Montag, 27. Juli 2026

Trauma, Rückzug und die Suche nach Sicherheit

 

 


Trauma ist keine Krankheit und keine Schwäche. Trauma ist ein Anpassungsversuch unseres Nervensystems an Umstände und Systeme, die nicht sicher waren. Unser Organismus hat gelernt, sich so zu verhalten, dass wir überleben, uns schützen und mit dem umgehen konnten, was uns überwältigt hat. Trauma verändert. 
 
Trauma prägt, wie wir die Welt und uns selbst wahrnehmen, wie wir Beziehungen gestalten und wie sicher wir uns in der Nähe anderer Menschen fühlen. Trauma kann zu einer unsichtbaren Mauer zwischen uns und anderen werden, obwohl wir uns nach Verbindung sehnen. Wenn wir verletzt wurden und tiefe Unsicherheit in uns tragen, beginnt oft ein stiller Rückzug. Wir ziehen uns nicht zurück, weil wir keine Verbindung mehr wollen, sondern weil wir versuchen, das in zu schützen, was besonders vulnerabel geworden ist. Was von außen wie Distanz oder Verschlossenheit wirkt, ist häufig der innere Versuch unseres Nervensystems, wieder Sicherheit zu finden. 
 
Wir erleben eine Phase der Unsicherheit und der Orientierungslosigkeit. 
Es ist eine Zeit, in der sich die Dinge noch nicht ganz entfalten können. Alles ist in der Schwebe und wir wissen nicht, wohin unser Weg führt. Wir wissen nicht einmal mehr, wer wir eigentlich sind. Die Identität, die uns einst Halt und Orientierung gegeben hat, ist zerbröselt oder fühlt sich nicht mehr stimmig an. Was vertraut war, trägt nicht länger. Mit der traumatischen Verletzung geht ein tiefes Gefühl von Sicherheit verloren, das Vertrauen in das Leben, in andere Menschen und nicht selten auch in uns selbst. Wir beginnen an unserer Wahrnehmung, unseren Entscheidungen und unserem eigenen Wert zu zweifeln. Dann wird der Rückzug zu einem Ort, an dem wir nicht nur Schutz suchen, sondern auch versuchen, uns selbst neu zu begegnen um langsam wieder festen Boden unter den Füßen zu bekommen.
 
In diesem Zustand können wir andere Menschen als emotional fern erleben. 
Sie sind da, und doch erreichen sie uns nicht wirklich. Es fällt uns schwer, Verbindung zuzulassen oder sie innerlich zu spüren. Obwohl wir uns nach Nähe sehnen, entsteht gleichzeitig das Gefühl, innerlich weit entfernt von anderen zu sein. Wir befinden uns in einem Zustand der inneren Sammlung und der Selbstreflexion. Wir wenden den Blick nach innen und grenzen uns von der Außenwelt ab. Diese Abgrenzung ist nicht zwangsläufig Ablehnung, sondern ensteht aus dem tiefen Bedürfnis nach Klarheit, Sicherheit und emotionalem Schutz. Bevor wir anderen wieder begegnen können, müssen wir erst uns selbst wiederfinden. Dabei entsteht eine innere Spannung. Ein Teil von uns wünscht sich Nähe, Verbundenheit, Verständnis und Geborgenheit. Ein anderer Teil drängt darauf, Abstand zu halten und sich zurückzuziehen. Diese beiden Bedürfnisse existieren gleichzeitig und widersprechen sich. Gerade nach emotionalen Verletzungen versuchen wir, weiteren Schmerz zu vermeiden. Distanz wird zu einem Schutzmechanismus, der verhindern soll, dass wir uns selbst ganz verlieren oder erneut verletzt werden.
 
Hinter diesem Rückzug stehen häufig Ängste, die nicht immer bewusst sind. 
Wir werden vorsichtiger, wir fragen uns, ob wir genügen, ob wir verstanden werden, ob wir vertrauen können oder ob wir erneut enttäuscht und verletzt werden. Aus dieser inneren Vorsicht heraus bauen wir Mauern, obwohl wir uns gleichzeitig wünschen, dass jemand sie behutsam überwindet.
Diese Abwehrhaltung entsteht nicht im luftleeren Raum.
Sie steht in Wechselwirkung mit den Erwartungen, Reaktionen und dem Verhalten anderer Menschen. Wenn wir uns überfordert fühlen, wenn unsere Bedürfnisse übersehen werden oder wir nicht die emotionale Resonanz spüren, nach der wir uns sehnen, verstärkt sich der Wunsch nach Rückzug. Was wir suchen, ist ein Ort, an dem wir uns sicher fühlen können, ohne ständig auf der Hut sein zu müssen.
 
Diese Zeit des Rückzugs ist nicht nur eine Zeit der Isolation, sondern auch eine Zeit des inneren Suchens. Wir versuchen, unsere eigene Mitte wiederzufinden, unsere Gefühle zu ordnen und herauszufinden, was wir wirklich brauchen. Erst wenn wir uns selbst wieder näherkommen, erst wenn wir in uns selbst wieder Sicherheit spüren, kann auch echte Nähe zu anderen langsam wieder entstehen.
 
Innerer Rückzug ist kein Zeichen von Schwäche oder Ablehnung. Er ist nichts wofür wir uns schämen oder wofür wir uns rechtfertigen müssen. Er ist ein notwendiger Schutzraum, in dem wir heilen können, Kraft sammeln und in unserem Tempo Vertrauen neu aufbauen.
Wenn wir beginnen zu verstehen, dass viele unserer Reaktionen sinnvolle Anpassungen unseres Nervensystems an erlebten Kontrollverlust, Ohnmacht, Schmerz und Unsicherheit sind, können wir uns selbst mit Geduld, Verständnis, Güte und Mitgefühl begegnen. Mit dem Widererlangen von Sicherheit und Stabilität durch neue heilsame Erfahrungen kann unser Nervensystem nach und nach lernen, dass Schutz nicht länger Distanz bedeuten muss und dass Nähe möglich ist, ohne uns selbst dabei zu verlieren.
Sicherheit muss gefühlt werden, nicht verstanden. 
 
