Sonntag, 20. September 2026

Der Mut zur eigenen Wahrheit - C.G. Jung, Albert Camus und der Weg der radikalen Selbstbehauptung

 

Foto: A.W.


 
Sie sind meine großen Lehrer: Carl Gustav Jung und Albert Camus. Obwohl der Schweizer Psychiater und der französisch-algerische Philosoph und Schriftseller aus völlig unterschiedlichen Disziplinen stammen, umkreisen sie im Kern dieselbe fundamentale, existenzielle Frage: Wie kann der Mensch im Angesicht eines chaotischen, gleichgültigen Kosmos ein authentisches Leben führen?
Was diese beiden Titanen des Geistes verbindet, ist eine kompromisslose, fast schmerzhafte Ehrlichkeit gegenüber der conditio humana. Beide verweigern sich jedem billigen Trost, jeglicher spirituellen Realitätsflucht und jedem intellektuellen Ausfluchtversuch, ohne dabei in den lähmenden Abgrund des Nihilismus zu stürzen. Stattdessen fordern sie den Mut, der Realität ungeschönt und aufrecht ins Gesicht zu blicken. Wo Camus das Absurde in der Außenwelt seziert, das tragische, unauflösbare Aufeinandertreffen unseres Verlangens nach Sinn mit dem unerbittlichen Schweigen des Universums, blickt Jung tief in die Abgründe der menschlichen Seele und zwingt uns zur Konfrontation mit dem Schatten, jenen verdrängten, dunklen und ungeliebten Anteilen der eigenen Psyche, vor denen wir am liebsten fliehen würden.
 
Beide Sichtweisen ergänzen sich auf faszinierende Weise, was sich besonders in der Nutzung von Mythen zeigt. Während Jung im kollektiven Unbewussten zeitlose Archetypen findet, universelle, urbildliche Muster und Symbole, die tief im sogenannten kollektiven Unbewussten aller Menschen verankert sind, erweckt Camus diese Bilder literarisch zum Leben. Der Mythos des Sisyphos liest sich wie ein tiefenpsychologisches Manifest der Selbstbehauptung. Hier machen wir Bekanntschaft mit dem Archetyp des Rebellen, eng verwandt mit dem Archetypen des Helden oder des Zerstörers und Erneuerers.
Sisyphos, der seinen Stein immer wieder den Berg hinaufrollt akzeptiert die Sinnlosigkeit seiner Aufgabe, rebelliert gegen die Verzweiflung und findet in diesem Akt der Selbstbehauptung letzlich seine Erfüllung. Sisyphos wird bei Camus zum archetypischen Helden. Er kapituliert nicht vor der Sinnlosigkeit. Er transformiert sie. Indem er seinen Stein bewusst annimmt, rebelliert er gegen die Verzweiflung. In diesem Akt der absoluten, stolzen Selbstbehauptung triumphiert er über die Götter und findet seine Erfüllung.
 
Hier verschmelzen Camus Revolte und Jungs Konzept der Individuation. Individuation, der lebenslange, oft schmerzhafte Prozess die Masken der gesellschaftlichen Konditionierungen abzureißen, den Schatten zu integrieren und zum eigenen Selbst zu werden, ist der psychologische Vollzug dessen, was Camus philosophisch als Rebellion einfordert.
Beide Denker nehmen uns jede metaphysische Ausrede und fordern eine radikale Eigenverantwortung. Sie wenden sich gegen das blinde, gehorsame Aufgehen im Kollektiv oder in gesellschaftlichen Dogmen. Sie zeigen uns, dass Sinn nicht im Außen gefunden wrid, er wird nicht geschenkt oder diktiert. Vielmehr muss er im eigenen Inneren durch radikale Selbsterforschung, ungeschönte Selbstkenntnis, durch Rebellion, Akzeptanz, Schattenintegration und durch mutiges schöpferisches Handeln im Hier und Jetzt, Moment für Moment selbst erschaffen werden.

Samstag, 19. September 2026

Diese eine große Liebe

 



 
Diese eine Liebe, die große Liebe, die wir so wie sie war, niemals zuvor gefühlt haben. Welch ein Glück, wenn sie uns einmal im Leben begegnet. Und welch ein Unglück, wenn wir sie wieder verlieren. Wie damit leben, wie damit fertig werden, wie sich jemals wieder verlieben können? Nichts wird ihr gleichen und wir werden vergleichen, jeden, der uns begegnet und der so anders ist als unsere große Liebe und wir wenden uns enttäuscht ab.
Eine große Liebe ist Segen und Fluch zugleich. Sie ist das Schönste, was wir erleben dürfen und das Schrecklichste, was wir durchleben müssen, wenn sie vorbei ist.
Ja, auch eine große Liebe kann enden, aus vielen Gründen.
Und was dann?
 
