Sonntag, 27. September 2026

Wie kann ich das Hier und Jetzt auf eine andere Ebene heben? Oder wie ein Spruch auf einem Teebeutel mich zum Nachdenken bringt.

 



Das Hier und Jetzt ist der einzige Ort, an dem wir wirklich existieren. Die Vergangenheit ist Erinnerung, die Zukunft ist Vorstellung und zwischen beiden liegt dieser eine Augenblick, der sich bereits wieder entzieht, während wir versuchen, ihn festzuhalten. Das Hier und Jetzt auf eine andere Ebene zu heben bedeutet nicht, dem Moment etwas hinzuzufügen, sondern tiefer in ihn einzudringen. Ihn zu erleben so wie er gerade ist. Und ihn nicht nur als Übergang zu betrachten. Uns nicht ständig fragen, was als Nächstes kommt, sondern beginnen, wahrzunehmen, was gerade ist. 

Eine andere Ebene ist kein höherer Ort. Vielmehr ist da eine andere Tiefe.

Ich kann denselben Moment anders wahrnehmen, empfinden, deuten und verstehen. Ich kann darüber nachdenken, wie ich im Hier und Jetzt sein möchte. Aber in dem Moment, in dem ich aufhöre, darüber nachzudenken, bin ich ihm vielleicht schon näher. Nicht weil sich die Wirklichkeit verändert, sondern weil sich mein Blick auf die Wirklichkeit verändert. 

Und vielleicht beginnt genau dort etwas Besonderes, in dem Augenblick, in dem ich nicht mehr versuche, dem Leben ständig etwas hinzuzufügen, sondern anfange wirklich anwesend zu sein, indem ich nicht dirigistisch eingreife, sondern den Augenblick erfahre - achtsamer, bewusster, tiefer und mit Offenheit für das, was in ihm liegt. Und das ist gerade ein köstlicher Yogi Tee.


Samstag, 26. September 2026

Warum „Du musst keine Angst haben“ ein ziemlich ignoranter Satz ist

 


 
„Du musst keine Angst haben.“ Ein Satz, der auf den ersten Blick beruhigend wirken soll. 
Schließlich klingt er freundlich und irgendwie tröstend. Man könnte fast meinen, man hätte gerade eine kostenlose psychologische Beratung bekommen.
Nur: Angst ist keine bewusste Entscheidung.
Niemand sitzt morgens am Frühstückstisch und denkt: „Heute hätte ich Lust, ein bisschen Angst zu haben zu müssen.“ Angst entsteht als Reaktion auf eine Situation, eine Erinnerung, eine Vorstellung oder eine wahrgenommene Gefahr. Angst ist eine emotionale und körperliche Reaktion auf eine als bedrohlich wahrgenommene Situation. Das Gehirn bewertet etwas als gefährlich oder unsicher. Darauf folgen automatisch Reaktionen wie Anspannung, erhöhte Aufmerksamkeit oder körperliche Unruhe. 
 
Wenn man einem Menschen dann sagt, er „müsse“ keine Angst haben, ignoriert man genau das, was gerade passiert: Er hat bereits Angst. 
Damit bekommt er nicht was er gerade braucht, er bekommt vielmehr die Aufforderung, einen Zustand zu verändern, den er gerade nicht bewusst kontrollieren kann. Zusätzlich zur ursprünglichen Angst entsteht in der Folge Unsicherheit über die eigene Reaktion. „Warum habe ich überhaupt Angst, wenn es doch angeblich keinen Grund gibt?“ Zur Angst legen sich dann Selbstzweifel. Wir erleben nicht nur das ursprüngliche Gefühl, sondern beginnen gleichzeitig, unser Gefühl zu bewerten.
 
