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Foto: A.W.
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Viktor Frankls Gedanke vom „Willen zum Sinn“ gehört zu den eindringlichsten Antworten auf die Frage, was den Menschen trägt. Der Mensch, so Frankl, sucht einen Sinn, eine Aufgabe, einen Grund, der sein Dasein auf etwas hin öffnet. Selbst unter schwierigen Bedingungen bleibt ihm, so Frankl, ein Raum der Freiheit: die Möglichkeit, zu seiner Situation Stellung zu nehmen. Dieser Gedanke hat eine große Kraft. Aber er ist kein Rezept für jede Form menschlicher Not. Gerade die chronische Einsamkeit macht eine Grenze sichtbar, die eine zu individualistische Auslegung des Willens zum Sinn leicht übersieht. Der Mensch ist nicht nur ein Wesen, das sich zu seiner Welt verhält. Er ist auch ein Wesen, das auf Antwort angewiesen ist. Er braucht nicht nur etwas, wofür er lebt. Er braucht auch ein Gegenüber, für das und mit dem er lebt. Frankls Aufforderung: „Nicht, was erwarte ich vom Leben?, sondern: Was erwartet das Leben von mir?“ klingt zunächst befreiend. Sie nimmt uns aus der passiven Position dessen, der nur fragt, was das Leben ihm zu geben hat. Stattdessen werden wir zum Antwortenden: Das Leben stellt Fragen und wir antworten durch unser Handeln. Das stimmt und es stimmt nicht ganz.
In Frankls Vorstellung liegt eine heroische Versuchung.
Sie klingt, als müsse der Mensch auch dort noch eine Antwort finden, wo ihm jede Antwort fehlt.
Er leidet, also soll er einen Sinn darin entdecken. Er ist einsam, also hat er die Möglichkeit die Einsamkeit in eine Aufgabe verwandeln. Er hat keinen Halt, also hat er die Möglichkeit aus eigener Kraft einen inneren Halt zu schaffen. Das ist ein guter Ansatz und absolut hilfreich, besonders dann, wenn die Einsamkeit eine vorrübergehende, situationsbedingte ist. Aber was, wenn die Einsamkeit chronisch ist? Sich über Jahre oder Jahrzehnte hinzieht? Was wenn ein Mensch in einer radikalen Einsamkeit gefangen ist und trotz aller Bemühungen nicht herauskommt?
Nicht jeder Mensch ist ein Held. Und nicht jede Not lässt sich durch Haltung bewältigen.
Ein Mensch kann einsam, ratlos, erschöpft, verzweifelt, ohne Aufgabe und ohne ein „Wozu“ sein. Er kann das Gefühl haben, dass sein Leben nirgendwohin führt. Es wäre vermessen, ihn dann dazu aufzufordern, er müsse darin jetzt einen Sinn finden. Vielleicht müssen wir nicht jederzeit einen Sinn erkennen. Es darf auch auch Zeiten geben, in denen wir keinen sehen. Man könnte jetzt natürlich sagen: Das Leben hat auch im bloßen Sein einen Sinn. Die Tatsache, dass ein Mensch existiert, muss nicht erst durch Leistung oder eine besondere Aufgabe gerechtfertigt werden. Das ist ein wahrer Gedanke, aber er beantwortet die Erfahrung der chronischen Einsamkeit nicht. Denn der chronisch einsame Mensch leidet möglicherweise gerade an seinem bloßen Dasein. Nicht weil er nicht weiß, dass er existiert, sondern weil sein Dasein keinen Widerhall findet.
Er fragt sich nicht: Warum existiere ich überhaupt? Er fragt sich: Wer sieht mich? Für wen habe ich eine Bedeutung? Das sind keine abstrakten Fragen nach dem Sinn des Lebens. Es sind Fragen nach Beziehung. Und damit verändert sich das Problem grundlegend.
Sinn entsteht nicht ausschließlich im eigenen Inneren, er entsteht in Resonanz.
Resonanz bedeutet dabei mehr als bloßer Kontakt. Ein Mensch kann unter vielen Menschen sein und trotzdem einsam sein. Resonanz entsteht dort, wo etwas von ihm ausgeht und etwas auf ihn antwortet. Ich spreche und werde gehört. Ich schaue und werde gesehen. Ich liebe und meine Liebe wird erwidert. Ich tue etwas und es hat für andere Bedeutung. Ich berühre die Welt und die Welt berührt mich. Dann entsteht das Gefühl: Ich bin nicht einfach nur da. Mein Dasein steht in einem Zusammenhang. Wir Menschen möchte nicht nur existieren. Wir möchten erfahren, dass unser Dasein bedeutsam ist und etwas bewirkt.
