Donnerstag, 22. Juli 2021

Ja, nein, vielleicht oder ich weiß nicht ... Die richtige Entscheidung treffen fällt oft schwer

 



"In zweifelhaften Fällen entscheide man sich für das Richtige“, schrieb der österreichische Satiriker Karl Kraus. Klingt einfach, ist es aber nicht. Denn es gibt Entscheidungen, die nicht eindeutig zu treffen sind, weil sie sowohl gute als auch ungute Seiten haben. Das ist energieraubend und extrem belastend, weil wir partout nicht wissen, was das Richtige ist - wir sind zerrissen.
 
Wie wissen wir, was das Richtige ist?
Oft streben Kopf, Bauch und Herz in unterschiedliche Richtungen.
Prüfen wir genauer, offenbart sich gerade hier die innere Logik unseres Seins: Widerstrebendes gehört zum Ganzen. Kopf, Herz und Bauch sind die drei Zentren der Kraft. 
 
Der Kopf steht für unsere Fähigkeit, Situationen, Einflüsse, Gefühle, kurz: die Fülle der auf uns einstürmenden Welt wahrzunehmen, zu beobachten und zu differenzieren.  
Ohne die Fähigkeit, das Klare vom Unklaren und das Heilsame vom Unheilsamen zu trennen, würden wir im Chaos untergehen. Erst indem wir differenzieren, also unterscheiden, was wichtig und was unwichtig ist, erst indem wir abwägen, prüfen, was gut für uns ist und was nicht, erst wenn wir uns auf das Wesentliche konzentrieren, werden wir handlungsfähig.
Der Verstand aber nutzt nur die Logik, er ignoriert, was wir fühlen. 
 
Der Bauch steht für unsere Emotionen und Gefühle.
Die Intelligenz des Unbewussten, unsere Instinkte und unsere Intuition sitzen im Bauch. Aus dem Bauch heraus handeln wir nach dem, was unmittelbar im Bewusstsein auftaucht, dessen tiefere Gründe uns aber nicht bewusst sind. Dabei greift das Bauchgefühl auf alle gespeicherten Erfahrungen zurück, die wir im Leben gemacht haben. Er ist ähnlich wie das limbische System unser emotionales Erfahrungsgedächtnis. Im Bauch werden intuitiv automatische Prozesse und Gefühlsimpulse aktiviert. Hier sitzt ein unbewusst arbeitendes Entscheidungssystem, das auf unseren Gefühlen beruht.
Entscheidungen, die wir aus dem Bauch heraus treffen sind manchmal besser als rational überlegte, aber nicht immer. Auch unser Bauchgefühl kann uns in die Irre leiten – dann nämlich, wenn wir noch nicht auf ausreichende Erfahrungen mit ähnlichen Situationen zurückgreifen können und daher keine zuverlässige Sammlung an Gefühlen abgespeichert haben.
 
Das Herz weiß, Logik führt nicht immer zum Ziel.
Kopfentscheidungen funktionieren zum Beispiel in der Liebe nicht. Weil es in der Liebe um Gefühle geht, die man die wir nicht erklären und nicht rationalisieren können, die einfach sind wie sie sind. Diese Gefühle sind so stark, dass alle Ratio versagt. Wäre es möglich sie zu kontrollieren, gäbe es keine gebrochenen Herzen. Wenn unser Herz spricht, sind wir erst einmal machtlos. Treffen wir jedoch Entscheidungen einzig nach unserem Herzen und ignorieren jegliche Vernunft, kann das in unseren Leben für emotionales Chaos sorgen.
 
