Sonntag, 14. Juni 2026

Versuchung

 

                                                                        Foto: A.Wende


Ich habe mich heute morgen gefragt, warum Versuchungen manchmal eine solche Macht über uns haben. Warum ein Stück fetter Kuchen interessanter erscheint als alle guten Vorsätze mich gesund zu ernähren. Warum ich genau dann ein Buch in die Hand nehme, wenn ich eigentlich konzentriert arbeiten möchte. Warum Menschen zu Orten und in Beziehungen zurückkehren, von denen sie längst wissen, dass sie ihnen nicht guttun. Warum wir manchmal Dinge tun, die nicht mit den eigenen Werten in Einklang sind.
Lange dachte ich, Versuchung habe etwas mit Willensschwäche zu tun. Ein starker Charakter widersteht. Wer schwach ist, gibt nach. Zum Teil stimmt das, aber es greift zu kurz. Die Versuchung ist selten das eigentliche Problem. Sie ist meist nur die sichtbare Oberfläche von etwas, das viel tiefer liegt.
Versuchungen tauchen fast immer dort auf, wo etwas in uns unerfüllt ist. Sie versprechen Entlastung, Genuss, Trost, Nähe, Intensität, Flucht oder Ablenkung. Sie bieten eine schnelle Lösung an. Nicht unbedingt eine gute Lösung, aber eine unmittelbare. Vielleicht liegt genau darin ihre Macht.
 
Die Versuchung spricht nicht zu unserem klaren Teil. 
Sie spricht zu dem Teil in uns, der müde ist, traurig, frustriert, gelangweilt, überfordert, einsam oder hungrig, nicht nach Nahrung, sondern nach etwas, das fehlt. Und dann beginnt der innere Kampf. Wir führen ihn, als wären Versuchungen Feinde, die besiegt werden müssten. Wir sprechen von Disziplin, Selbstkontrolle und Verzicht. Doch selten fragen wir bewusst, warum die Versuchung überhaupt da ist.
Die Frage lautet nicht: Wie widerstehe ich?
Die Frage lautet: Was suche ich eigentlich?
Vielleicht suche ich Ruhe im Kopf und stattdessen lenke ich mich ab. Vielleicht suche ich Verbundenheit und scrolle im Internet. Vielleicht suche ich Trost und finde ihn im Essen. Vielleicht suche ich Intensität und lande bei einem Menschen, der mir nur für den Moment das Gefühl gibt, lebendig zu sein, aber der Falsche ist. Und wieder einen Frosch geküsst. 
 
Versuchungen sind in diesem Sinne oft schlechte Antworten auf gute Fragen. Sie zeigen uns etwas über unsere Bedürfnisse, auch wenn sie diese Bedürfnisse nicht wirklich erfüllen.
Das bedeutet nicht, jeder Versuchung nachzugeben. Manche Versuchungen führen uns in Abhängigkeiten, andere in Beziehungen, die uns schaden, wieder andere in unheilsame Verhaltensweisen, die wir bereuen. Aber es bedeutet: Es lohnt sich, unsere Versuchungen zu ergründen, ihnen zuzuhören, bevor wir sie bekämpfen. Denn jede Versuchung erzählt eine Geschichte, darüber, was uns fehlt. Und damit beginnt Selbstverständnis, in dem Moment, in dem wir aufhören zu fragen, warum wir so schwach sind, und anfangen zu fragen, wonach wir uns in Wahrheit sehnen.

Donnerstag, 11. Juni 2026

Die Illusion vom besten Selbst


 
Werde zur besten Version deiner selbst!“, ist eine in den sozialen Medien verbreitete allgegenwärtige Idee. Zur „besten Version seiner selbst“ werden wollen ist durchaus problematisch, nicht weil Entwicklung oder Wachstum etwas Schlechtes sind, sondern weil dieses Konzept auf einer fragwürdigen Grundannahme beruht: dem Gedanken, dass der gegenwärtige Mensch, der man ist, noch nicht gut genug ist.
Das geht noch besser. Nach dem Motto: Wenn ich nur disziplinierter, attraktiver, erfolgreicher, gelassener, sportlicher, produktiver werde, werde ich endlich glücklich sein.
Das Problem dabei ist, dass das Selbst zum permanenten Optimierungsprojekt wird. Der Mensch ist, so wie er ist, nicht okay, sondern orientiert sich an einem idealisierten Zukunftsbild seines Selbst.
Aus psychologischer Sicht entsteht dadurch eine Spaltung zwischen dem realen Selbst und dem idealen Selbst. Je größer die Distanz zwischen beiden „Versionen“ erlebt wird, desto stärker werden Gefühle von Unzulänglichkeit oder Scham, desto härter wird die Selbstkritik und die Selbstabwertung. Man erlebt sich nicht mehr als jemand, der sich entwickelt, sondern als jemand, der ständig hinter seinem eigenen Anspruch zurückbleibt.
 