Der Körper lernt nicht durch Worte, er lernt durch Erfahrung. Erst wenn Sicherheit wiederholt erfahren wird, verliert Trauma seine Macht. Heilung beginnt dann, wenn unser Körper nicht mehr kämpfen muss, um uns zu schützen. 
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Sonntag, 26. Juli 2026

Wer hält hier eigentlich wen? - Zwischen Fürsorge und Überforderung


 

Mitgefühl bedeutet, vom Erleben eines anderen Menschen berührt zu sein und trotzdem bei diesem Menschen bleiben zu können. Die eigenen Gefühle dürfen dabei Raum haben. Wir dürfen traurig sein, uns sorgen oder tief betroffen sein. Entscheidend ist jedoch, dass die eigenen Gefühle nicht zur Verantwortung des anderen werden. Wer mitfühlt, wird berührt. Der entscheidende Unterschied liegt darin, wie wir mit dieser Berührung umgehen.

Beim Mitgefühl bleibt der Blick beim anderen: „Ich sehe, dass es dir schlecht geht. Das tut mir leid. Ich bin bei dir.“

Die eigenen Gefühle sind da. Sorge, Traurigkeit, Hilflosigkeit oder vielleicht auch Angst um den anderen, aber sie werden nicht zur Aufgabe des Gegenübers. Wir nehmen den Schmerz des anderen wahr, ohne dass der andere anschließend unsere eigenen emotionalen Reaktionen auffangen oder beruhigen muss. Wenn das geschieht, kann Mitgefühl in emotionale Übernahme kippen. Aus einem „Ich fühle mit dir“ wird dann unbewusst ein: „Dein Schmerz löst in mir so viel aus, dass ich damit nicht allein umgehen kann und du musst mir jetzt helfen, damit zurechtzukommen.“ Die Aufmerksamkeit verschiebt sich. Nicht mehr nur der Mensch, der gerade etwas Schweres erlebt, steht im Mittelpunkt, sondern zunehmend die emotionale Reaktion des anderen.

Diese Dynamik geschieht oft sehr subtil. Jemand kann ehrlich besorgt sein, es gut meinen und trotzdem Schwierigkeiten haben, die Gefühle des anderen auszuhalten. Wenn jemand von seinen Sorgen erzählt, können im Gegenüber Angst, Hilflosigkeit oder Unruhe entstehen. Statt einfach präsent zu bleiben, beginnt er sofort nach Lösungen zu suchen, Ratschläge zu geben oder selbst sichtbar belastet zu wirken. Am Ende kann beim Erzählenden das seltsames Gefühl entstehen nicht mehr nur mit der eigenen Situation belastet zu sein, sondern sich zusätzlich darum kümmern zu müssen, wie es dem anderen geht.

Wer hält dann am Ende wen?

Fühlen wir uns nach einem solchen Gespräch leichter, weil wir gesehen, verstanden und mit unseren Sorgen angenommen wurden? Oder bleibt das Gefühl zurück, dass wir die Reaktion des anderen innerlich auffangen oder ausgleichen müssen?

Wenn jemand zwar Anteilnahme zeigt, aber nicht wirklich bei uns bleiben kann, ohne unsere Gefühle mit zu übernehmen, entsteht leicht eine emotionale Verstrickung. Beim Mitgefühl bleiben zwei Menschen miteinander verbunden. In der Verstrickung beginnen die Grenzen zwischen Ich und Du zu verschwimmen. Die unausgesprochene Botschaft lautet dann nicht mehr:„Ich bin für dich da.“ Sondern: „Dein Zustand wirkt so stark auf mich, dass ich damit schwer umgehen kann und du musst mir jetzt helfen, damit klarzukommen.“

All das geschieht meist unbewusst. Ein „Ich bin für dich da“ kann mit großer Fürsorge und mit der ehrlichen Absicht zu helfen verbunden sein. Manche Menschen erleben die Not anderer besonders intensiv, aber sie haben nie gelernt, zwischen Mitfühlen und Mitleiden zu unterscheiden. Es fällt ihnen schwer, die eigene Sorge um den anderen von der eigenen emotionalen Reaktion darauf zu trennen.

Echtes Mitgefühl bedeutet, für den anderen einen Raum halten zu können. Der andere darf etwas Schweres erzählen. Wir dürfen berührt sein, traurig sein oder mitfühlen und trotzdem bleiben unsere Gefühle dort, wo sie hingehören, bei uns selbst. Unsere Gefühle gehören zu uns. Die Gefühle des anderen gehören zum anderen. Einen Menschen zu halten bedeutet nicht, dass wir von seiner Situation überwältigt werden. Halt entsteht dort, wo einer sich öffnen darf und der andere präsent bleiben kann, ohne dass derjenige, der sich öffnet, am Ende auch noch die Gefühle des anderen auffangen muss.

