Sonntag, 10. Mai 2026

Reaktivierte Bindungsverletzung nach Kontakt mit dem Ex-Partner - Altes Verhalten ist oft ein verlässlicher Hinweis auf zukünftiges Verhalten

 

                                                                        Malerei: A.Wende

Meine Klientin erzählt, sie habe sich nach langer Zeit bei ihrem Ex-Partner, der sie in der Vergangenheit wiederholt belogen und betrogen hatte, gemeldet. Im Verlauf eines vierstündigen Telefonats zeigt er sich sehr emotional. Er beteuert, wie leid ihm sein damaliges Verhalten tut, spricht von Schuld- und Schamgefühlen und sagt, er sei froh, dass sie sich wieder gemeldet hat und dass er sie noch immer liebt. Die Klientin erlebt das Gespräch als sehr intensiv und berührend. Sie glaubt ihm die Reue, verzeiht ihm und lässt sich emotional wieder auf ihn ein. Am Ende des Gesprächs fragt er, ob er sie am nächsten Tag wieder anrufen dürfe. Sie stimmt zu. Der angekündigte Anruf kommt jedoch nicht. Meine Klientin ist am Boden zerstört.
Ich frage warum sie ihn überhaupt wieder angerufen hat. Sie sagt, sie weiß es nicht genau. Es sei ein Impuls gewesen.
Ihr „Ich weiß es nicht“ ist kein Zeichen dafür, dass es keinen Grund gab, sondern dafür, dass ihr die zugrunde liegenden Motive nicht vollständig bewusst sind. Gerade in Beziehungen mit starker emotionaler Verletzung, Betrug und ambivalenter Bindung handeln Menschen häufig nicht rational, sondern aus einem tieferen inneren Bedürfnis heraus.
Sie denkt nach und sagt, möglicherweise war der Anruf der Versuch, etwas innerlich Unabgeschlossenes zu lösen. 
 
Nach schmerzhaften Beziehungen bleibt oft eine innere Spannung zurück
Fragen nach Wahrheit, der Wunsch nach Wiedergutmachung oder danach, ob der andere den eigenen Schmerz jemals wirklich verstanden hat. Viele Menschen sehnen sich nicht nach dem verlorenen Partner, sondern nach einer Wiedergutmachung der Verletzung. Der Wunsch war bei ihr nicht: „Ich will ihn zurück“, sondern: „Ich möchte, dass alles einen anderen Ausgang bekommt.“
 
Frühere Bindungen bleiben im Nervensystem gespeichert.
Selbst wenn wir rational wissen, dass ein Mensch nicht gut für uns ist, kann emotional weiterhin Sehnsucht, Hoffnung oder Bindungsaktivierung bestehen. Gerade ungesunde Beziehungen in denen Nähe und Verletzung eng miteinander verknüpft waren erzeugen häufig eine besonders starke innere Anziehung. Kontakt wird dann als Möglichkeit zur Beruhigung oder Heilung empfunden. Leider geschieht dann genau wieder das, was schon zuvor ungesund war – auf Nähe folgt Distanz, auf Hoffnung folgt Enttäuschung.
Meine Klientin reagiert auf das Ausbleiben seines versprochenen Anrufs tief verstört und traurig. Sie erlebt das Verhalten als erneute Lüge und als Wiederholung seines Musters aus Betrug, Täuschung und Unverbindlichkeit. Besonders belastend ist für sie die Diskrepanz zwischen der emotionalen Intensität des Gesprächs und seinem anschließenden Rückzug. Sie sagt:“Wie blöd bin ich? Ich hätte es wissen müssen. Er ist ein Lügner und Betrüger.“
Die erneute Verletzung liegt nicht allein im ausgebliebenen Anruf, sondern vor allem darin, dass meine Klientin sich innerlich wieder geöffnet hat. Durch die Reuebekundungen, die emotionale Nähe und die Bitte um weiteren Kontakt wurden bei ihr starke Bindungssignale aktiviert. Sie dachte, dass möglicherweise etwas Wesentliches wiederhergestellt werden könnte: Aufrichtigkeit, Wiedergutmachung oder sogar eine nachträgliche Heilung der alten Verletzung. Das anschließende Schweigen des Ex-Partners führt nicht nur zu einer weiteren Enttäuschung, sondern zu einer tiefen emotionalen Destabilisierung.
 
Aus Sicht meiner Klientin handelt es sich klar um eine erneute Lüge. 
Er kündigt einen Anruf an und hält sein Versprechen nicht. Vor dem Hintergrund der Vorgeschichte erlebt sie das Verhalten nicht als kleine Unzuverlässigkeit, sondern als Lüge, als Ausdruck fehlender Integrität und emotionaler Unverbindlichkeit. Der Mann stellt intensive Nähe her, erzeugt Hoffnung und zieht sich anschließend wieder zurück. Wieder fühlt sich meine Klientin getäuscht und emotional im Stich gelassen. 
 Ich sage ihr, dass Menschen in emotional intensiven Momenten durchaus Dinge sagen können, die sie in diesem Augenblick so empfinden, ohne anschließend fähig zu sein, diese Gefühle in verlässliches Verhalten zu übersetzen. 
 
Reue bedeutet nicht automatisch Beziehungsfähigkeit und Schuldgefühle garantieren keine emotionale Stabilität. 
 