Übrigens, das sogenannte „beste Selbst“ existiert nicht.
Wir Menschen sind keine Maschinen mit einem optimalen Endzustand. Deshalb steckt in der Formulierung „die beste Version meiner selbst“ eine höchst fragwürdige Annahme. Sie suggeriert, es gäbe irgendwo eine ideale Endfassung des Selbst, die nur noch freigelegt oder erreicht werden muss. Es gibt kein endgültiges Selbst, sondern der Mensch selbst ist ein fortlaufender Prozess des Werdens.
By the way: Wer will eigentlich die beste Version von mir? Wer entscheidet überhaupt, welche Version meines Selbst die „beste“ ist?
 
Das Leben bleibt nicht plötzlich stehen, es geht weiter.
Immer wieder gibt es neue Herausforderungen, neue Erfahrungen, neue Grenzen, neue Konflikte, neue Verluste und neue Verletzungen. Wer glaubt, irgendwann die endgültig beste Version seiner selbst erreicht zu haben, jagt einem Phantom hinterher.
 
Besonders problematisch wird das Konzept bei Menschen mit unsicherem Selbstwert. Für sie wird Selbstoptimierung leicht zu einer verdeckten Form der Selbstablehnung. Hinter dem Wunsch nach Wachstum steht dann unbewusst der Gedanke: „So wie ich jetzt bin, bin ich nicht gut genug.“ Die Verbesserung dient dann nicht dem eigenen inneren Wachstum, sondern der Hoffnung, endlich Anerkennung, Liebe oder sonstwas zu bekommen.
 
Manche Menschen geraten nach Trennungen in diese Dynamik. Sie wollen die „beste Version ihrer selbst“ werden, um dem ehemaligen Partner und der (Instagram)Welt zu beweisen, was er verloren hat. Die vermeintliche Selbstoptimierung ist dabei psychisch an den Ex-Partner gebunden. Die Veränderung erfolgt nicht aus innerer Motivation heraus, sondern als Abwehrreaktion auf eine Kränkung.
Alles höchst ungesund.
Gesünder ist es, nicht die beste, sondern die vollständigere Version unserer selbst zu werden. Dazu gehört alles, was uns ausmacht, nicht nur das, was wir uns wünschen zu sein.
Selbstwerdung entsteht nicht dadurch, dass wir alles Schwache, Ungeliebte und Schmerzhafte überwinden, sondern dadurch, dass wir alles integrieren. Wir entwickeln uns nicht dadurch, dass wir uns in Teilen ablehnen, sondern dadurch, dass wir uns als der Mensch, der wir im Ganzen sind, annehmen und achten. 
 
Wachstum wird erst dann möglich, wenn wir uns nicht als Mängelexemplar begreifen. Veränderung entsteht dort, wo Selbstkritik durch Selbstverständnis und Selbstmitgefühl ersetzt wird. Reife entsteht nicht aus der Abwertung unseres gegenwärtigen Selbst, sondern aus der Fähigkeit, uns auch in unserer Unvollkommenheit zu achten und zu würdigen. Wer sich nur verändern will, weil er nicht sein möchte, wer er ist, bleibt im inneren Konflikt gefangen. Wirkliche Entwicklung beginnt dort, wo wir aufhören, gegen uns selbst zu kämpfen. Also nicht: Wie werde ich die beste Version meiner selbst?, sondern: Wie kann ich aufhören, gegen die Version meiner selbst zu kämpfen, die ich gerade bin? 
 
