Samstag, 18. Juli 2026

Die Vorstellung des Nichts im Tode

                                  Foto: Lucas Wende



Seit meinem Krankenhausaufenthalt vor einigen Tagen ist der Tod wieder einmal näher in meine Gedanken gerückt. Ich weiß, dass er kommen wird. Diesmal ist er noch an mir vorbeigegangen.
Im Krankenhaus verliert man leicht die Illusion, mehr zu sein als ein Körper. Man wird zum Organismus im Bett, zur Zimmernummer, zur Patientenakte, zum nächsten Blutdruck, zum nächsten Laborwert. Man trägt ein Armband mit einer Nummer und wird von Untersuchung zu Untersuchung geschoben. Alles, was den Menschen ausmacht - die eigene Geschichte, seine Taten, Gedanken, Hoffnungen, Ängste tritt in den Hintergrund. Im Krankenbett bleibt ein verletzlicher Organismus aus Fleisch, Knochen und vergänglichem Leben.
Man erlebt maximalen Kontrollverlust. Andere entscheiden über den eigenen Körper. Man wird mit Medikamenten vollgepumpt und über deren Nebenwirkungen nicht aufgeklärt. Es wird gesagt, sie sind zu krank, um Entscheidungen mitzutreffen oder zu hinterfragen.
Darin liegt etwas Verstörendes. 

Das Krankenhaus konfrontiert mit einer Wahrheit, die wir im Alltag verdrängen. Wir sind sterbliche Wesen. Der Körper, mit dem wir uns so selbstverständlich identifizieren, ist zerbrechlich, störanfällig, zerstörbar und endlich. Für eine Weile schrumpft das Ich auf das Maß seiner biologischen Existenz zusammen. Diese Erfahrung ist schwer auszuhalten, weil sie den Glauben erschüttert, mehr zu sein als ein vergänglicher Körper auf Zeit. Weil sie die Vorstellung infrage stellt, dass es in uns ein unvergängliches Selbst gibt.

Wieder einmal denke ich an das Konzept vom ewigen Leben, an das viele Menschen glauben, ich jedoch nicht. Mir stellt sich bei dem Konzept vom ewigen Leben immer wieder die Frage: Warum sollte dieses zeitlose Zuhause existieren?
Weil der Mensch nicht willens oder fähig ist, sich selbst als vergänglich zu sehen, seiner Zerstörbarkeit und seiner eigenen Sterblichkeit ins Auge zu blicken, nicht willens anzuerkennen, dass es Lebendiges gibt, das leblos und tot werden kann, sich auflösen kann, vergehen kann, zu Staub werden kann, zu Nichts?
Das Nichts.
Der Mensch kann sich das Nichts nicht vorstellen. Geredet wird viel darüber, auch von den Philosophen. So meint Epikur: „Solange wir existieren, ist der Tod nicht da; und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr. Nichtexistenz Tod.
Aber was dieses Nichts ist, darauf gibt auch Epikur nicht die Antwort. Epikur wollte wohl gar nicht erklären, was das Nichts ist. Sein Argument lautet vielmehr: Der Tod geht uns nichts an, weil wir ihn niemals erleben können. Solange wir leben, ist der Tod nicht da; wenn der Tod da ist, sind wir nicht mehr. Ihm ging es weniger um das Wesen des Nichts als um die Auflösung der Todesangst.

Das Wesen des Nichts. Dazu reicht die Vorstellungskraft des menschlichen Gehirns nicht aus. Es kann sich nicht vorstellen wie es ist, wenn es überhaupt nichts gibt. Es kann sich das Nichts nicht vorstellen. könnte es das, wäre es ja wieder etwas und nicht Nichts. Tatsächlich stößt unsere Vorstellungskraft hier an Grenzen, weil jedes Vorstellen bereits einen Inhalt erzeugt. So sucht der seine Rettung vor dem unvorstellbaren Nichts in der Vorstellung vom ewigen Leben, vom zeitlosen ewigen Zuhause des Selbst. Für mich ist diese Vorstellung die Abwehr der Angst vor dem eigenen Tod. Man könnte sagen: eine omnipotente Strategie der Verleugnung des eigenen Verschwindens ins Nichts. 


Ich glaube, je einverstandener man mit dem gelebten Leben ist, je weniger Bedauern es am Lebensende gibt, desto weniger hat man Angst um die Nichtexistenz des eigenen Selbst und desto weniger wird man sich an die Vorstellung eines zeitlosen ewigen Zuhauses klammern.
Wenn alles Wandel und Veränderung ist, gibt es auch kein festes und kein ewiges Selbst, an das es sich zu klammern lohnt. Dieses Anklammern des Menschen an etwas, das er als sein unzerstörbares Selbst betrachtet, ist eine Quelle des Leidens. Dieser Gedanke findet sich auch im Buddhismus wieder. Das Prinzip des Nicht-Selbst (Anatta) besagt, dass es kein unveränderliches, ewiges Ich gibt. Was wir als unser „Selbst“ erleben, ist vielmehr ein fortwährender Prozess aus Körper, Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühlen und Bewusstsein – alles befindet sich im ständigen Wandel. 

Die Vorstellung eines bleibenden Selbst ist eine Konstruktion des Geistes. Je stärker wir uns an diese Konstruktion klammern, desto größer werden Angst, Verlust und Leiden. In diesem Sinne erscheint mir auch die Hoffnung auf ein ewiges Leben als Ausdruck des Wunsches, etwas festzuhalten, das seiner Natur nach niemals fest war.
Wie sagte Frida Kahlo einmal: "Ich erwarte freudig den Ausgang – und hoffe, nie wieder zurückzukehren."
Das hoffe ich auch.
Und bis dahin ...
Viva la Vida!

