Dienstag, 31. März 2026

Festhalten und Loslassen

 

                                                                  Foto: A.W.


Vieles in unserem Leben entzieht sich unserem Festhalten.
Wenn wir das wirklich erkennen, betreten wir einen Raum des Unbekannten – und dieser macht uns Angst: Angst vor Veränderung, Angst vor dem, was kommt, Angst davor, Vertrautes zu verlieren. Das ist menschlich. Und es ist vollkommen normal.
Im Laufe des Lebens werden es mehr und mehr Dinge, die wir nicht festhalten können. Die Verluste nehmen zu. Wir können die Zeit nicht anhalten, und es gibt keinen Schutz vor der Vergänglichkeit und dem Unvorhersehbaren.
Die Wahrheit ist: Nichts lässt sich festhalten.
Alles im Leben ist Wandel. Und doch halten wir fest.
 
Festhalten entspringt der Ignoranz. Festhalten entsteht aus der Schwierigkeit, die Vergänglichkeit anzunehmen. Je beharrlicher wir ignorieren, was sich ändert, je weniger es uns gelingt, die Veränderung zu akzeptieren, je mehr wir uns gegen das wehren, was sich verändert, je angestrengter wir festhalten, desto mehr Angst macht es uns, und desto mehr leiden wir.
Aber was können wir tun?
Wir können nicht mit dem Finger schnipsen und uns sagen: „Lass das mit dem Festhalten, es bringt nichts außer Kummer!“ Wir fühlen ja Angst, Schmerz, Trauer oder Wut. Uns zu sagen: „Lass jetzt einfach los!“, funktioniert nicht, und es wäre nichts anderes als eine Form von Widerstand gegen unsere eigenen Gefühle.
 
Vielleicht beginnt es so.
Vielleicht lassen wir das Festhalten zunächst einfach da sein. Aber wir beginnen, aufmerksam zu beobachten, was das Festhalten mit uns macht. Und wenn wir beobachten, nehmen wir wahr: Wir fühlen uns immer ohnmächtiger, immer ängstlicher, immer verlorener – wir leiden immer mehr –, weil wir weiter Widerstand gegen das Unabänderliche leisten.
Und irgendwann sind wir total am Ende. Wir sind maximal erschöpft vom Leiden.
Und vielleicht entstehen genau dann leise Fragen:
Kann ich mir erlauben, die Dinge so zu lassen, wie sie jetzt sind?
Kann ich aufhören, gegen das Unvermeidliche zu kämpfen?
Kann ich mir erlauben, zu kapitulieren vor dem, was ich absolut nicht festhalten kann?
 
Wenn wir uns das erlauben, kommt Trauer. Erst mal. Und das ist gut so. 
Trauer ist kein Rückschritt – sie ist ein Übergang. Sie hilft uns, das Festhalten sanft zu lösen. Sie macht weich, wo zuvor Widerstand war. Sie hilft uns, uns vom Festhalten zu verabschieden. Sobald wir aufhören, uns dem Wandel zu widersetzen, fühlt sich der Wandel nicht mehr nur wie Verlust an – er offenbart sich als eine stille Einladung, in etwas Neues hineinzuwachsen – als Mensch zu wachsen.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Montag, 30. März 2026

Das Sinnlose

 

                                                                        Foto: A.W.


Wir wollen verstehen. Zusammenhänge erkennen, Bedeutungen finden, einen Sinn entdecken, der das Erlebte greifbar macht. Und doch verlieren wir uns oft genau dort, wo es nichts zu greifen gibt, wo kein klares Warum existiert, das uns Halt geben könnte.
Vielleicht liegt ein Teil innerer Stabilität genau darin, auszuhalten,
dass nicht alles erklärbar ist,
dass nicht alles eine erkennbare Ursache hat,
dass nicht alles eine Botschaft in sich trägt oder einem höheren Sinn folgt.
Manches geschieht einfach.
Ohne Sinn.
Ohne Bedeutung.
Ohne Zusammenhang.
Und vielleicht ist es kein Zeichen von Schwäche, wenn wir keinen Sinn darin finden, sondern von radikaler Ehrlichkeit. Weil wir aufhören, zwanghaft deuten und verstehen zu wollen, nur um das Unbegreifliche erträglicher zu machen. 
Vielleicht geht es nicht immer um Verstehen und um Sinn, 
sondern um das Annehmen des Sinnlosen und trotzdem weiterzugehen.

