Freitag, 3. Dezember 2021

Trotz dem


 
Manchen von uns scheint es, als wären alle Lichter erloschen. Sie sind fassungslos, verzweifelt, haben Angst, kein Ziel mehr, haben den Weg verloren und irren in der Dunkelheit umher.
Wir fragen uns ob noch irgendetwas einen Sinn macht und zweifeln daran, überhaupt noch in der Lage zu sein weiter zu machen. Wir glauben nicht mehr, dass das, was uns widerfährt überhaupt einen Sinn hat und zweifeln daran, dass wir in der Lage sind tiefe Einsichten zu erhalten, die uns Mut geben und Zuversicht.
Das Außen ist weggebrochen, Menschen, Gewohnheiten, Vertrautes, Teilhabe am Leben. Wir sind auf uns selbst reduziert.
Angesichts der Verluste, vom Außen abgespalten, flüchten wir in eine innere Welt, was eine Weile sehr wohltuend sein kann, insbesondere wenn wir dadurch unsere Sorgen und Ängste etwas vergessen können. Wird aus der Flucht Isolation endet sie in der Einsamkeit. Auf uns selbst zurückgeworfen trudeln wir im leeren Raum. Kontaktlos zu uns selbst. Angst und Verzweiflung lassen keinen Raum für Hoffnung, die zuletzt stirbt. In der Hoffnungslosigkeit keimt Verzweiflung, der schlimmste Affekt.
Wir müssen geduldig sein.
Geduld ist jetzt gefragt.
Durchhalten.
Neugier und Forschergeist.
Uns besinnen auf das, was wir sind, auf das, was uns von Innen hält, wenn alles andere wegfällt. Neugier, um herauszufinden, wer wir noch sind, wer wir wirklich sind.
Forschen, suchen und finden was uns trägt, in und durch die Dunkelheit.
Aus dieser Grundhaltung heraus wird sich ein neues Licht entfachen, das uns hilft weiterzugehen.
Trotz dem.

Montag, 22. November 2021

Neuer Tag – neues Glück? Von wegen – Morgentief. Wie du da rauskommst.


 

Neuer Tag – neues Glück? Von wegen – Morgentief 🙁

Du wachst auf und schon beim Aufstehen überfällt dich eine große Traurigkeit. Deine Stimmung ist am Tiefpunkt. Am Liebsten würdest du dich wieder ins Bett verkriechen, nichts hören und nichts sehen. Manche von uns kennen das gut. Andere lernen es vielleicht gerade kennen. Das Aufstehen fällt schwer. Ein Gefühl von Niedergeschlagenheit beginnt mit dem ersten Augenaufschlag. Die Gedanken kreisen, du fühlst dich deprimiert, hoffnungslos und gelähmt. Irgendwann im Laufe des Tages wird es dann meist besser. Die Symptome lassen in ihrer Intensität häufig nach, so dass sie am Mittag oder am Abend weniger stark sind als am Morgen. Die gedrückte Stimmung, die Ängste und die Lethargie bessern sich bis zum Abend. Bis dahin aber kostest es Kraft in die Gänge zu kommen und etwas zu tun.
 
Was ich hier schildere nennt man ein Morgentief. 
Morgentiefs wie auch Abendtiefs sind charakteristisch für eine depressive Verstimmung und für die Depression. Viele Betroffene erleben ihre Depression am Morgen als besonders belastend. Das liegt daran, dass sie das Gefühl haben den vor ihnen liegenden Tag nicht bestehen zu können. Es kommt hinzu, dass die Depression für einen gestörten Tagesrhythmus sorgt, weil sie durch typische Veränderungen von Botenstoffen im Gehirn gekennzeichnet sind. Dabei geraten bestimmte Botenstoffe, sogenannte Neurotransmitter wie u.a. Serotonin, Dopamin, Noradrenalin und Acetylcholin aus dem Gleichgewicht. Hält ein morgendliches Tief über mehrere Wochen an, ist Achtsamkeit geboten, denn das könnte auf eine depressive Erkrankung hinweisen. Dann ist es wichtig professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.
 
