Freitag, 27. Februar 2026

Der Wert des Lebens

 



Was ist ein Leben wert, wenn ein Mensch vollkommen allein ist und niemanden mehr hat?, fragte mich gestern eine verzweifelte Klientin, die im Laufe der letzten zwei Jahre alle Menschen verloren hat, die ihr etwas bedeutet haben. Ich kann mit ihr fühlen. Auch ich habe die wichtigsten Menschen in meinem Leben verloren. Auch ich habe immer wieder Momente, in denen ich mich frage: Wofür? Was ist mein Leben noch wert?
Das ist eine zutiefst existenzielle Frage. 
 
Wenn ein Mensch vollkommen allein und auf sich selbst reduziert ist, kann sich das Leben tatsächlich wertlos anfühlen. Wenn dieses Alleinsein zu Einsamkeit wird, hat die Einsamkeit die Kraft, das eigene Selbstbild zu verzerren. Der Mensch fühlt sich überflüssig, bedeutungslos, vergessen und wertlos. Er verliert den Sinn. Doch das Gefühl von Wertlosigkeit ist nur ein Gefühl und nicht tatsächliche Wertlosigkeit. Der Wert eines Lebens entsteht nicht ausschließlich durch andere Menschen.
Ein Leben hat Wert, weil wir sind, weil wir fühlen können, denken und erleben können. Weil wir in jedem Moment die Möglichkeit haben zu handeln und etwas zu verändern, in uns, an uns, durch uns. Und weil die Zukunft immer offen ist und keine festgeschriebene Größe. Solange Bewusstsein da ist, gibt es Erfahrung, solange Erfahrung möglich ist, gibt es Wirklichkeit. Der Wert eines Menschen hängt nicht davon ab, ob und wie viele Menschen ihn sehen, lieben oder brauchen. Er ist nicht an Status, Beziehungen oder Bestätigung gebunden. Er liegt in der Tatsache, dass ein Mensch existiert.
Aber genügt das, um uns das Gefühl zu geben: Mein Leben ist wertvoll?
 
Wenn ein Mensch vollkommen allein ist, leidet er. Dieses Leiden ist real. Wir Menschen sind soziale Wesen, Beziehungslosigkeit, Einsamkeit und Isolation schmerzen. Doch Einsamkeit ist ein Zustand und kein Urteil über unseren Wert. Einsamkeit beschreibt einen Zustand, nicht eine Bedeutung.
Die Bedeutung verleihen wir selbst. 
 
Tiefe Einsamkeit sagt oft: „Niemand braucht mich. Ich bin bedeutungslos, wertlos. Das sind Gedanken und Gefühle, aber keine objektiven Wahrheiten. Diese Gefühle können sehr mächtig sein, sie können uns überwältigen, uns verzweifeln lassen, aber sie sind nicht identisch mit der Wirklichkeit.
Kein Mensch ist dafür geschaffen, dauerhaft ohne Verbindung zu leben. Wenn wir uns wertlos fühlen, weil wir vollkommen allein sind, ist das kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Signal für ein zutiefst menschliches Bedürfnis: Bindung.
Der Schmerz der Einsamkeit bedeutet nicht, dass unser Leben nichts wert ist – er zeigt uns, wie sehr Beziehung zu unserem Wesen gehört. 
 
Was also, wenn es in einem Leben keine Beziehungen mehr gibt, so wie jetzt bei meiner Klientin? Was ist die Folge? Geht ein Mensch daran zugrunde?
 Theoretisch betrachtet kann ein Mensch daran sehr wohl zugrunde gehen, wenn er keinen einzigen Menschen mehr hat. Wir wissen, dass chronische Einsamkeit tödlich sein kann, weil sie nachweislich krank machen kann. Sie kann tödlich sein, aber muss es nicht zwangsläufig. 
 
Wir Menschen sind soziale Wesen. Unser Nervensystem ist auf Bindung ausgelegt. Resonanz, gesehen werden, geliebt sein, Berührung wirken regulierend auf unsere Psyche und unseren Körper. Fehlt Resonanz über lange Zeit vollständig, kann das schwerwiegende Folgen haben: Depressionen, Angstzustände, Zwänge, Sucht und kognitive Veränderungen sind nur einige davon. Einsamkeit als Dauerzustand ist für die meisten Menschen extrem belastend. Doch Belastung bedeutet nicht automatisch Zerstörung. Wir Menschen besitzen eine bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit.
Psychologisch entsteht Identität zwar im Spiegel anderer, doch sie ist nicht ausschließlich davon abhängig. Wir verfügen über Erinnerung, Selbstreflexion und die Fähigkeit zur Imagination. Selbst ohne ein reales Gegenüber kann unser Bewusstsein innere Dialoge führen, vergangene Beziehungen lebendig halten oder sich in Gedanken mit etwas Größerem verbinden. Es gibt Menschen die mit sich selbst sprechen, mit Verstorbenen oder mit Gott. Unser Geist hat die bemerkenswerte Fähigkeit innere Stabilität zu erzeugen. Solange eine innere haltgebende Struktur vorhanden ist, bleibt unsere psychische Integrität bestehen.
 