Klare Entscheidungen treffen wir dann, wenn wir sowohl den Kopf, das Herz als auch den Bauch berücksichtigen und alle miteinander in Einklang bringen.  
Wir können keine Entscheidungen nur mit dem Kopf oder nur mit dem Bauch oder dem Herzen treffen. Alles ist miteinander verbunden und jede Stimme darf gehört werden.
Also was ist das Richtige?
Eine eindeutige Antwort gibt es nicht, aber die Erfahrung sagt: Entscheidungen, die keine guten Gefühle und keinen Handlungsimpuls in uns hervorrufen, sind keine guten Entscheidungen.
Perfekte Entscheidungen gibt es also nicht. Wir können lediglich nach bestem Wissen und Gewissen und nach bestem Gefühl handeln. Ob unsere Entscheidung richtig war, zeigt die Zeit. 
 
Namasté

Dienstag, 20. Juli 2021

Ohne Handlung gibt es keine Heilung

 

                                                                     Foto: A.Wende

 
 
„Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“, so das Sprichwort.
Das trifft leider nicht immer zu. Wir haben den Willen, es gut zu machen, aber wir haben innere oder äußere Blockaden, die wie Schwellenhüter vor uns stehen und die wir einfach nicht überwinden können. Dann ist es nicht möglich eine Situation zu lösen, sie hinter uns zu lassen und zu etwas anderem überzugehen. Wir wissen, wenn wir diese Blockaden nicht überwinden, halten unsere Sorgen und Probleme an und können nicht gelöst werden.
Es fehlt uns nicht an Vorstellungskraft, wir malen uns aus wie es sein könnte wenn wir endlich in Bewegung kommen, aber das Problem ist die Umsetzung. Sei es im Beruflichen, im Finanziellen oder in Beziehungen – wenn es uns an Taten mangelt wird sich nichts ändern. Es braucht Handlungen um die Hindernisse zu überwinden, die vor uns auftauchen, erst dann können wir voranschreiten. 
Ohne Handlung gibt es keine Heilung.
 
Was sind das für Blockaden, aufgrund derer wir nichts tun um die Dinge zu lösen?
 
Oft ist es die Angst vor Veränderung. Angst vor dem Neuen, dem Unbekannten, von dem wir nicht wissen, ob es gut oder besser ist als das, was ist. Auch wenn das, was ist, nicht mehr gut ist und unser Leben stagnieren oder gar in eine bedrohliche Schieflage geraten lässt, wir lassen uns von der Angst besiegen. Oder wir kleben an vertrauten Gewohnheiten, die wir nicht aufgeben können oder wollen, auch wenn sie uns schaden. Wir sehen nur den Benefit, den wir durch sie haben und verdrängen das Unheilsame, das sie uns bringen, obwohl wir uns dessen bewusst sind. 
 
Bequemlichkeit ist eine große Blockade.
Alles läuft doch irgendwie. Irgendwie ist aber irgendwie und nicht: Es läuft hinreichend gut. Das Irgendwie führt dazu, dass wir das, was wir eigentlich tun müssten, vor uns her schieben, bis, ja bis es nicht mehr läuft. Dann kommt das große Erwachen und: Ach, hätte ich doch rechtzeitig gehandelt.
Wir lassen die Dinge laufen, wir lassen sie sogar manchmal sehenden Auges ins Unheil laufen, weil wir zu ängstlich, zu träge, zu bequem, zu starrsinnig sind, um sie zu ändern. Wir finden hundert Gründe warum es nicht geht, anstatt Gründe warum es gehen könnte. Wir treffen keine oder nur halbherzige Entscheidungen und belassen es bei Lippenbekenntnissen.
Wir strampeln weiter im Sumpf. 
 
Das Leben stellt uns Fragen, es gibt uns Aufgaben und wir antworten nicht.
Der Körper mahnt uns besser mit ihm umzugehen und wir hören nicht. Unsere finanzielle Situation muss geklärt werden und wir klären sie nicht. Unsere Beziehung ist ungesund und wir tun nichts um sie zu heilen. Wenn wir keine Entscheidungen treffen, entscheidet das Leben für uns und nicht immer geht es dann sanft mit uns um. 
 