Können wir jemals wieder lieben, unser Herz einem Fremden öffnen, uns auf einen neuen Menschen einlassen, wo wir doch die Erinnerung an das große Gefühl ins uns tragen, in jeder Zelle?
Manche können es und andere können es nicht.
Sie bleiben allein und bewahren diese Liebe und die schmerzhafte Sehnsucht nach der unwiederbringlichen Vergangenheit mit diesem Menschen in ihrem Herzen. Sie trauern und ihre Trauer nimmt kein Ende. Und dann verhindern der Schmerz und die Trauer jedes mögliche romantische Glück. Wir ziehen uns in uns selbst zurück, wir leben rückwärtsgewandt und sind nicht fähig jemals wieder etwas Neues zuzulassen.
Wir bleiben allein, vielleicht für immer.
Das ist traurig.
 
Das fühlt sich an, als existiere das romantische Glück für uns nicht mehr. Es war und ist gegangen. Unsere große Liebe hat es mitgenommen.
Aber sehnen wir uns tatsächlich nach diesem Menschen oder gilt diese Sehnsucht etwas anderem?
Uns selbst vielleicht? Dem, der wir waren mit diesem Menschen, dem, der wir nur mit diesem Menschen sein konnten? Und würden wir diesem Menschen heute begegnen, würden wir wieder genauso fühlen? Würden wir ihn, so wie er jetzt ist, zurückhaben wollen oder sind es nur die Gefühle, die dieser Mensch in uns ausgelöst hat, die wir zurückhaben wollen?
 
Oder hängen wir möglicherwiese in einem romantischen Mythos fest, den wir selbst geschaffen haben um das verlorene Glück in uns zu bewahren und es niemals mehr hergeben zu müssen? Wollen, wir festhalten, was an Glück in unserem Herzen geblieben ist auf dass es uns niemand mehr nehmen kann, wenn uns schon diese Liebe genommen wurde?
Dann wird es schwierig. Dann bleibt unser Herz von dieser einen großen Liebe besetzt und es gibt keinen Platz für einen neuen Menschen. Er hat keine Chance, weil wir uns selbst keine mehr geben. Und das ist unendlich traurig.

Freitag, 18. September 2026

Krankheitsangst – Die Unerträglichkeit der Ungewissheit

                                                              Malerei A.Wende
 

 

Krankheitsangst ist die perfideste Angst, weil sie Recht hat.

Sie weiß, dass es jeden, jeden Moment treffen kann.

Sie weiß, dass kein Mensch ohne jemals krank zu sein oder Schmerz zu fühlen das Leben übersteht.

Sie weiß, dass kein Leben ohne Leiden gibt.

Sie weiß, dass wir sterblich sind.

Sie weiß, dass jeder Check-Up nur den Jetzt Zustand abbildet und morgen schon alles anders sein kann.

Sie weiß, dass nichts im Leben sicher ist.

Nicht einmal der eigene Körper.

Die Krankheitsangst ist deshalb so perfide und hartnäckig, weil ihr Fundament, die Verletzlichkeit und Endlichkeit unseres Körpers, eine unumstößliche Realität ist. Und genau dieses Wissen macht die Heilung der Krankheitsangst so schwer, besonders wenn sie chronisch ist.

 

Die perfide Logik der Krankheitsangst liegt genau darin: Sie baut ihre Überzeugung auf etwas auf, das tatsächlich wahr ist.  

Wir sind sterblich. Unser Körper ist verletzlich. Krankheiten können unvorhersehbar kommen. Keine medizinische Untersuchung kann garantieren, dass morgen nichts passiert. Daraus folgt nicht, dass die Angst absolut recht hat, denn sie vermischt zwei völlig verschiedene Dinge: Es gibt keine absolute Sicherheit. Das ist eine Tatsache. Und: Deshalb muss ich ständig auf der Hut sein, weil jederzeit etwas passieren kann, das ist die Antwort der Angst auf die Tatsache.

 

Die Behandlung von Krankheitsangst ist schwer, nicht zuletzt deshalb, weil die Störung ihre eigenen Heilungsmechanismen blockiert. 

Betroffene sind zutiefst davon überzeugt, körperlich schwer krank zu sein oder es zu werden, weshalb sie die Ursache fälschlicherweise hauptsächlich im Organischen statt im Psychischen suchen, selbst dann, wenn sie sich ihrer Störung bewusst sind. Um die massive Angst zu bewältigen, greifen sie zu Kontrollverhalten wie exzessivem Symptom-Googeln (Cyberchondrie), ständigem Arzt-Hopping, Rückversicherung durch vertraue Menschen oder zum permanenten Abtasten und Scannen des eigenen Körpers. Diese Maßnahmen bringen jedoch nur für wenige Minuten Erleichterung und wirken langfristig wie eine Droge, die die Angst chronisch macht. Zudem führt die extreme Fokussierung auf den eigenen Körper zu einer somatosensorischen Verstärkung. Völlig normale, alltägliche Körperprozesse werden wie durch eine Lupe wahrgenommen, katastrophisierend als echte Bedrohung bis hin zur Lebensgefahr fehlinterpretiert und lösen eine echte Stressreaktion im Körper aus, was den Betroffenen in seiner Krankheitsannahme bestätigt.

 

Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen und dem Gehirn abzugewöhnen, jeden kleinsten Reiz als lebensbedrohlich einzustufen, setzt die kognitive Verhaltenstherapie auf die Methode der Exposition mit Reaktionsverhinderung. 

