Sonntag, 25. Oktober 2026

Warum ist Veränderung so schwer?

Foto: A.W.

 

Warum fällt es uns so schwer vertraute Verhaltensmuster zu ändern, selbst wenn wir wissen, dass wir uns damit selbst schädigen. Warum sind selbst kleine Veränderungen eine Herausforderung, an der wir scheitern? Und warum empfinden wir Veränderungen häufig als bedrohlich, obwohl wir sie uns wünschen? Die Antwort liegt zu einem wesentlichen Teil in der Funktionsweise unseres Gehirns. Die Neurowissenschaftliche Forschung zeigt, dass unser Gehirn alles was neu ist zunächst als potenzielle Gefahr bewertet. Dadurch entsteht ein innerer Widerstand, der bereits bei den kleinsten Schrotten in Richtung Veränderung spürbar wird.
 
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.
Alles was wir uns irgendwann angewöhnt haben, alles was wir oft genug wiederholen, ob gut oder ungut, ist tief im neuronalen Belohnungssystem verankert. Dort sitzt es fest und wir spulen es automatisch ab. Diese Automatismen bestimmen bis zu 90 % unseres Handelns. Unser Gehirn nutzt solche Automatismen, um den Alltag effizient zu bewältigen. Es muss nicht jede Handlung neu planen und jede Entscheidung von Grund auf abwägen. Was sich bewährt hat, kann schnell und mit vergleichsweise geringem kognitivem Aufwand abgerufen werden. Das gilt für hilfreiche Gewohnheiten ebenso wie für Verhaltensweisen, die uns langfristig schaden. Untersuchungen zeigen zudem, dass habitualisiertes Verhalten gegenüber Veränderungen der erwarteten Konsequenzen teilweise widerstandsfähig werden kann.Das Problem ist also nicht allein, dass wir an Gewohnheiten festhalten. Das Problem ist, dass unser Verhalten häufig bereits organisiert ist, bevor wir bewusst darüber nachdenken. 
 
„Niemand ändert sich auf Kommando“, schreibt der Hirnforscher Gerhard Roth. Und niemand ändert sich, weil er es zu seinem eigenen Wohlergehen muss, möchte ich hinzufügen.
Selbst wenn Menschen erkennen, dass ihr Verhalten sie auf Dauer krank macht, fällt es ihnen unendlich schwer es zu verändern. Das erklärt auch warum Suchterkrankungen so schwer zu stoppen sind. Ein Mensch kann beispielsweise unter seiner Sucht leiden und dennoch an ihr festhalten.
Warum?
Weil unsere Verhaltensweisen häufig eine Funktion erfüllen, die über das Bewusste hinausgeht. Sie helfen uns möglicherweise, Angst zu reduzieren, Konflikte zu vermeiden oder unangenehme Gefühle kurzfristig nicht fühlen zu müssen. Selbst schädliche Verhaltensweisen wie Süchte, können auf diese Weise zu vertrauten Bewältigungsstrategien werden. Wenn eine Veränderung mit Angst, Kontrollverlust, Verzicht oder dem möglichen Verlust von Zugehörigkeit verbunden ist, gewichtet unser Gehirn die damit verbundenen Kosten besonders stark. Gleichzeitig ist der kurzfristige Nutzen des alten Verhaltens unmittelbar verfügbar. Wir reduzieren Anspannung und entgehen einer möglicherweise unangenehmen Erfahrung. Wir greifen in der Folge auf das Vertraute zurück. Wir bleiben beim Status quo, obwohl wir wissen, dass er uns langfristig schadet. Wer also klar erkennt, dass ein bestimmtes Verhalten ihm langfristig schadet, kann kurzfristig dennoch Erleichterung darin finden. Das Wissen um die fatalen Folgen löscht die erlernten Muster nicht automatisch aus. Das erklärt, weshalb Einsicht allein nicht ausreicht.
 
Wir neigen dazu, anzunehmen, dass wir unser Verhalten verändern können, sobald wir ein Problem verstanden haben. Doch zwischen Erkenntnis und tatsächlicher Veränderung liegt ein komplexer Prozess. Veränderung bedeutet auch wir müssen wir lernen, unangenehme Gefühle auszuhalten, ohne automatisch in die alten Muster zurückzufallen. Wer eine Sucht stoppen möchte, braucht Strategien für den Umgang mit Verlangen, Stress und belastenden Gefühlen Wer Grenzen setzen möchte, muss möglicherweise die Angst vor Ablehnung bewältigen. Wer Kontrolle reduzieren möchte, muss Unsicherheit zulassen. Veränderung bedeutet deshalb nicht nur, eine alte Gewohnheit zu lassen. Sie bedeutet auch mit den Gefühlen umzugehen, auf die das bisherige Verhalten eine Antwort gegeben hat. Sie bedeutet auch, zu lernen mit den Situationen und Gefühlen umzugehen, auf die das bisherige Verhalten eine Antwort gegeben hat.
 
Unser Verhalten wird in erster Linie von unbewussten Prozessen gesteuert. Unser limbisches System entscheidet schneller, als wir bewusst denken können.  
Das rationale Bewusstsein kann zwar einleuchtende Argumente für eine Veränderung liefern und Impulse regulieren, doch die erste Tendenz zur Entscheidung entsteht im emotionalen und unbewussten Teil des Gehirns. Neurowissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass bereits vor einer bewussten Entscheidung Signale im Gehirn und in der Pupille aktiviert werden, die Aufwand- und Nutzenaspekte abwägen. Deshalb bleibt es beim Status-quo, heißt: wir bleiben beim alten Verhalten, auch wenn dieser Zustand selbstschädigend ist.
Das erklärt auch warum Therapie nicht, wie viele Menschen denken und hoffen, schnell hilft. Sie wollen ihre Probleme loswerden, ihre destruktiven Muster lösen, ihre unheilsamen Glaubenssätze ändern, ungesundes Verhalten sein lassen und machen die Rechnung ohne den Wirt: ihr Gehirn. Und das signalisiert: Bedrohlich! Das wiederum erzeugt Stress und inneren Widerstand.
Die gute Nachricht ist, dass die neuronalen Prozesse, die Gewohnheiten entstehen lassen, nicht ausschließlich gegen uns arbeiten. Dieselbe Fähigkeit des Gehirns, aus Erfahrungen zu lernen und Verhaltensweisen zu verändern, ermöglicht auch die Entwicklung neuer Muster. Wiederholung spielt dabei eine entscheidende Rolle. 
 
