Mittwoch, 3. Juni 2026

Dankbarkeit statt Wut? Warum diese Gegenüberstellung psychologisch zu kurz greift.

 

                                                               Malerei: A.Wende

 
 
„Wir sollten uns lieber all die positiven Dinge vor Augen führen. Dann ist man dankbar und nicht wütend.“ Sätze wie diese wirken zunächst plausibel. Wer sich des Guten in seinem Leben bewusst wird, empfindet oft tatsächlich Dankbarkeit. Psychologische Studien zeigen, dass Dankbarkeit das Wohlbefinden fördern, die Zufriedenheit steigern und den Blick für die positiven Dinge schärfen kann. Problematisch wird es dann, wenn Dankbarkeit als Gegenmittel für alle unangenehmen Gefühle dargestellt wird, insbesondere für Wut.
 
Gefühle sind zunächst einmal Informationen.
Sie sind weder gut noch schlecht, sondern entstehen als Reaktion auf innere und äußere Erfahrungen. Wut erfüllt dabei eine wichtige psychologische Funktion. Sie weist auf Grenzüberschreitungen, Ungerechtigkeit, Frustration, Verletzungen, Ohnmacht oder auf unerfüllte Bedürfnisse hin. Wenn wir Wut empfinden, bedeutet das nicht automatisch, dass es uns an Dankbarkeit fehlt. Unsere Seele reagiert vielmehr auf etwas, das Aufmerksamkeit verdient.
 
Ein verbreiteter Denkfehler besteht darin, Gefühle als Gegensätze zu betrachten.
Als müsse Dankbarkeit die Wut verdrängen oder Wut die Dankbarkeit unmöglich machen. Wir Menschen können mehrere, sogar widersprüchliche Gefühle gleichzeitig erleben. Wir können dankbar für unser Zuhause sein und zugleich wütend über Ungerechtigkeit in der Welt. Wir können einen Menschen lieben und dennoch von ihm verletzt oder enttäuscht sein. 
 
Emotionen folgen nicht der Logik von „entweder oder“, sie sind komplex und vielschichtig. Belastende Gefühle verschwinden auch nicht einfach dadurch, dass wir versuchen, positiv zu denken.
Wer einem ängstlichen Menschen sagt, er soll einfach dankbar sein und positiv denken, wird dessen Angst kaum verringern. Solche Aussagen können sogar Teil dessen sein, was wir als toxische Positivität bezeichnen, die Vorstellung, man müsse unabhängig von den tatsächlichen Umständen immer positiv denken.
Sätze wie „Denk einfach positiv“, „Andere haben es viel schlimmer“, „Alles passiert aus einem Grund“ oder „Du musst nur die guten Dinge sehen“ sind vielleicht gut gemeint.
Das Problem liegt nicht in der guten Absicht, sondern darin, dass sie unangenehme Gefühle relativieren und entwerten. Wer trauert, wer verletzt wurde oder Ungerechtigkeit erlebt, braucht meist keine Lektion in Dankbarkeit. Er braucht Verständnis, im besten Falle Mitgefühl und die Erlaubnis, seine Gefühle ernst zu nehmen.
 
Emotionale Gesundheit bedeutet nicht, ständig positiv zu sein.
Sie bedeutet vielmehr, die gesamte Bandbreite der Gefühle wahrnehmen und verarbeiten zu können. Wut, Trauer oder Angst verschwinden nicht, wenn wir sie kleinreden, abwehren oder unterdrücken. Sie zeigen sich dann in anderer Form - durch innere Anspannung, Verbitterung, Rückzug, psychosomatische Beschwerden oder emotionale Erschöpfung. Gerade in meiner therapeutischen Arbeit zeigt sich oft, dass hinter Depressionen auch unerfüllte Bedürfnisse, erlebte Grenzverletzungen und nicht geäußerte Wut stehen können. Ein wichtiger Schritt besteht dann darin, diese Gefühle überhaupt wahrzunehmen und ihnen Raum zu geben.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Wie werde ich dieses Gefühl los?“, sondern: „Warum ist dieses Gefühl da und was will es mir sagen?“ Unsere Gefühle sind keine Feinde, die bekämpft werden müssen. Sie sind Hinweise auf unsere innere Wirklichkeit.
Das bedeutet nicht, dass Dankbarkeit wertlos ist.
Im Gegenteil. Dankbarkeit kann helfen unsere Ressourcen wahrzunehmen, Hoffnung zu bewahren und Krisen besser zu bewältigen. Sie ist eine wichtige psychologische Stärke. Problematisch wird sie dann, wenn sie zur Pflicht wird. Wenn Menschen glauben, sie dürften keine Wut empfinden, weil sie eigentlich dankbar sein müssten, entsteht ein innerer Konflikt. Das tatsächliche Gefühl bleibt bestehen und es kommt zusätzlich zu Schuldgefühlen.
Gesunde Dankbarkeit sagt: „Ich bin dankbar für das, was gut ist.“ Toxische Positivität sagt: „Weil etwas gut ist, darf ich nicht über das sprechen, was schmerzt.“
Darin liegt der entscheidende Unterschied.
Wer sich selbst verbietet, Wut zu fühlen, weil er „dankbar sein sollte“, nimmt sich die Möglichkeit, ein wichtiges Signal der eigenen Psyche wahrzunehmen und konstruktiv damit umzugehen. 
 
