Dienstag, 5. Mai 2026

Wenn alte Wunden in neuen Begegnungen wieder spürbar werden – über Enttäuschung, Klarheit und Abgrenzung

 

                                                                   Foto: A.W.


Meine Klientin ist aufgelöst. Sie erzählt, sie habe fest geglaubt, die Trennung von ihrem Ex-Partner bereits weitgehend überwunden zu haben. Nach einer längeren Phase der Verarbeitung habe sie sich innerlich wieder stabiler gefühlt und sei vorsichtig wieder offener für neue soziale Kontakte geworden. Dabei ist ein alter Bekannter wieder in ihr Leben getreten. Zunächst hat sie damit die Hoffnung verbunden, wieder angenehme soziale Nähe zu erleben, sich treffen, reden, einen Kaffee zu trinken, ohne Druck und ohne große Erwartungen. Schon nach wenigen Treffen hat sie jedoch erkannt, dass die Gespräche stark einseitig verlaufen. Ihr Gegenüber hat sehr viel von sich erzählt, sie ständig unterbrochen und kaum Fragen an sie gestellt. Obwohl sie mehrfach versucht hat, darauf hinzuweisen und selbst mehr Raum einzufordern, hat sich nichts verändert. Bei meiner Klientin ist zunehmend das Gefühl entstanden, nicht wirklich gesehen oder ernst genommen zu werden.
Sie schwankt zwischen Wut und Trauer: „Jetzt öffne ich mich wieder und dann diese Enttäuschung. Ich werde wohl immer allein bleiben und das macht mir Angst.“
 
Ich verstehe sie gut. Diese Erfahrung hat sie emotional zurückgeworfen. 
Gefühle, die sie im Zusammenhang mit der Trennung als verarbeitet erlebt hat, sind wieder aktiviert worden. Die aktuelle Situation hat nicht nur Enttäuschung im Hier und Jetzt ausgelöst, sondern auch alte emotionale Wunden, die durch den Verlust des Partners entstanden sind, wieder spürbar gemacht. Aus bindungstheoretischer Sicht lässt sich ihre Reaktion als Aktivierung eines Bindungssystems verstehen, das auf Gegenseitigkeit und Responsivität ausgerichtet ist. Wird dieses Muster nicht erfüllt, kommt es zu einer Kombination aus Enttäuschung und Rückzugstendenzen. In der beschriebenen Situation hat sich das zusätzlich mit Wut und Trauer überlagert, einerseits als Reaktion auf die Enttäuschung im Jetzt, andererseits als Aktivierung des früheren Verlustes.
 
Um Verbindung zu spüren, brauchen wir in Gesprächen ein gewisses Maß an Gegenseitigkeit. 
 
Wenn jemand dauerhaft nur redet, nicht fragt und kaum zuhört, entsteht beim Gegenüber schnell ein Gefühl von innerem Rückzug und emotionaler Leere. Genau dieses Gefühl der Leere hat bei meiner Klientin etwas Altes wieder berührt. Die aktuelle Begegnung hat Erinnerungen an ihre frühere, sehr bedeutsame Beziehung ausgelöst, in der sie echte Gegenseitigkeit erlebt hat, Zuhören, Interesse und Resonanz auf beiden Seiten. Diese frühere Erfahrung ist bei ihr zu einer Art innerem Maßstab geworden, an dem sie neue Kontakte unbewusst misst. Dadurch hat sich die aktuelle Enttäuschung verstärkt. Nicht nur die konkrete Situation war für sie belastend, sondern der Verlust der einst erlebten Qualität von Nähe ist wieder spürbar geworden. Das hat Trauer ausgelöst, aber auch Wut. Wut darüber, nicht gehört zu werden und Trauer über das, was einmal möglich war und verloren ist. Dass daraufhin die Angst vor Einsamkeit hochkriecht ist nachvollziehbar. 
 
Obwohl meine Klientin rational weiß, dass sie lediglich einen für sie unpassenden Kontakt beendet hat, hat sich emotional das Gefühl verstärkt, wieder allein zu sein und es im Zweifel zu bleiben. Auch wenn sie schließlich erkannt hat, dass diese Art von einseitigem Kontakt nicht ihren Bedürfnissen entspricht und sie Beziehungen braucht, in denen es echten Austausch gibt, und sich aus diesem Grund sie entschieden hat, den Kontakt zu beenden – es entsteht wieder die alte Leere, die sie nach der Trennung von ihrem Partner empfunden hat. Das ist normal udn menschlich. Auch nach dem einer unbefriedigenden Beziehung entsteht kurzfristig ein Vakuum, das subjektiv als soziale Leere oder als Angst vor Vereinsamung erlebt werden kann. Dieser Zustand ist jedoch weniger der Ausdruck realer Isolation als vielmehr eine Reaktion unsers Bindungssystems auf den Wegfall einer, wenn auch dysfunktionalen, sozialen Verbindung.
 
Gleichzeitig zeige sich in dieser Situation aber auch eine wichtige Entwicklung: Meine Klientin nimmt ihre eigenen Bedürfnisse heute deutlich klarer wahr als früher. Sie ignoriert innere Signale von Unwohlsein nicht mehr, sondern erkennt sie frühzeitig und nimmt sie ernst. Statt sich in unheilsame Dynamiken zu verstricken, zieht sie Grenzen und trifft bewusste Entscheidungen für sich selbst. Das ist ein wichtiger Schritt in Richtung Selbstschutz und gesunder Abgrenzung.
 
