Sonntag, 22. Februar 2026

Aus der Praxis: Missbrauch in der Kindheit - "Ich habe ihn doch geliebt."

 

                                                                Malerei: A.Wende


Anna ist 40 Jahre alt, als sie sich in meiner Praxis vorstellt. Anlass war zunächst eine über Jahre bestehende Tablettensucht, eine generealisierte Angststörung und eine depressive Symptomatik. Sie leidet unter starken Selbstzweifeln, Scham-und Schuldgefühlen und äußert immer wieder den Satz: „Besser ich wäre tot.“

Im Verlauf der Sitzungen berichtet sie vom Missbrauch durch den Vater in der Kindheit, von dem sie erst kürzlich durch ein Familienmitglied erfahren hat. Sie selbst hat nur intrusive Erinnerungsfragmente. Anna zieht es den Boden unter den Füßen weg. Sie ist schockiert, fassungslos, empfindet Ekel und Wut gegenüber dem Vater. Sie fühlt sich von ihm betrogen und verraten. Was sie besonders quält, ist nicht allein das Trauma selbst, sondern ein massiver Loyalitätskonflikt. Immer wieder sagt sie: „Ich habe ihn doch geliebt.“

Der Vater sei zugewandt, unterstützend und liebevoll gewesen und habe viel Zeit mit ihr verbracht, er habe mit ihr gespielt und ihr viel Wertvolles nahegebracht. Genau diese Erinnerungen führen dazu, dass sie das Geschehene nicht einordnen kann. Sie ist in einem emotionalen Konflikt, der sie sie innerlich zerreißt.

 

Was sie quält ist, dass ihr Bild des „guten Vaters“ zerbrochen ist und ihm jetzt ein Bild des „schlechten Vaters“ gegenübersteht. Da ist einerseits Gewalt und andererseits liebevolle Zuwendung. Anna fragt sich: „Wie kann ich ihn noch lieben, wo er mir das angetan hat?“ „Darf ich ihn noch lieben, ohne mich selbst zu verleugnen?“, wird nicht ausgesprochen.

Hier zeigt sich ein zentrales klinisches Phänomen: die traumatische Bindung.

Wenn wir als Kind missbraucht wurden und den Täter gleichzeitig geliebt haben, entsteht ein tiefer innerer Konflikt, der noch im Erwachsenenalter stark belastet. Dieser Konflikt ist jedoch kein Zeichen von Widersprüchlichkeit, sondern eine nachvollziehbare Folge kindlicher Bindungsdynamik. Ein Kind ist existenziell auf seine Bezugspersonen angewiesen. Die Bindung sichert sein Überleben. Deshalb kann ein Kind selbst dann Liebe empfinden, wenn eine Bezugsperson zugleich übergriffig ist. Für das kindliche Nervensystem stehen Bindung und Schutz an erster Stelle. Dass Liebe und Missbrauch nebeneinander existieren konnten, bedeutet nicht, dass der Missbrauch weniger schlimm war – es zeigt vielmehr, wie stark das kindliche Bedürfnis nach Bindung ist. Das kindliche Nervensystem priorisiert Beziehungssicherung, selbst um den Preis massiver Selbstverleugnung. Um das Unerträgliche zu ertragen, spaltet ein Kind das traumatische Erlebnis ab. Es kommt zur Dissoziation. Es wirkt abwesend oder es erinnert sich nicht. Es spaltet Gewalt und Zuwendung voneinander ab. Es übernimmt implizit Schuld, um das Bild des „guten“ Elternteils aufrechterhalten zu können. Es entwickelt eine innere Loyalität, die stärker ist als sein Schutzimpuls, um emotional zu überleben. In vielen Fällen übernimmt das Kind sogar unbewusst die Verantwortung für das Geschehene – es fühlt sich schmutzig, falsch und wertlos. Der Preis dafür ist Selbstverlust.

 

Das bis dahin funktionale Abwehrsystem gerät, nachdem Anna die Wahrheit erfahren hat, ins Wanken. Das Bild vom guten Vater kollabiert – es kommt zur Ambivalenz.

Um Anna im ersten Schritt zu helfen, steht jetzt nicht die Konfrontation mit dem Trauma im Vordergrund, sondern Stabilisierung und kognitive Einordnung.

