Sonntag, 9. Mai 2021

Muttertag

 


Liebes Kind, 
 
wie viel Liebe, Dankbarkeit, Mitgefühl, Achtung, Aufmerksamkeit und Wertschätzung schenkst du deiner Mutter?
Wie viel Liebe, Dankbarkeit, Mitgefühl, Achtung und Wertschätzung schenkst du dir selbst?
Kannst du deine Mutter akzeptieren wie sie ist oder war?
Kannst du sie sein lassen wie sie ist?
Hast du eine Idealvorstellung von deiner Mutter, wie sie zu sein hatte oder zu sein hat, die du nicht loslassen kannst?
Wirfst du ihr vor, dass sie Fehler gemacht hat und macht?
Erwartest du mehr als sie dir gegebenen hat oder geben kann?
Trägst du ihr etwas nach?
Kannst du ihr verzeihen, wenn sie keine hinreichend gute Mutter war oder ist?
Kannst du ihr nachsehen, was sie in deinen Augen falsch gemacht hat?
Glaubst du, dass sie für alles in deinem Leben die Verantwortung trägt?
Kannst du akzeptieren, dass deine Mutter auch nur ein Mensch ist mit ihrer eigenen Geschichte, ihren Gefühlen und Bedürfnissen, ihrem Licht und ihrem Schatten und ihren Grenzen?
Kannst du akzeptieren, dass deine Mutter ihr eigener Mensch ist?
Kannst du dir vorstellen, dass du genau diese Mutter hast, um der Mensch zu sein, der du bist?
Und wenn deine Mutter dieses irdische Leben verlassen hat, spürst du, dass ihre Essenz bleibt, hörst du ihre Stimme, siehst du ihr Lächeln und fühlst du ihre Liebe?
Bist du im Kampf mit deiner Mutter oder Frieden?
Bist du im Kampf mit dir selbst oder im Frieden?
 
Und wenn du selbst Mutter bist.
 
Liebe Mutter,
 
wie viel Liebe, Dankbarkeit, Mitgefühl, Achtung und Wertschätzung schenkst du deinem Kind?
Wie viel Liebe, Dankbarkeit, Mitgefühl, Achtung und Wertschätzung schenkst du dir selbst?
Denkst du, du bist eine hinreichend gute Mutter oder denkst du, du bist nicht gut genug?
Denkst du, dass du dein Bestes gegeben und getan hast, das was dir möglich war und noch immer dein Bestes gibst und tust?
Denkst du, dass du Fehler gemacht hast und immer wieder Fehler machst?
Machst du dir Vorwürfe, nicht alles getan zu haben?
Kannst du akzeptieren, dass auch du nicht perfekt bist?
Kannst du dein Kind in Liebe loslassen und es seinen Weg gehen lassen, auch wenn er nicht deinen Wünschen, Vorstellungen und Erwartungen entspricht?
Kannst du dir vorstellen, dass du genau dieses Kind hast um von ihm zu lernen?
Kannst du es bedingungslos lieben?
Ihm vertrauen?
Denkst du, dass du allein die Verantwortung dafür trägst, für das, was dein Kind erfahren hat, getan hat, tut oder nicht tut und was aus ihm geworden ist?
Wie viel Selbstmitgefühl hast du für dich, wenn du nicht alles für dein Kind gut machen konntest, weil auch du Grenzen hast und weil es seine eigenen Entscheidungen getroffen hat, die vielleicht nicht so gut waren?
Wie gut sorgst du für dich, so wie du gut wie du für dein Kind sorgst?
Vergleichst du dein Kind mit anderen?
Vergleichst du dich selbst mit anderen Müttern oder mit deiner Idealvorstellung einer Mutter!
Kannst du akzeptieren, dass du auch nur ein Mensch bist mit Licht und Schatten?
Kannst du akzeptieren, dass dein Kind sein eigener Mensch ist?
Und wenn dein Kind dieses irdische Leben Erde verlassen hat, spürst du, dass seine Essenz bleibt, hörst du seine Stimme, siehst du sein Lächeln und fühlst du seine Liebe?
Bist du im Kampf mit deinem Kind oder im Frieden?
Bist du im Kampf mit dir selbst oder im Frieden? 
 
