Mittwoch, 22. Juli 2026

Ein Mensch ist kein Projekt

 



„Das beste Projekt, an dem du je arbeiten wirst, bist du.“
Kaum ein Satz beschreibt den Zeitgeist der Selbstoptimierung so treffend wie dieser. Es ist einer jener Sätze, der uns in Social Media, in Podcasts und auf den Titelseiten von Ratgebern begegnet. Er klingt cool, motivierend und kraftvoll. Er fordert dazu auf, in sich selbst zu investieren, zu lernen, zu wachsen und das eigene Potenzial zu entfalten Schließlich ist es doch gut, sich weiterzuentwickeln, zu lernen, an sich zu arbeiten. Und doch steckt in diesem Satz etwas, das mir Unbehagen bereitet.
Ein Mensch ist kein Projekt.
In diesem Satz steckt mehr als eine Ermutigung. Er zeichnet ein Menschenbild.
 
Ein Projekt ist etwas, das geplant, gesteuert und optimiert wird. Es hat einen Anfang, ein Ziel und Kriterien, an denen sich sein Erfolg messen lässt. Projekte sollen effizient sein. Sie sollen funktionieren. Sie sollen am Ende besser sein als am Anfang.
Das eigene Leben als Projekt zu begreifen kann zu einer Haltung führen, in der der eigene Wert an ständigen Fortschritt gebunden wird. Aus Lernen wird Optimierung. Aus Selbstfürsorge wird Selbstmanagement. Aus gut wird besser und noch besser. Aus schön wird noch schöner. Wer sich selbst als Projekt betrachtet, findet keinen Ort mehr, an dem er einfach nur sein darf. Es entsteht das Gefühl, nie fertig zu sein, weil das Projekt ja immer noch verbessert werden kann.
 
Was geschieht, wenn wir beginnen, uns selbst auf diese Weise zu betrachten?
Dann wird unser Leben zur Dauerbaustelle.
Jeder Fehler ist ein Defizit. Jede Schwäche eine Aufgabe. Jede Krise ein Optimierungsfeld. Selbst Erholung bekommt einen Zweck. Sie soll leistungsfähiger machen. Selbst Achtsamkeit wird zur Technik um besser zu funktionieren. Selbst die Liebe zu uns selbst wird zu einem Punkt auf der To-do-Liste. Der Mensch wird zum Manager seiner eigenen Existenz.
 
Psychologisch betrachtet ist das kein Zufall.
Viele Menschen erleben ihren Wert nicht als etwas Gegebenes, sondern als etwas, das immer wieder bewiesen, erreicht und hergestellt werden muss. Man genügt nicht einfach. Man muss genügen. Durch Disziplin. Durch Produktivität. Durch Wachstum. Durch Leistung und Erfolg. Durch das nächste Buch, den nächsten Kurs, den nächsten Social Media Post, der beweisen soll wie cool das eigene Leben ist, wie befreiend die nächste, bessere Version seiner selbst ist.
Und wie´s da drinnen aussieht geht niemand was an. 
 
So entsteht ein paradoxes Leben.
Es wird ständig daran gearbeitet sich selbst zu optimieren, statt Selbstkenntnis und Selbstannahme zu erreichen. Dabei entfernen wir uns immer weiter von sich selbst. Ich frage mich: Wo wollen die denn eigentlich hin? Was ist denn das beste Projekt ihrer selbst, wenn es denn irgendwann fertig wäre? Wie sieht es denn aus, das Beste?
Der Philosoph Martin Buber unterscheidet zwischen einer Beziehung, in der wir einem Gegenüber wirklich begegnen, und einer Beziehung, in der wir es zum Objekt machen. Für mich gilt das auch für das Verhältnis zu uns selbst. Wir können uns selbst begegnen oder uns selbst verwalten.
Auch Martin Heidegger warnte davor, alles nur unter dem Gesichtspunkt der Verfügbarkeit und Funktion zu sehen. Sobald wir die Welt ausschließlich danach beurteilen, wie sie genutzt oder verbessert werden kann, verlieren wir den Blick für das, was einfach ist. Und genau das geschieht heute mit dem Menschen. Er wird zum Rohstoff seiner eigenen Optimierung.
Darin liegt eine tiefe Ironie, denn das Menschliche entzieht sich jeder Planung.
 
Sobald wir uns nur noch unter dem Gesichtspunkt der Leistung, des Funktionierens, des Arbeitens oder der Optimierung betrachten, verwandeln wir das lebendige „Ich“ in ein Objekt. Wir begegnen uns selbst nicht mehr als Mensch, sondern sehen uns als Aufgabe.
Man kann Gefühle nicht optimieren. Man Liebe nicht herstellen, wo sie nicht ist. Man kann Trauer nicht beschleunigen. Man kann Vertrauen nicht erzwingen. Man kann Sinn nicht produzieren. Das Wesentliche wächst dort, wo Absicht und Kontrolle enden.
 