Dienstag, 14. Juli 2026

Aus der Praxis: Wenn Leiden zur Identität wird

 

                                                Zeichnung: A.Wende


Leiden gehört zum menschlichen Leben. Es kann uns erschüttern, verändern und tiefe Spuren hinterlassen. Problematisch wird es jedoch, wenn ein Mensch beginnt, sich ausschließlich über sein Leid zu definieren. Dann wird das Erlebte nicht mehr als ein Teil der eigenen Geschichte verstanden, sondern als die eigene Identität.

Menschen, die sich vollständig mit ihrem Leiden identifizieren, erleben sich häufig vor allem als Opfer ihrer Lebensumstände.  

Gedanken, Gefühle und Gespräche kreisen ständig um Verletzungen, Verluste oder Ungerechtigkeiten. Das Leid wird zum zentralen Bezugspunkt des Selbstbildes und bestimmt den Blick auf die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Gerade bei Menschen mit einer Traumageschichte besteht häufig ein tiefes Bedürfnis, mit ihrem Erleben gesehen, mit dem eigenen Schmerz wahrgenommen, Anerkennung für ihr Erleben zu erfahren und geglaubt zu werden. Die wiederholte Hinwendung zum eigenen Leid ist dabei oft nicht Ausdruck von Schwäche oder mangelndem Veränderungswillen, sondern der Versuch, Verbindung zu anderen herzustellen. 

Das Erzählen des Schmerzes wird zur Sprache der Beziehung, weil andere Formen von Vertrauen und Nähe durch die traumatischen Erfahrungen erschwert wurden.  

So kann sich eine Identität entwickeln, die in hohem Maß um Leid und Opfererfahrungen aufgebaut ist. Gleichzeitig fällt es Betroffenen oft schwer, andere Quellen von Selbstwert, Zugehörigkeit oder Nähe zu erleben. Beziehungen werden unbewusst vor allem dort als sicher erfahren, wo Schmerz, Hilfsbedürftigkeit oder Verletzlichkeit wahrgenommen und beantwortet werden. Daraus kann sich eine Dynamik entwickeln, in der Krankheit, Gefahr und Hilfsbedürftigkeit zur wichtigsten Sprache für Beziehung und Verbundenheit werden. Dies geschieht in der Regel nicht bewusst oder absichtlich, sondern als Folge früher Beziehungserfahrungen, in denen Aufmerksamkeit, Schutz oder Zuwendung vor allem in Situationen großer Not verfügbar waren. Gerade bei Menschen mit traumatischen Erfahrungen und zusätzlicher sozialer Isolation besteht die Gefahr, dass sich die eigene Identität nahezu vollständig um Leid, Verletzlichkeit und Abhängigkeit organisiert. Je länger diese Erfahrungen das Leben bestimmen, desto schwieriger wird es, sich selbst auch als kompetent, liebenswert, kreativ oder wirksam zu erleben.

Aus existenzanalytischer Sicht liegt hierin die Gefahr, dass der Mensch seine Fähigkeit zur Selbstdistanzierung verliert. Er erlebt sich nicht mehr als jemand, der Leid erfährt, sondern als sein Leid. 

Dadurch verengt sich der Blick für die eigenen Möglichkeiten, für Beziehungen, Werte und Aufgaben, die trotz aller Belastungen weiterhin vorhanden sind. Der therapeutische Auftrag besteht deshalb nicht darin, das Leid kleinzureden oder vorschnell zu relativieren. Schmerz braucht Anerkennung, Mitgefühl und einen geschützten Raum, in dem er bezeugt werden kann. Gleichzeitig geht es darum, nach und nach auch die anderen Seiten des Menschen wieder sichtbar werden zu lassen. Seine Fähigkeiten, seine Interessen, seine Werte, seine Beziehungen und seine Möglichkeiten, das eigene Leben mitzugestalten. Identität darf sich erweitern, vom leidenden Menschen hin zu einem Menschen, der zwar Leid erfahren hat, dessen Genzheit jedoch weit über diese Erfahrungen hinausreicht.

Ein solcher Prozess kann durch Fragen angeregt werden, die den Blick behutsam vom Leid auf die gesamte Person und ihre Handlungsmöglichkeiten lenken:

Wer bin ich außer jemand der Hilfe braucht?

Welche Momente im Alltag geben mir Kraft oder Freude, auch wenn sie klein sind?

Was kann ich selbst beeinflussen oder gestalten?

Wie können andere Menschen mir nah sein, ohne dass zuvor etwas Schlimmes passieren muss?

Diese Fragen laden dazu ein, neue Erfahrungen von Selbstwirksamkeit, Verbundenheit und Identität zu entwickeln. Sie eröffnen die Möglichkeit, sich nicht nur als hilfsbedürftiger Mensch zu erleben, sondern auch als jemand, der Fähigkeiten besitzt, Beziehungen gestalten kann und trotz aller Belastungen Einfluss auf das eigene Leben nimmt.