Neue Verhaltensweisen müssen wiederholt in konkreten Situationen angewendet werden. Entscheidend ist allerdings nicht allein die Häufigkeit der Wiederholung, sondern Veränderung muss sich lohnen. 
Viele machen zwar gedanklich am Anfang mit, ändern aber langfristig nichts. Sie schieben es dann auf die Methode, die nicht funktioniert, oder auf ihr Nervensystem und die darin gespeicherten Emotionen. Und damit haben sie sogar recht. Veränderungen, gleich welche, scheitert selten an der Therapie, oder am guten Willen des Klienten, sondern daran, dass das unbewusste emotionale System nicht erreicht wird. Veränderung muss auf drei Ebenen stattfinden. Sie muss unser Gehirn, unser Herz und unser emotionales Unbewusstes erreichen. Und sie findet zudem auch nur dann statt, wenn unser Gehirn sich eine Belohnung davon verspricht, heißt wenn die Veränderung positiv emotional aufgeladen wird. Auch das hat die Hirnforschung hinlänglich bewiesen. Veränderung braucht daher vor allem Wiederholung, Kontinuität, Zeit und das emotional empfundene Versprechen auf Belohnung.
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Samstag, 24. Oktober 2026

Wenn sich Reden sinnlos anfühlt

 



Wenn die Menschen fehlen, die wir lieben, ist das der tiefste und schmerzhafteste Verlust, den ein Leben erfahren kann. Wenn die wichtigsten Menschen gehen, sei es durch Trennung, Abschied oder Tod, verlieren wir nicht nur sie, sondern auch einen Teil von uns selbst, die gemeinsame Zukunft, Bedeutung und Sinn. 

Wir verlieren unser Fundament. Was uns bleibt ist ein tiefer Schmerz. 

Dieser tiefe Schmerz ist Ausdruck der Liebe zu diesen Menschen. 

Er lässt sich nicht einfach abstellen oder "reparieren".

Es bleibt eine Leere zurück, die sich durch nichts und niemanden einfach füllen lässt. 

 

Wir ziehen uns in die Stille zurück. 

Wir schweigen.

Wir wissen, kein Wort der Welt kann diese Menschen jemals wieder zurückbringen. Die Realität ihres Verlusts bleibt unveränderlich und das Aussprechen ändert nichts an dieser schmerzhaften Tatsache. Deshalb fühlt sich das Reden so völlig sinnlos an.

Worte können die Lücke nicht füllen. 

Sie können die Vergangenheit nicht umschreiben.

Das Einzige, was Reden tun kann ist, die innere Isolation für einen kurzen Moment zu durchbrechen. Nein, Reden ändert nichts am Verlust, aber wir müssen das unerträgliche Gewicht der Stille für einen Moment in der Zeit nicht völlig allein tragen.

Freitag, 23. Oktober 2026

Die Erlaubnis zur Kapitulation vor dem Unabänderlichen und das Schrumpfen des Fokus

 

Foto: A.W.


Wenn unser altes Leben durch den Verlust wichtiger Bindungspersonen oder einen Schickalsschlag in Trümmern liegt, blicken wir in ein tiefes schwarzes Loch. Wir wachen morgens auf und fragen uns „Wofür“ und wir finden keins. Und das ist okay. Wenn wir versuchen in einer solchen existenziellen Krise krampfhaft ein „Wofür“ zu finden, einen Sinn zu konstruieren oder uns zwingen nach vorne zu schauen werden wir von der Größe dieser Anforderungen an uns selbst regelrecht erdrückt. 
 
In einer existenziellen Krise schalten Gehirn und Nervensystem unter der immensen emotionalen Last in den Alarmzustand, der zu einer lähmenden Erstarrung führen kann. Im Zustand des emotionalen Zusammebruchs gibt es keine schnellen Lösungen und keinen sofortigen neuen Lebenssinn. Wir sind erst einmal gar nicht fähig dazu. Wenn durch den Verlust unseres alten Lebens und unserer alten Identität das gesamte psychische Koordinatensystem zerbricht, blickt die Seele in ein Vakuum. Wer jetzt in einem solchen Zustand versucht, ein Wofür oder eine Zukunftsperspektive zu entwickeln, überfordert die eigenen kognitiven und emotionalen Kapazitäten. Schon die schiere Antizipation einer Zukunft ohne das Verlorene, löst einen Zustand permanenter neuronaler Alarmbereitschaft aus, die das Nervensystem schützt, indem es es in die Erstarrung (Freeze) zwingt. In diesem Zustand ist das Suchen nach einem neuen Lebenssinn psychologisch unmöglich. Die einzige tragfähige Überlebensstrategie liegt darin, die Aufmerksamkeit und den Fokus auf das absolute Jetzt zu schrumpfen.
 
Wenn das große „Wofür“ im Leben fehlt, ist das Hilfreichste, was wir für uns tun können, den Moment zu leben.
Es geht nicht darum, wofür wir aufstehen, sondern es geht darum jetzt aufzustehen, jetzt ein Glas Wasser zu trinken, jetzt etwas zu essen, jetzt einen kleinen Spaziergang zu machen. Es geht nur darum im Jetzt zu sein. Wenn wir uns ins Jetzt holen und sei es nur durch den Blick aus dem Fenster in den Himmel oder das Spüren der warmen Kaffeetasse in den Händen, signalisieren wir unserem Nervensystem: "Genau in diesem Moment droht dir keine akute Gefahr. Du bist im Hier und Jetzt sicher." Das erlaubt unserem Körper, für ein paar Sekunden durchzuatmen und den chronischen Stresspegel minimal zu senken.
Oft verzweifeln wir daran, dass wir im Schmerz keine Lösung für unser zukünftiges Leben wissen. Wenn wir uns selbst sagen: „Du musst nicht wissen, wie es weitergeht, du schaust nur auf das Jetzt“, nehmen wir uns selbst eine große Last von den Schultern.
Wir geben uns die Erlaubnis zur Kapitulation vor dem Unabänderlichen.
Wir müssen unser Leben gerade nicht reparieren.
Wir müssen nur diesen einen Moment leben. 
 Das nimmt uns den Druck, funktionieren zu müssen. 
 