Fassen wir also Mut, das Richtige zu tun, obwohl wir Angst haben, obwohl wir aus der Komfortzone heraustreten müssen. Sagen wir zu uns selbst: Ich mach das jetzt!
Und dann machen wir es.
Wir beginnen zu handeln.
Schritt für Schritt.
Hauptsache wir fangen jetzt an.

Mittwoch, 14. Juli 2021

Aus der Praxis – Erwartungen

 

                                                                          Foto: www

 

Erwartungen sind eine imaginierte Vorwegnahme von Ereignissen, Reaktionen und Handlungen, die erwartet, gewollt, gewünscht, erhofft oder vermutet werden, und die in der Zukunft liegen.

 

Je gereifter, stabiler, selbstabhängiger, ausgeglichener und zufriedener ein Mensch ist, desto geringer sind seine Erwartungen an andere.

Je mehr wir von anderen erwarten, desto unsicher sind wir uns unserer selbst. Und je unsicherer wir uns unserer selbst sind, desto abhängiger sind wir von den Aktionen, Reaktionen und dem Handeln anderer.

Wir sind unsicher an uns selbst gebunden und in der Folge damit auch unsicher an andere gebunden. Daher ist es uns dann so wichtig, dass andere, indem sie unsere Erwartungen erfüllen, uns die Sicherheit vermitteln, die wir in uns selbst nicht finden können. Erfüllt das Gegenüber das Erwartete nicht, kommen wir nicht damit klar. Wir sind enttäuscht, frustriert, gekränkt und vielleicht sogar wütend auf den anderen. Er ist schuld, dass es uns nicht gut geht, weil er nicht erfüllt hat, was wir von ihm erwartet haben.  

 

Aus unseren emotionalen Reaktionen auf unerfüllte Erwartungen können wir viel über uns selbst lernen.

Meist ist es das Innere Kind, dem wir bei achtsamer Selbstreflexion begegnen, das etwas haben will und nicht bekommt, was es braucht. Es ist dieses verletzte, unsichere Kind, das glaubt, es sei es nicht wert, dass man ihm gibt, was es erwartet. Es fühlt sich zurückgewiesen, nicht gesehen, nicht anerkannt, nicht geliebt, verlassen. Seine Bedürfnisse werden nicht erfüllt und dementsprechend reagiert es mit den unterschiedlichsten Gefühlen – meist unheilsamen. 

 

Was wir jetzt brauchen ist ein klarer Innerer Erwachsener, der dieses Kind besänftigt. Ein Erwachsener, der ihm wie eine hinreichend gute Mutter klar macht, dass sein Wohlbefinden nicht abhängig ist von der Erfüllung seiner Bedürfnisse durch andere, sondern, dass wir für es da sind, seine Gefühle verstehen und mit ihm mitfühlen. Und dann holen wir es aus seiner Trance und erklären ihm, dass es dazu lernen darf, um nicht weiter in der Opferrolle stecken zu bleiben und weiter zu leiden. Es darf erwachsen werden. 

 

Wenn wir das nicht tun, uns also nicht bewusst machen, dass Erwartungshaltungen uns in eine Opferrolle drängen, weil das Erwartete nicht unseren Vorstellungen gemäß geliefert wurde, bleiben wir im Klammergriff alter Verletzungen und reagieren auf jede unerfüllte Erwartung aus dem verzerrten Weltbild des Inneren Kindes.  

 

Eine Besonderheit sind Erwartungen an Menschen, die uns helfen.

Eine freiwillige und von Herzen gegebene Hilfeleistung ist etwas Gutes. Mit einer Erwartung oder gar der Einforderung der gegebenen Hilfe nehmen wir dem Helfer die Freiheit, so zu handeln, wie er es aus freien Stücken tun würde. Setzen wir ihn mit unseren Erwartungen unter Druck, vermitteln wir ihm das Gefühl, dass er allein dafür verantwortlich ist, wie wir uns fühlen. Damit spürt der Helfende nun eine Verpflichtung. Aus dem freiwilligem Helfen-wollen wird so ein eingefordertes Helfen-müssen. Die Beziehung wird empfindlich gestört.  

