Dienstag, 7. Juli 2026
Entscheidungen
Montag, 6. Juli 2026
Zwischen Klarheit und Abgrund - Genialität und Verzweiflung
Foto: A.Wende
Samstag, 4. Juli 2026
Aus der Praxis: Das Bedürfnis nach Abschluss - Need for Closure
Malerei: A.Wende
Das Konzept des Need for Closure gehört zu den Theorien der Sozialpsychologie. Ich finde das Konzept hilfreich, wenn es darum geht zu verstehen, warum Beziehungen, die keinen klaren Abschluss finden, belastend für viele Menschen sind.
Der Begriff „Need for Closure“ wurde Anfang der 1990er Jahre von dem Sozialpsychologen Arie W. Kruglanski entwickelt. Er beschreibt das menschliche Bedürfnis, Unsicherheit zu beenden und zu einer eindeutigen Erklärung zu gelangen. Wir alle haben das Bedürfnis, die Welt vorhersehbar und verständlich zu erleben. Offene Fragen, Mehrdeutigkeit und ungelöste Situationen erzeugen hohen psychischen Stress, weil das Gehirn ständig versucht, die ihm fehlende Informationen zu ergänzen.
Need for Closure ist ein grundlegendes motivationales Bedürfnis. Dabei geht es interessanteweise nicht darum, immer die richtige Antwort zu finden, sondern überhaupt eine Antwort zu bekommen. Eine unvollständige oder nicht nachvollziehbare Erklärung wird von den meisten Menschen als weniger belastend empfunden als gar keine Erklärung. Kurz: Jede Erklärugn ist besser als keine, damit das Gehirn zur Ruhe kommen kann.
Unser Bedürfnis nach Abschluss erfüllt mehrere psychologische Funktionen. Ein klarer Abschluss reduziert Unsicherheit, schafft Orientierung und ermöglicht es uns, unsere emotionale Energie wieder anderen Aufgaben zuzuwenden. Fehlt der Abschluss, bleibt das Gehirn gewissermaßen in einem Suchmodus, die Gedanken kehren immer wieder zur offenen Situation zurück, weil sie noch nicht verarbeitet werden konnte.
Viele von uns erleben solche fehlenden Abschlüsse. Man lernt jemanden kennen, man denkt, da ist Sympathie, man versteht sich gut und plötzlich antwortet die Person nicht mehr auf Nachrichten oder Anrufe.
Gerade beim Online- Dating müssen viele diese schmerzhafte Erfahrung machen. Die zunehmende Digitalisierung unserer sozialen Beziehungen verstärkt dieses Verhalten leider. Der Grund: Online-Kommunikation reduziert viele unmittelbare soziale Konsequenzen. Während ein persönliches Gespräch direkte emotionale Reaktionen hervorruft, ermöglicht digitale Kommunikation eine größere emotionale Distanz. Das Verschwinden ohne Erklärung wird dadurch rein technisch und emotional leichter. Das nennt man dann Ghosting.
Ghosting aktiviert das Bedürfnis nach Abschluss besonders stark.
Es ist eine Situation maximaler Ambiguität. Wer geghostet wird, versteht erst einmal nichts, er ist fassungslos und enttäuscht. Er fühlt sich zurückgewiesen und hat keine Ahnung warum.
Jede Form von Zurückweisung aber aktiviert neurobiologisch ähnliche Prozesse wie körperlicher Schmerz. Studien von Naomi Eisenberger und Matthew Lieberman belegen, dass Erfahrungen sozialer Ablehung oder Ausgrenzung die gleichen Hirnareale aktivieren, die auch an der Verarbeitung körperlicher Schmerzen beteiligt sind. Das erklärt, weshalb Ghosting nicht nur als Enttäuschung erlebt wird, sondern intensive Gefühle von Verletzung, Kränkung oder emotionalem Schmerz auslöst.
Ghosting hält den Denkprozess aufrecht. Das Grübeln wird hartnäckig.