Woran erkennst du ein Morgentief?
Du hast am Morgen schon beim Aufwachen ein Gefühl der Leere
Es kostet dich Überwindung und Anstrengung die einfachsten Dinge zu tun, anfangs nur bei aufwändigen Tätigkeiten, später auch bei alltäglichen Tätigkeiten wie Duschen oder Frühstück machen.
Du bist überempfindlich, gereizt oder weinerlich.
Kognitive und körperliche Funktionen verlangsamen sich.
Du hast Angst, dass sich dein Zustand im Laufe des Tages nicht bessert.
 
Wie kommt es zu einem Morgentief?
Das Morgentief wird häufig durch eine Störung des sogenannten zirkadianen Rhythmus verursacht. Diese innere Uhr reguliert alles von der Herzfrequenz bis zur Körpertemperatur. Sie beeinflusst unsere Wachheit, unsere Energie, unser Denken und unsere Stimmung. Sie sorgt dafür, dass wie im Gleichgewicht sind. Wenn unsere innere Uhr durcheinandergerät, kommt unser Körper ins Ungleichgewicht, weil Hormone wie Cortisol und Melatonin zur falschen Tageszeit und in der falschen Menge produziert werden. Unser Körper ist dann nicht mehr in der Lage dafür zu sorgen, dass wir uns am Morgen wach fühlen und am Abend müde. Können wir dieses Gleichgewicht nicht mehr herstellen hat das unheilsame Auswirkungen auf unser emotionales Wohlbefinden und unsere körperliche Gesundheit. 
 
Wie lässt sich das Morgentief überwinden?
Handelt es sich nur um eine vorrübergehende, ab und an auftretende Erscheinung, gibt es viel was wir tun können.
 
Folgendes ist zur Stabilisierung des zirkadianen Rhythmus hilfreich:
Nicht wehren, den Zustand akzeptieren.
Sag dir: Okay, dann ist das jetzt so. Du kannst nicht immer funktionieren. Schenk dir Selbstmitgefühl!
 
Schaff Routine & Tagesstruktur
Achte auf einen geregelten Schlaf-Wach-Rhythmus und einen bewussten Umgang mit deiner Zeit.Unser Körper braucht im Durchschnitt sieben bis acht Stunden Schlaf pro Nacht um gesund zu sein.
Sorge dafür immer um die gleiche Zeit aufstehen
Plane fixe Zeiten für Frühstück, Mittag- und Abendessen ein. Iss regelmäßig, bewusst und achtsam.
Sorge dafür, dass du regelmäßig und über den Tag verteilt trinkst. Am besten Wasser, abhängig von deiner körperlichen Statur rund 2 Liter pro Tag.
Gönne deinem Körper und deinem Geist ein sanftes Aufwachen. Bleib nach dem ersten Augenaufschlag noch ein wenig liegen. Nimm deinen Körper bewusst wahr, strecke und recke dich und spüre bewusst in dich hinein: Wie fühle ich mich im Moment? Wie will ich den Tag gestalten?
 
Wenn du aufgestanden bist, tu dir etwas Gutes.
Mach dir einen Kaffee, öffne das Fenster, schau in den Himmel, atme tief frische Luft ein. Oder schreib in ein Tagebuch. Du könntest zum Beispiel aufschreiben wofür du jetzt gerade dankbar bist.
Mach deine Lieblingsmusik an.
Starte den Morgen mit einer Dusche oder etwas Bewegung. Qi Gong und Yoga sind gut um in der inneren Balance zu bleiben. Oder setzt dich auf dein Meditationskissen und meditiere.
Auch wenn es wahnsinnig schwer fällt: Laufen. Es reicht schon schnelles Gehen. Es geht darum, deinen Stoffwechsel anzukurbeln. Bewegung hilft das Stresshormon Cortisol zu senken.
Verzichte auf ein Tages-Schläfchen.
Leg dich am Tag nicht schlafen, egal wie erschöpft du bist. Damit bringst du deine innere Uhr aus dem Takt.
Konsumiere nicht zu viel Bad News. Vor allem nicht gleich am Morgen und nicht am Abend bevor du schlafen gehst.
 