Der Satz „Du musst keine Angst haben“ kann wie eine Form der emotionalen Entwertung wirken. Er vermittelt, zumindest unterschwellig, dass die emotionale Reaktion unangemessen ist. Dabei muss eine Emotion keinesfalls objektiv berechtig sein, um real zu sein. Ein Mensch kann wissen, dass eine Situation ungefährlich ist und trotzdem Angst haben. Rationales Wissen und emotionale Reaktion laufen nicht immer synchron.
Das macht den Satz auch ziemlich ignorant, weil er das tatsächlich vorhandene Gefühl der Angst nicht ernst nimmt, sondern es indirekt als unbegründet oder unnötig darstellt. Besonders hilfreich ist die Formulierung deshalb nicht. Statt das Gefühl des anderen ernst zu nehmen, wird ihm praktisch gesagt, wie sie sich fühlen muss. „Du musst keine Angst haben“ bedeutet dann nicht „Ich möchte dich beruhigen“, sondern klingt wie „Dein Gefühl ist gerade falsch.“
Gefühle lassen sich ja bekanntlich hervorragend durch Befehle kontrollieren. Man sagt einfach „Sei nicht traurig“, „sei nicht nervös“ oder „sei entspannt“ und schon ist es gut.
Ist es nicht. 
 
Hilfreicher ist es, die Angst anzuerkennen, ohne sie sofort beseitigen zu wollen. 
„Ich sehe, dass du Angst hast“. „Es ist verständlich, dass dich das gerade verunsichert“. „Was brauchst du jetzt?“ oder „Ich bin bei dir.“ Das löst die Angst zwar nicht magisch auf, leider existiert noch keine entsprechende Taste am Menschen, aber wir fühlen uns erst genommen und müssen die Angst nicht mehr zusätzlich bekämpfen oder rechtfertigen. Wir dürfen Angst haben, ohne daraus schließen zu müssen, dass mit uns etwas nicht stimmt.
 
Natürlich ist meistens keine böse Absicht dahinter. Die Person, die den Satz sagt, möchte vermutlich helfen. 
Sie möchte Sicherheit vermitteln und zeigen, dass alles okay ist. Das Problem liegt also weniger in der Absicht als in der Wirkung. Wenn ein Mensch Angst hat, braucht er nicht die Information, dass seine Angst objektiv nicht notwendig wäre. Er weiß möglicherweise selbst, dass die Situation keine unmittelbare Gefahr darstellt. Sein Nervensystem reagiert trotzdem mit Angst.
Der Satz „Du musst keine Angst haben“ ist ein Paradebeispiel dafür, dass gut gemeinte Worte nicht automatisch gute Worte sind. Er klingt auf den ersten Blick beruhigend, ist aber gleichzeitig eine ziemlich ignorante Art zu sagen: "Was du fühlst ist falsch.“ Wnn das tatsächlich funktionieren würde, wäre das Leben deutlich einfacher. Leider hat das menschliche Gehirn die unangenehme Eigenschaft, sich nicht per Sprachbefehl umprogrammieren zu lassen.
Deshalb ist es hilfreicher, nicht sofort zu sagen, dass jemand keine Angst haben sollte, sondern erst einmal zuzuhören, warum er Angst hat. Kein Mensch braucht eine Erklärung darüber, wie er sich fühlen soll. Vielmehr braucht jeder Mensch jemanden, der bleibt, während er sich so fühlt, wie er sich eben fühlt.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Freitag, 25. September 2026

Nichts weiter

 

Foto: A.W.

"Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort. Sie sprechen alles so deutlich aus: Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus, und hier ist Beginn und das Ende ist dort", schreibt Rainer Maria Rilke.
 