Dankbarkeit und Wut sind keine Gegensätze.
Wir können beides gleichzeitig empfinden. Wut ist kein Zeichen von Undankbarkeit, sondern eine normale menschliche Emotion. Dankbarkeit kann das Leben bereichern. Sie sollte jedoch nicht dazu benutzt werden, unangenehme Gefühle zu verdrängen oder anderen Menschen ihre Emotionen abzusprechen. Psychologische Reife bedeutet nicht, immer positiv zu sein. Sie bedeutet, der Realität in ihrer ganzen Komplexität zu begegnen – mit Raum für Freude und Dankbarkeit, aber ebenso für Wut, Trauer, Enttäuschung und Schmerz. Erst wenn alle Gefühle sein dürfen, entsteht echte emotionale Gesundheit.
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Dienstag, 2. Juni 2026

Dating Ü50: Zwischen Sehnsucht und Selbstschutz

 

                                                                Foto: A.Wende


Neulich saß ich mit einer Bekannten im Café. Sie ist schon lange Single. Wir sprachen darüber, wie schwierig es geworden ist, im fortgeschrittenen Alter noch einen Partner zu finden. Irgendwann platze es aus ihr heraus: „Männer wollen Sex. Frauen wollen Status.“ Dieser Satz klingt zunächst fast zynisch, und doch steckt darin eine Erfahrung, die viele Menschen beim Dating über 50 machen. Psychologisch betrachtet ist die Wirklichkeit allerdings deutlich komplexer. Solche Aussagen entstehen oft aus persönlichen Enttäuschungen, wiederholten Zurückweisungen und dem Versuch, zwischenmenschliche Erfahrungen irgendwie erklärbar zu machen. Aus individuellen Verletzungen werden dann schnell allgemeine Wahrheiten.
 
Viele Männer suchen im späteren Leben tatsächlich zunächst körperliche Nähe. Sexualität bedeutet für sie jedoch häufig weit mehr als nur Sex. Sie ist oft ein Zugang zu Verbundenheit, Lebendigkeit, Anerkennung und dem Gefühl, noch begehrt zu werden. Hinter dem Wunsch nach körperlicher Nähe steckt nicht selten die Angst vor Bedeutungslosigkeit, Alter oder Einsamkeit. Manche suchen bewusst eine jüngere Partnerin, andere eher eine Form emotionaler Sicherheit oder Versorgung. Gleichzeitig wollen viele Männer keine konfliktreichen oder emotional belastenden Beziehungen mehr. Nach gescheiterten Partnerschaften entsteht häufig das Bedürfnis nach Leichtigkeit und Ruhe - "Blos keine Probleme bitte!"
 
Frauen hingegen achten im späteren Leben oft stärker auf emotionale Reife, Verlässlichkeit und Stabilität. Das wird schnell als Statusorientierung interpretiert, ist aber meist etwas anderes: Eigenständigkeit, soziale Kompetenz, emotionale Verfügbarkeit und ein Leben, das nicht zusätzlich belastet. Viele von uns Frauen haben über Jahrzehnte emotionale Fürsorge geleistet – in Beziehungen, Familien oder Ehen – und wir möchten nicht erneut die Rolle der „Pflegekraft“ übernehmen. Dahinter steht weniger Oberflächlichkeit als vielmehr der Wunsch nach Augenhöhe und emotionaler Sicherheit. Damit treffen dann zwei Schutzmechanismen aufeinander. Männer sehnen sich nach Bestätigung und Nähe, Frauen nach Nähe, Stabilität und emotionaler Entlastung. Und so prallen Erwartungen aufeinander, die nicht wirklich matchen.
 
Beide Seiten tragen Erfahrungen, Enttäuschungen und emotionale Verletzungen in sich, sprechen darüber aber nicht offen. Stattdessen entstehen dann gegenseitige Klischees: Männer fühlen sich auf ihre Funktion reduziert, Frauen fühlen sich emotional ausgenutzt. Was eigentlich Schutz sein soll, erschwert oder verhindert echte Nähe.
Auch Attraktivität spielt weiterhin eine Rolle, doch ihre Bedeutung verändert sich. Das Aussehen bleibt der erste Eindruck, aber entscheidend wird zunehmend die Ausstrahlung. Attraktivität entsteht im späteren Leben stärker durch Haltung, Vitalität, Humor, Gelassenheit und Persönlichkeit. Die zentrale Frage lautet dann: „Passt dieser Mensch zu meinem Leben?“ Wer über 50 datet, hat sich meist ein eigenes Leben aufgebaut. Er hat Routinen, Freiheiten, Gewohnheiten. Eine Beziehung bedeutet immer auch Veränderung und den potenziellen Verlust von Stabilität. Das stellt sich dann die Frage: „Will ich mein ruhiges Leben wirklich noch einmal für die Probleme, die eine Beziehung zwangsläufig mit sich bringt, riskieren?“ Beziehung ist schließlich auch Arbeit und Menschen über 50 haben im Leben genug Arbeit geleistet.
 