Samstag, 25. Juli 2026

Wenn künstliche Intelligenz zum Arzt und Therapeuten wird – Zwischen digitaler Unterstützung und gefährlicher Halluzination

 


 

 

Vor zehn Tagen bin ich selbst in die Falle getappt. Aufgrund starker Schmerzen suchte ich zunächst nicht den Rat meines Hausartzes der zu der Zeit in Urlaub war, sondern wandte mich an eine künstliche Intelligenz. Die Antwort klang plausibel, strukturiert und fachlich durchaus überzeugend. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, eine verlässliche Einschätzung meiner Beschwerden erhalten zu haben. Erst als ich dann als Notfall im Krankenhaus landete, wurde mir bewusst, wie schnell man manchmal dazu neigt, einer KI zu vertrauen, nicht weil sie tatsächlich eine Diagnose stellen kann, sondern weil sie ihre Antworten so sicher und nachvollziehbar formuliert. Diese Erfahrung hat mich wieder einmal zum Nachdenken gebracht. 

Warum schenken wir einer Maschine Vertrauen? Weshalb fühlt sich ein Gespräch mit einer KI oft an, als würde man mit einem Arzt oder einer Psychologin sprechen? Welche Risiken entstehen, wenn wir beginnen, gesundheitliche oder psychische Entscheidungen auf Grundlage algorithmischer Antworten zu treffen? 

 

Künstliche Intelligenz verändert die Art, wie wir Informationen suchen und Entscheidungen treffen. Was früher der Gang zur Bibliothek, die Internetsuche oder das Gespräch mit einer Fachperson war, wird heute zunehmend durch einen Dialog mit einer KI ersetzt. Millionen Menschen lassen sich Krankheiten erklären, ihre Symptome bewerten oder sprechen mit Chatbots über Einsamkeit, Ängste und Depressionen. Die KI vermittelt den Eindruck eines kompetenten, jederzeit verfügbaren Gegenübers. Sie ist immer ereichbar, unendlich geduldig, zutiefst verständnisvoll und scheinbar allwissend. Genau das macht sie so attraktiv und genau das birgt hohe medizinische und psychologische Risiken.

 

Die Illusion von Wissen

KI-Systeme formulieren ihre Antworten in Sekunden flüssig, logisch und extrem selbstbewusst. So entsteht leicht der Eindruck hoher fachlicher Kompetenz. In der Psychologoe spricht man in diesem Zusammenhang von einer Autoritätsheuristik, was bedeutet, Menschen neigen dazu, Aussagen als glaubwürdiger einzuschätzen, wenn sie sicher, strukturiert und überzeugend daherkommen. Die sprachliche Qualität einer Antwort wird dabei unbewusst mit ihrer inhaltlichen Richtigkeit gleichgesetzt.

Fakt ist: Die KI berechnet Wahrscheinlichkeiten für sprachliche Muster. Sie verfügt weder über eigenes Wissen noch hat sie einen Begriff von gelebter Realität. Dadurch können ihre Antworten zwar einerseits richtig sein, sie können jedoch ebenso plausibel klingende Fehlinformationen enthalten. Dieses Phänomen wird als Halluzination bezeichnet. Da Fehler oft nicht offensichtlich sind, besteht die Gefahr, dass wir Aussagen ungeprüft einfach glauben ohne sie zu überprüfen.

 

KI kann keinen Arzt ersetzen

Besonders problematisch wird das im medizinischen Bereich. Immer mehr Menschen schildern ihre Beschwerden einer KI, bevor sie sich ärztliche Hilfe suchen. Die Hoffnung auf eine schnelle Einordnung von Symptomen ist verständlich. Aber medizinische Diagnostik hat nichts mit einer sprachlichen Analyse zu tun.

Eine ärztliche Diagnose entsteht durch die Kombination verschiedener Informationsquellen. Anamnese, körperliche Untersuchung, Laborwerte, bildgebende Verfahren, klinische Erfahrung sowie die Beobachtung des Krankheitsverlaufs. Hinzu kommt viele Erkrankungen weisen ähnliche Symptome auf. Brustschmerzen können beispielsweise auf Muskelverspannungen, eine Lungenentzündung oder einen Herzinfarkt hinweisen. Kopfschmerzen reichen von harmlosen Spannungskopfschmerzen bis hin zu Hirnblutungen oder Tumorerkrankungen. Erst die Gesamtschau aller Befunde ermöglicht eine fundierte Diagnose. Eine KI verfügt weder über Untersuchungsmöglichkeiten noch über objektive Messdaten. Zudem kennt sie keine individuellen Risikofaktoren wie Vorerkrankungen, Medikamente Allergien oder psychsiche Belastungen. Ein Arzt wägt Nutzen und Risiken diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen gegeneinander ab. Eine KI kann zwar medizinische Informationen zusammenfassen, aber sie kann keine Diagnose stellen. Und sie trägt keine Verantwortung für die Konsequenzen ihrer Diagnosen und Empfehlungen.

Besonders gefährlich wird es dann, wenn Menschen aufgrund einer KI Antwort notwendige ärztliche Untersuchungen ausfschieben oder vermeiden. 


Warum viele Menschen der KI dennoch vertrauen

Aus psychologischer Sicht besitzt künstliche Intelligenz mehrere Eigenschaften, die Vertrauen aufbauen und fördern. Das führt dazu, dass Menschen dazu neigen der KI menschliche Eigenschaften zuzuschreiben, ein Phänomen, das als Anthropomorphisierung bezeichnet wird. Anthropomorphisierung bezeichnet in der Psychologie die menschliche Tendenz, nicht menschlichen Objekten oder Systemen menschliche Eigenschaften, Gefühle, Absichten oder Persönlichkeitsmerkmale zuzuschreiben.Gleichzeitig simuliert die Sprache der KI  Empathie und Verständnis. Wir fühlen uns verstanden und haben das Gefühl, mit einem zugewandenten Gegenüber zu sprechen. In Wahrheit aber verarbeitet die KI nur statistische Sprachmuster. Sie hat weder Bewusstsein noch hat sie Gefühle.

