Samstag, 4. Juli 2026

Aus der Praxis: Das Bedürfnis nach Abschluss - Need for Closure

 

                                                                                   Malerei: A.Wende


Das Konzept des Need for Closure gehört zu den Theorien der Sozialpsychologie. Ich finde das Konzept hilfreich, wenn es darum geht zu verstehen, warum Beziehungen, die keinen klaren Abschluss finden, belastend für viele Menschen sind.

Der Begriff „Need for Closure“ wurde Anfang der 1990er Jahre von dem Sozialpsychologen Arie W. Kruglanski entwickelt. Er beschreibt das menschliche Bedürfnis, Unsicherheit zu beenden und zu einer eindeutigen Erklärung zu gelangen. Wir alle haben das Bedürfnis, die Welt vorhersehbar und verständlich zu erleben. Offene Fragen, Mehrdeutigkeit und ungelöste Situationen erzeugen hohen psychischen Stress, weil das Gehirn ständig versucht, die ihm fehlende Informationen zu ergänzen.

Need for Closure ist ein grundlegendes motivationales Bedürfnis. Dabei geht es interessanteweise nicht darum, immer die richtige Antwort zu finden, sondern überhaupt eine Antwort zu bekommen. Eine unvollständige oder nicht nachvollziehbare Erklärung wird von den meisten Menschen als weniger belastend empfunden als gar keine Erklärung. Kurz: Jede Erklärugn ist besser als keine, damit das Gehirn zur Ruhe kommen kann.

 

Unser Bedürfnis nach Abschluss erfüllt mehrere psychologische Funktionen. Ein klarer Abschluss reduziert Unsicherheit, schafft Orientierung und ermöglicht es uns, unsere emotionale Energie wieder anderen Aufgaben zuzuwenden. Fehlt der Abschluss, bleibt das Gehirn gewissermaßen in einem Suchmodus, die Gedanken kehren immer wieder zur offenen Situation zurück, weil sie noch nicht verarbeitet werden konnte. 

 

Viele von uns erleben solche fehlenden Abschlüsse. Man lernt jemanden kennen, man denkt, da ist Sympathie, man versteht sich gut und plötzlich antwortet die Person nicht mehr auf Nachrichten oder Anrufe.  

Gerade beim Online- Dating müssen viele diese schmerzhafte Erfahrung machen. Die zunehmende Digitalisierung unserer sozialen Beziehungen verstärkt dieses Verhalten leider. Der Grund: Online-Kommunikation reduziert viele unmittelbare soziale Konsequenzen. Während ein persönliches Gespräch direkte emotionale Reaktionen hervorruft, ermöglicht digitale Kommunikation eine größere emotionale Distanz. Das Verschwinden ohne Erklärung wird dadurch rein technisch und emotional leichter. Das nennt man dann Ghosting.  

 

Ghosting aktiviert das Bedürfnis nach Abschluss besonders stark. 

Es ist eine Situation maximaler Ambiguität. Wer geghostet wird, versteht erst einmal nichts, er ist fassungslos und enttäuscht. Er fühlt sich zurückgewiesen und hat keine Ahnung warum.

Jede Form von Zurückweisung aber aktiviert neurobiologisch ähnliche Prozesse wie körperlicher Schmerz. Studien von Naomi Eisenberger und Matthew Lieberman belegen, dass Erfahrungen sozialer Ablehung oder Ausgrenzung die gleichen Hirnareale aktivieren, die auch an der Verarbeitung körperlicher Schmerzen beteiligt sind. Das erklärt, weshalb Ghosting nicht nur als Enttäuschung erlebt wird, sondern intensive Gefühle von Verletzung, Kränkung oder emotionalem Schmerz auslöst.

 

Ghosting hält den Denkprozess aufrecht. Das Grübeln wird hartnäckig.  

Kruglanski beschreibt zwei psychologische Prozesse:

Seizing (Ergreifen): Wir versuchen möglichst schnell eine Erklärung zu finden, um Unsicherheit zu reduzieren. Das Gehirn "greift" nach einer plausiblen Antwort. Freezing (Festhalten):
Sobald eine Erklärung gefunden wurde, neigen wir dazu, an ihr festzuhalten, selbst wenn sie unvollständig ist. Das spart dem Gehirn Energie. Beim Ghosting scheitert dieser zweite Schritt. Zwar denken wir uns zahlreiche mögliche Erklärungen und machen Konstruktionen, aber nichts davon kann auf die Wahrheit überprüft werden. Das Gehirn wechselt deshalb ständig zwischen verschiedenen Möglichkeiten hin und her. Dadurch entstehen die typischen Grübelschleifen, geboren aus Unsicherheit.

 

Neurowissenschaftlich betrachtet reagiert unser Gehirn auf Unsicherheit ähnlich wie auf potenzielle Bedrohungen. Offene soziale Situationen aktivieren Hirnnetzwerke, die für Aufmerksamkeit, Fehlerüberwachung und Problemlösen zuständig sind. Solange keine eindeutige Erklärung vorliegt, bewertet das Gehirn die Situation als nicht abgeschlossen und richtet immer wieder die Aufmerksamkeit darauf. Hinzu kommt, dass soziale Beziehungen für uns Menschen evolutionär von zentraler Bedeutung sind. Im kollektiven Unterbewusstsein haben wir gespeichert, dass sozialer Ausschluss früher existenzielle Folgen haben konnte. Deshalb reagiert unser Gehirn besonders sensibel auf Anzeichen von Zurückweisung, Ablehnung oder Ausgrenzung. 

 

Warum manche Menschen stärker leiden als andere.