Sonntag, 29. März 2026

Du musst dir kein dickeres Fell wachsen lassen

 



Es gibt Menschen, die sind robust wie eine Eiche, und es gibt die, die empfindlich sind wie eine Primel. Es sind die Sensiblen, die Dünnhäutigen, die, die verletzt wurden und verletzbar geblieben sind. Diese Menschen sind durchlässig, sie haben keine Rüstung, die sie gegen Angriffe und Verletzungen schützt, ihre Rüstung hat früh Risse bekommen. Sie empfinden intensiver. Sie brauchen viel Zeit um Dinge zu verarbeiten. Sie kennen das Gefühl am Zerbrechen zu sein, eben weil sie intensiver fühlen, tiefer berührt werden und Schmerz länger in sich tragen. Zugleich besitzen sie oft eine hohe Empathie und können die Gefühle anderer nicht nur wahrnehmen – sie fühlen den anderen. Kurz gesagt, sie verkörpern eine hohe Sensibilität, die leider oft als Schwäche angesehen wird. Manche dieser Menschen bereuen es, mit dieser Eigenschaft zu leben, die ihnen viel Schmerz bringt.
 
Es ist leicht diese Menschen zu zerbrechen, weil sie so zerbrechlich sind. "Du musst dir ein dickeres Fell zulegen!", sagt man ihnen, aber das funktioniert nicht. 
Es gelingt ihnen nicht hart zu werden und die Dinge nicht mehr an sich heranzulassen. Auch wenn sie lernen Grenzen zu setzen, tut es dennoch weh, wenn man sie verletzt.
Viele treten den Rückzug an, emotional oder sogar sozial. Sie hüten sich vor den Menschen. Sie leben in einem selbsterschaffenen Schutzraum um ihren inneren Frieden zu bewahren. Sie lassen sich nur schwer herauslocken und sie lassen sich schwer auf andere ein. Sie brauchen tiefes Vertrauen, bevor sie sich öffnen. Und sie wissen zugleich, dass ihr Vertrauen missbraucht und gebrochen werden kann. Sie sind übervorsichtig und das schränkt das Leben ein, denn wer zu vorsichtig ist, riskiert nichts mehr – er verschließt sich lebendigen Erfahrungen. 
 
Was hilft diesen sensiblen Wesen?
Sie dürfen lernen mehr innere Beweglichkeit zu entwickeln. Dazu gehört die Fähigkeit, sich selbst zu trösten und aufzufangen, wenn etwas weh tut. Sie brauchen Halt durch einen vertrauten Menschen, der einfach da ist, zuhört, ihre Verletzbarkeit achtet und im besten Falle mitträgt. Mit der Zeit kann sich daraus eine eigene innere Stimme entwicklen, die auch in schweren Momenten sagt:„Ja, es tut weh, aber es wird mich nicht zerstören.“ Die hohe Empfindsamkeit verschwindet damit nicht, sie bleibt, weil sie zum Wesen dieser Menschen gehört. Aber sie überflutet sie nicht mehr, weil sie gelernt haben sich nicht mehr allzusehr mit ihren Gefühen zu identifizieren. Ein hilfreicher Satz ist: "Ich BIN nicht mein Gefühl, ich HABE ein Gefühl. Das macht einen Unterschied. 
 
Wenn wir sensibel sind, ist es hilfreich einen kleinen Abstand zu schaffen - zwischen dem, was wir fühlen und dem, was wir sind. 
Wir sind traurig oder verletzt, aber wir verlieren uns nicht mehr in unserer Traurgikeit und unserem Schmerz. Ganz wichtig: Wir lernen unsere Grenzen früher zu erkennen und vor allem, sie ernst zu nehmen. Wir sagen früher Stopp, wenn uns etwas zu viel wird und erlauben uns, uns zurückzuziehen, ohne uns dafür zu rechtfertigen oder verurteilen. Wir achten unsere Bedürfnisse und damit achten wir uns selbst. Das Entscheidende aber ist, die eigene Sensibilität nicht länger als Schwäche zu sehen und den Spruch mit dem „dicken Fell“ zu vergessen. Stattdessen ist es hilfreich sich zu sagen: "Ich bin okay, so (sensibel) wie ich bin."
 