Selbsttranszendenz eröffnet in diesem Prozess eine neue Perspektive. Sie bedeutet nicht, das Leiden zu verdrängen oder kleinzureden, sondern den Blick über das eigene Schicksal hinaus zu richten. Der Mensch fragt nicht mehr nur: „Was ist mir widerfahren?“, sondern auch: „Was kann ich trotz allem verwirklichen?“ oder „Wem kann ich mit meinen Erfahrungen dienen?“ Das Leid verliert dadurch nicht seine Bedeutung, aber es verliert seinen Alleinanspruch auf die Identität. Wir sind mehr als das, was uns zugestoßen ist. Unsere Würde gründet nicht in unserer Verletzlichkeit, sondern in der Freiheit, uns immer wieder neu zu unseren Lebensbedingungen zu verhalten. Gerade darin liegt die Möglichkeit, aus einer Identität des Leidens zu einer Identität der Eigenverantwortung, der Sinnorientierung und des inneren Wachstums zu gelangen.

 

Angelika Wende

Kontakt: aw@wende-praxis.de

Samstag, 11. Juli 2026

Heimat – die Suche nach dem Ort, an dem wir sind

 

                                                  Foto: Frank Widmann R.I.P


Was ist Heimat? Ein vertrauter Ort, eine Landschaft, ein Haus, eine Sprache und vor allem die Menschen, durch die wir uns erkannt und angenommen fühlen? Heimat entsteht dort, wo wir uns zugehörig, verbunden geborgen, verstanden und getragen fühlen. Wenn die Menschen aus unserem Leben verschwinden, die für uns Heimat waren, entsteht eine grundlegende Frage: Lag unsere Heimat jemals wirklich in diesen Menschen oder haben sie uns nur für einen Moment in der Zeit das Gefühl gegeben eine Heimat zu besitzen? Waren es diese Menschen die uns das Gefühl gaben zuhause zu sein?

Ihr Verlust zeigt uns, dass Heimat niemals nur etwas Äußeres war. Die Menschen, die uns Heimat gegeben haben, waren wie eine Brücke zum Gefühl des Angekommenseins. Durch sie erfuhren wir eine Form von Geborgenheit, die wir selbst nicht erzeugen konnten. Indem sie uns dieses Gefühl schenkten, haben sie zugleich etwas in uns hinterlassen. Etwas, das bleibt auch wenn sie gegangen sind. In uns. Und doch, auch wenn wir dieses Gefühl in uns bewahren, unsere Heimat scheint uns verloren. Was bleibt ist die Sehnsucht, das Heimweh.

Es ist eine schmerzhafte Erfahrung, dass wir nichts, was uns Heimat gibt, dauerhaft festhalten können. Jeder Ort verändert sich, Beziehungen ändern ihre Form oder sind vergänglich, jeder Mensch, alles ist dem Wandel unterworfen. Wenn wir Heimat nur an das binden, müssen wir sie irgendwann verlieren. Und damit verlieren wir auch ein Stück unserer alten Identität. Wir fühlen uns nicht nur äußerlich heimatlos, sondern auch Innen. Wir fühlen uns lost. Wohin mit mir? Wer bin ich jetzt ohne meine Heimat?

Vielleicht liegt das Wesen von Heimat nicht in der Beständigkeit eines Ortes oder der Anwesenheit bestimmter Menschen, sondern in einer tieferen Beziehung zum Sein selbst. Heimat ist dann nicht etwas, das wir besitzen, sondern eine Art des In-der-Welt-Seins, ein Gefühl, mit dem eigenen Dasein verbunden zu sein. Die Menschen, die uns Heimat waren, haben uns einen Ort gegeben, sie haben uns erfahren lassen, wie es ist angekommen zu sein - bei ihnen, mit ihnen. Nun sind sie fort und es gibt nur noch ein „bei uns“, „mit uns“. Dann ist Heimat kein Platz und kein Gegenüber. Sie ist in uns selbst. Das, was bleibt, wenn alle äußeren Sicherheiten und Säulen verschwinden. Der Ort, an dem wir nicht mehr danach fragen müssen, wo wir hingehören, weil wir erkennen, dass wir bereits Teil dessen sind, wonach wir gesucht haben. Heimat ist dann nicht das, was wir niemals verlieren. Heimat ist das, was uns auch im Verlust noch ein Platz ist. Sie ist das, was uns von Innen hält, wenn sonst alles wegfällt. 

 

Angelika Wende

www.wende-praxis.de

 

 

Freitag, 10. Juli 2026

Aus der Praxis: Wenn Selbstmitleid und Opferhaltung zur Falle werden – Das Drama-Dreieck verstehen

 

                                                                                       Malerei: A.Wende


Jeder Mensch erlebt Zeiten, in denen er sich verletzt, überfordert oder ungerecht behandelt fühlt. Sich Unterstützung zu wünschen und den eigenen Schmerz ernst zu nehmen, ist menschlich und wichtig. Problematisch wird es jedoch dann, wenn aus einer Krise eine dauerhafte Opferhaltung entsteht. Menschen in einer Opferrolle erleben häufig, dass das eigene Leben von äußeren Umständen bestimmt wird. Sie fühlen sich hilflos und machtlos und haben wenig Selbstbewusstsein und zweifeln an ihrer Selbstwirksamkeit. Die Verantwortung für das eigene Leid wird dann überwiegend im außen gesehen, bei anderen Menschen, der Vergangenheit, den Eltern oder dem Schicksal. Dadurch entsteht das Gefühl, kaum Einfluss auf das eigene Leben zu haben. Das hat zur Folge, dass diese Menschen sich unbewusst einen Retter suchen, der ihre Probleme lösen soll.