Worum geht es jetzt?
Es geht darum, ihre Gefühle von Trauer, Wut und Angst einzuordnen und zu beruhigen. Gleichzeitig ist es für meine Klientin hilfreich, diese Phase auch als positiven Entwicklungsschritt zu erkennen: hin zu mehr Selbstwahrnehmung und Selbstfürsorge, klareren Grenzen und der Fähigkeit, frühzeitig Beziehungen zu beenden, die nicht auf Gegenseitigkeit beruhen und sich nicht gut anfühlen. Sie hat Größe bewiesen, sie hat auf sich selbst geachtet und sich nicht auf etwas eingelassen, was ihr nicht guttut, sie hat sich nicht von ihrer Sehnsucht nach Verbindung zum Preis der Selbstverleugnung leiten lassen.
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Montag, 4. Mai 2026

Beziehung ist nicht Liebe

 

                                                               Malerei: A.Wende

 
Wir alle möchten geliebt sein. Und viele Menschen suchen Liebe. Manche suchen sie sogar verzweifelt. Sie wünschen sich eine Beziehung, jemanden, mit dem sie ihr Leben teilen können. Und manche verwechseln dabei Beziehung mit Liebe.
Diese Verwechslung ist verständlich, weil Beziehung etwas Greifbares ist. Man kann sie benennen, definieren., zeigen. „Wir sind zusammen“. Das klingt nach Sicherheit, nach Ankommen, nach einem emotionalen Zuhause. Eine Beziehung gibt Form und Form wirkt in einer Welt, die unsicher ist, wie ein Ersatz für innere Stabilität.
Liebe dagegen ist weniger eindeutig. Sie ist kein Status, den man erreicht, sondern etwas, das sich im Erleben zeigt. Sie ist nicht nur das Gefühl von Nähe, von Begehren, nicht nur getragen von gegenseitiger Fürsorge, von Respekt und tiefer Wertschätzung, von inniger Vertrautheit udn Verbundenheit, sondern auch von der inneren Haltung, den anderen wirklich zu sehen, mit seinen Bedürfnissen, seinen Grenzen, seiner Eigenständigkeit, in seinem Wesen. Liebe ist nicht Besitz, sondern Beziehung im tieferen Sinn - ein inneres Antworten auf das Dasein eines anderen Menschen und der Wunsch, dass es ihm gut geht. 
 
Die Verwechslung von Beziehung mit Liebe entsteht dort, wo das Äußere für das Innere gehalten wird.  
Wenn zwei Menschen viel Zeit miteinander verbringen, gemeinsame Routinen entwickeln, etwas gemeinsam aufbauen oder sich als Paar definieren, entsteht schnell die Annahme: Dann muss da auch Liebe sein. Aber Nähe ist nicht automatisch Liebe. Vertrautheit ist nicht automatisch Zuwendung. Eine gemeinsame Geschichte ist nicht automatisch Liebe.
Wenn Menschen sich eine Beziehung wünschen spielen dabei oft auch Angst und Bedürftigkeit eine Rolle. Die Angst vor Einsamkeit kann dazu führen, dass eine Beziehung allein durch ihre Existenz schon als „Liebe“ interpretiert wird, weil die Alternative schwer auszuhalten ist. Oft spielt dabei auch eine tiefere Dynamik hinein - das Bedürfnis, im Außen etwas zu finden, was im eigenen Inneren fehlt. Dann ist die Beziehung nicht nur Verbindung, sondern hat auch eine Funktion. Sie soll halten, ausgleichen, beruhigen, bestätigen. Das geben, was man selbst nicht hat. Und genau dort beginnt die Verschiebung von Liebe hin zu etwas anderem.
 
Wer mit sich selbst nicht gern zusammen ist, wer die eigene innere Leere schwer aushalten kann, wer im Alleinsein eher Einsamkeit empfindet, statt Ruhe und Selbstgenügsamkeit, der sucht im Anderen nicht nur Nähe, sondern emotionale Stabilisierung. 
Der andere wird dann zum Halt, zum Ausgleich, zur Ergänzung eines inneren Mangels. Und je größer dieser Mangel ist, desto weniger wird der andere als eigenständiges Wesen gesehen. Wer den anderen braucht, um sich vollständig zu fühlen, verwechselt Liebe mit Ergänzung. Wer den anderen als Beruhigung der eigenen Unsicherheit nutzt, verwechselt Liebe mit Absicherung. Und wer im anderen vor allem das sucht, was im eigenen Inneren fehlt, erlebt zwar Bindung, aber nicht unbedingt Liebe. Das Festhalten wird wichtiger als das Fühlen. Die Struktur ersetzt das Erleben. So entstehen Beziehungen, die innerlich leer sind. Man ist zusammen, aber begegnet sich nicht wirklich. Und genau hier liegt der Unterschied: Man glaubt, man hätte Liebe, nur weil man eine Beziehung hat.
 