Der Need for Closure ist kein Persönlichkeitsmerkmal, das für uns alle gleich gilt. Nicht alle Menschen leiden gleich stark darunter. Ein besonders starkes Bedürfnis nach Abschluss haben Menschen, die Unsicherheit als sehr belastend erleben, ein starkes Bedürfnis nach Kontrolle haben, zu Grübeln oder Perfektionismus neigen, emotionale Beziehungen intensiv erleben oder die bereits traumatische Erfahrungen mit instabilen Beziehungen oder frühkindlicher Zurückweisung gemacht haben. Andere wiederum können Zurückweisung leichter akzeptieren und benötigen keine vollständige Erklärung, um emotional abzuschließen. Dennoch, wir alle können eine begründete Ablehnung und eine Trennung, die erklärt wird, besser verarbeiten als Schweigen. Beides ist zwar schmerzhaft, eine Begründung liefert dem Gehirn jedoch eine eindeutige Information. Dadurch kann der Suchprozess beendet werden. Das Bedürfnis nach einer Erklärung dagegen hält den Denkprozess aufrecht und der fehlende Abschluss verhindert, dass das Erlebnis kognitiv abgelegt wird. Ghosting verhindert genau das. Das Bedürfnis nach kognitivem Abschluss bliebt unerfüllt, und die Situation wird immer wieder gedanklich reaktiviert.

Besonders vulnerable Menschen verfolgt der Need for Closure häufig über Wochen oder Monate, manchmal sogar über Jahre

Nicht der Kontaktabbruch selbst verursacht den größten Schmerz, sondern die fehlende Möglichkeit, das Erlebte sinnvoll einzuordnen. Das Gehirn sucht nach einem Ende der Geschichte und solange dieses Ende fehlt, bleibt die Erfahrung psychologisch offen. Genau deshalb leiden Betroffene, weniger unter der Ablehnung oder der Trennung selbst, als unter der Ungewissheit, warum es so gekommen ist. Die meisten Betroffenen glauben daher, sie könnten erst abschließen, wenn sie verstehen, warum der andere sang und klanglos verschwunden ist. 

Aus psychologischer Sicht ist das jedoch nur bedingt richtig. Tatsächlich hängt ein emotionaler Abschluss weniger von der tatsächlichen Antwort des anderen ab als von unserer eigenen Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten und zu akzeptieren, das manche Fragen im Leben unbeantwortet bleiben

Manchmal existiert keine Antwort. Manchmal kennt selbst der, der ghostet, seine Motive nicht wirklich. Akzeptanz bedeutet deshalb nicht, sein Verhalten gutzuheißen, sondern anzuerkennen, dass Gewissheit nie erreichbar sein wird. Nicht jeder Mensch gibt uns die Möglichkeit, eine gemeinsame Geschichte zu Ende zu erzählen. Dann ist es nicht sinnvoll, die erlösende Antwort zu suchen, sondern zu akzeptieren, dass die Antwort außerhalb unserer Kontrolle und nicht in unserem Einflussbereich liegt. Innerer Abschluss entsteht dann, wenn wir aufhören, die fehlende Erklärung als Voraussetzung für unser Wohlergegen und unser Weitergehen zu betrachten.

 Ein Teil der Heilung besteht nicht darin, alle Antworten zu bekommen, sondern darin, zu akzeptieren, dass man sie möglicherweise nie bekommen wird. Akzeptanz beendet nicht sofort den Schmerz der Zurückweisung, aber sie nimmt ihm nach und nach die Macht. Wenn uns das allein nicht gelingt, ist es sinnvoll uns professionelle Hilfe zu suchen.

 

Angelika Wende

Kontakt: aw@wende-praxis.de

 

 

 

 

Freitag, 3. Juli 2026

Trost finden

 

                                                                                    Foto. A.Wende


 
Trost ist Teilnahme, Beistand, Besänftigung, Begleitung, Berührung, Beruhigung, Verständnis, tatkräftige Unterstützung, ein Moment echter Präsenz, mitfühlende Zuwendung, Fürsorge, Ermutigung und Zuversicht in der Seelennot. Trost ist die Erfahrung im Schmerz nicht allein zu sein.
Trost schenken uns Menschen, die die Fähigkeit haben einfach da zu sein, zuzuhören, sich in uns hineinzuversetzen, uns zu verstehen, die uns keine Ratschläge um die Ohren hauen, was wir zu tun haben oder was wir nicht getan haben, oder falsch gemacht haben, oder uns mit Sprüchen vertrösten wie: „Das wird schon wieder, nimm´s nicht so schwer!“, „Kopf hoch!“, und sich dann schnell wieder vom Acker machen, weil sie wahnsinnig Wichtiges zu tun haben. Auch der Satz: „Alles wird gut“, ist nicht hilfreich.
Woher wollen wir das wissen?
Wie können wir anderen Versprechen machen, die wir nicht sicher halten können?
 
Manchmal können uns sogar Menschen, die uns sehr nahe stehen, Trost nicht geben. 
Sie können nicht mitfühlen, was sie selbst nicht erfahren haben oder sie sind schlichtweg überfordert oder sie haben Angst, wenn sie einem traurigen Menschen zu nah kommen, Leid und Kummer könnten ansteckend sein. Manches ist so erschütternd, dass viele Menschen nicht wissen, was sie sagen, geschweige denn tun sollen. Helfen wollen und nicht wissen wie – das sind Momente der Sprachlosigkeit und der Unsicherheit. 
 
Um Trauerarbeit zu leisten, braucht es Trost.
Wenn wir einen schweren Verlust erlitten haben, ist es essenziell, Menschen zu haben, die für uns da sind. Einfach da sein, mehr nicht, zuhören, die Hände halten, ohne dirigistisch eingreifen zu wollen. Trösten beinhaltet Verständnis, Empathie und Nähe.
Trost ist kein Allheilmittel, dass alles wieder gut macht aber er ist ein Teil jeder Genesung. Spendet uns ein Mensch Trost, fühlen wir uns gesehen und angenommen. Wir sind nicht allein. Das bedeutet viel. Trost kann Hoffnung spenden, wenn wir am Boden zerstört sind, aber nirgendwo lernen wir wie man sich selbst und andere tröstet. 
 