Entwicklung ist etwas anderes als ein Projekt.
Entwicklung bedeutet nicht, ein besseres Produkt aus sich zu machen. Entwicklung bedeutet, dem eigenen Leben immer wahrhaftiger zu begegnen. Sie verlangt keine Perfektion, sondern Ehrlichkeit. Keine Makellosigkeit, sondern die Bereitschaft, sich verändern zu lassen vom Leben selbst, zu wachsen an den Erfahrungen, die wir machen, den guten und den unguten. Auf die Herausforderungen und die Fragen, die uns das Leben stellt, zu antworten, immer wieder neu. 
 
Be water my friend. Be like water …
Ein Fluss arbeitet nicht an sich selbst. Er fließt. Nicht geradlinig und nicht nach einem Fünfjahresplan. Er folgt den Bedingungen seiner Umgebung. Gerade deshalb erzählt seine Gestalt eine Geschichte. Das gilt auch für uns Menschen. Wir sind keine Maschinen, die regelmäßig gewartet und aufgerüstet werden müssen, damit sie ihre Leistung steigern. Wir sind auch keine Projekte mit einem Endzustand namens „die beste Version meiner selbst “. Wir sind fragile, verletzliche, widersprüchliche Wesen, die sich ihr Leben lang verändern, ohne jemals fertig zu werden bis wir sterben und auch dann sind wir nicht „fertig“, wir sind am irdischen Endpunkt angelangt. 
 
Und vielleicht ist genau das innere Freiheit.
Zu begreifen, nichts an uns muss repariert oder optimiert werden. Nicht jede Unsicherheit ist ein Mangel. Nicht jede Grenze ist ein Versagen. Nicht jede Schwäche ist ein Fehler. Nicht jeder Makel ist etwas, das weggemacht werden muss.
Unser Wesen will nicht überwunden, sondern verstanden werden.
Wenn wir uns als Projekt verstehen, liegt der Fokus auf Planung, Effizienz und Verbesserung. Wenn wir uns als Mensch verstehen, rückt anderes in den Vordergrund: Werden, Reifung, Beziehung, Verletzlichkeit, Erfahrung, Wahrhaftigkeit, Würde.
 
Darum ist der Satz „Das beste Projekt, an dem du je arbeiten wirst, bist du“ weniger befreiend, als er zunächst klingt.
Ein anderer Satz ist wahrer.
Du bist kein Projekt. Du bist ein Mensch.
 
Die Frage lautet: Arbeite ich an mir oder begegne ich mir?
Diese beiden Haltungen können nach außen ähnlich aussehen. Beide können zu einer Veränderung führen. Psychologisch und philosophisch unterscheiden sie sich jedoch grundlegend. Die eine betrachtet das Selbst als Objekt der Bearbeitung, die andere sieht das Selbst als lebendiges Wesen, das sich im Laufe des Lebens entfaltet.
 
Ein Mensch muss nicht fertig werden, um wertvoll zu sein.
Seine Würde entsteht nicht aus gelungener Selbstoptimierung. Sie geht jeder Veränderung voraus.
Deshalb sind Selbstkenntnis und Selbstwerdung etwas vollkommen anderes als Selbstoptimierung.
Wer sich selbst nur verbessern will, bleibt sein härtester Kritiker. Wer sich selbst begegnet, begreift, dass Entwicklung nicht dort beginnt, wo wir Teile von uns ablehnen oder verbessern, sondern dort, wo wir den Mut haben, uns selbst als Ganzes ohne Bedingungen anzusehen
Ein Mensch ist kein Projekt.
Er ist ein Leben.
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Dienstag, 21. Juli 2026

Zwischen Worten und Taten

 



Manchmal sind es nicht die großen Prüfungen des Lebens, die uns am meisten lehren, sondern die kleinen Momente, in denen wir erkennen, wer wirklich an unserer Seite steht und uns wertschätzt. Gerade in schwierigen Zeiten zeigt sich, dass Worte leicht gewählt sind, aber Anteilnahme und Nähe sich in Taten zeigen. Es sind diese Momente, in denen sich die Wahrheit über Menschen und Beziehungen zeigt. Nicht in den großen Gesten, sondern in den kleinen Reaktionen, in den Worten, die gewählt werden, den Handlungen, die getan werden. Besonders in schweren Zeiten wird sichtbar, wer wirklich Anteil nimmt und wer wirklich da ist. Es ist leicht, die richtigen Worte zu finden, wenn alles einfach ist. Erst wenn das Leben unbequem wird, erst in Momenten der Unsicherheit und Verletzlichkeit zeigt sich, ob hinter Worten auch echtes Mitgefühl steht. 
 