Aber Liebe entsteht nicht aus Mangel.
Sie wächst dort, wo zwei Menschen sich begegnen, ohne sich gegenseitig zu etwas machen zu müssen, was sie nicht sind. Sie ist kein Mittel gegen Einsamkeit, sondern eine Form von Verbundenheit, die auch dann bestehen kann, wenn man innerlich ganz bei sich bleibt. Das bedeutet nicht, dass wir keine Nähe brauchen. Wir sind soziale Wesen, wir brauchen Bindung, Resonanz, Austausch. Aber der Unterschied liegt darin, ob der andere zur Lösung eines inneren Problems wird, oder ob er als freier Mensch gesehen wird, dem wir frei begegnen. Vielleicht ist das der entscheidende Punkt: Liebe beginnt dort, wo der andere nicht mehr Funktion ist. Nicht Halt, nicht Ergänzung, nicht Rettung, sondern ein eigenständiges Gegenüber. Wenn beides zusammenkommt, fühlt sich eine Beziehung nicht nur richtig an, sie ist lebendig und echt. Erst wenn diese Freiheit möglich ist, kann eine Beziehung mehr sein als Form und Struktur, nämlich ein lebendiger Raum zwischen zwei Menschen, die einander nicht brauchen, um vollständig zu sein, sondern sich trotzdem wählen.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Samstag, 2. Mai 2026

Wissen ist nicht Bewusstsein

 



 
„Ich weiß es ja, ich bin mir bewusst, dass ich mir selbst schade – mit dieser toxischen Beziehung, mit dieser Sucht, mit dieser Gewohnheit, mit diesen Gedanken, mit dieser Entscheidung, aber ich kann nicht anders.“
Das höre ich oft. Gerade dann, wenn es darum geht, sich aus toxischen Verstrickungen, egal welcher Art, zu lösen. Es wird gelitten, es wird versucht, den anderen zu ändern, es wird versucht, sich selbst zu ändern, sich kleiner zu machen, sich nicht mehr anzupassen, das Ungute wird verdrängt, ignoriert, schöngeredet, damit man mit dem toxischen Verhalten des anderen oder dem eigenen besser leben kann. Es wird ausgehalten und gleichzeitig ständig geklagt, wie schlecht es einem geht. 
All das hat mit „ich bin mir bewusst“ nichts zu tun. Wer so handelt, ist nicht bewusst und sich seiner selbst im tieferen Sinn auch nicht wirklich gewahr. Und vor allem: er hat keine Verbindung zu dem wertvollen Wesen, das er ist und dass er allein es ist, der die Verantwortung dafür trägt, dass es keinen (weiteren) Schaden nimmt.
 
Wissen ist nicht Bewusstsein. Wissen allein verändert nichts.
Vom Kopf aus ständig an uns zu arbeiten ist ermüdend.
Genau hier liegt der entscheidende Unterschied: Zwischen dem bloßen Verstehen eines Problems und dem tatsächlichen inneren Erleben des eigenen Denkens, Fühlens und Handelns. Ein bewusstes Selbst ist nicht jemand, der sagt: „Ich sehe, was ich tue.“ Es ist auch nicht nur der Teil, der sich selbst analysiert oder seine Muster benennen kann. Dieses Wissen bleibt m Kopf, während das Verhalten trotzdem weiterläuft.
Bewusstsein beginnt erst dort, wo das eigene Erleben wirklich im Moment wahrgenommen wird – ohne sofortige Rechtfertigung, ohne Selbsttäuschung, ohne inneres Wegschieben, ohne „ich kann nicht anders“. Wo nicht nur gedacht wird: „Ich schade mir“, sondern wo im Handeln selbst ein gefühltes stilles Erkennen auftaucht: „Ich bin gerade wieder mittendrin mir selbst zu schaden.“ Wo immer der Gedanke herrscht: „Ich bin falsch“, wird sich die innere Spannung nicht lösen und uns vom Gewahrsein: „Ich bin okay“, abhalten.
Ein bewusstes Selbst ist in der Lage, diesen Moment zu bemerken, während es passiert. Nicht erst im Nachhinein, nicht als Analyse, sondern als unmittelbares inneres Gewahrsein. Und genau darin liegt der Unterschied zwischen reinem Wissen und echter Bewusstheit. 
 
Viele Menschen sind nicht blind für das, was sie tun. Sie sind sich ihrer Muster durchaus bewusst, aber sie nehmen sie nicht wahr, weil sie nicht präsent bei sich selbst sind und dem, was sie da tun. So werden die selbstschädigenden Muster im entscheidenden Moment wieder abgespult. Automatisierte Reaktionen, alte Schutzmechanismen, alte Überlebens-und Abwehrstrategien laufen weiter, auch wenn der Verstand längst etwas anderes verstanden hat.
Ein bewusstes Selbst entsteht dort, wo diese Automatismen wirklich wahrgenommen werden – nicht nur als Gedanke, sondern als erlebter Moment. Wo zwischen Reiz und Reaktion ein Raum entsteht, in dem man sich selbst nicht nur „denkt“, sondern wirklich beobachtet und wahrnimmt und dann zu seinem Besten handelt.
 
Therapie kann genau diesen Raum öffnen, allerdings nur wenn ehrliche Bereitschaft zur Veränderung da ist. Sie kann helfen, diesen Abstand zum eigenen Erleben überhaupt erst zugänglich zu machen, Muster sichtbar zu machen und zu lernen diesen inneren Raum zwischen Reiz und Reaktion bewusster zu erfahren.  
Aber dieser Raum wird nur dann wirksam, wenn der Mensch in der Lage ist, sich darauf einzulassen und das eigene Erleben nicht nur zu verstehen, sondern wirklich achtsam und bewusst wahrzunehmen.
Das ist kein Quick Fix.
Das ist schwer und auch ich kann das nicht immer.
Das braucht lange, lange Übung. Das braucht Geduld. Tag für Tag.
Nicht jeder ist bereit diesen Weg zu gehen. Das ist okay. 
 
Manche Menschen leben in der vertrauten Identität des Opfers. Manche Menschen definieren sich über ihr altes Leid und schaffen damit immer neues Leid. Andere haben Angst ihre Komfortzone zu verlassen, weil sie den Schritt ins Unbekannte fürchten, da sie nicht kontrollieren können was sein wird, selbst wenn ihr Leben eine einzige Selbstverleugnung ist – es ist berechenbar und vertraut. Manche Menschen machen betreiben jahrelang Selbstanalyse, folgen spirituellen Gurus, wissen um die Lehren und nichts ändert sich. Das ist okay. 
 