Gerade Menschen mit vermeidendem oder unreifem Bindungsverhalten ziehen sich nach intensiver Nähe häufig wieder zurück, sobald die emotionale Realität des Kontakts spürbar wird. Hinzu kommt, dass sich grundlegende Verhaltensmuster bei Menschen in der Regel nur selten ändern. Altes Verhalten ist oft ein verlässlicher Hinweis auf zukünftiges Verhalten. Gerade wenn sich über längere Zeit hinweg Muster wie Unverbindlichkeit, Brüche von Zusagen und emotionale Inkonsistenz gezeigt haben, ist es wahrscheinlich, dass diese Dynamik auch im neuen Kontakt wieder auftritt.
 
Für meine Klientin macht diese Differenzierung emotional jedoch keinen Unterschied - das Ergebnis bleibt dasselbe: Sie wurde wieder belogen und erneut emotional allein gelassen.
Die Frage ist hier jedoch weniger, ob der Mann bewusst gelogen hat, sondern warum sie sich selbst beschuldigt. Der Satz „Ich hätte es doch wissen müssen. Ich bin blöd“, zeigt den Versuch meiner Klientin, im Nachhinein Kontrolle über die Situation herzustellen. Dahinter steht die Vorstellung, sie hätte sich schützen können, wenn sie nur realistischer oder misstrauischer gewesen wäre. Ich versuche ihr zu vermitteln, dass ihr Vertrauen nicht Ausdruck ihrer Naivität war, sondern aus ihrer Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit, Wiedergutmachung und emotionaler Heilung entstanden ist. Für meine Klientin ist es jetzt wichtig, den Fokus von seinem Verhalten zurück auf die eigene innere Erfahrung zu lenken. Was genau wurde durch diesen Kontakt in ihr wieder lebendig? 
Welche Sehnsucht stand hinter ihrer Hoffnung? 
Und woran würde sie heute emotionale Verlässlichkeit erkennen?
 
Hilfreich ist es außerdem zu begreifen, dass starke emotionale Intensität nicht automatisch mit Verlässlichkeit oder Beziehungstiefe gleichzusetzen ist. 
Meine Klientin hat die Tendenz, Worte und emotionale Momente stärker zu gewichten als konsistentes Verhalten. Für sie ist es wichtig sich künftig sich, was Beziehungen angeht, an Kontinuität, Integrität und Handlungskonsistenz zu orientieren. Nicht was jemand sagt, sondern wie ein Mensch handelt ist entscheidend dafür, ob man ihm vertrauen kann.
Meine Klientin sagt, sie habe nun endgültig begriffen, dass der Kontakt mit diesem Mann ihr „nicht gut tut“ , weil sie wie schon damals in der Beziehung, emotional destabilisiert zurückbleibt. 
 
Wir besprechen einen konsequenten Kontaktabbruch als mögliche Selbstschutzmaßnahme. Nicht als Strafe für den Ex, sondern als emotionale Selbstfürsorge. Ziel ist es, meine Klientin aus der Dynamik von Hoffnung, Enttäuschung und erneuter Bindungsaktivierung herauszuführen. Gerade inkonsistente Beziehungen aktivieren das Nervensystem besonders stark, weil Nähe und Verlust sich ständig abwechseln. Der Kontaktabbruch ist eine Möglichkeit, wieder Zugang zu ihrer Würde und ihrer emotionalen Stabilität zu finden.
Aber warum verhält er sich so?, fragt sie mich in Tränen aufgelöst. Hier ist es wichtig weg von der Frage „Warum verhält er sich so?“ hin zu diesen Fragen zu kommen:
Warum hat sie ihn angerufen?
War es die Sehnsucht nach Wiedergutmachung?
Der Wunsch, doch noch wichtig zu sein?
Hoffnung auf Reue?
Das Bedürfnis, die eigene Geschichte umzuschreiben?
Oder die Suche nach emotionaler Verbindung.
Und: Was brauche ich, um mich emotional sicher und respektiert zu fühlen?
 
Das Entscheidende ist, dass sie versteht, welche tiefe alte Wunde durch die erneute Unzuverlässlichkeit wieder aufgerissen wurde. Genau hier liegt der therapeutisch relevante Kern an dem wir arbeiten dürfen. Heilung beginnt dabei an dem Punkt, an meine Klientin aufhört, auf die nächste Erklärung oder Wiedergutmachung des Ex-Partners zu warten, und stattdessen ihre eigene Verletzung und ihr Bedürfnis nach Schutz ernst nimmt.

Donnerstag, 7. Mai 2026

Resignation - ein schleichender Prozess

 



Immer öfter begegnen mir in meiner Arbeit Menschen, die sagen, sie hätten resigniert. Sie beschreiben einen Zustand tiefer innerer Erschöpfung. Sie glauben nicht mehr daran, dass sich ihr Leben oder ihre Beziehungen grundlegend verändern können. Wir Menschen resignieren nicht von heute auf morgen. Resignation ist eine schleichende Entwicklung. Enttäuschungen, Zurückweisungen, Verluste, Schicksalsschläge, chronische Krankheiten und Ohnmachtsgefühle führen nach und nach dazu, dass der innere Glaube an Veränderung zerbröselt.
 