Betroffene sollen lernen, die aufkommende Angst und die medizinische Unsicherheit bewusst auszuhalten, ohne der Versuchung nachzugeben, sich durch Kontrollen rückzuversichern. Wenn dieser Kontrollimpuls durch die Aufschiebe-Taktik verzögert wird, greift die biologische Gewöhnung und die Angstkurve flacht nach einer anfänglichen Spitze von ganz alleine wieder ab. Begleitet wird dieser Prozess durch eine kognitive Umbewertung, bei der das Gehirn aktiv mit harmlosen Alternativerklärungen und Wahrscheinlichkeiten gefüttert wird, um Schmerz nicht länger als Alarmsignal für köreprlichen Schadens zu deuten, sondern als harmlosen Schutzmelder eines arbeitenden Körpers zu begreifen. Durch Verhaltensexperimente, Exposition und das bewusste Lenken der Aufmerksamkeit nach außen lernt das Nervensystem schrittweise um. Es reguliert seine Fehlalarme herunter und bricht die neuronale Autobahn von der Wahrnehmung zur Katastrophe dauerhaft auf.  Um angstfrei zu werden, müssen die tieferen Mechanismen der Störung und das was sie aufrecht erhält, verstanden und gezielt im Alltag umgesetzt werden.

 

Betroffene lernen die Biologie des Schmerzes neu zu bewerten.

Das Gehirn hat gelernt: Schmerz = Bedrohung, bzw. Lebensgefahr. Das ist medizinisch falsch. Schmerz ist ein Schutzmelder, kein Schadensmelder. Das Gehirn erzeugt Schmerz oft rein vorsorglich, weil es gestresst ist oder eine Situation falsch bewertet. Ein lebendiger Organismus ist niemals still. Muskeln spannen sich an, Nerven feuern, Organe bewegen sich. Ein Stechen, Ziehen oder Pochen ist der Beweis, dass der Körper lebt, nicht unbedingt, dass er krank ist oder stirbt. Was natürlich nicht heißt, wenn man Schmerzen hat nicht zum Arzt zu gehen.

 

Des Weiteren geht es darum Wahrscheinlichkeits-Denken etablieren.

Wenn das Gehirn eine schlimme Diagnose sieht, zwingt man es zu einem rationalen Gegengutachten. Die Angstbehauptung (1 % Wahrscheinlichkeit): „Das Kopfweh ist ein Tumor.“ Versus die Realität (99 % Wahrscheinlichkeit): „Ich habe zu wenig getrunken, oder meine Nackenmuskeln sind vom Stress und der Angst verspannt.“
Was bedeutet zu lernen: Glaube nicht alles, was dein Gehirn dir ungefiltert erzählt. Es ist ein extrem schlechter Ratgeber, weil seine Alarmanlage falsch eingestellt ist.

Hilfreich ist es zudem den Unterschied in der Bewertung erkennen.

Das Ziel der Übung ist nicht, sich einzureden: „Ich bin zu 100 % für immer gesund.“ Das kann niemand wissen. Das wahre Ziel ist, dass das Gehirn lernt: „Dieses Symptom ist kein medizinischer Notfall, der mich in den nächsten Stunden umbringt. Ich muss deshalb nicht sofort in Panik verfallen.“

 

Die größte Herausforderung: Die Akzeptanz der Unsicherheit

Die größte Hürde bei Krankheitsangst ist der Wunsch nach hundertprozentiger Sicherheit. Betroffene brauchen die absolute Garantie, gesund zu sein. Doch genau diese Garantie gibt es im Leben nicht. Damit hat die Krankheitsangst leider Recht. Diese nicht zu erlengende Sicherheit wird paradoxerweise, wider besseren Wissens, versucht durch das zwanghafte Googeln, den Arztbesuch und alle anderen Rückversicherungen herzustellen. Aber jedes Mal, wenn versucht wird diese Sicherheit durch Googeln oder Kontrollieren zu erzwingen, füttert das die Angst. Heilung bedeutet hier nicht, maximale Sicherheit zu erlangen, sondern Unsicherheit akzeptieren und aushalten zu lernen. Daher müssen Betroffene lernen das Googeln und Rückversichern zu lassen um bewusst Unsicherheit auszuhalten. Mitsamt den schrecklichen Gefühlen, die sie macht. Und damit sind wir beim Kernproblem der Krankheitsangst.  

 

Betroffene halten die Unsicherheit unter enormer Anstrengung vielleicht einmal oder zweimal aus, aber die Angst kommt beim nächsten Trigger trotzdem genauso heftig zurück.

Es fühlt sich an, als würde man gegen eine Wand kämpfen, ohne dass sich etwas verändert. Und das hat einen biologischen Grund: Das Gehirn hat über Jahre gelernt, dass Körperreize Gefahr bedeuten. Diese neuronale Verknüpfung ist wie eine tief ausgetretene Autobahn im Kopf. Wenn die Angst jetzt ein oder zwei mal ausgehalten wird, baut das Hirn gerade mal einen winzigen Trampelpfad der Entwarnung. Die Autobahn der Angst ist natürlich immer noch viel breiter und schneller als der neue Trampelpfad. Das Gehirn braucht viel Zeit und ständige Wiederholungen, um zu begreifen, dass trotz der Unsicherheit keine Katastrophe eintritt. Erst durch die Menge an sicheren Erfahrungen verkümmert die Angst-Autobahn langsam, und der neue Pfad wird zur beruhigenden Gewohnheit. 