Dieser Zwang, für jedes Gefühl, jede Stille und jeden Zufall sofort ein „Warum“ zu finden nimmt dem Dingen ihre Tiefe, ihre Schönheit und Leichtigkeit. Für mich liegt darin eine der Zumutungen unserer Zeit, dass alles benannt, erklärt und eingeordnet werden muss. Kaum entsteht ein Gefühl, wird nach seiner Ursache gesucht. Kaum geschieht etwas Zufälliges, wird daraus ein Zeichen. Kaum entsteht Stille, wird sie mit Worten gefüllt. Es wird zerredet, analysiert, spekuliert und in Schubladen gesteckt. Als müssten wir allem einen Grund, eine Ursache, einen Sinn geben, bevor wir es überhaupt wirklich erfahren dürfen. Nein, nicht alles, was uns berührt, braucht eine Erklärung, eine Deutung, eine Analyse, ein Zerpflücken. Manche Dinge verlieren gerade dann etwas von ihrem Zauber, wenn wir sie zu genau betrachten. Ein Blick, der uns unerwartet trifft. Eine Begegnung, die uns berührt. Ein Lied, das uns an einen längst vergessenen Ort zurückführt. Ein Nachmittag, an dem nichts Besonderes geschieht und der sich trotzdem leicht und vollkommen anfühlt. Die Schönheit all dessen liegt für mich gerade darin, dass wir sie nicht erklären und nicht festhalten können.
 
Wir leben mit der Vorstellung, verstehen zu müssen, um etwas annehmen zu können. Aber manchmal ist es genau umgekehrt. Wir dürfen aushalten, etwas nicht zu verstehen, um ihm wirklich begegnen zu können. Wir dürfen vom Erklärungsmodus in den Erlebensmodus wechseln. Wie viel tiefer und berührender wäre dann das Leben.
 
Nicht alles ist immer eine Frage, auf die wir eine Antwort finden müssen. Manches darf einfach geschehen. Manches darf widersprüchlich bleiben. Manches darf unausgesprochen bleiben. Manches darf ungelöst bleiben. Und manches müssen wir nicht benennen, damit wir es als das wahrnehmen können, was es eigentlich ist: ein Moment, der nichts von uns verlangt, sondern uns berühren will. Nichts weiter. Und doch so viel. 
 
 
Angelika Wende
www.wende-praxis.de
 
 

Donnerstag, 24. September 2026

Resonanz

 



Einige von uns kennen das. Du fühlst viel. Du nimmst Zwischentöne wahr, spürst Veränderungen in der Stimmung eines Raumes, hörst, was zwischen den Worten schwingt, lässt dich von Menschen, Musik, Natur oder einem einzigen Satz tief berühren. Und trotzdem erlebst du manchmal erstaunlich wenig Resonanz. Du gibst etwas von dir in eine Beziehung, in ein Gespräch, eine Begegnung, einen Text und hoffst darauf, dass etwas zurückschwingt. Nicht unbedingt große Worte, nicht einmal dieselbe Intensität, nur ein kleines Zeichen, dass das, was in dir lebt, den anderen erreicht hat.
Doch oft kommt nichts zurück.
Du erzählst etwas, das dich bewegt und bekommst eine beiläufige Antwort. Du zeigst dich verletzlich und triffst auf Distanz. Du hörst aufmerksam zu, spürst den anderen, versuchst zu verstehen und merkst irgendwann, dass diese Bewegung fast ausschließlich in eine Richtung geht. Das kann einsam machen. Und das ist eine der schmerzhaftesten Erfahrungen für die, die viel fühlen: Nicht, dass sie zu viel fühlen, sondern dass das, was sie fühlen, so selten auf etwas trifft, das zurückschwingt.
 
Dann beginnst du irgendwann, an dir selbst zu zweifeln. Du fragst dich, ob du zu empfindlich bist, zu tief, zu kompliziert. Ob du weniger fühlen solltest, weniger von dir zeigen. Und am Besten: Nichts erwarten.
Nein. Es geht nicht darum weniger zu fühlen. Du musst nur aufhören, deine Tiefe dort zeigen zu wollen, wo keine Resonanz entstehen kann. Resonanz lässt sich nicht erzwingen. Du kannst dich öffnen, ehrlich sein, zuhören, dich berühren lassen und antworten, aber du kannst nicht beeinflussen, ob etwas zurückkommt. Und genau darin liegt ihre Schönheit und ihre Zumutung: Du kannst Resonanz nicht herstellen. Du kannst nur Räume schaffen, in denen sie möglich wird.
Manche werden dir dort begegnen. Andere nicht.
Es geht darum, den Unterschied zu erkennen, ohne deshalb dein eigenes Fühlen kleiner zu machen.