Niemand wird die Reise antreten, bevor er selbst so weit ist und manche treten sie niemals an.
Bewusstsein kommt selten ohne Schwierigkeiten, es ist bisweilen schmerzhaft und erschreckend, wenn wir wirklich begreifen, wie wir mit uns selbst umgehen. Bewusstsein bedeutet, die alten Geschichten loszulassen, die uns zurückhalten und uns schaden. Es bedeutet etwas in uns muss gehen, damit etwas Heilsames werden kann. Das ist die Voraussetzung dafür, dass Bewusstsein überhaupt möglich wird: Nicht durch mehr Wissen, sondern durch Üben des klaren und ehrlichen Sehens dessen, was im eigenen Inneren tatsächlich geschieht.
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Freitag, 1. Mai 2026

Auflösung - Das Prinzip von Stirb und Werde

 

                                                                  Foto: A.Wende

 
 
Veränderung ist ein tiefgreifender Prozess. Wir können ihn uns vorstellen wie einen Baum, der im Herbst seine Blätter verliert. Die Blätter fallen nicht aus Zerstörung von den Ästen, sondern weil sich der Baum auf eine neue Wachstumsphase vorbereitet. Was scheinbar endet, schafft die Grundlage für neues Wachstum im Frühling. Dieses Prinzip beschreibt, was Auflösung bedeutet - das Loslassen des Alten, damit etwas Neues entstehen kann.
 
Eine Auflösung im Leben kann sein, wenn wir eine vertraute Beziehung, einen Lebensabschnitt oder eine alte Identität hinter uns lassen. Etwas, das uns lange Sicherheit gegeben hat, verliert seine Form, belastet oder trägt uns nicht mehr. In solchen Momenten löst sich das Alte gefühlt in etwas Leeres auf, aber da was wir als Leere deuten ist keine Leere - in dieser Leere geschieht etwas: sie sondern schafft inneren Raum für etwas Neues, das erst noch entstehen darf.
Eine tiefgreifende Auflösung im Leben ist, wenn sich unser Selbstbild verändert. Vielleicht haben wir uns lange als stark, unabhängig, leistungsfähig oder immer gelassen und kontrolliert erlebt. Vieleicht haben wir uns als duldsam, hilflos, passiv und schwach elebt. Egal weclhes Bild wir von uns selbst haben - dieses Bild von uns selbst gibt uns Orientierung und Sicherheit. Doch irgendwann passt es nicht mehr zu dem, was wir tatsächlich fühlen oder erleben. Dann beginnt sich dieses alte Selbstbild zu lösen, nicht abrupt, sondern oft schrittweise und das kann verunsichern und Angst machen. Das ist okay. Es gehört zum Prozess der Auflösung
 
Wenn wir versuchen, diesen Prozess zu verhindern, entsteht Widerstand. Dieser Widerstand zeigt sich in innerer Anspannung, starker Angst oder dem krampfhaften Versuch, am Alten festzuhalten. Paradoxerweise macht genau dieser Widerstand den Wandel schwerer und schmerzhafter, als er sein müsste. Denn was sich ohnehin verändern will, kann durch Festhalten nicht stabil bleiben – es bleibt lediglich in Spannung.
 
Veränderung folgt dem Prinzip des Stirb und Werde, der notwendigen Auflösung des Alten als Voraussetzung für echte Erneuerung. Das bedeutet jedoch nicht, dass alles Alte vergeht. 
Unsere grundlegenden Werte bleiben der Kompass, der uns durch die Zeit der Veränderung führt und und Halt und Orientierung gibt. Auflösung und Beständigkeit sind keine Gegensätze, sondern ergänzen einander. Während Unheilsames sich wandeln und auflösen darf, bleiben innere Werte und spirituelle Prinzipien, die uns leiten bestehen.
Auflösung bedeutet, dass sich schädliche Blockaden lösen dürfen, damit Neues und Heilsameres entstehen kann. Sie ist kein chaotischer Zerfall, sondern vielmehr ein Prozess der Befreiung von überholten Strukturen und festgefahrenen Mustern. Dieser Prozess kann uns verunsichern, doch indem wir ihm vertrauen, finden wir Stabilität.
 
Indem wir starre Vorstellungen von uns selbst loslassen, erreichen wir eine höhere Ebene der Freiheit und des Verständnisses für den Menschen wer wir wirklich sind, hinter dem Bild, das wir von uns haben. Wir kommen uns selbst näher und werden wahrhaftiger. Keine Leichte Übung, fürwahr, doch die Auflösung des kleinen Selbst (Bildes) öffnet den Raum für ein größeres, authentischeres Sein. Am Ende dieses Prozesses kann die Befreiung von tiefsitzenden Verletzungen und emotionalen Wunden, alten Schmerzen, die Überwindung von Groll, Missverständnissen und emotionalen Blockaden oder Traumata stehen. Indem wir uns von schädlichen Denkmustern und unheilsamen Situationen distanzieren und notwendigen Abstand schaffen, ermöglichen wir Heilung. Das ist keine Flucht, sondern eine weise Entscheidung zum Selbstschutz und zur Regeneration, ein Prozess der inneren Befreiung durch sanfte, aber beständige bewusste Einwirkung und überlegtes Handeln, der Raum für Erneuerung und Heilung schafft.
Auflösung ist hier nicht destruktiv, sondern heilsam und notwendig für spirituelles und persönliches Wachstum in allen Lebensbereichen.
 