Viele Betroffene quälen sich mit Gedanken wie: „Wenn ich ihn geliebt habe, kann er doch nicht so schlimm gewesen sein“ oder „Vielleicht war ich schuld“. Hier ist eine klare Haltung entscheidend: Ein Kind trägt niemals Verantwortung für Gewalt und Missbrauch. Niemals! Die Verantwortung liegt ausschließlich beim Täter. Schuld- und Schamgefühle sind typische Traumafolgen, aber sie beruhen nicht auf realer Schuld. Es handelt sich um Loyalitätsbindungen, in denen Fürsorge und Gewalt miteinander verwoben sind. Das zu verstehen, kann bereits entlastend wirken.

In der therapeutischen Arbeit geht es darum, das „liebende Kind“ ernst zu nehmen und gleichzeitig klar zu benennen, dass das Geschehene Unrecht war. Das Kind durfte den Vater lieben – und der Vater hat dennoch seine Grenzen massiv verletzt. Diese Differenzierung ermöglicht es, innere Spaltungen langsam zu integrieren. Ziel ist nicht, den Vater nur noch zu hassen oder die Liebe zu ihm zu verleugnen, sondern beide Gefühle nebeneinander halten zu können, ohne sich selbst dafür zu verurteilen. 

Integration statt Schwarz-Weiß-Denken ist hier ein zentraler Prozess.

Es geht um die Normalisierung der Ambivalenz. Für Anna bedeutet das - dass sie den Vater geliebt hat, spricht nicht gegen den Missbrauch. Es spricht für Ihre damalige kindliche Abhängigkeit und ihr Bedürfnis nach Liebe und Bindung. Ziel ist nicht Polarisierung „nur Täter“ vs. „nur Vater“, sondern affektive Integration. Diese Perspektive kann, wenn es gelingt sie emotional zuzulassen, zu Entlastung führen. Anna kann beide Realitäten nebeneinander stehen lassen: „Ich war ein liebendes Kind. Und mir wurde schlimmes Unrecht zugefügt.“

 

Ein Kind trägt niemals die Verantwortung für Missbrauch.

 

Für das Unfassbare müssen wir Worte finden, ohne dass diese emotional überwältigend oder retraumatisierend sind. Es aussprechen und reden hilft zu verstehen: Was mir widerfahren ist, hat einen Grund. Der Missbrauch, den ich in der Kindheit erlebt habe, hatte nichts mit mir zu tun. Es hat allein mit dem zu tun, der ihn mir angetan hat. Es ist seins, seine Geschichte. Und die gehört nicht zu mir. Bei der Aufarbeitung des Traumas geht es nicht darum, den Täter zu hassen und ihn zu verurteilen, es geht nicht darum Verständnis zu haben, warum er so gehandelt hat, es geht nicht darum, dass wir entschuldigen, was uns widerfahren ist – es geht darum, uns um uns selbst zu kümmern und den Schaden, den wir erlitten haben, zu verarbeiten. Missbrauch und Gewalt sind und bleiben Unrecht, auch wenn sie aus traumatischen Erfahrungen des Täters heraus entstanden sind.

 

Es geht um Differenzierung und um Einordnung. Es geht niemals um Selbstabwertung. 

 Es geht nicht um Selbstverurteilung, sondern darum Mitgefühl mit uns selbst zu finden.

Statt das „liebende Kind“ zu korrigieren, geht es darum, ihm Schutz und Würde zurückzugeben. Der Fokus liegt nicht auf der Auslöschung der Liebe, sondern auf der Integration der widersprüchlichen Affekte. Beides kann gelten. Für Anna kann das heißen: „Ich durfte ihn lieben. Und trotzdem war das, was er getan hat, falsch.“

Diese Differenzierung markiert einen entscheidenden Integrationsschritt. Die Spaltung zwischen Idealisierung und Selbstanklage kann sich langsam auflösen. Die Ambivalenz verschwindet nicht vollständig, aber sie wird haltbar. Letztlich braucht die Verarbeitung Zeit, Geduld und Selbstmitgefühl. Annas Ambivalenz ist Ausdruck ihrer damaligen kindlichen Not. Heilung bedeutet nicht, die Vergangenheit ungeschehen zu machen, das ist unmöglich, Heilung bedeutet: die innere Zerrissenheit zu ordnen, zu integrieren und uns selbst von unberechtigter Schuld und Scham zu entlasten.