Der Psychiater Stephen Karpman beschrieb dieses Muster mit dem sogenannten Drama-Dreieck.  

Es besteht aus drei Rollen: Opfer, Retter und Verfolger. Diese Rollen wirken oft unbewusst zusammen und halten belastende Beziehungsmuster aufrecht. Das Opfer fühlt sich hilflos, ungerecht behandelt oder machtlos und hofft, dass jemand die Situation verändert. Der Retter springt ein, übernimmt Verantwortung und versucht Probleme zu lösen, oft weit über die eigenen Grenzen hinaus. Das Opfer wird zum Verfolger sobald seinen Erwartungen nicht erfüllt werden. Es kritisiert, macht Vorwürfe oder übt Druck aus. Das Entscheidende ist: Diese Rollen sind nicht fest. Menschen wechseln häufig zwischen ihnen.

Ein typischer Ablauf 

Jemand fühlt sich als Opfer und sucht Hilfe. Eine anderer übernimmt die Rolle des Retters und investiert viel Zeit und Energie. Bleiben Veränderungen zum Guten aus, fühlt sich der Retter irgendwann frustriert und wird zum Verfolger. Es entstehen Vorwürfe wie „Du willst weiter klagen und dir nicht wirklich helfen lassen.“ Das Opfer fühlt sich dadurch erneut bestätigt: „Niemand versteht mich, niemand hilft mir.“ Der unheilsame Kreislauf beginnt von vorn.

Besonders der Retter glaubt oft helfen zu müssen, weil der andere so viel Hilflosigkeit zeigt und geht dabei über seine eigenen Grenzen. 

Doch echte Unterstützung bedeutet nicht, einem Menschen seine Verantwortung abzunehmen. Wer dauerhaft rettet, nimmt dem anderen die Möglichkeit, eigene Lösungen zu entwickeln. Gleichzeitig erschöpft der Retter sich selbst, weil er eine Verantwortung trägt, die nicht seine ist.

Auch Selbstmitleid kann Teil dieses Kreislaufs sein.  

Kurzfristig spendet es Trost und Verständnis für das eigene Leid. Bleibt es jedoch bestehen, richtet sich der Blick immer wieder auf das Leid, während Handlungsmöglichkeiten in den Hintergrund treten. Gespräche drehen sich um dieselben Probleme, Lösungsvorschläge werden als unmöglich erlebt, nicht umgesetzt oder zurückgewiesen. Das Umfeld fühlt sich zunehmend hilflos und überfordert. 

Selbstmitleid wird übrigens häufig mit Selbstmitgefühl verwechselt, doch es gibt einen wichtigen Unterschied. 

 Selbstmitgefühl bedeutet, das eigene Leid anzuerkennen und sich selbst mit Verständnis, Geduld und Freundlichkeit zu begegnen. Es beinhaltet gleichzeitig die Bereitschaft, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Selbstmitleid dagegen hält an der eigenen Verletzung fest. Es richtet den Blick vor allem darauf, was einem an Ungutem widerfahren ist, wer schuld ist oder warum die eigene Situation besonders schwer erscheint. Es sucht nicht nach Entwicklung, sondern nach wiederholter Bestätigung des eigenen Leids. Gespräche drehen sich immer wieder um dieselben Verletzungen, während Lösungen, neue Perspektiven oder Eigenverantwortung schwer erreichbar erscheinen. Selbstmitgefühl fragt: „Was brauche ich, um mit dieser Situation gut umzugehen?“ Selbstmitleid fragt: „Warum passiert das immer mir?“Für das Umfeld kann dies belastend werden, weil Angehörige und Freunde zunehmend das Gefühl bekommen, emotional tragen zu müssen, was der andere selbst nicht tragen möchte. Der Ausstieg beginnt mit der Erkenntnis: Mein Schmerz verdient Mitgefühl, aber er darf nicht meine gesamte Identität bestimmen.

Der Ausstieg aus dem Drama-Dreieck beginnt dort, wo jeder seine eigene Verantwortung übernimmt. 

Das bedeutet nicht, Schmerz oder Ungerechtigkeit zu leugnen. Es bedeutet für das Opfer, sich zu fragen: „Was kann ich selbst beeinflussen?“ Ebenso wichtig ist es, als Helfender zu erkennen, dass Unterstützung nicht bedeutet, das Leben eines anderen zu übernehmen oder ihn zu heilen.

Niemand kann einen anderen Menschen heilen

Man kann begleiten, zuhören, unterstützen und Liebe geben, aber die innere Veränderung muss immer von der betroffenen Person selbst ausgehen. Der Grund dafür liegt darin, dass Heilung und Veränderung keine äußeren Vorgänge sind, die ein anderer Mensch für uns erledigen kann. Jeder Mensch trägt seine eigene Geschichte, seine eigenen Erfahrungen, seine eigenen Gedanken- und Gefühlsmuster in sich. Nur er selbst kann diese Muster erkennen, neue Entscheidungen treffen und Verantwortung für den eigenen Entwicklungsprozess übernehmen. Ein anderer Mensch kann eine sichere Umgebung schaffen, Mut machen oder einen neuen Blickwinkel anbieten. Er kann jedoch nicht die Vergangenheit ungeschehen machen, innere Konflikte lösen oder die Selbstannahme eines anderen erzwingen. Wer versucht, einen anderen Menschen zu retten, übernimmt eine Aufgabe, die nicht erfüllbar ist und verliert dabei im Zweifel die Verbindung zu den eigenen Bedürfnissen und Grenzen. Bleiben Veränderungen aus oder werden Hilfsangebote immer wieder abgelehnt, kann der Retter frustriert reagieren und in die Rolle des Verfolgers wechseln. Es entstehen Distanz, Vorwürfe oder Ungeduld. Das Opfer fühlt sich dadurch erneut bestätigt: „Niemand versteht mich, niemand hilft mir.“ Der Kreislauf beginnt von vorne.