Mögen alle Mütter und Kinder in Liebe sein. Jeden Tag.

Samstag, 8. Mai 2021

Was denkst du über dich selbst?

 
                                                        Foto. A. Wende
 
Ein Mensch ist das, worüber er den ganzen Tag nachdenkt.
 
Ralph Waldo Emmerson
 
 
In meiner Arbeit mit Menschen kommen wir irgendwann an den Punkt, wo ich die Frage stelle: Was denken sie über sich selbst?
Und meistens höre ich dann nach einem längeren Schweigen nichts Gutes. Sogar Menschen, die selbstbewusst und erfolgreich ihr Leben meistern, finden sehr viel an sich selbst, was sie nicht mögen. Und wenn wir tiefer graben kommen sogar Gefühle wie Selbstablehnung, Scham- und Schuldgefühle ans Licht. Oder sie finden sich nicht gut genug, nicht attraktiv genug, nicht liebenswert oder gar als Versager, obwohl ihnen viel ihm Leben gelungen ist und gelingt. Dennoch sind da all die unheilsamen Gedanken, die sie im Alltag verdrängen.
Sie stehen Morgens auf und schlüpfen in ihre Rolle. Sie verdrängen und überspielen diese unguten Gedanken und die dazugehörigen Gefühle und kommen meist ganz gut damit zurecht. Im Innersten haust da aber ein kleines Rumpelstilzchen, das ständig vor sich hin sagt: Ach wie gut, dass niemand weiß .... den Rest kennt ihr ja. 
Wie gut, dass niemand weiß, ist auch gut. Nicht jeder muss wissen, was wir im Tiefsten über uns denken. „Und wie´s da drinnen aussieht geht niemand was an“, sang meine Mutter immer, wenn sie traurig auf dem Sofa saß und all die schönen Pullover strickte, die wir Kinder gar nicht so schön fanden, aber anziehen mussten. 
 
Was niemand etwas angeht, geht aber dich etwas an, denn wie du über dich selbst denkst, danach richten sich deine Gefühle, deine Handlungen und deine Entscheidungen aus.
Der Stoiker Marc Aurel schrieb einst: „Das Leben eines Menschen ist das, was seine Gedanken daraus machen.“
 
Was du über dich selbst denkst, beeinflusst dein in-der-Welt-sein. Es beeinflusst wie du mit dir selbst umgehst, mit dem was dir widerfährt, was du daraus machst, wie du dein Leben gestaltest und wie du mit anderen umgehst. 
Gedanken haben eine immense Macht. Wir können uns sogar unglücklich denken oder glücklich.
Egal wie die Welt da draußen gerade ist, egal wir machtlos wir uns gerade fühlen, unsere Gedanken haben die Großmacht über unsere innere Welt. Und: unsere innere Gedankenwelt geht in Resonanz mit der äußeren Welt – wir bekommen sozusagen Feedback - die äußere Welt bestätigt dann meist unsere Gedanken, ganz einfach weil wir nur das wahrnehmen was sich unser Denkapparat da oben als Prioritäten gesetzt hat. Warum? Weil wir wie durch einen Filter nur noch das sehen, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten. Und das wächst. 
 
Du kannst nichts dafür, wie du über dich denkst, denn du hast von Kindesbeinen an gelernt wie du über dich zu denken hast. 
Du bist voll von Leit- und Glaubenssätzen, voll von Konditionierungen und Programmierungen, die du übernommen hast, die du vielleicht noch nie hinterfragt hast oder nur halbherzig und die dich noch heute steuern. Darum ist es wichtig dir das gerade jetzt bewusst zu machen und herauszufinden was du in deinem Gehirn an Selbstüberzeugungen gespeichert hast, denn das ist genau das, was dich steuert.
 