Ein großes „Wofür“ und neuer Lebenssinn lässt sich nicht erzwingen. Aber wenn wir den Fokus radikal verkleinern, entstehen plötzlich winzige Momente von Bedeutung, die für Sekunden die Leere füllen. 
Nicht mit Zukunft und Sinn, sondern mit kleinen wertfreien Handlungen. Sie sind die ersten Bausteine, aus denen Monate oder Jahre später langsam ein neues Fundament entstehen kann. Diese bewusste Verengung des Aufmerksamkeitsfeldes fungiert als Regulation für die kollabierte Psyche. Man kann es mit dem Fahren eines Bootes auf Sicht in einem dichten Nebel vergleichen. Wenn das Ich die Orientierung im eigenen Lebensraum komplett verloren hat, führt der Versuch den fernen Horizont zu fixieren oder den gesamten weiteren Lebenskurs zu planen, zu einer massiven kognitiven und emotionalen Überlastung, zu Angst, tiefer Ohnmacht oder gar in Verzweiflung. 
 
Das Schrumpfen des Fokus bedeutet unsere visuelle und mentale Energie ausschließlich auf den nächsten Meter direkt vor dem Bug unseres Bootes zu richten. Es geht nicht darum, den Nebel der Trauer und der Sinnlosigkeit kognitiv aufzulösen oder das Ufer einer neuen Identität zu erzwingen, es geht einzig darum, das seelische System im jetzigen Moment vor dem Aufprall der nächsten Schmerzwelle und vor der völligen Fragmentierung zu bewahren. Das bewusste Verkleinern des Horizonts auf den gegenwärtigen Moment ist ein Schutzraum für das überforderte Nervensystem. Es gleicht der Situation des Bootes, das im dichten Nebel auf offener See treibt. Wer in dieser absoluten Orientierungslosigkeit versucht, das nächste Ufer zu erblicken, verzweifelt an der grauen Weite. Wir versuchen also nicht, den Nebel gewaltsam aufzulösen oder das rettende Ufer zu erzwingen. Wir sorgen im Hier und Jetzt lediglich dafür, dass unser Boot bei der nächsten möglichen Welle nicht kentert. Das Nervensystem reguliert sich, indem es die Verantwortung für den gesamten, unbezwingbaren Ozean der Zukunft abgibt und sich nur noch um den Bruchteil der Zeit kümmert, der im Hier und Jetzt kontrollierbar bleibt. In dieser radikalen Reduktion der Anforderungen an uns selbst wird die Illusion aufgegeben, das Leben sofort „reparieren“ oder neu gestalten zu müssen. Es geht nicht um positive Umdeutung, nicht um das große Wofür, sondern um das reine Aushalten des Ist-Zustands. 
 
Indem wir uns im Jetzt verankern, entziehen wir der Zukunftsangst und der Ohnmacht das kognitive Futter. Wir geben unserem Nervensystem wieder und wieder das Signal, dass in diesem winzigen Moment keine akute Gefahr besteht. 
 Aus dieser kontinuierlichen, wertfreien Aneinanderreihung von überstandenen Momenten kann sich das Ich langsam aus der Starre lösen und dann den Nährboden für eine zukünftige psychische Reorganisation finden. Das bewusste Verkleinern des Horizonts auf den gegenwärtigen Moment ist ein hilfreicher Schutzraum für das überforderte Nervensystem. Es geht einzig und allein darum, das Steuer für diesen einen Moment auf Sicht zu halten. Wenn dieser eine Moment geschafft ist, folgt der nächste, Schritt für Schritt, Moment für Moment. Solange bis wir das rettende Ufer erreicht haben. 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Donnerstag, 22. Oktober 2026

Aber was ist Leben?

 

Foto: A.W.


In meiner Arbeit höre ich immer wieder Geschichten, die mir den Atem stocken lassen. Ich habe schon in viele menschliche Abgründe geblickt. Und doch gibt es immer wieder etwas, das noch schlimmer ist als das Schlimmste, von dem ich bisher erfahren habe. Und es macht etwas mit mir. Natürlich weiß ich, wie ich mich professionell abgrenzen kann. Ich mache regelmäßig Supervision und weiß um die Bedeutung von Selbstfürsorge. Und trotzdem gibt es Geschichten, die mir so tief in die Knochen fahren, dass ich Tage brauche, um sie zu verarbeiten.
 
Es ist unfassbar, was Menschen Menschen antun können.
Und was es dann mit denen, denen es angatan wurde macht. Es kann ein Leben zerstören, ein Leben zur Qual machen. Und doch leben diese schwer verletzen Menschen ein Leben.
Irgendwie kriegen sie es hin. Irgendwie stehen sie jeden Morgen auf und beginnen den neuen Tag. Und irgendwie überleben sie den Tag. Aber genau das ist das Traurige - sie überleben. Mit ihren Ängsten, ihren Zwängen, ihren Depressionen, ihren Erinnerungen und ihren Symptomen. Sie funktionieren. Sie halten durch. Sie überstehen den Tag. Und am nächsten Morgen beginnt alles von vorn.
Leben ist das nicht, sagen sie, es ist existieren. Und manche fragen sich dann: Wofür? Um zu leiden? Um zu kämpfen, um zu hoffen, dass es doch noch irgendwann besser wird und ein Leben wird. Und ich verstehe, was sie meinen.
Aber, was ist ein Leben?
Was bedeutet es zu leben?
Und ist existieren schon Leben?
 
Wenn ein großer Teil der eigenen Kraft dafür gebraucht wird, den Tag irgendwie zu überstehen, bleibt kaum Raum für das, was wir gewöhnlich mit Leben verbinden. Für Leichtigkeit. Für Neugier. Für Freude. Für Verbundenheit. Wenn jeder Tag ein Kampf ist, ist das Leben nicht unbedingt ein Ort, auf den man sich freut. Es wird zu etwas, das man bewältigen muss.
Und ja, irgendwann stellt sich dann die Frage: Wofür eigentlich?
Wofür all das Durchhalten? Wofür das tägliche Kämpfen, wenn es sich anfühlt, als würde man doch immer wieder am selben Punkt landen? Wofür hoffen, wenn die Hoffnung schon so oft enttäuscht wurde? 
 