In Folge der zunehmenden Vereinzelung in unserer Gesellschaft, sind immer mehr Menschen auch in schmerzhaften Lebenssituationen auf sich selbst zurückgeworfen.
Ich kenne viele dieser Menschen. Sie begegnen mir in meiner Arbeit. Sie begegnen mir im Flur des kleinen Hinterhauses in dem ich lebe. Da ist der Nachbar, der jeden Morgen seine traurigen arabischen Lieder singt, da ist die alte Frau im Vorderhaus, die auf ihre Kinder wartet, die sie nicht besuchen kommen, und ihre traurige Sehnsucht mit What´s App Nachrichten beantworten. Sie begegnen mir auf einer Bank in der Fußgängerzone wie die alte Dame, die mir unter Tränen erzählt, dass sie jeden Tag auf dieser Bank sitzt, nur um Menschen zu sehen, weil sie die Einsamkeit in ihrer Wohnung nicht erträgt.
Viele Menschen haben es nicht leicht, sogar schwer haben sie es, und da ist kein naher Mensch, dem sie sich anvertrauen können. Wenn sie Trost brauchen, bleiben sie untröstlich.
Sie versinken in ihrer einsamen, traurigen Welt und niemand kümmert es. Sie verkümmern. Seltsamerweise taucht sogar in der Therapeutischen Literatur der Trost nicht auf und dabei ist er so wesentlich, denn Menschen brauchen Trost um zu genesen.
Was, wenn wir Trost suchen und da niemand ist, bei dem wir ihn finden?
Was können wir für uns selbst tun?
Was hilft, um uns zu besänftigen und uns selbst zu beruhigen? Welche Mittel haben wir zur Selbsttröstung?
 
Was sind Trostquellen?
Für jeden von uns sind es andere. Es ist gut sie zu kennen.
Es gibt vieles, was hilfreich sein kann, wenn wir Trost brauchen. Das Wichtigste aber ist: Den Gefühlen Raum geben. Alle Gefühle da sein lassen. Uns nicht drängen. Nicht weiter funktionieren, wenn wir es gerade nicht können. Nichts wird besser, wenn wir uns zusammenreißen, schon gar nicht für andere, weil sie das von uns erwarten. Stopp sagen und anerkennen - jetzt kann ich gerade nicht mehr. Es wird besser, wenn wir mitfühlend mit uns selbst sind, durch tröstende Selbstgespräche und indem wir auf uns selbst achten und gut für uns sorgen. Wenn da niemand ist, müssen wir lernen für uns selbst da zu sein – unser eigener bester Freund. 
 
Mir helfen kleinen Dinge, um mich zu trösten. Eine schöne Blume, ein Sonnenaufgang, die Wolken am Himmel, meine Lieblingsmusik, Tagebuch schreiben, eine warme Suppe, der Gedanke an meinen Sohn und das Wissen, dass es ihm gut geht. Hilfreich ist es wenn wir immer wieder kleine Ausnahmen zu dem zulassen, was uns emotional belastet. Kleine Momente, in denen wir uns und das Leben wieder spüren. Spaziergänge in der Natur, Bewegung jeder Art, Gartenarbeit, Sauna, Schwimmen, ein warmes Bad, Tagebuch schreiben, Biografien von Menschen lesen, die Leid überwunden haben, Zeichnen, Malen, Fotografieren, Qi Gong, Yoga, Handarbeiten, Musik, Beten, Meditation, ein Besuch in einer Kirche, ein Besuch im Museum, und nicht zuletzt alle Sinnesfreuden und das Schöne, das es trotz allem Kummer auch gibt und das wir bewusst wahrnehmen. All das sind Trostquellen, die unser Herz und unseren Blick auf etwas richten, was heilsam ist, uns emotional entlastet, uns erleichtert, den Kummer lindert, uns aus der seelischen Verhärtung löst, wärmt und befriedet, was uns quält.
Trostquellen sind kleine Geschenke, die wir uns selbst machen. Sie schenken uns Fülle, wenn wir uns innen leer fühlen.
 
Wir beschenken uns selbst mit dem, was unser Leben bereichert, wir wenden uns im aktiven Tun uns selbst zu, wir lassen uns berühren von dem, was unserer Seele und unserem Körper berührt. Wir trösten und beruhigen uns selbst. Wir finden langsam neue Zuversicht. Und wenn es nur ein Moment in der Zeit ist, in dem es uns gelingt uns selbst zu trösten, ist es immerhin dieser eine Moment, in dem wir gewahr werden, dass wir selbst viel mehr für uns tun können, als wir glaubten. Das verändert vieles. 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Donnerstag, 2. Juli 2026

Die unsichtbare Zutat

 

                                                                  Foto: A.Wende


Gestern hatte ich einen anstrengenden Tag. Mein Herz war schwer, und am Abend spürte ich, wie sich die Schwere auch in meinen Gedanken festgesetzt hatte. Um etwas Abstand von dieser Schwere zu finden, machte ich nach der Arbeit einen Spaziergang durch mein Viertel. Unterwegs kam ich an der kleinen Pizzeria im Viertel vorbei. Der syrische Koch, den ich gut kenne, sah mich durch das Fenster. Er lächelte, kam heraus und wir unterhielten uns eine Weile. Irgendwann erzählte ich ihm von dieser eigentümlichen Schwere.
Er hörte aufmerksam zu und sagte schließlich nur: „Setz dich. Ich mache dir eine Bolognese.“ Wenige Minuten später stand der Teller vor mir. Die Sauce schmeckte wunderbar. Es war kein außergewöhnliches Gericht, und doch hatte ich das Gefühl, etwas Besonderes zu essen. Ich sah ihn an und sagte: „Sie schmeckt hervoragend. Was ist das Geheimnis deiner Bolognese?“
Er lächelte und antwortete: „Bei uns sagt man: Wenn du etwas tust, dann tue es mit Liebe.“
Dieser Satz ließ mich nicht mehr los.
Kann man alles mit Liebe tun?
 