"Das Beängstigendste ist, sich selbst vollständig anzunehmen. Nicht sich zu verbessern. Nicht über sich hinauszuwachsen. Sondern sich anzunehmen." C.G.Jung
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Mittwoch, 10. Juni 2026

Wenn ein tiefes Bedürfnis unerfüllt bleibt

 

                                                                   Foto: A.Wende

 
Wenn wir ein tiefes Bedürfnis nicht leben können, ist es möglich, dass wir in hochgradige Hoffnungslosigkeit abrutschen. Wenn etwas dauerhaft nicht gelebt werden kann, fordert das psychisch einen schweren Tribut. Wir leben wir in einer permanenten inneren Spannung. Wir fühlen einen permanenten Schmerz. Wir fühlen eine innere Leere, die sich nicht füllen lässt.
Da ist das Bedürfnis und da ist die Grenze, die uns von seiner Erfüllung trennt. Eine Grenze, die sich nicht beseitigen lässt. Je länger wir versucht haben diese Grenze zu überwinden und je öfter der Versuch zu keinem Erfolg führte, desto möglicher ist es, dass wir die Hoffnung verlieren, dass dieses Bedürfnis jemals erfüllt wird. Diese Hoffnungslosigkeit entsteht aber nicht allein aus dem unerfüllten Bedürfnis, sondern aus dem Gefühl, dass das ganze Leben dadurch seinen Sinn verliert.
Dieser Gedanke ist verständlich.
Gleichzeitig birgt er die Gefahr in sich, dass das wir unser gesamtes Lebensglück an eine Bedingung knüpfen: Erst wenn dieses Bedürfnis erfüllt ist, ist mein Leben gut. 
 
Wenn wir so empfinden hilft es uns zu fragen:
Welches Grundbedürfnis steckt dahinter, und gibt es andere Wege um uns dieses Bedürfnis zumindest teilweise zu erfüllen?
Also: Was ist das Bedürfnis selbst und was braucht es konkret um es zu erfüllen?
Wenn wir uns z.B. nach Liebe, Nähe und Verbundenheit sehnen und da niemand ist, den wir lieben und mit dem wir uns verbunden fühlen, könnten wir Verbundenheit auf anderen Wegen herstellen. Wir können z.B. anderen Menschen helfen, uns um ein Tier kümmern oder uns Orte suchen an denen Menschen mit ähnlichen Interessen zusammenfinden und sie teilen. Das ist zwar nicht das Gleiche wie eine liebevolle Beziehung, aber es ist ein wenig mehr als nichts. Schon dieses Wenige kann die Hoffnungslosigkeit abmildern. 
 
Manchmal aber gibt es keine Kompensation.
Wenn sich eine Frau ein Kind wünscht, wird sie nicht zufriedener, wenn sie sich ein kreatives Hobby sucht. Es ist auch nicht hilfreich, wenn sie sich einredet, das Bedürfnis sei unwichtig. Es ist wichtig zu trauern über das, was unerfüllt bleibt und anzuerkennen: „Ja, das fehlt mir wirklich.“ 
 
Das Problem ist nicht der Wunsch nach der Erfüllung des Bedürfnisses. Das ist zutiefst menschlich. Das Problem entsteht, wenn wir innerlich auf Wartestellung bleiben.
Paradoxerweise lässt die Hoffnungslosigkeit dann nach, wenn wir aufhören unseren Lebenssinn oder unsere Lebensqualität vollständig an die Erfüllung dieses einen tiefen Bedürfnisses zu knüpfen. Das bedeutet nicht, den Wunsch aufzugeben, sondern andere Quellen von Sinn, Verbundenheit, Nähe, Wachstum oder Freude zu finden und zu kultivieren.
 
Wenn wir ein tiefes unerfülltes Bedürfnis haben, sind diese Fragen hilfreich:
Was ist in meinem Leben wertvoll und erfüllend, selbst wenn dieses Bedürfnis unerfüllt bleibt?
Welche Teile des Bedürfnisses kann ich trotzdem leben?
Welche Werte, Beziehungen und Aufgaben tragen mich unabhängig davon?
Wie kann ich um das Verlorene oder das Unerreichbare trauern, ohne, dass die Trauer mein ganzes Leben überschattet?
 
Es gibt Situationen, in denen die Hoffnungslosigkeit sehr tief wird und in Sinnleere und Verzweiflung mündet, insbesondere wenn das Bedürfnis einen zentralen Teil der eigenen Identität berührt. Dann kann es hilfreich sein, sich professionelle Hilfe zu suchen. 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Dienstag, 9. Juni 2026

Es ist die Beziehung, die heilt.