Vielleicht doch wegen der Hoffnung.
Weil irgendwo tief in jedem von uns die Vorstellung lebt, dass es anders werden könnte. Dass es irgendwann einen Morgen geben könnte, an dem wir nicht sofort gegen uns selbst und unsere Vergangenheit ankämpfen müssen. Einen Tag, an dem wir nicht nur froh sind, ihn überstanden zu haben, sondern an dem wir tatsächlich etwas gefühlt haben, das sich nach Leben anfühlt.
 
Was bedeutet es also, zu leben?
Ist es das bloße DaSein? Ist es das Durchhalten, auch wenn man längst nicht mehr weiß, wofür?
Denn genau das geschieht, wenn Menschen schwer traumatisiert wurden. Ein Teil von ihnen fragt sich ständig wofür. Ein Teil bleibt in einem Zustand zurück, in dem Sicherheit nicht selbstverständlich ist, sondern immer wieder neu hergestellt werden muss. Selbst dann, wenn die Gefahr längst vorbei ist. Der Körper reagiert, als müsste er sich noch immer schützen. Die Seele hält fest, was sie einmal schützen musste. Und das Leben wird zu einem ständigen Versuch, mit etwas zurechtzukommen, das eigentlich längst vorbei sein sollte. Und dann sitzen diese Menschen vor mir und fragen sich wofür?
 
Ich wünschte, sie könnten sehen, was ich sehe.
Nicht nur ihre Symptome, ihre Ängste, ihre Zwänge oder das, was in ihrem Leben nicht funktioniert. Sondern auch den Menschen, der all das überstanden hat. Den Menschen, der gelernt hat, sich irgendwie durchzuschlagen, obwohl ihm vielleicht niemand jemals gezeigt hat, wie sich Liebe, Geborgenheit und Sicherheit anfühlen. Den Menschen, der Strategien entwickelt hat, um mit Umständen zurechtzukommen, die kein Mensch hätte ertragen sollen. Ich wünsche mir, dass sie verstehen, dass sie nicht grundlos so geworden sind. Dass ihr Leiden eine Geschichte hat. Dass ihr Leben nicht ein bloßes Existieren ist, weil sie heute mit den Folgen dessen kämpfen, was ihnen widerfahren ist. Dass sie Menschen sind die denken und fühlen, Sehnsüchte und Wünsche haben, Bedürfnisse und Träume. 
 
Ich möchte ihnen nicht sagen, dass sie einfach nur stark sind. Denn in meinen Augen ist es eine Zumutung, Menschen dafür zu bewundern, dass sie stark sind und überlebt haben, wenn sie sich nichts sehnlicher wünschen, als endlich nicht mehr kämpfen zu müssen. Nicht jeder Mensch möchte stark sein. Nicht jeder möchte noch eine Krise bewältigen, noch einen Rückschlag verkraften, noch einmal aufstehen und mit all dem, was schmerzt, weitermachen. Manche Menschen möchten einfach, dass es aufhört, so weh zu tun.
 
Sie möchten morgens aufwachen und nicht sofort von Angst überwältigt werden. Sie möchten sich entspannen können, ohne dass die innere Unruhe sie einholt. Sie möchten Freude empfinden, ohne sich dafür schuldig zu fühlen. Sie möchten sich selbst vertrauen können. Sie möchten sich endlich sicher fühlen. Sie möchten nicht länger nur überleben. Sie möchten endlich leben, in Leben, in dem die Vergangenheit nicht länger jeden gegenwärtigen Moment bestimmt. In dem Nähe wieder möglich werden darf. In dem eigene Bedürfnisse zählen. In dem Entscheidungen nicht ausschließlich von Angst geleitet werden. In dem es nicht nur darum geht, Schlimmes zu verhindern, sondern auch darum, Gutes zu erfahren. Indem ihre Symptome nicht ihr ganzes Denken und Fühlen beherrschen.
Ein Leben in dem sie irgendwann nicht mehr nur sagen: „Ich habe den Tag überstanden.“ Sondern: „Heute war ein guter Tag.“
 
Leben beginnt dort, wo wir wieder etwas anderes tun können, als nur zu überleben. Wo wir uns verbunden fühlen. Wo wir lieben. Wo wir neugierig werden. Wo wir Wünsche entwickeln. Wo wir uns selbst nicht länger nur als jemanden erleben, der irgendwie überleben muss.
Das ist die Hoffnung, die ich den Menschen, die zu mir kommen, vermitteln möchte, nicht, dass ihre Geschichte ungeschehen gemacht werden kann. Nicht, dass irgendwann alles gut sein wird. Nicht das alle Wunden heilen. Sondern dass ihre Geschichte nicht alles ist, was sie sind. Dass das, was ihnen widerfahren ist, erklärt, warum sie heute leiden, ohne festlegen zu müssen, wie ihr ganzes Leben aussehen wird. Dass es einen Weg geben kann, auf dem aus bloßem Überleben allmählich wieder Leben wird. Und dass sie es verdienen, diesen Weg zu gehen. Nicht, weil sie so viel ausgehalten haben. Nicht, weil sie stark genug waren, sondern einfach, weil sie Menschen sind.
Und weil ein Leben mehr sein sollte, als es irgendwie zu überleben.

Dienstag, 20. Oktober 2026

Slow and steady

 

Foto: A.W.

„Mir selbst zu vertrauen, dass ich eine Veränderung wagen kann, ist schwer, besonders dann, wenn man jahrelang immer wieder in dieselben Muster zurückgefallen ist und immer wieder von vorn anfangen musste. Ich habe mir so oft selbst eingeredet: Diesmal wird alles anders und es ist nichts anders geworden“, sagt meine Klientin.

 

Das ist eine kluge und zugleich schmerzhaft ehrliche Erkenntnis.

Sie beschreibt genau den Kern der Frustration, die viele von uns kennen: Es ist nicht der Mangel an gutem Willen, sondern das erschöpfte Vertrauen in uns selbst, trotzdem wir wollen wollen.Wenn wir jahrelang erlebt haben, dass wir trotz der Bereitschaft und festem Willen, Versprechen die wir uns selbst gegeben haben, immer wieder gebrochen haben, schaltet die Psyche irgendwann auf Selbstschutz. Der Satz „Diesmal wird alles anders“ fühlt sich dann nicht mehr wie eine berechtigte Hoffnung an, sondern wie eine naive Illusion. Unser Gehirn glaubt es schlichtweg nicht mehr, dass es anders wird, weil die Beweise der Vergangenheit dagegensprechen.