Was wir jetzt alle nötig brauchen in dieser Zeit der Veränderung ist, dass wir an uns selbst glauben, dass wir hilfreiche, stärkende und heilsame Gedanken über uns selbst haben, denn unsere Gedanken beeinflussen auch unser Immunsystem, das seelische und das körperliche.
Wenn du magst und am Wochenende Zeit findest, könntest du dir dein Tagebuch oder ein weißes Blatt Papier hernehmen und oben hin schreiben:
Was denke ich über mich selbst?
Dann legst du los. Du schreibst alle Gedanken über dich selbst auf.
Dann schreibst du daneben:
Welche Gefühle lösen diese Gedanken aus?
Dann lege das Buch oder das Blatt zur Seite.
 
Am nächsten Tag liest du alles noch einmal.
Dann fragst du dich:
Ist das hilfreich für mein Leben, was ich da lese?
Ist das gut mit mir selbst sein?
Wohin führen mich diese Gedanken?
Was gestalte ich damit?
Wie fühle ich mich damit?
Wie handle ich, wenn ich so fühle?
Will ich weiter so über mich selbst denken und fühlen?
Verschließe ich mein Herz für mich selbst, wenn ich weiter so über mich denke?
Kann da Gutes auf mich zukommen, wenn ich weiter so denke? 
 
Und zum Schluss bist du dein eigener Coach:
Du fragst dich (wieder schriftlich):
Wie könnte ich besser, liebvoller, selbstmitfühlender, selbstbewusster über mich selbst denken?
Wenn du das getan hast, triffst du eine Entscheidung - für dich, für alle, die dich lieben und brauchen: Du entscheidest dich für heilsame Gedanken, die dir Kraft geben, die dir Mut schenken und den Glauben an dich selbst.
Jeden Tag aus Neue.

Mittwoch, 5. Mai 2021

Veränderung in einer veränderten Welt

 

 
Es sind nicht die äußeren Umstände, die das Leben verändern, 
sondern die inneren Veränderungen, 
die sich im Leben äußern.
 
Wilma Thomalla


„Wenn alles sich verändert, verändere alles“, heißt ein Buch von Neale Donald Walsch. Ich fand es gestern beim Aussortieren des Bücherregals. Ich erinnerte mich an die Zeit als ich es gekauft habe. Es war nach meinem schweren Autounfall, als ich im Rollstuhl saß und mein altes Leben zerbrochen war. Alles was mein Leben ausgemacht hatte, war verloren, meine Karriere beim Fernsehen, meine Beziehung, ich hatte ein Trauma, musste in eine Traumaklinik und mein geliebter Sohn zog mitsamt dem Hund zu seinem Vater. Ich dachte alles ist aus. Ich wollte nicht mehr leben.
Ich wollte nichts verändern, denn was ich vorher hatte, erschien mir als das perfekte Leben. Aber so sehr ich mich auch dagegen sträubte, ich musste erkennen, das war ein für alle Mal vorbei. Es gab kein Zurück. Ich brauchte lange um zu akzeptieren, dass sich mein Leben gegen meinen Willen verändert hatte. Ich war arbeitslos, ohne Beziehung und das Liebste, mein Sohn, war weit weg. Ich sah keinen Sinn mehr im Leben. Ich sah nicht, wozu ich jetzt noch da war. Keiner brauchte mich mehr.
Als ich aus der Klinik entlassen wurde, kam ich in ein leeres Haus.
Was jetzt? Wie weiter machen in der radikal veränderten Welt?
Dann las ich dieses Buch über die Veränderung. Und langsam, ganz langsam, begann ich zu akzeptieren, dass ich das Alte verabschieden musste, um nicht an der Veränderung zu zerbrechen. Ich musste nach Vorne schauen und mich neu erfinden. Es hat gedauert, es war schwer, aber ich habe es geschafft. 
 
Warum erzähle ich Euch das?
Ich erzähle es Euch, weil es sich für viele von uns im Moment genauso anfühlt - wir erleben eine Veränderung, die unser altes Leben mit einem Schlag beendet hat. Viele Menschen stecken fest, so wie ich damals im Rollstuhl. Und viele haben Vieles verloren, was ihnen wichtig war. Viele haben das Gefühl nicht mehr gebraucht zu werden und sehen keinen Sinn mehr im Leben. 
 