 


 

Als Therapeutin empfehle ich dieses Buch, weil es etwas vermittelt, das in einer Zeit der Selbstoptimierung oft in den Hintergrund gerät: die heilende Kraft echter menschlicher Begegnung. Viele Menschen kommen in Therapie mit dem Wunsch nach schnellen Lösungen, konkreten Techniken oder Strategien gegen ihr Leiden. All das kann hilfreich sein. Doch die Grundlage jeder nachhaltigen Veränderung ist die Erfahrung, gesehen, verstanden und angenommen zu werden.
 
Genau davon handelt das Buch "Die Stunde des Herzens" von Irvin D. Yalom. 
Es erinnert daran, dass Heilung nicht durch Methoden entsteht, sondern vor allem in Beziehungen. Mit großer Offenheit beschreibt Irvin D. Yalom, wie Vertrauen, Ehrlichkeit und die Bereitschaft, sich verletzlich zu zeigen, Veränderung ermöglichen. Dabei schreibt er nicht nur als einer der bedeutendsten Psychotherapeuten unserer Zeit, sondern auch als Mensch, der sich seinen eigenen Ängsten, Wunden und Grenzen stellt.
Für mich ist "Die Stunde des Herzens" deshalb weit mehr als ein Buch über Psychotherapie. Es ist ein Buch über das Menschsein selbst – über unsere Sehnsucht nach Verbundenheit, unsere Angst vor Nähe und den Mut, das Herz dennoch zu öffnen. 
Deshalb kann ich dieses Buch allen empfehlen, die sich selbst und ihre Beziehungen besser verstehen möchten.

„Es ist die Beziehung, die heilt.“ 

Kaum ein Satz fasst das Lebenswerk von Irvin D. Yalom treffender zusammen. Der weltweit renommierte Psychiater und Psychotherapeut hat ihn in Vorträgen, Fachbüchern und Bestsellern immer wieder formuliert. Nicht Techniken, Arbeitsblätter oder ausgefeilte Interventionen stehen für ihn im Zentrum einer erfolgreichen Therapie, sondern die authentische Begegnung zweier Menschen. In der therapeutischen Allianz sieht Yalom die eigentliche Kraft, die Veränderung ermöglicht.

In Die Stunde des Herzens, das er gemeinsam mit seinem Sohn Benjamin geschrieben hat, blickt der heute 95-Jährige auf ein langes Leben als Therapeut zurück. Anhand bewegender Begegnungen mit Patientinnen und Patienten zeigt er, wie tiefgreifend menschliche Nähe wirken kann. Zugleich öffnet er den Blick auf seine eigene Geschichte. Er schreibt über frühe Verletzungen, über Ängste und Unsicherheiten, die ihn bis ins hohe Alter begleiten, und macht sich damit selbst zum Teil der Erzählung.

Im Zentrum des Buches steht die Frage, weshalb wir uns oft so schwer damit tun, anderen unser Innerstes zu zeigen. Aus Furcht vor Ablehnung und Schmerz errichten wir Schutzmauern, die uns zwar vor Verletzungen bewahren sollen, uns aber zugleich von der Nähe abschneiden, nach der wir uns sehnen. Yalom beschreibt diesen Zwiespalt mit großer Klarheit und einer berührenden Ehrlichkeit.

Gerade darin liegt die besondere Qualität dieses Buches. Es verzichtet auf einfache Antworten und psychologische Rezepte. Stattdessen erinnert es daran, dass Heilung, Wachstum und Verbundenheit dort entstehen, wo Menschen den Mut finden, sich einander wirklich zu zeigen. Die Stunde des Herzens ist ein kluges, warmherziges und zutiefst menschliches Buch – und vielleicht Yaloms persönlichstes Vermächtnis.

Montag, 8. Juni 2026

Von dir selbst loslassen

 

 

 Es geht darum die Erfüllung bereits in dem zu erkennen, was du bist 

und nicht in dem, was du sein willst.

Das bedeutet: Von dir selbst loslassen.