Auf existenzieller Ebene wird die Frage jedoch grundsätzlicher. Was, wenn ich vollkommen allein bin und es bleibe?
Selbst dann, bliebe dennoch Welt. 
Identität setzt zwar Differenz voraus – ein Ich und ein Nicht-Ich –, doch diese Differenz wäre weiterhin gegeben. Das eigene Erleben bliebe real. Schmerz bliebe Schmerz, Freude bliebe Freude, Handeln bliebe Handeln, Entscheidung bliebe Entscheidung. Der Wert des Lebens wäre dann zwar nicht mehr relational, also nicht durch andere vermittelt, sondern im Erleben des Individuums selbst verankert.
Was uns tatsächlich zugrunde richten kann, ist weniger die bloße Abwesenheit anderer als Hoffnungslosigkeit und Sinnverlust, der sich dadurch einstellen kann. Wenn Einsamkeit und Isolation mit absoluter Ausweglosigkeit verbunden sind, wirkt das zerstörerisch. Gelingt es jedoch, einen inneren Sinn zu konstruieren, durch eine Aufgabe oder ein Ziel, kann ein Mensch selbst unter extremen Bedingungen stabil bleiben.
 
Noch tiefer gefragt: Wenn ich der letzte Mensch im Universum wäre, wäre mein Erleben weniger wirklich? Oder wäre es gerade deshalb von radikaler Intensität?
An diesem Punkt entscheidet sich, ob man Wert nur als etwas Zwischenmenschliches versteht – oder ob Bewusstsein selbst bereits Träger von (Lebens)Wert ist.
Ich nehme die Philosophen zur Hilfe.
Für Jean-Paul Sartre ist der Mensch „zur Freiheit verurteilt“. Das bedeutet, dass es keinen übergeordneten Sinn und keine höhere Instanz gibt, die unserem Leben Bedeutung verleiht. Der Mensch existiert und definiert sich selbst durch seine Entscheidungen. Wenn nun ein Mensch vollkommen allein ist, fallen die sozialen Spiegel weg, in denen er sich erkennt: keine Rollen, keine Erwartungen, keine Zuschreibungen. Was dann bleibt ist nur das eigene Bewusstsein und die radikale Freiheit, sich selbst zu entwerfen. Das kann als Leere erscheinen, aber ebenso als äußerste Form der Freiheit. Ohne andere gibt es niemanden, dem wir gefallen, den wir beeindrucken oder dem wir die Verantwortung für unsere Leben zuschieben könnte. Alles liegt allein bei uns selbst. Der Wert des Lebens entsteht dann nicht durch Beziehung und Anerkennung, sondern durch den Akt des Wählens. Selbst in der tiefsten Isolation bleibt der Mensch verantwortlich für das, was er aus sich macht. Gerade weil es keinen äußeren Maßstab gibt, wird dann jede Entscheidung, die wir treffen, existenziell.
Auch Albert Camus beschreibt die Grundsituation des Menschen als eine Konfrontation mit dem Absurden. Wir fragen nach dem Sinn, doch das Universum antwortet nicht. Der Mensch ist dieser Antwortlosigkeit in ihrer reinsten Form ausgesetzt. Camus sieht darin jedoch keinen Grund zur Verzweiflung, sondern vielmehr Antrieb zur Revolte. Wie Sisyphos, der seinen Stein immer wieder den Berg hinaufrollt, obwohl er weiß, dass er sofort wieder hinabrollen wird. Für ihn liegt der Wert nicht im Ziel, sondern im bewussten Trotz gegenüber der Sinnlosigkeit. Der Akt des Weiterlebens, des Entscheidens, des Handelns wird zur Bejahung der Existenz. „Man muss sich Sisyphos als einen Glücklichen Menschen vorstellen.“
 
In völliger Isolation wird der Existenzialismus gewissermaßen rein: kein Außen, keine gesellschaftliche und keine soziale Struktur, kein äußeres Urteil – nur Bewusstsein, Freiheit und Entscheidung. Der Mensch wird zum alleinigen Zeugen seiner Existenz. Das kann zutiefst beängstigend sein, weil niemand da ist, der die eigene Wirklichkeit bestätigt. Doch zugleich liegt darin eine radikale Würde: Selbst wenn niemand zusieht und niemand sich erinnert, schafft jede Entscheidung Realität für das erlebende Bewusstsein.Wenn also Bewusstsein selbst bereits Träger von Wert ist, dann verschiebt sich die gesamte Frage nach dem Wert eines Lebens grundlegend. Wert wäre dann nicht etwas, das durch Beziehung entsteht, nicht etwas, das verliehen, bestätigt oder gespiegelt werden muss. Er wäre auch nicht abhängig von Anerkennung oder Nutzen. Wert läge dann im bloßen Erleben selbst – im Dasein eines inneren Perspektivpunkts, von dem aus Welt erfahren wird. Nach diesem Verständnis ist jedes Wesen wertvoll, weil es eine Innere Welt besitzt. Schmerz wäre nicht nur ein biologisches Signal, sondern eine reale Erfahrung. Freude wäre nicht bloß ein Zustand von Nervenzellen, sondern gelebte Wirklichkeit. Gedanken, Zweifel, Hoffnungen – all das hätte Bedeutung, einfach weil es erlebt wird. Das Universum wäre nicht nur Materie in Bewegung, sondern eine wahrnehmende Realität.
Auch wenn es nur einen einzigen Menschen im Universum gäbe, bliebe sein Wert bestehen. Denn solange erlebt wird, existiert eine Perspektive auf Welt. Selbst wenn niemand zusieht, niemand antwortet, bleibt das Faktum: Es gibt Resonanz und Erfahrung. Und Erfahrung ist nicht nichts. Sie ist das Einzige, das überhaupt als „etwas“ erscheinen kann. Ohne Bewusstsein gäbe es zwar vielleicht Prozesse – aber kein Erscheinen, kein Fühlen, keine Bedeutung.
In diesem Sinn wäre Bewusstsein selbst der Wert. Nicht weil es nützlich ist, sondern weil es Wirklichkeit von innen heraus erzeugt. Jede bewusste Existenz wäre dann ein Zentrum von Bedeutung, unabhängig von äußerer Resonanz. 
 