 

Unsere Muster sind aber keine Fehler, sie sind tief verankert in eingefahrene neuronale Autobahnen.  

Unser Gehirn rutscht nicht in alte Muster, weil wir schwach sind oder unfähig sind, sondern weil diese Bahnen im Gehirn tief ausgetretenen Pfaden im Wald gleichen. Ein neues Muster aufzubauen ist ungefähr so schwer wie das Schlagen eines neuen Pfades durch dichtes Unterholz.  Das braucht Zeit, Kraft und viel Geduld. Um das Vertrauen in uns selbst langsam und sanft wieder aufzubauen, hilft es oft, radikal umzudenken.  

Dazu gehört:

 

Keine großen Ziele mehr setzen

Die Veränderungen müssen so klein sein, dass wir sie auch tatsächlich umsetzen können. Die Hürde sollte so niedrig sein, dass wir nicht schon an unserem eigenen Anspruch scheitern. Vertrauen baut sich nicht auf, indem wir sofort den großen Berg besteigen. Es baut sich in kleinen Schritten auf. Indem wir uns beispielsweise vornehmen, heute einen Liter Wasser zu trinken und es dann auch tun. Indem wir kontinuierlich einmal am Tag eine Atemübung machen, selbst wenn es nur ein paar Minuten sind. Indem wir einen tiefen Atemzug nehmen und innehalten, bevor wir unseren Körper wieder mit etwas Ungesundem schaden. Indem wir jeden Abend eine einzige kleine Sache aufschreiben, die uns an diesem Tag gelungen ist. 

Und wenn es an einem Tag nicht klappt, beginnen wir am nächsten Tag erneut.

Kleine, winzige Absprachen mit uns selbst, die wir konsequent einhalten, sind das Fundament, auf dem neues Vertrauen in uns selbst wachsen kann.

 

Vergebung und Selbstmitgefühl statt Härte und Selbstverurteilung

Das Zurückfallen in alte Muster ist Teil des Prozesses, nicht das Ende. Wenn wir uns nach einem Rückschlag selbst verurteilen, entziehen wir unserem Selbstvertrauen nur noch mehr Nährboden. Wir dürfen lernen, uns selbst zu vergeben und uns mit mehr Mitgefühl zu begegnen. Nicht, um uns alles durchgehen zu lassen, sondern um nach einem Rückschlag wieder aufstehen und weitermachen zu können.

 

Neuroplastizität: Der Bau einer neuen Autobahn

Das Gehirn ist ein Vorhersageorgan. Es versucht ständig, die Zukunft auf der Grundlage unserer bisherigen Erfahrungen einzuschätzen und es liebt Wiederholungen. Es nutzt sie als zentralen Mechanismus, um Erinnerungen dauerhaft zu speichern und sich effizient an unsere Umwelt anzupassen. Ohne bewusste oder unbewusste Wiederholungen könnten wir Informationen nicht langfristig im Gedächtnis behalten. Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass das Gehirn dafür Erlebtes in Ruhephasen oder im Schlaf im sogenannten Zeitraffer-Modus eigenständig wiederholt. Der Hippocampus spielt dabei die erlebten Aktivitätsmuster immer wieder im Schnelldurchlauf ab, um sie im Großhirn zu verankern. Bei der ersten Konfrontation mit einer Information wird ein neuer, noch schwacher Pfad zwischen den Neuronen angelegt. Durch ständige Stimuluswiederholungen feuern diese Neuronen immer wieder gemeinsam. Das Gehirn passt die Verbindungen an, die Synapsen werden verstärkt und die Signalübertragung wird effizienter. 

 

 

„Neurons that fire together, wire together“.

Das können wir uns zunutze machen, indem wir es mit neuen Vorhersagen füttern.

 

Ein Beispiel:

Die alte Vorhersage lautet: „Wenn ich mir vornehme, mich jeden Tag zu bewegen und einen Spaziergang zu machen, klappt das sowieso nicht.“

Dieser Gedanke kann schon im Vorfeld Frustration auslösen und es uns schwerer machen, überhaupt anzufangen.

 

Die neue Erfahrung kann dagegen lauten: „Ich habe mir vorgenommen, einen kleinen Spaziergang zu machen, und ich habe es getan.“

Wenn wir eine solche kleine Zusage an uns selbst wiederholt einhalten, sammeln wir neue Erfahrungen. Natürlich verändern sich in wenigen Tagen noch keine tief verwurzelten Verhaltensmuster grundlegend. Aber wir beginnen, die Erfahrung der eigenen Ohnmacht zu durchbrechen.

Eine Studie der Verhaltensforscherin Phillippa Lally zeigte, wie lange es dauert, bis sich neue Verhaltensweisen zu festen Gewohnheiten entwickeln. In ihrer Studie lag der geschätzte Mittelwert bei etwa 66 Tagen. Die tatsächliche Dauer variierte allerdings erheblich, abhängig von der Person und dem jeweiligen Verhalten. Es gibt also keinen magischen Zeitpunkt, an dem eine neue Gewohnheit plötzlich automatisch funktioniert. Wichtiger ist, dass wir dranbleiben. Mit jeder Wiederholung sammeln wir Erfahrungen, die es wahrscheinlicher machen, dass wir das neue Verhalten künftig wieder ausführen. Belohnungs- und Lernprozesse im Gehirn spielen dabei eine wichtige Rolle. Je öfter wir ein Verhalten wiederholen, desto vertrauter wird es für unser Gehirn.  Schritt für Schritt entsteht ein neuer Pfad. Und mit jeder eingehaltenen Zusage sammeln wir Erfahrungen, die einer neuen inneren Überzeugung Raum geben können: „Wenn ich mir etwas vornehme, kann ich es auch tun.“

 

Wenn wir uns immer wieder an kleine Absprachen mit uns selbst halten, kann sich allmählich unser Bild von uns selbst verändern. Wir erleben, dass wir durchaus in der Lage sind, unser Verhalten zu beeinflussen und unsere Vorhaben umzusetzen.  

Letztlich geht es darum, unserem Gehirn neue Erfahrungen zu ermöglichen. 