Wer resigniert fühlt sich ohnmächtig.
Er glaubt, dass das eigene Handeln keinen Unterschied mehr macht.  
Wenn wir über längere Zeit erleben, dass sich trotz unserer Bemühungen nichts verändert, entsteht irgendwann das Gefühl: „Egal, was ich tue, es bringt nichts.“ Viele Menschen resignieren nach wiederholtem emotionalem Schmerz, etwa in Beziehungen, in denen sie nicht gesehen, nicht gehalten oder immer wieder verletzt werden. Dauerhafte emotionale oder soziale Unsicherheit kann dazu führen, dass Menschen irgendwann innerlich aufgeben, weil sie keinen Halt mehr spüren. All das führt zu innerer Erschöpfung und wer innerlich erschöpft ist, verliert irgendwann den Zugang zu den eigenen Bedürfnissen und die Hofnfung gleich mit. Dann entsteht ein Zustand, in dem wir nur noch funktionieren, uns zurückziehen oder in belastenden Mustern und Situationen verharren, weil uns die Kraft fehlt, etwas zu ändern.
 
Resignation entsteht dort, wo Hoffnung verloren geht, und Hoffnung verlieren wir dann, wenn wir die Verbindung zu uns selbst verlieren. Sie ist ein inneres Aufgeben, ein Sich-Fügen in eine als unveränderlich erlebte Situation.
Nicht zu resignieren bedeutet nicht, immer stark zu sein oder niemals zu zweifeln. Es bedeutet vielmehr, trotz Schmerz und Schwäche die Verbindung zu uns selbst nicht aufzugeben. Der Weg aus der Resignation beginnt nicht im Außen, sondern in der Beziehung zu uns selbst. Er beginnt damit, dass wir unsere Gefühle wieder ernst nehmen, statt sie zu verdrängen. Er beginnt damit, Erschöpfung nicht als Schwäche abzuwerten, sondern als Signal zu verstehen, dass etwas in uns gesehen und verändert werden möchte. Wenn wir am resignieren sind, brauchen wir nicht mehr Härte gegen uns selbst, sondern mehr Selbstmitgefühl, mehr Ehrlichkeit uns selbst gegenüber und innere Zuwendung. Viele Menschen glauben, sie müssten erst stark werden, um etwas verändern zu können. In Wahrheit entsteht Stärke dann, wenn wir beginnen, uns selbst nicht länger zu verlassen. Wenn wir lernen, uns selbst zuzuhören, uns zu schützen, Grenzen zu setzen und Hilfe anzunehmen. 
 
Heilung beginnt dort, wo wir aufhören, gegen uns selbst zu kämpfen.
Nicht zu resignieren bedeutet die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, ohne uns für die eigene Geschichte und unser Sosein zu verurteilen. Irgendwann kommt der Punkt, an dem wir entscheiden müssen, ob wir in der Ohnmacht stecken bleiben oder beginnen, uns sanft und langsam aus ihr herauszubewegen. Heilung geschieht nicht in großen Momenten. Sie beginnt ganz klein: mit einem ehrlichen Gedanken, einem klaren Nein, dem Eingeständnis der eigenen Erschöpfung und der Entscheidung, uns selbst nicht länger aufzugeben, für was oder wen auch immer. Wenn wir bereit sind, wieder in Beziehung zu uns selbst zu treten, ist Hoffnung möglich. Nicht zu resignieren heißt letztlich, die Hoffnung für uns selbst nicht zu verlieren.
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de
 
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Dienstag, 5. Mai 2026

Wenn alte Wunden in neuen Begegnungen wieder spürbar werden – über Enttäuschung, Klarheit und Abgrenzung

 

                                                                   Foto: A.W.


Meine Klientin ist aufgelöst. Sie erzählt, sie habe fest geglaubt, die Trennung von ihrem Ex-Partner bereits weitgehend überwunden zu haben. Nach einer längeren Phase der Verarbeitung habe sie sich innerlich wieder stabiler gefühlt und sei vorsichtig wieder offener für neue soziale Kontakte geworden. Dabei ist ein alter Bekannter wieder in ihr Leben getreten. Zunächst hat sie damit die Hoffnung verbunden, wieder angenehme soziale Nähe zu erleben, sich treffen, reden, einen Kaffee zu trinken, ohne Druck und ohne große Erwartungen. Schon nach wenigen Treffen hat sie jedoch erkannt, dass die Gespräche stark einseitig verlaufen. Ihr Gegenüber hat sehr viel von sich erzählt, sie ständig unterbrochen und kaum Fragen an sie gestellt. Obwohl sie mehrfach versucht hat, darauf hinzuweisen und selbst mehr Raum einzufordern, hat sich nichts verändert. Bei meiner Klientin ist zunehmend das Gefühl entstanden, nicht wirklich gesehen oder ernst genommen zu werden.
Sie schwankt zwischen Wut und Trauer: „Jetzt öffne ich mich wieder und dann diese Enttäuschung. Ich werde wohl immer allein bleiben und das macht mir Angst.“
 
Ich verstehe sie gut. Diese Erfahrung hat sie emotional zurückgeworfen. 
Gefühle, die sie im Zusammenhang mit der Trennung als verarbeitet erlebt hat, sind wieder aktiviert worden. Die aktuelle Situation hat nicht nur Enttäuschung im Hier und Jetzt ausgelöst, sondern auch alte emotionale Wunden, die durch den Verlust des Partners entstanden sind, wieder spürbar gemacht. Aus bindungstheoretischer Sicht lässt sich ihre Reaktion als Aktivierung eines Bindungssystems verstehen, das auf Gegenseitigkeit und Responsivität ausgerichtet ist. Wird dieses Muster nicht erfüllt, kommt es zu einer Kombination aus Enttäuschung und Rückzugstendenzen. In der beschriebenen Situation hat sich das zusätzlich mit Wut und Trauer überlagert, einerseits als Reaktion auf die Enttäuschung im Jetzt, andererseits als Aktivierung des früheren Verlustes.
 