Es gibt Arbeiten, die uns ermüden, Aufgaben, die wir nur aus Pflicht erledigen und Tage, an denen uns jede Leichtigkeit fehlt. Vielleicht liegt Weisheit dieses Satzes genau darin, dass er Liebe nicht als Gefühl meint. Gefühle kommen und gehen. Sie sind wandelbar. Liebe hingegen ist im tieferen Sinn eine Entscheidung. Sie ist die Bereitschaft, sich einem Menschen, einer Aufgabe oder Gott mit offenem Herzen zuzuwenden. Der Satz will nicht sagen, dass wir jede Tätigkeit lieben müssen. Niemand kann jede Aufgabe mit Freude und Begeisterung erfüllen. Der Satz meint etwas anderes. Es geht nicht darum, dass wir jede Tätigkeit lieben. Liebe verwandelt nicht die Aufgabe, aber sie verändert den Menschen, der sie erledigt. Liebe ist die Art, wie wir etwas tun.
 
In der islamischen Tradition heißt es, dass Gott nicht auf die Größe einer Tat blickt, sondern auf die Aufrichtigkeit des Herzens. Eine kleine Handlung, die aus Liebe geschieht, kann schwerer wiegen als eine große Tat, die nur aus Eitelkeit vollbracht wird. Darum beginnt jede Tat mit der Niyya, der inneren Absicht. Für mich ist das die eigentliche Botschaft dieser Worte. Das Leben besteht nur selten aus den großen Momenten. Es besteht aus vielen kleinen Momenten aus vielen kleinen Handlungen. Und genau dort entscheidet sich, wer wir sind. Nicht in den außergewöhnlichen Taten, sondern in der Art, wie wir tun, was wir tun. Vielleicht hatte mein Freund gar kein besonderes Rezept. Er wollte einem müden Menschen etwas Gutes tun. Das Geheimnis seiner Bolognese war die liebevolle Absicht mit der er sie zubereitete. Möglicherweise ist das das Geheimnis eines erfüllten Lebens: nicht alles zu lieben, was wir tun, sondern das, was wir tun, nicht ohne Liebe zu tun. 
 
„Liebe ist die Brücke zwischen dir und allem.“ 
Rumi
 
 
Angelika Wende
www.wende-praxis.de

Montag, 29. Juni 2026

Nach mir die Sintflut

 

                                                                Foto: pixbay


„Nach mir die Sintflut“. Kaum eine Redewendung beschreibt unsere Zeit treffender. Sie steht für eine Haltung, die kurzfristigen Komfort über langfristige Verantwortung stellt. Solange die negativen Folgen des eigenen Handelns erst morgen oder andere Menschen treffen, scheint alles in Ordnung zu sein. Genau diese Denkweise prägt viele Debatten über den Klimawandel.

Bertrand Russell formulierte bereits vor Jahrzehnten einen bemerkenswerten Gedanken: „Die Frage heute ist, wie man die Menschheit überreden kann, in ihr eigenes Überleben einzuwilligen.“ Das klingt zunächst paradox. Warum müsste man Menschen davon überzeugen, überleben zu wollen? Doch Russell erkannte etwas Grundsätzliches: Wissen allein verändert kein Verhalten. Menschen können die Risiken kennen und trotzdem so handeln, als beträfe es sie nicht. Diese Haltung zeigt sich besonders in den Reaktionen auf extreme Hitze. Da heißt es: „Ich bin doch in den 70ern auch mit 40 Grad im Juli aufgewachsen.“ Oder: „Ist doch nur Sommer.“ Und schließlich das, pardon, blödeste Argument: „Immerhin spart man Heizkosten.“

Natürlich gab es schon immer heiße Sommertage. Niemand bestreitet das. Doch persönliche Erinnerungen ersetzen keine wissenschaftlichen Daten. Entscheidend ist nicht, ob es früher einmal 40 Grad gab, sondern wie häufig, wie lange und mit welchen Folgen diese Temperaturen heute auftreten. Rekordwerte, Hitzewellen, Dürreperioden und tropische Nächte sind keine isolierten Ereignisse, sondern Teil einer langfristigen Entwicklung. Besonders bemerkenswert ist die Logik hinter solchen Aussagen. Früher gab es warme Sommertage, also kann es heute keinen Klimawandel geben. Und weil man die Heizung ausschaltet, sind 40 Grad plötzlich ein Vorteil. Wenn einfache Erklärungen alle Probleme lösen würden, wäre die Welt wirklich unkompliziert.Weil man sich gegen Hitze vermeintlich einfacher schützen könne als gegen Kälte, wird das eigentliche Problem klein geredet. Dabei werden die Folgen extremer Hitze für ältere Menschen, Kinder, Kranke, die Landwirtschaft, die Wasserversorgung und ganze Ökosysteme ausgeblendet. Aus einer komplexen globalen Herausforderung wird eine persönliche Strom- und Heizkostenabrechnung.

Genau hier zeigt sich das Prinzip „Nach mir die Sintflut“. Solange der eigene Alltag funktioniert und man persnlich nicht betroffen ist, werden Warnungen als Übertreibung dargestellt, wird  persönliches Empfinden mit gesellschaftlicher Realität verwechselt und kurzfristige Vorteile mit langfristigen Kosten. Der Sarkasmus liegt darin, dass ausgerechnet jene, die den Klimawandel für harmlos erklären oder ihn vehement und oft aggressiv leugnen, nicht selten behaupten, sie seien die Vernünftigen. Tatsächlich argumentieren sie aber gegen Maßnahmen, die ihre eigene Lebensgrundlage schützen sollen. Damit bestätigen sie unfreiwillig Russells Diagnose: Die größte Herausforderung besteht nicht darin, technische Lösungen zu finden, sondern Menschen davon zu überzeugen, ihr eigenes Überleben ernst zu nehmen.

 „Nach mir die Sintflut“ ist nicht nur eine Redewendung. Sie passt zur Beschreibung einer Gesellschaft,  die lieber über den Preis der Heizung diskutiert als über die Zukunft ihrer Kinder. Und genau darin liegt die eigentliche Tragik: Nicht der Mangel an Wissen gefährdet unsere Zukunft, sondern der Mangel an Bereitschaft, nach diesem Wissen zu handeln.

Sonntag, 28. Juni 2026

Freiheit?

                                                                      Foto: A.W.


