Sonntag, 19. April 2026

Wir haben keine Macht über andere Menschen

 


  
Der Gedanke kann sich hart und ernüchternd anfühlen. Psychologisch betrachtet berührt er einen zentralen Punkt: die Grenze zwischen dem, was wir beeinflussen können und dem, was außerhalb unserer Kontrolle liegt.
Menschen sind eigenständige Wesen.
Jeder handelt aus seiner eigenen Geschichte heraus, geprägt durch Erfahrungen, Verletzungen, Überzeugungen und unbewusste Muster. Selbst wenn wir verstehen, was richtig oder notwendig wäre, bedeutet das nicht, dass ein anderer Mensch diesen Schritt gehen kann oder will. Veränderung entsteht nur dann, wenn sie von innen kommt, nicht durch Druck von außen. Wir haben nicht die Macht, andere Menschen zu verändern, wir können sie auch nicht dazu zwingen, Verantwortung für ihr ungutes Handeln zu übernehmen. Dieses Ausgeliefertsein kann sich unglaublich ohnmächtig anfühlen.
Wenn wir dennoch versuchen, andere zu verändern oder zur Einsicht zu zwingen und damit zu kontrollieren, geraten wir in einen inneren Konflikt. Wir investieren Energie, hoffen auf eine Reaktion, erwarten eine Einsicht und stoßen an Grenzen. Das kann Frustration, Wut und vor allem eine tiefe Ohnmacht auslösen. Diese Ohnmacht ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen dafür, dass wir versuchen, etwas zu verändern, was nicht in usnerem Einflussbereich liegt, dass wir eine Verantwortung übernehmen, die nicht die unsere ist. Wir kämpfen gegen Windmühlen. 
 
Doch ein Teil in uns lässt nicht locker. Er wünscht sich, dass wir Einfluss nehmen können, dass wir etwas bewirken können.  
Vor allem dann, wenn es um Verletzungen, Ungerechtigkeit und Schmerz geht. Aber auch wenn wir uns auf den Kopf stellen: Veränderung lässt sich nicht von außen aufzwingen. Sie geschieht nur dann, wenn jemand selbst dazu bereit ist. Und genau das entzieht sich unserer Kontrolle.
Ein hilfreiches Konzept aus der Psychologie ist der „Locus of Control“ , sprich - die Frage, wo wir Kontrolle verorten. Ein gesunder innerer Fokus bedeutet, die eigene Verantwortung klar zu sehen, für das eigene Verhalten, die eigenen Entscheidungen, die eigenen Grenzen. Gleichzeitig bedeutet es, anzuerkennen, dass wir keine Kontrolle über das Verhalten anderer haben.
Das kann entlastend sein, aber auch schmerzhaft. Denn es bedeutet: Wir können Ungerechtigkeit nicht verhindern. Wir können Verletzungen nicht verhindern, wir können andere nicht zur Rechenschaft ziehen oder zur Reue zwingen. Wir können niemanden dazu bringen, empathischer, reflektierter oder verantwortungsbewusster zu sein.
 
Was bleibt?
Ein kleiner, aber entscheidender Handlungsspielraum, nämlich - wie wir selbst handeln. Wie wir auf Verletzungen reagieren. Ob wir Grenzen setzen und uns schützen. Ob wir schweigen oder Dinge benennen. Ob wir Muster wiederholen oder versuchen, sie zu durchbrechen. Und: Ob wir in der Opferhaltung stecken bleiben oder den Weg zur Selbstermächtigung wählen und ihn gehen.
Es gibt einen Unterschied zwischen Opfer sein und in der Opferhaltung verharren . Ersteres beschreibt etwas Reales - wir wurden verletzt. Das anzuerkennen ist wichtig und richtig.
Eine dauerhafte Opferhaltung hingegen kann psychisch zersetzend wirken.
Wenn wir glauben, dass wir grundsätzlich machtlos sind, dass alles von außen bestimmt wird, wenn wir glauben keinen eigenen Einfluss zu haben, verlieren wir unsere Selbstwirksamkeit. Wir kreisen um Schuldzuweisungen, verlangen nach Gerechtigkeit und Ausgleich und damit verharren wir in der Ohnmacht. Wir bleiben stecken im Gefühl der Hilflosigkeit, der Verbitterung, der Wut und wir erstarren. Wir stecken fest in einer unveränderbaren Vergangenheit.
Das bedeutet nicht, dass man einfach raus soll aus der Opferrolle oder dass es leicht wäre und schon gar nicht, dass wir selbst schuld sind. Es geht vielmehr darum, uns um uns selbst zu kümmern, unsere Wunden anzuerkennen und zu verarbeiten, unsere Traumata zu integrieren um uns den eigenen Handlungsspielraum wieder zurückzuholen, ohne dass wir das Erlebte verleugnen.
 