Kruglanski beschreibt zwei psychologische Prozesse:
Seizing (Ergreifen): Wir versuchen möglichst schnell eine Erklärung zu finden, um Unsicherheit zu
reduzieren. Das Gehirn "greift" nach einer plausiblen Antwort. Freezing (Festhalten):
Sobald eine Erklärung gefunden wurde, neigen wir dazu, an ihr festzuhalten,
selbst wenn sie unvollständig ist. Das spart dem Gehirn Energie. Beim Ghosting scheitert dieser zweite Schritt. Zwar denken
wir uns zahlreiche mögliche Erklärungen und machen Konstruktionen, aber nichts
davon kann auf die Wahrheit überprüft werden. Das Gehirn wechselt deshalb
ständig zwischen verschiedenen Möglichkeiten hin und her. Dadurch entstehen die
typischen Grübelschleifen, geboren aus Unsicherheit.
Neurowissenschaftlich betrachtet reagiert unser Gehirn auf Unsicherheit ähnlich wie auf potenzielle Bedrohungen. Offene soziale Situationen aktivieren Hirnnetzwerke, die für Aufmerksamkeit, Fehlerüberwachung und Problemlösen zuständig sind. Solange keine eindeutige Erklärung vorliegt, bewertet das Gehirn die Situation als nicht abgeschlossen und richtet immer wieder die Aufmerksamkeit darauf. Hinzu kommt, dass soziale Beziehungen für uns Menschen evolutionär von zentraler Bedeutung sind. Im kollektiven Unterbewusstsein haben wir gespeichert, dass sozialer Ausschluss früher existenzielle Folgen haben konnte. Deshalb reagiert unser Gehirn besonders sensibel auf Anzeichen von Zurückweisung, Ablehnung oder Ausgrenzung.
Warum manche Menschen stärker leiden als andere.
Der Need for Closure ist kein Persönlichkeitsmerkmal, das für uns alle gleich gilt. Nicht alle Menschen leiden gleich stark darunter. Ein besonders starkes Bedürfnis nach Abschluss haben Menschen, die Unsicherheit als sehr belastend erleben, ein starkes Bedürfnis nach Kontrolle haben, zu Grübeln oder Perfektionismus neigen, emotionale Beziehungen intensiv erleben oder die bereits traumatische Erfahrungen mit instabilen Beziehungen oder frühkindlicher Zurückweisung gemacht haben. Andere wiederum können Zurückweisung leichter akzeptieren und benötigen keine vollständige Erklärung, um emotional abzuschließen. Dennoch, wir alle können eine begründete Ablehnung und eine Trennung, die erklärt wird, besser verarbeiten als Schweigen. Beides ist zwar schmerzhaft, eine Begründung liefert dem Gehirn jedoch eine eindeutige Information. Dadurch kann der Suchprozess beendet werden. Das Bedürfnis nach einer Erklärung dagegen hält den Denkprozess aufrecht und der fehlende Abschluss verhindert, dass das Erlebnis kognitiv abgelegt wird. Ghosting verhindert genau das. Das Bedürfnis nach kognitivem Abschluss bliebt unerfüllt, und die Situation wird immer wieder gedanklich reaktiviert.
Besonders vulnerable Menschen verfolgt der Need for Closure häufig über Wochen oder Monate, manchmal sogar über Jahre.
Nicht der Kontaktabbruch selbst verursacht den größten Schmerz, sondern die fehlende Möglichkeit, das Erlebte sinnvoll einzuordnen. Das Gehirn sucht nach einem Ende der Geschichte und solange dieses Ende fehlt, bleibt die Erfahrung psychologisch offen. Genau deshalb leiden Betroffene, weniger unter der Ablehnung oder der Trennung selbst, als unter der Ungewissheit, warum es so gekommen ist. Die meisten Betroffenen glauben daher, sie könnten erst abschließen, wenn sie verstehen, warum der andere sang und klanglos verschwunden ist.
Aus psychologischer Sicht ist das jedoch nur bedingt richtig. Tatsächlich hängt ein emotionaler Abschluss weniger von der tatsächlichen Antwort des anderen ab als von unserer eigenen Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten und zu akzeptieren, das manche Fragen im Leben unbeantwortet bleiben
Manchmal existiert keine Antwort. Manchmal kennt selbst der, der ghostet, seine Motive nicht wirklich. Akzeptanz bedeutet deshalb nicht, sein Verhalten gutzuheißen, sondern anzuerkennen, dass Gewissheit nie erreichbar sein wird. Nicht jeder Mensch gibt uns die Möglichkeit, eine gemeinsame Geschichte zu Ende zu erzählen. Dann ist es nicht sinnvoll, die erlösende Antwort zu suchen, sondern zu akzeptieren, dass die Antwort außerhalb unserer Kontrolle und nicht in unserem Einflussbereich liegt. Innerer Abschluss entsteht dann, wenn wir aufhören, die fehlende Erklärung als Voraussetzung für unser Wohlergegen und unser Weitergehen zu betrachten.