 

Erwartungen machen eng und sie engen ein. 

Zu hohe Erwartungen machen uns hilflos, klein und letztlich sogar einsam. Vor allem aber – sie machen uns abhängig, je größer und fordernder sie sind, und sie überladen unsere Beziehungen zu anderen. Unter dem Druck von Erwartungen brechen sie irgendwann zusammen.

 

Was dürfen wir lernen?

Wir dürfen lernen, dass wir Erwartungen haben dürfen, denn das ist menschlich, aber wir dürfen auch begreifen, dass eine Erwartungserfüllung eine freiwillige Gabe ist, die sich nicht einfordern lässt.

Wir dürfen lernen, dass wir selbst die Macht haben zu entscheiden, wie wir mit unerfüllten Erwartungen umgehen und sie überprüfen, ob sie angemessen sind oder überzogen. 

Wir dürfen lernen, dass wir selbst verantwortlich für unsere Gefühle sind, die unerfüllte Erwartungen in uns auslösen.  Damit übernehmen wir Eigenverantwortung. 

Wir dürfen begreifen, je fixierter die eigenen Erwartungen sind, desto höher ist der Erwartungsdruck an uns selbst und an andere und desto häufiger wird sich Enttäuschung einstellen.

Je mehr wir uns fixieren und uns von den eigenen Erwartungen abhängig machen, desto enger wird unser Erleben. Wir sind nicht offen für Situationen und damit verhindern wir den Fluss des Lebens sowie unsere Fähigkeit dem Leben spontan zu antworten, wenn es uns Aufgaben stellt.

Je abhängiger wir von der Erfüllung unserer Erwartungen sind, desto mehr entsteht Abhängigkeit. Wir ertragen es nicht, dass der andere sein eigener Mensch ist und sein eigenes Leben lebt. Wir sind in unheilsamer Weise an andere gebunden und binden andere in unheilsamer Weise an uns. 

Zu hohe Erwartungen in Beziehungen verhindern die tiefe, wertschätzende, freie Begegnung von Ich und Du. Echte Begegnung findet nur da statt, wo keine Erwartung, keine Forderung und kein Druck herrschen.

Erwartungen gehören zum Menschsein.

Es ist jedoch heilsam uns immer wieder bewusst zu machen, ob unsere Erwartungen angemessen sind und  was  sie mit uns selbst und mit den Menschen machen, an die wir sie richten. 

 

 

Montag, 12. Juli 2021

Gefühle sind zum Fühlen da

 
                                                                     Foto: A.Wende
 
 
In der Praxis habe ich es jeden Tag mit Menschen zu tun, denen es nicht gut geht. Viele haben Angst. Sie haben Sorgen und Probleme und sie leiden unter belastenden Gefühlen und Gedanken, die sie nicht haben wollen. Aber, und das vermittle ich immer zu Anfang: Das „nicht haben wollen“, ist Teil Ihres Problems.
Warum ist das so?
Zahlreiche Untersuchungen haben erwiesen, dass der Versuch, belastende Gedanken und Gefühle loszuwerden, zu noch mehr belastenden Gedanken und Gefühlen führt. Es ist also nicht möglich, unsere Gedanken und Gefühle an- und auszuschalten oder sie einfach verschwinden zu lassen.
Wenn wir versuchen, destruktive Gedanken, unangenehme körperliche Empfindungen oder belastende Gefühle zu unterdrücken, machen wir es nur noch schlimmer. Wir produzieren mehr vom selben.
Um das nicht mehr zu tun, dürfen wir uns zunächst mit der Tatsache anfreunden, dass Loswerden und Kontrolle nicht die Lösung sind, wenn es uns emotional nicht gut geht, sondern dass diese Versuche das Problem verstärken und weiter aufrechterhalten. 
 