Wir haben keine Macht über andere Menschen, aber wir haben Einfluss auf unseren Umgang damit. 
Ob wir uns Unterstützung holen und für uns selbst und unsere Genesung einstehen. Ob wir beginnen, uns selbst wieder als handlungsfähig zu erleben, auch wenn wir das Außen nicht kontrollieren können. Das anzuerkennen ist ein schwieriger, aber heilsamer Schritt - die Realität der Ohnmacht anzuerkennen, ohne uns in ihr einzurichten und uns damit zu identifizieren. Das löst die Ohnmacht nicht völlig auf. Aber es kann helfen uns nicht vollständig in der eigenen Machtlosigkeit zu verlieren. Das ist kein kleiner Trost, sondern ein realer Einflussbereich. Und gleichzeitig ist es wichtig, das nicht zu romantisieren: Selbstverantwortung ersetzt keine gesellschaftliche Verantwortung und keine Gerechtigkeit. Es ist nicht die Aufgabe des Einzelnen, alles auszugleichen, was im Außen schiefläuft.
 
Gesund ist es, beides halten zu können: die Ohnmacht darüber, andere nicht ändern zu können und die Erfahrung von Selbstwirksamkeit im eigenen Handeln.  
Genau in diesem Spannungsfeld kann echtes Wachstum entstehen, nicht daraus, andere kontrollieren zu wollen, sondern daraus, dass wir lernen, mit uns selbst fürsorglich und wohlwollend umzugehen. So frustrierend und ungerecht es ist, am Ende bleibt uns nur der Einfluss auf unser eigenes Handeln. Das kann sich klein und begrenzt anfühlen und trotzdem ist es nicht bedeutungslos. Wie Mahatma Gandhi sagte: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir in der Welt wünschst.“
 
Es ist wahr, dass echte Veränderung im Ganzen genau das bräuchte, dass Menschen bewusst hinschauen, sich konfrontieren lassen, zuhören und ihr eigenes Verhalten hinterfragen. Im Kleinen wie im Großen. Dieser Wunsch wird sich leider nicht erfüllen. Das anzuerkennen bedeutet uns von einer Illusion zu verabschieden und Klarheit zu gewinnen, worüber wir Macht haben und worüber nicht. 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Samstag, 18. April 2026

Beschädigt


                                                                     Malerei: A.Wende

 

„Ich traue keinem Mann mehr, aber das Schlimmste ist, ich traue mir selbst nicht mehr“, sagt meine Klientin. Der Satz klingt hart, endgültig, fast wie ein Urteil. Und dann kommt noch dieses Wort: „beschädigt“. Als wäre da etwas in ihr, das nicht mehr ganz ist. Und es ist ehrlich, das zu sagen. Ja, da ist etwas beschädigt worden. Nicht im Sinne von „ich bin kaputt“. Aber etwas, das einmal selbstverständlich war, ist beschädigt: Das Vertrauen in andere und in sich selbst.

Vertrauen ist die Basis für alle zwischenmenschlichen Beziehungen. Selbstvertrauen ist Basis für eine gesunde Beziehung mit uns selbst. Vertrauen bedeutet wir können sicher sein, dass wir uns auf uns selbst und andere verlassen können. Vertrauen ist fragil und kann leicht zerstört werden. Wird es zerstört, hinterlässt das eine tiefe Wunde, die nur schwer heilt.

Nach toxischen Beziehungen bleibt mehr zurück als nur schmerzhafte Erinnerungen.  

Es bleibt die Frage: Warum habe ich das nicht früher gesehen? Warum bin ich so lange geblieben? Warum habe ich all das zugelassen? Warum habe ich das mit mir machen lassen?
Das Misstrauen, das nach unheilsamen Beziehungen entsteht, richtet sich nicht nur gegen den anderen, sondern auch gegen uns selbst. Das Vertrauen in den anderen ist erschüttert, weil Grenzen überschritten wurden, weil es Manipulation, Unberechenbarkeit, Lug, Betrug und Verletzungen gab, weil Nähe sich unsicher angefühlt hat. Das Vertrauen in uns selbst ist beschädigt, weil wir an unserer eigenen Wahrnehmung zweifeln, an unserer Intuition, an unserem Gefühl dafür, was uns gut tut und was nicht. In diesem Sinne: Ja, etwas ist beschädigt. Aber nicht, weil etwas grundsätzlich falsch an uns ist, sondern weil etwas in uns verletzt wurde. Und diese Verletzung ist es, die meine Klientin nicht einfach übergeht. Sie tut nicht so, als wäre nichts passiert. Und das ist gut so.