Hinzu kommt die nicht zu unterschätzende emotionale Erschöpfung durch Online-Dating. Wiederholte Ablehnung, Zurückweisung, Ghosting, oberflächliche oder unangenehme Begegnungen und die permanente Vergleichbarkeit hinterlassen Spuren im Selbstwertgefühl. Menschen beginnen an sich selbst zu zweifeln: „Bin ich nicht attraktiv genug?“„Nicht interessant genug?“ „Nicht gut genug?“ Psychologisch wirkt dauerhafte Zurückweisung ähnlich wie sozialer Schmerz. Sie verändert den Blick auf uns selbst und auf andere. Manche reagieren mit Frust und Zynismus, andere mit Rückzug, Trägheit oder Resignation. Einsamkeit verstärkt diese Dynamik zusätzlich. Wer lange allein ist und unter Einsamkeit leidet, entwickelt oft stärkere Schutzmauern. Er wird vorsichtiger, misstrauischer und kreist zunehmend um sich selbst und die eigenen Bedürfnisse. Da bleibt der Wunsch nach Beziehung oft eben nur ein Wunschgedanke, die Angst davor überwiegt. Und so entstehen aus negativen Erfahrungen beiderseits zynische Bilder über das andere Geschlecht.
 
Übrigens: Der britische Mathematiker Peter Backus berechnete einmal, dass die Wahrscheinlichkeit, den „perfekten“ Partner zu finden, bei etwa 1 zu 285.000 liegt. Und je älter wir werden, desto mehr Kriterien hat der andere zu erfüllen, desto mehr Anforderungen und Erfahrungen an eine Beziehung bringen wir mit. Dadurch steigen die Ansprüche an eine Beziehung, während die Bereitschaft sinkt, faule Kompromisse einzugehen, nur um nicht weiter allein zu sein.
 
Zudem vermittelt die heutige Dating-Kultur die Illusion unbegrenzter Möglichkeiten. 
Nach jedem Treffen kommt bei vielen der Gedanke: „Vielleicht gibt es noch jemanden, der besser passt.“ Psychologisch nennt man das den „Paradox-of-Choice“-Effekt: Zu viele Optionen erschweren Entscheidungen und führen dazu, dass Menschen am Ende unzufriedener sind oder sich gar nicht mehr festlegen können. Die eigentliche Schwierigkeit beim Dating ab 50 liegt deshalb sicher nicht daran, dass Männern Sex und Frauen Status wollen, sondern darin, ob es gelingt, trotz aller negativen Erfahrungen emotional offen zu bleiben. Offenheit bedeutet Verletzbarkeit und genau davor schützen sich verständlicherweise viele. Dating scheitert weniger an fehlenden Möglichkeiten als an emotionaler Erschöpfung und Angst vor erneuter Enttäuschung.
 
Ich persönlich glaube, Liebe ist nichts, was sich planen oder gezielt finden lässt. Sie begegnet uns oder sie begegnet uns nicht. Sie ist ein Geschenk, das man nicht im "Online -Katalog" bestellen kann. Und wenn sie uns begegnet, dann eher dort, wo sich Menschen ohne große Erwartungen begegnen – im Alltag. Sie begegnet uns vielleicht genau in dem Moment, wo wir aufhören krampfhaft nach ihr zu suchen. 
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Montag, 1. Juni 2026

Zwischenwelt

 

                                                             Foto: A.Wende


Du spürst ein Fehlen von Sinnhaftigkeit, als wärst du für niemanden mehr der Mensch, der du einst warst. Du weißt nicht mehr, wer du eigentlich bist. Weder für dich selbst noch für den verbliebenen Teil deiner Familie und deiner Freunde.
Du weißt nicht, wie du nach all den Verlusten jemals heilen sollst. Du versuchst es herauszufinden, doch du steckst völlig fest. Du bist antriebslos, emotional aufgewühlt und voller Trauer. Du ziehst dich in dich selbst zurück. Du weißt nicht mehr, wem du noch vertrauen kannst – dabei warst du sein Mensch, der vertraute und sich sicher fühlte. Du weißt nicht, wie du den Weg zurück nach Hause zu dir selbst, finden sollst.
 