Ein Teil der Heilung besteht nicht darin, alle Antworten zu
bekommen, sondern darin, zu akzeptieren, dass man sie möglicherweise nie
bekommen wird. Akzeptanz beendet nicht sofort den Schmerz der
Zurückweisung, aber sie nimmt ihm nach und nach die Macht. Wenn uns das allein nicht gelingt, ist es sinnvoll uns professionelle Hilfe zu suchen.
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de
Freitag, 3. Juli 2026
Trost finden
Foto. A.Wende
Donnerstag, 2. Juli 2026
Die unsichtbare Zutat
Foto: A.Wende
Montag, 29. Juni 2026
Nach mir die Sintflut
Foto: pixbay
„Nach mir die Sintflut“. Kaum eine Redewendung beschreibt unsere Zeit treffender. Sie steht für eine Haltung, die kurzfristigen Komfort über langfristige Verantwortung stellt. Solange die negativen Folgen des eigenen Handelns erst morgen oder andere Menschen treffen, scheint alles in Ordnung zu sein. Genau diese Denkweise prägt viele Debatten über den Klimawandel.
Bertrand Russell formulierte bereits vor Jahrzehnten einen bemerkenswerten Gedanken: „Die Frage heute ist, wie man die Menschheit überreden kann, in ihr eigenes Überleben einzuwilligen.“ Das klingt zunächst paradox. Warum müsste man Menschen davon überzeugen, überleben zu wollen? Doch Russell erkannte etwas Grundsätzliches: Wissen allein verändert kein Verhalten. Menschen können die Risiken kennen und trotzdem so handeln, als beträfe es sie nicht. Diese Haltung zeigt sich besonders in den Reaktionen auf extreme Hitze. Da heißt es: „Ich bin doch in den 70ern auch mit 40 Grad im Juli aufgewachsen.“ Oder: „Ist doch nur Sommer.“ Und schließlich das, pardon, blödeste Argument: „Immerhin spart man Heizkosten.“
Natürlich gab es schon immer heiße Sommertage. Niemand bestreitet das. Doch persönliche Erinnerungen ersetzen keine wissenschaftlichen Daten. Entscheidend ist nicht, ob es früher einmal 40 Grad gab, sondern wie häufig, wie lange und mit welchen Folgen diese Temperaturen heute auftreten. Rekordwerte, Hitzewellen, Dürreperioden und tropische Nächte sind keine isolierten Ereignisse, sondern Teil einer langfristigen Entwicklung. Besonders bemerkenswert ist die Logik hinter solchen Aussagen. Früher gab es warme Sommertage, also kann es heute keinen Klimawandel geben. Und weil man die Heizung ausschaltet, sind 40 Grad plötzlich ein Vorteil. Wenn einfache Erklärungen alle Probleme lösen würden, wäre die Welt wirklich unkompliziert.Weil man sich gegen Hitze vermeintlich einfacher schützen könne als gegen Kälte, wird das eigentliche Problem klein geredet. Dabei werden die Folgen extremer Hitze für ältere Menschen, Kinder, Kranke, die Landwirtschaft, die Wasserversorgung und ganze Ökosysteme ausgeblendet. Aus einer komplexen globalen Herausforderung wird eine persönliche Strom- und Heizkostenabrechnung.