Isolation ist schmerzhaft, aber sie hebt den ontologischen Wert, den Seinsgehalt, unabhängig von seiner subjektiven Bewertung, nicht auf. Das Leben ist nicht allein wertvoll, weil es geteilt wird, sondern weil es von uns selbst erlebt wird. Sein Wert existiert, solange Bewusstsein existiert. Er kann verkannt, bezweifelt oder vergessen werden, aber er wird nicht ausgelöscht, solange noch erfahren wird. In dieser Sicht ist das bloße Da-Sein eines bewussten Wesens bereits ein Wert.
Selbst in völliger Einsamkeit, wenn kein Mensch mehr da ist, ist das Leben nicht leer. Denn dort, wo Bewusstsein existiert, entsteht Wert – nicht durch Anerkennung, nicht durch Spiegel oder Bestätigung, sondern allein durch das Erleben selbst. Jeder Gedanke, jedes Gefühl macht die Welt spürbar, macht sie bedeutungsvoll, einfach weil jemand da ist, der sie erlebt. Das Universum, so still und antwortlos es auch sein mag, wird durch dieses Bewusstsein gefüllt.
In dieser Stille zeigt sich eine radikale Würde. 
 
Wert liegt nicht darin, gesehen zu werden, sondern darin, dass ich da bin, der erlebt. Mein Bewusstsein wird zum Schöpfer von Bedeutung, zum Urheber von Wert: Nicht weil es andere gibt, die bezeugen, sondern weil ich selbst existiere und fühle. Selbst Isolation kann diesen Wert nicht auslöschen. Das Leben kann einsam sein, schwer und manchmal bitter, doch all das nimmt dem Leben nicht seine Kostbarkeit. Jedes bewusste Sein ist ein Zentrum von Bedeutung, das der Wirklichkeit Tiefe verleiht. In diesem Sinn ist Existenz niemals bedeutungslos. Allein oder mit anderen, gesehen oder vergessen, so lange ein Bewusstsein existiert, ist die Welt voller Wert, voller Bedeutung, voller Leben.
Wenn wir es so sehen können, verliert das Leben in der Isolation nicht seinen Wert, sondern es offenbart uns seinen existenziellen Kern - unser Wert liegt nicht darin, gesehen zu werden, sondern darin, zu wählen bewusst zu existieren. 
 
Wenn mich niemand mehr jemals sehen, würde es für mich selbst einen Unterschied machen, wie ich lebe?, habe ich mich gefragt. Die Antwort habe ich noch nicht gefunden, aber ich fühle: Genau hier beginnt die existenzialistische Herausforderung.
Stelle ich mich ihr, begegne ich einer radikalen Freiheit.
Ich stelle mich der alleinigen Verantwortung für mein Leben. In dieser Konfrontation liegt die Chance, die Freiheit, mein eigenes Leben zu gestalten, bewusst und ohne Ausreden. Ich wähle wie ich auf das Absurde reagiere. Ich erkenne an: Die Welt gibt mir keinen vorgefertigten Sinn – und ich entscheide für mich selbst zu leben, wahrzunehmen, zu fühlen, zu denken und zu handeln. Jeder Gedanke, jede Handlung, jede Entscheidung wird dann zu einem Akt, der Bedeutung schafft, nicht weil andere ihn sehen, sondern weil ich selbst erlebe und das Leben bejahe. In dieser Haltung liegt die Kraft, Sinn zu gestalten, selbst in der tiefsten Einsamkeit.
 
Und wie geht das praktisch?
Ich nutze meine inneren Ressourcen. Sie werden zu Ankern. Meine Erinnerung, meine Vorstellungskraft, meine Rituale, Natur, Kunst, Musik, Literatur, das Gespräch mit mir selbst. All das stabilisiert, gibt Kontinuität, lässt mein Bewusstsein spürbar werden. Wer es schafft sich dieser Herausforderung zu stellen, erkennt vielleicht, dass Einsamkeit und Isolation keine untragbare Bürde ist, sondern die Möglichkeit, das eigene Sein zu formen.
Und das bedeutet auch: Ich akzeptiere das Paradoxe.
Freiheit, Einsamkeit und Verantwortung sind zugleich schwer und befreiend. In dieser vollen Intensität wird das Leben spürbar. Es wird wertvoll, weil es bewusst erlebt wird. Nicht durch andere, sondern durch das eigene Da-Sein. Wer fähig ist diese Herausforderung anzunehmen, wird zum Zeugen und zum Schöpfer seines eigenen Wertes. Er erschafft aus der Existenz selbst einen Grund zu sein.
Das Leben ist wertvoll, einfach weil wir sind. 
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Mittwoch, 25. Februar 2026

Den Raum halten

                                                         
Art Work: A.W.
 