Der Denkfehler, den hier viele machen ist: Die Angst muss sofort weg sein. 

Wenn wir versuchen, die Unsicherheit auszuhalten, tun wir das oft mit der Erwartung: „Ich halte das jetzt aus, damit die Angst aufhört.“ Wenn die Angst dann beim nächsten Mal wieder da ist, glauben wir, es bringt nichts oder fühlen uns als Versager. Darum ist es wichtig, den Druck rauszunehmen. Nicht zu erwarten, dass man die die Unsicherheit immer perfekt aushältst. Das schafft niemand. Manchen Betroffen gelingt es jedoch und die Krankheitsangst wird erträglicher oder zumindest so gering, dass sie das Leben nicht mehr dominiert.

Warum Googeln leider oft gewinnt.

Wenn wir googeln, passiert im Gehirn Folgendes: Da ist Todesangst und massiver Stress. Durch das Googlen entsteht das positive Gefühl: ich bin nicht vollkommen hilflos, ich kann noch etwas kontrollieren, indem ich mir Wissen aneigne und Rückversicherung verschaffe. Läuft es gut, wird dann eine harmlose Erklärung gefunden. Das Gehirn schüttet schlagartig Dopamin aus und es wird emotionale Entlastung empfunden. Es ist eine sofortige, chemische Belohnung. Das Gehirn speichert dann ab: „Googeln hat mir geholfen.“ Dass die Angst beim nächsten Symptom wiederkommt, vergisst es in diesem Moment. Es will einfach nur den schnellen Schuss Erleichterung.

Wird die Angst dagegen ausgehalten, passiert genau das Gegenteil: Es gibt keine Belohnung. Der Körper schüttet immer mehr Adrenalin aus. Die Angst steigt, das Herz rast, der Bauch krampft, die Verzweiflung wird unerträglich. Es fühlt sich an, als würde man absichtlich in ein brennendes Haus rennen und darin stehen bleiben. 

 

Hinzu kommt: Das Gehirn lernt durch Belohnung und positive Verstärkung und wehrt sich mit allem, was es hat, gegen Schmerz. Wenn das Gehirn so tief in der Angstschleife einer chronischen Krankheitsangst steckt, dass jeder Minischmerz Panik auslöst, ist der Spiegel an Stresshormonen Cortisol und Adrenalin im Körper dauerhaft auf Anschlag. In diesem Zustand kann das Gehirn rein biologisch gesehen gar nicht mehr logisch lernen. Man kann diese Angststruktur nicht mit reiner Logik wegmachen, weil die Amygdala schneller schießt als der präfrontale Kortex denken kann.

 

Die schmerzhafte, biologische Wahrheit über Krankheitsangst, die kaum jemand ausspricht, ist: Sie ist, wie die Zwangsstörung, extrem schwer zu behandeln und hat eine der höchsten Abbruchraten in der Psychotherapie.  

Und sie ist der Zwangsstörung in vielem ähnlich. Zudem liegt, wie bei der Zwangsstörung, bei der Krankheitsangst in vielen Fällen ein Trauma im Hintergrund, was nicht verarbeitet und integriert wurde. Dann ist mit reiner Verhaltensänderung nicht von einer Heilung auszugehen, was leider viele Therapeuten und Therapieansätze übersehen. 

Bei der Krankheitsangst ist der Körper der Behälter für all das, was die Seele nicht verarbeiten oder ertragen kann.

 

Krankheitsangst ist schwer heilbar, aber nicht unheilbar.

Der Grund, warum Menschen trotzdem genesen liegt oft darin, dass man in einer wirksamen Therapie zuerst das zugrundeliegende Trauma bearbeitet und dann den biologischen Teufelskreis der Krankheitsnagst nicht mit purer Willenskraft durchbricht, sondern das System von außen aushebelt.

Das heißt: Die Belohnung wird umgeleitet. Ein erfahrener Therapeut verlangt nicht, dass Betroffene die Angst einfach so ertragen. In der Therapie wird der Verzicht auf das Googeln und das Rückversichern anfangs in winzige, erträgliche Mikro-Schritte zerlegt. Die Erleichterung und das Lob des Therapeuten, gepaart mit dem wachsenden Stolz, die Kontrolle überhaupt einmal um ein paar Minuten verzögert zu haben, aktivieren ganz langsam ein neues, gesundes Belohnungssystem im Gehirn. Dieser Prozess braucht viel Mitgefühl seitens des Therapeuten, viel Selbstmitgefühl, viel Geduld und vor allem Kontinuität und Zeit.