 

 

 

 

 

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Samstag, 21. Februar 2026

Echte Herzen

 



Ich habe ein Herz für die mit den verletzten Seelen, für die mit der verbeulten Kindheit, die Ungeliebten, die mit dem Knacks, die Zerbrechlichen, die mit den Ängsten, den Depressionen, der nicht enden wollenden Trauer, für die innerlich Einsamen, für die, die anders sind, weil sie auf einer anderen Frequenz schwingen und keine Resonanz finden, in einer Welt, für die sie nicht gemacht sind. 
 
Für die, die nachts wachliegen und tagsüber so tun, als wäre alles in Ordnung, auch wenn es ein Kraftakt ist. Ich habe ein Herz für sie, weil ich weiß, wie sich Schmerz und innere Schwere anfühlt, wie es sich anfühlt, anders zu sein. Weil ich weiß, wie laut Gedanken werden können, wenn es still ist. Wie viel Kraft es kostet zu leben, zu funktionieren. Zu sagen „ich bin okay“, obwohl gerade nichts okay ist und weiterzumachen - trotzdem. Ich weiß, wie leise Schmerz sein kann, Scham, Verzweiflung und Trauer und Angst, versteckt hinter einem Lächeln, hinter dem Satz: „Geht schon“ , und wie es ist mit all dem weiterzugehen und für andere da zu sein, auch wenn niemand für sie da ist. 
 
Ich habe ein Herz für sie, weil sie oft so viel mehr fühlen. Weil sie stille Kämpfe austragen, Tag für Tag und es sich nicht anmerken lassen. Weil sie jeden Tag Entscheidungen treffen müssen, die für andere keine sind: aufstehen, rausgehen, weitermachen. Da ist so viel Mut in ihnen, den sie selbst nicht sehen. So viel Kraft und Stärke, die sie selbst nicht wahrnehmen.
 
Ich habe ein Herz für sie, weil sie so viel mehr fühlen, intensiver fühlen, weil in ihnen oft die größte Tiefe wohnt, weil sie eine Sehnsucht in sich tragen, die so alt ist wie sie selbst, die tief geht und schmerzt und kein Ankommen kennt. Eine Sehnsucht nach Nähe, nach Gesehenwerden, nach Verstandenwerden, nach Angenommensein, nach Liebe, nach einem Ort, an dem sie nicht mehr allein stark sein müssen.
Vielleicht liebe ich sie auch, weil sie so verdammt echt sind.
 
Und nein, sie sind nicht kaputt. Sie sind nicht schwach, sie tragen viel, halten viel aus, fühlen viel – und wer fühlt lebt.
Diese Menschen brauchen nichts Großes.
Sie brauchen Menschen, die bleiben, auch wenn es unbequem wird.
Sie brauchen Zuhören ohne sofortige Lösungen.
Keine Ratschläge, kein: „Denk doch mal positiv“.
Sondern ein „Ich bin hier. Es ist okay, wie du fühlst. Du bist okay!“
Sie brauchen Sicherheit.
Das Gefühl, nicht zu viel zu sein. Nicht falsch. Nicht zu kompliziert. Nicht zu anstrengend. Nicht kaputt.
Sie brauchen echte Nähe und Mitgefühl.
Ein: „Wie geht es dir wirklich?“.
Jemand, der spürt, wenn sie stiller werden und sie nicht allein lässt. Jemand der die Hand hält und keine Angst hat, dass Leid ansteckend sein könnte.
Sie brauchen Ernstgenommenwerden und Akzeptanz.
Ängste, Depressionen, Traumata sind keine Schwäche. Einsamkeit ist kein Versagen. 
All das ist zutiefst menschlich.
Sie brauchen Geduld.
Viel Geduld mit sich selbst. 
Heilung ist ein langer Weg. Es gibt Fortschritte und dann wieder Rückschritte. Es gibt Höhen und Tiefen. Aufgang und Untergang.
An manchen Tagen ist das reine Überleben schon ein Sieg.
 
Sie brauchen Verstehen, Halt, Konsistenz, Vertrauen und das Gefühl von Sicherheit um zu heilen. Nicht das Versprechen, dass alles gut wird, sondern die Gewissheit, dass sie diesen Weg nicht allein gehen müssen. Sie brauchen echte Herzen.
 