 
Wenn wir traurig sind, brauchen wir Menschen, die den Raum halten, weil Trauer kein Problem ist, das gelöst werden muss, sondern ein Gefühl, das gefühlt werden will. „Den Raum halten“ bedeutet, da zu sein, ohne zu bewerten, zuzuhören, ohne sofort zu analysieren, mitzufühlen, ohne ungefragt Lösungen anzubieten. Es bedeutet, die Gefühle des anderen zu achten, sie auszuhalten, ohne sie kleinzureden oder wegzuerklären. Wenn wir den Raum halten, braucht es nicht viel Worte. Es genügt eine Haltung, die vermittelt: Was du fühlst darf sein. Du bist nicht falsch mit dem, was du fühlst.
 
Ein Satz wie „So ist es nun mal“ oder „das ist die Realität“, den viele von uns hören, wenn sie traurig sind, kommt aus dem Kopf. 
Er versucht zu rationalisieren, zu relativieren oder einen schnellen Abschluss zu finden. Ohne vorherige Empathie wirkt er wie ein Abbruch, der das Gefühl schnell beenden soll. Er setzt einen Punkt, wo Gefühle noch Raum brauchen.
 
Traurigkeit sitzt nicht im Verstand, sie sitzt im Körper und im Nervensystem. 
Indem wir die Gefühle eines anderen vorschnell relativieren oder rationalisieren, fühlt er sich missverstanden und allein. Vielleicht fühlt er sich sogar beschämt, zu schwach, zu sensibel, überempfindlich. Halten wir aber den Raum, darf sich Traurigkeit, ohne bewertet zu werden, zeigen und das Nervensystem kann sich beruhigen. Der andere fühlt sich gesehen und angenommen, wir unterstützen ihn dabei sein Gefühl zu durchleben.
 
Wir Menschen sind fühlende Wesen.
Aber schon als Kind lernen viele von uns, ihre Gefühle zu unterdrücken oder abzuspalten. Nicht zuletzt deshalb gibt es so viele Menschen, die nie gelernt haben, dass Beziehung entscheidend ist um uns sicher zu fühlen und um unser Nervensystem zu regulieren. So viele sind emotional amputiert, weil sie nie gelernt haben – was du fühlst darf sein.
Es ist okay. Du bist okay. 
 
Ein Satz wie: „So ist es nun mal“ ist nüchtern und sachlich, er ist sogar wahr, aber er ist nicht hilfreich für Menschen, die sensibel sind und fühlen. Und nein, Sensibilität und Empfindsamkeit sind kein Zeichen von Schwäche, sondern von Tiefe.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Dienstag, 24. Februar 2026

Selbstbespiegelung

 

                                                             Zeichnung: A.Wende

 
Worte steigen auf wie Rauch,
und keines wärmt.
Gespräche gleiten über Oberflächen.
Münder sprechen von Erfolgen, von Plänen,
von sich selbst.
Sätze prallen gegeneinander
nicht geteilt, ausgestellt.
Trophäen aus banaler Alltäglichkeit.
Markt der Selbstdarstellung.
 
Selbstbespiegelung.
„Ich habe.“
„Ich war.“
„Ich werde.“
Ich bin und sitze da. 
 
Sehe offene Münder,
und keine offenen Ohren.
Kein echtes Fragen.
Münder, die nur darauf warten, selbst wieder zu reden,
während ich noch spreche.
Ein ständiges Sich-selbst-Erzählen.
 
Ich frage mich:
Wer bist du, wenn du einmal still bist?
Leere,
die bleibt,
weil Worte nichts berühren.

Sonntag, 22. Februar 2026

Aus der Praxis: Missbrauch in der Kindheit - "Ich habe ihn doch geliebt."

 

                                                                Malerei: A.Wende


Anna ist 40 Jahre alt, als sie sich in meiner Praxis vorstellt. Anlass war zunächst eine über Jahre bestehende Tablettensucht, eine generealisierte Angststörung und eine depressive Symptomatik. Sie leidet unter starken Selbstzweifeln, Scham-und Schuldgefühlen und äußert immer wieder den Satz: „Besser ich wäre tot.“

Im Verlauf der Sitzungen berichtet sie vom Missbrauch durch den Vater in der Kindheit, von dem sie erst kürzlich durch ein Familienmitglied erfahren hat. Sie selbst hat nur intrusive Erinnerungsfragmente. Anna zieht es den Boden unter den Füßen weg. Sie ist schockiert, fassungslos, empfindet Ekel und Wut gegenüber dem Vater. Sie fühlt sich von ihm betrogen und verraten. Was sie besonders quält, ist nicht allein das Trauma selbst, sondern ein massiver Loyalitätskonflikt. Immer wieder sagt sie: „Ich habe ihn doch geliebt.“

Der Vater sei zugewandt, unterstützend und liebevoll gewesen und habe viel Zeit mit ihr verbracht, er habe mit ihr gespielt und ihr viel Wertvolles nahegebracht. Genau diese Erinnerungen führen dazu, dass sie das Geschehene nicht einordnen kann. Sie ist in einem emotionalen Konflikt, der sie sie innerlich zerreißt.

 

Was sie quält ist, dass ihr Bild des „guten Vaters“ zerbrochen ist und ihm jetzt ein Bild des „schlechten Vaters“ gegenübersteht. Da ist einerseits Gewalt und andererseits liebevolle Zuwendung. Anna fragt sich: „Wie kann ich ihn noch lieben, wo er mir das angetan hat?“ „Darf ich ihn noch lieben, ohne mich selbst zu verleugnen?“, wird nicht ausgesprochen.

Hier zeigt sich ein zentrales klinisches Phänomen: die traumatische Bindung.