Angelika Wende
www.wende-praxis.de

Mittwoch, 23. September 2026

Nähe

 

Malerei: A.W.


Ich sitze im Sessel in der Buchhandlung und lese. Ein Mädchen, vielleicht zwölf Jahre alt, setzt sich auf den Sessel neben mir. Was machst Du? fragt sie mich.
Ich lese antworte ich.
Sie sagt: Gut, lies weiter. Ich wende mich wieder meinem Buch zu. Ich spüre ihren Blick.
Ich frage sie, ob die auch gerne liest. Ja, sagt sie, springt auf, holt ein Buch, setzt sich, schlägt es auf und liest laut vor. Ihr Gesicht ist vollkommen ausdrucklos. Ihre Worte sind schwer verständlich.
Ich sage, du kannst schön lesen. Ja, sagt sie.
Ich frage sie, wie sie heißt. Das darf ich nicht sagen, kommt die Antwort.
Wo ist deine Mama?, frage ich weiter. Dort hinten, sagt sie und zeigt mit dem Finger auf eine junge Frau. Die Frau ruft: Anna komm, wir gehen. Anna schüttelt fast unmerklich den Kopf, sieht mir tief in die Augen, wendet sich ihrem Buch zu und liest weiter vor.
In diesem Moment habe ich ein so tiefes Gefühl von Verbundenheit mit diesem Mädchen, wie es lange nicht gespürt habe. Da ist etwas zwischen Anna und mir, für das ich keine Worte finde.
Als die Mutter kommt um Anna zu holen, wehrt sich Anna mit einem lauten „Nein!“
Anna will nicht gehen. Sie will bleiben. Ich will, dass Anna bleibt, noch eine Weile. Anna wehrt sich immer lauter. Ich stehe auf und sage: Anna, ich muss jetzt gehen.
Ja, sagt sie plötzlich ganz ruhig. Ich verlasse die Buchhandlung. Heute Morgen denke ich noch immer an Anna und so seltsam es klingt, ich vermisse sie.

Dienstag, 22. September 2026

„Wo deine Angst ist, da ist deine Aufgabe.“

 


Dieser Satz von C.G. Jung berührt einen grundlegenden Gedanken der menschlichen Psyche: Angst ist nicht immer ein Zeichen dafür, dass wir auf dem falschen Weg sind. Manchmal zeigt sie uns vielmehr wo etwas in uns gesehen, verstanden und entwickelt werden will.
Angst entsteht häufig dort, wo wir mit etwas konfrontiert werden, das außerhalb unserer Komfortzone und unserer vertrauten Kontrolle liegt. Sie kann uns davor warnen, dass etwas tatsächlich gefährlich ist. Doch es gibt auch andere Formen der Angst: die Angst vor Veränderung, vor Ablehnung, vor dem Scheitern oder davor, uns unsere eigene Bedürfnisse und Wünschen zu erfüllen.
Gerade diese Ängste können viel über uns erzählen.
 
Jemand, der Angst davor hat, seine Meinung auszusprechen, darf lernen, für sich selbst einzustehen. Wer Angst vor Nähe hat, darf erforschen welche alten Erfahrungen von Verletzlichkeit oder Zurückweisung der Angst zugrunde liegen. Wer Angst vor dem Scheitern hat, darf sich fragen, was er dann nicht tun muss. Wer Angst vor Kontrollverlust hat, darf lernen Unsicherheit zu tolerieren. Wer Angst hat nicht gut genug zu sein, darf lernen den eigenen Wert nicht mehr ausschließlich von Leistung, Anerkennung oder dem Urteil anderer abhängig zu machen. Er darf lernen seinen Werten und Wünschen zu vertrauen und aus dem Gefühl heraus zu handeln, dass der eigene Wert bereits da ist.
In diesem Sinne bedeutet „Aufgabe“ nicht, dass wir uns zwanghaft all unseren Ängsten aussetzen sollen. Es geht vielmehr darum, unserer Angst mit Neugierde und Forschergeist zu begegnen und zu fragen: Was genau macht mir Angst? Was befürchte ich, wenn ich diesen Schritt mache? Welche Erfahrung aus meiner Vergangenheit wird dadurch berührt? Und: was würde ich gewinnen, wenn ich mich dieser Angst langsam annähern könnte?
 