Es fühlt sich an, als säßest du in einer Zwischenwelt – zwischen dem Leben, das war, und dem Leben, von dem du nicht weißt, wie es sein könnte. Du versuchst, dich daran zu erinnern, wer du bist, doch du weißt es nicht mehr.
Du weißt auch nicht, wer du sein wirst.
Die alten Muster, vertraute Verhaltensweisen und Strategien, funktionieren nicht mehr. Neue hast du noch nicht gefunden. Es ist, als säßest du in einem Kokon und wartetest darauf, aus ihm auszubrechen. Doch selbst dafür fehlt die die Kraft.
Eine alte Geschichte ist zu Ende gegangen, und es gelingt dir nicht, deine Geschichte aus einer völlig neuen Perspektive weiterzuschreiben.
Du kämpfst mit deiner Ungeduld. Mit Angst und Unsicherheit.
Du machst dir Druck, obwohl du weißt, dass gerade jetzt vor allem Geduld gefragt wäre. Du bist es leid, so viel Zeit in einem Zustand zu verbringen, in dem sich nichts bewegt. Leid, festzustecken, ohne auch nur die leiseste Ahnung davon zu haben, wie das nächste Kapitel aussehen könnte.
Du bist müde. So unendlich müde.
Und trotzdem ist da etwas in dir, das noch nicht aufgegeben hat.
 
Vielleicht ist es genau diese Hoffnung, die dich durch die Zwischenwelt trägt. Nicht laut, nicht kraftvoll, sondern leise und beharrlich. Sie erinnert dich daran, dass nicht alles verloren ist, auch wenn du den Weg gerade nicht sehen kannst.
Vielleicht geht es im Moment nicht darum, zu wissen, wer du sein wirst. Vielleicht reicht es, darauf zu vertrauen, dass du dich Stück für Stück neu entdecken darfst. Dass Heilung nicht bedeutet, zu dem Menschen zurückzukehren, der du einmal warst, sondern Raum für den Menschen zu schaffen, der du werden kannst.
 
Der Kokon ist kein Gefängnis. Die Zwischenwelt ist nicht das Ende der Welt, sie ist ein Ort der Verwandlung. Und auch wenn sich heute noch alles starr und still anfühlt, bedeutet Stille nicht, dass nichts geschieht. Tief in dir arbeitet etwas. Es ordnet, es heilt, es lässt los und bereitet vor.
Du kennst das nächste Kapitel deiner Geschichte noch nicht. Aber dass du noch hier bist, dass du trotz allem weitersuchst, hoffst und fühlst, ist vbereits der erste Satz davon.
Und vielleicht wirst du eines Tages zurückblicken und erkennen, dass diese Zwischenwelt nicht das Ende war, sondern der Ort, an dem du begonnen hast, dir selbst neu zu begegnen.
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Freitag, 29. Mai 2026

„Wie kann es sein, dass ich wieder bei etwas Ähnlichem lande?“

 

                                                                  Zeichnung: A.W.


Eine ehemalige Co-Abhängige trennt sich von ihrem suchtkranken Partner. Kurz darauf lernt sie einen Mann kennen. Sie verliebt sich in ihn und später stellt sich heraus, dass der Vater des neuen Partners schwerer Alkoholiker ist.

Sie fragt: „Wie kann es sein, dass ich wieder in etwas Ähnlichem lande?“

Das wirkt tatsächlich seltsam oder fast schicksalhaft, psychologisch ist es aber gut nachvollziehbar. Menschen mit Co-Abhängigkeitsmustern entwickeln oft unbewusst eine starke Vertrautheit mit bestimmten Dynamiken -  emotional instabile Beziehungen, Verantwortung für andere übernehmen, Retteridentifikation, ständige Wachsamkeit, Misstrauen sich selbst und anderen gegenüber, Scham – und Schuldgefühle, Angst vor Ablehnung und Verlust. 

 

Wenn jemand sich aus einer Beziehung mit einem alkoholkranken Partner oder von einem suchtkranken Familenmitglied löst, verschwinden diese inneren Muster nicht automatisch sofort. Dann kann es leicht passieren, dass man sich kurz darauf wieder zu Menschen hingezogen fühlt, deren Lebensumfeld ähnliche emotionale Strukturen enthält, selbst wenn die neue Person selbst gar nicht alkoholabhängig ist.

Alkoholismus ist eine Familienkrankheit. 

Sie ist ein systemisches Geschehen, nicht weil alle Familienmitglieder alkoholabhängig sind, sondern weil sich das gesamte emotionale System an die Sucht anpasst. Diese Muster können noch lange wirken, selbst wenn später kein Alkohol mehr im Alltag existiert. Genau darin liegt auch die Tragik von Alkoholismus: Die Krankheit betrifft nicht nur die konsumierende Person. Sie prägt das ganze System – also alle, die mit dem Süchtigen zu tun haben, sie prägt Beziehungen, Bindungsstile und das emotionale Klima über Generationen hinweg. Ein Vater mit schwerer Alkoholabhängigkeit bedeutet, dass der Sohn bestimmte Überlebensstrategien gelernt hat, die einem ehemaligen Co-Abhängigen vertraut vorkommen. Das heißt nicht automatisch, dass die neue Beziehung „ungesund“ ist, oder dass man bewusst ein Konstrukt sucht, das mit Alkoholismus zu tun hat. Aber es kann bedeuten, dass das Nervensystem und das Bindungsmuster noch auf „ vertraute emotionale Landschaften“ reagieren.