 

Die Illusion therapeutischer Kompetenz

Immer mehr Menschen nutzen KI als emotionale Bezugspunkt oder gar als Therapeuten. Besser als nichts möchte man meinen, zumal Therapieplätze Mangelware sind und mit langen Wartezeiten verbunden sind.

Therapie aber ist weit mehr als ein Gespräch. Sie basiert auf wissenschaftlicher Diagnostik, individueller Behandlung und vor allem auf einer langfristigen therapeutischen Beziehung. Therapeutinnen und Therapeuten berücksichtigen biografische Erfahrungen, Bindungsmuster, Traumata, familiäre Einflüsse, biologische und soziale Faktoren. Gleichzeitig beobachten sie Mimik, Körpersprache, Stimme und emotionale Veränderungen im Kontakt. Diese Informationen hat die KI nicht. Sie kann keine psychologische Diagnostik durchführen und keine psychische Erkrankung wriklich beurteilen.

Hinzu kommt ein weiteres Problem. Sprachmodelle sind darauf optimiert, Gespräche angenehm zu führen. Dadurch können sie problematische Überzeugungen bestätigen. Menschen mit Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen oder Persönlichkeitsstörungen leiden häufig unter kognitiven Verzerrungen. Professionelle Therapie hinterfragt diese Überzeugungen. Eine KI dagegen vertsärkt den Confirmation Bias, indem sie alte Überzeugungen und Sichtweisen bestätigt statt sie zu hinterfragen und zu korrigieren.

 

Therapeutische Beziehung kann nicht simuliert werden

Die Wirksamkeit psychotherapeutischer Behandlung beruht nicht allein auf therapeutischen Techniken. Einer der stärksten Wirkfaktoren ist die sogenannte therapeutische Allianz, die vertrauensvolle Beziehung zwischen Therapeut und Patient. Empathie, Resonanz, Authentizität und gegenseitiges Vertrauen beeinflussen nachweislich den Erfolg von Therapien. Obwohl die KI sehr empathisch formulieren kann, sogar empstishcer als manche Menschen, empfindet sie keine Emotionen. Das Gefühl, verstanden zu werden, entsteht vor allem durch die sprachliche Simulation. In Wahrheit ist es eine Illusion.

Im worst case kann so eine parasoziale Beziehung entstehen, eine einseitige emotionale Bindung an einen virtuellen Gesprächspartner. Für Menschen, die unter Einsamkeit oder sozialen Ängsten leiden, kann dies kurzfristig entlastend wirken, langfristig führt es jedoch genau zum Gegenteil. Die Motivation und das Bedürfnis reale Beziehungen aufzubauen oder professionelle Hilfe zu suchen schwindet.

 

Grenzen in Krisensituationen

Besonders deutlich zeigen sich die Grenzen künstlicher Intelligenz bei medizinischen und psychischen Notfällen. Weder Herzinfarkte noch Schlaganfälle, schwere Infektionen oder psychotische Krisen lassen sich durch Textnachrichten beurteilen. In solchen Situationen entscheidet jede Minute über den weiteren Verlauf.

 

KI als Werkzeug – nicht als Ersatz

Künstliche Intelligenz kann medizinische und psychologische Informationen verständlich erklären, psychoedukative Inhalte vermitteln, bei der Vorbereitung auf Arzt- oder Therapietermine helfen oder uns dazu ermutigen, professionelle Unterstützung zu suchen, mehr aber auch nicht. Sie bietet Wissen aber keine echte Hilfe. Je intelligenter und menschlicher die KI wirkt, desto leichter vergessen wir, dass wir nicht mit einem Arzt, einer Psychologin oder einem Therapeuten sprechen. Wir vertrauen einer Maschine, die keine Verantwortung kennt und übernimmt, die keine Untersuchungen durchführenkann, keine Emotionen wahrnehmen und keine Konsequenzen ihres Handelns tragen kann.

 Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, wie gut künstliche Intelligenz ist. Die entscheidende Frage ist: Sind wir bereit wir unsere Urteilsfähigkeit an sie abzugeben? 

Wenn immer mehr Menschen beginnen, Diagnosen, Therapieentscheidungen oder existenzielle Lebensfragen lieber einer Maschine als medizinischen oder psychologischen Fachkräften anzuvertrauen, verändert sich nicht nur unser Umgang mit Technologie, sondern auch unser Verständnis von Gesundheit, Verantwortung und zwischenmenschlichen Beziehungen.

 

Künstliche Intelligenz kann Wissen bereitstellen. Sie kann eine erste Orientierung geben. Sie kann unterstützen. Doch sie kennt weder Angst noch Schmerz, noch Trauer, Hoffnung oder Mitgefühl. Sie fühlt nicht, was es bedeutet, krank zu sein oder psychisch zu leiden. Gerade deshalb darf sie niemals eine Instanz werden, der wir unsere körperliche und unsere Gesundheit anvertrauen. Wenn wir menschliche Fürsorge durch algorithmische Antworten ersetzen, riskieren wir mehr als Fehldiagnosen, wir riskieren den Verlust dessen, was Heilung ausmacht, nämlich die echte Begegnung zwischen Menschen.