Die Welt hat sich verändert und wir wollen das nicht. Wir wollen es wieder haben, unser altes Leben und zugleich wissen wir – es ist endgültig vorbei. Wir wollen uns nicht verändern. Das ist zutiefst menschlich.
Veränderungen machen Angst. Wir wissen nicht was kommt und wir haben keine Ahnung, was wir tun sollen, damit unser Leben wieder gut wird oder sogar besser. Wir haben keine Vorstellung davon, weil wir das Alte so lange gelebt haben. Wir haben eine Vorstellung davon wer wir waren, aber wir wissen noch nicht wer wir jetzt sind oder sein wollen. Wir haben keine Vorstellung davon wie wir die Scherben zusammenfügen sollen, damit etwas stabiles Neues entsteht. Wir haben keine Vorstellung davon, was wir außer dem, worüber wir uns definiert haben, noch sein könnten. Wir haben keine Vorstellung davon, wo wir ohne das alte Ziel, ohne die alten Gewohnheiten, ohne das alt Vertraute hin kommen. 
 
Aber, Hand aufs Herz, war das Alte wirklich so toll?
War der alte Job wirklich der, den wir mit Liebe gemacht haben und hat er uns erfüllt?
Waren all die materiellen Dinge, die uns als lebensnotwendig erschienen wirklich so wichtig, oder haben wir viele Dinge nur gekauft, weil wir die innere Leere damit füllen konnten?
War die ganze Ablenkung im Außen nicht ein Ablenken von uns selbst, damit wir nicht spüren, was uns fehlt und was wir wirklich brauchen?
Waren unsere Beziehungen zu anderen wirklich echt, liebevoll, stabil und tragfähig oder hatten wir sie, weil man eine Beziehung, viele Bekannte und sogenannte Freunde hat, damit man nicht allein ist?
Haben wir uns wirklich aufmerksam und liebevoll um unsere Nächsten, unsere Familie, den Partner und die Kinder gekümmert?
Sind wir gut mit uns selbst umgegangen?
Haben wir gut für uns gesorgt oder sind wir wie Hamster im Rad immer schön rund gelaufen um am Abend völlig erschöpft zusammenzufallen?
Haben wir auf unsere Umwelt geachtet oder sind wir achtlos damit umgegangen?
Wie gut war unser Leben eigentlich wirklich vor der großen Veränderung?
Waren wir das, was man einen zufriedenen Menschen nennt?
 
Diese Fragen können helfen, wenn sich alles in uns gegen eine Veränderung sträubt.
Sie können helfen die Illusion, die wir uns vielleicht gemacht haben, zu entlarven und die Wahrheit über unser altes Leben zu entdecken.
Wenn wir sie erkennen, könnten wir zu dem Schluss kommen: Nein, so toll war das gar nicht, was wir da hatten. Und dann hören wir auf in beschönigenden Erinnerungen zu schwelgen, die uns davon abhalten, was jetzt ist, zu akzeptieren. Wenn wir das Jetzt akzeptieren, lösen wir den inneren Widerstand, der jeder Veränderung im Wege steht. 
 
Wenn wir das geschafft haben, könnten wir uns fragen:
Wie könnte es besser sein als es war?
Was kann ich dafür tun, damit es besser wird als es war und als es jetzt ist?
Was will ich in diesem Leben gestalten, damit es für mich ein sinnvolles Leben ist?
Was will ich neu gestalten?
Welche Vorstellungen von mir selbst darf ich verändern?
Welche Vorstellungen von einem gelingenden Leben darf ich verändern?
Was vom Alten ist tragfähig um es in das Neue mit hinüber zu nehmen?
Was hat Substanz?
Was blockiert meine Vorstellungen vom Möglichen?
Was darf ich lernen, damit es besser ist als es war und als es jetzt ist?
In dem Moment, wo uns klar wird, dass wir trotz allem, trotz aller äußeren Umstände nicht Opfer sondern Schöpfer sind, sind wir schon beim ersten Schritt in die Veränderung.
Und jedem ersten Schritt, der gelungen ist, darf der nächste folgen.
Vielleicht müssen wir nicht alles verändern, wenn sich alles verändert – aber das, was uns dabei hilft, damit es besser ist, als es jetzt ist. 
 