Wer aufhört, gegen sich selbst zu kämpfen, hat schon viel gewonnen, er findet zu mehr innerer Ruhe.  
Sensible Menschen brauchen viel Ruhe um sich selbst zu stabilisieren, eben auch durch Rückzug, aber auch indem sie ihre Gefühle aufschreiben, sich allein in der Natur bewegen oder Gespräche mit Menschen führen, bei denen sich ihr Nervensystem wirklich sicher fühlt. Sie dürfen lernen innere Signale wahr-und ernst zu nehmen. Sie müssen keine Kompromisse machen und sich etwas aussetzen, was sich nicht gut für sie anfühlt, nur um dazuzugehören oder im Sinne der Erwartungen derer, mit dem dicken Fell, zu funktioneren.
Mit der Zeit kann etwas wachsen, das sanft aber kraftvoll ist: die Erfahrung, dass Verletzungen und Schmerz zwar nicht vermeidbar, aber aushaltbar sind. Sensible Menschen werden dadurch nicht weniger empfindsam, aber sie lernen besser mit ihrer Empfindsamkeit umzugehen. Sie zerbrechen nicht mehr so leicht, weil sie gelernt haben, sich selbst in ihrer Sensibilität wertzuschätzen und das hilft um sich selbst besser zu halten.
Übrigens, Primeln leiden dann, wenn sie an einem falschen Standort sind. Sie mögen keine Dunkelheit, keine Hitze und keine Kälte. 
 
 
Angelika Wende

Samstag, 28. März 2026

“Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird."


“Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein“ schreibt Friedrich Nietzsche in seinem Werk "Jenseits von Gut und Böse".

Jede Begegnung mit der Dunkelheit hinterlässt Spuren. Wer sich lange und intensiv mit Unrecht, Gewalt oder mit den eigenen dunklen Gedanken auseinandersetzt, gerät in Gefahr, dass diese Kräfte das eigene Denken und Fühlen verändern. Dauerhafte Konfrontation mit Negativem kann die Empathie schwächen, unser Urteilsvermögen trüben und die eigene Identität destabilisieren - ein psychologisches Echo dessen, was Nietzsche den Blick in den Abgrund nennt. Der Abgrund ist nicht nur das, was wir im Außen bekämpfen, sondern auch das, was in uns selbst wohnt. Er symbolisiert die dunklen Seiten menschlicher Erfahrung und menschlichen Seins wie Angst, Schuld, Groll, Aggression, Gier oder Hass. Wer zu lange da hineinschaut, läuft Gefahr, dass diese Dunkelheit tief in das eigene Selbst eindringt.

Es ist unheilsam sich ständig mit Ungeheuern zu beschäftigen – den äußeren und auch den inneren.  

Wer immer wieder in die eigenen destruktiven Abgründe hineinschaut, riskiert, dass diese Kräfte das Selbst subtil korrumpieren und langsam vergiften. Das kann zu Identitätsdiffusion oder moralischer Desensibilisierung führen. Eine langfristige Fixierung auf destruktive Gedanken und negative Erlebnisse kann die Empathiefähigkeit verändern, sie kann unser Urteilsvermögen trüben, unser Selbstbild und unser Bild von der Welt destabilisieren. Wer ständig gegen innere oder äußere Ungeheuer kämpft, gerät in Gefahr unbewusst selbst jene Eigenschaften übernehmen, die er eigentlich bekämpfen wollte. Er kontaminiert sich emotional, denn jede fanatische, jede exzessive, jede dauerhafte Auseinandersetzung mit negativem Material prägt unser Denken, Fühlen und Handeln. Wer das Dunkle bekämpft, gerät in Gefahr selbst davon berührt zu werden.