Genau hier zeigt sich das Prinzip „Nach mir die Sintflut“. Solange der eigene Alltag funktioniert und man persnlich nicht betroffen ist, werden Warnungen als Übertreibung dargestellt, wird persönliches Empfinden mit gesellschaftlicher Realität verwechselt und kurzfristige Vorteile mit langfristigen Kosten. Der Sarkasmus liegt darin, dass ausgerechnet jene, die den Klimawandel für harmlos erklären oder ihn vehement und oft aggressiv leugnen, nicht selten behaupten, sie seien die Vernünftigen. Tatsächlich argumentieren sie aber gegen Maßnahmen, die ihre eigene Lebensgrundlage schützen sollen. Damit bestätigen sie unfreiwillig Russells Diagnose: Die größte Herausforderung besteht nicht darin, technische Lösungen zu finden, sondern Menschen davon zu überzeugen, ihr eigenes Überleben ernst zu nehmen.
„Nach mir die Sintflut“ ist nicht nur eine Redewendung. Sie passt zur Beschreibung einer Gesellschaft, die lieber über den Preis der Heizung diskutiert als über die Zukunft ihrer Kinder. Und genau darin liegt die eigentliche Tragik: Nicht der Mangel an Wissen gefährdet unsere Zukunft, sondern der Mangel an Bereitschaft, nach diesem Wissen zu handeln.
Sonntag, 28. Juni 2026
Freiheit?
Bei
der Hitze sitze ich seit Tagen überwiegend unfreiwillig in der Wohnung.
Ich könnte zwar rausgehen und das mache ich auch am frühen Morgen ,
aber alles, was ich sonst gern mache, lasse ich freiwillig bleiben, weil
ich Hitze nicht gut vertrage. Und während ich so in der Wohnung vor
mich hinschmore, frage ich mich: Wie frei bin ich eigentlich?
Auf
den ersten Blick scheint die Antwort einfach zu sein. Natürlich bin ich
frei. Niemand hält mich fest. Die Tür ist nicht verschlossen. Ich
könnte jederzeit hinausgehen. Und doch tue ich es nicht. Meine
Entscheidung wird durch etwas beeinflusst, das ich nicht kontrollieren
kann: die Hitze.
Was ist Freiheit
überhaupt?, frage ich mich, während ich vor mich hin schwitze. Fast
jeder von uns wünscht sie sich, doch fragt man, was genau damit gemeint
ist, bleibt die Antwort oft erstaunlich unklar. Vielleicht ist genau das
der Grund, warum die Suche nach Freiheit so leicht zu einem endlosen
inneren Prozess werden kann. Solange wir nicht genau wissen, was unter
Freiheit verstanden wird, jagen wir womöglich einem Ideal hinterher, das
sich niemals erfüllen kann.
Eine
verbreitete Vorstellung ist Freiheit als Kontrolle über das eigene
Leben. Freiheit bedeutet dann: Ich bestimme, was passiert. Ich bin nicht
abhängig von nichts und niemanden, nicht mal von mir selbst, meinem Ego
und meinen inneren Dämonen. Das klingt zunächst ziemlich
selbstbestimmt. Doch diese Vorstellung hat ihren Preis. Freiheit wird
dann zur Aufgabe, alles im Griff haben zu müssen. Jede Unsicherheit,
jede Unvorhersehbarkeit und jede Form von Abhängigkeit erscheint als
Bedrohung. Was als Befreiungsgedanke beginnt, endet nicht selten in
innerer Enge.
Eine andere Vorstellung versteht Freiheit als Entlastung.
Im
Sinne von: Ich muss nicht funktionieren, mich nicht anstrengen, nichts
leisten. Ich muss eigentlich nichts außer SEIN. Naja, außer essen
trinken, verdauen und sterben. Diese Freiheit wäre dann ein radikales
Loslassen, nicht mehr kämpfen, für nichts und gegen nichts. Das hat auch
seine Tücken, denn selbst das Loslassen wird dann zur Aufgabe und
verwandelt sich im Zweifel in ein Projekt, das gelingen muss.
Manche
Menschen verbinden Freiheit mit einem Leben ohne innere und äußere
Probleme. Nach dem Motto: Ich will keine inneren Konflikte, keine
Ambivalenzen, keinen Stress. Alles soll eindeutig, klar und
widerspruchsfrei sein. Doch wir Menschen sind von Natur aus von
unterschiedlichen Bedürfnissen, Trieben Gefühlen und Gedanken
ausgestattet. Wer Freiheit mit innerer Konfliktlosigkeit gleichsetzt,
beginnt gegen Teile seiner selbst zu kämpfen. Alles, was nicht in das
gewünschte Sebstbild passt, wird als Hindernis erlebt und soll
verschwinden. Die Suche nach Freiheit wird dadurch zu einem Kampf gegen
das eigene Erleben.