Selbstfürsorge!
Gönn dir täglich ganz bewusst kleine Momente der Entspannung. Das ist in schwierigen Lebensituationen leichter gesagt als getan sein, ich weiß, aber gerade deshalb ist es so immens wichtig.
Das kann ein Spaziergang in der Natur sein, ein gutes Buch lesen, ein Bad am Abend, das Kochen eines leckeren Essens, das Genießen von einem Stück Schokolade, ein bewusst getrunkener Tee, ein Gespräch mit einem vertrauten Menschen, eine kreative Beschäftigung, alles was dir gut tut. 
 
Und falls dein Morgentief dich über den Tag immer wieder einholt:
Was sich nicht ausdrückt, drückt sich ein!
Schreib zunächst deine Gedanken auf.
Einfach drauf los schreiben, ohne innere Zensur. Alles raus, was dich belastet. Alternativ kannst du deine Gedanken mit Hilfe der Sprachaufnahmefunktion deines Handys einsprechen.
Schreib dann deine Stärken auf.
Was kannst du gut?
Dann frag dich: Was davon könnte im Moment für mich hilfreich sein? Was könnte mir jetzt gut tun? Und wie setze ich es um?
Achte gut auf dich und sei gut zu dir!
Und sag dir immer wieder: DU schaffst das!

Sonntag, 21. November 2021

Ins Licht

 


Manche von uns versuchten einen Menschen vor Unheil zu bewahren.
Wir haben versucht ihn von seinem unheilsamen Denken und Verhalten abzubringen oder ihn aus einer Sucht zu retten.
Wir versuchten ihn davon abzuhalten sich selbst zu zerstören.
Wir versuchten ihm zu zeigen, dass es Besseres gibt.
Wir versuchten ihm zu zeigen, dass es einen heilsameren Weg gibt.
Er konnte oder wollte den Weg ins Licht nicht sehen.
Er war nicht bereit ihn zu gehen.
Wir haben weiter versucht ihn von seinem dunklen Weg abzubringen.
Wir haben an ihm gezerrt und gezogen und unsere Anstrengungen waren vergeblich.
Wir haben irgendwann beschlossen allein weiter zu gehen und diesen Menschen seinen Weg gehen zu lassen.
Nun gehen wir auf unserem Weg und sind versucht zurückzugehen, weil wir sehen wie tief er im Sumpf watet.
Doch das ist nicht möglich.
Wir können niemanden von seinem dunklen Weg abbringen und wie können ihn auch nicht zurückholen.
Wir können ihn weiter lieben, aber wir können nichts mehr für ihn tun.
Wir müssen keine Schuldgefühle haben. Wir haben alles getan.
Er war nicht bereit. Er ist nicht bereit.
Wir müssen nicht zurückgehen.
Das Einzige was wir noch tun können, ist ihm aus der Ferne zeigen wo das Licht ist.
Wenn er bereit ist, wird er ins Licht kommen und wir werden für ihn da sein.

Donnerstag, 18. November 2021

Wir schaffen das!

 



Gestern hatte ich eine Sitzung mit einer verzweifelten Klientin. Sie weinte viel. Es war schwer sie zu beruhigen.
„Da ist so viel Angst, da ist so viel Schwäche, ich halte das nicht mehr aus, ich habe Angst, dass es niemals aufhört. Das überfordert mich und macht mich so kraftlos. Ich habe Angst um meine Kinder, Angst um mich. Angst um uns alle. Und ich fühle mich so mutterseelenallein“, sagte sie.
Vielen von uns geht es wie meiner Klientin. Es ist eine schwere Zeit. Und wer von uns allein ist in dieser schweren Zeit hat es sehr schwer. Wenn da keiner ist, an dem wir uns festhalten können, der uns auffängt, wenn wir kippen, der uns tröstet und uns Mut zuspricht, wenn wir traurig oder verzweifelt sind, wenn wir alles aus eigener Kraft schaffen müssen, alleine durch- und aushalten müssen und uns jeden Tag aufs Neue dem Alltag stellen müssen im Gewahrsein: Du darfst nicht zusammenbrechen. Nicht krank werden. Du musst weiter machen, denn du hast nur dich. Und die, die dich brauchen, die zählen auf dich. 
 