Angelika Wende

Mittwoch, 29. April 2026

Eine neue Struktur finden, wenn die alte wegbricht

                                                               Foto: A.Wende


Die meisten von uns möchten, dass die Dinge immer gleich bleiben. Das immer Gleiche gibt uns das Gefühl von Sicherheit und Halt. Und das ist wahr. Wenn etwas gleich bleibt, hat es etwas Beruhigendes – so wie die immer gleichen Routinen, die wir pflegen, so wie die Tagesstruktur, die man besonders seelisch kranken Menschen ans Herz legt. Eine Struktur aus festen Abläufen und Gewohnheiten gibt Halt und schafft Vertrauen. Bei Depressionen z. B. kann eine Tagesstruktur helfen, depressive Symptome zu lindern, weil sie einen kleinen, verlässlichen Halt in Phasen gibt, die von Unsicherheit, Rückzug und dem Gefühl von Versagen und Kontrollverlust geprägt sind. Ein strukturierter Tagesablauf wirkt auch in Krisen wie ein Rahmen, der Orientierung und Stabilisierung im Alltag bietet und das Gefühl vermittelt, trotzdem handlungsfähig zu bleiben. Das Festhalten an einer Tagesstruktur kann also sehr hilfreich sein. Struktur gibt dem Tag Sinn, Bedeutung und ein kleines Ziel und uns selbst ein Gefühl von Kontrolle über all das Unkontrollierbare im Leben.

 

Was aber, wenn die Struktur durch ein Ereignis, eine Krankheit oder eine Behinderung plötzlich in sich zusammenfällt?  

Das ist eine besonders harte Form des Umbruchs, weil es eine Fremdbestimmung mit sich bringt, die sich unfair und radikal anfühlt. Wenn die gewohnte Tagesstruktur wegbricht, verlieren wir nicht nur den Rhythmus, sondern auch ein Stück Identität.

Das Ende einer alten Struktur fühlt sich erst einmal nach Kontrollverlust an, der Orientierungslosigkeit, Unsicherheit, Hilflosigkeit, Ängste, Frust, Ärger über die eigenen Grenzen und vielleicht sogar Wut mit sich bringt. Ein ungemütlicher Prozess, sich vom Alten zu verabschieden und keine Ahnung zu haben, wie das Neue aussieht bzw. aussehen könnte. Und nicht leicht, denn es geht ja nicht allein darum, eine neue Struktur zu finden, sondern gleichzeitig darum, sich mit dem auseinanderzusetzen, was die alte Struktur zerschlagen hat, und es zu verarbeiten. Eine echte Herausforderung also, vor der ich gerade selbst stehe. Vieles, was mir Struktur gab, ist gerade nicht mehr machbar – es geht einfach nicht, der Körper lässt es nicht zu.

 

Okay – was geht noch? Das ist die erste Frage, die ich mir stelle, und ich finde einiges.
Was geht nicht mehr, und wie kompensiere ich, was nicht mehr geht?

Der schwierigste Schritt: Akzeptanz statt Widerstand.
Wenn ich versuche, etwas festzuhalten, das bereits zerbricht, kostet das enorme Kraft. Das Loslassen ist hier weniger ein aktiver Verzicht, sondern eher das Aufhören, gegen die Realität zu kämpfen.

 

Angst anerkennen und zulassen: Die Ursache des Festhaltens ist Angst. Angst vor Veränderung, Angst vor dem Unbekannten, Angst, Vertrautes zu verlieren. Es ist okay, Angst zu haben. Aber ich lasse mich nicht von ihr überfluten. Mach es mit der Angst!

 

Trauer: Ich erlaube mir, den Verlust der alten Struktur zu betrauern. Der Widerstand gegen die neue Realität kostet oft mehr Kraft als die Umstellung selbst.

 

Die Leere aushalten: Zwischen der alten Struktur und einer neuen liegt eine Phase der Unsicherheit – Niemandsland, unbekanntes Gelände, Instabilität innen wie außen. Das Ich ist angeschlagen, Vertrautes ist weggebrochen, Selbstverständlichkeiten zerbröseln. Tiefste Krise, absoluter Tiefpunkt. Es kann sich anfühlen wie ein Tod im Leben – und irgendwie ist es auch so: Etwas Altes stirbt. Das kann einen ganz schön ins Boxhorn jagen.

Was jetzt gilt: Überstürze nichts mit blindem Aktionismus.

 

Bestandsaufnahme: Was genau bricht weg? 

War die Struktur wirklich noch gut für dich, oder war sie nur vertraut? Oft schützen uns alte Gewohnheiten vor Wachstum.

 

Kleine Anker setzen: Wenn das große Ganze wackelt, brauchst du kleine, neue Routinen. Also kreativ werden. Dir Zeit geben herauszufinden, was dir gut tut. Etabliere kleine, machbare Fixpunkte. Die geben deinem Nervensystem Sicherheit, wenn der gewohnte Rahmen wegbricht. Schöne Mikromomente gestalten, sie bewusst wahrnehmen. Jeden Abend aufschreiben was gut war und wofür du dankbar bist. 

Das gibt dem Nervensystem das Signal: „Ich bin noch sicher.“

 

Pacing statt Leistung: Deine Energie ist jetzt deine wichtigste Währung. Baue die Struktur um deine Belastungsgrenzen herum auf, anstatt zu versuchen, ein altes Leistungsniveau zu erzwingen.

