Mittwoch, 30. September 2026

Wenn die Welt nicht antwortet – Sinn, chronische Einsamkeit und Resonanz

 

Foto: A.W.

 
Viktor Frankls Gedanke vom „Willen zum Sinn“ gehört zu den eindringlichsten Antworten auf die Frage, was den Menschen trägt. Der Mensch, so Frankl, sucht einen Sinn, eine Aufgabe, einen Grund, der sein Dasein auf etwas hin öffnet. Selbst unter schwierigen Bedingungen bleibt ihm, so Frankl, ein Raum der Freiheit: die Möglichkeit, zu seiner Situation Stellung zu nehmen. Dieser Gedanke hat eine große Kraft. Aber er ist kein Rezept für jede Form menschlicher Not. Gerade die chronische Einsamkeit macht eine Grenze sichtbar, die eine zu individualistische Auslegung des Willens zum Sinn leicht übersieht. Der Mensch ist nicht nur ein Wesen, das sich zu seiner Welt verhält. Er ist auch ein Wesen, das auf Antwort angewiesen ist. Er braucht nicht nur etwas, wofür er lebt. Er braucht auch ein Gegenüber, für das und mit dem er lebt. Frankls Aufforderung: „Nicht, was erwarte ich vom Leben?, sondern: Was erwartet das Leben von mir?“ klingt zunächst befreiend. Sie nimmt uns aus der passiven Position dessen, der nur fragt, was das Leben ihm zu geben hat. Stattdessen werden wir zum Antwortenden: Das Leben stellt Fragen und wir antworten durch unser Handeln. Das stimmt und es stimmt nicht ganz. 
 
In Frankls Vorstellung liegt eine heroische Versuchung.
Sie klingt, als müsse der Mensch auch dort noch eine Antwort finden, wo ihm jede Antwort fehlt.
Er leidet, also soll er einen Sinn darin entdecken. Er ist einsam, also hat er die Möglichkeit die Einsamkeit in eine Aufgabe verwandeln. Er hat keinen Halt, also hat er die Möglichkeit aus eigener Kraft einen inneren Halt zu schaffen. Das ist ein guter Ansatz und absolut hilfreich, besonders dann, wenn die Einsamkeit eine vorrübergehende, situationsbedingte ist. Aber was, wenn die Einsamkeit chronisch ist? Sich über Jahre oder Jahrzehnte hinzieht? Was wenn ein Mensch in einer radikalen Einsamkeit gefangen ist und trotz aller Bemühungen nicht herauskommt? 
 
Nicht jeder Mensch ist ein Held. Und nicht jede Not lässt sich durch Haltung bewältigen.
Ein Mensch kann einsam, ratlos, erschöpft, verzweifelt, ohne Aufgabe und ohne ein „Wozu“ sein. Er kann das Gefühl haben, dass sein Leben nirgendwohin führt. Es wäre vermessen, ihn dann dazu aufzufordern, er müsse darin jetzt einen Sinn finden. Vielleicht müssen wir nicht jederzeit einen Sinn erkennen. Es darf auch auch Zeiten geben, in denen wir keinen sehen. Man könnte jetzt natürlich sagen: Das Leben hat auch im bloßen Sein einen Sinn. Die Tatsache, dass ein Mensch existiert, muss nicht erst durch Leistung oder eine besondere Aufgabe gerechtfertigt werden. Das ist ein wahrer Gedanke, aber er beantwortet die Erfahrung der chronischen Einsamkeit nicht. Denn der chronisch einsame Mensch leidet möglicherweise gerade an seinem bloßen Dasein. Nicht weil er nicht weiß, dass er existiert, sondern weil sein Dasein keinen Widerhall findet.
Er fragt sich nicht: Warum existiere ich überhaupt? Er fragt sich: Wer sieht mich? Für wen habe ich eine Bedeutung? Das sind keine abstrakten Fragen nach dem Sinn des Lebens. Es sind Fragen nach Beziehung. Und damit verändert sich das Problem grundlegend.
 
