Zeichnung: A.Wende
Leiden gehört zum menschlichen Leben. Es kann uns erschüttern, verändern und tiefe Spuren hinterlassen. Problematisch wird es jedoch, wenn ein Mensch beginnt, sich ausschließlich über sein Leid zu definieren. Dann wird das Erlebte nicht mehr als ein Teil der eigenen Geschichte verstanden, sondern als die eigene Identität.
Menschen, die sich vollständig mit ihrem Leiden identifizieren, erleben sich häufig vor allem als Opfer ihrer Lebensumstände.
Gedanken, Gefühle und Gespräche kreisen ständig um Verletzungen, Verluste oder Ungerechtigkeiten. Das Leid wird zum zentralen Bezugspunkt des Selbstbildes und bestimmt den Blick auf die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Gerade bei Menschen mit einer Traumageschichte besteht häufig ein tiefes Bedürfnis, mit ihrem Erleben gesehen, mit dem eigenen Schmerz wahrgenommen, Anerkennung für ihr Erleben zu erfahren und geglaubt zu werden. Die wiederholte Hinwendung zum eigenen Leid ist dabei oft nicht Ausdruck von Schwäche oder mangelndem Veränderungswillen, sondern der Versuch, Verbindung zu anderen herzustellen.
Das Erzählen des Schmerzes wird zur Sprache der Beziehung, weil andere Formen von Vertrauen und Nähe durch die traumatischen Erfahrungen erschwert wurden.
So kann sich eine Identität entwickeln, die in hohem Maß um Leid und Opfererfahrungen aufgebaut ist. Gleichzeitig fällt es Betroffenen oft schwer, andere Quellen von Selbstwert, Zugehörigkeit oder Nähe zu erleben. Beziehungen werden unbewusst vor allem dort als sicher erfahren, wo Schmerz, Hilfsbedürftigkeit oder Verletzlichkeit wahrgenommen und beantwortet werden. Daraus kann sich eine Dynamik entwickeln, in der Krankheit, Gefahr und Hilfsbedürftigkeit zur wichtigsten Sprache für Beziehung und Verbundenheit werden. Dies geschieht in der Regel nicht bewusst oder absichtlich, sondern als Folge früher Beziehungserfahrungen, in denen Aufmerksamkeit, Schutz oder Zuwendung vor allem in Situationen großer Not verfügbar waren. Gerade bei Menschen mit traumatischen Erfahrungen und zusätzlicher sozialer Isolation besteht die Gefahr, dass sich die eigene Identität nahezu vollständig um Leid, Verletzlichkeit und Abhängigkeit organisiert. Je länger diese Erfahrungen das Leben bestimmen, desto schwieriger wird es, sich selbst auch als kompetent, liebenswert, kreativ oder wirksam zu erleben.
Aus existenzanalytischer Sicht liegt hierin die Gefahr, dass der Mensch seine Fähigkeit zur Selbstdistanzierung verliert. Er erlebt sich nicht mehr als jemand, der Leid erfährt, sondern als sein Leid.
Dadurch verengt sich der Blick für die eigenen Möglichkeiten, für Beziehungen, Werte und Aufgaben, die trotz aller Belastungen weiterhin vorhanden sind. Der therapeutische Auftrag besteht deshalb nicht darin, das Leid kleinzureden oder vorschnell zu relativieren. Schmerz braucht Anerkennung, Mitgefühl und einen geschützten Raum, in dem er bezeugt werden kann. Gleichzeitig geht es darum, nach und nach auch die anderen Seiten des Menschen wieder sichtbar werden zu lassen. Seine Fähigkeiten, seine Interessen, seine Werte, seine Beziehungen und seine Möglichkeiten, das eigene Leben mitzugestalten. Identität darf sich erweitern, vom leidenden Menschen hin zu einem Menschen, der zwar Leid erfahren hat, dessen Genzheit jedoch weit über diese Erfahrungen hinausreicht.
Ein solcher Prozess kann durch Fragen angeregt werden, die den Blick behutsam vom Leid auf die gesamte Person und ihre Handlungsmöglichkeiten lenken:
Wer bin ich außer jemand der Hilfe braucht?
Welche Momente im Alltag geben mir Kraft oder Freude, auch wenn sie klein sind?
Was kann ich selbst beeinflussen oder gestalten?
Wie können andere Menschen mir nah sein, ohne dass zuvor etwas Schlimmes passieren muss?
Diese Fragen laden dazu ein, neue Erfahrungen von Selbstwirksamkeit, Verbundenheit und Identität zu entwickeln. Sie eröffnen die Möglichkeit, sich nicht nur als hilfsbedürftiger Mensch zu erleben, sondern auch als jemand, der Fähigkeiten besitzt, Beziehungen gestalten kann und trotz aller Belastungen Einfluss auf das eigene Leben nimmt.
Selbsttranszendenz eröffnet in diesem Prozess eine neue Perspektive. Sie bedeutet nicht, das Leiden zu verdrängen oder kleinzureden, sondern den Blick über das eigene Schicksal hinaus zu richten. Der Mensch fragt nicht mehr nur: „Was ist mir widerfahren?“, sondern auch: „Was kann ich trotz allem verwirklichen?“ oder „Wem kann ich mit meinen Erfahrungen dienen?“ Das Leid verliert dadurch nicht seine Bedeutung, aber es verliert seinen Alleinanspruch auf die Identität. Wir sind mehr als das, was uns zugestoßen ist. Unsere Würde gründet nicht in unserer Verletzlichkeit, sondern in der Freiheit, uns immer wieder neu zu unseren Lebensbedingungen zu verhalten. Gerade darin liegt die Möglichkeit, aus einer Identität des Leidens zu einer Identität der Eigenverantwortung, der Sinnorientierung und des inneren Wachstums zu gelangen.
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de



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