Bei der Hitze sitze ich seit Tagen überwiegend unfreiwillig in der Wohnung. Ich könnte zwar rausgehen und das mache ich auch am frühen Morgen , aber alles, was ich sonst gern mache, lasse ich freiwillig bleiben, weil ich Hitze nicht gut vertrage. Und während ich so in der Wohnung vor mich hinschmore, frage ich mich: Wie frei bin ich eigentlich?
Auf den ersten Blick scheint die Antwort einfach zu sein. Natürlich bin ich frei. Niemand hält mich fest. Die Tür ist nicht verschlossen. Ich könnte jederzeit hinausgehen. Und doch tue ich es nicht. Meine Entscheidung wird durch etwas beeinflusst, das ich nicht kontrollieren kann: die Hitze.

Was ist Freiheit überhaupt?, frage ich mich, während ich vor mich hin schwitze. Fast jeder von uns wünscht sie sich, doch fragt man, was genau damit gemeint ist, bleibt die Antwort oft erstaunlich unklar. Vielleicht ist genau das der Grund, warum die Suche nach Freiheit so leicht zu einem endlosen inneren Prozess werden kann. Solange wir nicht genau wissen, was unter Freiheit verstanden wird, jagen wir womöglich einem Ideal hinterher, das sich niemals erfüllen kann.

Eine verbreitete Vorstellung ist Freiheit als Kontrolle über das eigene Leben. Freiheit bedeutet dann: Ich bestimme, was passiert. Ich bin nicht abhängig von nichts und niemanden, nicht mal von mir selbst, meinem Ego und meinen inneren Dämonen. Das klingt zunächst ziemlich selbstbestimmt. Doch diese Vorstellung hat ihren Preis. Freiheit wird dann zur Aufgabe, alles im Griff haben zu müssen. Jede Unsicherheit, jede Unvorhersehbarkeit und jede Form von Abhängigkeit erscheint als Bedrohung. Was als Befreiungsgedanke beginnt, endet nicht selten in innerer Enge.

Eine andere Vorstellung versteht Freiheit als Entlastung.
Im Sinne von: Ich muss nicht funktionieren, mich nicht anstrengen, nichts leisten. Ich muss eigentlich nichts außer SEIN. Naja, außer essen trinken, verdauen und sterben. Diese Freiheit wäre dann ein radikales Loslassen, nicht mehr kämpfen, für nichts und gegen nichts. Das hat auch seine Tücken, denn selbst das Loslassen wird dann zur Aufgabe und verwandelt sich im Zweifel in ein Projekt, das gelingen muss.

Manche Menschen verbinden Freiheit mit einem Leben ohne innere und äußere Probleme. Nach dem Motto: Ich will keine inneren Konflikte, keine Ambivalenzen, keinen Stress. Alles soll eindeutig, klar und widerspruchsfrei sein. Doch wir Menschen sind von Natur aus von unterschiedlichen Bedürfnissen, Trieben Gefühlen und Gedanken ausgestattet. Wer Freiheit mit innerer Konfliktlosigkeit gleichsetzt, beginnt gegen Teile seiner selbst zu kämpfen. Alles, was nicht in das gewünschte Sebstbild passt, wird als Hindernis erlebt und soll verschwinden. Die Suche nach Freiheit wird dadurch zu einem Kampf gegen das eigene Erleben.

Eine weitere Vorstellung besteht darin, Freiheit als Authentizität zu verstehen. Ich will so denken, fühlen und handeln, wie es mir entspricht. Diese Form der Freiheit verlangt nicht, innere Widersprüche zu beseitigen. Sie setzt vielmehr voraus, die unterschiedlichen Stimmen, Anteile und Impulse in uns wahrnehmen und unterscheiden zu können, ohne eine davon sofort unterdrücken oder absolut setzen zu müssen. Freiheit bedeutet dann uns selbst im Ganzen anzunehmen, mit allem, was wir sind oder nicht sind. Das bedeutet nicht, frei von inneren Konflikten zu sein, sondern uns nicht vollständig von ihnen bestimmen zu lassen.

Doch was ist Freiheit nun eigentlich für mich?
Freiheit ist nicht die Abwesenheit aller Grenzen, Konflikte oder Abhängigkeiten. Freiheit bedeutet auch nicht, das Leben vollständig kontrollieren zu können oder jederzeit genau das zu tun, was ich möchte. Ein solcher Zustand ist weder erreichbar noch menschlich.
Freiheit beginnt für mich dort, wo ich nicht mehr ausschließlich von meinen inneren und äußeren Bedingungen bestimmt werde. Sie zeigt sich in der Fähigkeit, bewusst wahrzunehmen, zwischen Möglichkeiten zu unterscheiden und entsprechend der eigenen Wahrheit zu handeln. Frei ist nicht derjenige, der keine Ängste, Zweifel oder Widersprüche in sich trägt, sondern derjenige, der sich von ihnen nicht vollständig beherrschen lässt.
„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“ Für mich bringt es dieser Satz von Viktor Frankl auf den Punkt: Freiheit besteht nicht darin, alle Umstände kontrollieren zu können, sondern darin, wie wir uns zu ihnen verhalten.

Freiheit schließt Grenzen daher nicht aus.
Jeder Mensch lebt in persönlichen, biologischen, sozialen und geschichtlichen Bedingungen. Niemand von uns hat sich seine Herkunft, seine Vergangenheit oder viele Umstände seines Lebens ausgesucht. Freiheit besteht vielmehr darin, innerhalb dieser Bedingungen einen Handlungsspielraum zu entdecken und verantwortlich zu nutzen.

Innere Freiheit entsteht, wenn Gedanken, Gefühle und Impulse nicht mehr automatisch unser Handeln bestimmen. Äußere Freiheit entsteht dort, wo Menschen ohne Zwang leben, denken und handeln können. Beide Formen gehören zusammen, sind aber nicht identisch. Ein Mensch kann äußerlich frei und innerlich gefangen sein, ebenso kann jemand unter schwierigen äußeren Umständen eine bemerkenswerte innere Freiheit entwickeln.