Lernprozesse im Gehirn werden wie gesagt durch Wiederholung und Rückmeldung beeinflusst. Auch Dopamin spielt dabei eine Rolle, unter anderem bei Motivation, Lernen und der Verarbeitung von Belohnung. Es ist allerdings nicht so, dass jeder kleine Erfolg automatisch neue Verbindungen festigt. Vielmehr tragen unterschiedliche Lern- und Anpassungsprozesse dazu bei, dass neue Verhaltensweisen mit der Zeit vertrauter werden. Jeder kleine Erfolg kann uns dabei helfen, den alten, ausgetretenen Pfad zu verlassen und einen neuen Weg einzuschlagen. Und je öfter wir neue Erfahrungen machen, desto größer ist die Chance, alte Muster nachhaltig zu verändern. 

 

Wir müssen uns nicht beweisen, dass wir nie wieder scheitern. Vielleicht liegt genau hier der größte Denkfehler, wenn wir unser Selbstvertrauen zurückgewinnen möchten. 

Wir glauben, wir müssten uns erst beweisen, dass wir es diesmal wirklich schaffen. Dass wir konsequent bleiben, nicht mehr zurückfallen und unsere alten Muster endlich hinter uns lassen. Aber was, wenn Vertrauen etwas anderes bedeutet? Was, wenn es nicht darum geht, uns selbst zu garantieren, dass wir nie wieder scheitern, sondern darum, darauf vertrauen zu lernen, dass wir auch dann noch für uns da sein können, wenn etwas nicht gelingt. Dass wir uns nicht sofort aufgeben, wenn wir einen Umweg gehen. Dass ein schwieriger Tag nicht alle Fortschritte zunichte macht. Dass wir nicht jedes Mal wieder bei null anfangen müssen, nur weil wir einen Schritt zurück gemacht haben. Und wenn wir nicht länger erwarten, immer alles richtig machen zu müssen, sondern beginnen, uns selbst auch in unseren schwierigen Momenten mit liebevoller Güte zu begleiten.

 

Wir müssen nicht von heute auf morgen zu einem Menschen werden, der niemals zweifelt und immer durchhält. Wir dürfen ein Mensch sein, der sich selbst wieder ein wenig mehrvertraut. Schritt für Schritt. Erfahrung für Erfahrung. Tag für Tag.

Und vielleicht können wir irgendwann sagen: „Ich weiß nicht, ob diesmal alles anders wird. Aber ich weiß, dass ich heute einen kleinen Schritt machen kann. Und wenn ich morgen stolpere, bedeutet das nicht, dass ich gescheitert bin. Ich kann wieder aufstehen und weitergehen.“

Uns selbst wieder zu vertrauen bedeutet nicht, darauf zu vertrauen, dass wir niemals wieder hinfallen. Es bedeutet, darauf zu vertrauen, dass wir uns auch dann nicht verlassen, wenn wir hinfallen. Es bedeutet, darauf zu vertrauen, dass wir nach dem Hinfallen wieder aufstehen und von Neuem beginnen können.

 

Slow and steady wins the race. :)

 

 

 

Samstag, 17. Oktober 2026

Am Ende wird alles gut – oder doch nicht?



Neulich fragte mich eine Klientin: „Können Sie mir versprechen, dass am Ende alles gut wird?“
Ich hielt einen Moment inne. Nicht, weil mir keine Antwort einfiel, sondern weil mir bewusst war, wie viel in dieser Frage verborgen lag. Vielleicht war es gar nicht die Frage nach der guten Zukunft, sondern vielmehr die Frage nach der Hoffnung auf eine gute Zukunft. Nach dem Wunsch, dass das eigene Leiden einen Sinn hat, dass sich das Aushalten lohnt und dass irgendwann ein Moment kommt, in dem man zurückblickt und sagen kann: Es ist gut geworden.
Doch kann man das wirklich versprechen?
 
Wir alle sehnen uns nach Gewissheit. Wir möchten glauben, dass auf jede dunkle Nacht ein heller Morgen folgt, dass jede Krise uns stärker macht und jede erschütternde Erfahrung irgendwann ihren Platz in unserer Lebensgeschichte findet. „Am Ende wird alles gut“ vermittelt die Vorstellung, das Leben folge einer unsichtbaren Ordnung, in der sich alles irgendwann fügt. Als wäre das Leid nur ein vorübergehender Umweg auf dem Weg zu einem guten Ende.
Auf gewisse Weise hat dieser Gedanke etwas Kindliches. Nicht im Sinne von naiv oder töricht, sondern im Sinne eines frühen, tief in uns verankerten Bedürfnisses nach Sicherheit. Er erinnert an die kindliche Vorstellung, dass die Welt im Grunde gut und gerecht ist, dass auf jedes Unglück eine Wiedergutmachung folgt, das es immer ein Licht am Ende des Tunnels gibt und dass am Ende diejenigen belohnt werden, die durchgehalten haben. Als gäbe es eine unsichtbare Ordnung, die dafür sorgt, dass alles seinen Sinn bekommt und keine Geschichte wirklich schlecht enden darf.
Vielleicht fällt es uns deshalb so schwer, anzuerkennen, dass uns das Leben diese Ordnung nicht verspricht. Dass nicht jeder Schmerz eine Lektion enthält, nicht jeder Ungerechtigkeit Gerechtigkeit folgt und nicht jeder Verlust ersetzt werden kann. Wir möchten glauben, dass das, was wir heute nicht verstehen, morgen einen Sinn ergeben wird. Dass wir eines Tages zurückblicken und erkennen, warum all das geschehen musste, was geschah. Aber manches geschieht einfach. Ohne Grund, ohne Sinn. Und vielleicht liegt ein Teil des Erwachsenwerdens darin, das auszuhalten, ohne dabei die Hoffnung zu verlieren.
 