Eine der stillen Lektionen des Lebens ist, Erwartungen nicht an das zu knüpfen, was Menschen sagen, sondern an das, was sie bereit sind zu geben. Enttäuschungen entstehen dort, wo Erwartungen und Wirklichkeit auseinandergehen. Manchmal erkennen wir, dass das Bild, das wir von einem Menschen hatten, nicht der Realität entspricht. Nicht immer haben wir uns in einem Menschen getäuscht, manchmal haben wir nur mehr in ihm gesehen, als er bereit oder fähig war zu zeigen. Diese Erkenntnis kann schmerzhaft sein, aber sie schenkt auch Klarheit.
Gleichzeitig hält das Leben auch eine andere Erfahrung bereit. Oft kommt echtes Mitgefühl und aufrichtige Nähe gerade von Menschen, von denen wir es niemals erwartet hätten. Manchmal sind es nicht diejenigen, denen wir am meisten zugetraut haben, die in schwierigen Momenten an unserer Seite stehen, sondern Menschen, die uns mit ihrer Wärme, ihrer Aufmerksamkeit und ihrer Menschlichkeit überraschen.
 
Jeder Mensch begegnet anderen aus seiner eigenen Welt heraus mit seinen eigenen Möglichkeiten, Grenzen und seiner eigenen Art, mit schwierigen Situationen umzugehen. Am Ende sind es nicht die Umstände, sondern die Art, wie Menschen mit ihnen umgehen, die viel über ihren Charakter und ihre Haltung verrät. Und immer liegt gerade in einer Enttäuschung auch eine Erkenntnis, darüber, welche Bedeutung wir Menschen geben, welche Nähe wir erwarten dürfen und worauf wir unseren Blick in Zukunft richten.
 

Angelika Wende

www.wende-praxis.de

 

Samstag, 18. Juli 2026

Die Vorstellung des Nichts im Tode

                                  Foto: Lucas Wende



Seit meinem Krankenhausaufenthalt vor einigen Tagen ist der Tod wieder einmal näher in meine Gedanken gerückt. Ich weiß, dass er kommen wird. Diesmal ist er noch an mir vorbeigegangen.
Im Krankenhaus verliert man leicht die Illusion, mehr zu sein als ein Körper. Man wird zum Organismus im Bett, zur Zimmernummer, zur Patientenakte, zum nächsten Blutdruck, zum nächsten Laborwert. Man trägt ein Armband mit einer Nummer und wird von Untersuchung zu Untersuchung geschoben. Alles, was den Menschen ausmacht - die eigene Geschichte, seine Taten, Gedanken, Hoffnungen, Ängste tritt in den Hintergrund. Im Krankenbett bleibt ein verletzlicher Organismus aus Fleisch, Knochen und vergänglichem Leben.
Man erlebt maximalen Kontrollverlust. Andere entscheiden über den eigenen Körper. Man wird mit Medikamenten vollgepumpt und über deren Nebenwirkungen nicht aufgeklärt. Es wird gesagt, sie sind zu krank, um Entscheidungen mitzutreffen oder zu hinterfragen.
Darin liegt etwas Verstörendes. 

Das Krankenhaus konfrontiert mit einer Wahrheit, die wir im Alltag verdrängen. Wir sind sterbliche Wesen. Der Körper, mit dem wir uns so selbstverständlich identifizieren, ist zerbrechlich, störanfällig, zerstörbar und endlich. Für eine Weile schrumpft das Ich auf das Maß seiner biologischen Existenz zusammen. Diese Erfahrung ist schwer auszuhalten, weil sie den Glauben erschüttert, mehr zu sein als ein vergänglicher Körper auf Zeit. Weil sie die Vorstellung infrage stellt, dass es in uns ein unvergängliches Selbst gibt.

Wieder einmal denke ich an das Konzept vom ewigen Leben, an das viele Menschen glauben, ich jedoch nicht. Mir stellt sich bei dem Konzept vom ewigen Leben immer wieder die Frage: Warum sollte dieses zeitlose Zuhause existieren?
Weil der Mensch nicht willens oder fähig ist, sich selbst als vergänglich zu sehen, seiner Zerstörbarkeit und seiner eigenen Sterblichkeit ins Auge zu blicken, nicht willens anzuerkennen, dass es Lebendiges gibt, das leblos und tot werden kann, sich auflösen kann, vergehen kann, zu Staub werden kann, zu Nichts?
Das Nichts.
Der Mensch kann sich das Nichts nicht vorstellen. Geredet wird viel darüber, auch von den Philosophen. So meint Epikur: „Solange wir existieren, ist der Tod nicht da; und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr. Nichtexistenz Tod.
Aber was dieses Nichts ist, darauf gibt auch Epikur nicht die Antwort. Epikur wollte wohl gar nicht erklären, was das Nichts ist. Sein Argument lautet vielmehr: Der Tod geht uns nichts an, weil wir ihn niemals erleben können. Solange wir leben, ist der Tod nicht da; wenn der Tod da ist, sind wir nicht mehr. Ihm ging es weniger um das Wesen des Nichts als um die Auflösung der Todesangst.