Auch Helfende dürfen lernen, dass Liebe und Unterstützung nicht bedeuten, einen anderen Menschen zu retten. Ein Retter kann begleiten, zuhören und ermutigen, aber er kann niemandem die eigene Entwicklung abnehmen.

Gesunde Beziehungen entstehen nicht zwischen Opfer und Retter, sondern zwischen zwei Menschen, die sich auf Augenhöhe begegnen. Hilfe darf stärken, aber nicht abhängig machen. Mitgefühl darf trösten, aber nicht in Selbstmitleid festhalten. Und Verantwortung darf geteilt werden, ohne sie dem anderen abzunehmen. Der Weg aus dem Drama-Dreieck führt nicht über Schuld oder Härte, sondern über Bewusstsein, Grenzen und Selbstverantwortung. Wer sein Leid anerkennt, ohne darin stecken zu bleiben, gewinnt die Möglichkeit zurück, das eigene Leben aktiv zu gestalten.

Wer darauf wartet, gerettet zu werden, gibt unbewusst die Verantwortung für sein Leben ab. Wer ständig andere rettet, verliert leicht sich selbst. Wirkliche Veränderung beginnt dort, wo Verantwortung und Mitgefühl zusammenfinden. Wahre Hilfe bedeutet nicht, jemanden zu retten. Wahre Hilfe bedeutet, einem Menschen zuzutrauen, dass er seinen eigenen Weg gehen und seine eigene Kraft wiederfinden kann.

 

Angelika Wende

Kontakt: aw@wende-praxis.de

 

 

Dienstag, 7. Juli 2026

Entscheidungen

 

                                                                    Foto: Lucas Wende

 
 
Ich stehe vor einer großen Entscheidung. Verlasse ich dieses Land oder bleibe ich an meinem gewohnten Platz? Diese Entscheidung ist schwer. Es ist nicht einfach Vertrautes zu verlassen, andererseits ist es eine Möglichkeit noch einmal etwas vollkommen Neues zu erfahren und zu gestalten.
 
Wir alle müssen täglich Entscheidungen treffen. Und große Entscheidungen zu treffen gehört zu den schwierigsten Aufgaben des Lebens. 
Wir wünschen uns eindeutige Gewissheit, doch in den meisten Situationen gibt es sie nicht. Stattdessen erleben wir eine innere Spannung. Ein Teil von uns möchte Sicherheit und Vertrautheit, ein anderer spürt den Wunsch nach Veränderung und Entwicklung.
Wir sind zerrissen.
 
Entscheiden heißt, dass wir einer Möglichkeit den Vorzug vor einer anderen geben
Mit jeder Entscheidung sagen wir nicht nur "Ja" zu etwas, sondern auch "Nein" zu allem, was wir damit ausschließen. Entscheidungen können schwerfallen, denn sie machen aus vielen denkbaren Zukünften eine tatsächlich gelebte.
 
Entscheidungen schaffen Wirklichkeit.
Solange wir zwischen Möglichkeiten abwägen, bleibt alles offen. Erst durch die Entscheidung nimmt eine Möglichkeit Gestalt an. Wir handeln nicht nur, wir gestalten etwas. Jede Entscheidung verlangt den Verzicht auf Gewissheit. Wir haben weder vollständige Informationen noch haben wir Garantien. Entscheiden bedeutet das Risiko einzugehen, dass sich der gewählte Weg anders entwickelt als wir es usn wünschen oder erwarten. Unsere Entscheidungen drücken zudem unsere Werte aus. Hinter jeder Entscheidung steht die Frage: Was ist mir wirklich wichtig?, und nicht: Was ist objektiv richtig? Der Philosoph Søren Kierkegaard sah im Entscheiden einen Akt der Selbstwerdung. Wir sind nicht einfach, wer wir sind, wir werden es auch durch die Entscheidungen, die wir treffen. Entscheidungen formen Identität.
 
In solchen Phasen des Entscheidens gleicht unser Leben einer Wanderung durch unbekanntes Gebiet. Der Weg ist nicht klar sichtbar, die Orientierung entsteht erst während wir ihn gehen. Die Frage ist dann weniger, welche Entscheidung absolute Sicherheit verspricht, sondern welche Richtung im Einklang mit unseren Werten und Bedürfnissen steht. Das Gefühl von Unsicherheit, das sich einstellt, gehört zu jedem großen Entscheidungsprozess. Wenn wir uns auf Veränderungen einlassen, verlassen wir unsere Komfortzone, wir verlassen vertraute Orte, nahe Menschen, Denkmuster und liebgewonnene Gewohnheiten. Das kann tief verunsichern, zugleich aber öffnet sich die Möglichkeit, neue Erfahrungen zu machen, zu wachsen und unser Leben zu erweitern.
 