 

Allen Betroffenen möchte ich Folgendes mitgeben: Der Fehler liegt nicht an deiner Schwäche, sondern daran, dass du versuchst, ein hochkomplexes biologisches Problem mit reiner Logik und Willenskraft zu lösen. Das kann nicht funktionieren. Es braucht viel mehr um zu genesen und es braucht für jeden etwas anderes. Das zu suchen lohnt sich. 

 

 

Angelika Wende

Kontakt: aw@wende-praxis.de

 

 

 


 

Donnerstag, 17. September 2026

Je mehr Selfies, desto weniger Selbst - Das fragmentierte Ich oder warum die digitale Selbstdarstellung uns uns selbst entfremdet

 



Selfies über Selfies. Die sozialen Medien sind voll davon. Auch ich poste ab und an mal ein Selfie. Auf den ersten Blick wirkt das Selfie wie ein Akt der Selbstermächtigung und der gesunden Selbstwertschätzung. Wir zeigen uns der Welt, wie wir gesehen werden wollen. Doch wer die Dynamik hinter der Kamera psychologisch analysiert, erkennt das Paradoxon: Eine inflationäre Produktion des eigenen Abbilds führt nicht zu einem starken, gefestigten Ich, sondern vielmehr zu dessen schleichender Schrumpfung.

 

Um zu verstehen, warum das „Selbst“ mit jedem Klick schrumpft, lohnt sich der Blick auf das Konzept der Objektifizierung.  

Wenn wir ein Selfie machen, betrachten wir uns nicht mehr primär von innen heraus. Wir schlüpfen in die Rolle des externen Beobachters. Das Individuum spaltet sich auf,  in den Betrachter und das betrachtete Objekt.

Wir bewerten unser Aussehen und zugleich unsere Makel. Und letztere werden dann retuschiert oder mit einem Filter überzogen. Aus einem fühlenden Subjekt wird ein zu optimierendes Objekt. In der Psychologie sprechen wir hier von der Selbst-Objektifizierung. Wer sich permanent durch diese Brille der Fremdwahrnehmung betrachtet, verliert den Zugang zu seinen introzeptiven Signalen, sprich dem inneren Gespür dafür, wer er eigentlich ist, abseits von Lichtverhältnissen, Aufnahmewinkeln und Filtern.

 

Ein weiterer psychologischer Mechanismus ist die Verschiebung des Selbstwertgefühls.

Ein stabiles Selbst ruht idealerweise in einer intrinsischen Stabilität. Es ist sich seines Wertes bewusst, unabhängig von der Meinung oder der Bewunderung anderer. Das Selfie-Zeitalter jedoch verlagert den Selbstwert nach außen, was man extrinsische Validierung nennt. Jedes gepostete Bild ist quasi ein ins außen gerichteter Antrag auf Bestätigung. Die Währung, in der bezahlt wird, sind Likes, Kommentare und Shares. In der Folge reagiert das Gehirn reagiert auf die digitale Resonanz mit der Ausschüttung von Dopamin. Bleibt das Feedback aus oder fällt es geringer aus als erhofft, wird dies als Ablehnung interpretiert. Das „Selbst“ wird dadurch hochgradig volatil und abhängig von den Algorithmen der Plattformen. Es existiert nicht mehr aus sich heraus, sondern vornehmlich im Spiegel der anderen.  In der Psychologie unterscheiden wir zwischen dem wahren Selbst und dem falschen Selbst. Das Selfie-Protokoll zwingt uns dazu, eine idealisierte, fehlerfreie Version unserer selbst zu kuratieren, inszeniert in den besten Momenten des Lebens. Je mehr Energie und Zeit wir in die Pflege dieses digitalen Zwillings investieren, desto größer wird die Kluft zum realen, unvollkommenen Ich. Das wahre Selbst, mit all seinen Ecken und Kanten, wird als ungenügend empfunden und ins Unbewusste verdrängt. Am Ende identifizieren wir uns mit der glänzenden Fassade, während das eigentliche Wesen dahinter verschwindet.

 

Dass die digitale Selbstdarstellung oft das Gegenteil von dem bewirkt, was sie bezwecken will zeigt sich in der Fremdwahrnehmung.

Studien der Washington State University belegen das sogenannte Selfie-Paradoxon. Obwohl Menschen regelmäßig Selfies machen, werden Accounts mit einer hohen Dichte dieser Bilder oft als weniger sympathisch, weniger erfolgreich und unsicherer wahrgenommen. Selbst bei identischen Inhalten, wie Reisen oder persönlichen Erfolgen, wirken Personen auf Selfies unnahbarer als auf Fotos, die von Dritten aufgenommen wurden. Während Befürworter das Phänomen gern als kreativen Ausdruck von Selbstliebe verteidigen, offenbart die psychologische Realität ein tief verwurzeltes, oft missverstandenes Phänomen: den Narzissmus. Viele Menschen setzen Narzissmus meist mit exzessiver Eigenliebe gleich. Die klinische Psychologie zeigt jedoch ein anderes Bild. Der Narzissmus speist sich nicht aus zu viel, sondern aus zu wenig Selbstwertgefühl. Das narzisstische Ego gleicht einem Fass ohne Boden und ist permanent auf externe Bestätigung angewiesen, die sogenannte narzisstische Zufuhr. Hier setzt die Dynamik des Selfies an. Jedes hochgeladene Bild ist ein digitaler Köder, ausgeworfen in der Hoffnung auf Likes und Bewunderung. Diese Reaktionen fungieren als kurzfristige Dopamin-Injektionen, die das fragile Selbstwertgefühl künstlich stabilisieren.