Donnerstag, 4. Juni 2026

Du bist immer noch hier - Zwischen Schmerz und Heilung

 

                                                               Malerei: A.Wende

 

Sprich über deinen Schmerz.
Benenne, was ist: Verlust, Verrat, Verletzung, Zurückweisung, Entfremdung, Enttäuschung. Trauer, Wut, Angst, Verzweiflung.
Du kannst nicht heilen, was du nicht benennst und anerkennst.

Übe Akzeptanz.
Akzeptanz bedeutet nicht Zustimmung. Akzeptanz bedeutet, die Realität dem inneren Widerstand vorzuziehen.

Hör auf, alles immer wieder durchzuspielen.
Grübeln fühlt sich produktiv an – ist es aber nicht. Du kannst nicht ändern, was geschehen ist. Jedes „Was wäre, wenn?“ hält dich emotional an einer Version der Realität fest, die nicht mehr existiert.

Trenne den Schmerz von der Geschichte.

Dein Schmerz ist real. Das Narrativ, das du um ihn herum aufbaust, bestimmt mit ob du im Schmerz stecken bleibst oder weiter machst. Frag dich: Erzähle ich mir eine Geschichte, die mich stärkt – oder eine, die mich machtlos macht?

Erkenne zwei Wahrheiten gleichzeitig an: 
Es tut weh - und ich werde es überleben.

Übe Geduld und Selbstmitgefühl.
Heilung ist ein Prozess. Heilung beginnt mit dem Fühlen. Heilung verläuft nicht linear. Sie geschieht in kleinen Schritten und durch kleine, beständige Routinen. Schlechte Tage machen deine Fortschritte nicht zunichte.

Du bist nicht kaputt. Was dir passiert ist, hat Spuren hinterlassen. 

Aber es definiert nicht deinen Wert. Du versuchst gerade zu überleben. In deinem Kopf und in deinem Herzen findet ein Kampf statt. Und trotzdem bist du noch hier. Du brauchst Raum für alles, was du fühlst. Raum, um es auszudrücken. Raum, um zu trauern, zu wüten, zu weinen und langsam wieder Kraft zu sammeln. Nimm dir diesen Raum.

Sag dir jeden Morgen:
Nur für heute. Tu heute das, was du schaffen kannst. An manchen Tagen ist Überleben bereits schon ein Sieg.

Du bist immer noch hier. 

Sei stolz auf dich!

 

Angelika Wende

Kontakt: aw@wende-praxis.de

 
 
 
 
 
 
 
 

 

 
 

 



Mittwoch, 3. Juni 2026

Dankbarkeit statt Wut? Warum diese Gegenüberstellung psychologisch zu kurz greift.

 

                                                               Malerei: A.Wende

 
 
„Wir sollten uns lieber all die positiven Dinge vor Augen führen. Dann ist man dankbar und nicht wütend.“ Sätze wie diese wirken zunächst plausibel. Wer sich des Guten in seinem Leben bewusst wird, empfindet oft tatsächlich Dankbarkeit. Psychologische Studien zeigen, dass Dankbarkeit das Wohlbefinden fördern, die Zufriedenheit steigern und den Blick für die positiven Dinge schärfen kann. Problematisch wird es dann, wenn Dankbarkeit als Gegenmittel für alle unangenehmen Gefühle dargestellt wird, insbesondere für Wut.
 
Gefühle sind zunächst einmal Informationen.
Sie sind weder gut noch schlecht, sondern entstehen als Reaktion auf innere und äußere Erfahrungen. Wut erfüllt dabei eine wichtige psychologische Funktion. Sie weist auf Grenzüberschreitungen, Ungerechtigkeit, Frustration, Verletzungen, Ohnmacht oder auf unerfüllte Bedürfnisse hin. Wenn wir Wut empfinden, bedeutet das nicht automatisch, dass es uns an Dankbarkeit fehlt. Unsere Seele reagiert vielmehr auf etwas, das Aufmerksamkeit verdient.
 
Ein verbreiteter Denkfehler besteht darin, Gefühle als Gegensätze zu betrachten.
Als müsse Dankbarkeit die Wut verdrängen oder Wut die Dankbarkeit unmöglich machen. Wir Menschen können mehrere, sogar widersprüchliche Gefühle gleichzeitig erleben. Wir können dankbar für unser Zuhause sein und zugleich wütend über Ungerechtigkeit in der Welt. Wir können einen Menschen lieben und dennoch von ihm verletzt oder enttäuscht sein. 
 