Das Wesen des Nichts. Dazu reicht die Vorstellungskraft des menschlichen Gehirns nicht aus. Es kann sich nicht vorstellen wie es ist, wenn es überhaupt nichts gibt. Es kann sich das Nichts nicht vorstellen. könnte es das, wäre es ja wieder etwas und nicht Nichts. Tatsächlich stößt unsere Vorstellungskraft hier an Grenzen, weil jedes Vorstellen bereits einen Inhalt erzeugt. So sucht der seine Rettung vor dem unvorstellbaren Nichts in der Vorstellung vom ewigen Leben, vom zeitlosen ewigen Zuhause des Selbst. Für mich ist diese Vorstellung die Abwehr der Angst vor dem eigenen Tod. Man könnte sagen: eine omnipotente Strategie der Verleugnung des eigenen Verschwindens ins Nichts. 


Ich glaube, je einverstandener man mit dem gelebten Leben ist, je weniger Bedauern es am Lebensende gibt, desto weniger hat man Angst um die Nichtexistenz des eigenen Selbst und desto weniger wird man sich an die Vorstellung eines zeitlosen ewigen Zuhauses klammern.
Wenn alles Wandel und Veränderung ist, gibt es auch kein festes und kein ewiges Selbst, an das es sich zu klammern lohnt. Dieses Anklammern des Menschen an etwas, das er als sein unzerstörbares Selbst betrachtet, ist eine Quelle des Leidens. Dieser Gedanke findet sich auch im Buddhismus wieder. Das Prinzip des Nicht-Selbst (Anatta) besagt, dass es kein unveränderliches, ewiges Ich gibt. Was wir als unser „Selbst“ erleben, ist vielmehr ein fortwährender Prozess aus Körper, Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühlen und Bewusstsein – alles befindet sich im ständigen Wandel. 

Die Vorstellung eines bleibenden Selbst ist eine Konstruktion des Geistes. Je stärker wir uns an diese Konstruktion klammern, desto größer werden Angst, Verlust und Leiden. In diesem Sinne erscheint mir auch die Hoffnung auf ein ewiges Leben als Ausdruck des Wunsches, etwas festzuhalten, das seiner Natur nach niemals fest war.
Wie sagte Frida Kahlo einmal: "Ich erwarte freudig den Ausgang – und hoffe, nie wieder zurückzukehren."
Das hoffe ich auch.
Und bis dahin ...
Viva la Vida!

Dienstag, 14. Juli 2026

Aus der Praxis: Wenn Leiden zur Identität wird

 

                                                Zeichnung: A.Wende


Leiden gehört zum menschlichen Leben. Es kann uns erschüttern, verändern und tiefe Spuren hinterlassen. Problematisch wird es jedoch, wenn ein Mensch beginnt, sich ausschließlich über sein Leid zu definieren. Dann wird das Erlebte nicht mehr als ein Teil der eigenen Geschichte verstanden, sondern als die eigene Identität.

Menschen, die sich vollständig mit ihrem Leiden identifizieren, erleben sich häufig vor allem als Opfer ihrer Lebensumstände.  

Gedanken, Gefühle und Gespräche kreisen ständig um Verletzungen, Verluste oder Ungerechtigkeiten. Das Leid wird zum zentralen Bezugspunkt des Selbstbildes und bestimmt den Blick auf die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Gerade bei Menschen mit einer Traumageschichte besteht häufig ein tiefes Bedürfnis, mit ihrem Erleben gesehen, mit dem eigenen Schmerz wahrgenommen, Anerkennung für ihr Erleben zu erfahren und geglaubt zu werden. Die wiederholte Hinwendung zum eigenen Leid ist dabei oft nicht Ausdruck von Schwäche oder mangelndem Veränderungswillen, sondern der Versuch, Verbindung zu anderen herzustellen. 

Das Erzählen des Schmerzes wird zur Sprache der Beziehung, weil andere Formen von Vertrauen und Nähe durch die traumatischen Erfahrungen erschwert wurden.  

So kann sich eine Identität entwickeln, die in hohem Maß um Leid und Opfererfahrungen aufgebaut ist. Gleichzeitig fällt es Betroffenen oft schwer, andere Quellen von Selbstwert, Zugehörigkeit oder Nähe zu erleben. Beziehungen werden unbewusst vor allem dort als sicher erfahren, wo Schmerz, Hilfsbedürftigkeit oder Verletzlichkeit wahrgenommen und beantwortet werden. Daraus kann sich eine Dynamik entwickeln, in der Krankheit, Gefahr und Hilfsbedürftigkeit zur wichtigsten Sprache für Beziehung und Verbundenheit werden. Dies geschieht in der Regel nicht bewusst oder absichtlich, sondern als Folge früher Beziehungserfahrungen, in denen Aufmerksamkeit, Schutz oder Zuwendung vor allem in Situationen großer Not verfügbar waren. Gerade bei Menschen mit traumatischen Erfahrungen und zusätzlicher sozialer Isolation besteht die Gefahr, dass sich die eigene Identität nahezu vollständig um Leid, Verletzlichkeit und Abhängigkeit organisiert. Je länger diese Erfahrungen das Leben bestimmen, desto schwieriger wird es, sich selbst auch als kompetent, liebenswert, kreativ oder wirksam zu erleben.

