Körper, für ein paar Sekunden durchzuatmen und den chronischen Stresspegel minimal zu senken.
Oft verzweifeln wir daran, dass wir im Schmerz keine Lösung für unser zukünftiges Leben wissen. Wenn wir uns selbst sagen: „Du musst nicht wissen, wie es weitergeht, du schaust nur auf das Jetzt“, nehmen wir uns selbst eine große Last von den Schultern.
Wir geben uns die Erlaubnis zur Kapitulation vor dem Unabänderlichen.
Wir müssen unser Leben gerade nicht reparieren.
Wir müssen nur diesen einen Moment leben. 
 Das nimmt uns den Druck, funktionieren zu müssen. 
 
Ein großes „Wofür“ und neuer Lebenssinn lässt sich nicht erzwingen. Aber wenn wir den Fokus radikal verkleinern, entstehen plötzlich winzige Momente von Bedeutung, die für Sekunden die Leere füllen. 
Nicht mit Zukunft und Sinn, sondern mit kleinen wertfreien Handlungen. Sie sind die ersten Bausteine, aus denen Monate oder Jahre später langsam ein neues Fundament entstehen kann. Diese bewusste Verengung des Aufmerksamkeitsfeldes fungiert als Regulation für die kollabierte Psyche. Man kann es mit dem Fahren eines Bootes auf Sicht in einem dichten Nebel vergleichen. Wenn das Ich die Orientierung im eigenen Lebensraum komplett verloren hat, führt der Versuch den fernen Horizont zu fixieren oder den gesamten weiteren Lebenskurs zu planen, zu einer massiven kognitiven und emotionalen Überlastung, zu Angst, tiefer Ohnmacht oder gar in Verzweiflung. 
 
Das Schrumpfen des Fokus bedeutet unsere visuelle und mentale Energie ausschließlich auf den nächsten Meter direkt vor dem Bug unseres Bootes zu richten. Es geht nicht darum, den Nebel der Trauer und der Sinnlosigkeit kognitiv aufzulösen oder das Ufer einer neuen Identität zu erzwingen, es geht einzig darum, das seelische System im jetzigen Moment vor dem Aufprall der nächsten Schmerzwelle und vor der völligen Fragmentierung zu bewahren. Das bewusste Verkleinern des Horizonts auf den gegenwärtigen Moment ist ein Schutzraum für das überforderte Nervensystem. Es gleicht der Situation des Bootes, das im dichten Nebel auf offener See treibt. Wer in dieser absoluten Orientierungslosigkeit versucht, das nächste Ufer zu erblicken, verzweifelt an der grauen Weite. Wir versuchen also nicht, den Nebel gewaltsam aufzulösen oder das rettende Ufer zu erzwingen. Wir sorgen im Hier und Jetzt lediglich dafür, dass unser Boot bei der nächsten möglichen Welle nicht kentert. Das Nervensystem reguliert sich, indem es die Verantwortung für den gesamten, unbezwingbaren Ozean der Zukunft abgibt und sich nur noch um den Bruchteil der Zeit kümmert, der im Hier und Jetzt kontrollierbar bleibt. In dieser radikalen Reduktion der Anforderungen an uns selbst wird die Illusion aufgegeben, das Leben sofort „reparieren“ oder neu gestalten zu müssen. Es geht nicht um positive Umdeutung, nicht um das große Wofür, sondern um das reine Aushalten des Ist-Zustands. 
 
Indem wir uns im Jetzt verankern, entziehen wir der Zukunftsangst und der Ohnmacht das kognitive Futter. Wir geben unserem Nervensystem wieder und wieder das Signal, dass in diesem winzigen Moment keine akute Gefahr besteht. 
 Aus dieser kontinuierlichen, wertfreien Aneinanderreihung von überstandenen Momenten kann sich das Ich langsam aus der Starre lösen und dann den Nährboden für eine zukünftige psychische Reorganisation finden. Das bewusste Verkleinern des Horizonts auf den gegenwärtigen Moment ist ein hilfreicher Schutzraum für das überforderte Nervensystem. Es geht einzig und allein darum, das Steuer für diesen einen Moment auf Sicht zu halten. Wenn dieser eine Moment geschafft ist, folgt der nächste, Schritt für Schritt, Moment für Moment. Solange bis wir das rettende Ufer erreicht haben. 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Donnerstag, 22. Oktober 2026

Aber was ist Leben?