Unbewusstes erkennt Unbewusstes blind.

Menschen erkennen oft nicht gleich den Grund warum sie einander anziehend finden, sondern sie spüren etwas Vertrautes im emotionalen Grundgefühl. Das läuft blitzschnell, intuitiv und unbewusst ab. Unsere Bindungs- und Beziehungsmuster wirken selten logisch oder bewusst gewählt. Deshalb können sich zwei Menschen stark voneinander angezogen fühlen und erst später merken - beide kennen Chaos aus Beziehungen, beide übernehmen zu viel Verantwortung, beide fühlen sich für die Gefühle anderer zuständig, beide wollen sich kümmern, helfen oder retten. 

 

Das „blind“ daran ist der Punkt: Das Unbewusste sucht eher Vertrautheit als emotionale Gesundheit.  

Diese Vertrautheit fühlt sich zunächst wie Chemie, Tiefe, Seelenverwandtschaft oder Schicksal, selbst wenn die zugrunde liegenden Muster später schwierig werden. Das heißt nicht, dass jede Verbindung zwischen zwei co-abhängigen Menschen zwangsläufig problematisch ist. Wenn beide reflektiert sind, wenn sie wissen wo sie selbst aufhören und der andere anfängt, wenn sie Eigenverantwortung übernehmen, ihre Muster erkennen und sich gesund abgrenzen kann daraus sogar etwas sehr Bewusstes entstehen.

 

Nur wenn wir Muster erkennen, entsteht überhaupt erst Wahlfreiheit.

Entscheidend ist, dass die alten Dynamiken nicht unbemerkt übernommen werden, dass man sie erkennt und nicht in Automatismen zurückfällt, z.B. indem man den anderen Co-abhängigen retten will, wie ehemals den alkoholkranken Partner oder das suchtkranke Familienmitglied.

 Solche Muster können gleichzeitig plausibel und irgendwie unheimlich wirken. Fakt ist: Viele ehemalige Co-Abhängige spüren eine starke Anziehung zu Menschen mit schwierigen Familiengeschichten. Sie haben dann das Gefühl, besonders verstanden zu werden, lassen sehr schnell intensive emotionale Nähe zu oder sie spüren den Impuls, wieder emotional Verantwortung zu übernehmen. 

 

Der entscheidende Punkt um nicht in die Wiederholungsfalle zu geraten ist Wachsamkeit und Selbstbeobachtung. Das heißt: Habe ich heute Grenzen? Kann ich meine Bedürfnisse äußern? Kann ich ein klares Nein sagen, ohne mich schuldig zu fühlen? Muss ich retten oder reparieren? Fühlt sich die Beziehung ruhig und sicher an oder intensiv und vertraut-chaotisch? Kann die andere Person Verantwortung für sich selbst übernehmen und tut sie das auch in ihren Handlungen? Gibt es eine Divergenz zwischen Worten und Handlungen?

Das Problem ist also nicht „Der Vater des Mannes ist alkoholkrank, sondern – erkennt die Frau ihre Muster und die Dynamik in der neuen Beziehung? Kommunikationsstil, emotionale Reaktionen, Bedürftigkeit, Anpassungsverhalten, Unsicherheit, Fürsorglichkeit, Distanz-Nähe-Muster usw.

 

Gerade Menschen mit Co-Abhängigkeits-Erfahrungen haben häufig ein sehr feines Gespür für bestimmte emotionale Dynamiken. 

Nicht im Sinne von: „Oha, der Vater ist Alkoholiker“, sondern eher: Mit dieser Person fühle ich mich sofort verbunden. Sie versteht mich auf eine besondere Weise. Sie ist empathisch, sie wirkt verletzlich. Ich möchte sie beschützen. Menschen aus suchtbelasteten Familien senden oft, ebenfalls unbewusst, bestimmte Signale: starke Anpassung, Harmoniebedürfnis, Schwierigkeiten mit Grenzen, emotionale Wachsamkeit, Verantwortungsgefühl für andere, Angst vor Konflikten oder vor Verlassenwerden. 

 

Das kann sich gegenseitig „bekannt“ anfühlen, lange bevor jemand über Alkoholismus spricht. Also nicht der Alkoholismus im System selbst wird erkannt, sondern die vertraute emotionale Struktur dahinter. Erst später erkennt man dann die Parallelen. Beziehungen entstehen in den meisten Fällen eben nicht über bewusste Entscheidungen, sondern über alte emotionale Prägungen, Nervensystem, Bindungserfahrungen und Vertrautheit.