Angst kann zu einem Wegweiser für persönliche Entwicklung werden. Sie führt uns an die Grenzen unseres vertrauten Selbstbildes. Dort begegnen wir Teilen von uns, die wir vielleicht lange verdrängt, abgespalten, angepasst, abgelehnt oder nicht wahrgenommen haben.
C.G Jung bezeichnete diesen Prozess als Teil der Individuation, die Entwicklung hin zu einem immer vollständigeren und authentischeren Selbst. Dazu gehört nicht nur, die angenehmen Seiten der eigenen Persönlichkeit anzunehmen. Auch Unsicherheit, Verletzlichkeit, Onmacht, Wut, Scham, Schuld, Zweifel und eben auch Angst gehören zum Menschsein. Was wir verdrängen, verschwindet nicht einfach. Es beeinflusst vielmehr unbewusst unser Denken und Handeln. Und es kann sich eben auch als Angst zeigen. Und die kann uns daran hindern uns selbst zu verwirklichen. Sie kann unsere Träume, Ziele, Wünsche und Visionen zerstören und das, was wir sein könnten.
Die Aufgabe besteht nicht darin, keine Angst mehr zu haben. Sie besteht darin, trotz der Angst mit uns selbst in Beziehung zu bleiben. Manchmal bedeutet Wachstum, einen Schritt nach vorne zu machen. Manchmal bedeutet es aber auch, eine Grenze zu setzen, Nein zu sagen, Hilfe anzunehmen oder uns einzugestehen, dass etwas nicht gut für uns ist. Angst ist nicht automatisches Signal dafür, dass wir etwas tun müssen. Sie ist eine Einladung, genauer hinzuschauen.
 
Darin liegt für mich die tiefere Bedeutung des Satzes. Dort, wo wir uns selbst am liebsten vor der Angst verstecken würden, kann etwas Wesentliches über uns verborgen liegen.
Die Angst ist nicht unser Gegner. Wir dürfen lernen, ihr zuzuhören, ohne ihr blind zu folgen. Denn hinter manchen Ängsten liegt nicht nur das, was wir vermeiden wollen, sondern auch das, was in uns wachsen möchte. Persönliche Entwicklung beginnt in dem Moment, wenn wir aufhören, uns zu fragen: Wie werde ich die Angst los?, und uns stattdessen fragen: Was will mir meine Angst über mich selbst zeigen?
 
 
 
"Unsere tiefste Angst ist es nicht,
ungenügend zu sein.
Unsere tiefste Angst ist es,
dass wir über alle Maßen kraftvoll sind.
Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit,
das wir am meisten fürchten
Wir fragen uns, wer bin ich denn,
um von mir zu glauben, dass ich brillant,
großartig, begabt und einzigartig bin?
Aber genau darum geht es,
warum solltest Du es nicht sein? 
 
Du bist ein Kind Gottes.
Dich klein zu machen nützt der Welt nicht.
Es zeugt nicht von Erleuchtung, dich zurückzunehmen,
nur damit sich andere Menschen um dich herum
nicht verunsichert fühlen.
Wir alle sind aufgefordert, wie die Kinder zu strahlen.
Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit Gottes,
die in uns liegt, auf die Welt zu bringen.
Sie ist nicht in einigen von uns,
sie ist in jedem. 
 