Emotionen folgen nicht der Logik von „entweder oder“, sie sind komplex und vielschichtig. Belastende Gefühle verschwinden auch nicht einfach dadurch, dass wir versuchen, positiv zu denken.
Wer einem ängstlichen Menschen sagt, er soll einfach dankbar sein und positiv denken, wird dessen Angst kaum verringern. Solche Aussagen können sogar Teil dessen sein, was wir als toxische Positivität bezeichnen, die Vorstellung, man müsse unabhängig von den tatsächlichen Umständen immer positiv denken.
Sätze wie „Denk einfach positiv“, „Andere haben es viel schlimmer“, „Alles passiert aus einem Grund“ oder „Du musst nur die guten Dinge sehen“ sind vielleicht gut gemeint.
Das Problem liegt nicht in der guten Absicht, sondern darin, dass sie unangenehme Gefühle relativieren und entwerten. Wer trauert, wer verletzt wurde oder Ungerechtigkeit erlebt, braucht meist keine Lektion in Dankbarkeit. Er braucht Verständnis, im besten Falle Mitgefühl und die Erlaubnis, seine Gefühle ernst zu nehmen.
 
Emotionale Gesundheit bedeutet nicht, ständig positiv zu sein.
Sie bedeutet vielmehr, die gesamte Bandbreite der Gefühle wahrnehmen und verarbeiten zu können. Wut, Trauer oder Angst verschwinden nicht, wenn wir sie kleinreden, abwehren oder unterdrücken. Sie zeigen sich dann in anderer Form - durch innere Anspannung, Verbitterung, Rückzug, psychosomatische Beschwerden oder emotionale Erschöpfung. Gerade in meiner therapeutischen Arbeit zeigt sich oft, dass hinter Depressionen auch unerfüllte Bedürfnisse, erlebte Grenzverletzungen und nicht geäußerte Wut stehen können. Ein wichtiger Schritt besteht dann darin, diese Gefühle überhaupt wahrzunehmen und ihnen Raum zu geben.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Wie werde ich dieses Gefühl los?“, sondern: „Warum ist dieses Gefühl da und was will es mir sagen?“ Unsere Gefühle sind keine Feinde, die bekämpft werden müssen. Sie sind Hinweise auf unsere innere Wirklichkeit.
Das bedeutet nicht, dass Dankbarkeit wertlos ist.
Im Gegenteil. Dankbarkeit kann helfen unsere Ressourcen wahrzunehmen, Hoffnung zu bewahren und Krisen besser zu bewältigen. Sie ist eine wichtige psychologische Stärke. Problematisch wird sie dann, wenn sie zur Pflicht wird. Wenn Menschen glauben, sie dürften keine Wut empfinden, weil sie eigentlich dankbar sein müssten, entsteht ein innerer Konflikt. Das tatsächliche Gefühl bleibt bestehen und es kommt zusätzlich zu Schuldgefühlen.
Gesunde Dankbarkeit sagt: „Ich bin dankbar für das, was gut ist.“ Toxische Positivität sagt: „Weil etwas gut ist, darf ich nicht über das sprechen, was schmerzt.“
Darin liegt der entscheidende Unterschied.
Wer sich selbst verbietet, Wut zu fühlen, weil er „dankbar sein sollte“, nimmt sich die Möglichkeit, ein wichtiges Signal der eigenen Psyche wahrzunehmen und konstruktiv damit umzugehen. 
 
Dankbarkeit und Wut sind keine Gegensätze.
Wir können beides gleichzeitig empfinden. Wut ist kein Zeichen von Undankbarkeit, sondern eine normale menschliche Emotion. Dankbarkeit kann das Leben bereichern. Sie sollte jedoch nicht dazu benutzt werden, unangenehme Gefühle zu verdrängen oder anderen Menschen ihre Emotionen abzusprechen. Psychologische Reife bedeutet nicht, immer positiv zu sein. Sie bedeutet, der Realität in ihrer ganzen Komplexität zu begegnen – mit Raum für Freude und Dankbarkeit, aber ebenso für Wut, Trauer, Enttäuschung und Schmerz. Erst wenn alle Gefühle sein dürfen, entsteht echte emotionale Gesundheit.
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de