 

 

Mittwoch, 22. Juli 2026

Ein Mensch ist kein Projekt

 



„Das beste Projekt, an dem du je arbeiten wirst, bist du.“
Kaum ein Satz beschreibt den Zeitgeist der Selbstoptimierung so treffend wie dieser. Es ist einer jener Sätze, der uns in Social Media, in Podcasts und auf den Titelseiten von Ratgebern begegnet. Er klingt cool, motivierend und kraftvoll. Er fordert dazu auf, in sich selbst zu investieren, zu lernen, zu wachsen und das eigene Potenzial zu entfalten Schließlich ist es doch gut, sich weiterzuentwickeln, zu lernen, an sich zu arbeiten. Und doch steckt in diesem Satz etwas, das mir Unbehagen bereitet.
Ein Mensch ist kein Projekt.
In diesem Satz steckt mehr als eine Ermutigung. Er zeichnet ein Menschenbild.
 
Ein Projekt ist etwas, das geplant, gesteuert und optimiert wird. Es hat einen Anfang, ein Ziel und Kriterien, an denen sich sein Erfolg messen lässt. Projekte sollen effizient sein. Sie sollen funktionieren. Sie sollen am Ende besser sein als am Anfang.
Das eigene Leben als Projekt zu begreifen kann zu einer Haltung führen, in der der eigene Wert an ständigen Fortschritt gebunden wird. Aus Lernen wird Optimierung. Aus Selbstfürsorge wird Selbstmanagement. Aus gut wird besser und noch besser. Aus schön wird noch schöner. Wer sich selbst als Projekt betrachtet, findet keinen Ort mehr, an dem er einfach nur sein darf. Es entsteht das Gefühl, nie fertig zu sein, weil das Projekt ja immer noch verbessert werden kann.
 
Was geschieht, wenn wir beginnen, uns selbst auf diese Weise zu betrachten?
Dann wird unser Leben zur Dauerbaustelle.
Jeder Fehler ist ein Defizit. Jede Schwäche eine Aufgabe. Jede Krise ein Optimierungsfeld. Selbst Erholung bekommt einen Zweck. Sie soll leistungsfähiger machen. Selbst Achtsamkeit wird zur Technik um besser zu funktionieren. Selbst die Liebe zu uns selbst wird zu einem Punkt auf der To-do-Liste. Der Mensch wird zum Manager seiner eigenen Existenz.
 
Psychologisch betrachtet ist das kein Zufall.
Viele Menschen erleben ihren Wert nicht als etwas Gegebenes, sondern als etwas, das immer wieder bewiesen, erreicht und hergestellt werden muss. Man genügt nicht einfach. Man muss genügen. Durch Disziplin. Durch Produktivität. Durch Wachstum. Durch Leistung und Erfolg. Durch das nächste Buch, den nächsten Kurs, den nächsten Social Media Post, der beweisen soll wie cool das eigene Leben ist, wie befreiend die nächste, bessere Version seiner selbst ist.
Und wie´s da drinnen aussieht geht niemand was an. 
 
So entsteht ein paradoxes Leben.
Es wird ständig daran gearbeitet sich selbst zu optimieren, statt Selbstkenntnis und Selbstannahme zu erreichen. Dabei entfernen wir uns immer weiter von sich selbst. Ich frage mich: Wo wollen die denn eigentlich hin? Was ist denn das beste Projekt ihrer selbst, wenn es denn irgendwann fertig wäre? Wie sieht es denn aus, das Beste?
Der Philosoph Martin Buber unterscheidet zwischen einer Beziehung, in der wir einem Gegenüber wirklich begegnen, und einer Beziehung, in der wir es zum Objekt machen. Für mich gilt das auch für das Verhältnis zu uns selbst. Wir können uns selbst begegnen oder uns selbst verwalten.
Auch Martin Heidegger warnte davor, alles nur unter dem Gesichtspunkt der Verfügbarkeit und Funktion zu sehen. Sobald wir die Welt ausschließlich danach beurteilen, wie sie genutzt oder verbessert werden kann, verlieren wir den Blick für das, was einfach ist. Und genau das geschieht heute mit dem Menschen. Er wird zum Rohstoff seiner eigenen Optimierung.
Darin liegt eine tiefe Ironie, denn das Menschliche entzieht sich jeder Planung.
 
Sobald wir uns nur noch unter dem Gesichtspunkt der Leistung, des Funktionierens, des Arbeitens oder der Optimierung betrachten, verwandeln wir das lebendige „Ich“ in ein Objekt. Wir begegnen uns selbst nicht mehr als Mensch, sondern sehen uns als Aufgabe.
Man kann Gefühle nicht optimieren. Man Liebe nicht herstellen, wo sie nicht ist. Man kann Trauer nicht beschleunigen. Man kann Vertrauen nicht erzwingen. Man kann Sinn nicht produzieren. Das Wesentliche wächst dort, wo Absicht und Kontrolle enden.
 
Entwicklung ist etwas anderes als ein Projekt.
Entwicklung bedeutet nicht, ein besseres Produkt aus sich zu machen. Entwicklung bedeutet, dem eigenen Leben immer wahrhaftiger zu begegnen. Sie verlangt keine Perfektion, sondern Ehrlichkeit. Keine Makellosigkeit, sondern die Bereitschaft, sich verändern zu lassen vom Leben selbst, zu wachsen an den Erfahrungen, die wir machen, den guten und den unguten. Auf die Herausforderungen und die Fragen, die uns das Leben stellt, zu antworten, immer wieder neu. 
 
Be water my friend. Be like water …
Ein Fluss arbeitet nicht an sich selbst. Er fließt. Nicht geradlinig und nicht nach einem Fünfjahresplan. Er folgt den Bedingungen seiner Umgebung. Gerade deshalb erzählt seine Gestalt eine Geschichte. Das gilt auch für uns Menschen. Wir sind keine Maschinen, die regelmäßig gewartet und aufgerüstet werden müssen, damit sie ihre Leistung steigern. Wir sind auch keine Projekte mit einem Endzustand namens „die beste Version meiner selbst “. Wir sind fragile, verletzliche, widersprüchliche Wesen, die sich ihr Leben lang verändern, ohne jemals fertig zu werden bis wir sterben und auch dann sind wir nicht „fertig“, wir sind am irdischen Endpunkt angelangt. 
 