Ich weiß wie schwer es ist stabil zu bleiben, wenn sich das Außen wie eine Welle über uns erhebt und wir allein am Strand stehen und uns fürchten, dass sie über uns zusammenbrechen wird, noch bevor wir ihr ausweichen können.
Ich kann sehr gut nachfühlen, wie meine Klientin sich fühlt, wie manche von uns sich fühlen. Ich habe in meinem Leben einige schwere Krisen erlebt und überlebt. Allein. Es ist schwer stabil zu bleiben, besonders wenn man allein ist oder sich alleine fühlt.
Mir hilft es im Moment zu bleiben. Bewusst auf das zu achten, was gerade ist, was ich gerade mache oder zu tun habe. Im Jetzt sein. Präsent sein. Das Mögliche sehen und tun. Und kleine Schritte machen. Nicht zu weit nach Vorne denken. Auch zulassen, wenn es einmal gar nicht geht. Das ist okay. Und Weinen um den Druck abzulassen. Auch das ist okay. 
 
Die Welt wandelt sich und wohin sie sich wandelt, wissen wir nicht.
Diese Unsicherheit macht Angst, wie so vieles andere in dieser schweren Zeit. Ja, ich habe auch Angst. Und ja, es ist okay Angst zu haben. Aber wir müssen achtsam sein, aufpassen, dass sie nicht lähmt und unser Denken verwirrt. Und wieder im Moment sein. Und atmen. Und Vertrauen in das Gute. Das habe ich noch immer. Denn das gibt es, das ist unzerstörbar.
Halten wir durch. Wir sind nicht allein. Wir sind niemals allein, denn wir sind miteinander verbunden. Alle. So wie Ihr mit mir und ich mit Euch, hier in diesem Feld.
„Es ist Schweres, das euch aufgetragen wurde", schrieb einst Rainer Maria Rilke.
Aber auch das Schwere wird irgendwann leichter. Denn: Alles, alles geht vorüber. Alles wandelt sich. Immer. Das ist Leben, das sind die Gesetze des Lebens.
Wir können den Wandel nicht beschleunigen. Es ist ein Prozess. Wir können nichts vom Unguten im Außen ändern, aber wir können jeden Moment entscheiden unsere Haltung zu ändern und damit ändern wir unser Inneres und das wirkt auch auf das Außen. 
 
Wie wir die Dinge deuten, wie wir mit den Dingen umgehen, das liegt in unserer Hand. Wie wir die Möglichkeiten, die uns bleiben, trotz all dem unmöglich Gewordenen sehen, gestalten und nutzen, liegt in unserer Hand. Und was wir Beitragen zum Schweren um es für uns selbst und die, die wir lieben, leichter zu machen – auch das liegt in unserer Hand, solange wir gesund sind und leben.
Achten wir gut auf uns und unsere Nächsten. Das ist eine Aufgabe. Sie anzunehmen liegt in unserer Hand.
Wir schaffen das!

Samstag, 13. November 2021

Aus der Praxis - Willenskraft und Bereitschaft

 


Um etwas zu erreichen, müssen wir einen Sinn dahinter erkennen. Es muss uns ein persönliches Bedürfnis sein, sonst klappt es nicht. Dann brauchen wir den Willen, es zu tun.

Hinter Willenskraft stecken Bereitschaft, Stärke, Zielstrebigkeit, Entschlossenheit, Tatkraft, Zielstrebigkeit, Ausdauer und vor allem Disziplin und Durchhaltevermögen. Ist nur der Geist ist willig, aber das Fleisch schwach, nützt uns unser Wollen rein gar nichts. Durch bloßes Denken, dem kein aktives Handeln folgt, erreichen wir nichts.

 

Es ist nicht genug zu wollen, man muss auch tun“, wusste schon Goethe.

 

Willenskraft bedeutet eben nicht nur, etwas in Gedanken zu wollen, sondern auch die Bereitschaft sich selbst beherrschen und die Fähigkeit sich disziplinieren zu wollen.