Und indem wir unser eigenes Licht scheinen lassen,
geben wir anderen Menschen unbewusst die Erlaubnis,
das Gleiche zu tun.
Wenn wir von unserer eigenen Angst befreit sind,
befreit unser Dasein automatisch die anderen."
Nelson Mandela 
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Sonntag, 20. September 2026

Der Mut zur eigenen Wahrheit - C.G. Jung, Albert Camus und der Weg der radikalen Selbstbehauptung

 

Foto: A.W.


 
Sie sind meine großen Lehrer: Carl Gustav Jung und Albert Camus. Obwohl der Schweizer Psychiater und der französisch-algerische Philosoph und Schriftseller aus völlig unterschiedlichen Disziplinen stammen, umkreisen sie im Kern dieselbe fundamentale, existenzielle Frage: Wie kann der Mensch im Angesicht eines chaotischen, gleichgültigen Kosmos ein authentisches Leben führen?
Was diese beiden Titanen des Geistes verbindet, ist eine kompromisslose, fast schmerzhafte Ehrlichkeit gegenüber der conditio humana. Beide verweigern sich jedem billigen Trost, jeglicher spirituellen Realitätsflucht und jedem intellektuellen Ausfluchtversuch, ohne dabei in den lähmenden Abgrund des Nihilismus zu stürzen. Stattdessen fordern sie den Mut, der Realität ungeschönt und aufrecht ins Gesicht zu blicken. Wo Camus das Absurde in der Außenwelt seziert, das tragische, unauflösbare Aufeinandertreffen unseres Verlangens nach Sinn mit dem unerbittlichen Schweigen des Universums, blickt Jung tief in die Abgründe der menschlichen Seele und zwingt uns zur Konfrontation mit dem Schatten, jenen verdrängten, dunklen und ungeliebten Anteilen der eigenen Psyche, vor denen wir am liebsten fliehen würden.
 
Beide Sichtweisen ergänzen sich auf faszinierende Weise, was sich besonders in der Nutzung von Mythen zeigt. Während Jung im kollektiven Unbewussten zeitlose Archetypen findet, universelle, urbildliche Muster und Symbole, die tief im sogenannten kollektiven Unbewussten aller Menschen verankert sind, erweckt Camus diese Bilder literarisch zum Leben. Der Mythos des Sisyphos liest sich wie ein tiefenpsychologisches Manifest der Selbstbehauptung. Hier machen wir Bekanntschaft mit dem Archetyp des Rebellen, eng verwandt mit dem Archetypen des Helden oder des Zerstörers und Erneuerers.
Sisyphos, der seinen Stein immer wieder den Berg hinaufrollt akzeptiert die Sinnlosigkeit seiner Aufgabe, rebelliert gegen die Verzweiflung und findet in diesem Akt der Selbstbehauptung letzlich seine Erfüllung. Sisyphos wird bei Camus zum archetypischen Helden. Er kapituliert nicht vor der Sinnlosigkeit. Er transformiert sie. Indem er seinen Stein bewusst annimmt, rebelliert er gegen die Verzweiflung. In diesem Akt der absoluten, stolzen Selbstbehauptung triumphiert er über die Götter und findet seine Erfüllung.
 
Hier verschmelzen Camus Revolte und Jungs Konzept der Individuation. Individuation, der lebenslange, oft schmerzhafte Prozess die Masken der gesellschaftlichen Konditionierungen abzureißen, den Schatten zu integrieren und zum eigenen Selbst zu werden, ist der psychologische Vollzug dessen, was Camus philosophisch als Rebellion einfordert.
Beide Denker nehmen uns jede metaphysische Ausrede und fordern eine radikale Eigenverantwortung. Sie wenden sich gegen das blinde, gehorsame Aufgehen im Kollektiv oder in gesellschaftlichen Dogmen. Sie zeigen uns, dass Sinn nicht im Außen gefunden wrid, er wird nicht geschenkt oder diktiert. Vielmehr muss er im eigenen Inneren durch radikale Selbsterforschung, ungeschönte Selbstkenntnis, durch Rebellion, Akzeptanz, Schattenintegration und durch mutiges schöpferisches Handeln im Hier und Jetzt, Moment für Moment selbst erschaffen werden.