 
Angelika Wende

Freitag, 20. Februar 2026

Interozeption - Emotionen entstehen im Körper

 


Angst entsteht allein durch unsere Gedanken. Behaupten manche und dass wir nur anders denken müssen, um die Angst zu besiegen.
Das ist wahr und es ist nicht wahr.
Wahr ist: unser Fühlen ist mit unserem Denken verbunden. Und wir können unsere Gedanken beeinflussen. Wahr ist auch: Emotionen gehen immer mit körperlichen Reaktionen einher.
Bei jedem emotionalen Erlebnis werden im Gehirn bestimmte Strukturen aktiv. Bei Gefahr ist die es Amygdala. Die Amygdala schüttet Stresshormone aus, die Nervenbahnen sind in Alarmbereitschaft. Das Herz schlägt schneller, Muskeln spannen sich an, der Schweiß rinnt uns aus den Poren, der Blutzuckerspiegel steigt - das Gefühl, das entsteht, ist Angst. Das Gefühl der Angst entsteht erst dann, wenn wir diese Reaktionen wahrnehmen.
Diesen inneren Prozess nennt man Interozeption.
Er basiert auf den Forschungen des Neurowissenschaftlers António Damásio. Interozeption bezeichnet die Repräsentation der inneren Welt und umfasst die Prozesse, durch die ein Organismus Signale aus seinem Inneren wahrnimmt, interpretiert, integriert und reguliert. Mit anderen Worten – der Körper spürt Angst, bevor wir sie denken.
Unser Gehirn kommuniziert über das periphere Nervensystem und nicht-neuronale Systeme mit den inneren Organen. Interozeption ist eine Voraussetzung für unser emotionales Empfinden. Was bedeutet: körperliche Reaktionen sind nicht das Resultat emotionalen Erlebens, sondern die Ursache. 
 
Was bedeutet das nun für unsere Angst?
Sie speist sich eben nicht allein aus unseren Gedanken.
Und das hat mit unserer Wahrnehmung zu tun. Und wie wir diese Wahrnehmung interpretieren. Je besser wir unseren Körper spüren, also je höher die Innenwahrnehmung, desto stärker nehmen wir Emotionen wahr und umgekehrt: je schwächer unsere Innenwahrnehmung ist , desto schwächer nehmen wir Emotionen wahr und desto schwerer tun wir uns damit unsere Gefühle zu fühlen und sie zu identifizieren. Man nennt diese körperlichen Symptome auch somatische Marker. Diese Marker helfen uns in bestimmten Situationen die richtige Entscheidung zu treffen.
Sendet der Körper ein ungutes Signal können wir ihm grundsätzlich vertrauen. Der Körper lügt nicht, er zeigt uns was los ist. Es liegt aber an uns, wie wir diese Signale interpretieren. Und um sie richtig zu interpretieren, bedarf es einer hinreichenden Selbstkenntnis.
Das macht das Ganze kompliziert, denn woher weiß ich, was jetzt los ist?
Hat mein Nervensystem Recht, indem es mich gerade warnt oder sind es meine Gedanken, die mir Angst machen?
Dann hilft es sich zu fragen: Was habe ich gerade gedacht? Hatte ich angstauslösende Gedanken? Wenn nicht, kann ich mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass der Körper die Wahrheit sagt. Das funktioniert umso besser, je besser wir uns selbst kennen und wahrnehmen können.
 
Ausnahmen sind Angststörungen, Zwänge, Panikattacken oder die Krankheitsangst. 
Hier ist die Amygdala hyperaktiv und im Dauererregungszustand. Sie schaltet nicht mehr in den Ruhemodus zurück, selbst dann nicht, wenn keine Bedrohung besteht. Sie reagiert überempfindlich auf Reize, die dann als Gefahr interpretiert werden. Betroffene nehmen körperliche Stimuli besonders intensiv wahr und deuten sie als Hinweis auf ein bedrohliches körperliches Problem oder eine Bedrohung im Außen. Sie bekommen Angst. Das Herz schlägt noch schneller, Muskeln und Magen verkrampfen, sie bekommen Schweißausbrüche und Todesangst. All das bestätigt dann ihre ursprüngliche körperliche Reaktion, dass etwas nicht stimmt.
 