Um Verbindung zu spüren, brauchen wir in Gesprächen ein gewisses Maß an Gegenseitigkeit. 
 
Wenn jemand dauerhaft nur redet, nicht fragt und kaum zuhört, entsteht beim Gegenüber schnell ein Gefühl von innerem Rückzug und emotionaler Leere. Genau dieses Gefühl der Leere hat bei meiner Klientin etwas Altes wieder berührt. Die aktuelle Begegnung hat Erinnerungen an ihre frühere, sehr bedeutsame Beziehung ausgelöst, in der sie echte Gegenseitigkeit erlebt hat, Zuhören, Interesse und Resonanz auf beiden Seiten. Diese frühere Erfahrung ist bei ihr zu einer Art innerem Maßstab geworden, an dem sie neue Kontakte unbewusst misst. Dadurch hat sich die aktuelle Enttäuschung verstärkt. Nicht nur die konkrete Situation war für sie belastend, sondern der Verlust der einst erlebten Qualität von Nähe ist wieder spürbar geworden. Das hat Trauer ausgelöst, aber auch Wut. Wut darüber, nicht gehört zu werden und Trauer über das, was einmal möglich war und verloren ist. Dass daraufhin die Angst vor Einsamkeit hochkriecht ist nachvollziehbar. 
 
Obwohl meine Klientin rational weiß, dass sie lediglich einen für sie unpassenden Kontakt beendet hat, hat sich emotional das Gefühl verstärkt, wieder allein zu sein und es im Zweifel zu bleiben. Auch wenn sie schließlich erkannt hat, dass diese Art von einseitigem Kontakt nicht ihren Bedürfnissen entspricht und sie Beziehungen braucht, in denen es echten Austausch gibt, und sich aus diesem Grund sie entschieden hat, den Kontakt zu beenden – es entsteht wieder die alte Leere, die sie nach der Trennung von ihrem Partner empfunden hat. Das ist normal udn menschlich. Auch nach dem einer unbefriedigenden Beziehung entsteht kurzfristig ein Vakuum, das subjektiv als soziale Leere oder als Angst vor Vereinsamung erlebt werden kann. Dieser Zustand ist jedoch weniger der Ausdruck realer Isolation als vielmehr eine Reaktion unsers Bindungssystems auf den Wegfall einer, wenn auch dysfunktionalen, sozialen Verbindung.
 
Gleichzeitig zeige sich in dieser Situation aber auch eine wichtige Entwicklung: Meine Klientin nimmt ihre eigenen Bedürfnisse heute deutlich klarer wahr als früher. Sie ignoriert innere Signale von Unwohlsein nicht mehr, sondern erkennt sie frühzeitig und nimmt sie ernst. Statt sich in unheilsame Dynamiken zu verstricken, zieht sie Grenzen und trifft bewusste Entscheidungen für sich selbst. Das ist ein wichtiger Schritt in Richtung Selbstschutz und gesunder Abgrenzung.
 
Worum geht es jetzt?
Es geht darum, ihre Gefühle von Trauer, Wut und Angst einzuordnen und zu beruhigen. Gleichzeitig ist es für meine Klientin hilfreich, diese Phase auch als positiven Entwicklungsschritt zu erkennen: hin zu mehr Selbstwahrnehmung und Selbstfürsorge, klareren Grenzen und der Fähigkeit, frühzeitig Beziehungen zu beenden, die nicht auf Gegenseitigkeit beruhen und sich nicht gut anfühlen. Sie hat Größe bewiesen, sie hat auf sich selbst geachtet und sich nicht auf etwas eingelassen, was ihr nicht guttut, sie hat sich nicht von ihrer Sehnsucht nach Verbindung zum Preis der Selbstverleugnung leiten lassen.
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Montag, 4. Mai 2026

Beziehung ist nicht Liebe

 

                                                               Malerei: A.Wende

 
Wir alle möchten geliebt sein. Und viele Menschen suchen Liebe. Manche suchen sie sogar verzweifelt. Sie wünschen sich eine Beziehung, jemanden, mit dem sie ihr Leben teilen können. Und manche verwechseln dabei Beziehung mit Liebe.
Diese Verwechslung ist verständlich, weil Beziehung etwas Greifbares ist. Man kann sie benennen, definieren., zeigen. „Wir sind zusammen“. Das klingt nach Sicherheit, nach Ankommen, nach einem emotionalen Zuhause. Eine Beziehung gibt Form und Form wirkt in einer Welt, die unsicher ist, wie ein Ersatz für innere Stabilität.
Liebe dagegen ist weniger eindeutig. Sie ist kein Status, den man erreicht, sondern etwas, das sich im Erleben zeigt. Sie ist nicht nur das Gefühl von Nähe, von Begehren, nicht nur getragen von gegenseitiger Fürsorge, von Respekt und tiefer Wertschätzung, von inniger Vertrautheit udn Verbundenheit, sondern auch von der inneren Haltung, den anderen wirklich zu sehen, mit seinen Bedürfnissen, seinen Grenzen, seiner Eigenständigkeit, in seinem Wesen. Liebe ist nicht Besitz, sondern Beziehung im tieferen Sinn - ein inneres Antworten auf das Dasein eines anderen Menschen und der Wunsch, dass es ihm gut geht. 
 