Beschädigtes Vertrauen kommt nicht einfach zurück, nur weil wir es uns wünschen. Aber es kann sich langsam neu aufbauen, anders als vorher.   

Wir werden wachsamer, klarer, stärker. Wir beobachten genauer bevor wir handeln und uns auf etwas einlassen, was sich von Anfang an nicht sicher anfühlt. Wir haben feinere Antennen als zuvor. Wir sind vorsichtig, zweifelnd, tastend. Und das ist gut so. Dieses Gefühl von beschädigt sein ist eine Erinnerung daran, was ungut war - Enttäuschung, Vertrauen, das gebrochen wurde, Hoffnungen, die sich nicht erfüllt haben. Das sind schmerzhafte Erfahrungen, die wir nicht einfach abschütteln können. Sie bleiben und sie verändern uns.

Misstrauen entsteht nicht aus dem Nichts.
Es ist die normale Folge von beschädigtem Vertrauen. Und es ist gewachsen in Momenten, in denen es, nach dem Vertrauensverlust, sicherer war, uns zurückzuziehen als uns noch einmal zu öffnen.
Die Zeit hat den Schmerz in eine Lektion verwandelt.
Kein blindes Vertrauen, kein naives Hoffen mehr, kein Ignorieren oder Schönreden mehr, kein Idealisieren mehr, kein Rationalisieren mehr, wenn sich Nähe nicht sicher anfühlt, wenn Wort und Handlungen nicht übereinstimmen, wenn Wertschätzung fehlt. Keine faulen Kompromisse mehr, nur um nicht allein zu sein, sondern ein klares Bewusstsein darüber, was wir in einer Beziehung wirklich wollen und brauchen, wo unsere Standards, unsere Werte und Grenzen sind und wie wir sie schützen.

Misstrauen erinnert uns daran, was wir überlebt haben. Misstrauen macht vorsichtig. Und Vorsicht ist nicht dasselbe wie Beschädigung.   

Vorsicht bedeutet nicht, dass Nähe und Beziehung für immer unmöglich geworden sind. Vorsicht bedeutet, dass wir uns nicht unüberlegt oder überstürzt auf eine neue Beziehung einlassen.
Wir nehmen uns Zeit den anderen kennenzulernen. Wir prüfen unsere Gefühle, ob wir emotional bereit für etwas Neues sind. Wir achten auf mögliche Warnsignale und respektieren unsere Grenzen anstatt uns schnell anzupassen. Das bedeutet nicht, dass wir eine grundsätzliche Angst vor Beziehungen haben, sondern dass wir gelernt haben: nämlich Achtsamkeit, Selbstfürsorge und Vorsicht, um uns vor Verletzungen zu schützen.
Natürlich können wir dennoch verletzt werden.
All das ist keine Garantie dafür, dass nichts schiefgeht. Gefühle und andere Menschen lassen sich nicht kontrollieren. Sobald wir uns auf jemanden einlassen, machen wir uns immer verletzlich.
Nur – mit Vorsicht stürzen wir uns nicht blind hinein, wir achten auf uns selbst und erkennen schneller, wenn uns etwas nicht guttut, und können entsprechend reagieren. Das kann Verletzungen nicht verhindern, aber es kann sie abmildern und dafür sorgen, dass wir uns nicht verlieren.
Nähe zulassen ist immer ein Risiko. Eine Beziehung einzugehen heißt eben auch, Vertrauen zu schenken, obwohl wir wissen, dass es keine absolute Sicherheit gibt, dass es nicht wieder missbraucht wird.

„Beschädigt“ klingt nach etwas, das nicht mehr heil werden kann. Aber wir Menschen sind keine Dinge. Was sich in uns verändert hat, ist nicht kaputt, es hat sich unseren Erfahrungen angepasst. Wir haben daraus gelernt, unter anderem, dass wir uns, um einer Beziehung willen, nicht mehr selbst verraten, dass Liebe uns nicht unsere Identität kosten darf, dass wir für Nähe keinen Preis mehr zahlen, der uns unseren Seelenfrieden kostet.
Im Moment ist es einfach so: Meine Klientin schützt sich. Solange bis sie sich selbst wieder voll und ganz vertraut.
Und das ist okay. 