Aus existenzanalytischer Sicht liegt hierin die Gefahr, dass der Mensch seine Fähigkeit zur Selbstdistanzierung verliert. Er erlebt sich nicht mehr als jemand, der Leid erfährt, sondern als sein Leid. 

Dadurch verengt sich der Blick für die eigenen Möglichkeiten, für Beziehungen, Werte und Aufgaben, die trotz aller Belastungen weiterhin vorhanden sind. Der therapeutische Auftrag besteht deshalb nicht darin, das Leid kleinzureden oder vorschnell zu relativieren. Schmerz braucht Anerkennung, Mitgefühl und einen geschützten Raum, in dem er bezeugt werden kann. Gleichzeitig geht es darum, nach und nach auch die anderen Seiten des Menschen wieder sichtbar werden zu lassen. Seine Fähigkeiten, seine Interessen, seine Werte, seine Beziehungen und seine Möglichkeiten, das eigene Leben mitzugestalten. Identität darf sich erweitern, vom leidenden Menschen hin zu einem Menschen, der zwar Leid erfahren hat, dessen Genzheit jedoch weit über diese Erfahrungen hinausreicht.

Ein solcher Prozess kann durch Fragen angeregt werden, die den Blick behutsam vom Leid auf die gesamte Person und ihre Handlungsmöglichkeiten lenken:

Wer bin ich außer jemand der Hilfe braucht?

Welche Momente im Alltag geben mir Kraft oder Freude, auch wenn sie klein sind?

Was kann ich selbst beeinflussen oder gestalten?

Wie können andere Menschen mir nah sein, ohne dass zuvor etwas Schlimmes passieren muss?

Diese Fragen laden dazu ein, neue Erfahrungen von Selbstwirksamkeit, Verbundenheit und Identität zu entwickeln. Sie eröffnen die Möglichkeit, sich nicht nur als hilfsbedürftiger Mensch zu erleben, sondern auch als jemand, der Fähigkeiten besitzt, Beziehungen gestalten kann und trotz aller Belastungen Einfluss auf das eigene Leben nimmt.

Selbsttranszendenz eröffnet in diesem Prozess eine neue Perspektive. Sie bedeutet nicht, das Leiden zu verdrängen oder kleinzureden, sondern den Blick über das eigene Schicksal hinaus zu richten. Der Mensch fragt nicht mehr nur: „Was ist mir widerfahren?“, sondern auch: „Was kann ich trotz allem verwirklichen?“ oder „Wem kann ich mit meinen Erfahrungen dienen?“ Das Leid verliert dadurch nicht seine Bedeutung, aber es verliert seinen Alleinanspruch auf die Identität. Wir sind mehr als das, was uns zugestoßen ist. Unsere Würde gründet nicht in unserer Verletzlichkeit, sondern in der Freiheit, uns immer wieder neu zu unseren Lebensbedingungen zu verhalten. Gerade darin liegt die Möglichkeit, aus einer Identität des Leidens zu einer Identität der Eigenverantwortung, der Sinnorientierung und des inneren Wachstums zu gelangen.

 

Angelika Wende

Kontakt: aw@wende-praxis.de

Samstag, 11. Juli 2026

Heimat – die Suche nach dem Ort, an dem wir sind

 

                                                  Foto: Frank Widmann R.I.P


Was ist Heimat? Ein vertrauter Ort, eine Landschaft, ein Haus, eine Sprache und vor allem die Menschen, durch die wir uns erkannt und angenommen fühlen? Heimat entsteht dort, wo wir uns zugehörig, verbunden geborgen, verstanden und getragen fühlen. Wenn die Menschen aus unserem Leben verschwinden, die für uns Heimat waren, entsteht eine grundlegende Frage: Lag unsere Heimat jemals wirklich in diesen Menschen oder haben sie uns nur für einen Moment in der Zeit das Gefühl gegeben eine Heimat zu besitzen? Waren es diese Menschen die uns das Gefühl gaben zuhause zu sein?

Ihr Verlust zeigt uns, dass Heimat niemals nur etwas Äußeres war. Die Menschen, die uns Heimat gegeben haben, waren wie eine Brücke zum Gefühl des Angekommenseins. Durch sie erfuhren wir eine Form von Geborgenheit, die wir selbst nicht erzeugen konnten. Indem sie uns dieses Gefühl schenkten, haben sie zugleich etwas in uns hinterlassen. Etwas, das bleibt auch wenn sie gegangen sind. In uns. Und doch, auch wenn wir dieses Gefühl in uns bewahren, unsere Heimat scheint uns verloren. Was bleibt ist die Sehnsucht, das Heimweh.