Wenn wir als Kind missbraucht wurden und den Täter gleichzeitig geliebt haben, entsteht ein tiefer innerer Konflikt, der noch im Erwachsenenalter stark belastet. Dieser Konflikt ist jedoch kein Zeichen von Widersprüchlichkeit, sondern eine nachvollziehbare Folge kindlicher Bindungsdynamik. Ein Kind ist existenziell auf seine Bezugspersonen angewiesen. Die Bindung sichert sein Überleben. Deshalb kann ein Kind selbst dann Liebe empfinden, wenn eine Bezugsperson zugleich übergriffig ist. Für das kindliche Nervensystem stehen Bindung und Schutz an erster Stelle. Dass Liebe und Missbrauch nebeneinander existieren konnten, bedeutet nicht, dass der Missbrauch weniger schlimm war – es zeigt vielmehr, wie stark das kindliche Bedürfnis nach Bindung ist. Das kindliche Nervensystem priorisiert Beziehungssicherung, selbst um den Preis massiver Selbstverleugnung. Um das Unerträgliche zu ertragen, spaltet ein Kind das traumatische Erlebnis ab. Es kommt zur Dissoziation. Es wirkt abwesend oder es erinnert sich nicht. Es spaltet Gewalt und Zuwendung voneinander ab. Es übernimmt implizit Schuld, um das Bild des „guten“ Elternteils aufrechterhalten zu können. Es entwickelt eine innere Loyalität, die stärker ist als sein Schutzimpuls, um emotional zu überleben. In vielen Fällen übernimmt das Kind sogar unbewusst die Verantwortung für das Geschehene – es fühlt sich schmutzig, falsch und wertlos. Der Preis dafür ist Selbstverlust.

 

Das bis dahin funktionale Abwehrsystem gerät, nachdem Anna die Wahrheit erfahren hat, ins Wanken. Das Bild vom guten Vater kollabiert – es kommt zur Ambivalenz.

Um Anna im ersten Schritt zu helfen, steht jetzt nicht die Konfrontation mit dem Trauma im Vordergrund, sondern Stabilisierung und kognitive Einordnung.

Viele Betroffene quälen sich mit Gedanken wie: „Wenn ich ihn geliebt habe, kann er doch nicht so schlimm gewesen sein“ oder „Vielleicht war ich schuld“. Hier ist eine klare Haltung entscheidend: Ein Kind trägt niemals Verantwortung für Gewalt und Missbrauch. Niemals! Die Verantwortung liegt ausschließlich beim Täter. Schuld- und Schamgefühle sind typische Traumafolgen, aber sie beruhen nicht auf realer Schuld. Es handelt sich um Loyalitätsbindungen, in denen Fürsorge und Gewalt miteinander verwoben sind. Das zu verstehen, kann bereits entlastend wirken.

In der therapeutischen Arbeit geht es darum, das „liebende Kind“ ernst zu nehmen und gleichzeitig klar zu benennen, dass das Geschehene Unrecht war. Das Kind durfte den Vater lieben – und der Vater hat dennoch seine Grenzen massiv verletzt. Diese Differenzierung ermöglicht es, innere Spaltungen langsam zu integrieren. Ziel ist nicht, den Vater nur noch zu hassen oder die Liebe zu ihm zu verleugnen, sondern beide Gefühle nebeneinander halten zu können, ohne sich selbst dafür zu verurteilen. 

Integration statt Schwarz-Weiß-Denken ist hier ein zentraler Prozess.

Es geht um die Normalisierung der Ambivalenz. Für Anna bedeutet das - dass sie den Vater geliebt hat, spricht nicht gegen den Missbrauch. Es spricht für Ihre damalige kindliche Abhängigkeit und ihr Bedürfnis nach Liebe und Bindung. Ziel ist nicht Polarisierung „nur Täter“ vs. „nur Vater“, sondern affektive Integration. Diese Perspektive kann, wenn es gelingt sie emotional zuzulassen, zu Entlastung führen. Anna kann beide Realitäten nebeneinander stehen lassen: „Ich war ein liebendes Kind. Und mir wurde schlimmes Unrecht zugefügt.“

 

Ein Kind trägt niemals die Verantwortung für Missbrauch.

 

Für das Unfassbare müssen wir Worte finden, ohne dass diese emotional überwältigend oder retraumatisierend sind. Es aussprechen und reden hilft zu verstehen: Was mir widerfahren ist, hat einen Grund. Der Missbrauch, den ich in der Kindheit erlebt habe, hatte nichts mit mir zu tun. Es hat allein mit dem zu tun, der ihn mir angetan hat. Es ist seins, seine Geschichte. Und die gehört nicht zu mir. Bei der Aufarbeitung des Traumas geht es nicht darum, den Täter zu hassen und ihn zu verurteilen, es geht nicht darum Verständnis zu haben, warum er so gehandelt hat, es geht nicht darum, dass wir entschuldigen, was uns widerfahren ist – es geht darum, uns um uns selbst zu kümmern und den Schaden, den wir erlitten haben, zu verarbeiten. Missbrauch und Gewalt sind und bleiben Unrecht, auch wenn sie aus traumatischen Erfahrungen des Täters heraus entstanden sind.

 

Es geht um Differenzierung und um Einordnung. Es geht niemals um Selbstabwertung. 

 Es geht nicht um Selbstverurteilung, sondern darum Mitgefühl mit uns selbst zu finden.