Angelika Wende

Kontakt: aw@wende-praxis.de

Donnerstag, 16. April 2026

Der schwere Weg vom Selbsthass zur Selbstannahme

 



In meiner Arbeit begegnen mir immer wieder Menschen, die sich selbst ablehnen. Diese Selbstablehnung äußert sich häufig in Form eines stabil negativen Selbstschemas, das durch wiederkehrende selbstabwertende Gedanken, dysfunktionale Überzeugungen und eine verzerrte Selbstwahrnehmung geprägt ist.
Die Entstehung solcher Schemata lässt sich meist auf frühe Beziehungserfahrungen zurückführen, in denen Kritik, Abwertung, Beschämung, emotionale Zurückweisung, oder inkonsistente Bindungserfahrungen internalisiert wurden. Aus diesen Erfahrungen entwickeln sich tief verankerte Grundannahmen über das eigene Selbst, etwa im Sinne von „Ich bin nicht wertvoll“ oder „Ich genüge nicht“. „Ich bin falsch.“
Diese inneren Überzeugungen führen in der Folge zu kognitiven Verzerrungen. Dazu zählen unter anderem: selektive Aufmerksamkeit für negative Reize, dichotomes Denken, Dramatisieren oder Katastrophisieren. Eigene Fehler und Unzulänglichkeiten werden übergeneralisiert und dann als Bestätigung der negativen Selbstannahmen interpretiert, während positive Erfahrungen systematisch entwertet, nicht wahrgenommen oder ausgeblendet werden. Gleichzeitig wird verglichen – sich selbst mit anderen, die besser sind, es besser machen, es besser haben. Soziale Vergleiche, verstärkt durch idealisierte Selbstdarstellungen in den digitalen Medien, tragen zur weiteren Destabilisierung des sowieso schon fragilen Selbstwertgefühls bei.
 
In einer intensivierten Ausprägung kann Selbstablehnung zu Selbsthass werden. Psychologisch gesehen handelt es sich dabei um eine affektiv stark aufgeladene Form der Selbstabwertung, bei der sich die negative Bewertung nicht mehr auf bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen beschränkt, sondern auf das gesamte Selbstbild.
Selbsthass ist immer mit harten, abwertenden und strafenden inneren Dialogen verbunden - eine internalisierte Form äußerer Kritik. Obwohl vielen Betroffenen bewusst ist, das destruktive Selbstgespräche nicht hilfreich sind, haben sie eine Funktion. Paradoxerweise erfüllen sie kurzfristig eine Schutzfunktion, indem sie eine antizipierte Abwertung durch das Außen vorwegnimmt und so ein Gefühl von scheinbarer Kontrolle oder Vorhersehbarkeit vermittelt. Das Unterbewusstsein ist tricky!
Wer sich selbst permanent abwertet, glaubt unbewusst, sich vor Ablehnung zu schützen oder sich zu besserer Leistung anzutreiben.
Gibt man Betroffenen positive Rückmeldungen, schenkt man ihnen Wertschätzung oder betont man ihre Stärken und Erfolge werden sie relativiert oder entwertet, während negative Erfahrungen überbetont werden. Dadurch stabilisiert sich der Selbsthass dann weiter, auch wenn objektiv widersprechende Erfahrungen vorliegen.
 
Die psychischen Folgen von Selbsthass sind erheblich.
Es kommt zu einer dauerhaften Aktivierung des Stresssystems. Selbsthass begünstigt die Entwicklung affektiver Störungen, insbesondere depressiver Symptomatik, Zwangs- und Angststörungen. Selbsthass und Selbstabwertung führen zu einer immer weiteren Erosion des Selbstwertgefühls und beeinträchtigt die Fähigkeit zur Emotionsregulation. Nicht selten führt er zu selbstschädigenden Verhaltensweisen, zu Süchten, zu innerem Rückzug, sozialer Vermeidung und erhöhter Angst, zu Misstrauen, Angst von Nähe und Angst vor Zurückweisung. Wer sich selbst hasst, neigt zur Selbstbestrafung, zur Selbstsabotage und missachtet seine eigenen Bedürfnisse.
Er ist es sich selbst ja nicht wert.
 
Was ich immer wieder erlebe ist, dass sich viele Betroffene ihres Selbsthasses nicht bewusst sind. Wären sie es, würden sie wohl vor sich selbst erschrecken. 
Statt ihn als solchen zu erkennen, erleben sie ihre Gedanken als objektive Realität. Der destruktive innere Dialog wird nicht als erlerntes Muster wahrgenommen und erkannt, sondern als „wahr“ oder sogar als „gerechtfertigt“. Selbsthass wird so leicht nicht erkannt, weil er sich in subtilen Formen zeigen - etwa in übermäßiger Selbstkritik, wenig Achtsamkeit gegenüber dem eigenen Körper, Perfektionismus, dem ständigen Gefühl, sich vergleichen und beweisen zu müssen, oder in der Tendenz, eigene Bedürfnisse und Wünsche systematisch zu übergehen und dem Drang zu funktionieren und zu leisten – für andere. Gerade diese verdeckten Ausdrucksformen erschweren es, die zugrunde liegende Dynamik zu erkennen. 
 