Wer zu lange in den Abgrund hineinschaut, wird irgendwann spüren wie sich ein Gewicht auf sein Herz legt und es verschließt.  

Nur wer aufmerksam bleibt, wer achtsam Selbstreflexion übt, ohne innere Anteile als gut oder böse zu bewerten, wer Selbstmitgefühl übt, kann die eigene Dunkelheit betrachten, ohne darin zu versinken. Nietzsche erinnert uns daran, dass die Welt uns nicht nur durch das prüft, was wir bekämpfen, sondern auch durch das, worauf wir unseren Blick richten. Jede Begegnung mit der Dunkelheit hinterlässt Spuren. Wer Ungeheuer bekämpft, ohne selbst zu einem zu werden, wer in Abgründe blickt, ohne sich mit ihnen zu identifizieren oder sich von ihnen verschlingen zu lassen, behält sein inneres Licht. Wie immer ist es der Weg der Mitte, die Balance zwischen zwischen Konfrontation und Achtsamkeit, die es uns ermöglicht, in Abgründe zu blicken, ohne dass die Abgründe in uns hinein blicken, ohne dass wir selbst zum Ungeheuer werden.

 

 

 

 

 

 

 

Freitag, 27. März 2026

Fühlen statt Wegdenken

 

                                                               Foto: A.Wende

 
Viele von uns kennen das: Ein unangenehmes Gefühl taucht auf, vielleicht Angst, Traurigkeit oder Wut und fast automatisch beginnen wir, dagegen anzudenken. Wenn wir zum Beispiel versuchen, unsere Angst „wegzudenken“, sagen wir uns: „Das ist doch irrational“ oder „Stell dich nicht so an“. Wir sagen uns, dass es keinen Grund gibt, so zu fühlen, dass wir uns zusammenreißen sollen oder dass es doch gar nicht so schlimm ist. Für den Moment entsteht vielleicht kurz das Gefühl von Kontrolle, doch die Angst löst sich nicht wirklich auf, sie zieht zurück, wird leiser, verschiebt sich und kommt an anderer Stelle wieder zum Vorschein, nicht selten auch in körperlichen Symptomen.
Ähnlich ist es mit Traurigkeit, Wut oder Scham: Je mehr wir versuchen, sie mit Gedanken zu übergehen oder sie zu verdrängen, desto mehr verlieren wir den Zugang zu dem, was in uns gesehen werden möchte und desto mehr sammelt sich das Ungefühlte in unserem Seelenhaus.
Ein Verständnis von seelischem Schmerz ist, dass wir fühlen, was wir fühlen, weil wir denken, wie wir denken. Daraus entsteht die Annahme, dass Veränderung über das Denken möglich ist, also indem wir unser Denken ändern, wenn wir seelisch leiden. Das ist zum Teil wahr – unsere Gedanken beeinflussen unsere Gefühle, aber es ist auch wahr, dass unsere Gefühle unsere Gedanken beeinflussen.
Also was jetzt?
 
Viele von uns erleben, dass das mit dem Wegdenken oder anders denken, nicht wirklich nachhaltig funktioniert. Wir können unsere Gefühle nicht einfach „wegdenken“. Gefühle sind da, sie haben einen Grund und ihre Berechtigung. Heilung beginnt dann, wenn wir beginnen, unsere Gefühle ernst zu nehmen, sie zu verstehen und ihnen Ausdruck zu geben, statt gegen sie anzukämpfen.
Viele psychische Probleme entstehen, wenn wir keinen Kontakt zu unseren grundlegenden Gefühlen und Bedürfnissen haben. Dabei tragen wir alle von Anfang ein breites Spektrum von Emotionen in uns. Die sogenannten Grundgefühle, auch Basisemotionen genannt, sind universell und bei allen Menschen vorhanden, unabhängig von Kultur oder Herkunft. Dazu zählen Freude, Traurigkeit, Angst, Wut, Ekel, Scham, Liebe und Zuneigung. Jedes dieser Gefühle erfüllt eine wichtige Funktion. Freude zeigt uns, was uns gut tut, Traurigkeit hilft uns, Verluste zu verarbeiten, Angst schützt uns, indem sie uns auf mögliche Gefahren aufmerksam macht, Wut signalisiert, dass unsere Grenzen überschritten wurden und gibt uns die Kraft, für uns einzustehen, Ekel bewahrt uns vor Schaden, Scham hilft uns unser Verhalten im sozialen Miteinander einzuordnen, Liebe und Zuneigung ermöglichen Bindung, Nähe und Vertrauen. All das sind zutiefst menschliche Emotionen und jede von ihnen hat eine Bedeutung und einen Sinn. Sie weisen uns darauf hin, was uns wichtig ist und was wir brauchen.
 