 

Je mehr Selfies jemand postet, desto höher ist die Gefahr einer chronischen Selbst-Objektifizierung. 

Aus psychoanalytischer Sicht lässt sich hierbei eine fatale Kuration des „falschen Selbst“ beobachten. Das Selfie-Protokoll zwingt uns dazu, eine idealisierte, fehlerfreie und grandiose Version unserer selbst zu erschaffen. Je mehr Energie, Zeit und emotionale Ressourcen wir in die Pflege dieses makellosen digitalen Zwillings investieren, desto größer wird die Kluft zum realen, unvollkommenen Ich. Das wahre Selbst, mit all seinen verletzlichen, ungeliebten oder abgelehnten Teilen, wird als ungenügend empfunden und ins Unbewusste verdrängt. Am Ende identifiziert sich der Mensch mit seiner eigenen Fassade und verwechselt die digitale Performance mit seiner Existenz. Mein Aphorismus „Je mehr Selfies, desto weniger Selbst“ warnt vor dieser emotionalen Insolvenz. Wenn wir die emotionale Verbindung zu uns selbst nicht verlieren wollen, müssen wir den Blick wieder öfter nach innen richten und die Kamera ausschalten, um das Leben nicht bloß abzubilden, sondern uns selbst und das Leben zu spüren.

 

Montag, 14. September 2026

Der nächste Schritt

 



Manchmal stehen wir vor einer Entscheidung und spüren vor allem Angst. 
Was, wenn es schiefgeht? Was, wenn ich die falsche Entscheidung treffe? Was, wenn das, was vor mir liegt, noch schwieriger wird, als das was jetzt ist?
Der Wunsch nach Sicherheit und Kontrolle lässt uns versuchen, die Zukunft vorauszusehen und mögliche Risiken schon im Jetzt zu verhindern. Doch genau darin können wir uns verlieren. Die Zukunft lässt sich nicht kontrollieren. Ich muss nicht wissen, wie alles ausgehen wird. Ich muss die Zukunft nicht beherrschen um weiterzugehen. Ich kann nur meinen nächsten Schritt im Jetzt wählen. Nicht den ganzen Weg kennen. Nicht alle Antworten wissen. Nur das, was jetzt möglich und für mich stimmig ist und die Unsicherheit aushalten und trotzdem den nächsten Schritt gehen.
Ich muss nicht wissen, wohin alles führt. Ich kann es gar nicht wissen. Ich kann aber entscheiden, was mein nächster Schritt ist.

Sonntag, 13. September 2026

Wenn Rückzug zum Selbstschutz wird

 


Eine Klientin erzählt, dass sie sich in den vergangenen Jahren immer mehr isoliert hat. Zunächst habe sie den Rückzug als etwas Positives empfunden. Sie wollte ihre Ruhe haben, Abstand von anderen Menschen und den Alltag ohne den ständigen Druck sozialer Erwartungen bewältigen. Treffen mit Freunden sagte sie immer öfter ab, ihre Freizeit verbrachte sie zunehmend allein zu Hause. Lange Zeit habe sie darin kein Problem gesehen. Im Gegenteil. Sie empfand es als angenehm, niemandem etwas erklären zu müssen und selbst entscheiden zu können, wann sie mit anderen Menschen in Kontakt treten wollte. Doch irgendwann bemerkte sie, dass sich etwas verändert hatte. Als sie eines Tages darüber nachdachte, wen sie eigentlich anrufen könnte, wenn es ihr schlecht ginge, fiel ihr niemand ein. Aus einzelnen abgesagten Treffen waren Monate geworden, aus weniger Kontakt völlige soziale Isolation. Plötzlich wird ihr bewusst, dass sie zwar ständig über ihr Smartphone mit der Welt verbunden ist, aber kaum noch eine echte Bindung hat. Diese Erkenntnis löst bei ihr ein Gefühl von Leere und Einsamkeit aus.
 