Statt das „liebende Kind“ zu korrigieren, geht es darum, ihm Schutz und Würde zurückzugeben. Der Fokus liegt nicht auf der Auslöschung der Liebe, sondern auf der Integration der widersprüchlichen Affekte. Beides kann gelten. Für Anna kann das heißen: „Ich durfte ihn lieben. Und trotzdem war das, was er getan hat, falsch.“

Diese Differenzierung markiert einen entscheidenden Integrationsschritt. Die Spaltung zwischen Idealisierung und Selbstanklage kann sich langsam auflösen. Die Ambivalenz verschwindet nicht vollständig, aber sie wird haltbar. Letztlich braucht die Verarbeitung Zeit, Geduld und Selbstmitgefühl. Annas Ambivalenz ist Ausdruck ihrer damaligen kindlichen Not. Heilung bedeutet nicht, die Vergangenheit ungeschehen zu machen, das ist unmöglich, Heilung bedeutet: die innere Zerrissenheit zu ordnen, zu integrieren und uns selbst von unberechtigter Schuld und Scham zu entlasten.

 

 

 

 

 

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Samstag, 21. Februar 2026

Echte Herzen

 



Ich habe ein Herz für die mit den verletzten Seelen, für die mit der verbeulten Kindheit, die Ungeliebten, die mit dem Knacks, die Zerbrechlichen, die mit den Ängsten, den Depressionen, der nicht enden wollenden Trauer, für die innerlich Einsamen, für die, die anders sind, weil sie auf einer anderen Frequenz schwingen und keine Resonanz finden, in einer Welt, für die sie nicht gemacht sind. 
 
Für die, die nachts wachliegen und tagsüber so tun, als wäre alles in Ordnung, auch wenn es ein Kraftakt ist. Ich habe ein Herz für sie, weil ich weiß, wie sich Schmerz und innere Schwere anfühlt, wie es sich anfühlt, anders zu sein. Weil ich weiß, wie laut Gedanken werden können, wenn es still ist. Wie viel Kraft es kostet zu leben, zu funktionieren. Zu sagen „ich bin okay“, obwohl gerade nichts okay ist und weiterzumachen - trotzdem. Ich weiß, wie leise Schmerz sein kann, Scham, Verzweiflung und Trauer und Angst, versteckt hinter einem Lächeln, hinter dem Satz: „Geht schon“ , und wie es ist mit all dem weiterzugehen und für andere da zu sein, auch wenn niemand für sie da ist. 
 
Ich habe ein Herz für sie, weil sie oft so viel mehr fühlen. Weil sie stille Kämpfe austragen, Tag für Tag und es sich nicht anmerken lassen. Weil sie jeden Tag Entscheidungen treffen müssen, die für andere keine sind: aufstehen, rausgehen, weitermachen. Da ist so viel Mut in ihnen, den sie selbst nicht sehen. So viel Kraft und Stärke, die sie selbst nicht wahrnehmen.
 
Ich habe ein Herz für sie, weil sie so viel mehr fühlen, intensiver fühlen, weil in ihnen oft die größte Tiefe wohnt, weil sie eine Sehnsucht in sich tragen, die so alt ist wie sie selbst, die tief geht und schmerzt und kein Ankommen kennt. Eine Sehnsucht nach Nähe, nach Gesehenwerden, nach Verstandenwerden, nach Angenommensein, nach Liebe, nach einem Ort, an dem sie nicht mehr allein stark sein müssen.
Vielleicht liebe ich sie auch, weil sie so verdammt echt sind.
 
Und nein, sie sind nicht kaputt. Sie sind nicht schwach, sie tragen viel, halten viel aus, fühlen viel – und wer fühlt lebt.
Diese Menschen brauchen nichts Großes.
Sie brauchen Menschen, die bleiben, auch wenn es unbequem wird.
Sie brauchen Zuhören ohne sofortige Lösungen.
Keine Ratschläge, kein: „Denk doch mal positiv“.
Sondern ein „Ich bin hier. Es ist okay, wie du fühlst. Du bist okay!“
Sie brauchen Sicherheit.
Das Gefühl, nicht zu viel zu sein. Nicht falsch. Nicht zu kompliziert. Nicht zu anstrengend. Nicht kaputt.
Sie brauchen echte Nähe und Mitgefühl.
Ein: „Wie geht es dir wirklich?“.
Jemand, der spürt, wenn sie stiller werden und sie nicht allein lässt. Jemand der die Hand hält und keine Angst hat, dass Leid ansteckend sein könnte.
Sie brauchen Ernstgenommenwerden und Akzeptanz.
Ängste, Depressionen, Traumata sind keine Schwäche. Einsamkeit ist kein Versagen. 
All das ist zutiefst menschlich.
Sie brauchen Geduld.
Viel Geduld mit sich selbst. 
Heilung ist ein langer Weg. Es gibt Fortschritte und dann wieder Rückschritte. Es gibt Höhen und Tiefen. Aufgang und Untergang.
An manchen Tagen ist das reine Überleben schon ein Sieg.
 
Sie brauchen Verstehen, Halt, Konsistenz, Vertrauen und das Gefühl von Sicherheit um zu heilen. Nicht das Versprechen, dass alles gut wird, sondern die Gewissheit, dass sie diesen Weg nicht allein gehen müssen. Sie brauchen echte Herzen.
 