Es ist eine schmerzhafte Erfahrung, dass wir nichts, was uns Heimat gibt, dauerhaft festhalten können. Jeder Ort verändert sich, Beziehungen ändern ihre Form oder sind vergänglich, jeder Mensch, alles ist dem Wandel unterworfen. Wenn wir Heimat nur an das binden, müssen wir sie irgendwann verlieren. Und damit verlieren wir auch ein Stück unserer alten Identität. Wir fühlen uns nicht nur äußerlich heimatlos, sondern auch Innen. Wir fühlen uns lost. Wohin mit mir? Wer bin ich jetzt ohne meine Heimat?

Vielleicht liegt das Wesen von Heimat nicht in der Beständigkeit eines Ortes oder der Anwesenheit bestimmter Menschen, sondern in einer tieferen Beziehung zum Sein selbst. Heimat ist dann nicht etwas, das wir besitzen, sondern eine Art des In-der-Welt-Seins, ein Gefühl, mit dem eigenen Dasein verbunden zu sein. Die Menschen, die uns Heimat waren, haben uns einen Ort gegeben, sie haben uns erfahren lassen, wie es ist angekommen zu sein - bei ihnen, mit ihnen. Nun sind sie fort und es gibt nur noch ein „bei uns“, „mit uns“. Dann ist Heimat kein Platz und kein Gegenüber. Sie ist in uns selbst. Das, was bleibt, wenn alle äußeren Sicherheiten und Säulen verschwinden. Der Ort, an dem wir nicht mehr danach fragen müssen, wo wir hingehören, weil wir erkennen, dass wir bereits Teil dessen sind, wonach wir gesucht haben. Heimat ist dann nicht das, was wir niemals verlieren. Heimat ist das, was uns auch im Verlust noch ein Platz ist. Sie ist das, was uns von Innen hält, wenn sonst alles wegfällt. 

 

Angelika Wende

www.wende-praxis.de

 

 

Freitag, 10. Juli 2026

Aus der Praxis: Wenn Selbstmitleid und Opferhaltung zur Falle werden – Das Drama-Dreieck verstehen

 

                                                                                       Malerei: A.Wende


Jeder Mensch erlebt Zeiten, in denen er sich verletzt, überfordert oder ungerecht behandelt fühlt. Sich Unterstützung zu wünschen und den eigenen Schmerz ernst zu nehmen, ist menschlich und wichtig. Problematisch wird es jedoch dann, wenn aus einer Krise eine dauerhafte Opferhaltung entsteht. Menschen in einer Opferrolle erleben häufig, dass das eigene Leben von äußeren Umständen bestimmt wird. Sie fühlen sich hilflos und machtlos und haben wenig Selbstbewusstsein und zweifeln an ihrer Selbstwirksamkeit. Die Verantwortung für das eigene Leid wird dann überwiegend im außen gesehen, bei anderen Menschen, der Vergangenheit, den Eltern oder dem Schicksal. Dadurch entsteht das Gefühl, kaum Einfluss auf das eigene Leben zu haben. Das hat zur Folge, dass diese Menschen sich unbewusst einen Retter suchen, der ihre Probleme lösen soll.

Der Psychiater Stephen Karpman beschrieb dieses Muster mit dem sogenannten Drama-Dreieck.  

Es besteht aus drei Rollen: Opfer, Retter und Verfolger. Diese Rollen wirken oft unbewusst zusammen und halten belastende Beziehungsmuster aufrecht. Das Opfer fühlt sich hilflos, ungerecht behandelt oder machtlos und hofft, dass jemand die Situation verändert. Der Retter springt ein, übernimmt Verantwortung und versucht Probleme zu lösen, oft weit über die eigenen Grenzen hinaus. Das Opfer wird zum Verfolger sobald seinen Erwartungen nicht erfüllt werden. Es kritisiert, macht Vorwürfe oder übt Druck aus. Das Entscheidende ist: Diese Rollen sind nicht fest. Menschen wechseln häufig zwischen ihnen.

Ein typischer Ablauf 

Jemand fühlt sich als Opfer und sucht Hilfe. Eine anderer übernimmt die Rolle des Retters und investiert viel Zeit und Energie. Bleiben Veränderungen zum Guten aus, fühlt sich der Retter irgendwann frustriert und wird zum Verfolger. Es entstehen Vorwürfe wie „Du willst weiter klagen und dir nicht wirklich helfen lassen.“ Das Opfer fühlt sich dadurch erneut bestätigt: „Niemand versteht mich, niemand hilft mir.“ Der unheilsame Kreislauf beginnt von vorn.

Besonders der Retter glaubt oft helfen zu müssen, weil der andere so viel Hilflosigkeit zeigt und geht dabei über seine eigenen Grenzen. 

Doch echte Unterstützung bedeutet nicht, einem Menschen seine Verantwortung abzunehmen. Wer dauerhaft rettet, nimmt dem anderen die Möglichkeit, eigene Lösungen zu entwickeln. Gleichzeitig erschöpft der Retter sich selbst, weil er eine Verantwortung trägt, die nicht seine ist.