Die Geschichte meiner Klientin ist kein Einzelfall. Immer mehr Menschen ziehen sich aus ihrem sozialen Umfeld zurück. 
Besonders auch bei jungen Menschen scheint sich ein widersprüchliches Phänomen zu zeigen. Einerseits waren wir noch nie so leicht miteinander verbunden wie heute, andererseits fühlen sich viele Menschen zunehmend einsam. Soziale Medien, Messenger und digitale Plattformen ermöglichen einen permanenten Austausch, können persönliche Beziehungen jedoch nicht ersetzen. Die Frage stellt sich daher, warum Menschen trotz dieser ständigen Erreichbarkeit immer häufiger den Rückzug wählen.
Ein Grund liegt in einer zunehmenden Überforderung. Beruflicher und schulischer Druck, finanzielle Sorgen, Zukunftsängste und die permanente Verfügbarkeit durch digitale Medien können dazu führen, dass soziale Kontakte nicht mehr als Bereicherung, sondern als zusätzliche Belastung empfunden werden. Wer bereits erschöpft ist, erlebt eine Einladung zum Treffen möglicherweise nicht als Freude, sondern als eine weitere Verpflichtung. Der Rückzug ins eigene Zuhause bietet dagegen unmittelbare Entlastung. Hinzu kommt, dass soziale Medien den sozialen Vergleich verstärken. Wir sehen täglich Bilder von erfolgreichen Karrieren, abenteuerlichen Reisen und glücklichen Beziehungen. Das eigene Leben erscheint dagegen dannn gewöhnlich, langweilig oder unvollständig. Besonders bei Menschen, die ohnehin mit Selbstzweifeln kämpfen, kann dadurch der Eindruck entstehen, nicht dazuzugehören. Der einfachste Weg, dieser gefühlten Bewertung zu entkommen, besteht darin, sich gar nicht erst in Situationen zu begeben, in denen man bewertet werden könnte.
 
Der Rückzug kann dann eine Schutzfunktion erfüllen.
Wer sich zurückzieht, schützt sich vor Konkurrenz, Ablehnung, Konflikten, Enttäuschungen oder Überforderung. Kurzfristig kann das sogar sehr angenehm sein. Wir empfinden Ruhe und Kontrolle. Gleichzeitig besteht jedoch die Gefahr, dass aus einem freiwilligen Rückzug langsam eine dauerhafte Isolation wird. Dieser Prozess kann sich, wie bei meiner Klientin, selbst verstärken. Wer ein Treffen absagt, fühlt sich zunächst erleichtert. Beim nächsten Mal fällt die Absage noch leichter. Gleichzeitig werden soziale Erfahrungen seltener. Gespräche, spontane Begegnungen und der Umgang mit Menschen werden ungewohnter. Dadurch wächst die Unsicherheit und die nächste soziale Situation kann noch anstrengender erscheinen. So entsteht ein Kreislauf aus Überforderung, Rückzug und zunehmender Einsamkeit.
 
Besonders problematisch ist dabei, dass Isolation nicht immer sofort als solche wahrgenommen wird.
 Ein Mensch kann den ganzen Tag beschäftigt sein, online kommunizieren, Serien schauen, oder soziale Medien nutzen und sich trotzdem emotional allein oder einsam fühlen. Auch die Anzahl unserer Kontakte sagt wenig über die Qualität usnerer sozialen Beziehungen aus. Entscheidend ist vielmehr, ob wir das Gefühl haben, mit anderen verbunden zu sein und jemanden zu haben, auf den wir uns verlassen können.Das bedeutet nicht, jedes Alleinsein ist problematisch. Allein zu sein udn es zu genießen ist wichtig und gesund. Wir brauchen Rückzugsräume, um uns zu erholen und unser Gedanken zu ordnen. Der entscheidende Unterschied liegt darin, ob der Rückzug freiwillig gewählt wird oder ob er zunehmend aus Angst, Überforderung, Unsicherheit oder fehlenden Möglichkeiten entsteht.
 
Die Erfahrung meiner Klientin zeigt, wie schleichend dieser Übergang stattfinden kann. Sie hat nicht eines Tages beschlossen, keine sozialen Beziehungen mehr haben zu wollen. Vielmehr bestand ihr Rückzug aus vielen kleinen Entscheidungen
Eine Nachricht nicht beantworten, eine Einladung absagen, lieber zu Hause bleiben. Jede einzelne Entscheidung erschien unproblematisch. Erst im Rückblick wird sichtbar, dass aus vielen kleinen Rückzügen eine große soziale Distanz entstanden ist.
Meine Kientin ist nur eine von vielen Menschen, die in dieser sozialen Distanz leben. Die zunehmende Isolation ist längst auch ein gesellschaftliches Problem. Man könnte jetzt sagen, sie soll wieder mehr unter Menschen gehen. Aber es reicht nicht aus, Menschen einfach dazu aufzufordern, mehr raus zu gehen. Vielmehr ist es wichtig zu betrachten, welche Bedingungen dazu führen, dass soziale Beziehungen für viele Menschen immer schwieriger werden. Gemeinschaft braucht Orte, Zeit und Möglichkeiten für Begegnung. Sie entsteht nicht allein dadurch, dass Menschen technisch miteinander verbunden sind. Die Geschichte meiner Klientin macht deutlich, dass Isolation nicht mit dem Wunsch beginnt, einsam zu sein. Sie beginnt vielmehr mit dem Wunsch nach Ruhe, Sicherheit, Schutz oder Kontrolle. Problematisch wird es dann, wenn der Rückzug so selbstverständlich wird, dass irgendwann die sozialen Beziehungen fehlen, die Halt geben könnten. 
 