In der Psychologie wird Willenskraft als Volition oder Selbststeuerungsfähigkeit bezeichnet. Damit ist die Fähigkeit gemeint, unsere Absichten und Ziele durch die bewusste, willentliche und zielgerichtete Steuerung von Gedanken, Emotionen, Motiven und Handlungen zu erreichen. Man spricht hier auch von „Umsetzungskompetenz“ oder von „Umsetzungskraft“. Und dazu wiederum braucht es „Selbstbeherrschung. Die ist harte Arbeit. Sich selbst beherrschen erfordert Klarheit, Achtsamkeit, Aufmerksamkeit und Wachsamkeit unserem Denken, Fühlen und Handeln gegenüber.

 

Willensstärke ist nicht bei jedem von uns gleich ausgeprägt. Bisweilen reicht auch Wollen nicht aus, um eine Idee zu einer Handlung werden zu lassen. 

Und hier sind wir bei der Bereitschaft. Die Frage ist nicht: Will ich?, die Frage ist: Bin ich bereit zu tun, was notwendig ist um mein Leben in eine bestimmte Richtung zu bewegen? Bin ich es nicht, ist das in Ordnung. Dann bin ich nicht dazu bereit und entscheide mich dagegen. Es ist okay so zu entscheiden. Aber damit wird zugleich deutlich, dass ich mich auch anders entscheiden könnte, wenn ich dazu bereit wäre.

Sage ich aber: „Ich kann nicht!“, dann ist dieser Satz eine psychologische Barriere, die unser Gehirn wörtlich nimmt. Auch Sätze wie: Ich muss ... Ich muss trinken, ich muss essen, ich muss kaufen, ich muss dies und das tun, haben die gleiche Wirkung. 

Für das Gehirn handelt es sich um ein echtes Müssen und aus dem Gedanken wird dann ein Gefühl, nach dem wir handeln. Jedes Verhalten, jedes Tun und Lassen ist mit einem Gefühl, bzw. mit der Abwesenheit eines Gefühls begründet. Und wir Menschen lassen uns nun mal in unseren Entscheidungen und unserem Verhalten von unseren Gedanken und Gefühlen beeinflussen. 

 

Wenn wir aber bereit sind, die Gedanken und Gefühle zu haben, die mit einem bestimmten Verhalten verbunden sind, können wir alles Mögliche tun – unabhängig davon, was wir denken oder fühlen.

Ein Beispiel: Wir lassen etwas, weil wir Angst haben. Wir lassen es aber in Wahrheit, weil wir nicht bereit sind, die Angst zu spüren und auszuhalten, die damit verbunden ist. Sind wir jedoch bereit sie zu spüren, tun wir es, trotz der Angst und mit der Angst.

 

Willenskraft lässt sich trainieren. Tun wir das nicht und folgen stattdessen immer wieder unseren inneren Schweinehund, verkümmert sie. 

Wir gesagt: Willenskraft hat mit Bereitschaft zu tun. Willensstarke Menschen sind bereit ihre Bequemlichkeit zu überwinden. Sie sind bereit ihre Ausreden und ihre Selbstrechtfertigungen zu hinterfragen. Nicht wenige Menschen aber bleiben in ihrer Komfortzone, auch wenn diese gar nicht gut für sie ist und sie ihre Lage ständig beklagen. Damit befeuern sie unbewusst weiter ihre Willenlosigkeit.

 

Klagen wirkt wie ein negativer Verstärker. Es wirkt zersetzend auf unsere Willenskraft. So entsteht selbstgemachtes Leid. 

Es entsteht wenn wir unsere Ausreden wählen, an ihnen haften bleiben und uns nicht mehr weiterbewegen oder wenn wir einen Weg wählen, der in ein trauriges, sinnleeres Leben führt. Leid entsteht, wenn wir der Herausforderung ausweichen, uns mit destruktiven Gedanken betäuben und keine Entscheidung treffen. 

Selbstgemachtes Leid wird gefüttert mit jedem: Ich kann nicht!

Nicht umsonst sagt man: Wer etwas will, findet Wege; wer etwas nicht will, findet Gründe.

Was passiert?