Vielleicht lässt sich Freiheit so beschreiben: Freiheit ist die Fähigkeit, dem Leben bewusst zu begegnen, anstatt ausschließlich von Gewohnheiten, Ängsten, Zwängen oder äußeren Umständen gesteuert zu werden. Sie ist kein Zustand völliger Unabhängigkeit, sondern die Möglichkeit, sich immer wieder neu und verantwortlich zum eigenen Leben zu verhalten.
Freiheit ist kein Ziel, das irgendwann endgültig erreicht wird. Sie ist auch kein Zustand vollkommener Kontrolle oder völliger Konfliktlosigkeit. Freiheit ist vielmehr die Fähigkeit, dem Leben zu begegnen, offen für das, was ist, bewusst im eigenen Denken und Handeln und bereit, Verantwortung für die eigenen Entscheidungen zu übernehmen. Vielleicht zeigt sich Freiheit gerade an diesen heißen Sommertagen besonders deutlich: Nicht darin, dass die Hitze verschwindet, sondern darin, wie wir mit ihr umgehen.

 

Angelika Wende

www.wende-praxis.de

 

Donnerstag, 25. Juni 2026

Aus der Praxis: Anna und die Büchse der Pandora

 

                                                                Zeichnung: A.Wende

 

 

Als Anna zum ersten Mal in die Praxis kam, sprach sie über Ängste,  über depressive Schübe und über Selbstverletzung, die sie seit Jahren begleiteten. Sie beschrieb das Gefühl, nie wirklich zur Ruhe zu kommen, immer auf etwas gefasst zu sein, das sie nicht benennen konnte. Wie viele Menschen, die eine traumatische Kindheit überlebt haben, kam sie nicht mit ihrer Geschichte in die Therapie. Sie kam mit den Folgen. 

Erst nach und nach begann sich die Vergangenheit zu zeigen. Nicht auf einmal, sondern in Fragmenten. Eine Erinnerung hier, ein Gefühl dort. Einzelne Szenen, die zunächst zusammenhanglos wirkten und sich erst mit der Zeit zu einem ganzen Bild formten. Was wir sahen, war keine einzelne Verletzung, kein isoliertes Ereignis, sondern eine Kindheit, die von Kontrolle, Demütigung, emotionalem Missbrauch und körperlicher Gewalt geprägt gewesen war.

 

Besonders auffällig war dabei die Sprache, die Anna für ihre Vergangenheit verwendete. Jahrzehntelang hatte sie von schwierigen Situationen, strenger Erziehung oder schlimmen Erinnerungen gesprochen. Es waren Formulierungen, die das Geschehene umkreisten, ohne es wirklich zu benennen. Einer der tiefgreifendsten Schritte in der Therapie bestand darin, diese Sprache zu verändern. Nach eine Weile fand sie Worte, die der Realität näher kamen. Der Mann, den sie Vater nannte, hatte sie nicht nur verletzt. Er hatte Gewalt ausgeübt. Er war nicht nur eine problematische Vaterfigur gewesen. Er war ein Täter. Diese Erkenntnis war schmerzhaft, aber sie gab den Erinnerungen erstmals eine klare Kontur. Was zuvor diffus gewesen war, wurde benennbar. Und was benennbar wird, kann verarbeitet werden.

Mit dieser sprachlichen Klarheit veränderte sich auch Annas Blick auf ihre eigene Geschichte. Sie begann zu verstehen, dass viele ihrer Symptome keine persönlichen Schwächen waren, sondern Folgen einer Kindheit, in der es Sicherheit, Halt, Liebe und Geborgenheit nie gab. Gleichzeitig entstand in ihr das immer stärkere Bedürfnis, das familiäre Schweigen zu durchbrechen. Verstehen allein genügte ihr nicht mehr. Anna wollte die Wahrheit aussprechen.

 

Irgendwann beschrieb sie mir ihre Situation mit einem Bild, das mich beeindruckte. Sie sagte, es fühle sich an, als stünde seit einer Ewigkeit eine verschlossene Truhe in ihrem Inneren. Sie wisse, dass sie da sei, aber sie dürfe sie öffnen. Mit einem traurigen Lächeln sagte sie: „Es ist wie die Büchse der Pandora.“ Der Vergleich war treffend. Solange die Büchse geschlossen blieb, schien das Familiensystem stabil. Die Vergangenheit war zwar nie verschwunden, aber sie war eingesperrt. Als Anna begann, die Erinnerungen anzuschauen, hob sich langsam der Deckel. Mit ihm stiegen Angst, Ohnmacht, Scham, Wut, Trauer und Verzweiflung auf, all die Gefühle, die zuvor nie einen Platz gefunden hatten.

 

Je weiter dieser Prozess voranschritt, desto deutlicher wurde für Anna, dass sie ihren Vater konfrontieren wollte. Als sie ihm schließlich gegenübersaß, war er ein alter Mann. Die mächtige Gestalt ihrer Kindheit existierte nur noch in ihrer Erinnerung. Vor ihr saß ein gebrechlicher Mensch mit zittrigen Händen und müden Augen. Doch Traumata kennen keine Zeit. Der Körper erinnert sich nicht daran, wie alt jemand geworden ist. Er erinnert sich an das, was er für den Körper war. Anna sprach aus, worüber in ihrer Familie jahrzehntelang geschwiegen worden war, den Missbrauch druch den Vater. Lange sagte der Vater nichts. Dann entschuldigte er sich. Es war keine große Szene. Keine dramatische Beichte. Keine Rechtfertigung. Er sagte lediglich, dass er ihr Unrecht getan habe. Dass es ihm leid tue.

 

Als Anna mir später davon erzählte, war sie selbst überrascht über ihre Reaktion. Sie hatte jahrelang geglaubt, dieser Moment würde alles verändern. Doch als er schließlich eintrat, fühlte er sich weder wie Sieg noch wie Erlösung an. Es fühlte sich an wie Wahrheit. Wenige Wochen später starb der Vater.

Als die Nachricht kam, erlebte Anna etwas, das viele traumatisierte Menschen nach ähnlichen Ereignissen beschreiben: widersprüchliche Gefühle, die gleichzeitig existierten. Trauer. Erleichterung. Leere. Wut. Mitgefühl. Distanz.

Doch die Geschichte war damit nicht zu Ende.