Selbstablehnung und Selbsthass sind erlernt. Und weil es sich um erlernte und aufrechterhaltene Muster handelt, sind sie veränderbar.  
Im ersten Schritt ist es hillfreich, dysfunktionale Überzeugungen zu identifizieren, zu modifizieren und durch realistischere und selbstwertdienlichere Bewertungen zu ersetzen. Es ist wesentlich die internalisierte kritische innere Instanz als solche erkennbar zu machen und sie systematisch zu hinterfragen. Das Problem dabei ist: Selbstannahme wird von Betroffenen nicht selten als riskant erlebt.
Sie kann sich ungewohnt, „unehrlich“ oder sogar bedrohlich anfühlen, weil sie die bisherigen inneren Überzeugungen infrage stellt und am Selbstbild kratzt, was ziemlich unangenehm ist.
Vielen Betroffenen fällt es schwer neue hilfreichere Überzeugungen zu fühlen und emotional zu verankern. Selbst wenn sie kognitiv wissen, dass die eigene Selbstabwertung zerstörerisch ist, bleibt das emotionale Erleben oft unverändert. Das führt zu einem inneren Spannungszustand. Dann kommen Sätze wie: „Ich weiß ja, dass ich mich nicht hassen sollte, aber ich fühle es trotzdem.“ Nach dem Faust´chen: "Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube" - der emotionale, in dem Fall. Das erschwert nachhaltige Veränderung erheblich.
Zudem ist Selbsthass ist häufig mit Scham verknüpft, einem Gefühl, das zur Vermeidung tendiert. Scham führt dazu, dass Menschen sich zurückziehen, sich weniger mitteilen und damit auch weniger korrigierende Beziehungserfahrungen machen. Dadurch fehlen dann genau die zwischenmenschlichen Rückmeldungen, die für die Entwicklung von Selbstannahme zentral wären.
 
Wenn Selbsthass über lange Zeit präsent war, wird er zu einem Teil des Selbstbildes. Eine Veränderung bedeutet dann nicht nur, destruktive Gedanken zu identifizieren und zu korrigieren, sondern das ganze Selbstverständnis neu zu strukturieren. 
Dieser Prozess kann Unsicherheit auslösen, weil er mit dem Verlust von etwas Vertrautem einhergeht. Zudem hängt unser Gehirn am Vetrauten. Der Weg von Selbsthass zu Selbstannahme ist kein linearer Prozess. Er erfordert nicht nur kognitive Einsicht, sondern wiederholte emotionale Erfahrungen, die im Widerspruch zum alten Selbstbild stehen, sowie die Bereitschaft, bestehende innere Überzeugungen immer wieder zu hinterfragen und zu verändern. Das ist Arbeit und die ist anstrengend und wenn es anstrengend wird, neigen viele Menschen dazu, beim Vertrauten zu bleiben, selbst wenn es weh tut.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de
 
Malerei: A.Wende

Mittwoch, 15. April 2026

Wenn die Kindheit Spuren hinterlässt – komplexe PTBS erkennen und verstehen

 

                                                           Malerei: A.Wende


Wenn ein Kind über längere Zeit Missbrauch oder Vernachlässigung erlebt, bleibt das nicht in der Vergangenheit zurück. Die Erfahrungen prägen bis ins Erwachsenenalter. Die sogenannte komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS) beschreibt genau diese tiefen und vielschichtigen Folgen. Sie betrifft nicht nur einzelne Symptome, sondern das gesamte innere Erleben, Gefühle, Selbstbild, Beziehungen und sogar das Verständnis von sich selbst und Welt. 
 
Viele Betroffene haben große Schwierigkeiten, ihre Gefühle zu fühlen und/oder sie zu regulieren. Sie fühlen sich schnell überwältigt, leer, innerlich erstarrt oder innerlich abgeschnitten. Nicht selten kommt es auch zu einer Art innerer Taubheit, weil das Nervensystem, in der Absicht zu schützen, alles runterzufährt. Es schaltet das Fühlen ab, um zu überleben. Häufig ist auch das Selbstbild stark geprägt von Scham, Schuld oder dem Gefühl, „falsch“ zu sein. Nähe zu anderen wird sehnsüchtig gewünscht und zugleich als beängstigend empfunden. Es kommt zu Gedanken wie: Wenn ich Nähe zulasse werde ich nur wieder enttäuscht und verletzt. Also bleibe ich allein. Die Folgen sind: emotionaler Rückzug, Selbstisolation, Abschalten - ein Verschwinden im eigenen Schutzraum. Viele Betroffene sind zutiefst erschöpft, aber sie können sich nie wirklich entspannen. Sobald sie zur Ruhe kommen werden sie innerlich unruhig. Sodass sogar Ruhe als Bedrohung empfunden wird. Mit der Zeit kann sich eine Trauma-Identität entwickeln, das Gefühl, dass die frühen Verletzungen das ganze Ich bestimmen. Sprich: der ganze Mensch identifiziert sich mit dem Trauma der Kindheit. 
 