Nicht alles fügt sich. Nicht jede Wunde heilt vollständig. Nicht jeder Verlust hat einen Sinn. Es gibt Dinge, die geschehen, ohne dass wir sie jemals wirklich verstehen werden. Wir machen Konstruktionen aber Konstruktionen sind keine Wahrheiten. Und manchmal ist das Ende einer Geschichte eben nicht das, was wir uns erhofft haben. Ein Teil unseres Leidens liegt genau darin, dass wir glauben, das Leid müsse irgendwann verschwinden, damit unser Leben wieder gut sein darf. Wir warten darauf, dass der Schmerz aufhört, die Angst und Unsicherheit verschwindet und die Dinge endlich so werden, wie sie unserer Vorstellung nach sein sollten. Dabei übersehen wir, dass das Leben nicht erst dann lebenswert wird, wenn alles geklärt und unter Kontrolle ist. Für mich besteht die Kunst des Lebens gerade darin, mit dem Ungeklärten, dem Unkontrollierbaren zu leben, ohne daran zu verzweifeln.
 Die Philosophie beschäftigt sich seit Jahrhunderten mit der Frage, wie wir mit dem umgehen können, was sich unserer Kontrolle entzieht. Wir können nicht bestimmen, was uns widerfährt, wen wir verlieren oder welche Wünsche und Ziele unerfüllt bleiben. Aber wir können versuchen, eine Haltung zu dem zu entwickeln, was uns begegnet. Eine solche Haltung bedeutet nicht, alles akzeptieren zu müssen oder jedem Leid einen Sinn zuzuschreiben. Sie bedeutet vielmehr, anzuerkennen, dass das Leben uns keine Versprechen gibt und wir dennoch glauben, lieben, hoffen und handeln können.
 
Vielleicht sollten wir die Frage verändern. Nicht: Wird am Ende alles gut? Sondern: Wie kann ich weiterleben, auch wenn nicht alles gut wird? Kann ich inneren Frieden finden, ohne auf jede Frage eine Antwort zu bekommen? Kann ich dankbar sein, obwohl es Dinge gibt, die mir fehlen oder mich traurig machen? Und kann ich darauf vertrauen, dass das Leben Möglichkeiten bereithält, auch wenn ich sie im Moment aufgrund meiner Vorstellungen wie es zu sein hat, nicht sehen kann?
 
Als mich meine Klientin fragte, ob ich ihr versprechen könne, dass am Ende alles gut wird, hätte ich ihr gerne die Sicherheit gegeben, nach der sie suchte. Doch ein solches Versprechen kann kein Mensch einem anderen geben. Es wäre nichts weiter als ein unwahrhaftiger Versuch gewesen, die Ungewissheit zu beruhigen. Nichts und niemand kann uns versprechen, dass am Ende alles gut wird. Es geht darum anzuerkennen, dass niemand von uns weiß, wie die eigene Geschichte oder die eines anderen weitergeht. Wir wissen nicht, ob ein schwieriges Kapitel zwangsläufig ein gutes Ende bedeutet. Was wir wissen ist, dass sich die Dinge verändern können, ohne dass wir es vorhersehen oder dirigistisch beeinflussen können. Aber was wir nicht erst wissen müssen ist, wie eine Geschichte ausgeht, um sie weiterschreiben zu dürfen.
 
Vielleicht wird am Ende nicht alles gut. Vielleicht wird es einfach anders. Und vielleicht besteht Hoffnung nicht darin, dass alles so wird, wie wir es uns wünschen. Hoffnung bedeutet nicht, an ein gutes Ende glauben zu müssen, sondern offen zu bleiben für das Gute, das trotz allem Unguten noch entstehen kann. Das Leben schuldet uns kein gutes Ende. Und solange unsere Geschichte noch nicht zu Ende gelebt ist, wissen wir auch nicht, was noch Gutes werden kann.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Freitag, 16. Oktober 2026

Die unsichtbare Wand

 



Es war der Moment, in dem unser Gespräch gegen eine unsichtbare Wand stieß. Ich erzählte von Andy Warhols Buch „The Philosophy of Andy Warhol“, das ich gerade lese und seine paradoxe Einsamkeit. Über die sterile Isolation eines Mannes, der ständig von einer schillernden Entourage umgeben war und sich doch hinter Kameras, Tonbandgeräten und einer kühlen, sorgfältig gepflegten Oberfläche verbarg, um menschliche Nähe auf Distanz zu halten. Die Antwort kam prompt, kühl und von einer eigentümlichen Distanziertheit. Mein Gegenüber meinte, Andy Warhol sei nicht sein Thema, und „Mr. Warhols Befindlichkeiten“ interessieren ihn nicht. Was als Gespräch über ein zutiefst menschliches, universelles Gefühl begonnen hatte, verwandelte sich plötzlich in einen kunsthistorischen Diskurs. Die Aufmerksamkeit verschob sich von Warhols Einsamkeit und Verletzlichkeit auf die Kunst im Allgemeinen. Zugegeben, eine elegante Flucht vor vermeintlichen „Befindlichkeiten“, die damit plötzlich wie etwas Belangloses klangen.
 
Heute morgen frage ich mich, weshalb manche Menschen beim Thema Einsamkeit so abrupt dichtmachen. Vielleicht berührt es etwas in ihnen, das sich nicht ohne Weiteres intellektualisieren, relativieren oder auf andere projizieren lässt. In einer Gesellschaft, die Unabhängigkeit, Erfolg und soziale Attraktivität zu Maßstäben eines gelungenen Lebens erhebt, erscheint Einsamkeit leicht als persönlicher Makel. Wer sich zu ihr bekennt, riskiert als unzulänglich, nicht begehrt oder sozial gescheitert wahrgenommen zu werden. Selbst wer über die Einsamkeit eines anderen Menschen spricht, kann unversehens in die Nähe dieser vermeintlichen Schwäche geraten. Dann setzt ein Abwehrreflex ein. Man distanziert sich vom Thema, als ließe sich durch die Zurückweisung des Gefühls der Einsamkeit zugleich die Möglichkeit ausschließen, selbst von ihm betroffen zu sein. Die Botschaft lautet dann unausgesprochen, aber deutlich: Das hat mit mir nichts zu tun.
 
Über Einsamkeit zu sprechen, bedeutet nicht zwangsläufig, sich selbst zu offenbaren. Und doch trägt das Thema eine eigentümliche Intimität in sich. Es fordert uns dazu heraus, die vertraute Distanz zwischen Beobachtung und Erfahrung zumindest für einen Augenblick aufzugeben. Wo diese Nähe als bedrohlich empfunden wird, bietet der Verstand einen sicheren Rückzugsort. Das Gespräch wird auf eine Metaebene gehoben, Begriffe werden sortiert, historische Zusammenhänge hergestellt, ästhetische Kategorien bemüht. An die Stelle der Frage, was Einsamkeit mit uns macht, tritt die Frage, wie sie sich theoretisch einordnen lässt. Der Intellekt wird zur Festung, er ermöglicht es über etwas zu sprechen, ohne sich von ihm berühren zu lassen.
Das ist jetzt keineswegs ein Plädoyer gegen das Denken.
Im Gegenteil, erst das Denken kann Erfahrungen sichtbar machen, für die uns im unmittelbaren Erleben bisweilen die Sprache fehlt. Doch es gibt einen Unterschied zwischen dem Denken, das sich einem Gefühl nähert, und jenem Denken, dass es auf Abstand hält. Man kann die Einsamkeit eines Menschen präzise analysieren und ihr dennoch ausweichen. Man kann über sie sprechen, ohne ihr wirklich zu emotional zu begegnen.
 