Und vielleicht ist genau das innere Freiheit.
Zu begreifen, nichts an uns muss repariert oder optimiert werden. Nicht jede Unsicherheit ist ein Mangel. Nicht jede Grenze ist ein Versagen. Nicht jede Schwäche ist ein Fehler. Nicht jeder Makel ist etwas, das weggemacht werden muss.
Unser Wesen will nicht überwunden, sondern verstanden werden.
Wenn wir uns als Projekt verstehen, liegt der Fokus auf Planung, Effizienz und Verbesserung. Wenn wir uns als Mensch verstehen, rückt anderes in den Vordergrund: Werden, Reifung, Beziehung, Verletzlichkeit, Erfahrung, Wahrhaftigkeit, Würde.
 
Darum ist der Satz „Das beste Projekt, an dem du je arbeiten wirst, bist du“ weniger befreiend, als er zunächst klingt.
Ein anderer Satz ist wahrer.
Du bist kein Projekt. Du bist ein Mensch.
 
Die Frage lautet: Arbeite ich an mir oder begegne ich mir?
Diese beiden Haltungen können nach außen ähnlich aussehen. Beide können zu einer Veränderung führen. Psychologisch und philosophisch unterscheiden sie sich jedoch grundlegend. Die eine betrachtet das Selbst als Objekt der Bearbeitung, die andere sieht das Selbst als lebendiges Wesen, das sich im Laufe des Lebens entfaltet.
 
Ein Mensch muss nicht fertig werden, um wertvoll zu sein.
Seine Würde entsteht nicht aus gelungener Selbstoptimierung. Sie geht jeder Veränderung voraus.
Deshalb sind Selbstkenntnis und Selbstwerdung etwas vollkommen anderes als Selbstoptimierung.
Wer sich selbst nur verbessern will, bleibt sein härtester Kritiker. Wer sich selbst begegnet, begreift, dass Entwicklung nicht dort beginnt, wo wir Teile von uns ablehnen oder verbessern, sondern dort, wo wir den Mut haben, uns selbst als Ganzes ohne Bedingungen anzusehen
Ein Mensch ist kein Projekt.
Er ist ein Leben.
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Dienstag, 21. Juli 2026

Zwischen Worten und Taten

 



Manchmal sind es nicht die großen Prüfungen des Lebens, die uns am meisten lehren, sondern die kleinen Momente, in denen wir erkennen, wer wirklich an unserer Seite steht und uns wertschätzt. Gerade in schwierigen Zeiten zeigt sich, dass Worte leicht gewählt sind, aber Anteilnahme und Nähe sich in Taten zeigen. Es sind diese Momente, in denen sich die Wahrheit über Menschen und Beziehungen zeigt. Nicht in den großen Gesten, sondern in den kleinen Reaktionen, in den Worten, die gewählt werden, den Handlungen, die getan werden. Besonders in schweren Zeiten wird sichtbar, wer wirklich Anteil nimmt und wer wirklich da ist. Es ist leicht, die richtigen Worte zu finden, wenn alles einfach ist. Erst wenn das Leben unbequem wird, erst in Momenten der Unsicherheit und Verletzlichkeit zeigt sich, ob hinter Worten auch echtes Mitgefühl steht. 
 
Eine der stillen Lektionen des Lebens ist, Erwartungen nicht an das zu knüpfen, was Menschen sagen, sondern an das, was sie bereit sind zu geben. Enttäuschungen entstehen dort, wo Erwartungen und Wirklichkeit auseinandergehen. Manchmal erkennen wir, dass das Bild, das wir von einem Menschen hatten, nicht der Realität entspricht. Nicht immer haben wir uns in einem Menschen getäuscht, manchmal haben wir nur mehr in ihm gesehen, als er bereit oder fähig war zu zeigen. Diese Erkenntnis kann schmerzhaft sein, aber sie schenkt auch Klarheit.
Gleichzeitig hält das Leben auch eine andere Erfahrung bereit. Oft kommt echtes Mitgefühl und aufrichtige Nähe gerade von Menschen, von denen wir es niemals erwartet hätten. Manchmal sind es nicht diejenigen, denen wir am meisten zugetraut haben, die in schwierigen Momenten an unserer Seite stehen, sondern Menschen, die uns mit ihrer Wärme, ihrer Aufmerksamkeit und ihrer Menschlichkeit überraschen.
 
Jeder Mensch begegnet anderen aus seiner eigenen Welt heraus mit seinen eigenen Möglichkeiten, Grenzen und seiner eigenen Art, mit schwierigen Situationen umzugehen. Am Ende sind es nicht die Umstände, sondern die Art, wie Menschen mit ihnen umgehen, die viel über ihren Charakter und ihre Haltung verrät. Und immer liegt gerade in einer Enttäuschung auch eine Erkenntnis, darüber, welche Bedeutung wir Menschen geben, welche Nähe wir erwarten dürfen und worauf wir unseren Blick in Zukunft richten.
 