 

Deshalb fragen sich Menschen nach einer toxischen oder co-abhängigen Beziehung: „Wie kann das sein, ich lande immer wieder in ähnlichen Dynamiken, obwohl die Menschen völlig anders sind.“

Es ist weder Schicksal noch Pech, es passiert unterhalb der bewussten Ebene.

 

 

 

Donnerstag, 28. Mai 2026

„Spring – und das Netz wird sich auftun.“

 

                                                                            Foto: A.W.

 
 
„Spring – und das Netz wird sich auftun.“
Dieser Satz wird dem Schriftsteller John Burroughs zugeschrieben. Es ist einer jener Sätze, die nicht erklären, sondern herausfordern. Dieser Satz spricht von einem inneren Teil in uns, der ahnt, dass Vertrautes und Sicherheit allein kein erfülltes Leben hervorbringen.
Manchmal stehen wir am Rand unseres bisherigen Lebens wie an einer Klippe. Hinter uns liegen Erfahrungen, Gewohnheiten, scheinbare Sicherheiten, Beziehungen oder Orte an denen wir leben und all das fühlt sich nicht mehr gut an. Vor uns liegt nichts Sichtbares. Kein Weg, kein Geländer. Es fühlt sich an als stünden wir vor einem riesigen Abgrund. Wir blicken hinein und wissen – wir müssen springen, denn wenn wir es nicht tun, wird nichts besser, sondern eher schlechter. Genau dort beginnt die eigentliche Bedeutung des Satzes: „Spring – und das Netz wird sich auftun.“
 
Dieser Sprung hat nichts mit Leichtsinn zu tun. Er verlangt vielmehr eine tiefe Form des Vertrauens. Nicht das Vertrauen darauf, dass nichts schiefgehen wird, sondern das Vertrauen darauf, dass wir im Fallen Fähigkeiten an uns entdecken, die uns im sicheren Stand verborgen bleiben. Wer immer nur wartet, bis alle Risiken ausgeschlossen sind, wird niemals erfahren, wer er hätte werden können.
 
Wir alle verbringen einen großen Teil unseres Lebens damit, Netze zu suchen, bevor wir springen. Und manche von uns wagen es nie. Wer den Mut hat zu springen, verzichtet auf die Gewissheit vor der Entscheidung, die Antworten vor dem Aufbruch, die Garantie vor dem Risiko. Das Leben aber folgt selten dieser Ordnung. Unsere entscheidenden Erfahrungen entstehen oft erst, nachdem wir den Mut hatten, zu springen. Erst im Sprung zeigt sich, was uns tragen kann. Vielleicht sind es Menschen, die erst jetzt erscheinen. Vielleicht ist es die eigene Kraft, die erst im Augenblick der Unsicherheit geboren wird. Vielleicht ist das Netz auch die Erkenntnis, dass selbst ein Scheitern nicht das Ende bedeutet. Denn oft ist nicht der Sturz das Gefährlichste, sondern ein Leben, das aus Angst besteht oder dem zersetzenden Gefühl im falschen Leben zu sein, am falschen Ort, mit den falschen Menschen. 
 
Wir wollen Kontrolle, Berechenbarkeit, Absicherung. Das ist menschlich, aber zugleich ist es auch das, was uns davon abhält etwas Neues zu wagen. Doch die entscheidenden Augenblicke eines Lebens entziehen sich fast immer der vollständigen Planung. Alles Wesentliche beginnt mit einem Schritt, dessen Ausgang unbekannt ist.
Der Mensch wächst nicht durch Gewissheit, sondern durch Wagnis.
Jeder wirkliche Neubeginn trägt dieses Wagnis in sich – der Sprung ins Unbekannte, ohne die Sicherheit, dass wir aufgefangen werden. Der Sprung ins Ungewisse ist kein irrationaler, leichtsinniger Akt, sondern der Moment, in dem wir über uns selbst hinauswachsen. Er ist ein Schattensprung. Er ist die Weigerung, innerhalb der Grenzen zu leben, die die Angst gezogen hat. Und vielleicht besteht Weisheit nicht darin, niemals zu fallen, sondern darin zu erkennen, dass das Leben selbst oft erst im Fallen seine verborgenen Netze offenbart.
Dennoch ist der Sprung beängstigend.  Wer springt, braucht verdammt viel Mut, denn er akzeptiert die Möglichkeit des Aufschlags. Und genau darin liegt eine tiefe innere Freiheit: zu verstehen, dass ein verfehlter Versuch weniger tragisch ist als ein Leben, das keins ist und aus Furcht niemals begonnen wurde. Nicht jeder Sprung endet sanft. Doch jeder Sprung verändert den Menschen, der ihn wagt.
 