Warum die kPTBS so oft übersehen wird
Obwohl belastende Kindheitserfahrungen bei vielen psychischen Problemen im Erwachsenenalter eine große Rolle spielen, werden sie in Therapien nicht immer erkannt. Stattdessen bekommen Betroffene fälschlicherweise häufig Diagnosen wie Angststörung, Depression, eine bipolare, zwanghafte, narzisstische, abhängige oder eine Borderline-Persönlichkeitstörung diagnostiziert. Was nicht heißt, dass kPTBS nicht mit diesen Störungen zusammen auftreten kann. All diese Diagnosen können zwar zutreffen, aber sie erklären oft nicht die eigentliche Ursache: das Trauma.
Auch Süchte können entstehen. Für viele ist es ein Versuch, den inneren Schmerz zu dämpfen, Gefühle zu betäuben oder überhaupt etwas zu fühlen. Was von außen wie Problemverhalten aussieht, ist oft der verzweifelte Versuch, mit dem Unerträglichen irgendwie umzugehen.
All diese Reaktionen sind keine Schwäche.
Es ist die verzweifelte Anpassung an Umstände, die für ein Kind unerträglich waren, ein Ausdruck dessen, wie ein Kind versucht, mit etwas Untragbarem zurechtzukommen und unter extremen Bedingungen versucht zu überleben.
 
Wenn Hilfe nicht greift
Wenn die tieferliegenden Ursachen nicht erkannt und das Trauma nicht bearbeitet wird, nutzt Therapie wenig bis nichts. Daher fühlen sich viele Betroffene in Therapien nicht gesehen und missverstanden. Manche verlieren das Vertrauen und geben die Hoffnung auf, dass ihnen überhaupt jemals geholfen werden kann. Sie fühlen sich, wie damals, im Stich gelassen und reagieren mit Misstrauen oder genereller Ablehnung auf Therapien. Manche von ihnen verzweifeln an der Vorstellung, dass sie derart gestört und kaputt seien, dass es niemals besser wird. Dieses Gefühl entsteht genau daraus, dass die eigentlichen Wunden nicht gesehen werden.
 
Wie man typische Merkmale der kPTBS erkennt
Viele Betroffene erleben immer wieder ...
starke emotionale Rückfälle
Albträume
starke innere Anspannung bei bestimmten Auslösern (Triggern)
Vermeidung von Situationen, die erinnern könnten
tief sitzende Scham udn Schuldgefühle
die Tendenz, sich selbst zurückzustellen oder aufzugeben
eine sehr harte, abwertende, kritische innere Stimme
ein negatives Selbstbild
Misstrauen, Angst vor Nähe und zwischenmenschlichen Beziehungen
 
Ein besonders deutliches Merkmal sind sogenannte emotionale Flashbacks. 
Dabei werden nicht unbedingt konkrete Erinnerungen wach, sondern intensive Gefühle. Plötzlich ist da wieder die alte Angst, die Einsamkeit, die Verlassenheit, die Scham oder die Verzweiflung des Inneren Kindes. Viele Betroffene beschreiben es so, als würden sie sich wieder wie das hilflose, verletzte Kind von damals fühlen, ohne genau sagen zu können, warum.
Wenn der Schmerz Wege sucht
Manche Betroffene entwickeln Verhaltensweisen wie Selbstverletzung oder andere selbstschädigende Muster. Auch Suizidgedanken sind nicht selten. So schwer das zu verstehen ist: Es geht dabei nicht darum, sich bewusst selbst schaden, sondern darum, mit überwältigenden Gefühlen umzugehen oder überhaupt etwas zu spüren.
Auch Gefühle wie Trauer, Scham, Schuld oder Wut spielen eine große Rolle. Häufig sind sie so belastend udn unaushaltbar, dass sie unterdrückt oder nicht bewusst wahrgenommen werden, gechweige denn in Worte zu fassen sind. All diese Strategien waren früher überlebenswichtig. Heute schränken sie das Leben massiv ein. Sie erschweren nicht nur die Beziehung zum eigenen Selbst, sondern auch zwischenmenschliche Beziehungen.
 