Dienstag, 4. Mai 2021

Es sind Veränderungen nötig, aber keine Zerstörungen

                                                                 Foto. A. Wende
 
 

Es gibt keinen stabilen Zustand der Ordnung. Weil keine Energie unendlich ist, kann Ordnung nicht ewig währen. Autos gehen zu Schrott, Menschen sterben, Sonnen verlöschen. So triumphal der sieg des Lebens über die Unordnung auch sein mag - er ist nur vorrübergehend. Am Ende gewinnt immer der Zufall.

 

Stefan Klein aus: Alles Zufall

 
Diese Zeit kann vieles bewirken. Entweder wir werden kreativ und gestalten unser persönliches Leben zu einem Ausdruck unserer Einmaligkeit, oder wir verfallen in einen Zustand extremer innerer Spannungen oder gar in die Lähmung, durch die unser Selbstausdruck gehemmt wird.
Manchmal schwanken wir auch zwischen beidem. Wir haben Tage an denen wir uns sagen – so jetzt mache ich das und ich bleibe dran und dann wieder gibt es Tage, an denen jegliche Motivation fehlt und wir nur noch eine große Erschöpfung spüren und uns in den engen Lebensordnungen gefangen fühlen.
Die meisten Menschen, die ich kenne, berichten von letzterem Zustand. Auch ich kenne ihn gut. Nur wenige von uns glauben so felsenfest an sich selbst, dass sie die jetzt wirksamen Energien zwischen Starre und Umbruch, in der bestmöglichen Weise für sich nutzen können. 
 
Leben ist Veränderung
Da wir Menschen keine statischen Wesen sind, brauchen wir, um lebendig zu bleiben, kreative Veränderungen. In dieser Zeit fühlen wir das mehr als je zuvor, denn wir stoßen im Außen an harte Grenzen und menschenfeindliche Lebensstrukturen, die so sehr auf uns lasten, dass sie uns mit ihrem Gewicht unsere kreative Energie rauben können.
Die Elemente des Lebens sind in langweiliger Routine erstarrt. Gleichzeitig kommt es zu nie dagewesenen gesellschaftlichen und ethischen Umwälzungen, auf die wir als Einzelne keinen Einfluss haben. Der Impuls zu rebellieren, alles stehen und liegen zu lassen und sich aus dem Staub zu machen, weg von all dem, kann entstehen.
Während dieser Zeit zerbrechen nicht nur äußere Strukturen sondern auch Beziehungen und Projekte, die starr und belastend geworden sind. Es kommt kollektiv und individuell zu Spaltungen und Trennungen. Vieles, was das Leben ausmachte, endet jetzt. Altes verschwindet und wofür es Platz macht, wissen wir nicht. Wir spüren, dass sich eine neue Ordnung durchsetzen will, aber ob sie gut oder ungut für unser Leben ist, wissen wir nicht. 
Dieses Nichtwissen ist eine ständige Quelle der Unruhe in uns. Viele von uns kommen an ihre Grenzen. Sogar die Resilientesten sind an einem Punkt an dem sie mit bewährten Bewältigungsstrategien nicht so recht weiter kommen. Was wir gerade erleben ist etwas so Surreales, so Unbegreifliches, dass wir noch keinen tragenden Umgang damit finden. Das Weltgeschehen schleudert uns aus dem Rahmen unserer personalen Sicherheit heraus, wir haben das Gefühl keine Kontrolle mehr zu haben. Wir fühlen uns als kämpften wir wie der kleine David gegen den großen Goliath. 
 
Das Ego, der verblendete Teil, der glaubt, die Fäden in unserem Leben zu ziehen, tut alles um in zu besiegen um letztlich immer wieder zu erkennen – dieser Goliath ist stärker als jede Anstrengung.
Was könnten wir an diesem Punkt erkennen?
Wir könnten erkennen: Es sind Veränderungen nötig, keine Zerstörungen.
Wir könnten erkennen, dass es Dinge gibt, mit denen wir leben müssen. Und für uns selbst entscheiden, was wir verändern können um damit leben können. 
 