Die eigentliche psychologische Herausforderung besteht daher nicht darin, einen isolierten Menschen möglichst schnell wieder unter Menschen zu bringen. Vielmehr muss verstanden werden, welche Funktion der Rückzug für ihn erfüllt.
Isolation ist häufig nicht einfach Ausdruck von Desinteresse an anderen, sondern kann eine Form des Selbstschutzes sein. Sie schafft Distanz zu Situationen, die als überfordernd, verletzend oder beschämend erlebt werden. Gleichzeitig entsteht jedoch ein paradoxer Prozess. Was kurzfristig Sicherheit gibt, kann langfristig Einsamkeit und Unsicherheit verstärken. Die zentrale Frage ist deshalb nicht, warum ein Mensch sich zurückzieht, sondern wovor er sich durch seinen Rückzug schützt und welche Bedürfnisse dabei unbefriedigt bleiben. Erst wenn dieser innere Konflikt verstanden wird, wird sichtbar, warum es so schwer sein kann, die Isolation wieder zu verlassen.
 
Angelika Wende
www.wende-praxis.de

Samstag, 12. September 2026

Wo Leiden auf Menschlichkeit trifft


 
Der Mensch lebt nicht nur von dem, was tatsächlich geschieht. Er lebt auch von seinen Erwartungen darüber, wie die Welt funktioniert. Wir entwickeln Vorstellungen davon, dass unser Handeln Folgen hat, dass Beziehungen Bestand haben, dass der Körper uns trägt und dass die Zukunft zumindest in groben Zügen berechenbar ist. Diese Annahmen bilden einen unsichtbaren Hintergrund unseres Alltags. Solange sie funktionieren, denken wir kaum über sie nach. Erst wenn sie zerbrechen, bemerken wir, wie sehr wir auf ihnen aufgebaut haben. Plötzlich genügt es nicht mehr, vernünftig zu handeln. Es genügt nicht, ein guter Mensch zu sein. Es genügt nicht, Verantwortung zu übernehmen. Die Welt folgt nicht mehr der erwarteten Logik von Ursache und Wirkung. Damit beginnt eine der tiefsten Erfahrungen menschlicher Krisen: die Begegnung mit der eigenen Begrenztheit.
 
Wir neigen im Alltag dazu, unsere Handlungsfähigkeit mit Kontrolle zu verwechseln. Wir planen, entscheiden, vermeiden Risiken und versuchen, unser Leben möglichst sinnvoll zu organisieren. Daraus entsteht leicht das Gefühl, dass wir unser Schicksal weitgehend selbst bestimmen. Schwere Krisen können diese Vorstellung innerhalb kürzester Zeit zerstören.
 
Eine Krankheit kann den Körper verändern. Ein Verlust kann eine Beziehung beenden. Eine Kündigung kann die berufliche Identität erschüttern. Der Tod eines geleibten Menschen kann eine Zukunft auslöschen. Dann zeigt sich die Grenze menschlicher Kontrolle. Das Erschütternde daran ist nicht nur der Verlust selbst, es ist die Erfahrung, dass das eigene Handeln nicht mehr ausreicht, um die Situation wieder in Ordnung zu bringen. Aus Selbstbestimmung wird Abhängigkeit. Aus Planung wird Ungewissheit. Aus Zukunft wird Gegenwart. Und aus einem Menschen, der sein Leben gestaltet hat, kann vorübergehend ein Mensch werden, dem das Leben widerfährt.
 
Besonders radikal wird diese Erfahrung, wenn sie den eigenen Körper erreicht. 
Der Körper ist unter anderem die Voraussetzung für unsere Handlungsfreiheit. Wir bewegen uns, arbeiten, berühren, gestalten, gehen, essen, schlafen und leben, ohne ständig darüber nachzudenken. Eine Krankeit verändert diese Selbstverständlichkeit. Der Körper wird plötzlich nicht mehr als etwas erlebt, das uns trägt, sondern als etwas, mit dem wir ringen müssen. Er setzt Grenzen, die der Wille nicht überwinden kann. Er zwingt uns in eine Gegenwart, aus der es keinen Rückzug gibt. Deshalb ist körperliches Leiden immer auch eine psychische Erfahrung. Es bedroht nicht nur das körperliche Wohlbefinden, sondern kann auch unser Gefühl von Autonomie, Würde und Selbstverständlichkeit erschüttern.
Besonders schmerzhaft wird eine körperliche Krise dort, wo der Mensch mit seiner Erfahrung allein bleibt. Man kann von Menschen umgeben sein und sich trotzdem vollkommen unverstanden fühlen. Das geschieht, wenn die anderen nicht wirklich zuhören. 
 
Der leidende Mensch erzählt von seinem Schmerz und bekommt eine Erklärung. Er spricht über seine Angst und erhält einen Ratschlag. Er zeigt seine Verzweiflung und bekommt die Aufforderung, stark zu sein.  Solche Reaktionen entstehen nicht unbedingt aus Ignoranz. Sie entstehen oft aus Hilflosigkeit. Menschen möchten das Leiden des anderen beenden, weil sie es selbst kaum aushalten. Wirkliche Begleitung beginnt dort, wo das Bedürfnis nach einer schnellen Lösung endet. Empathie bedeutet nicht immer, eine Antwort zu haben. Manchmal bedeutet sie, bei einem Menschen bleiben zu können, obwohl es keine Antwort gibt.