Das hat damit zu tun, dass unser Gehirn und unser Nervensystem zusammenspielen. Wenn wir gegen einen Teil dieses Systems arbeiten, indem wir unterdrücken, vermeiden oder abwehren, was uns belastet, wehrt sich das System und sendet Signale an andere Teile des Systems.
Loswerden wollen, kontrollieren wollen, was wir nicht denken oder fühlen wollen, kostet enorm viel Kraft. Wir führen damit einen Kampf gegen uns selbst, den wir nicht gewinnen können. Gegen unsere Gedanken und Gefühle anzugehen, bedeutet, gegen uns selbst anzugehen, und das führt dazu, dass wir in unseren Gefühlen und Gedanken, unserer Trauer, unserer Wut und unserer Angst, stecken bleiben.
Die Energie der unterdrückten Gefühle steigt stetig an und entlädt sich irgendwann in Form von Erschöpfung, unangemessen starken Wutausbrüchen, Ängsten, Panikattacken, Depressionen oder auf der körperlichen Ebene mit Krankheit. Es ist wie mit einem Ball, den wir unter Wasser drücken: Lösen wir den Druck, ploppt er nach oben.
 
Unterdrücken, abwehren, kontrollieren – nichts davon tut uns gut.
Es ist wesentlich heilsamer unseren Gefühlen mit Aufmerksamkeit, Achtung und Mitgefühl zu begegnen, sie anzunehmen und da sein zu lassen. Wir dürfen uns erlauben: Was ich fühle, ist nicht angenehm, aber ich muss nicht davor weglaufen. Ich kann mich entscheiden, einfach still dazusitzen. Ich kann ruhig ein- und ausatmen und den Gedanken oder das Gefühl wahrnehmen als das, was es ist, und nicht als das, was mein Verstand daraus macht. Ich kann zulassenwas ist, ich kann spüren, was ist, und ich muss jetzt nichts tun, damit es weggeht. Ich erlaube diesem Gefühl, von selbst zu gehen. Ich kann es zulassen und als das erleben, was es ist: ein Gefühl.
Gefühle sind in Bewegung. Gefühle kommen und sie vergehen. Und damit sie das können, dürfen sie erst einmal da sein.

Samstag, 3. Juli 2021

Denkfalle: Tunnelblick

 

                                                                   Foto: pixybay


Unter dem Tunnelblick versteht man in der Psychologie die sogenannte selektive Wahrnehmung, was bedeutet: Es werden nur die Informationen berücksichtigt, die zu den eigenen Überzeugungen passen. Wie bei einem Filter vor einer Kameralinse, der nur bestimmte Lichtanteile durchlässt, werden einige Informationen einfach ausgeblendet.
Der Tunnelblick führt nicht nur dazu, dass die Komplexität des Ganzen nicht mehr wahrgenommen wird, er führt auch dazu, dass die eigene Wahrnehmung immer begrenzter wird und somit eine eigene Wirklichkeit geschaffen wird, die lückenhaft und/oder verzerrt ist. Fakten werden ignoriert, umgedeutet und/oder umgebogen damit sie in diese konstruierte Wirklichkeit passen. Gefangen im Tunnelblick kann der Mensch nur noch bestimmte Aspekte des gegenwärtigen Lebens sehen.
Gedanken werden nicht analysiert und hinterfragt, sondern es werden nur jene Aspekte wahrgenommen, die bereits vorgefasste Gedanken untermauern. Heißt: Wir widersprechen unseren Gedanken nicht, vielmehr suchen und finden wir Argumente um diese zu bestätigen und damit wiederum verstärken und verfestigen sich diese.
 