Diese Grundgefühle sind weder richtig noch falsch, nch gut oder schecht, sie sind wertvolle innere Signale. Warum sollten wir sie also in gut oder schlecht unterscheiden und uns die schlechten wegdenken?
Weil die meisten Menschen Unangenehmes nicht fühlen wollen. Das ist verständlich, weil es weh tut. Aber genau dieses „weh tun“ ist ein Signal, das ernst genommen werden will. Wenn wir bereit sind diese inneren Signale wahrzunehmen und auf sie zu hören, kommen wir uns selbst ein Stück näher, wir erlangen Selbstkenntnis und Selbst - Bewusstsein.
Es ist heilsam, uns mit unseren Emotionen verbinden. Es ist heilsam unsere Gefühle bewusst wahrzunehmen, sie zu akzeptieren und zu verstehen, was sie uns sagen wollen. Es ist heilsam zu lernen, sie zu regulieren und auf eine angemessene Weise auszudrücken. 
 
Heilung ist ein Prozess in dem wir uns bewusst auch dem Schmerzhaften in uns zuwenden, nicht, um darin stecken zu bleiben, sondern um zu verstehen, wie es uns prägt und unser Leben beeinflusst. Indem wir uns erlauben, unsere Gefühle zu durchfühlen, entsteht ein Raum der Veränderung möglich macht. Das bedeutet, dass wir uns bewusst dem Schweren sanft annähern, um in echten Kontakt mit uns selbst zu kommen und das, was uns schmerzt auf einer tieferen Ebene zu wandeln. Erst wenn wir uns unseren Emotionen wirklich zuwenden, wird echte Veränderung möglich, nicht durch Weg- oder Schöndenken, sondern durch das bewusste Erleben und Verstehen dessen, was in uns vorgeht.
 
"Das Poetische heißt: sammeln", schreibt Alexander Kluge.
Vielleicht lässt sich genau darin auch innere Arbeit verstehen: als ein Sammeln dessen, was in uns ist. Wir sammeln unsere Gefühle, statt sie wegzuschieben. Wir sammeln unsere Erfahrungen, auch die schmerzhaften, und geben ihnen Raum. Und nach und nach ensteht ein Zusammenhang, ein inneres Verstehen, das nicht durch Kontrolle, sondern durch Zulassen wächst.
 
Was du fühlst darf sein. 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Mittwoch, 25. März 2026

Tot im Leben


 

„Ich fühle mich wie tot im Leben“, sagt mein Klient. „Dieser Schmerz, diese Taubheit, diesem „tot im Leben“ Gefühl geht einfach nicht weg. Ich kann so nicht mehr weitermachen.“
Ich frage ihn, wie sich dieses „tot sein“ anfühlt.
„Das ist eine Schwere, die den ganzen Körper niederdrückt, eine Leere, die mich umgibt, das ist so viel Enttäuschung, die sich über Jahre angesammelt hat. Da ist Trauer und eine tiefe Einsamkeit, die alles durchzieht. Da ist eine Gleichgültig allem und jedem gegenüber. Das ist nicht mehr auszuhalten“, sagt er. Ich sehe, wie einsam er ist, wie verletzt, traurig, enttäuscht, ausgebrannt. Ich sehe, dass niemand ihn mehr hält, dass all die Menschen, die ihm wichtig waren, nicht mehr da sind und welche tiefe Leere das hinterlässt.
 