 

Hilfe organisieren und annehmen lernen: Wer kann was, wie viel, und auf welche Weise überhaupt realistisch unterstützen? Das Umfeld sortieren: Wer kann emotional unterstützen, wer praktisch, und wo braucht es professionelle Hilfe? Wichtig ist, Hilfe konkret zu formulieren statt allgemein zu bleiben und sie, wenn möglich, in kleine, feste Strukturen zu überführen. Wenn das private Netz nicht reicht, können auch ärztliche, therapeutische oder soziale Dienste einbezogen werden. So wird Hilfe zu einem stabilen Teil der neuen Struktur, nicht nur zur Notlösung. Auch wenn es schwerfällt: Es als Lernaufgabe zu begreifen. Ich darf lernen Hilfe zuzulassen.


Und last but not least, eine neue Definition von Wert: Löse dich vom Gedanken, dass ein Tag nur dann „gut“ ist, wenn du wie früher produktiv warst. Selbstfürsorge und das Management deiner Gesundheit sind jetzt deine Kernaufgaben.

 

Ein neuer Anfang entsteht selten sofort, sondern oft leise und unscheinbar, mitten in der Unsicherheit. Es ist kein großer Masterplan, der jetzt gebraucht wird, sondern die Bereitschaft, Schritt für Schritt etwas Neues entstehen zu lassen.

Was bleibt, bist du selbst, auch ohne die alte Struktur. Und vielleicht zeigt sich genau darin etwas Wesentliches: dass Halt eben nicht nur im Außen liegt, sondern im Inneren. Und mit der Zeit können aus kleinen Ankern wieder tragfähige Strukturen werden. Anders als zuvor, fragiler – aber näher an dem, was noch geht. Und genau darin kann etwas Neues entstehen, das nicht nur funktioniert, sondern sich stimmig anfühlt mit dem, was möglich ist. So kann sich Schritt für Schritt etwas formen, das sich nicht an früher misst, sondern sich an der Realität orientiert, wie sie jetzt ist. Vielleicht ist genau das der Punkt: kein Zurück und kein krampfhaftes Vorwärts, sondern ein langsames, sanftes Weiter – in einem Tempo und in einer Form, die wirklich zu dir und deinem Leben jetzt passt.

 

Be water my friend 

... und ... Slow and steady wins the race.  



Angelika Wende

Kontakt: aw@wende-praxis.de

 

 

 

 

Dienstag, 28. April 2026

Was wir nicht verarbeiten, lebt im Körper weiter

 




Dass der Körper Erlebnisse speichert, gilt in der Psychologie und den Neurowissenschaften längst als gesichert. Das sogenannte Körpergedächtnis beschreibt eine besondere Form des impliziten Gedächtnisses: Sensorische, emotionale und motorische Erfahrungen werden nicht nur im Gehirn, sondern im gesamten Organismus verankert. Es ist ein komplexes Zusammenspiel innerhalb des Nervensystems, an dem unter anderem Strukturen wie der Hippocampus und die Amygdala beteiligt sind. Beide sind zentral für die Verarbeitung emotional aufgeladener Erfahrungen.
Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio prägte das Konzept der somatischen Marker. Demnach speichert der Körper emotionale Erlebnisse als physische Muster, die durch bestimmte Reize oder Körperhaltungen wieder aktiviert werden können. Seit den Arbeiten von Joseph LeDoux wissen wir zudem, dass emotionale Erinnerungen körperliche Sensationen auslösen können, selbst wenn die bewusste Erinnerung an das ursprüngliche Ereignis fehlt. Und Bessel van der Kolk beschreibt, dass traumatische Erfahrungen häufig als fragmentierte sensorische und motorische Muster gespeichert werden – mit der Folge, dass scheinbar harmlose Reize intensive emotionale und körperliche Reaktionen hervorrufen können, ohne dass Betroffene den Zusammenhang bewusst erkennen.
Auch psychosomatische Beschwerden lassen sich vor diesem Hintergrund verstehen: Unverarbeitete oder reaktivierte traumatische Erlebnisse können sich im Körper ausdrücken. Studien zeigen, dass insbesondere frühe, ungelöste emotionale Konflikte sich häufig in körperlichen Symptomen manifestieren. Anders gesagt: Das Körpergedächtnis bewahrt Trauma und findet Wege, es spürbar werden zu lassen.
All das wusste ich.
Durch meine Ausbildung, durch das Wissen, das ich mir über Jahre angeeignet habe und durch meine jahrzehntelange Arbeit mit traumatisierten Menschen. Und doch hat es mich überrascht, als mein eigener Körper mir einen so unmittelbaren, fühlbaren Beweis lieferte.
 
Vor 23 Jahren hatte ich einen schweren Autounfall. Mein linkes Sprunggelenk war luxiert, das Fersenbein gebrochen. Ein Jahr verbrachte ich im Rollstuhl, ein weiteres auf Krücken. Mein Sohn saß damals mit im Auto. Er war elf Jahre alt, als mein damaliger Lebensgefährte auf vereister Fahrbahn die Kontrolle verlor und wir verunglückten. Wir beide waren traumatisiert.
Kurz nach dem Unfall ging mein Sohn zu seinem Vater. Es war für ihn kaum auszuhalten, dass seine starke Mutter plötzlich hilflos im Rollstuhl saß. Sein Gefühl von Sicherheit war erschüttert. Für mich war sein Weggehen schmerzhafter als der Unfall selbst, schmerzhafter als jede körperliche Einschränkung. Ich fiel in eine schwere Depression und begab mich schließlich in eine Traumaklinik. Nach meiner Entlassung habe ich mein Leben grundlegend verändert. Ich ließ mich zur psychologischen Beraterin ausbilden und begann, mit Menschen zu arbeiten. Mein Sohn und ich fanden langsam wieder zueinander. Über die Jahre ist eine tiefe, liebevolle Verbindung entstanden, die bis heute trägt.Und nun, 23 Jahre später, verlässt mein Sohn dieses Land. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin wandert er nach Vietnam aus. Einen Tag, nachdem er mir sagte, dass er seine Wohnung aufgelöst und seinen gesamten Besitz verkauft hat, wache ich morgens auf und kann kaum auftreten. Der Schmerz in meinem linken Fuß ist plötzlich und massiv.
 