Die Verwechslung von Beziehung mit Liebe entsteht dort, wo das Äußere für das Innere gehalten wird.  
Wenn zwei Menschen viel Zeit miteinander verbringen, gemeinsame Routinen entwickeln, etwas gemeinsam aufbauen oder sich als Paar definieren, entsteht schnell die Annahme: Dann muss da auch Liebe sein. Aber Nähe ist nicht automatisch Liebe. Vertrautheit ist nicht automatisch Zuwendung. Eine gemeinsame Geschichte ist nicht automatisch Liebe.
Wenn Menschen sich eine Beziehung wünschen spielen dabei oft auch Angst und Bedürftigkeit eine Rolle. Die Angst vor Einsamkeit kann dazu führen, dass eine Beziehung allein durch ihre Existenz schon als „Liebe“ interpretiert wird, weil die Alternative schwer auszuhalten ist. Oft spielt dabei auch eine tiefere Dynamik hinein - das Bedürfnis, im Außen etwas zu finden, was im eigenen Inneren fehlt. Dann ist die Beziehung nicht nur Verbindung, sondern hat auch eine Funktion. Sie soll halten, ausgleichen, beruhigen, bestätigen. Das geben, was man selbst nicht hat. Und genau dort beginnt die Verschiebung von Liebe hin zu etwas anderem.
 
Wer mit sich selbst nicht gern zusammen ist, wer die eigene innere Leere schwer aushalten kann, wer im Alleinsein eher Einsamkeit empfindet, statt Ruhe und Selbstgenügsamkeit, der sucht im Anderen nicht nur Nähe, sondern emotionale Stabilisierung. 
Der andere wird dann zum Halt, zum Ausgleich, zur Ergänzung eines inneren Mangels. Und je größer dieser Mangel ist, desto weniger wird der andere als eigenständiges Wesen gesehen. Wer den anderen braucht, um sich vollständig zu fühlen, verwechselt Liebe mit Ergänzung. Wer den anderen als Beruhigung der eigenen Unsicherheit nutzt, verwechselt Liebe mit Absicherung. Und wer im anderen vor allem das sucht, was im eigenen Inneren fehlt, erlebt zwar Bindung, aber nicht unbedingt Liebe. Das Festhalten wird wichtiger als das Fühlen. Die Struktur ersetzt das Erleben. So entstehen Beziehungen, die innerlich leer sind. Man ist zusammen, aber begegnet sich nicht wirklich. Und genau hier liegt der Unterschied: Man glaubt, man hätte Liebe, nur weil man eine Beziehung hat.
 
Aber Liebe entsteht nicht aus Mangel.
Sie wächst dort, wo zwei Menschen sich begegnen, ohne sich gegenseitig zu etwas machen zu müssen, was sie nicht sind. Sie ist kein Mittel gegen Einsamkeit, sondern eine Form von Verbundenheit, die auch dann bestehen kann, wenn man innerlich ganz bei sich bleibt. Das bedeutet nicht, dass wir keine Nähe brauchen. Wir sind soziale Wesen, wir brauchen Bindung, Resonanz, Austausch. Aber der Unterschied liegt darin, ob der andere zur Lösung eines inneren Problems wird, oder ob er als freier Mensch gesehen wird, dem wir frei begegnen. Vielleicht ist das der entscheidende Punkt: Liebe beginnt dort, wo der andere nicht mehr Funktion ist. Nicht Halt, nicht Ergänzung, nicht Rettung, sondern ein eigenständiges Gegenüber. Wenn beides zusammenkommt, fühlt sich eine Beziehung nicht nur richtig an, sie ist lebendig und echt. Erst wenn diese Freiheit möglich ist, kann eine Beziehung mehr sein als Form und Struktur, nämlich ein lebendiger Raum zwischen zwei Menschen, die einander nicht brauchen, um vollständig zu sein, sondern sich trotzdem wählen.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Samstag, 2. Mai 2026

Wissen ist nicht Bewusstsein

 



 
„Ich weiß es ja, ich bin mir bewusst, dass ich mir selbst schade – mit dieser toxischen Beziehung, mit dieser Sucht, mit dieser Gewohnheit, mit diesen Gedanken, mit dieser Entscheidung, aber ich kann nicht anders.“
Das höre ich oft. Gerade dann, wenn es darum geht, sich aus toxischen Verstrickungen, egal welcher Art, zu lösen. Es wird gelitten, es wird versucht, den anderen zu ändern, es wird versucht, sich selbst zu ändern, sich kleiner zu machen, sich nicht mehr anzupassen, das Ungute wird verdrängt, ignoriert, schöngeredet, damit man mit dem toxischen Verhalten des anderen oder dem eigenen besser leben kann. Es wird ausgehalten und gleichzeitig ständig geklagt, wie schlecht es einem geht. 
All das hat mit „ich bin mir bewusst“ nichts zu tun. Wer so handelt, ist nicht bewusst und sich seiner selbst im tieferen Sinn auch nicht wirklich gewahr. Und vor allem: er hat keine Verbindung zu dem wertvollen Wesen, das er ist und dass er allein es ist, der die Verantwortung dafür trägt, dass es keinen (weiteren) Schaden nimmt.
 