In der chronischen Einsamkeit aber bleibt die Antwort aus.
Dann ist Einsamkeit nicht einfach die Abwesenheit anderer Menschen. Sie ist das Ausbleiben von Antwort. Der Einsame erlebt: Ich rufe, aber niemand antwortet. Und darin liegt etwas, das sich nicht einfach durch eine veränderte innere Haltung beheben lässt.
Man kann einem einsamen Menschen sagen, er solle die Schönheit eines Sonnenuntergangs betrachten. Vielleicht kann er das sogar. Aber es bleibt eine andere Frage: Wer teilt dieses Erleben mit mir? Man kann ihm sagen, er soll etwas erschaffen. Aber vielleicht fragt er: Für wen? Man kann ihm sagen, er müsse lernen, mit sich selbst zufrieden zu sein. Aber vielleicht will er gar nicht nur mit sich selbst sein. Damit kommt ein bedrückendes Gefühl ins Spiel: Ohnmacht. Wenn für uns Menschen Sinn wesentlich in Resonanz entsteht, heißt das nicht, wir können Resonanz selbst vollständig herstellen. Wir können uns öffnen, auf andere zugehen. Aber wir können andere nicht zwingen, zu antworten. Wir können die Tür öffnen, aber niemanden zwingen, hindurchzugehen. Das bedeutet: Der Mensch kann die Möglichkeit von Resonanz schaffen, aber nicht ihre Wirklichkeit garantieren.
Genau hier liegt für mich eine Grenze des „Willens zum Sinn“.
Frankls Gedanke betont die Freiheit des Menschen gegenüber seinen Umständen. Aber der Mensch ist nicht nur frei. Er ist auch abhängig.
Er ist abhängig von Beziehungen, von Anerkennung, von Nähe, von anderen Menschen. Das ist keine moralische Schwäche. Es ist eine anthropologische Tatsache. Der Mensch kann nicht alles, was er zum Leben braucht, aus sich selbst hervorbringen.
Was geschieht, wenn die Welt dem Einsamen tatsächlich nicht antwortet?
Keine Freundschaft, keine Liebe, kein Gegenüber, keine Gemeinschaft gibt ihm das Gefühl: Du bist wichtig. Dann kann die Erfahrung entstehen, dass nicht nur der Sinn verloren geht, sondern dass die Bedingungen, unter denen Sinn überhaupt entstehen könnte, fehlen. Das ist mehr als ein Defizit an positiver Einstellung. Es ist eine tiefe menschliche Not.
Und diese Not muss man anerkennen, ohne sie philosophisch oder psychologisch aufzulösen. Nicht: Deine Einsamkeit hat einen höheren Sinn. Nicht: Du musst nur die richtige Haltung finden. Und auch nicht: Du musst lernen, dich selbst genug zu sein, sondern: Du brauchst etwas, das du allein nicht herstellen kannst. Das ist eine bittere Wahrheit.
Wenn ein Mensch über lange Zeit keine Resonanz erfährt, kann Einsamkeit nicht bloß unangenehm oder traurig sein. Sie kann existenziell zermürben.
Dieser Mensch verliert dann nicht einfach die Freude an Gesellschaft. Es kann etwas Grundlegendes in seinem Verhältnis zu sich selbst und zur Welt erodieren. Er verliert das Gefühl, Bedeutung zu haben. Er verliert die Erfahrung, dass sein Handeln irgendwo ankommt. Er beginnt, sich selbst immer stärker aus der Perspektive der ausbleibenden Antwort zu erleben. Und irgendwann kann sogar die Frage nach dem Sinn ihren Sinn verlieren. Warum noch nach etwas suchen, wenn nichts antwortet?
Damit entsteht ein detruktiver Kreislauf. Die fehlende Antwort führt zum Rückzug, der Rückzug verringert die Möglichkeit von Begegnung, die ausbleibende Begegnung verstärkt die Erfahrung, dass niemand antwortet. Was ursprünglich eine Situation war, kann sich zu einer Weltanschauung verdichten: Nichts und niemand antwortet mir. Dann wird die Aufforderung zur Sinnsuche beinahe zirkulär. Der Mensch soll einen Sinn finden, damit er wieder eine Beziehung zur Welt bekommt, aber gerade die fehlende Beziehung macht es ihm schwer, Sinn überhaupt zu erfahren.