Der Arzt spricht zunächst von einer Kapselentzündung, verschreibt eine Salbe und rät zur Ruhigstellung. Doch es wird nicht besser. Im Gegenteil: Die Schmerzen nehmen zu. Schließlich folgt ein MRT. Die Diagnose: ein Knochenmarksödem im Fersenbein, eine schmerzhafte Flüssigkeitsansammlung im Knochen. Die Konsequenz: monatelange Ruhigstellung. Kein Laufen. Kein Belasten. Andernfalls droht eine Knochennekrose. 20 Jahre lang konnte ich gehen, laufen, tanzen. Mein Fuß war stabil, belastbar, gesund bis zu jenem Tag vor vier Wochen. Dem Tag, an dem ich meinen Sohn ein zweites Mal verabschieden musste.
 
Warum erzähle ich das?
Weil diese Geschichte mehr ist als eine persönliche Erfahrung. Sie macht sichtbar, was oft abstrakt bleibt und was viele Mediziner nicht wissen wollen: dass unser Körper nicht vergisst. Dass er erinnert, lange nachdem der Verstand glaubt, etwas verarbeitet zu haben. Und dass bestimmte Lebensereignisse – besonders solche, die emotional ähnlich sind – alte, tief gespeicherte Traumata wieder aktivieren können. In meinem Fall war es nicht nur der Abschied. Es war die Wiederholung eines Gefühls: Verlust, Kontrollverlust, Verlassenheit, Ohnmacht, das plötzliche Wegbrechen von Sicherheit. Damals wie heute ging mein Sohn. Damals wie heute blieb in mir etwas zurück, das zutiefst erschüttert wurde. Mein Körper hat diese Verbindung hergestellt, schneller und unmittelbarer, als es mein Bewusstsein konnte.
Was mir deutlich und fühlbar zeigt: Trauma ist kein abgeschlossenes Kapitel, das irgendwann einfach „vorbei“ ist. Es wird im Nervensystem gespeichert und kann unter bestimmten Bedingungen reaktiviert werden. Nicht als bewusste Erinnerung, sondern als körperliche Realität. Der Schmerz in meinem Fuß ist nicht „eingebildet“ – er ist real. Und gleichzeitig ist er mehr als nur eine körperliche Diagnose. Er ist Ausdruck eines inneren Zusammenhangs, einer traumatischen Erinnerung, die wieder aktiviert wurde. Es zeigt, wie eng Körper und Psyche miteinander verwoben sind. Wir können nicht trennen zwischen „körperlich“ und „seelisch“. Beides spricht miteinander, beeinflusst sich gegenseitig – und manchmal übernimmt der Körper das Wort, wenn die Seele keine Sprache mehr findet.
Und vielleicht ist genau das der wichtigste Punkt: Der Körper ist nicht gegen uns. Er ist nicht „kaputt“ oder „fehlgeleitet“. Er versucht, etwas sichtbar zu machen, was gesehen werden will. Etwas, das gefühlt, verstanden und integriert werden möchte.
 
Ich erzähle das, weil es unmissverständlich zeigt, wie tief sich unsere Erfahrungen in uns einschreiben – und dass sie uns oft noch lenken, lange nachdem wir glauben, sie hinter uns gelassen zu haben. Es macht deutlich, dass wir ihnen nicht ausweichen können, wenn wir sie wirklich integrieren wollen. Wir müssen ihnen begegnen – ganzheitlich, ehrlich und bewusst: mit klarem Wissen, mit wachsender Bewusstheit und mit Mitgefühl für uns selbst.
 Es gibt keinen einen Hebel, der das alles „auflöst“. 
Weder rein körperlich noch rein emotional. Wenn wir wirklich heilen wollen, brauchen wir beides. 
Auf der körperlichen Ebene heißt das ganz konkret: Ich nehme die Diagnose ernst. Ein Knochenmarksödem ist keine Kleinigkeit. Entlastung ist hier keine Option, sondern ein Muss. Wenn ich weiter darüber hinweggehe, riskiere ich echte strukturelle Schäden. Heilung beginnt hier unspektakulär: Ruhe, Stabilisierung, viel Geduld. Dem Körper zeigen, dass er jetzt nicht mehr kämpfen muss. Auf der emotionalen Ebene werde ich ehrlich hinschauen: Was genau wurde in mir aktiviert, als mein Sohn jetzt gegangen ist? 
 