Hochkomplex das Ganze mit dem Denken und dem Fühlen. Aber auch hochspannend, finde ich.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Donnerstag, 19. Februar 2026

Was sich nicht gut anfühlt, ist nicht gut

 


Was sich nicht gut anfühlt, ist nicht gut.
Dieser Satz klingt erst einmal simpel. Und doch trägt er eine tiefe psychologische Wahrheit in sich.
Unser Körper und unsere Psyche verfügen über ein feines Alarmsystem. Noch bevor der Kopf Argumente sammelt, meldet sich der Körper. Enge in der Brust, ein seltsames Ziehen im Bauch, eine innere Unruhe, eine spürbare Verspannung, eine bleierne Müdigkeit nach bestimmten Begegnungen. Der Körper spürt, was der Verstand verdrängt: Das fühlt sich nicht gut an. Das Nervensystem signalisiert: Was sich nicht gut anfühlt, ist nicht gut. 
 
Unsere Gefühle sind keine Störungen, sondern wertvolle Informationsquellen. 
Der Kopf will es nicht wahrhaben, vielleicht weil wir etwas haben wollen, was wir schon lange nicht hatten oder weil ein Bedürfnis stärker ist als das leise Gefühl, das uns warnt. Wir reden uns ein, dass wir übertreiben. Dass wir zu empfindlich sind, zu skeptisch oder zu viele unheilsame Erfahrungen gemacht haben, ob derer wir uns selbst und anderen nicht mehr vertrauen können. Doch unser Nervensystem lässt sich nicht täuschen, unser Denkapparat schon. Und anstatt innezuhalten, beginnen wir diese leisen Warnsignale zu relativieren oder wir versuchen sie zu rationalisieren und wegzuerklären.
 
Viele von uns haben nie gelernt unseren Gefühlen zu vertrauen.  
Vielleicht, weil man uns sagte, du bist zu sensibel. Vielleicht, weil Anpassung und Selbstverleugnung früher Sicherheit bedeutet haben. Doch emotionale Selbstverleugnung hat ihren Preis. Wer seine Gefühle ignoriert oder seiner Intuition misstraut, wer immer wieder Dinge tut, obwohl es sich falsch anfühlt, wer in Beziehungen bleibt, die sich nicht gut anfühlen, verliert die Verbindung zu sich selbst. Doch tiefe Verbindung zu uns selbst beginnt genau hier: in der Fähigkeit, unsere innere Stimme zu hören und sie ernst zu nehmen.
 
Viele von uns ignorieren ihr Bauchgefühl. Nicht, weil es ihnen egal ist, sondern weil es leichter erscheint, es zu übergehen, als sich den Konsequenzen zu stellen, würde man ihm denn folgen.
Oft liegt der Ursprung dafür in unseren frühen Erfahrungen. Wenn ein Kind gelernt hat, dass Gefühle übertrieben, falsch oder störend sind, wenn seine Gefühle klein geredet oder nicht ernst genommen wurden, wenn es sie unterdrücken musste, entwickelt es ein tiefes Misstrauen gegenüber der eigenen Wahrnehmung. Wer immer wieder gehört hat „Das bildest du dir ein“, wird verunsichert. Und dann kommt es, dieses: "Vielleicht täusche ich mich. Vielleicht bin ich zu empfindlich."
Das Ignorieren der eigenen Empfindungen wird mit der Zeit zu einer Überlebensstrategie.
Manche von uns ignorieren ihr Bauchgefühl aus Angst vor den Konsequenzen. Das Bauchgefühl ernst zu nehmen bedeutet: Ich muss etwas verändern oder etwas sein lassen, was ich eigentlich gern hätte. Vielleicht müssten wir eine klare Grenze setzen, eine Beziehung hinterfragen, eine Freundschaft neu betrachten, oder eine Trennung Betracht ziehen. Verzicht und Veränderung aber aktivieren Verlustangst. 
 