Neuordnung
Wie Außen so Innen - unser aller Leben bedarf jetzt einer gründlichen Neuordnung. Dieser Prozess wird dauern, er wird nicht ohne Ängste, Schmerzen, Verluste, Irrungen und Wirrungen zu bewältigen sein, aber wenn wir wissen - auch ohne zu wissen wohin es uns führt - wer wir sind, wer wir sein wollen, wofür wir stehen und was wir in die Welt geben wollen, haben wir einen Wegweiser, an den wir uns halten können, mitten im Umbruch.

Sonntag, 2. Mai 2021

Gedankensplitter

 


 Was ist ein erfülltes Leben?

Die größte Erfüllung ist, den Sinn im Leben selbst zu sehen.

Die eigene Lebendigkeit, die mit den Sinnen erfahrbar ist, wahrzunehmen.

 

 

 


Mittwoch, 28. April 2021

Corona - Die aus der Ohnmacht geborene Erschöpfung der Menschen

 

                                                                               Foto: A. Wende

 

 

Ohnmacht: rare Phase von totalem Bewußt-Geworden-Sein.

Andreas Egert

 

Nach einem Jahr Pandemie geht es den meisten von uns nicht gut. Die Erschöpfung und die Überlastung werden größer, bei vielen liegen die Nerven blank und das Konfliktpotenzial unter den Menschen steigt. Wie geht das weiter, wie lange halten wir diese Erschöpfung noch aus bis wir innerlich ausgebrannt sind oder gar seelisch und körperlich erkranken?  

 

Wie lange ist ein Leben im Katastrophenzustand aushaltbar ohne an die Substanz zu gehen? Diese Frage stellen sich viele Menschen. 

Jeden treffen die Auswirkungen der Pandemie auf irgendeine belastende Weise. Jeder hat seine eigenen Probleme und jeder geht mit dem Ausnahmezustand anders um. Wie dieser Umgang aussieht hat viel mit den individuellen Lebensbedingungen zu tun. Je ärmer Menschen sind, je hoffnungsloser der Blick auf die Zukunft ist, je größer die Verluste, desto schwerer trifft es sie in allen Lebensbereichen. Es ist leichter das Schwere zu tragen, wenn Existenzangst und Existenzverlust nicht treffen. Wer sich finanziell abgesichert auf seine persönliche Insel zurückziehen kann, in der alles zur Verfügung steht, was er braucht, der wird die Sorgen und Nöte der am härtesten Betroffenen nicht nachvollziehen können. Was aber alle Menschen eint ist eine tiefe Erschöpfung gepaart mit dem Gefühl von Abhängigsein und Ausgeliefertsein. 

 

Wir sind müde. Müde vom Hoffen, müde vom Aushalten, müde von der Sehnsucht nach Besserung der Lage, müde von den Einschränkungen, müde von der Angst und müde von der Ungewissheit. Wir trauern um den Verlust unserer alten Normalität und fürchten uns vor dem was noch kommt. Mit all diesen Gefühlen verwoben ist eine subtile Wut, die am liebsten herausschreien würde: Es reicht jetzt! 

 

Wenn sich Erschöpfung, Trauer und Wut mischen, entsteht ein ungesunde emotionale Melange in der Seele, die auf Dauer zermürbt.  

Es kommt zu einem tiefen Gefühl von Ohnmacht. In der Ohnmacht fühlen wir uns ausgeliefert, macht- und hilflos. Ohnmacht ist das Gefühl das eigene Leben nicht mehr beeinflussen zu können. Dem Erleben von Selbstbestimmung und Ich-Orientierung steht auf der unbewussten Seite das verdrängte Erleben von Hilflosigkeit gegenüber. Ohnmacht bedeutet: Kontrollverlust. 

 

Wie fühlt sich diese psychologische Ohnmacht an? 

Machtlosigkeit kann bei jedem, je nach psychischer Struktur und Charakter, andere Gefühle auslösen. Beim einen sind das Trauer, Resignation und Depressivität, beim anderen sind es Angst, Aggression und Wut.  

 

Ohnmacht ist das am meisten abgewehrte und verdrängte Gefühl. Es ist so unangenehm und existentiell bedrohlich, dass Menschen alles Mögliche zu glauben und zu tun bereit sind, um das Gefühl von Kontrolle zurückzugewinnen mittels der unterschiedlichsten Bewältigungsmechanismen. 