Wissen ist nicht Bewusstsein. Wissen allein verändert nichts.
Vom Kopf aus ständig an uns zu arbeiten ist ermüdend.
Genau hier liegt der entscheidende Unterschied: Zwischen dem bloßen Verstehen eines Problems und dem tatsächlichen inneren Erleben des eigenen Denkens, Fühlens und Handelns. Ein bewusstes Selbst ist nicht jemand, der sagt: „Ich sehe, was ich tue.“ Es ist auch nicht nur der Teil, der sich selbst analysiert oder seine Muster benennen kann. Dieses Wissen bleibt m Kopf, während das Verhalten trotzdem weiterläuft.
Bewusstsein beginnt erst dort, wo das eigene Erleben wirklich im Moment wahrgenommen wird – ohne sofortige Rechtfertigung, ohne Selbsttäuschung, ohne inneres Wegschieben, ohne „ich kann nicht anders“. Wo nicht nur gedacht wird: „Ich schade mir“, sondern wo im Handeln selbst ein gefühltes stilles Erkennen auftaucht: „Ich bin gerade wieder mittendrin mir selbst zu schaden.“ Wo immer der Gedanke herrscht: „Ich bin falsch“, wird sich die innere Spannung nicht lösen und uns vom Gewahrsein: „Ich bin okay“, abhalten.
Ein bewusstes Selbst ist in der Lage, diesen Moment zu bemerken, während es passiert. Nicht erst im Nachhinein, nicht als Analyse, sondern als unmittelbares inneres Gewahrsein. Und genau darin liegt der Unterschied zwischen reinem Wissen und echter Bewusstheit. 
 
Viele Menschen sind nicht blind für das, was sie tun. Sie sind sich ihrer Muster durchaus bewusst, aber sie nehmen sie nicht wahr, weil sie nicht präsent bei sich selbst sind und dem, was sie da tun. So werden die selbstschädigenden Muster im entscheidenden Moment wieder abgespult. Automatisierte Reaktionen, alte Schutzmechanismen, alte Überlebens-und Abwehrstrategien laufen weiter, auch wenn der Verstand längst etwas anderes verstanden hat.
Ein bewusstes Selbst entsteht dort, wo diese Automatismen wirklich wahrgenommen werden – nicht nur als Gedanke, sondern als erlebter Moment. Wo zwischen Reiz und Reaktion ein Raum entsteht, in dem man sich selbst nicht nur „denkt“, sondern wirklich beobachtet und wahrnimmt und dann zu seinem Besten handelt.
 
Therapie kann genau diesen Raum öffnen, allerdings nur wenn ehrliche Bereitschaft zur Veränderung da ist. Sie kann helfen, diesen Abstand zum eigenen Erleben überhaupt erst zugänglich zu machen, Muster sichtbar zu machen und zu lernen diesen inneren Raum zwischen Reiz und Reaktion bewusster zu erfahren.  
Aber dieser Raum wird nur dann wirksam, wenn der Mensch in der Lage ist, sich darauf einzulassen und das eigene Erleben nicht nur zu verstehen, sondern wirklich achtsam und bewusst wahrzunehmen.
Das ist kein Quick Fix.
Das ist schwer und auch ich kann das nicht immer.
Das braucht lange, lange Übung. Das braucht Geduld. Tag für Tag.
Nicht jeder ist bereit diesen Weg zu gehen. Das ist okay. 
 
Manche Menschen leben in der vertrauten Identität des Opfers. Manche Menschen definieren sich über ihr altes Leid und schaffen damit immer neues Leid. Andere haben Angst ihre Komfortzone zu verlassen, weil sie den Schritt ins Unbekannte fürchten, da sie nicht kontrollieren können was sein wird, selbst wenn ihr Leben eine einzige Selbstverleugnung ist – es ist berechenbar und vertraut. Manche Menschen machen betreiben jahrelang Selbstanalyse, folgen spirituellen Gurus, wissen um die Lehren und nichts ändert sich. Das ist okay. 
 
Niemand wird die Reise antreten, bevor er selbst so weit ist und manche treten sie niemals an.
Bewusstsein kommt selten ohne Schwierigkeiten, es ist bisweilen schmerzhaft und erschreckend, wenn wir wirklich begreifen, wie wir mit uns selbst umgehen. Bewusstsein bedeutet, die alten Geschichten loszulassen, die uns zurückhalten und uns schaden. Es bedeutet etwas in uns muss gehen, damit etwas Heilsames werden kann. Das ist die Voraussetzung dafür, dass Bewusstsein überhaupt möglich wird: Nicht durch mehr Wissen, sondern durch Üben des klaren und ehrlichen Sehens dessen, was im eigenen Inneren tatsächlich geschieht.
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Freitag, 1. Mai 2026

Auflösung - Das Prinzip von Stirb und Werde

 

                                                                  Foto: A.Wende

 
 
Veränderung ist ein tiefgreifender Prozess. Wir können ihn uns vorstellen wie einen Baum, der im Herbst seine Blätter verliert. Die Blätter fallen nicht aus Zerstörung von den Ästen, sondern weil sich der Baum auf eine neue Wachstumsphase vorbereitet. Was scheinbar endet, schafft die Grundlage für neues Wachstum im Frühling. Dieses Prinzip beschreibt, was Auflösung bedeutet - das Loslassen des Alten, damit etwas Neues entstehen kann.
 