Das Wesentliche im Leben ist nun mal selten berechenbar.
Liebe entsteht nicht aus Kontrolle. Sinn nicht aus Absicherung. Wachstum nicht aus Gewohnheit. Erkenntnis nicht aus Stillstand. Freiheit nicht im Käfig.
 Ein Mensch wächst nicht dort, wo alles sicher ist, sondern dort, wo er bereit ist, sich dem Ungewissen auszusetzen. Vielleicht ist das Netz am Ende nichts anderes als das Leben selbst, nicht sichtbar, solange wir am Rand stehen, und erst erfahrbar in dem Moment, in dem wir den Mut finden zu springen.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Montag, 25. Mai 2026

Schreiben kann viel für uns tun

 


 

Eine Klientin entdeckte für sich das expressive Schreiben nach James Pennebaker. Als sie von der Methode las, entstand in ihr die Hoffnung, dass sich traumatische Erfahrungen durch radikal ehrliches Schreiben emotional lösen könnten. Die Vorstellung, den Schmerz endlich vollständig ausdrücken zu können, erschien ihr wie ein möglicher Weg zur Befreiung.

Das expressive Schreiben nach dem US-Psychologen James Pennebaker ist eine wissenschaftlich belegte Methode, um belastende Gedanken, Traumata oder Stress abzubauen. Durch das freie, unzensierte Aufschreiben der eigenen Gefühle lassen sich emotionale Blockaden lösen, die mentale Gesundheit stärken und der Schlaf verbessern. Fragmentierte Erinnerungen, die noch nicht zu einer Geschichte geformt wurden, erfordern fortlaufend kognitive Ressourcen, um unterdrückt und verwaltet zu werden. Sie niederzuschreiben, ihnen eine Gestalt zu verleihen, scheint hingegen Kapazitäten freizusetzen. Das, wofür man noch keine Worte gefunden hat, ist nicht bloß emotional unvollendet.

Sie begann intensiv zu schreiben. Zunächst in einem Tagebuch, später immer umfassender. Schließlich entstand aus ihren Aufzeichnungen ein ganzes Buch, in dem sie ihre traumatischen Erfahrungen detailliert beschrieb. Sie hielt Erinnerungen fest, rekonstruierte Situationen, benannte Gefühle, analysierte Zusammenhänge und versuchte, dem Erlebten sprachlich eine Form zu geben.

Irgendwie erwartete sie: „Wenn ich endlich alles ausdrücke, bin ich frei.“ Doch am Ende des Schreibprozesses stellt sie fest, dass sich der innere Schmerz nicht aufgelöst hatte. Die Erinnerungen existieren weiterhin, ebenso die emotionale Belastung. Sie erlebte dies als tief enttäuschend und sagt:  „Ich habe meine Traumata in einem ganzen Buch aufgeschrieben. Nichts. Es hat sich nicht gelöst.“

Im weiteren Verlauf unserer Sitzungen Verlauf wird deutlich, dass traumatischer Schmerz häufig nicht allein durch sprachliche Verarbeitung verschwindet. Das Problem liegt dabei  nicht in fehlender Erinnerung oder mangelnder Einsicht. Im Gegenteil: Die Klientin kannte ihre Geschichte und was sie mit ihr gemacht hat bis ins Detail. Dennoch blieb etwas in ihr unverändert verletzt.

Heißt das jetzt, Schreiben hilft nichts? Nein, das heißt es nicht. Ich bin absolut für das Schreiben. Schreiben ist eine Form von Therapie. Schreiben ist heilsam.

 

Schreiben kann

Ordnung schaffen,

Zeugenschaft geben,

Sprachlosigkeit beenden,

Eingedrücktes ausdrücken,

Erinnerung strukturieren.

Kohärenz herstellen,

Kreativität fördern,

Selbstausdruck, Selbstbewusstsein und Selbstkenntnis fördern,

belastende Gedanken und Stress abbauen,

emotionale Blockaden lösen,

die mentale Gesundheit stärken.

Schreiben kann so viel für uns tun.

 

Aber Trauma ist nicht nur Erinnerung, die wir in Worte fassen. Es zeigt sich auch im Nervensystem, in körperlichen Alarmreaktionen, in Scham- und Schuldgefühlen, in Ängsten, Hilflosigkeit, Erstarrung, Rückzug, Selbstisolation, Misstrauen, innerer Übererregung und tief verankerten Beziehungserfahrungen. Und es ist möglich, dass eine Methode einfach nicht zu uns passt. Das ist kein persönliches Versagen, es sagt nur, dass jeder von uns etwas anderes braucht um zu genesen. Was dem einen hilft, hilft dem anderen eben nicht.