 

Foto: A.W.


In meiner Arbeit höre ich immer wieder Geschichten, die mir den Atem stocken lassen. Ich habe schon in viele menschliche Abgründe geblickt. Und doch gibt es immer wieder etwas, das noch schlimmer ist als das Schlimmste, von dem ich bisher erfahren habe. Und es macht etwas mit mir. Natürlich weiß ich, wie ich mich professionell abgrenzen kann. Ich mache regelmäßig Supervision und weiß um die Bedeutung von Selbstfürsorge. Und trotzdem gibt es Geschichten, die mir so tief in die Knochen fahren, dass ich Tage brauche, um sie zu verarbeiten.
 
Es ist unfassbar, was Menschen Menschen antun können.
Und was es dann mit denen, denen es angatan wurde macht. Es kann ein Leben zerstören, ein Leben zur Qual machen. Und doch leben diese schwer verletzen Menschen ein Leben.
Irgendwie kriegen sie es hin. Irgendwie stehen sie jeden Morgen auf und beginnen den neuen Tag. Und irgendwie überleben sie den Tag. Aber genau das ist das Traurige - sie überleben. Mit ihren Ängsten, ihren Zwängen, ihren Depressionen, ihren Erinnerungen und ihren Symptomen. Sie funktionieren. Sie halten durch. Sie überstehen den Tag. Und am nächsten Morgen beginnt alles von vorn.
Leben ist das nicht, sagen sie, es ist existieren. Und manche fragen sich dann: Wofür? Um zu leiden? Um zu kämpfen, um zu hoffen, dass es doch noch irgendwann besser wird und ein Leben wird. Und ich verstehe, was sie meinen.
Aber, was ist ein Leben?
Was bedeutet es zu leben?
Und ist existieren schon Leben?
 
Wenn ein großer Teil der eigenen Kraft dafür gebraucht wird, den Tag irgendwie zu überstehen, bleibt kaum Raum für das, was wir gewöhnlich mit Leben verbinden. Für Leichtigkeit. Für Neugier. Für Freude. Für Verbundenheit. Wenn jeder Tag ein Kampf ist, ist das Leben nicht unbedingt ein Ort, auf den man sich freut. Es wird zu etwas, das man bewältigen muss.
Und ja, irgendwann stellt sich dann die Frage: Wofür eigentlich?
Wofür all das Durchhalten? Wofür das tägliche Kämpfen, wenn es sich anfühlt, als würde man doch immer wieder am selben Punkt landen? Wofür hoffen, wenn die Hoffnung schon so oft enttäuscht wurde? 
 
Vielleicht doch wegen der Hoffnung.
Weil irgendwo tief in jedem von uns die Vorstellung lebt, dass es anders werden könnte. Dass es irgendwann einen Morgen geben könnte, an dem wir nicht sofort gegen uns selbst und unsere Vergangenheit ankämpfen müssen. Einen Tag, an dem wir nicht nur froh sind, ihn überstanden zu haben, sondern an dem wir tatsächlich etwas gefühlt haben, das sich nach Leben anfühlt.
 
Was bedeutet es also, zu leben?
Ist es das bloße DaSein? Ist es das Durchhalten, auch wenn man längst nicht mehr weiß, wofür?
Denn genau das geschieht, wenn Menschen schwer traumatisiert wurden. Ein Teil von ihnen fragt sich ständig wofür. Ein Teil bleibt in einem Zustand zurück, in dem Sicherheit nicht selbstverständlich ist, sondern immer wieder neu hergestellt werden muss. Selbst dann, wenn die Gefahr längst vorbei ist. Der Körper reagiert, als müsste er sich noch immer schützen. Die Seele hält fest, was sie einmal schützen musste. Und das Leben wird zu einem ständigen Versuch, mit etwas zurechtzukommen, das eigentlich längst vorbei sein sollte. Und dann sitzen diese Menschen vor mir und fragen sich wofür?
 