Subjektive Annahmen schieben sich über neutrale Informationen.
Argumente, Denkanstöße und Fakten, die gegen eigene Annahmen sprechen, werden zurückgewiesen, weil sie aus irgendeinem Grund nicht zählen sollen. Es kommt zu einer emotionalen Beweisführung: Das eigene Gefühl wird als Beweis für die Richtigkeit einer Annahme herangezogen, widersprechende Gefühle werden selektiv abgewehrt.
Nach dem Motto: Was in meinem Denkrahmen nicht sein kann, darf nicht sein.
 
Der Tunnelblick hat über die Zeit vielfältige negative Auswirkungen auf das eigene Leben, die soziale Kompetenz und das soziale Miteinander.
Zum einen macht der Tunnelblick eng – die Wahrnehmungsfähigkeit wird immer eingeschränkter, der Spielraum der eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten begrenzt. Der Mensch wird immer verschlossener anderen Wahrheiten gegenüber, er schirmt sich gegen alternative Möglichkeiten ab und bewegt sich nur noch im Kreis derer, die sein Denken teilen und es bestätigen. Seine Fähigkeit Neues zu erfahren und zu lernen oder sich zu verändern, sinken auf Null. Er sitzt in seinem selbstgeschusterten Mikrokosmos ohne Zwischenstufen, den er verteidigt, sobald nur der leiseste Angriff von außen kommt. Andere Meinungen werden disqualifiziert oder attackiert, damit man das eigene Denken nicht ändern muss. Im worst case wird jeder Andersdenkende zum Feind. 
 
Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung sind nicht rein zufällig.

Mittwoch, 30. Juni 2021

Lektionen

 

                                                                        Foto: A.W.


Gerade wenn wir denken – so ist es gut, so kann es bleiben, kommt sie plötzlich, die nächste Lektion. Nicht schon wieder, denken wir und haben überhaupt keine Lust darauf. Wir haben doch genug gelernt über uns, das Leben, andere. Wir haben doch jahrelang an uns selbst gearbeitet. Irgendwann müssten wir doch mal Ruhe haben.
Denken wir. Ist aber nicht so. Lektionen, immer wieder Lektionen. Immer wieder gibt es etwas zu lernen. Einige Lektionen verbergen sich hinter Problemen, die gelöst werden müssen. Andere sind normales Beiwerk des Lebens, zum Beispiel, dass wir älter oder krank werden.Und manche Lektionen erschüttern unser Menschenbild.
 
Gestern sagte ein Klient, der einen schmerzhaften Betrug erfahren musste: „Ich habe immer geglaubt, dass Menschen von Grund auf gut sind.“ Sein Menschenbild ist erschüttert, weil ihm Ungutes durch einen geliebten Menschen widerfahren ist.
Er zweifelt an sich selbst, fragt sich, ob er zu naiv war. Zu gutmütig, zu gutgläubig, zu vertrauensselig. Was ist meine Lektion?, fragt er mich. Soll ich jetzt keinem mehr vertrauen, weil ich verletzt werden könnte?
 
Ein gebrochenes Herz reagiert oft so: Ich werde nie mehr lieben, nie mehr vertrauen. Und das ist am Anfang verständlich. Es will zumachen, um nicht mehr verletzt zu werden. Das Leid, wenn uns ein geliebter ein Mensch betrogen hat, ist unermesslich groß. Es stürzt uns nicht nur in eine schmerzhafte Trauerphase, die dauern kann, es stürzt uns auch in die Konfrontation mit unseren Annahmen über das Leben, die Menschen und unser Selbstbild.
Warum ist mir das passiert? Warum hat der andere mir das angetan? Warum war ich so blind?
 
Wir haben Schuldgefühle, glauben wir hätten es verhindern können, wenn wir achtsamer gewesen wäre, besser aufgepasst hätten oder weniger vertraut hätten.
Schuldgefühle sind mit Abstand das Schlimmste. Sie lähmen. Über den Schmerz der Verletzung hinaus peinigen sie uns. Wie ein Quälgeist besetzen sie unsere Gedanken und hindern uns anzuerkennen was ist – nämlich, dass wir immer dann, wenn wir einem Menschen unser Herz öffnen und schenken im selben Moment riskieren verletzt zu werden. Und oft geschieht genau das.
Es hilft nichts, sich dann die Schuld zu geben. 
 