Eine weitere
Vorstellung besteht darin, Freiheit als Authentizität zu verstehen. Ich
will so denken, fühlen und handeln, wie es mir entspricht. Diese Form
der Freiheit verlangt nicht, innere Widersprüche zu beseitigen. Sie
setzt vielmehr voraus, die unterschiedlichen Stimmen, Anteile und
Impulse in uns wahrnehmen und unterscheiden zu können, ohne eine davon
sofort unterdrücken oder absolut setzen zu müssen. Freiheit bedeutet
dann uns selbst im Ganzen anzunehmen, mit allem, was wir sind oder nicht
sind. Das bedeutet nicht, frei von inneren Konflikten zu sein, sondern
uns nicht vollständig von ihnen bestimmen zu lassen.
Doch was ist Freiheit nun eigentlich für mich?
Freiheit
ist nicht die Abwesenheit aller Grenzen, Konflikte oder Abhängigkeiten.
Freiheit bedeutet auch nicht, das Leben vollständig kontrollieren zu
können oder jederzeit genau das zu tun, was ich möchte. Ein solcher
Zustand ist weder erreichbar noch menschlich.
Freiheit
beginnt für mich dort, wo ich nicht mehr ausschließlich von meinen
inneren und äußeren Bedingungen bestimmt werde. Sie zeigt sich in der
Fähigkeit, bewusst wahrzunehmen, zwischen Möglichkeiten zu unterscheiden
und entsprechend der eigenen Wahrheit zu handeln. Frei ist nicht
derjenige, der keine Ängste, Zweifel oder Widersprüche in sich trägt,
sondern derjenige, der sich von ihnen nicht vollständig beherrschen
lässt.
„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In
diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer
Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“ Für mich bringt
es dieser Satz von Viktor Frankl auf den Punkt: Freiheit besteht nicht
darin, alle Umstände kontrollieren zu können, sondern darin, wie wir uns
zu ihnen verhalten.
Freiheit schließt Grenzen daher nicht aus.
Jeder
Mensch lebt in persönlichen, biologischen, sozialen und geschichtlichen
Bedingungen. Niemand von uns hat sich seine Herkunft, seine
Vergangenheit oder viele Umstände seines Lebens ausgesucht. Freiheit
besteht vielmehr darin, innerhalb dieser Bedingungen einen
Handlungsspielraum zu entdecken und verantwortlich zu nutzen.
Innere
Freiheit entsteht, wenn Gedanken, Gefühle und Impulse nicht mehr
automatisch unser Handeln bestimmen. Äußere Freiheit entsteht dort, wo
Menschen ohne Zwang leben, denken und handeln können. Beide Formen
gehören zusammen, sind aber nicht identisch. Ein Mensch kann äußerlich
frei und innerlich gefangen sein, ebenso kann jemand unter schwierigen
äußeren Umständen eine bemerkenswerte innere Freiheit entwickeln.
Vielleicht
lässt sich Freiheit so beschreiben: Freiheit ist die Fähigkeit, dem
Leben bewusst zu begegnen, anstatt ausschließlich von Gewohnheiten,
Ängsten, Zwängen oder äußeren Umständen gesteuert zu werden. Sie ist
kein Zustand völliger Unabhängigkeit, sondern die Möglichkeit, sich
immer wieder neu und verantwortlich zum eigenen Leben zu verhalten.
Freiheit
ist kein Ziel, das irgendwann endgültig erreicht wird. Sie ist auch
kein Zustand vollkommener Kontrolle oder völliger Konfliktlosigkeit.
Freiheit ist vielmehr die Fähigkeit, dem Leben zu begegnen, offen für
das, was ist, bewusst im eigenen Denken und Handeln und bereit,
Verantwortung für die eigenen Entscheidungen zu übernehmen. Vielleicht
zeigt sich Freiheit gerade an diesen heißen Sommertagen besonders
deutlich: Nicht darin, dass die Hitze verschwindet, sondern darin, wie
wir mit ihr umgehen.
Angelika Wende
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