Entscheidungen sagt man, erfordern Klarheit.
Aber ist das so? Muss, kann ich absolute Klarheit haben?
Manchmal entsteht Klarheit nicht vor einer Entscheidung, sondern erst durch sie. Indem wir ins Handeln kommen, sammeln wir Erfahrungen. Wir überprüfen unsere Annahmen und gewinnen ein tieferes Verständnis dafür, was wirklich zu uns passt. Entscheidungen sind kein einmaliger Akt, sondern Teil eines fortlaufenden Lernprozesses. Nicht die vollständige Gewissheit weist den Weg, sondern die Bereitschaft, uns mit Offenheit, Neugier, Aufmerksamkeit, Mut und Vertrauen auf den eigenen Entwicklungsweg einzulassen.
Der Weg selbst, die Erfahrungen, die wir sammeln, sind ebenso wichtig sind wie das Ziel, das wir anstreben. Wir entwickeln uns nicht nur dadurch, dass wir überlegen, sondern dadurch, dass wir Erfahrungen machen.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de


Montag, 6. Juli 2026

Zwischen Klarheit und Abgrund - Genialität und Verzweiflung

 

                                                                   Foto: A.Wende


Gestern fragte mich ein Bekannter: „Kann man eigentlich genial und zugleich verzweifelt sein?“ Das klingt wie eine abstrakte philosophische Frage, in Wahrheit aber steckt darin oft das Gefühl, zu viel zu denken, zu viel zu sehen, vielleicht sogar viel zu verstehen, und trotzdem keinen sicheren Ort zu finden, an dem sich Frieden finden lässt.
Philosophisch gesehen berührt diese Frage einen alten Kernkonflikt des menschlichen Bewusstseins: die Fähigkeit, über sich selbst hinauszugehen, und die Unfähigkeit, sich dadurch automatisch zu stabilisieren. Genialität ist Ausdruck eines erweiterten Denkrahmens. Ein Geist, der tief und komplex denkt, öffnet mehr Möglichkeiten, aber auch mehr Unsicherheiten. Je bewusster ich bin, je mehr Wissen ich sammle, je mehr ich weiß, je mehr Perspektiven ich zulassen kann, je weniger ich in Kategorien oder Schubladen denke, je mehr Widersprüchliches, je mehr Komplexität ich wahrnehme, desto weniger eindeutig wird mir die Welt und ich mir selbst. Wie es Sokrates formulierte: "Ich weiß, das ich nichts weiß." Verzweiflung ist in diesem Zusammenhang eine Erfahrung, ein Gefühl, dass etwas im eigenen Denken oder im Leben nicht zusammenpasst, dass Kohärenz, Sinn und Wahrheit gesucht, aber nicht gefunden wird. Gerade dort, wo unser Bewusstsein besonders wach ist, wird diese innere Spannung deutlich spürbar. Der Philosoph Søren Kierkegaard beschreibt Verzweiflung als eine Art inneren Riss im Selbst. Der Mensch ist sich seiner selbst bewusst, aber genau dieses Bewusstsein zwingt ihn auch dazu, sich zu sich selbst zu verhalten, ohne die endgültige Sicherheit, wie das gelingen soll. Friedrich Nietzsche formuliert, dass Erkenntnis nicht nur befreiend ist, sondern auch alle Illusionen zerstören kann, die uns vorher Halt gegeben haben. 
 
Wer tiefer sieht, verliert Gewissheiten.
In der Menschheitsgeschichte gibt es viele Weise, Philosophen, Dichter, Denker udn Künstler, die geistig briliant und innerlich zerrissen waren. Warum? Weil Kreativität und Suche nach Erkenntnis dort entstehen, wo uns einfache Antworten nicht mehr genügen. Das Denken dringt in innere Räume vor, in denen Sicherheit über die Dinge, die Welt und das eigene Dasein, verloren gehen. Das Wachsen der Einsicht in das Wesen der Dinge und in ihr Geheimnis ist zugleich ein Verlust an naiver Geborgenheit. Hier entsteht die Bruchstelle zwischen Genialität und Verzweiflung, nicht, weil das eine das andere verursacht, sondern weil sich beide aus derselben inneren Bewegung ergeben - dem Drang, über das Gegebene und das vordergründig Sichtbare hinauszudenken. Diese Bewegung erweitert zwar den geistigen und emotionalen Horizont, aber genau das kann eben auch das Gefühl von Sicherheit und Stabilität massiv erschüttern, auf der gewöhnliche Gewissheiten ruhen. 
 
Die Beziehung zwischen Genialität und Verzweiflung ist keine einfache Kausalität. Genialität führt nicht unebdingt zur Verzweiflung, und Verzweiflung ist kein Zeichen von Genialität. Vielmehr entspringen beide ein und derselben Quelle, einem Bewusstsein, das sich nicht im Gegebenem erschöpft. Wo dieses Bewusstsein auf die Grenzen des Selbst und der Welt trifft, entsteht ein Riss. Dieser Riss kann schmerzhaft sein, aber er ist auch der Ort, an dem neue Bedeutung entstehen kann.
Der Mensch ist weder nur ein leidendes noch nur ein schöpferisches Wesen. Er ist das Wesen, das beides zugleich sein kann, fähig zur höchsten Klarheit und zur tiefsten Verzweiflung, manchmal im selben Moment. Diese Spannung ist nicht nur eine emotionale Belastung, sie ist auch der Raum, in dem Kreativität, tiefes Denken und neue Formen von Sinn und Bedeutung entstehen können. Wo nichts mehr selbstverständlich ist, beginnt die Möglichkeit, neue Fragen zu stellen und neue Antworten zu finden.
Gerade weil der „geniale“ Geist die Welt nichts als eindeutig akzeptiert, bleibt er offen, beweglich, flexibel, neugierig, zweifelnd, fragend und damit schöpferisch. Verzweiflung, als Erfahrung des Gewahrseins des nicht eindeutigen Ganzen, kann so ein Motor des Denkens "outside the box" werden. Sie bringt uns dazu, neue Formen von Sinn zu suchen, statt uns mit fertigen Antworten und Konzepten zu begnügen.
 