Unser Denkapparat liebt alles Vertraute, selbst wenn es uns nicht guttut. Vertrautes fühlt sich sicherer an als das Ungewisse.
Besonders stark wirkt dieser Mechanismus in Beziehungen. Wir Menschen sind soziale Wesen, wir suchen Verbundenheit und Zugehörigkeit, denn das bedeutet für uns Sicherheit. Wenn das eigene Empfinden in Konflikt mit dem Wunsch nach Nähe gerät, entscheidet sich ein Teil von uns oft für die Beziehung, auch wenn sie uns nicht gut tut, und damit entscheiden wir gegen uns selbst. 
Lieber anpassen als verlassen werden. Lieber gemeinsam statt einsam. 
 Der Kopf hilft dabei, das Unbehagen zu überreden. Er findet Argumente dafür: "So schlimm ist es nicht. Ich muss nur geduldiger sein. Er, sie wird sich schon ändern." Diese Rationalisierungen verschaffen kurzfristig Erleichterung, doch sie lösen die innere Spannung nicht auf. Das Gefühl bleibt, auch wenn wir es zum Schweigen bringen.
Manche von uns haben zudem gelernt, Gefühle abzuspalten, weil es früher überlebenswichtig war. In belastenden oder traumatischen Situationen schützt sich die Psyche durch das Abschalten der eigenen Wahrnehmung. Doch was einst ein Schutzmechanismus war, wird später zum Problem: Wer seine Gefühle abspaltet, obwohl es sich nicht stimmig anfühlt, verliert den Zugang zu den Signalen des eigenen Inneren. Die leise Warnung wird ignoriert in der Hoffnung, dass sie irgendwann verschwindet. Aber Gefühle verschwinden nicht, wenn wir sie nicht haben wollen. Sie verändern lediglich ihre Ausdrucksform. Sie zeigen sich als körperliche Empfindungen, Reaktionen und Symptome. Was wir nicht fühlen wollen, sucht sich einen anderen Weg. "Wer nicht hören will, muss fühlen", sagte meine Oma - im Zweifel, dass es dann richtig weh tut. 
 
Unser Bauchgefühl ist leise und gerade das macht es so einfach es zu übergehen.  
Es brüllt nicht, es schlägt nicht laut Alarm, es lädt uns sanft ein hinzuspüren. Die eigentliche Frage lautet daher nicht, warum wir es ignorieren, sondern was wir fürchten, wenn wir ihm vertrauen würden, wenn es sagt: Das fühlt sich nicht gut an.
„Was sich nicht gut anfühlt, ist nicht gut“.
Diese Worte sind nicht simpel, sie sind sogar sehr kraftvoll, weil sie uns hinführen zu etwas Elementarem: Vertrauen in das eigene Empfinden. Ihm zu vertrauen ist ein Zeichen von Gewahrsein, Klarheit und Selbstvertrauen.
 
 
Angelika Wende

Mittwoch, 18. Februar 2026

Lessons to learn

 


Wenn du etwas zu sehr forcierst, ist es längst vorbei. Es ist einfach zu Ende. 

 

Wenn du dich ständig auf andere fixierst um ihr Verhalten zu verstehen oder um sie für deine Zwecke zu manipulieren, kommst du niemals bei dir selbst an. 

 

Um eine echte Beziehung zu anderen aufzubauen, muss du zuerst eine echte Beziehung zu dir selbst aufbauen.

 

Wenn du deine innere Leere mit anderen Menschen oder mit ständiger Ablenkung im Außen füllen willst, bleibst du leer.

 

Wenn du deine Einsamkeit nicht akzeptieren kannst, wirst du andere Schutzschild gegen sie benutzen.

 

Alles was du kontrollieren willst, kontrolliert dich. 

 

Lektionen, die du nicht lernst, kehren solange und umso heftiger wieder, bis du bereit bist zu lernen.    

 

Psychischer Stress entsteht nicht durch die Welt an sich. Er entsteht durch unsere Vorstellung, wie die Welt sein sollte. Wenn die Realität diesen Vorstellungen nicht entspricht, gerät der Geist in Unruhe. Wir leisten Widerstand und es schmerzt. Wir können mit dem Kopf gegen die Wand rennen, schreien und mit den Füßen aufstampfen: Nichts, aber auch nichts im Leben, lässt sich erzwingen. 

Wenn wir das nicht akzeptieren, wird aus Schmerz Leiden.

Wenn wir auf Verständnis und auf Mitgefühl setzen, statt auf Widerstand, werden wir milder.

 

Montag, 16. Februar 2026

Antrieblos

 



 

„Ich habe keine Kraft mehr. Ich habe zu nichts mehr Lust. Ich will mich einfach nur einschließen und nichts mehr von der Welt wissen.“ So in etwa kann es klingen, wenn wir den Antrieb verloren haben.

 

Antrieblosigkeit ist immer ein Symptom. Je schwerer sie ist und je länger sie dauert, desto wachsamer sollten wir sein.