 

Etwa ein Jahr später trafen sich Anna und ihre Geschwister mit der Mutter. Es war kein gewöhnliches Familientreffen. Alle wussten, warum sie dort waren. Zum ersten Mal sprachen die Kinder aus, was in der Familie geschehen war. Sie sprachen über die Gewalt des Vaters. Über die Angst. Über die Kälte, die herrschte. Und über die Rolle der Mutter.

Sie sagten, dass die Mutter alles gesehen hatte. Dass sie nie eingeschritten war. Dass sie emotional nicht erreichbar gewesen war. Dass sie immerzu Kontrolle über die Kinder ausübte. Dass ihr Schweigen Teil des Systems war. Die Mutter hörte zu. Sie widersprach nicht. Sie verteidigte sich nicht. Sie bat nicht um Verzeihung. Sie entschuldigte sich nicht. Sie schwieg. Als Anna mir später von diesem Schweigen erzählte, sagte sie: „Ich glaube, ihr Schweigen war ihre Antwort.“

Einige Wochen später starb die Mutter.

 

Die zeitliche Nähe dieser Ereignisse erschütterte die ganze Familie. 

Wie so oft in existenziellen Situationen begann unmittelbar die Suche nach Bedeutung. War es Zufall? Hatte das Gespräch etwas ausgelöst? Bedeutete diese Abfolge etwas?

In dieser Phase machte ich Anna mit C.G.Jung und seinem Konzept der Synchronizität vertraut, als sie sich fragte, ob es Ereignisse gebe, die nicht durch Ursache und Wirkung verbunden seien und dennoch einen tiefen Sinnzusammenhang besäßen. Aus therapeutischer Sicht sind solche Überlegungen interessant, weil sie etwas berühren, das wir häufig beobachten. Das menschliche Gehirn sucht nach Bedeutung. Es sucht nach Mustern, stellt Zusammenhänge her und konstruiert Geschichten, besonders dann, wenn wir mit Verlust, Trauma und tiefen existenziellen Fragen konfrontiert sind. Die zeitliche Nähe von Ereignissen wirkt dabei oft wie eine Einladung zur Sinnsuche.

 

Für Anna bekam in unserer gemeinsamen Arbeit die Idee der Synchronizität eine besondere Bedeutung. Nicht weil sie glaubte, das Öffnen der Büchse der Pandora hätte die Todesfälle verursacht. Sondern weil die Ereignisse für sie eine symbolische Qualität besaßen. Der Tod des Vaters nach seiner Entschuldigung erschien ihr wie das Ende des Täter Archetypen. Das Schweigen der Mutter und ihr kurz darauffolgender Tod wirkten wie das Verschwinden eines Systems, das jahrzehntelang vom Ungesagten gelebt hatte. Die zeitliche Nähe von endlich Gesagtem und dem Tod der Eltern verlieh diesen Ereignissen die Kraft eines Symbols.

Entscheidend für die Verarbeitung ist, dass Anna zunehmend lernt, Bedeutung und Schuld voneinander zu trennen. Sie muss nicht glauben, etwas verursacht zu haben, um anzuerkennen, dass sich die Ereignisse bedeutungsvoll anfühlen. Sie muss sich nicht zwischen Zufall und Schicksal entscheiden. Sie kann lernen beides nebeneinander stehen zu lassen: die Realität biologischer Endlichkeit und die psychologische Erfahrung eines tiefen Sinnzusammenhangs.

 

Vielleicht ist das letztlich die Hoffnung, die am Boden ihrer Büchse der Pandora zurückgeblieben ist. Nicht die Hoffnung auf Wiedergutmachung, auf Versöhnung und ein gutes Ende, sondern die Hoffnung, dass Wahrheit ausgesprochen werden darf, ohne dass sie uns zerstört, dass Schmerz benannt werden darf, ohne dass man an ihm zerbricht. Mit der Zeit hörte Anna auf nach einer endgültigen Erklärung zu suchen. Die Vergangenheit bleibt dieselbe. Der Vater bleibt Vater und Täter. Die Mutter bleibt Mutter und die Frau, die geschwiegen hat. Doch etwas hat sich verändert. Annas Geschichte ist nicht länger eingesperrt. Sie ist erzählt worden. Und manchmal, wenn Anna in unseren Sitzungen an ihre Eltern denkt, spricht sie nicht mehr zuerst über Angst, Wut, Scham oder Schuld. Sie spricht über etwas, das sie lange nicht gekannt hatte: Stille. Nicht die Stille des Verschweigens. Sondern die ruhige Stille nach der Wahrheit.

 

Angelika Wende

Kontakt: aw@wende-praxis.de

 

Mittwoch, 24. Juni 2026

Die Tyrannei der Dummen

 

 
                                                                  Aquarell: A.Wende
 
 
Früher glaubte man, Denken sei eine Tugend. Heute scheint sie eher ein Kommunikationshindernis zu sein. Der Denkende spricht vorsichtig. Er wägt ab, er erkennt die Grenzen seines Wissens und formuliert seine Gedanken mit der Vorsicht eines Menschen, der die Komplexität der Welt begriffen hat. Der Dumme kennt diese Probleme nicht. Er steht auf dem Gipfel seiner Ignoranz und genießt die Aussicht. Wo der Denkende ein komplexes Ganzes aus Zusammenhängen, Widersprüchen und Unsicherheiten wahrnimmt, hat der Dumme eine einzige Erklärung. Wo die Wissenschaft Jahrzehnte forscht, findet er innerhalb von Sekunden eine Lösung. Wo Philosophen Jahrtausende ringen, hat er bereits eine Meinung. Und zwar eine sehr laute. 
 