Für mich besteht zwischen Genialität und Verzweiflung kein Widerspruch. 
Es ist eine Wahrheit darüber, was bewusstes Leben überhaupt bedeutet, nämlich ein ständiges Pendeln zwischen Klarheit und Unsicherheit, zwischen Erkenntnis und Zweifel, zwischen Stabilität und Instabilität und dem Bewusstsein, dass alles Wissen und alle Erkenntnis nie ganz ausreichen um die Welt, das Menschsein und uns selbst im Ganzen zu begreifen.
Wer allerdings zu lange und dauerhaft auf all dem herumdenkt, den kann es in die schiere Verzweiflung treiben. Nun, vielleicht helfen ja diese Worte des Dichters Rilke:„Du musst das Leben nicht verstehen, dann wird es werden wie ein Fest.“
Obwohl ... und da ist wieder der Zweifel: Das Leben wird nicht automatisch ein Fest, wenn ich es nicht verstehen muss, nur weil Rilke das meint. 
 
 
Angelika Wende

Samstag, 4. Juli 2026

Aus der Praxis: Das Bedürfnis nach Abschluss - Need for Closure

 

                                                                                   Malerei: A.Wende


Das Konzept des Need for Closure gehört zu den Theorien der Sozialpsychologie. Ich finde das Konzept hilfreich, wenn es darum geht zu verstehen, warum Beziehungen, die keinen klaren Abschluss finden, belastend für viele Menschen sind.

Der Begriff „Need for Closure“ wurde Anfang der 1990er Jahre von dem Sozialpsychologen Arie W. Kruglanski entwickelt. Er beschreibt das menschliche Bedürfnis, Unsicherheit zu beenden und zu einer eindeutigen Erklärung zu gelangen. Wir alle haben das Bedürfnis, die Welt vorhersehbar und verständlich zu erleben. Offene Fragen, Mehrdeutigkeit und ungelöste Situationen erzeugen hohen psychischen Stress, weil das Gehirn ständig versucht, die ihm fehlende Informationen zu ergänzen.

Need for Closure ist ein grundlegendes motivationales Bedürfnis. Dabei geht es interessanteweise nicht darum, immer die richtige Antwort zu finden, sondern überhaupt eine Antwort zu bekommen. Eine unvollständige oder nicht nachvollziehbare Erklärung wird von den meisten Menschen als weniger belastend empfunden als gar keine Erklärung. Kurz: Jede Erklärugn ist besser als keine, damit das Gehirn zur Ruhe kommen kann.

 

Unser Bedürfnis nach Abschluss erfüllt mehrere psychologische Funktionen. Ein klarer Abschluss reduziert Unsicherheit, schafft Orientierung und ermöglicht es uns, unsere emotionale Energie wieder anderen Aufgaben zuzuwenden. Fehlt der Abschluss, bleibt das Gehirn gewissermaßen in einem Suchmodus, die Gedanken kehren immer wieder zur offenen Situation zurück, weil sie noch nicht verarbeitet werden konnte. 

 

Viele von uns erleben solche fehlenden Abschlüsse. Man lernt jemanden kennen, man denkt, da ist Sympathie, man versteht sich gut und plötzlich antwortet die Person nicht mehr auf Nachrichten oder Anrufe.  

Gerade beim Online- Dating müssen viele diese schmerzhafte Erfahrung machen. Die zunehmende Digitalisierung unserer sozialen Beziehungen verstärkt dieses Verhalten leider. Der Grund: Online-Kommunikation reduziert viele unmittelbare soziale Konsequenzen. Während ein persönliches Gespräch direkte emotionale Reaktionen hervorruft, ermöglicht digitale Kommunikation eine größere emotionale Distanz. Das Verschwinden ohne Erklärung wird dadurch rein technisch und emotional leichter. Das nennt man dann Ghosting.  

 

Ghosting aktiviert das Bedürfnis nach Abschluss besonders stark. 

Es ist eine Situation maximaler Ambiguität. Wer geghostet wird, versteht erst einmal nichts, er ist fassungslos und enttäuscht. Er fühlt sich zurückgewiesen und hat keine Ahnung warum.

Jede Form von Zurückweisung aber aktiviert neurobiologisch ähnliche Prozesse wie körperlicher Schmerz. Studien von Naomi Eisenberger und Matthew Lieberman belegen, dass Erfahrungen sozialer Ablehung oder Ausgrenzung die gleichen Hirnareale aktivieren, die auch an der Verarbeitung körperlicher Schmerzen beteiligt sind. Das erklärt, weshalb Ghosting nicht nur als Enttäuschung erlebt wird, sondern intensive Gefühle von Verletzung, Kränkung oder emotionalem Schmerz auslöst.

 

Ghosting hält den Denkprozess aufrecht. Das Grübeln wird hartnäckig.  

