Zeichnung: A.W.
Eine ehemalige Co-Abhängige trennt
sich von ihrem suchtkranken Partner. Kurz darauf lernt sie einen Mann kennen. Sie
verliebt sich in ihn und später stellt sich heraus, dass der Vater des neuen Partners
schwerer Alkoholiker ist.
Sie fragt: „Wie kann es sein, dass ich wieder in etwas
Ähnlichem lande?“
Das wirkt tatsächlich seltsam oder fast schicksalhaft,
psychologisch ist es aber gut nachvollziehbar. Menschen mit
Co-Abhängigkeitsmustern entwickeln oft unbewusst eine starke Vertrautheit mit
bestimmten Dynamiken - emotional
instabile Beziehungen, Verantwortung für andere übernehmen, Retteridentifikation,
ständige Wachsamkeit, Misstrauen sich selbst und anderen gegenüber, Scham – und
Schuldgefühle, Angst vor Ablehnung und Verlust.
Wenn jemand sich aus einer Beziehung mit einem
alkoholkranken Partner oder von einem suchtkranken Familenmitglied löst,
verschwinden diese inneren Muster nicht automatisch sofort. Dann kann es leicht
passieren, dass man sich kurz darauf wieder zu Menschen hingezogen fühlt, deren
Lebensumfeld ähnliche emotionale Strukturen enthält, selbst wenn die neue
Person selbst gar nicht alkoholabhängig ist.
Alkoholismus ist eine Familienkrankheit.
Sie ist ein systemisches Geschehen, nicht
weil alle Familienmitglieder alkoholabhängig sind, sondern weil sich das
gesamte emotionale System an die Sucht anpasst. Diese Muster können noch lange
wirken, selbst wenn später kein Alkohol mehr im Alltag existiert. Genau darin
liegt auch die Tragik von Alkoholismus: Die Krankheit betrifft nicht nur die
konsumierende Person. Sie prägt das ganze System – also alle, die mit dem Süchtigen
zu tun haben, sie prägt Beziehungen, Bindungsstile und das emotionale Klima
über Generationen hinweg. Ein Vater mit schwerer Alkoholabhängigkeit bedeutet,
dass der Sohn bestimmte Überlebensstrategien gelernt hat, die einem ehemaligen Co-Abhängigen
vertraut vorkommen. Das heißt nicht automatisch, dass die neue Beziehung
„ungesund“ ist, oder dass man bewusst ein Konstrukt sucht, das mit Alkoholismus
zu tun hat. Aber es kann bedeuten, dass das Nervensystem und das Bindungsmuster
noch auf „ vertraute emotionale Landschaften“ reagieren.
Unbewusstes erkennt Unbewusstes
blind.
Menschen erkennen oft nicht gleich den Grund warum sie
einander anziehend finden, sondern sie spüren etwas Vertrautes im emotionalen Grundgefühl.
Das läuft blitzschnell, intuitiv und unbewusst ab. Unsere Bindungs- und
Beziehungsmuster wirken selten logisch oder bewusst gewählt. Deshalb können sich
zwei Menschen stark voneinander angezogen fühlen und erst später merken - beide
kennen Chaos aus Beziehungen, beide übernehmen zu viel Verantwortung, beide fühlen
sich für die Gefühle anderer zuständig, beide wollen sich kümmern, helfen oder
retten.
Das „blind“ daran ist der Punkt: Das Unbewusste sucht eher
Vertrautheit als emotionale Gesundheit.
Diese Vertrautheit fühlt sich zunächst
wie Chemie, Tiefe, Seelenverwandtschaft oder Schicksal, selbst wenn die
zugrunde liegenden Muster später schwierig werden. Das heißt nicht, dass jede
Verbindung zwischen zwei co-abhängigen Menschen zwangsläufig problematisch ist.
Wenn beide reflektiert sind, wenn sie wissen wo sie selbst aufhören und der andere
anfängt, wenn sie Eigenverantwortung übernehmen, ihre Muster erkennen und sich
gesund abgrenzen kann daraus sogar etwas sehr Bewusstes entstehen.
Nur wenn wir Muster erkennen,
entsteht überhaupt erst Wahlfreiheit.
Entscheidend ist, dass die alten
Dynamiken nicht unbemerkt übernommen werden, dass man sie erkennt und nicht in Automatismen
zurückfällt, z.B. indem man den anderen Co-abhängigen retten will, wie ehemals
den alkoholkranken Partner oder das suchtkranke Familienmitglied.
Solche Muster können gleichzeitig
plausibel und irgendwie unheimlich wirken. Fakt ist: Viele ehemalige
Co-Abhängige spüren eine starke Anziehung zu Menschen mit schwierigen
Familiengeschichten. Sie haben dann das Gefühl, besonders verstanden zu werden,
lassen sehr schnell intensive emotionale Nähe zu oder sie spüren den Impuls,
wieder emotional Verantwortung zu übernehmen.
Der entscheidende Punkt um nicht in die Wiederholungsfalle
zu geraten ist Wachsamkeit und Selbstbeobachtung. Das heißt: Habe ich heute
Grenzen? Kann ich meine Bedürfnisse äußern? Kann ich ein klares Nein sagen,
ohne mich schuldig zu fühlen? Muss ich retten oder reparieren? Fühlt sich die
Beziehung ruhig und sicher an oder intensiv und vertraut-chaotisch? Kann die
andere Person Verantwortung für sich selbst übernehmen und tut sie das auch in
ihren Handlungen? Gibt es eine Divergenz zwischen Worten und Handlungen?
Das Problem ist also nicht „Der Vater des Mannes ist
alkoholkrank, sondern – erkennt die Frau ihre Muster und die Dynamik in der
neuen Beziehung? Kommunikationsstil, emotionale Reaktionen, Bedürftigkeit,
Anpassungsverhalten, Unsicherheit, Fürsorglichkeit, Distanz-Nähe-Muster usw.
Gerade Menschen mit Co-Abhängigkeits-Erfahrungen haben
häufig ein sehr feines Gespür für bestimmte emotionale Dynamiken.
Nicht im
Sinne von: „Oha, der Vater ist Alkoholiker“, sondern eher: Mit dieser Person
fühle ich mich sofort verbunden. Sie versteht mich auf eine besondere Weise. Sie
ist empathisch, sie wirkt verletzlich. Ich möchte sie beschützen. Menschen aus
suchtbelasteten Familien senden oft, ebenfalls unbewusst, bestimmte Signale: starke
Anpassung, Harmoniebedürfnis, Schwierigkeiten mit Grenzen, emotionale
Wachsamkeit, Verantwortungsgefühl für andere, Angst vor Konflikten oder vor Verlassenwerden.
Das kann sich gegenseitig „bekannt“
anfühlen, lange bevor jemand über Alkoholismus spricht. Also nicht der
Alkoholismus im System selbst wird erkannt, sondern die vertraute emotionale
Struktur dahinter. Erst später erkennt man dann die Parallelen. Beziehungen entstehen in den meisten Fällen eben nicht
über bewusste Entscheidungen, sondern über alte emotionale Prägungen,
Nervensystem, Bindungserfahrungen und Vertrautheit.
Deshalb fragen sich Menschen nach
einer toxischen oder co-abhängigen Beziehung: „Wie kann das sein, ich lande immer
wieder in ähnlichen Dynamiken, obwohl die Menschen völlig anders sind.“
Es ist weder Schicksal noch Pech, es
passiert unterhalb der bewussten Ebene.