Eine Auflösung im Leben kann sein, wenn wir eine vertraute Beziehung, einen Lebensabschnitt oder eine alte Identität hinter uns lassen. Etwas, das uns lange Sicherheit gegeben hat, verliert seine Form, belastet oder trägt uns nicht mehr. In solchen Momenten löst sich das Alte gefühlt in etwas Leeres auf, aber da was wir als Leere deuten ist keine Leere - in dieser Leere geschieht etwas: sie sondern schafft inneren Raum für etwas Neues, das erst noch entstehen darf.
Eine tiefgreifende Auflösung im Leben ist, wenn sich unser Selbstbild verändert. Vielleicht haben wir uns lange als stark, unabhängig, leistungsfähig oder immer gelassen und kontrolliert erlebt. Vieleicht haben wir uns als duldsam, hilflos, passiv und schwach elebt. Egal weclhes Bild wir von uns selbst haben - dieses Bild von uns selbst gibt uns Orientierung und Sicherheit. Doch irgendwann passt es nicht mehr zu dem, was wir tatsächlich fühlen oder erleben. Dann beginnt sich dieses alte Selbstbild zu lösen, nicht abrupt, sondern oft schrittweise und das kann verunsichern und Angst machen. Das ist okay. Es gehört zum Prozess der Auflösung
 
Wenn wir versuchen, diesen Prozess zu verhindern, entsteht Widerstand. Dieser Widerstand zeigt sich in innerer Anspannung, starker Angst oder dem krampfhaften Versuch, am Alten festzuhalten. Paradoxerweise macht genau dieser Widerstand den Wandel schwerer und schmerzhafter, als er sein müsste. Denn was sich ohnehin verändern will, kann durch Festhalten nicht stabil bleiben – es bleibt lediglich in Spannung.
 
Veränderung folgt dem Prinzip des Stirb und Werde, der notwendigen Auflösung des Alten als Voraussetzung für echte Erneuerung. Das bedeutet jedoch nicht, dass alles Alte vergeht. 
Unsere grundlegenden Werte bleiben der Kompass, der uns durch die Zeit der Veränderung führt und und Halt und Orientierung gibt. Auflösung und Beständigkeit sind keine Gegensätze, sondern ergänzen einander. Während Unheilsames sich wandeln und auflösen darf, bleiben innere Werte und spirituelle Prinzipien, die uns leiten bestehen.
Auflösung bedeutet, dass sich schädliche Blockaden lösen dürfen, damit Neues und Heilsameres entstehen kann. Sie ist kein chaotischer Zerfall, sondern vielmehr ein Prozess der Befreiung von überholten Strukturen und festgefahrenen Mustern. Dieser Prozess kann uns verunsichern, doch indem wir ihm vertrauen, finden wir Stabilität.
 
Indem wir starre Vorstellungen von uns selbst loslassen, erreichen wir eine höhere Ebene der Freiheit und des Verständnisses für den Menschen wer wir wirklich sind, hinter dem Bild, das wir von uns haben. Wir kommen uns selbst näher und werden wahrhaftiger. Keine Leichte Übung, fürwahr, doch die Auflösung des kleinen Selbst (Bildes) öffnet den Raum für ein größeres, authentischeres Sein. Am Ende dieses Prozesses kann die Befreiung von tiefsitzenden Verletzungen und emotionalen Wunden, alten Schmerzen, die Überwindung von Groll, Missverständnissen und emotionalen Blockaden oder Traumata stehen. Indem wir uns von schädlichen Denkmustern und unheilsamen Situationen distanzieren und notwendigen Abstand schaffen, ermöglichen wir Heilung. Das ist keine Flucht, sondern eine weise Entscheidung zum Selbstschutz und zur Regeneration, ein Prozess der inneren Befreiung durch sanfte, aber beständige bewusste Einwirkung und überlegtes Handeln, der Raum für Erneuerung und Heilung schafft.
Auflösung ist hier nicht destruktiv, sondern heilsam und notwendig für spirituelles und persönliches Wachstum in allen Lebensbereichen.
 
Angelika Wende

Mittwoch, 29. April 2026

Eine neue Struktur finden, wenn die alte wegbricht

                                                               Foto: A.Wende


Die meisten von uns möchten, dass die Dinge immer gleich bleiben. Das immer Gleiche gibt uns das Gefühl von Sicherheit und Halt. Und das ist wahr. Wenn etwas gleich bleibt, hat es etwas Beruhigendes – so wie die immer gleichen Routinen, die wir pflegen, so wie die Tagesstruktur, die man besonders seelisch kranken Menschen ans Herz legt. Eine Struktur aus festen Abläufen und Gewohnheiten gibt Halt und schafft Vertrauen. Bei Depressionen z. B. kann eine Tagesstruktur helfen, depressive Symptome zu lindern, weil sie einen kleinen, verlässlichen Halt in Phasen gibt, die von Unsicherheit, Rückzug und dem Gefühl von Versagen und Kontrollverlust geprägt sind. Ein strukturierter Tagesablauf wirkt auch in Krisen wie ein Rahmen, der Orientierung und Stabilisierung im Alltag bietet und das Gefühl vermittelt, trotzdem handlungsfähig zu bleiben. Das Festhalten an einer Tagesstruktur kann also sehr hilfreich sein. Struktur gibt dem Tag Sinn, Bedeutung und ein kleines Ziel und uns selbst ein Gefühl von Kontrolle über all das Unkontrollierbare im Leben.

 

Was aber, wenn die Struktur durch ein Ereignis, eine Krankheit oder eine Behinderung plötzlich in sich zusammenfällt?  

Das ist eine besonders harte Form des Umbruchs, weil es eine Fremdbestimmung mit sich bringt, die sich unfair und radikal anfühlt. Wenn die gewohnte Tagesstruktur wegbricht, verlieren wir nicht nur den Rhythmus, sondern auch ein Stück Identität.