Die Philosophie hat sich seit Jahrtausenden mit Wahrheit, Erkenntnis und Weisheit beschäftigt. Vergeblich, könnte man meinen.  
Denn parallel dazu existiert eine zweite Tradition - die Kunst, von Dingen zu sprechen, von denen man keine Ahnung hat. Der wahre Meister dieser Disziplin benötigt weder Wissen noch Erfahrung. Warum sollte er? Wissen ist schließlich nur Ballast. Wer nichts weiß, muss auch nichts überprüfen. Die Gedanken sind frei. Frei von Zweifeln, frei von Komplexität, frei von Tiefe und frei von jedem Bezug zur Realität. Es ist überhaupt die größte Leistung des Unwissenden, dass er aus Mangel an Erkenntnis eine Quelle unerschütterlicher Gewissheit macht. Andere benötigen Belege. Er benötigt lediglich die Überzeugung, recht zu haben. Philosophie begann mit dem Eingeständnis des Nichtwissens. Die Dummheit begann mit dessen Abschaffung. Dabei liegt der Unterschied nicht zwischen Wissen und Nichtwissen. Unwissenheit bedeutet: „Ich weiß etwas nicht.“ Dummheit bedeutet: „Ich weiß nicht, dass ich etwas nicht weiß“, oder noch krasser: „Ich halte mein Nichtwissen für Wissen.“ Der Dumme fragt nicht: „Ist das wahr?“ Er fragt: „Gefällt mir diese Vorstellung?“ Und wenn die Antwort ja lautet, ist die Angelegenheit für ihn erledigt.
 
Man könnte nun meinen, Dummheit sei ein Mangel an Intelligenz. Irrtum. 
Es gibt intelligente Dumme. Menschen mit akademischen Titeln, beeindruckenden Lebensläufen und einer erstaunlichen Fähigkeit, ihre Bildung als Deko für Vorurteile zu benutzen. Dummheit ist keine Schwäche des Verstandes, sie ist die Weigerung, ihn zu benutzen. Dummheit beginnt dort, wo das Bedürfnis, recht zu haben, größer wird als das Bedürfnis, die Wahrheit zu suchen. Besonders auffällig wird dies bei jener Spezies, die zu jedem Thema ihren Beitrag leisten muss. Sie weiß nichts über Medizin, aber äußert sich zur Medizin. Sie weiß nichts über Wirtschaft, aber erklärt die Wirtschaft. Sie weiß nichts über Geschichte, aber belehrt Historiker. Sie weiß nichts über Philosophie, aber belehrt Philosophen. Sie weiß nichts über Psychologie, aber korrigiert Psychologen. Man sollte meinen, Unkenntnis erzeugt Zurückhaltung. Das Gegenteil ist der Fall.
 
Wissen führt zu Demut. Je mehr man weiß, desto größer das Nichtwissen. 
Das wusste schon der weise Sokrates. Wer nichts weiß, bleibt von dieser Erkenntnis verschont.
Und so lebt der Dumme in einem Zustand geistiger Schwerelosigkeit. Keine Zweifel, die ihn belasten. Keine Selbstkritik, die seinen Frieden stört. Keine komplexe Tatsache, die sein einfaches Weltbild ankratzt. Kein Gedanke, der seinen Denkapparat herausfordert. Er hat Meinungen und Antworten. Immer und überall. Vor allem aber besitzt er eine seltene Gabe: die völlige Immunität gegen Argumente. Argumente setzen voraus, dass Wahrheit wichtiger ist als das eigene Ego. Für den Dummen eine unzumutbare Forderung. Man erklärt. Der Dumme widerspricht. Man belegt. Der Dumme ignoriert. Man widerlegt. Der Dumme fühlt sich missverstanden. 
 
Dummheit, ein geschlossenes System, das keinen Kontakt zur Wirklichkeit braucht.
Diese Beobachtung brachte einst Dietrich Bonhoeffer zu der These, Dummheit sei gefährlicher als Bosheit. Gegen das Böse könne man protestieren, gegen das Dumme nicht. Der Dumme ist nicht zugänglich für Gründe. Tatsachen, die seinem Weltbild widersprechen, werden einfach ignoriert oder umgedeutet. Er hat nicht aufgehört zu denken, sondern aufgehört, bzw. nie angefangen, selbst zu denken. Der Dumme ist nicht deshalb gefährlich, weil er nichts weiß, er ist gefährlich, weil er sein Nichtwissen mit der Entschlossenheit eines Propheten vorträgt. Bosheit braucht eine Absicht. Dummheit braucht lediglich ein Publikum.
Hier stellt sich für mich die eigentliche Frage: Ist Dummheit eher ein Erkenntnisproblem im Sinne von: „Ich verstehe die Welt nicht“?, oder ist sie ein Charakterproblem im Sinne von: „Ich will die Welt gar nicht verstehen“? Die zweite Möglichkeit ist die beunruhigendere. Gegen mangelndes Wissen hilft Lernen, Wissen, Forschen, Erfahrung und Denken. Gegen die bewusste Abwehr von Erkenntnis hilft nichts.
 
Die Tragik besteht darin, dass Dummheit ansteckend ist. Nein, nicht biologisch. Kulturell. 
Wo Lautstärke höher bewertet wird als Denken, wo Meinung wichtiger wird als Erkenntnis, wo jede sinnentleerte Eingebung denselben Rang hat wie jahrelange Forschung und Jahrhunderte altes Wissen, beginnt die Herrschaft der Ahnungslosen. Dann wird Kompetenz verdächtig. Dann gelten Zweifel als Schwäche. Dann wird Differenzierung als Gefahr empfunden und die einfachste Erklärung gewinnt gegen die richtige.
 
Dummheit zerstört nicht nur die Wahrheit. Sie macht die Wahrheit gesellschaftlich irrelevant. Der Dumme muss nicht recht haben. Er muss nur laut genug sein.Und so entsteht jene sonderbare Welt, in der Menschen auf Dinge verzichten, die früher als Tugenden galten: Bildung, Besonnenheit, Selbstreflexion und der altmodische Glauben, dass Fakten wichtiger sind als bloße Annahmen. Die Tragik besteht darin, dass ausgerechnet die, die am wenigsten verstehen, am seltensten merken, dass sie etwas nicht verstehen. Und während der Kluge noch überlegt, ob seine Argumente wahr genug sind, hat der Dumme bereits das Wort ergriffen. Nicht weil er mehr weiß, sondern weil ihm nie der Gedanke gekommen ist, dass er irren könnte.
 
Angelika Wende
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