Kruglanski beschreibt zwei psychologische Prozesse:

Seizing (Ergreifen): Wir versuchen möglichst schnell eine Erklärung zu finden, um Unsicherheit zu reduzieren. Das Gehirn "greift" nach einer plausiblen Antwort. Freezing (Festhalten):
Sobald eine Erklärung gefunden wurde, neigen wir dazu, an ihr festzuhalten, selbst wenn sie unvollständig ist. Das spart dem Gehirn Energie. Beim Ghosting scheitert dieser zweite Schritt. Zwar denken wir uns zahlreiche mögliche Erklärungen und machen Konstruktionen, aber nichts davon kann auf die Wahrheit überprüft werden. Das Gehirn wechselt deshalb ständig zwischen verschiedenen Möglichkeiten hin und her. Dadurch entstehen die typischen Grübelschleifen, geboren aus Unsicherheit.

 

Neurowissenschaftlich betrachtet reagiert unser Gehirn auf Unsicherheit ähnlich wie auf potenzielle Bedrohungen. Offene soziale Situationen aktivieren Hirnnetzwerke, die für Aufmerksamkeit, Fehlerüberwachung und Problemlösen zuständig sind. Solange keine eindeutige Erklärung vorliegt, bewertet das Gehirn die Situation als nicht abgeschlossen und richtet immer wieder die Aufmerksamkeit darauf. Hinzu kommt, dass soziale Beziehungen für uns Menschen evolutionär von zentraler Bedeutung sind. Im kollektiven Unterbewusstsein haben wir gespeichert, dass sozialer Ausschluss früher existenzielle Folgen haben konnte. Deshalb reagiert unser Gehirn besonders sensibel auf Anzeichen von Zurückweisung, Ablehnung oder Ausgrenzung. 

 

Warum manche Menschen stärker leiden als andere.

Der Need for Closure ist kein Persönlichkeitsmerkmal, das für uns alle gleich gilt. Nicht alle Menschen leiden gleich stark darunter. Ein besonders starkes Bedürfnis nach Abschluss haben Menschen, die Unsicherheit als sehr belastend erleben, ein starkes Bedürfnis nach Kontrolle haben, zu Grübeln oder Perfektionismus neigen, emotionale Beziehungen intensiv erleben oder die bereits traumatische Erfahrungen mit instabilen Beziehungen oder frühkindlicher Zurückweisung gemacht haben. Andere wiederum können Zurückweisung leichter akzeptieren und benötigen keine vollständige Erklärung, um emotional abzuschließen. Dennoch, wir alle können eine begründete Ablehnung und eine Trennung, die erklärt wird, besser verarbeiten als Schweigen. Beides ist zwar schmerzhaft, eine Begründung liefert dem Gehirn jedoch eine eindeutige Information. Dadurch kann der Suchprozess beendet werden. Das Bedürfnis nach einer Erklärung dagegen hält den Denkprozess aufrecht und der fehlende Abschluss verhindert, dass das Erlebnis kognitiv abgelegt wird. Ghosting verhindert genau das. Das Bedürfnis nach kognitivem Abschluss bliebt unerfüllt, und die Situation wird immer wieder gedanklich reaktiviert.

Besonders vulnerable Menschen verfolgt der Need for Closure häufig über Wochen oder Monate, manchmal sogar über Jahre

Nicht der Kontaktabbruch selbst verursacht den größten Schmerz, sondern die fehlende Möglichkeit, das Erlebte sinnvoll einzuordnen. Das Gehirn sucht nach einem Ende der Geschichte und solange dieses Ende fehlt, bleibt die Erfahrung psychologisch offen. Genau deshalb leiden Betroffene, weniger unter der Ablehnung oder der Trennung selbst, als unter der Ungewissheit, warum es so gekommen ist. Die meisten Betroffenen glauben daher, sie könnten erst abschließen, wenn sie verstehen, warum der andere sang und klanglos verschwunden ist. 

Aus psychologischer Sicht ist das jedoch nur bedingt richtig. Tatsächlich hängt ein emotionaler Abschluss weniger von der tatsächlichen Antwort des anderen ab als von unserer eigenen Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten und zu akzeptieren, das manche Fragen im Leben unbeantwortet bleiben

Manchmal existiert keine Antwort. Manchmal kennt selbst der, der ghostet, seine Motive nicht wirklich. Akzeptanz bedeutet deshalb nicht, sein Verhalten gutzuheißen, sondern anzuerkennen, dass Gewissheit nie erreichbar sein wird. Nicht jeder Mensch gibt uns die Möglichkeit, eine gemeinsame Geschichte zu Ende zu erzählen. Dann ist es nicht sinnvoll, die erlösende Antwort zu suchen, sondern zu akzeptieren, dass die Antwort außerhalb unserer Kontrolle und nicht in unserem Einflussbereich liegt. Innerer Abschluss entsteht dann, wenn wir aufhören, die fehlende Erklärung als Voraussetzung für unser Wohlergegen und unser Weitergehen zu betrachten.

 Ein Teil der Heilung besteht nicht darin, alle Antworten zu bekommen, sondern darin, zu akzeptieren, dass man sie möglicherweise nie bekommen wird. Akzeptanz beendet nicht sofort den Schmerz der Zurückweisung, aber sie nimmt ihm nach und nach die Macht. Wenn uns das allein nicht gelingt, ist es sinnvoll uns professionelle Hilfe zu suchen.

 

Angelika Wende

Kontakt: aw@wende-praxis.de