Man sollte deshalb vorsichtig sein mit der Vorstellung, der Mensch könne sich jederzeit durch eine innere Entscheidung aus seiner Sinnlosigkeit befreien.
Vielleicht hat er tatsächlich alles getan, was ihm möglich war, und die Resonanz ist dennoch ausgeblieben. Dann ist sein Scheitern kein persönliches Versagen. Es ist Ausdruck einer wirklichen Ohnmacht. Und diese Ohnmacht kann in Verzweiflung münden und einen Menschen zerbrechen. Und „zerbrechen“ bedeutet hier nicht, dass ein Mensch plötzlich zusammenbricht. Nach und nach verschwindet sein Vertrauen, er verliert die Hoffnung, er erlebt sich selbst immer weniger als Teil eines Ganzen. Er zerbricht. Die Einsamkeit ist dann nicht ein vorrübergehender Zustand, sie beginnt, seine Beziehung zu allem zu bestimmen.
Damit wird Frankls Gedanke nicht falsch oder wertlos. Er wird präziser. Der Wille zum Sinn kann eine Möglichkeit des Menschen beschreiben. Er beschreibt aber keine Garantie. Ein Mensch kann nach Sinn verlangen und trotzdem keinen Sinn erfahren. Er kann sich bemühen und dennoch scheitern. Er kann sich öffnen und keine Antwort bekommen. Er kann die richtige Haltung haben und trotzdem einsam bleiben. Frankls Gedanken sind kein psychologisches Rezept für alles und jeden. Nach dem Motto: Leiden braucht nur die richtige Haltung und dann ergibt es Sinn. So funktioniert Leben nicht immer. Die bescheidenere und wahrere Formulierung lautet meines Erachtens: Der Mensch kann nach Sinn suchen, aber er kann Sinn nicht erzwingen. Resonanz kann ermöglicht, aber nicht hergestellt werden. Nicht alles liegt in unserer Hand. Das führt zu einer Vorstellung vom Menschen, die weniger heroisch ist.
Der Mensch ist weder völlig seinem Schicksal ausgeliefert noch vollständig souverän über sein Leben. Er befindet sich irgendwo dazwischen.
Er kann handeln, aber nicht alles bewirken. Er kann sich öffnen, aber nicht die Antwort bestimmen. Er kann lieben, aber nicht erzwingen, geliebt zu werden. Er kann Sinn suchen, aber ihn nicht finden. Diese Begrenztheit gehört zum Menschsein. Die Vorstellung völliger Autonomie ist tröstlich, weil sie uns verspricht, unser Leben selbst in der Hand zu haben. Aber sie ist auch eine Überforderung. Denn wenn alles von mir selbst abhängt, bin ich letztlich auch für alles verantwortlich, was mir fehlt. Die chronische Einsamkeit zeigt dagegen: Manches Wesentliche entsteht zwischen Menschen und liegt deshalb nicht vollständig in der Macht des Einzelnen.
Das heißt nicht, die Frage „Was erwartet das Leben von mir?“ zu verwerfen, aber wir sollten sie ergänzen. Nicht nur: Was erwartet das Leben von mir? Sondern auch: Antwortet das Leben mir?
Und vielleicht lautet die entscheidende Frage nicht nur, was das Leben von uns verlangt, sondern ob wir Menschen füreinander zu einer Antwort werden können.
Denn wenn Sinn in Resonanz entsteht, dann ist Sinn nicht ausschließlich eine private Angelegenheit. Er hat eine soziale und zwischenmenschliche Dimension.
Der chronisch Einsame ist dann nicht bloß jemand, der seinen Sinn nicht gefunden hat. Er ist jemand, dessen Bedürfnis nach Antwort unbeantwortet geblieben ist.
Wir müssen ihn nicht zum Helden machen. Wir müssen seine Einsamkeit nicht romantisieren. Wir müssen ihm nicht erklären, warum sein Leiden sinnvoll ist. Vielleicht müssen wir zunächst etwas viel Einfacheres tun: antworten. Nicht mit einer großen Lösung. Mit Anwesenheit. Mit Aufmerksamkeit. Mit echtem Zuhören. Da ist die Grenze zu Frankls „Willen zum Sinn“. Der Mensch kann willentlich nach Sinn suchen. Aber manchmal braucht er dafür nicht nur seinen Willen. Er braucht Resonanz.
Angelika Wende