Statt Wille und Disziplin an den Tag zu legen, redet man sich das eigene Verhalten schön. Das hört sich dann so an: Ich versuche es ja. Ich kann nichts dafür. Die Umstände sind grade so mies. Ich bin so schwach. Und, und, und. 

So wird das sicher nix!

Nicht das Wegsehen, sondern das Hinsehen macht die Seele frei. Allein das Hinsehen ist ein Akt der Bereitschaft und Bereitschaft ist etwas, das wir üben können. 

Und wenn wir das alleine nicht schaffen, sind wir bereit uns Hilfe zu holen. 

 

 

 

Freitag, 12. November 2021

Wir können es tun oder wir können es lassen.

 

                                                                Malerei: Angelika Wende

 
Wir können es tun oder wir können es lassen.
Wir können inmitten einer immer bedrohlicheren Welt dazu beitragen alles noch bedrohlicher zu machen. Wir können dazu beitragen Menschen weiter zu spalten, Schuldige zu suchen, Schuld zu verteilen, gegeneinander zu kämpfen, weiter Hass und Unruhe zu stiften, den anderen, der anders denkt als wir, beleidigen, angreifen, niedermachen, ausgrenzen, stigmatisieren, abspalten, im Glauben wir hätten die Wahrheit gepachtet, die uns das Recht dazu gibt das zu tun.
All das können wir tun oder wir können es lassen.
 
Aber warum ist es unheilsam es zu tun?
Weil es niemanden nützt!
Weil es nur Schaden anrichtet und weil es nichts besser macht, nur schlimmer. Nur unmenschlicher, nur unguter als all das Ungute, was ist. Weil Wut und Hass und mit Dreck auf andersdenkende werfen, uns alle weiter in den Dreck drückt. Moralisch, ethisch und menschlich. Weil wir verrohen. Weil Wut nur wieder Wut sät und Hass füttert und nur dazu dient, die eigene Ohnmacht und die eigene Angst nicht spüren zu müssen.
Ich werfe mit Hass und Wut um mich, auf dass ich meine Ohnmacht nicht anerkennen und aushalten muss.
Ich werfe die Schuld anderen auf die Schulter, nur um mich nicht fragen zu müssen, wo mein Anteil ist, was ich tun kann, um Schlimmeres zu verhindern. Wo ich achtsam sein kann und Verzicht üben kann um Schlimmeres zu verhindern.
Ich werfe die Wut auf einen Sündenbock, um mich selbst freizusprechen von meiner Verantwortung mir selbst und meinen Mitmenschen gegenüber.
Ich nehme dem anderen die Freiheit, weil ich nicht willens bin meine eigene einzuschränken zum Wohle aller.
Ich werfe dem anderen Rücksichtslosigeit vor, um meine eigene Rücksichtslosigkeit nicht sehen zu müssen.
Ich fühle mich im Recht um das Unrecht der Welt nicht sehen und anerkennen zu müssen.
Ich poche auf das, was ich glaube, ohne es überhaupt überprüfen zu können, weil ich, wenn ich radikal ehrlich zu mir bin, nichts weiß.
Ich spiele mich zum Kläger und zum Richter in Personalunion auf über die, die meine Meinung nicht teilen und richte sie gnadenlos um mein eigenes Unrecht nicht sehen zu müssen, das ich begehe.
All das ist zutiefst unheilsam.
All das ist das Schlechteste was sich im Menschen zeigt und es wächst wie eine Krebsgeschwulst, die Millionen von Seelen zerfrisst.
All das ist zutiefst zerstörerisch.
All das können wir tun oder wir können es lassen. 
 