Wichtig zu wissen
Die Folgen eines Kindheitstraumas sind keine Zeichen von Schwäche oder „Kaputt sein“. Sie sind absolut nachvollziehbare Reaktionen auf das Unerträgliche, das ein Kind nicht allein bewältigen konnte.  
Und auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlt, die alten Muster können verstanden, aufgearbeitet und Schritt für Schritt verändert werden. Die alten Anpassungsreaktionen können, weil sie erlernt wurden, wieder verlernt oder vermindert und durch neue gesunde Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster ersetzt werden. 
 
Was ist das Ziel
Das Ziel ist nicht, das Erlebte loszuwerden oder zu vergessen, als wäre nie etwas passiert. Das funktioniert nicht. Das Ziel ist Integration. Integration bedeutet, dass das Trauma einen Platz bekommt, aber nicht mehr das ganze Leben bestimmt. Dass die Vergangenheit als Teil der eigenen Geschichte (an)erkannt wird, ohne die Gegenwart zu beherrschen. Es bedeutet, dass Erinnerungen nicht mehr überwältigen, sondern gehalten werden können. Dass Gefühle gefühlt werden können, ohne zu überfluten. Dass innere Anteile, die verletzt wurden, gesehen und verstanden werden, statt verdrängt oder bekämpft.
Integration heißt auch, zu lernen, sich selbst anders zu begegnen: mit Verständnis statt Härte und Selbstverurteilung, mit Selbstmitgefühl statt Schuld und Scham. Die alten Muster verlieren dann langsam ihre Macht. Nicht, weil sie falsch waren, sondern weil sie nicht mehr gebraucht werden. Aus einem ständigen Überlebensmodus kann Schritt für Schritt wieder ein Leben werden, das mehr ist als nur Überleben. 
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Montag, 13. April 2026

Das Leben "macht" gar nichts

                                                                    Foto: A.Wende
 


Das Leben macht nichts.
Es plant nicht, es urteilt nicht, es verletzt nicht, es meint nichts persönlich, es ist nicht gerecht und nicht ungerecht, es straft nicht, es belohnt nicht.
Es ist einfach. 
 
Es geschieht. Gleichgültig gegenüber dem, was wir uns wünschen oder fürchten.
Und doch fühlt es sich oft anders an.
Als würde eine äußere Macht gegen uns arbeiten oder für uns.
Als würde eine äußere Macht die Verantwortung für uns übernehmen oder nicht.
Aber das Leben selbst trägt keine Absicht in sich.
Es ist weder freundlich noch grausam.
Es ist.
 
Das Leben beinhaltet Erleben.
Durch unsere Erfahrungen, unser Denken, unsere Entscheidungen, unser Handeln und unser Nicht-Handeln, durch unsere Taten, erleben und gestalten wir Leben.
In den Bedeutungen, die wir geben,
dem Sinn, den wir verleihen,
in den Gefühlen, die wir fühlen,
in den Geschichten, die wir daraus machen und uns erzählen.
 
All das machen wir.
Nicht das Leben.
Das Leben macht gar nichts.
Es ist einfach.

Samstag, 11. April 2026

Wovor schützt mich mein Festhalten eigentlich?

 

                                                                                   Foto: A.Wende

 
Wir alle müssen irgendwann Irgendetwas Loslassen. 
Das ganze Leben ist im Grunde eine Übung im Loslassen. Eine schwere Übung für die meisten von uns.
Loslassen fällt uns so schwer, weil es tief gegen die grundlegende Funktionsweise unserer Psyche arbeitet. Unser Gehirn ist darauf ausgerichtet, Sicherheit und Stabilität zu bewahren. Alles, was vertraut ist, vermittelt uns das Gefühl von Kontrolle, selbst dann, wenn es uns eigentlich nicht guttut. Das Unbekannte hingegen bringt Unsicherheit mit sich und wird als Bedrohung und Gefahr interpretiert. Deshalb halten wir eher an dem fest, was vertraut und bekannt ist, als uns auf etwas einzulassen, dessen Ausgang wir nicht abschätzen können. Loslassen bedeutet: wir müssen die Kontrolle aufgeben. Da wir aber so konditioniert sind, alles im Leben zu planen und abzusichern, entsteht innerer Widerstand, wenn die Dinge anders laufen als erwartet. 
 