Ich muss das nicht wegmachen. Im Gegenteil.
Heilung entsteht oft genau dann, wenn wir aufhören, dagegen anzukämpfen, und stattdessen beginnen bewusst zu fühlen, wenn wir den Schmerz nicht wegdrücken, sondern ihm Raum geben. Nicht analysierend auf Distanz, sondern bewusst und ehrlich im Erleben. Und genau darin liegt die Essenz: Wir können uns nicht wirklich heilen, wenn wir nur eine Ebene betrachten. Weder reicht es, den Körper zu behandeln, noch genügt es, alles nur zu verstehen.
Heilung beginnt dort, wo wir beides ernst nehmen.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Donnerstag, 23. April 2026

Gefangen im eigenen Muster - Warum Bindungsprobleme oft von Therapie abhalten

 

                                                                Foto: A.Wende

 
 
Auf den ersten Blick wirkt es widersprüchlich, dass Menschen mit Bindungsproblemen immer wieder daten und neue Kontakte knüpfen, obwohl sie selbst irgendwie spüren, dass sie für eine Partnerschaft eigentlich nicht bereit sind. Wenn man diesen Widerspruch jedoch unter dem Aspekt der Bindungstheorie betrachtet, wird dieses Verhalten nachvollziehbarer. Dahinter steckt in den meisten Fällen keine bewusste böse Absicht, sondern ein innerer Konflikt: Der Wunsch nach Nähe und die Angst vor Nähe. 
 
Das Bedürfnis nach Bindung verschwindet nicht einfach, nur weil ein Mensch in frühen Bindungen oder späteren Beziehungen ungute Erfahrungen gemacht hat oder sich emotional unsicher fühlt, oft ist es sogar besonders stark ausgeprägt.  
Neue Kontakte vermitteln dann die Hoffnung, dass es dieses mal anders sein könnte. Gerade die Anfangsphase eines Kennenlernens fühlt sich dabei relativ sicher an, weil sie noch unverbindlich ist. Man kann sich zeigen, ohne sich vollkommen zu öffnen und Nähe in kleinen, kontrollierbaren Dosen erleben. Für viele Menschen mit Bindungsproblemen ist genau dieser Zustand angenehm, erst wenn es tiefer und verbindlicher wird, werden die alten Schutzmechanismen aktiviert.
Solche Verhaltensmuster laufen oft unbewusst ab. 
 
Menschen handeln nicht unbedingt mit der klaren Einsicht, dass sie sich selbst widersprechen, sondern folgen automatisch inneren Prägungen, Überzeugungen und Mustern.
Zudem können neue Begegnungen kurzfristig den fragilen Selbstwert stärken, weil sie das Gefühl vermitteln, gesehen zu werden, gewollt und interessant zu sein.
Paradoxerweise ist das ständige Knüpfen von Kontakten auch eine Form der Vermeidung. Statt sich auf eine tiefe, verbindliche Beziehung einzulassen, was mit Unsicherheit und Angst verbunden ist, geht man kurzzeitig immer wieder Kontakt und weicht der eigentlichen Herausforderung sich ernsthaft einzulassen aus. Wenn es dann nicht funktioniert, wird das oft der Situation oder dem Gegenüber zugeschrieben, während in Wahrheit das eigene innere Muster weiterläuft. Dieses Verhalten ist weniger ein bewusstes „Ich will, bzw. ich kann mich nicht binden, date aber trotzdem“, sondern Ausdruck des ungelösten inneren Konflikts. 
 
Warum machen Menschen mit Bindungsproblemen dann keine Therapie?
Weil der gleiche innere Konflikt, der Beziehungen schwierig macht, auch einer Therapie im Weg steht. Ein zentraler Punkt bei Bindungsproblemen ist Angst.
Therapie würde bedeuten, sich genau mit den Themen auseinanderzusetzen, die vermieden werden, nämlich Nähe, Angst vor Verletzung und die Konfrontation mit den unheilsamen Bindungserfahrungen der Kindheit. Da Therapie immer auch Beziehung bedeutet, kann sich das für Menschen mit Bindungsproblemen ähnlich bedrohlich anfühlen wie eine enge partnerschaftliche Beziehung. Allein der Gedanke, sich einer fremden Person emotional zu öffnen, löst dann auch hier eher Vermeidung als Motivation aus. Hinzu kommt, dass viele Betroffene ihre eigenen Muster zwar spüren, aber nicht klar als Problem erkennen, an dem man arbeiten kann. Stattdessen wird es oft verdrängt und als Pech in der Partnerwahl oder als Eigenschaft „Ich bin eben so“ abgetan. So entsteht weniger oder kein Leidensdruck, etwas verändern zu müssen. 
 
Vermeidung funktioniert sehr subtil.
Solange man sich durch immer neue Kontakte ablenken kann, bleibt der Leidensdruck gering. Therapie würde bedeuten, sich nicht mehr abzulenken, sondern hinzuschauen. Und das kann schmerzhaft sein. Deshalb wird innerlich blockiert. Auch Scham spielt häufig eine nicht unwesentliche Rolle. Sich selbst einzugestehen, dass man in Beziehungen Schwierigkeiten hat oder vielleicht sogar bindungsunfähig ist, fühlt sich nicht gut an. Etwas stimmt mit mir nicht, ist schwerer zu akzeptieren als - es klappt eben nicht, weil der oder die Richtige noch nicht gekommen ist. 
 
Letzlich gibt es noch ganz praktische Hürden.
Therapieplätze sind schwer zu bekommen. Therapie bedeutet Arbeit, sie kostet Zeit, Kraft, Energie und manchmal auch Geld. Wenn keine Motivation und keine Bereitschaft vorhanden sind, reicht schon einer dieser Gründe um nichts zu tun. In den meisten Fälle aber ist es vielmehr so, dass genau die Muster und Mechanismen, die Menschen mit Bindungsproblemen davon abhalten eine verbindliche Beziehung einzugehen, sie gleichzeitig davon abhalten, Hilfe in Anspruch zu nehmen.
 
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Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de