Nicht jede Form der Einsamkeit genießt denselben gesellschaftlichen Status. Es gibt eine Einsamkeit, die als Zeichen von Größe gilt, z.B. die selbstgewählte Isolation des Genies, die heroische Abkehr des Philosophen von der Gesellschaft, das einsame Ringen des Künstlers mit sich und der Welt. Diese Einsamkeit besitzt eine Dramaturgie. Sie ist aufgeladen mit Bedeutung, sie verspricht Tiefe, vielleicht sogar eine Form von Überlegenheit. Sie lässt sich bewundern, weil sie als bewusste Entscheidung erscheint. Warhols Einsamkeit hingegen war nichts Erhabenes und gerade deshalb hat sie etwas Verstörenderes. Sie war steril, modern und leise. Sie zeigte sich nicht im pathetischen Rückzug eines Einzelgängers, sondern mitten im gesellschaftlichen Betrieb, im Glanz der New Yorker Kunstszene, im Strom von Bildern, Stimmen und Begegnungen. Warhol war umgeben von Menschen und hielt sie doch auf Distanz. Seine Apparate zeichneten auf, was geschah, seine öffentliche Persona machte ihn sichtbar. Aber Sichtbarkeit ist nicht dasselbe wie Nähe und viel Gesellschaft ist nicht dasselbe wie echte Verbundenheit. Vielleicht liegt gerade darin die Irritation. 
 
Diese Form der Einsamkeit lässt sich nicht ohne Weiteres romantisieren. Sie bietet keinen heroischen Widerstand, keine große Geste, keine beruhigende Erzählung vom genialen Außenseiter. Sie ist unspektakulär und zugleich radikal. Sie erinnert daran, dass Isolation nicht erst dort beginnt, wo jemand allein in einem Zimmer sitzt. Sie kann sich auch mitten unter Menschen ereignen, im Zentrum der Aufmerksamkeit, hinter einer perfekt funktionierenden sozialen Oberfläche.
Es mag leichter sein, die Einsamkeit des genialen Künstlers zu bewundern, als sich auf jene stille, unscheinbare Einsamkeit einzulassen, die keine ästhetische Rechtfertigung mitliefert. Solange sie als Ausdruck einer außergewöhnlichen Persönlichkeit erscheint, bleibt sie auf Distanz. Man kann sie mit Abstand betrachten, deuten und sogar verehren. Wird sie jedoch als ein gewöhnliches menschliches Leid sichtbar, verliert sie ihre schützende Aura. Dann steht nicht mehr nur ein einsamer Andy Warhol im Raum, sondern auch die Frage, wie viel Nähe wir selbst zulassen, wie gut wir uns hinter unseren Rollen verbergen und wie oft wir Gesellschaft mit Verbundenheit verwechseln.
 
Vielleicht war es das, was in diesem Gespräch auf dem Spiel stand. Nicht die Frage, ob Andy Warhol als Künstler interessant genug ist, und auch nicht, ob seine Einsamkeit kunsthistorisch angemessen von mir beschrieben wurde. Es ging um etwas Tieferes, um die Bereitschaft ein Gefühl gelten zu lassen, ohne es sofort zu erklären, abzuwerten oder aus dem eigenen Erfahrungsraum zu verbannen. Die Bezeichnung „Befindlichkeit“ wirkte dabei wie eine sprachliche Geste der Entwertung. Sie verkleinert, was sich nicht ohne Weiteres fassen und kontrollieren lässt. Aus einer allgemein menschlichen existenziellen Erfahrung wird eine private Empfindlichkeit, aus einer Frage, die uns alle betreffen könnte oder sogar betrifft, eine Marotte des Einzelnen. Das Thema war damit für mein Gegenüber erledigt. Doch möglicherweise verrät gerade die Heftigkeit, mit der etwas als belanglos zurückgewiesen wird, dass es keineswegs belanglos ist. Ich weiß nicht, was mein Gegenüber in diesem Moment tatsächlich empfand. Es wäre zu einfach, aus einer einzigen Reaktion auf eine verborgene Angst oder eine persönliche Abwehrhaltung zu schließen. Vielleicht war es schlicht Desinteresse, vielleicht eine andere Vorstellung davon, worüber sich unser Gespräch lohnen sollte. Aber die Szene hat mir vor Augen geführt, wie schnell ein Gespräch über Einsamkeit an eine Grenze gelangen kann und wie wenig es manchmal braucht, um diese Grenze sichtbar zu machen.
 
Einsamkeit ist nicht nur ein Zustand, den Menschen erleiden. Sie ist auch ein Thema, dem Menschen ausweichen. Wir können sie romantisieren, theoretisieren oder als bloße Befindlichkeit abtun. Wir können sie im Leben anderer erkennen, solange wir nicht befürchten müssen, etwas von uns selbst darin wiederzufinden. Ein tiefes Gespräch über Einsamkeit beginnt für mich dort, wo diese Ausweichbewegungen enden. Nicht mit dem Bekenntnis, selbst einsam zu sein und auch nicht mit der Pflicht, sich einem fremden Gefühl zu öffnen, sondern mit der Bereitschaft, uns berühren zu lassen, bevor wir entscheiden, ob uns etwas berührt.
Manchmal ist es nur ein Augenblick, in dem ein Gespräch verstummt und eine unsichtbare Wand entsteht. Doch hinter dieser Wand liegt womöglich nicht bloß das Unbehagen des anderen. Vielleicht liegt dort auch eine Frage, die wir am liebsten vermeiden, nämlich ob wir die Einsamkeit anderer tatsächlich nicht verstehen, oder ob wir nur nicht riskieren möchten, ihr zu nahe zu kommen.
 
Angelika Wende

Art Work: Horst Jannsen