Schuldgefühle gegen oft so weit, dass wir denken: Du hast es nicht verdient, geliebt zu werden. Du hast es nicht verdient, glücklich zu sein. Ja, sie können sogar soweit gehen, dass wir denken: Du hast es nicht verdient, zu leben. Schuldgefühle sind gemein und tückisch, sie sind voller Vorwürfe und niederschmetternd. Aber auch unsere Schuldgefühle sind Lektionen, die wir lernen dürfen. 
 
Wenn wir genau zuhören, was sie uns einreden, lernen wir viel über unser Selbstbild. Wir erfahren, was wir über uns selbst denken. Wie mies wir über uns denken. So mies, dass wir glauben, wir allein sind schuld daran, dass andere nicht gut zu uns sind oder dass uns das Leben immer wieder Schmerz beschert oder dass wir, wie mein Klient denkt – so naiv sind an das Gute im Menschen glauben.
 
Wenn wir uns mit den Botschaften unserer Schuldgefühle auseinandersetzen werden wir erkennen, was wir in Bezug auf unsere Annahmen über uns selbst und andere hinterfragen und korrigieren können. Sie können uns helfen zu erkennen, was wirklich ist - nämlich, dass das Leben und Menschen, ja auch wir selbst, nicht berechenbar sind und nicht nur gut oder nur böse. Es ist immer beides. Wo das eine ist, ist immer das andere darin enthalten.
Schuldgefühle sind auch eine Abwehrreaktion– wir wehren ab, was wir nicht akzeptieren und annehmen können. Wenn wir uns die Schuld geben, können wir glauben – WIR hätten die Lektion verhindern können, hätten wir anders gedacht oder uns anders verhalten. So müssen wir uns unsere Ohnmacht nicht eingestehen. Aber das dürfen wir, wir sind auch ohnmächtig. Und es ist okay. 
 
Auch das ist eine Lektion die in den Schuldgefühlen verborgen liegt: Wir dürfen lernen unsere Ohnmacht anzunehmen, wir dürfen lernen anzuerkennen: Wir haben keine Macht über andere Menschen. Menschen können uns verletzen. Aber wenn wir uns daran die Schuld geben, verletzen wir uns selbst noch mehr. Wir behandeln uns weiter, so wie wir behandelt wurden. Und das nicht zu tun, das liegt in unserer Macht.
Wenn diese Lektion hinter uns liegt, dürfen wir sie nicht vergessen. Wie werden sie brauchen, wenn die nächste kommt.

Dienstag, 29. Juni 2021

Was machen, wenn du nicht mehr kannst? Sicher nicht weiter machen!

 



Es ist mir unverständlich, wie viele Menschen, die längst nicht mehr können, sich selbst weiter antreiben. Am Ende ihrer mentalen, körperlichen und emotionalen Kräfte angelangt, halten sie nicht inne. Noch in der Erschöpfung motivieren sie sich mit Sätzen wie: Du kannst! Mach weiter! Du schaffst das! Ausruhen kannst du dich irgendwann, jetzt geht das nicht. Hauptsache nicht schwächeln.
Manch einer kommt sich dabei sogar noch heldenhaft vor und blendet aus, dass auch Helden irgendwann scheitern, wenn sie sich selbst und ihre Kräfte überschätzen - und zwar an sich selbst.
 
Irgendwie hat das für mich etwas von Hochmut. Der ist bekanntlich unheilsam, denn er kommt oft vor dem Fall. Dieser Hochmut nimmt bisweilen solche Ausmaße an, dass er den Menschen antreibt, sich selbst zu beweisen, dass er nicht schwach ist. Es ist also nicht immer der Innere Antreiber, der uns weiter machen lässt, wenn wir bereits auf dem Zahnfleisch gehen, sondern auch die hochmütige Selbstüberschätzung des Egos, die uns erheblichen Schaden zufügen kann. 
 