Namasté

Mittwoch, 10. November 2021

Wenn sich Wege trennen


 
 
Es kommt der Tag, da müssen wir liebgewonnene Gewohnheiten, Dinge, Orte oder Menschen hinter uns lassen, die uns vertraut waren und uns lange Zeit das Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit und Verbundenheit gaben.
Wir müssen uns verabschieden.
Abschied nehmen von dem, was zu unserem bisherigen Leben gehörte, besonders wenn es wichtig und wertvoll für uns war, ist schwer. Sich von einem vertrauten oder einem geliebten Menschen verabschieden zu müssen ist sehr schwer. Es ist ein Gefühl als zerreiße man innerlich, als breche etwas ab, ein Teil des Ganzen geht verloren und damit auch ein Teil von uns.
Wenn Wege sich trennen hat das einen Grund, nichts geschieht ohne Grund. Aber der Gedanke hilft uns nicht in unserem Schmerz. Verlust tut weh, sagt das Herz und es weint.
Aber verlieren wir, wenn wir uns von einen Menschen verabschieden müssen, wirklich einen Teil unserer Selbst oder verlieren wir nur eine Vorstellung, die wir von uns selbst und diesem Menschen hatten und in der wir uns über eine lange Zeit eingerichtet haben?
Der Verstand sagt, du kannst und wirst vieles verlieren, aber dich selbst nicht. Du kannst nicht verlieren, was dich von innen hält. Dazu gehören deine Träume, dein Glaube, die eigene Wahrheit, deine tiefsten Werte und Überzeugungen und deine Erfahrungen - und dazu gehört auch was du mit diesem Menschen erfahren durftest. Das bleibt, das verlierst du nicht. Das ist ein Geschenk, das du für immer bewahren wirst. All das, was du mit diesem Menschen gefühlt, getan, erlebt, geteilt hast, all das bleibt in der Schatzkammer deiner Erinnerung.
Ja, das ist wahr, sagt das Herz, aber das Herz weint noch immer.
Das ist mehr als ein Bruch, das fühlt sich an wie ein Knacks, das ist für manche von uns sogar ein persönlicher Weltuntergang.
Wie weiter leben, ohne den anderen, wie alleine weitermachen ohne seine Nähe, sein Verstehen, seinen Beistand, seine Berührung, seine LIebe, sein Dasein, das mir das Gefühl gab, ich bin nicht allein in der Welt? Wie geht das? Wie stehe ich das durch? Was hält mich denn jetzt, wenn sich seine Hand sich nicht mehr um die meine schließt und ich alle Wege alleine gehen muss? Er fehlt, dieser Mensch, da kann der Verstand noch so viel argumentieren. 
 
Es tut nicht nur weh, was fehlt, es tut auch weh, dass alles zerstört ist, was hätte sein können.
 
Das macht es nicht leichter. Das stürzt uns in noch tiefere Trauer. Da kommt Angst und da kommt Verzweiflung.
Dieses „was hätte sein können ...“
Aber es wird nicht mehr sein. Aus. Vorbei. Ende.
Aber: Hätte es sein sollen, wäre es noch.
Hilft dieser Gedanke um das Herz zu beruhigen, es zu trösten?
Mir hilft er schon.
Ich glaube, wir verlieren nichts zufällig. Hinter jedem Verlust steht eine Entwicklung, die lange Zeit vor dem tatsächlichen Verlust ihren Anfang hatte und ihren Lauf nahm.
Wenn sich Wege trennen, weißt es darauf hin, das da etwas nicht mehr stimmig war, dass wir uns auseinanderbewegt und entwickelt haben, dass der gemeinsame Weg kein Weg mehr war, dass der andere irgendwann stehen geblieben ist oder innerlich eine andere Richtung eingeschlagen hat, oder dass wir ihn innerlich längst verlassen haben oder er uns.
Lange vor dem Abschied gab es Zeichen. Vielleicht haben wir sie gesehen, vielleicht haben wir gespürt, wie sich Verbundenes auflöst, leise, aber aber mehr und mehr. Vielleicht haben wir sogar versucht diese Entwicklung aufzuhalten, dem anderen gesagt, was wir spüren und ihn hingewiesen auf das Band, das sich lockert. Aber er hat es nicht hören wollen oder er konnte es nicht hören.
Er muss seinen Weg gehen. So wie wir den unseren gehen müssen. Das Band löst sich auf, wenn es an der Zeit ist, und wir können es nicht ändern, wenn es so ist.
Es ist wie es ist.
Wir können nichts festhalten. Im Akt des Festhaltenwollens, liegt die Wahrheit: Es will, es muss sich lösen. Und ja, das tut weh.