Dieses "tot im Leben-Gefühl" ist nicht einfach traurig sein oder erschöpft sein. Es ist ein Zustand, der den ganzen Menschen durchdringt: die Gedanken, die Gefühle, den Körper.  
Der Mensch ist körperlich noch da, er atmet noch, er funktioniert noch, aber innerlich ist alles wie eingefroren, leer, taub und schwer. Das macht dieses Gefühl so quälend. Da ist kein Moment von Lebendigkeit, Freude oder Hoffnung, alles fühlt sich grau, schwer und bedeutungslos an, sinnlos und leer. Das ist ein tiefes menschliches Leid, das sich über Jahre aufgebaut hat und jetzt als dauerhafte Last auf Körper und Seele liegt. Ein Mensch, der sich so fühlt, ist nicht nur traurig und müde, er ist verzweifelt bis in jede Zelle, weil ihn all das, was ihm wichtig war, verlassen hat. Das ist nicht nur Schmerz, das ist existenziell. Es ist der seelische Kollaps, der eintritt, wenn ein Mensch, der über Jahre viel Schmerz getragen hat, es einfach nicht mehr aushält. Das ist das Verzweifeln am Dasein.
Wenn die Frage nach dem Sinn sich stellt und sie keine Antwort mehr findet, schwindet der Lebenswille. Wenn dann im Außen nichts ist, was hält und trägt, erlischt dieser Wille. Die Leere, die gefühlt wird, ist nichts anderes als schiere Verzweiflung am Verlust des Lebenssinns, die Verzweiflung am eigenen Sein, das als wirkungslos geworden, erstarrt und nutzlos empfunden wird. 
 
Verzweiflung ist der schlimmste Affekt.
Verzweiflung ist nicht vernunftgesteuert. Sie ist ein existenziell bedrohlicher seelischer Zusammenbruch. Auf die Vernunft, auf rationale Argumente, kann man hier nicht setzen. Gegen rationale Argumente ist er Verzweifelte immun.
Verzweiflung ist nicht vernunftgesteuert.
In der Verzweiflung kann der Mensch sich von innen heraus nicht mehr selbst retten. Er braucht Rettung von außen. Ein verzweifelter Mensch braucht ein Gegenüber, das ihn versteht, seine Verzweiflung annehmen kann und nicht vor ihr zurückschreckt aus dem Gefühl eigener Hilflosigkeit heraus. Jemand, der vor der Wucht der Verzweiflung nicht flieht. Jemand, der präsent ist. 
 
Der verzweifelte Mensch braucht keine Ratschläge, kein „das wird wieder“, er braucht es gesehen zu werden. 
Und das bedeutet: dass jemand seine Gefühle nicht kleinredet, dass jemand seinen Schmerz spürt und anerkennt, ohne ihn sofort lösen zu wollen, dass sein inneres Erleben wahrgenommen wird, nicht nur seine Worte und seine Symptome – dieser Mensch braucht das Gefühl mit seiner Verzweiflung nicht mehr allein zu sein. Erst dann kann man nach und nach versuchen aktiv Denk-und Handlungsalternativen anzubieten, die zu einer neuen existenziellen Einstellung verhelfen. Erst dann kann der verzweifelte Mensch Schritt für Schritt beginnen, neue Perspektiven zu entdecken. Erst dann entsteht die Möglichkeit, aus der Verzweiflung heraus langsam wieder zu einem Leben zu finden, das Lebendigkeit, Sinn und Hoffnung enthält.
 
 
"Wessen wir am meisten im Leben bedürfen ist jemand, der uns dazu bringt, das zu tun, wozu wir fähig sind."
Ralph Waldo Emerson.
 
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Dienstag, 24. März 2026

Gedankensplitter


Das ist nicht so leicht.
Vieles ist nicht leicht.
Das Ego aber will es leicht haben.
Richtig schwer wird es, wenn das Ego sich nicht beugen will. Wenn es starr wird, aus Angst die Kontrolle zu verlieren.
Dann blockiert es Entwicklung um das alte Ich zu schützen.
Bewegung fühlt sich für das Ego immer bedrohlich an, weil sie Entwicklung fordert.
Entwicklung gelingt nicht, wenn das Ego nicht weich genug wird, um sich mitzubewegen.