Meine Klientin erkannte allmählich: Man kann ein Trauma intellektuell vollständig verstanden haben und dennoch emotional und körperlich darin feststecken. Das Schreiben hat ihre Erfahrungen zwar strukturiert und sprachlich zugänglich gemacht, den Schmerz und die Angst, hat es jedoch nicht beseitigt. Es hatg Ordnung geschaffen und der Sprachlosigkeit etwas entgegengesetzt, aber keine tiefe Erlösung gebracht. Besonders schmerzhaft war für sie die Erkenntnis: „Jetzt habe ich alles vollkommen beschrieben und es tut trotzdem weh.“Sie hatte gehofft, dass maximale Ehrlichkeit und radikale Konfrontation irgendwann zur Befreiung führen würden. Stattdessen muss sie erkennen, dass Trauma sich nicht einfach „wegschreiben“ lässt.

Im weiteren Verlauf unserer Gespräche verändert sich ihre Vorstellung von Heilung. Heilung bedeutete nun weniger: „Der Schmerz verschwindet“, sondern: Meine Erinnerungen überwältigen mich weniger oft, mein Körper findet Phasen der Ruhe, ich bin nicht permanent im Alarmzustand, es gibt wieder Momente von Freude und Lebendigkeit, ich kann wieder Entscheidungen für mich selbst treffen und der Schmerz bestimmt nicht mehr jede Minute meines Bewusstseins.

Trauma erschien ihr schließlich weniger wie eine Geschichte, die gelöst werden muss, sondern wie eine reale Verwundung. Eine körperliche Narbe verschwindet schließlich auch nicht vollständig, nur weil wir ihre Geschichte exakt erzählen können. Zudem wurde ihr klar, dass sie das intensive Schreiben über die schmerzhafte Vergangenheit lange Zeit sehr nah an der Verletzung gehalten hat, fast wie in einer dauerhaften Wiederaktivierung des Traumas. Verarbeitung bedeutet nicht immer zwangsläufig maximale Konfrontation und ewiges Durcharbeiten. Wenn sich ein Trauma nicht lösen kann, löst es sich nicht. Auch das dürfen wir anerkennen. Und das bedeutet nicht wir haben versagt. Es bedeutet, da ist etwas maximal Erschütterndes geschehen, das wir nicht loswerden und mit dem wir zu leben lernen müssen, was wir in unsere Ganzheit integrieren müssen, statt ewig mit allen Mitteln dagegen anzukämpfen.

Langsam gelang es meiner Klientin, innerlich etwas anderes zu erfahren:
„Ich muss diesen Schmerz nicht lösen.“ Sie hat das nicht als Heilung erlebt, sondern als das Ende eines permanenten inneren Kampfes. Der Schmerz ist nicht verschwunden. Aber er beginnt allmählich, seine absolute Macht über sie zu verlieren.

Heilung bedeutet nicht unbedingt und immer vollständige emotionale Reinigung, sondern die Fähigkeit, neben dem Schmerz wieder uns selbst und das Leben wahrnehmen zu können und es zu gestalten. Meine Klientin schreibt weiter, ohne Erwartungen damit zu verknüpfen.

 

Kontakt: aw@wende-praxis.de

 

Freitag, 22. Mai 2026

Die Seele hungert nicht nach Perfektion, sondern nach Wahrheit




Viele Menschen leidet nicht zuerst an der Welt, sondern an sich selbst. An den Stimmen in ihrem Inneren, die niemals verstummen. An den Erinnerungen, die sie festhalten, den Geschichten über sich selbst, die sie sich wieder und wieder erzählen, an den Erwartungen, die sie an sich selbst, an andere und das Leben haben, an den Annahmen darüber wie die Dinge zu sein haben und an der Sehnsucht, jemand anderes sein zu wollen als der, der sie sind.

Die meisten Menschen verbringen ihr Leben damit, vor sich selbst zu fliehen. Sie suchen Ablenkung und Betäubung, verlieren sich im Denken statt im Fühlen, im Vergleichen, im Ehrgeiz, im Haben, in Beziehungen, in Selbstidealisierung oder in Projektionen auf andere. Alles scheint leichter, als still zu werden und dem eigenen Inneren zu begegnen. Denn dort wartet oft etwas Unangenehmes: Unsicherheit, Angst, Leere, Einsamkeit, Schmerz, Trauer oder das Gefühl, nie genug zu sein und nie genug zu haben. Sie bauen Fassaden, während in ihnen etwas Zerbrechliches um Anerkennung und Frieden ringt. Das Tragische daran ist, dass viele erst dann merken, wie fremd sie sich selbst sind, wenn die Maske Risse bekommt.

Wir alle tragen die Fähigkeit in uns, uns selbst zu erschaffen, aber auch, uns selbst zu zerstören. Vielleicht liegt genau darin das tiefste Leiden - dass der Mensch gleichzeitig derjenige ist, der Heilung sucht, und derjenige, der sich selbst immer wieder verletzt.

Die Seele hungert nicht nach Perfektion, sondern nach Wahrheit. Wahrheit bedeutet, sich selbst ohne Ausreden zu sehen. Das ist schwerer, als gegen jede äußere Krise zu kämpfen.

 

Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de