Ich wünschte, sie könnten sehen, was ich sehe.
Nicht nur ihre Symptome, ihre Ängste, ihre Zwänge oder das, was in ihrem Leben nicht funktioniert. Sondern auch den Menschen, der all das überstanden hat. Den Menschen, der gelernt hat, sich irgendwie durchzuschlagen, obwohl ihm vielleicht niemand jemals gezeigt hat, wie sich Liebe, Geborgenheit und Sicherheit anfühlen. Den Menschen, der Strategien entwickelt hat, um mit Umständen zurechtzukommen, die kein Mensch hätte ertragen sollen. Ich wünsche mir, dass sie verstehen, dass sie nicht grundlos so geworden sind. Dass ihr Leiden eine Geschichte hat. Dass ihr Leben nicht ein bloßes Existieren ist, weil sie heute mit den Folgen dessen kämpfen, was ihnen widerfahren ist. Dass sie Menschen sind die denken und fühlen, Sehnsüchte und Wünsche haben, Bedürfnisse und Träume. 
 
Ich möchte ihnen nicht sagen, dass sie einfach nur stark sind. Denn in meinen Augen ist es eine Zumutung, Menschen dafür zu bewundern, dass sie stark sind und überlebt haben, wenn sie sich nichts sehnlicher wünschen, als endlich nicht mehr kämpfen zu müssen. Nicht jeder Mensch möchte stark sein. Nicht jeder möchte noch eine Krise bewältigen, noch einen Rückschlag verkraften, noch einmal aufstehen und mit all dem, was schmerzt, weitermachen. Manche Menschen möchten einfach, dass es aufhört, so weh zu tun.
 
Sie möchten morgens aufwachen und nicht sofort von Angst überwältigt werden. Sie möchten sich entspannen können, ohne dass die innere Unruhe sie einholt. Sie möchten Freude empfinden, ohne sich dafür schuldig zu fühlen. Sie möchten sich selbst vertrauen können. Sie möchten sich endlich sicher fühlen. Sie möchten nicht länger nur überleben. Sie möchten endlich leben, in Leben, in dem die Vergangenheit nicht länger jeden gegenwärtigen Moment bestimmt. In dem Nähe wieder möglich werden darf. In dem eigene Bedürfnisse zählen. In dem Entscheidungen nicht ausschließlich von Angst geleitet werden. In dem es nicht nur darum geht, Schlimmes zu verhindern, sondern auch darum, Gutes zu erfahren. Indem ihre Symptome nicht ihr ganzes Denken und Fühlen beherrschen.
Ein Leben in dem sie irgendwann nicht mehr nur sagen: „Ich habe den Tag überstanden.“ Sondern: „Heute war ein guter Tag.“
 
Leben beginnt dort, wo wir wieder etwas anderes tun können, als nur zu überleben. Wo wir uns verbunden fühlen. Wo wir lieben. Wo wir neugierig werden. Wo wir Wünsche entwickeln. Wo wir uns selbst nicht länger nur als jemanden erleben, der irgendwie überleben muss.
Das ist die Hoffnung, die ich den Menschen, die zu mir kommen, vermitteln möchte, nicht, dass ihre Geschichte ungeschehen gemacht werden kann. Nicht, dass irgendwann alles gut sein wird. Nicht das alle Wunden heilen. Sondern dass ihre Geschichte nicht alles ist, was sie sind. Dass das, was ihnen widerfahren ist, erklärt, warum sie heute leiden, ohne festlegen zu müssen, wie ihr ganzes Leben aussehen wird. Dass es einen Weg geben kann, auf dem aus bloßem Überleben allmählich wieder Leben wird. Und dass sie es verdienen, diesen Weg zu gehen. Nicht, weil sie so viel ausgehalten haben. Nicht, weil sie stark genug waren, sondern einfach, weil sie Menschen sind.
Und weil ein Leben mehr sein sollte, als es irgendwie zu überleben.