Für manche erhöht sich das Gefühl von Kontrolle bzw. der eigenen Wirksamkeit, indem sie ihre wütende Ohnmacht in Macht umwandeln. Das kann soweit gehen, die Macht über andere erlangen zu wollen, was sich bis zur Gewaltausübung steigern kann. Ohnmächtige Wut hat ihr Ziel nicht in der zielgerichteten Vernichtung eines konkreten Feindes, sie ist viel vager, aber auch viel destruktiver gegen die Außenwelt gerichtet. Sie entlädt sich unkontrolliert an den verschiedensten Stellen, was man am steigenden Aggressionspotenzial im Netz und angesichts des immer respektloseren und feindlicheren Miteinanders der Menschen beobachten kann. 

 

Andere wiederum fallen in depressive Passivität. Nach dem Motto: „All i can do is sit and wait“ versinken sie in eine träge Lähmung und verlieren jegliche Motivation und Antrieb. 

 

Wiederum andere verfallen in erhöhte Geschäftigkeit. Hier wird das Gefühl der Ohnmacht unterdrückt, indem man besonders aktiv ist, um vor sich selbst und anderen als das Gegenteil eines ohnmächtigen Menschen zu erscheinen. 

 

Auch der Glaube an den Faktor Zeit ist eine Form der tröstenden Rationalisierung angesichts der Erfahrung von Ohnmacht. Beim Glauben an die Zeit besteht die Erwartung, dass sich mit der Zeit schon alles regeln wird, dass Dinge, zu deren Lösung man selbst nicht fähig ist, vom Vergehen der Zeit gelöst werden. 

 

Weitere tröstende Rationalisierungen sind der Glaube an eine Obrigkeit, die die Dinge schon regeln wird oder der religiös spirituelle Glaube an ein Wunder, das die Erlösung bringt.

 

Die Ursache all dieser Bewältigungsmechanismen ist jedoch die gleiche: Kontrollverlust.

Halten Ohnmachtsgefühle zu lange an kommt es zum Phänomen der erlernten Hilflosigkeit. Der Mensch zweifelt an der Wirksamkeit seiner Handlungen und stellt das Handeln ein. Erlernte Hilflosigkeit führt dann dazu, dass Menschen passiv bleiben, auch wenn sie wieder handeln könnten. Das Resultat ist ein Selbstgefühl absoluter Wertlosigkeit, begleitet von tiefer Angst und Sinnlosigkeit.

Erlernte Hilflosigkeit ist ein Teufelskreis, an dessen Ende das Gefühl steht, sich durch eigenes Handeln nicht aus einer Situationen befreien zu können. Der Glaube Herausforderungen aus eigener Kraft meistern können stirbt. Das anhaltende Gefühl von Ohnmacht ist der Anfang einer destruktiven Abwärtsspirale – sei es die der Gewalt, der Angst, des Ausbrennens oder der Depression.

 

Wie gelingt ein in produktiver Umgang mit der Ohnmacht?

Sie gelingt dann, wenn eine radikale Anerkennung der Realität stattfindet. Die äußere Wirklichkeit muss anerkannt und akzeptiert werden, ebenso wie die Grenzen des menschlich beeinfluss- und machbaren. Die Ambivalenzen, die Unwägbarkeiten und die Polaritäten des Lebens müssen akzeptiert werden. Eigene Kompensationsmechanismen und Bewältigungsstrategien dürfen hinterfragt werden. Erst wenn diese als das, was sie sind – nämlich untaugliche Versuche um die Kontrolle über das Unkontrollierbare wiederzuerlangen – bewusst geworden sind, kommt es zur inneren Bereitschaft die eigene Ohnmacht anzuerkennen. Dies führt dazu, dass die Erschöpfung, die sich im Widerstand gegen das was ist, weiter verstärkt, auflösen darf. 