Wir alle fühlen uns manchmal antriebslos, das ist normal. Wir können uns zu nichts aufraffen, wir haben keine Energie mehr, eine Art innerer Abwesenheit befällt uns, die einfachsten Dinge werden immer schwerer, wir haben das Gefühl nicht mehr wirklich am Leben teilzuhaben und selbst Ruhephasen ändern daran wenig. Wir wissen nicht wirklich was mit uns los ist. Das kann viele Ursachen haben. So kann der Winterblues zu Antriebslosigkeit führen. Es fehlt Luft und Licht, es fehlt an Bewegung, dem Körper fehlt vielleicht Vitamin B 12 , Folsäure, Eisen, Magnesium oder Vitamin D oder wir ernähren uns ungesund. Auch Stress, Überforderung, Unterforderung und schlechter Schlaf können unser System erschöpfen und zu Antriebslosigkeit führen. Auch orgnische Krankheiten können zu Antriebsloigkeit führen. Sind die Ursachen behoben, kommt der Antrieb langsam wieder. 


Was aber, wenn die Antriebslosigkeit keine organischen Ursachen hat und dazu führt, dass einem nicht einmal mehr Dinge Freude machen, die man gerne gemacht hat? Wenn Gedanken und Gefühle wie oben erwähnt kommen und nicht wieder gehen?

Dann ist sie ein Alarmzeichen, dass etwas mit unserer Seele nicht stimmt.  

Wenn wir uns ständig müde fühlen, geistig ausgelaugt sind und wenig Energie haben heißt das nicht unbedingt, unsere Energie ist verschwunden. Sie ist blockiert von altem Schmerz, unausgedrückter Wut, verkapselter Trauer und unheilsamen Erinnerungen. Unser Körper ist der Behälter unserer Gefühle und wenn wir sie nicht fühlen wollen und nicht ausdrücken, drückt er sie aus, manchmal auch derart, dass unser Geist schwer ist und dann folgt ihm der Körper.


Antriebslosigkeit ist eines der meist beobachteten Symptome der Depression. 

Es gibt jedoch viele verschiedene psychische Belastungen und Erkrankungen, bei denen Symptome wie Müdigkeit, Energiemangel und Antriebslosigkeit auftreten.  

Das sind neben Depressionen, auch Burn-out, Bore-out, Angststörungen, Suchterkrankungen, Esstörungen, PTBS, Chronifizierte Trauer, Liebeskummer und chronische Einsamkeit, die wiederum zu Depressionen führen können - im Grunde alles, was über lange Zeit übermäßigen seelischen Stress verursacht. Seelischer Stress ist für den Körper eine enorme Belastung, was dann zu einem anhaltenden Erschöpfungszustand und letztlich zu totaler Kraftlosigkeit führen kann.

 

Um Antriebslosigkeit effektiv behandeln zu können, ist es wichtig sich professionelle Unterstützung zu holen, um herauszufinden, was die Ursache ist, also um zu erkennen, was sich wirklich hinter dem Symptom verbirgt.   

Wenn Antriebslosigkeit über lange Zeit anhält, sich verschlimmert oder zu einem Gefühl tiefer Leere und emotionaler Taubheit führt, sollten wir das unbedingt ernst nehmen. Tun wir das nicht, können wir schnell in einen unheilsamen Kreislauf geraten, aus dem wir dann nicht mehr so leicht herauskommen wie aus dem Winterblues, dann trennt uns Antriebslosigkeit von unserer Lebendigkeit.

 

 

 

 

 

Freitag, 13. Februar 2026

Aus der Praxis: Scham entsteht durch den Blick des anderen

 

Art Work: A.Wende


Was passiert eigentlich innerlich, wenn wir uns durch den Blick eines anderen beschämt fühlen? Warum hat dieser Blick so viel Macht? 

Der Psychoanalytiker Léon Wurmser nennt das in seinem Werk „Die Maske der Scham“ - die „Last der tausend unbarmherzigen Augen“. Wird der Blick des anderen als abwertend oder verachtend erlebt, fühlen wir uns plötzlich von allen getrennt. Wir haben das Gefühl, nicht mehr als Person gesehen zu werden, sondern wie ein Ding. Wir haben das Gefühl, das Gesicht zu verlieren. Wir fühlen uns so klein und verachtenswürdig, dass wir am Liebsten im Erdboden versinken würden.

Das Gefühl, verachtet zu werden, führt dazu, dass ein Mensch sich selbst abwertet. 