Das Ende einer alten Struktur fühlt sich erst einmal nach Kontrollverlust an, der Orientierungslosigkeit, Unsicherheit, Hilflosigkeit, Ängste, Frust, Ärger über die eigenen Grenzen und vielleicht sogar Wut mit sich bringt. Ein ungemütlicher Prozess, sich vom Alten zu verabschieden und keine Ahnung zu haben, wie das Neue aussieht bzw. aussehen könnte. Und nicht leicht, denn es geht ja nicht allein darum, eine neue Struktur zu finden, sondern gleichzeitig darum, sich mit dem auseinanderzusetzen, was die alte Struktur zerschlagen hat, und es zu verarbeiten. Eine echte Herausforderung also, vor der ich gerade selbst stehe. Vieles, was mir Struktur gab, ist gerade nicht mehr machbar – es geht einfach nicht, der Körper lässt es nicht zu.

 

Okay – was geht noch? Das ist die erste Frage, die ich mir stelle, und ich finde einiges.
Was geht nicht mehr, und wie kompensiere ich, was nicht mehr geht?

Der schwierigste Schritt: Akzeptanz statt Widerstand.
Wenn ich versuche, etwas festzuhalten, das bereits zerbricht, kostet das enorme Kraft. Das Loslassen ist hier weniger ein aktiver Verzicht, sondern eher das Aufhören, gegen die Realität zu kämpfen.

 

Angst anerkennen und zulassen: Die Ursache des Festhaltens ist Angst. Angst vor Veränderung, Angst vor dem Unbekannten, Angst, Vertrautes zu verlieren. Es ist okay, Angst zu haben. Aber ich lasse mich nicht von ihr überfluten. Mach es mit der Angst!

 

Trauer: Ich erlaube mir, den Verlust der alten Struktur zu betrauern. Der Widerstand gegen die neue Realität kostet oft mehr Kraft als die Umstellung selbst.

 

Die Leere aushalten: Zwischen der alten Struktur und einer neuen liegt eine Phase der Unsicherheit – Niemandsland, unbekanntes Gelände, Instabilität innen wie außen. Das Ich ist angeschlagen, Vertrautes ist weggebrochen, Selbstverständlichkeiten zerbröseln. Tiefste Krise, absoluter Tiefpunkt. Es kann sich anfühlen wie ein Tod im Leben – und irgendwie ist es auch so: Etwas Altes stirbt. Das kann einen ganz schön ins Boxhorn jagen.

Was jetzt gilt: Überstürze nichts mit blindem Aktionismus.

 

Bestandsaufnahme: Was genau bricht weg? 

War die Struktur wirklich noch gut für dich, oder war sie nur vertraut? Oft schützen uns alte Gewohnheiten vor Wachstum.

 

Kleine Anker setzen: Wenn das große Ganze wackelt, brauchst du kleine, neue Routinen. Also kreativ werden. Dir Zeit geben herauszufinden, was dir gut tut. Etabliere kleine, machbare Fixpunkte. Die geben deinem Nervensystem Sicherheit, wenn der gewohnte Rahmen wegbricht. Schöne Mikromomente gestalten, sie bewusst wahrnehmen. Jeden Abend aufschreiben was gut war und wofür du dankbar bist. 

Das gibt dem Nervensystem das Signal: „Ich bin noch sicher.“

 

Pacing statt Leistung: Deine Energie ist jetzt deine wichtigste Währung. Baue die Struktur um deine Belastungsgrenzen herum auf, anstatt zu versuchen, ein altes Leistungsniveau zu erzwingen.

 

Hilfe organisieren und annehmen lernen: Wer kann was, wie viel, und auf welche Weise überhaupt realistisch unterstützen? Das Umfeld sortieren: Wer kann emotional unterstützen, wer praktisch, und wo braucht es professionelle Hilfe? Wichtig ist, Hilfe konkret zu formulieren statt allgemein zu bleiben und sie, wenn möglich, in kleine, feste Strukturen zu überführen. Wenn das private Netz nicht reicht, können auch ärztliche, therapeutische oder soziale Dienste einbezogen werden. So wird Hilfe zu einem stabilen Teil der neuen Struktur, nicht nur zur Notlösung. Auch wenn es schwerfällt: Es als Lernaufgabe zu begreifen. Ich darf lernen Hilfe zuzulassen.


Und last but not least, eine neue Definition von Wert: Löse dich vom Gedanken, dass ein Tag nur dann „gut“ ist, wenn du wie früher produktiv warst. Selbstfürsorge und das Management deiner Gesundheit sind jetzt deine Kernaufgaben.

 

Ein neuer Anfang entsteht selten sofort, sondern oft leise und unscheinbar, mitten in der Unsicherheit. Es ist kein großer Masterplan, der jetzt gebraucht wird, sondern die Bereitschaft, Schritt für Schritt etwas Neues entstehen zu lassen.

Was bleibt, bist du selbst, auch ohne die alte Struktur. Und vielleicht zeigt sich genau darin etwas Wesentliches: dass Halt eben nicht nur im Außen liegt, sondern im Inneren. Und mit der Zeit können aus kleinen Ankern wieder tragfähige Strukturen werden. Anders als zuvor, fragiler – aber näher an dem, was noch geht. Und genau darin kann etwas Neues entstehen, das nicht nur funktioniert, sondern sich stimmig anfühlt mit dem, was möglich ist. So kann sich Schritt für Schritt etwas formen, das sich nicht an früher misst, sondern sich an der Realität orientiert, wie sie jetzt ist. Vielleicht ist genau das der Punkt: kein Zurück und kein krampfhaftes Vorwärts, sondern ein langsames, sanftes Weiter – in einem Tempo und in einer Form, die wirklich zu dir und deinem Leben jetzt passt.

 

Be water my friend 

... und ... Slow and steady wins the race.  



Angelika Wende

Kontakt: aw@wende-praxis.de