Wir sind ja so toll, so stark, so hilfsbereit, immer da, wenn man uns braucht. Wir sind Kämpfer! 
Wir geben und geben und bedenken nicht, wenn das Fass leer ist, haben wir nichts mehr zu geben. 
 
Nicht aufgeben. Keine Hilfe suchen und keine annehmen, den Märtyrer spielen - unheilsam.
Das füttert zwar das Ego und gibt uns kurzzeitig wieder einen Schuss Adrenalin um uns aufzulehnen gegen das, was wirklich ist: Wir sind längst am Ende und können nicht mehr. Wir sind ausgebrannt.
Diese Haltung macht krank auf allen Ebenen des Organismus. Und dann wehrt sich als letzter Hilferuf der erschöpften Seele der Körper und knockt uns aus. Pause. Zwangspause, weil der Zwang stark bleiben zu müssen, den Stecker gezogen hat.
Es wäre weitaus gesünder auf unser Gefühl zu hören, wenn wir sagen: 
Ich kann nicht mehr!
Und dazu zu stehen.
Für uns einzustehen. 
 
Nur wer auf sich selbst hört, kann spüren und erfahren, was für ihn wichtig ist, seine Bedürfnisse wahrnehmen, die Zeichen der Seele und des Körpers ernst nehmen und gut für sich sorgen.
Die meisten Menschen können das nicht, auch wenn sie noch so viele Ratgeber über Selbstfürsorge und Selbstliebe lesen. Sie lesen und machen weiter wie bisher. Sie machen vielleicht sogar ein Seminar oder ein Coaching in Sachen Selbstfürsorge und wundern sich warum sich nichts Wesentliches in ihrem Leben ändert. Ganz einfach, weil sie das Gelernte nicht konsequent üben und umsetzen. Oder nur mal kurz und dann lassen sie es wieder, weil sich kein sofortiger Erfolg einstellt.
 
Was die meisten Menschen nicht können, ist Geduld mit sich haben.
Geduld haben verlangt ein tiefes Verständnis für sich selbst und die Situation in der man sich befindet. Geduld verlangt sich ernst zu nehmen und sich Zeit zu geben für eine heilsame Veränderung. Weil sich Menschen nicht ernst nehmen, keine Geduld und wenig Wohlwollen für sich selbst empfinden, gibt es für sie nur schnelle Lösungen um den unheilsamen Zustand in dem sie sich befinden zu beenden, damit alles wieder so ist wie immer. Längerfristige Prozesse taugen ihnen nicht. Darum schlucken viele Menschen wenn sie krank sind bereitwillig Tabletten um schnell wieder zu funktionieren. Ihnen ist dabei nicht bewusst, dass sie damit nur die Symptome betäuben und weiter an der Ursache kranken.
Jede Krankheit, auch die des Gemütes, ist ein Alarmsignal innezuhalten, genau hinzuschauen und das zu tun, was es braucht um wieder zu gesunden. Dazu gehört auch zu lassen, was krank gemacht hat.
 
„Ich kann nicht mehr!“, ist ein Alarmsignal.
Es ist der Hilferuf der überforderten Seele, sich nicht mehr zu verausgaben und sich Zeit zu geben, Ruhe, Selbstfürsorge und Pflege, sich Raum zu geben für eine Veränderung der alten Denkweisen und Muster um nicht mehr an die eigenen Grenzen zu gehen oder sogar drüber.
Und das dauert.
Dem sich selbst überschätzenden Hochmut des Egos gefällt das natürlich nicht, es wehrt sich vehement, wenn wir versuchen es in die Schranken zu weisen. Es macht uns Druck. Aber es gibt es ein Gegenmittel: Einsicht und Klarheit und das achtsame Bewusstsein für unsere Gefühle – und sie ernst nehmen.