Meine Klientin sieht mich aus traurigen Augen an: „Wird es je wieder gut?“
Die Frage hat mich tief berührt. Vielleicht, weil sie so schlicht war. Keine theoretische Frage, keine Analyse, nur dieser eine Satz. Eine Frage, die Menschen oft dann stellen, wenn sie erschöpft sind vom Schmerz.
Und für einen kurzen Moment fühlte ich mich wie eine Mutter, deren Kind verzweifelt und traurig vor ihr steht. Die Mutter, die am liebsten sofort Trost schenken würde, Sicherheit, Gewissheit, eine Zukunft ohne Schmerz. Etwas in mir wollte sagen: Ja, es wird wieder gut.
Aber ich konnte es nicht.
Ich habe geantwortet:
„Ich weiß es nicht. Manches wird sicher wieder gut. Und manches nicht.“
Früher hätte ich vielleicht „ja“ gesagt. Hätte gesagt, dass die Zeit vieles heilt, dass neue, bessere Wege entstehen, dass Menschen stärker und wandlungsfähiger sind, als sie glauben. Und auch das stimmt manchmal. Aber je länger ich Menschen begleite, je mehr im Leben ich erfahre, desto vorsichtiger bin ich geworden mit schnellen Antworten. Besonders vorsichtig bin ich mit Versprechen, besonders jenen, die ich nicht einlösen kann, weil es nicht in meiner Macht liegt.
Nicht alles heilt. Nicht jede Wunde schließt sich.
Es gibt Verluste, die bleiben. Lebensträume, die nicht zurückkehren. Manche Erfahrungen hinterlassen Narben, die nicht verschwinden, sondern Teil unserer selbst werden.
Und doch bedeutet das nicht zwangsläufig Hoffnungslosigkeit.
Vielleicht liegt das Problem im Wort „wieder“. Als müsste das Leben zu einem früheren Zustand zurückkehren, damit es wieder gut werden kann. Aber oft geschieht etwas anderes: Das Alte kommt nicht zurück, Zerbrochenes bleibt zerbrochen, Vertrauen bleibt zerstört, eine Liebe endet, Menschen verlassen uns oder gehen verloren und dennoch entsteht mit der Zeit etwas Tragfähiges. Nicht dasselbe Glück. Nicht dieselbe Unbeschwertheit. Nicht derselbe Mensch, der wir waren, aber eine andere Form von Leben, eine andere Identität.
Wachstum.
Reife.
Würde.
Innerer Frieden.
Wahrhaftigkeit.
Sanftheit, Geduld und Mitgefühl mit uns selbst.
Selbstliebe.
Gottes Geschenk an uns sind Möglichkeiten und die gibt es solange wir leben. Anders als wir es uns vorgestellt haben, anders als wir es gerne hätten.
Menschen fragen oft: „Wird alles wieder gut?“ Vielleicht weil sie sich nach Gewissheit sehnen. Nach jemandem, der sagt: Du wirst nicht fallen. Du wirst nicht zerbrechen. Es wird alles Sinn ergeben. Aber niemand kann das ehrlich versprechen.
Was wir tun können, ist etwas anderes: die Unsicherheit gemeinsam aushalten. Nicht sofort beruhigen. Nicht vorschnell retten wollen. Sondern da bleiben ohne die Leere sofort füllen zu wollen. Aushalten. Neben der Angst, neben der Trauer, neben dem Nichtwissen. Aushalten, dass keine schnellen Antworten existieren.
Vielleicht war genau das in diesem Gespräch wichtig. Nicht meine Antwort als solche, sondern dass die Frage Raum bekommen durfte.
„Manches wird wieder gut. Und manches nicht.“
In diesem Satz liegt Schmerz. Aber auch Hoffnung. Das Leben und wir selbst müssen nicht vollkommen heil sein, um weiterzugehen. Und vielleicht ist Menschsein genau das - mit dem Unvollkommenen und dem Nichtwissen leben zu lernen, ohne das Vertrauen zu verlieren.
In Japan gibt es die Kunst des Kintsugi, bei der zerbrochene Keramik mit einem Lack aus Gold oder Silber veredelt wird. Anstatt Zerbrochenes wegzuwerfen, werden die Risse sichtbar gemacht und veredelt. Die Narben erzählen die Geschichte des Objekts, die Schönheit der Unvollkommenheit statt der Perfektion. Mit unserem Leben ist es ähnlich. Wenn wir lernen, unsere Krisen, Verletzungen, Brüche und Narben nicht als Makel zu betrachten, sondern als Teil unserer Geschichte, entsteht etwas Neues. Nicht trotz der Risse, sondern mit ihnen.
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de