 
Angelika Wende

Freitag, 20. Februar 2026

Interozeption - Emotionen entstehen im Körper

 


Angst entsteht allein durch unsere Gedanken. Behaupten manche und dass wir nur anders denken müssen, um die Angst zu besiegen.
Das ist wahr und es ist nicht wahr.
Wahr ist: unser Fühlen ist mit unserem Denken verbunden. Und wir können unsere Gedanken beeinflussen. Wahr ist auch: Emotionen gehen immer mit körperlichen Reaktionen einher.
Bei jedem emotionalen Erlebnis werden im Gehirn bestimmte Strukturen aktiv. Bei Gefahr ist die es Amygdala. Die Amygdala schüttet Stresshormone aus, die Nervenbahnen sind in Alarmbereitschaft. Das Herz schlägt schneller, Muskeln spannen sich an, der Schweiß rinnt uns aus den Poren, der Blutzuckerspiegel steigt - das Gefühl, das entsteht, ist Angst. Das Gefühl der Angst entsteht erst dann, wenn wir diese Reaktionen wahrnehmen.
Diesen inneren Prozess nennt man Interozeption.
Er basiert auf den Forschungen des Neurowissenschaftlers António Damásio. Interozeption bezeichnet die Repräsentation der inneren Welt und umfasst die Prozesse, durch die ein Organismus Signale aus seinem Inneren wahrnimmt, interpretiert, integriert und reguliert. Mit anderen Worten – der Körper spürt Angst, bevor wir sie denken.
Unser Gehirn kommuniziert über das periphere Nervensystem und nicht-neuronale Systeme mit den inneren Organen. Interozeption ist eine Voraussetzung für unser emotionales Empfinden. Was bedeutet: körperliche Reaktionen sind nicht das Resultat emotionalen Erlebens, sondern die Ursache. 
 
Was bedeutet das nun für unsere Angst?
Sie speist sich eben nicht allein aus unseren Gedanken.
Und das hat mit unserer Wahrnehmung zu tun. Und wie wir diese Wahrnehmung interpretieren. Je besser wir unseren Körper spüren, also je höher die Innenwahrnehmung, desto stärker nehmen wir Emotionen wahr und umgekehrt: je schwächer unsere Innenwahrnehmung ist , desto schwächer nehmen wir Emotionen wahr und desto schwerer tun wir uns damit unsere Gefühle zu fühlen und sie zu identifizieren. Man nennt diese körperlichen Symptome auch somatische Marker. Diese Marker helfen uns in bestimmten Situationen die richtige Entscheidung zu treffen.
Sendet der Körper ein ungutes Signal können wir ihm grundsätzlich vertrauen. Der Körper lügt nicht, er zeigt uns was los ist. Es liegt aber an uns, wie wir diese Signale interpretieren. Und um sie richtig zu interpretieren, bedarf es einer hinreichenden Selbstkenntnis.
Das macht das Ganze kompliziert, denn woher weiß ich, was jetzt los ist?
Hat mein Nervensystem Recht, indem es mich gerade warnt oder sind es meine Gedanken, die mir Angst machen?
Dann hilft es sich zu fragen: Was habe ich gerade gedacht? Hatte ich angstauslösende Gedanken? Wenn nicht, kann ich mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass der Körper die Wahrheit sagt. Das funktioniert umso besser, je besser wir uns selbst kennen und wahrnehmen können.
 
Ausnahmen sind Angststörungen, Zwänge, Panikattacken oder die Krankheitsangst. 
Hier ist die Amygdala hyperaktiv und im Dauererregungszustand. Sie schaltet nicht mehr in den Ruhemodus zurück, selbst dann nicht, wenn keine Bedrohung besteht. Sie reagiert überempfindlich auf Reize, die dann als Gefahr interpretiert werden. Betroffene nehmen körperliche Stimuli besonders intensiv wahr und deuten sie als Hinweis auf ein bedrohliches körperliches Problem oder eine Bedrohung im Außen. Sie bekommen Angst. Das Herz schlägt noch schneller, Muskeln und Magen verkrampfen, sie bekommen Schweißausbrüche und Todesangst. All das bestätigt dann ihre ursprüngliche körperliche Reaktion, dass etwas nicht stimmt.
 
Hochkomplex das Ganze mit dem Denken und dem Fühlen. Aber auch hochspannend, finde ich.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Donnerstag, 19. Februar 2026

Was sich nicht gut anfühlt, ist nicht gut

 


Was sich nicht gut anfühlt, ist nicht gut.
Dieser Satz klingt erst einmal simpel. Und doch trägt er eine tiefe psychologische Wahrheit in sich.
Unser Körper und unsere Psyche verfügen über ein feines Alarmsystem. Noch bevor der Kopf Argumente sammelt, meldet sich der Körper. Enge in der Brust, ein seltsames Ziehen im Bauch, eine innere Unruhe, eine spürbare Verspannung, eine bleierne Müdigkeit nach bestimmten Begegnungen. Der Körper spürt, was der Verstand verdrängt: Das fühlt sich nicht gut an. Das Nervensystem signalisiert: Was sich nicht gut anfühlt, ist nicht gut. 
 