Auch Selbstmitleid kann Teil dieses Kreislaufs sein.  

Kurzfristig spendet es Trost und Verständnis für das eigene Leid. Bleibt es jedoch bestehen, richtet sich der Blick immer wieder auf das Leid, während Handlungsmöglichkeiten in den Hintergrund treten. Gespräche drehen sich um dieselben Probleme, Lösungsvorschläge werden als unmöglich erlebt, nicht umgesetzt oder zurückgewiesen. Das Umfeld fühlt sich zunehmend hilflos und überfordert. 

Selbstmitleid wird übrigens häufig mit Selbstmitgefühl verwechselt, doch es gibt einen wichtigen Unterschied. 

 Selbstmitgefühl bedeutet, das eigene Leid anzuerkennen und sich selbst mit Verständnis, Geduld und Freundlichkeit zu begegnen. Es beinhaltet gleichzeitig die Bereitschaft, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Selbstmitleid dagegen hält an der eigenen Verletzung fest. Es richtet den Blick vor allem darauf, was einem an Ungutem widerfahren ist, wer schuld ist oder warum die eigene Situation besonders schwer erscheint. Es sucht nicht nach Entwicklung, sondern nach wiederholter Bestätigung des eigenen Leids. Gespräche drehen sich immer wieder um dieselben Verletzungen, während Lösungen, neue Perspektiven oder Eigenverantwortung schwer erreichbar erscheinen. Selbstmitgefühl fragt: „Was brauche ich, um mit dieser Situation gut umzugehen?“ Selbstmitleid fragt: „Warum passiert das immer mir?“Für das Umfeld kann dies belastend werden, weil Angehörige und Freunde zunehmend das Gefühl bekommen, emotional tragen zu müssen, was der andere selbst nicht tragen möchte. Der Ausstieg beginnt mit der Erkenntnis: Mein Schmerz verdient Mitgefühl, aber er darf nicht meine gesamte Identität bestimmen.

Der Ausstieg aus dem Drama-Dreieck beginnt dort, wo jeder seine eigene Verantwortung übernimmt. 

Das bedeutet nicht, Schmerz oder Ungerechtigkeit zu leugnen. Es bedeutet für das Opfer, sich zu fragen: „Was kann ich selbst beeinflussen?“ Ebenso wichtig ist es, als Helfender zu erkennen, dass Unterstützung nicht bedeutet, das Leben eines anderen zu übernehmen oder ihn zu heilen.

Niemand kann einen anderen Menschen heilen

Man kann begleiten, zuhören, unterstützen und Liebe geben, aber die innere Veränderung muss immer von der betroffenen Person selbst ausgehen. Der Grund dafür liegt darin, dass Heilung und Veränderung keine äußeren Vorgänge sind, die ein anderer Mensch für uns erledigen kann. Jeder Mensch trägt seine eigene Geschichte, seine eigenen Erfahrungen, seine eigenen Gedanken- und Gefühlsmuster in sich. Nur er selbst kann diese Muster erkennen, neue Entscheidungen treffen und Verantwortung für den eigenen Entwicklungsprozess übernehmen. Ein anderer Mensch kann eine sichere Umgebung schaffen, Mut machen oder einen neuen Blickwinkel anbieten. Er kann jedoch nicht die Vergangenheit ungeschehen machen, innere Konflikte lösen oder die Selbstannahme eines anderen erzwingen. Wer versucht, einen anderen Menschen zu retten, übernimmt eine Aufgabe, die nicht erfüllbar ist und verliert dabei im Zweifel die Verbindung zu den eigenen Bedürfnissen und Grenzen. Bleiben Veränderungen aus oder werden Hilfsangebote immer wieder abgelehnt, kann der Retter frustriert reagieren und in die Rolle des Verfolgers wechseln. Es entstehen Distanz, Vorwürfe oder Ungeduld. Das Opfer fühlt sich dadurch erneut bestätigt: „Niemand versteht mich, niemand hilft mir.“ Der Kreislauf beginnt von vorne.

Auch Helfende dürfen lernen, dass Liebe und Unterstützung nicht bedeuten, einen anderen Menschen zu retten. Ein Retter kann begleiten, zuhören und ermutigen, aber er kann niemandem die eigene Entwicklung abnehmen.

Gesunde Beziehungen entstehen nicht zwischen Opfer und Retter, sondern zwischen zwei Menschen, die sich auf Augenhöhe begegnen. Hilfe darf stärken, aber nicht abhängig machen. Mitgefühl darf trösten, aber nicht in Selbstmitleid festhalten. Und Verantwortung darf geteilt werden, ohne sie dem anderen abzunehmen. Der Weg aus dem Drama-Dreieck führt nicht über Schuld oder Härte, sondern über Bewusstsein, Grenzen und Selbstverantwortung. Wer sein Leid anerkennt, ohne darin stecken zu bleiben, gewinnt die Möglichkeit zurück, das eigene Leben aktiv zu gestalten.