Je größer der innere Widerstand, je stärker wir festhalten wollen, desto schwerer und schmerzhafter ist das Loslassen.
Obwohl das Festhalten auf Dauer belastend und sinnlos ist, weil wir nichts festhalten können, was uns längst verlassen hat, wirkt es kurzfristig leichter, als uns bewusst mit dem Schmerz des Loslassens auseinanderzusetzen und ihn anzunehmen. Wir wollen Schmerz vermeiden. Genau deshalb ist Loslassen weniger eine Frage des Wollens als vielmehr ein Prozess, der Zeit, Geduld, innere Verarbeitung und auch bewusste Auseinandersetzung mit dem inneren Widerstand erfordert.
Widerstand lässt sich nicht auflösen, indem man ihn bekämpft, im Gegenteil, er wächst. Psychologisch gesehen ist er eine Schutzreaktion unserer Psyche. Es ist ein Teil in uns, der versucht uns vor belastenden Gefühlen wir Schmerz, Wut, Trauer oder Verzweiflung zu schützen. Wenn wir dann gegen diesen Teil ankämpfen, fühlt er sich bestätigt und hält noch stärker fest.
 
Was hilft um den Widerstand sanft zu lösen?
Es ist hilfreich den Widerstand nicht als Gegner zu sehen, sondern als etwas, das verstanden werden will. Hinter ihm liegt immer Angst: Angst vor Verlust, vor Leere, vor Sinnlosigkeit, vor Bedeutungslosigkeit, vor Einsamkeit, Angst davor, dass der Schmerz beim Loslassen so groß wird, dass wir ihn nicht bewältigen können.
Hilfreich ist es auch uns zu fragen: Wovor schützt mich mein Festhalten eigentlich?
Dann verschiebt sich der Fokus – weg vom Kämpfen, hin zum Verstehen.
 
Es geht darum den inneren Konflikt bewusst wahrzunehmen. Ein Teil will loslassen, ein anderer hält fest. Beide Teile haben ihre Berechtigung. 
Der Widerstand wird schwächer, wenn er nicht mehr unterdrückt oder bekämpft wird, sondern Raum bekommt. Das bedeutet, uns innerlich einzugestehen, dass dieser Teil, der festhält, noch nicht bereit ist loszulassen. Er braucht Zeit und die dürfen wir ihm geben. Das nimmt Druck raus.
Widerstand entsteht oft, weil wir uns zu schnell zu viel abverlangen, weil wir zu schnell Lösungen wollen, weil wir keine Geduld haben die Dinge zu durchleben und weil wir uns nicht schlecht fühlen wollen. 
 
Loslassen ist kein willentlicher Akt, keine Entscheidung, die wir kontrollieren können, sondern ein innerer Prozess in vielen kleinen Schritten. 
Das zu akzeptieren ist wichtig um den Widerstand zu besänftigen. Wir müssen nicht auf Kommando loslassen, es reicht innerlich schrittweise Distanz zu schaffen und Raum für eine neue Perspektive zuzulassen, fernab der alten Vorstellungen und Erwartungen, die wir haben, von dem, wie unser Leben zu sein hat. Widerstand hält sich an Vorstellungen, Erwartungen, Erinnerungen oder Hoffnungen fest. Je klarer wir erkennen, was tatsächlich ist, ohne es zu beschönigen oder zu dramatisieren, desto mehr verliert der Widerstand nach und nach seine Argumente und seine Macht.
 
Widerstand löst sich nicht durch Druck, sondern durch das Gefühl von Sicherheit.  
Wenn unser Inneres spürt, dass es den Schmerz des Loslassens aushalten kann und wir nicht daran zerbrechen, wird das Festhalten langsam überflüssig. Dann ist Loslassen nicht Zwang, sondern Entwicklung - ein fließender Anpassungsprozess, in dem wir Schritt für Schritt lernen, das, was wir festhalten wollen, innerlich zu verarbeiten und es zu verabschieden.
 
It hurts.
Okay, let it hurt. 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Montag, 6. April 2026

Irrglaube

 

                                                                                 Malerei: A.Wende

 
Uns wird diese Lüge eingeredet, dass guten Menschen Gutes widerfährt. 
Dass das Leben gut zu uns ist, wenn wir gut, großzügig, liebevoll, sanft und fürsorglich sind. Doch das Leben ist nicht immer gut. Manchmal ist es ungut, während wir immer noch versuchen, gut zu sein. Wir glauben, wenn wir genug lieben werden wir wiedergeliebt. Wir glauben, wenn wir gut sind, sind andere gut zu uns. Dieser Glaube ist ein Irrglaube. Egal wie gut wir sind, das Ungute und das Gute existiert nebeneinander. Nichts ist jemals nur eine Sache. Besser wir lernen beides anzunehmen als das, was es ist: Leben.