Angelika Wende

www.wende-praxis.de

 

Samstag, 18. Juli 2026

Die Vorstellung des Nichts im Tode

                                  Foto: Lucas Wende



Seit meinem Krankenhausaufenthalt vor einigen Tagen ist der Tod wieder einmal näher in meine Gedanken gerückt. Ich weiß, dass er kommen wird. Diesmal ist er noch an mir vorbeigegangen.
Im Krankenhaus verliert man leicht die Illusion, mehr zu sein als ein Körper. Man wird zum Organismus im Bett, zur Zimmernummer, zur Patientenakte, zum nächsten Blutdruck, zum nächsten Laborwert. Man trägt ein Armband mit einer Nummer und wird von Untersuchung zu Untersuchung geschoben. Alles, was den Menschen ausmacht - die eigene Geschichte, seine Taten, Gedanken, Hoffnungen, Ängste tritt in den Hintergrund. Im Krankenbett bleibt ein verletzlicher Organismus aus Fleisch, Knochen und vergänglichem Leben.
Man erlebt maximalen Kontrollverlust. Andere entscheiden über den eigenen Körper. Man wird mit Medikamenten vollgepumpt und über deren Nebenwirkungen nicht aufgeklärt. Es wird gesagt, sie sind zu krank, um Entscheidungen mitzutreffen oder zu hinterfragen.
Darin liegt etwas Verstörendes. 

Das Krankenhaus konfrontiert mit einer Wahrheit, die wir im Alltag verdrängen. Wir sind sterbliche Wesen. Der Körper, mit dem wir uns so selbstverständlich identifizieren, ist zerbrechlich, störanfällig, zerstörbar und endlich. Für eine Weile schrumpft das Ich auf das Maß seiner biologischen Existenz zusammen. Diese Erfahrung ist schwer auszuhalten, weil sie den Glauben erschüttert, mehr zu sein als ein vergänglicher Körper auf Zeit. Weil sie die Vorstellung infrage stellt, dass es in uns ein unvergängliches Selbst gibt.

Wieder einmal denke ich an das Konzept vom ewigen Leben, an das viele Menschen glauben, ich jedoch nicht. Mir stellt sich bei dem Konzept vom ewigen Leben immer wieder die Frage: Warum sollte dieses zeitlose Zuhause existieren?
Weil der Mensch nicht willens oder fähig ist, sich selbst als vergänglich zu sehen, seiner Zerstörbarkeit und seiner eigenen Sterblichkeit ins Auge zu blicken, nicht willens anzuerkennen, dass es Lebendiges gibt, das leblos und tot werden kann, sich auflösen kann, vergehen kann, zu Staub werden kann, zu Nichts?
Das Nichts.
Der Mensch kann sich das Nichts nicht vorstellen. Geredet wird viel darüber, auch von den Philosophen. So meint Epikur: „Solange wir existieren, ist der Tod nicht da; und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr. Nichtexistenz Tod.
Aber was dieses Nichts ist, darauf gibt auch Epikur nicht die Antwort. Epikur wollte wohl gar nicht erklären, was das Nichts ist. Sein Argument lautet vielmehr: Der Tod geht uns nichts an, weil wir ihn niemals erleben können. Solange wir leben, ist der Tod nicht da; wenn der Tod da ist, sind wir nicht mehr. Ihm ging es weniger um das Wesen des Nichts als um die Auflösung der Todesangst.

Das Wesen des Nichts. Dazu reicht die Vorstellungskraft des menschlichen Gehirns nicht aus. Es kann sich nicht vorstellen wie es ist, wenn es überhaupt nichts gibt. Es kann sich das Nichts nicht vorstellen. könnte es das, wäre es ja wieder etwas und nicht Nichts. Tatsächlich stößt unsere Vorstellungskraft hier an Grenzen, weil jedes Vorstellen bereits einen Inhalt erzeugt. So sucht der seine Rettung vor dem unvorstellbaren Nichts in der Vorstellung vom ewigen Leben, vom zeitlosen ewigen Zuhause des Selbst. Für mich ist diese Vorstellung die Abwehr der Angst vor dem eigenen Tod. Man könnte sagen: eine omnipotente Strategie der Verleugnung des eigenen Verschwindens ins Nichts. 


Ich glaube, je einverstandener man mit dem gelebten Leben ist, je weniger Bedauern es am Lebensende gibt, desto weniger hat man Angst um die Nichtexistenz des eigenen Selbst und desto weniger wird man sich an die Vorstellung eines zeitlosen ewigen Zuhauses klammern.
Wenn alles Wandel und Veränderung ist, gibt es auch kein festes und kein ewiges Selbst, an das es sich zu klammern lohnt. Dieses Anklammern des Menschen an etwas, das er als sein unzerstörbares Selbst betrachtet, ist eine Quelle des Leidens. Dieser Gedanke findet sich auch im Buddhismus wieder. Das Prinzip des Nicht-Selbst (Anatta) besagt, dass es kein unveränderliches, ewiges Ich gibt. Was wir als unser „Selbst“ erleben, ist vielmehr ein fortwährender Prozess aus Körper, Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühlen und Bewusstsein – alles befindet sich im ständigen Wandel. 

Die Vorstellung eines bleibenden Selbst ist eine Konstruktion des Geistes. Je stärker wir uns an diese Konstruktion klammern, desto größer werden Angst, Verlust und Leiden. In diesem Sinne erscheint mir auch die Hoffnung auf ein ewiges Leben als Ausdruck des Wunsches, etwas festzuhalten, das seiner Natur nach niemals fest war.
Wie sagte Frida Kahlo einmal: "Ich erwarte freudig den Ausgang – und hoffe, nie wieder zurückzukehren."
Das hoffe ich auch.
Und bis dahin ...
Viva la Vida!

Dienstag, 14. Juli 2026

Aus der Praxis: Wenn Leiden zur Identität wird

 

                                                Zeichnung: A.Wende


Leiden gehört zum menschlichen Leben. Es kann uns erschüttern, verändern und tiefe Spuren hinterlassen. Problematisch wird es jedoch, wenn ein Mensch beginnt, sich ausschließlich über sein Leid zu definieren. Dann wird das Erlebte nicht mehr als ein Teil der eigenen Geschichte verstanden, sondern als die eigene Identität.