Er schämt sich für bestimmte Eigenschaften, Wünsche, Triebe, Bedürfnisse Gefühle oder sein Aussehen. Das macht Scham so schmerzhaft: Sie greift das eigene Selbst an und gibt uns das Gefühl, nicht richtig oder nicht gut genug zu sein. Scham gipfelt in der Urscham,  dem tiefen Gefühl des Liebesunwertes, Es ist das Gefühl, dass das ganze Selbst schlecht ist und dass man in seinem eigentlichen Kern niemals geliebt werden kann. Diese Urscham, verbunden mit dem Schmerz des Ungeliebtseins, ist schwer zu ertragen. Es liegt so viel existentieller Selbstzweifel und Selbstverneinung darin, dass das Erleben dieser Form der Urscham um jeden Preis vermieden werden muss.Wird Scham zu einem Teil unserer Identität kommt es zur Schamangst.

Schamangst entsteht, wenn wir uns bloßgestellt fühlen. Wir haben Angst, von anderen abgelehnt zu werden. Diese Angst kann sich sehr quälend anfühlen. Scham kann wie ein Bruch in der Beziehung wirken – man fühlt sich von anderen und sogar von sich selbst entfremdet und isoliert.

Es ist nachvollziehbar, dass wir versuchen, dieses Gefühl abzuwehren. 

Ein Weg ist die Verneinung: Man tut so, als wäre nichts passiert. Verneinung ist einer der charakteristischen Abwehrmechanismen gegen Scham. Ein anderer Weg ist der Ich-Abwehrmechanismus der Verdrängung, das Nicht-wahr-haben-Wollen
Wir wollen es nicht wahrhaben und denken nicht weiter darüber nach. Das kann jedoch problematisch sein, weil wir uns dann nicht mit dem Erlebten auseinandersetzen und innerlich nichts verarbeitet und gelöst werden kann.
Beide Abwehrmechanismen, Verneinung und Verdrängung spalten den Schamaffekt und das Gefühl des Selbst-Defekts ab, das entstehen könnte.  

Manche Menschen versuchen Scham und Scham-Angst durch Perfektionismus zu überwinden. Sie versuchen, alles fehlerfrei zu machen, sie wollen perfekt sein, um keine Scham zu fühlen. Für sie gibt es scheinbar nur zwei Möglichkeiten: perfekt sein oder sich schämen. Fehler werden als Beweis gesehen, dass mit ihnen etwas grundsätzlich nicht stimmt. 

Auch Wut wird oft benutzt, um Scham zu verbergen. Statt die eigene Scham zu spüren, wird die Wut auf andere gerichtet. So wird versucht, das unangenehme Gefühl durch Projektion loszuwerden. Die Wut auf sich selbst wegen der Scham wird, um die Scham auszumerzen, gegen andere gerichtet. Wut dient dann dazu, sich nicht schwach, verletzlich, ohnmächtig oder beschämt fühlen zu müssen.

Grundsätzlich geht Scham immer mit der Infragestellung und Entwertung des Selbst einher und ist mit der Handlungstendenz - Vermeidung und Rückzug verbunden. Das schlechte Gewissen, das z.B. die Schuld erzeugt, ist in den meisten Fällen leichter zu ertragen, als die Scham, die tief in Ohnmacht und Ausweglosigkeit führt. In der Therapie ist Scham aufgrund der vielen Masken, hinter denen sie sich verbirgt, oft schwer zu erkennen.  Die Scham hält Betroffene davon ab, offen zu sprechen und sich offen zu zeigen, was wiederum neue Scham erzeugen würde. Aber so löst sie sich nicht. Es ist wichtig über das Gefühl von Scham zu sprechen, auch wenn es sich unangenehm und bedrückend anfühlt. Das bedeutet nicht, dass sie sich damit vollkommen auflöst, aber sie verliert an Macht, wenn wir aufhören sie zu vermeiden.

Scham hat dann Macht, wenn sie verborgen bleibt.  

Sobald sie ausgesprochen wird, wird sie kleiner und weniger überwältigend. Erst wenn wir uns die Erlaubnis geben unsere Scham zu benennen, können wir herausfinden und verstehen, woher dieses Gefühl kommt. Wenn Scham unausgesprochen bleibt, führt sie zu oben genannten Abwehrmechanismen. Sprechen wir darüber, kann sich das Gefühl verändern. Statt uns weiter abzuwerten, entwickeln wir im besten Falle Verständnis und Mitgefühl für uns selbst. Während Scham isoliert und trennt, kann das Sprechen darüber verbinden.

 

Angelika Wende 

Kontakt: aw@wende-praxis.de