Unsere Gefühle sind keine Störungen, sondern wertvolle Informationsquellen. 
Der Kopf will es nicht wahrhaben, vielleicht weil wir etwas haben wollen, was wir schon lange nicht hatten oder weil ein Bedürfnis stärker ist als das leise Gefühl, das uns warnt. Wir reden uns ein, dass wir übertreiben. Dass wir zu empfindlich sind, zu skeptisch oder zu viele unheilsame Erfahrungen gemacht haben, ob derer wir uns selbst und anderen nicht mehr vertrauen können. Doch unser Nervensystem lässt sich nicht täuschen, unser Denkapparat schon. Und anstatt innezuhalten, beginnen wir diese leisen Warnsignale zu relativieren oder wir versuchen sie zu rationalisieren und wegzuerklären.
 
Viele von uns haben nie gelernt unseren Gefühlen zu vertrauen.  
Vielleicht, weil man uns sagte, du bist zu sensibel. Vielleicht, weil Anpassung und Selbstverleugnung früher Sicherheit bedeutet haben. Doch emotionale Selbstverleugnung hat ihren Preis. Wer seine Gefühle ignoriert oder seiner Intuition misstraut, wer immer wieder Dinge tut, obwohl es sich falsch anfühlt, wer in Beziehungen bleibt, die sich nicht gut anfühlen, verliert die Verbindung zu sich selbst. Doch tiefe Verbindung zu uns selbst beginnt genau hier: in der Fähigkeit, unsere innere Stimme zu hören und sie ernst zu nehmen.
 
Viele von uns ignorieren ihr Bauchgefühl. Nicht, weil es ihnen egal ist, sondern weil es leichter erscheint, es zu übergehen, als sich den Konsequenzen zu stellen, würde man ihm denn folgen.
Oft liegt der Ursprung dafür in unseren frühen Erfahrungen. Wenn ein Kind gelernt hat, dass Gefühle übertrieben, falsch oder störend sind, wenn seine Gefühle klein geredet oder nicht ernst genommen wurden, wenn es sie unterdrücken musste, entwickelt es ein tiefes Misstrauen gegenüber der eigenen Wahrnehmung. Wer immer wieder gehört hat „Das bildest du dir ein“, wird verunsichert. Und dann kommt es, dieses: "Vielleicht täusche ich mich. Vielleicht bin ich zu empfindlich."
Das Ignorieren der eigenen Empfindungen wird mit der Zeit zu einer Überlebensstrategie.
Manche von uns ignorieren ihr Bauchgefühl aus Angst vor den Konsequenzen. Das Bauchgefühl ernst zu nehmen bedeutet: Ich muss etwas verändern oder etwas sein lassen, was ich eigentlich gern hätte. Vielleicht müssten wir eine klare Grenze setzen, eine Beziehung hinterfragen, eine Freundschaft neu betrachten, oder eine Trennung Betracht ziehen. Verzicht und Veränderung aber aktivieren Verlustangst. 
 
Unser Denkapparat liebt alles Vertraute, selbst wenn es uns nicht guttut. Vertrautes fühlt sich sicherer an als das Ungewisse.
Besonders stark wirkt dieser Mechanismus in Beziehungen. Wir Menschen sind soziale Wesen, wir suchen Verbundenheit und Zugehörigkeit, denn das bedeutet für uns Sicherheit. Wenn das eigene Empfinden in Konflikt mit dem Wunsch nach Nähe gerät, entscheidet sich ein Teil von uns oft für die Beziehung, auch wenn sie uns nicht gut tut, und damit entscheiden wir gegen uns selbst. 
Lieber anpassen als verlassen werden. Lieber gemeinsam statt einsam. 
 Der Kopf hilft dabei, das Unbehagen zu überreden. Er findet Argumente dafür: "So schlimm ist es nicht. Ich muss nur geduldiger sein. Er, sie wird sich schon ändern." Diese Rationalisierungen verschaffen kurzfristig Erleichterung, doch sie lösen die innere Spannung nicht auf. Das Gefühl bleibt, auch wenn wir es zum Schweigen bringen.
Manche von uns haben zudem gelernt, Gefühle abzuspalten, weil es früher überlebenswichtig war. In belastenden oder traumatischen Situationen schützt sich die Psyche durch das Abschalten der eigenen Wahrnehmung. Doch was einst ein Schutzmechanismus war, wird später zum Problem: Wer seine Gefühle abspaltet, obwohl es sich nicht stimmig anfühlt, verliert den Zugang zu den Signalen des eigenen Inneren. Die leise Warnung wird ignoriert in der Hoffnung, dass sie irgendwann verschwindet. Aber Gefühle verschwinden nicht, wenn wir sie nicht haben wollen. Sie verändern lediglich ihre Ausdrucksform. Sie zeigen sich als körperliche Empfindungen, Reaktionen und Symptome. Was wir nicht fühlen wollen, sucht sich einen anderen Weg. "Wer nicht hören will, muss fühlen", sagte meine Oma - im Zweifel, dass es dann richtig weh tut. 
 
Unser Bauchgefühl ist leise und gerade das macht es so einfach es zu übergehen.  
Es brüllt nicht, es schlägt nicht laut Alarm, es lädt uns sanft ein hinzuspüren. Die eigentliche Frage lautet daher nicht, warum wir es ignorieren, sondern was wir fürchten, wenn wir ihm vertrauen würden, wenn es sagt: Das fühlt sich nicht gut an.
„Was sich nicht gut anfühlt, ist nicht gut“.
Diese Worte sind nicht simpel, sie sind sogar sehr kraftvoll, weil sie uns hinführen zu etwas Elementarem: Vertrauen in das eigene Empfinden. Ihm zu vertrauen ist ein Zeichen von Gewahrsein, Klarheit und Selbstvertrauen.
 
 
Angelika Wende