Menschen, die sich vollständig mit ihrem Leiden identifizieren, erleben sich häufig vor allem als Opfer ihrer Lebensumstände.  

Gedanken, Gefühle und Gespräche kreisen ständig um Verletzungen, Verluste oder Ungerechtigkeiten. Das Leid wird zum zentralen Bezugspunkt des Selbstbildes und bestimmt den Blick auf die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Gerade bei Menschen mit einer Traumageschichte besteht häufig ein tiefes Bedürfnis, mit ihrem Erleben gesehen, mit dem eigenen Schmerz wahrgenommen, Anerkennung für ihr Erleben zu erfahren und geglaubt zu werden. Die wiederholte Hinwendung zum eigenen Leid ist dabei oft nicht Ausdruck von Schwäche oder mangelndem Veränderungswillen, sondern der Versuch, Verbindung zu anderen herzustellen. 

Das Erzählen des Schmerzes wird zur Sprache der Beziehung, weil andere Formen von Vertrauen und Nähe durch die traumatischen Erfahrungen erschwert wurden.  

So kann sich eine Identität entwickeln, die in hohem Maß um Leid und Opfererfahrungen aufgebaut ist. Gleichzeitig fällt es Betroffenen oft schwer, andere Quellen von Selbstwert, Zugehörigkeit oder Nähe zu erleben. Beziehungen werden unbewusst vor allem dort als sicher erfahren, wo Schmerz, Hilfsbedürftigkeit oder Verletzlichkeit wahrgenommen und beantwortet werden. Daraus kann sich eine Dynamik entwickeln, in der Krankheit, Gefahr und Hilfsbedürftigkeit zur wichtigsten Sprache für Beziehung und Verbundenheit werden. Dies geschieht in der Regel nicht bewusst oder absichtlich, sondern als Folge früher Beziehungserfahrungen, in denen Aufmerksamkeit, Schutz oder Zuwendung vor allem in Situationen großer Not verfügbar waren. Gerade bei Menschen mit traumatischen Erfahrungen und zusätzlicher sozialer Isolation besteht die Gefahr, dass sich die eigene Identität nahezu vollständig um Leid, Verletzlichkeit und Abhängigkeit organisiert. Je länger diese Erfahrungen das Leben bestimmen, desto schwieriger wird es, sich selbst auch als kompetent, liebenswert, kreativ oder wirksam zu erleben.

Aus existenzanalytischer Sicht liegt hierin die Gefahr, dass der Mensch seine Fähigkeit zur Selbstdistanzierung verliert. Er erlebt sich nicht mehr als jemand, der Leid erfährt, sondern als sein Leid. 

Dadurch verengt sich der Blick für die eigenen Möglichkeiten, für Beziehungen, Werte und Aufgaben, die trotz aller Belastungen weiterhin vorhanden sind. Der therapeutische Auftrag besteht deshalb nicht darin, das Leid kleinzureden oder vorschnell zu relativieren. Schmerz braucht Anerkennung, Mitgefühl und einen geschützten Raum, in dem er bezeugt werden kann. Gleichzeitig geht es darum, nach und nach auch die anderen Seiten des Menschen wieder sichtbar werden zu lassen. Seine Fähigkeiten, seine Interessen, seine Werte, seine Beziehungen und seine Möglichkeiten, das eigene Leben mitzugestalten. Identität darf sich erweitern, vom leidenden Menschen hin zu einem Menschen, der zwar Leid erfahren hat, dessen Genzheit jedoch weit über diese Erfahrungen hinausreicht.

Ein solcher Prozess kann durch Fragen angeregt werden, die den Blick behutsam vom Leid auf die gesamte Person und ihre Handlungsmöglichkeiten lenken:

Wer bin ich außer jemand der Hilfe braucht?

Welche Momente im Alltag geben mir Kraft oder Freude, auch wenn sie klein sind?

Was kann ich selbst beeinflussen oder gestalten?

Wie können andere Menschen mir nah sein, ohne dass zuvor etwas Schlimmes passieren muss?

Diese Fragen laden dazu ein, neue Erfahrungen von Selbstwirksamkeit, Verbundenheit und Identität zu entwickeln. Sie eröffnen die Möglichkeit, sich nicht nur als hilfsbedürftiger Mensch zu erleben, sondern auch als jemand, der Fähigkeiten besitzt, Beziehungen gestalten kann und trotz aller Belastungen Einfluss auf das eigene Leben nimmt.

Selbsttranszendenz eröffnet in diesem Prozess eine neue Perspektive. Sie bedeutet nicht, das Leiden zu verdrängen oder kleinzureden, sondern den Blick über das eigene Schicksal hinaus zu richten. Der Mensch fragt nicht mehr nur: „Was ist mir widerfahren?“, sondern auch: „Was kann ich trotz allem verwirklichen?“ oder „Wem kann ich mit meinen Erfahrungen dienen?“ Das Leid verliert dadurch nicht seine Bedeutung, aber es verliert seinen Alleinanspruch auf die Identität. Wir sind mehr als das, was uns zugestoßen ist. Unsere Würde gründet nicht in unserer Verletzlichkeit, sondern in der Freiheit, uns immer wieder neu zu unseren Lebensbedingungen zu verhalten. Gerade darin liegt die Möglichkeit, aus einer Identität des Leidens zu einer Identität der Eigenverantwortung, der Sinnorientierung und des inneren Wachstums zu gelangen.

 

Angelika Wende

Kontakt: aw@wende-praxis.de