 

Ja, wir sind erschöpft, ja wir sind ohnmächtig. Und ja, es ist ok, denn das, was wir gerade erleben ist ein kollektiver Ausnahmezustand, den wir nicht ändern können. Was wir ändern können ist unsere Haltung zu dem was ist. Diese Veränderung beginnt damit uns zu erlauben, was wir fühlen und es mitzuteilen – einander, einer dem anderen. Teilen wir uns wahrhaftig mit, sind wir nicht nur authentisch und menschlich, wir schaffen Verbindung. Und das ist genau das, was wir jetzt dringend brauchen.

 

 



 

Dienstag, 27. April 2021

Angst und Mitgefühl vertragen sich nicht

 

                                                                    Foto: pixybay

Der Mensch ist von Natur aus egoistisch, so etwas wie Mitgefühl muss er sich mühsam abringen, und das tut er– wenn überhaupt – nur, wenn es ihm letztlich einen Vorteil bringt.

Herbert Spencer

 

Mitgefühl gehört zur seelischen zur Grundausstattung des Menschen. Nicht zu verwechseln mit Empathie. Empathie bedeutet, dass man in der Lage ist, sich mit den Gefühlen eines anderen zu verbinden, sprich, dass man fühlt, was der andere empfindet. Und es dann dabei belässt ohne zu handeln. Mitgefühl hingegen hat immer den Impuls dem anderen zu helfen. 

 

Die nie Zusammengebrochenen können das Leid, die Schwäche und die Gebrochenheit ihres Nächsten nicht verstehen.  

Mitgefühl besteht nur dann, wenn ich vom Leiden des Anderen selbst eine Erfahrung habe, wenn ich das, was der Gebrochene fühlt, selbst gefühlt habe oder gerade fühle. Mitgefühl entsteht über das erfahrene eigene Fühlen, nicht über Gedanken. Es kann nicht hergedacht werden, auch wenn manche das glauben, eben weil es ein Gefühl ist und kein Gedanke.

 

Mitgefühl ist wichtig für das Bestehen einer Gesellschaft, denn mit anderen zu empfinden, stärkt unser soziales Miteinander. 

Ein bisschen mehr Mitgefühl könnte uns allen in dieser schweren Zeit nicht schaden. Aber leider ist genau das Gegenteil zu beobachten. Immer mehr Menschen ziehen sich in sich selbst zurück, sie drehen sich um sich selbst, versumpfen in ihren eigenen Gefühlen und verlieren das bisschen Mitgefühl, das sie einst vielleicht hatten, mitsamt der Empathie. Mit diesem Rückzug zieht sich der Blick auf das große Ganze zurück, der Blick über den eigenen Tellerand geht verloren und fokussiert sich auf die eigene kleine Welt. Diese ist gefühlt umso bedrohter, je mehr Angst Menschen verspüren. Angst spaltet unsere Psyche und uns selbst von anderen.

 

Wer Angst kennt weiß: Angst macht eng und kreist immer um sich selbst. 

Je mehr Angst, desto weniger Raum für Mitgefühl. Angst legt sich wie ein dunkler Schatten über alles Lebendige und lässt uns erstarren. Ängstlich wird festgehalten, ängstlich wird vermieden, ängstlich wird verteidigt, ängstlich wird der Zaun um das ängstliche Selbst immer enger gezgen und die Welt da draußen wird klein und kleiner. So klein, dass damit auch das Gefühl für andere Menschen klein und kleiner wird. Der Andere zählt nur noch als Verstärker für die eigene Wahrnehmung und die eigene Sicht der Dinge. Wer ähnlich denkt ist Freund, wer anders denkt ist Feind. Die Angst braucht Feindbilder um sich selbst zu begründen und zugleich ist das Feindbild das Futter, das sie nährt, am Leben hält und verstärkt. 

 

Angst und Mitgefühl vertragen sich nicht.  

Angst essen Seele auf, besagt ein afrikanisches Sprichwort. Die ängstliche Seele wird zu einem zerfressenen Etwas, das nichts mehr zu geben hat. Je mehr wir uns von der Angst beherrschen lassen, desto unmenschlicher werden wir im Fühlen und Denken und im Handeln. Wir verlieren nicht nur das Mitgefühl für die Anderen, wir verlieren am Ende das Mitgefühl für uns selbst. Und damit verlieren wir das Wesentliche, was uns hilft Leid zu lindern.