Wer darauf wartet, gerettet zu werden, gibt unbewusst die Verantwortung für sein Leben ab. Wer ständig andere rettet, verliert leicht sich selbst. Wirkliche Veränderung beginnt dort, wo Verantwortung und Mitgefühl zusammenfinden. Wahre Hilfe bedeutet nicht, jemanden zu retten. Wahre Hilfe bedeutet, einem Menschen zuzutrauen, dass er seinen eigenen Weg gehen und seine eigene Kraft wiederfinden kann.

 

Angelika Wende

Kontakt: aw@wende-praxis.de

 

 

Dienstag, 7. Juli 2026

Entscheidungen

 

                                                                    Foto: Lucas Wende

 
 
Ich stehe vor einer großen Entscheidung. Verlasse ich dieses Land oder bleibe ich an meinem gewohnten Platz? Diese Entscheidung ist schwer. Es ist nicht einfach Vertrautes zu verlassen, andererseits ist es eine Möglichkeit noch einmal etwas vollkommen Neues zu erfahren und zu gestalten.
 
Wir alle müssen täglich Entscheidungen treffen. Und große Entscheidungen zu treffen gehört zu den schwierigsten Aufgaben des Lebens. 
Wir wünschen uns eindeutige Gewissheit, doch in den meisten Situationen gibt es sie nicht. Stattdessen erleben wir eine innere Spannung. Ein Teil von uns möchte Sicherheit und Vertrautheit, ein anderer spürt den Wunsch nach Veränderung und Entwicklung.
Wir sind zerrissen.
 
Entscheiden heißt, dass wir einer Möglichkeit den Vorzug vor einer anderen geben
Mit jeder Entscheidung sagen wir nicht nur "Ja" zu etwas, sondern auch "Nein" zu allem, was wir damit ausschließen. Entscheidungen können schwerfallen, denn sie machen aus vielen denkbaren Zukünften eine tatsächlich gelebte.
 
Entscheidungen schaffen Wirklichkeit.
Solange wir zwischen Möglichkeiten abwägen, bleibt alles offen. Erst durch die Entscheidung nimmt eine Möglichkeit Gestalt an. Wir handeln nicht nur, wir gestalten etwas. Jede Entscheidung verlangt den Verzicht auf Gewissheit. Wir haben weder vollständige Informationen noch haben wir Garantien. Entscheiden bedeutet das Risiko einzugehen, dass sich der gewählte Weg anders entwickelt als wir es usn wünschen oder erwarten. Unsere Entscheidungen drücken zudem unsere Werte aus. Hinter jeder Entscheidung steht die Frage: Was ist mir wirklich wichtig?, und nicht: Was ist objektiv richtig? Der Philosoph Søren Kierkegaard sah im Entscheiden einen Akt der Selbstwerdung. Wir sind nicht einfach, wer wir sind, wir werden es auch durch die Entscheidungen, die wir treffen. Entscheidungen formen Identität.
 
In solchen Phasen des Entscheidens gleicht unser Leben einer Wanderung durch unbekanntes Gebiet. Der Weg ist nicht klar sichtbar, die Orientierung entsteht erst während wir ihn gehen. Die Frage ist dann weniger, welche Entscheidung absolute Sicherheit verspricht, sondern welche Richtung im Einklang mit unseren Werten und Bedürfnissen steht. Das Gefühl von Unsicherheit, das sich einstellt, gehört zu jedem großen Entscheidungsprozess. Wenn wir uns auf Veränderungen einlassen, verlassen wir unsere Komfortzone, wir verlassen vertraute Orte, nahe Menschen, Denkmuster und liebgewonnene Gewohnheiten. Das kann tief verunsichern, zugleich aber öffnet sich die Möglichkeit, neue Erfahrungen zu machen, zu wachsen und unser Leben zu erweitern.
 
Entscheidungen sagt man, erfordern Klarheit.
Aber ist das so? Muss, kann ich absolute Klarheit haben?
Manchmal entsteht Klarheit nicht vor einer Entscheidung, sondern erst durch sie. Indem wir ins Handeln kommen, sammeln wir Erfahrungen. Wir überprüfen unsere Annahmen und gewinnen ein tieferes Verständnis dafür, was wirklich zu uns passt. Entscheidungen sind kein einmaliger Akt, sondern Teil eines fortlaufenden Lernprozesses. Nicht die vollständige Gewissheit weist den Weg, sondern die Bereitschaft, uns mit Offenheit, Neugier, Aufmerksamkeit, Mut und Vertrauen auf den eigenen Entwicklungsweg einzulassen.
Der Weg selbst, die Erfahrungen, die wir sammeln, sind ebenso wichtig sind wie das Ziel, das wir anstreben. Wir entwickeln uns nicht nur dadurch, dass wir überlegen, sondern dadurch, dass wir Erfahrungen machen.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de