Sinn entsteht nicht ausschließlich im eigenen Inneren, er entsteht in Resonanz.
Resonanz bedeutet dabei mehr als bloßer Kontakt. Ein Mensch kann unter vielen Menschen sein und trotzdem einsam sein. Resonanz entsteht dort, wo etwas von ihm ausgeht und etwas auf ihn antwortet. Ich spreche und werde gehört. Ich schaue und werde gesehen. Ich liebe und meine Liebe wird erwidert. Ich tue etwas und es hat für andere Bedeutung. Ich berühre die Welt und die Welt berührt mich. Dann entsteht das Gefühl: Ich bin nicht einfach nur da. Mein Dasein steht in einem Zusammenhang. Wir Menschen möchte nicht nur existieren. Wir möchten erfahren, dass unser Dasein bedeutsam ist und etwas bewirkt.
In der chronischen Einsamkeit aber bleibt die Antwort aus.
Dann ist Einsamkeit nicht einfach die Abwesenheit anderer Menschen. Sie ist das Ausbleiben von Antwort. Der Einsame erlebt: Ich rufe, aber niemand antwortet. Und darin liegt etwas, das sich nicht einfach durch eine veränderte innere Haltung beheben lässt.
Man kann einem einsamen Menschen sagen, er solle die Schönheit eines Sonnenuntergangs betrachten. Vielleicht kann er das sogar. Aber es bleibt eine andere Frage: Wer teilt dieses Erleben mit mir? Man kann ihm sagen, er soll etwas erschaffen. Aber vielleicht fragt er: Für wen? Man kann ihm sagen, er müsse lernen, mit sich selbst zufrieden zu sein. Aber vielleicht will er gar nicht nur mit sich selbst sein. Damit kommt ein bedrückendes Gefühl ins Spiel: Ohnmacht. Wenn für uns Menschen Sinn wesentlich in Resonanz entsteht, heißt das nicht, wir können Resonanz selbst vollständig herstellen. Wir können uns öffnen, auf andere zugehen. Aber wir können andere nicht zwingen, zu antworten. Wir können die Tür öffnen, aber niemanden zwingen, hindurchzugehen. Das bedeutet: Der Mensch kann die Möglichkeit von Resonanz schaffen, aber nicht ihre Wirklichkeit garantieren.
 
Genau hier liegt für mich eine Grenze des „Willens zum Sinn“.
Frankls Gedanke betont die Freiheit des Menschen gegenüber seinen Umständen. Aber der Mensch ist nicht nur frei. Er ist auch abhängig.  
Er ist abhängig von Beziehungen, von Anerkennung, von Nähe, von anderen Menschen. Das ist keine moralische Schwäche. Es ist eine anthropologische Tatsache. Der Mensch kann nicht alles, was er zum Leben braucht, aus sich selbst hervorbringen.
Was geschieht, wenn die Welt dem Einsamen tatsächlich nicht antwortet?
Keine Freundschaft, keine Liebe, kein Gegenüber, keine Gemeinschaft gibt ihm das Gefühl: Du bist wichtig. Dann kann die Erfahrung entstehen, dass nicht nur der Sinn verloren geht, sondern dass die Bedingungen, unter denen Sinn überhaupt entstehen könnte, fehlen. Das ist mehr als ein Defizit an positiver Einstellung. Es ist eine tiefe menschliche Not.
Und diese Not muss man anerkennen, ohne sie philosophisch oder psychologisch aufzulösen. Nicht: Deine Einsamkeit hat einen höheren Sinn. Nicht: Du musst nur die richtige Haltung finden. Und auch nicht: Du musst lernen, dich selbst genug zu sein, sondern: Du brauchst etwas, das du allein nicht herstellen kannst. Das ist eine bittere Wahrheit.
 
Wenn ein Mensch über lange Zeit keine Resonanz erfährt, kann Einsamkeit nicht bloß unangenehm oder traurig sein. Sie kann existenziell zermürben. 
Dieser Mensch verliert dann nicht einfach die Freude an Gesellschaft. Es kann etwas Grundlegendes in seinem Verhältnis zu sich selbst und zur Welt erodieren. Er verliert das Gefühl, Bedeutung zu haben. Er verliert die Erfahrung, dass sein Handeln irgendwo ankommt. Er beginnt, sich selbst immer stärker aus der Perspektive der ausbleibenden Antwort zu erleben. Und irgendwann kann sogar die Frage nach dem Sinn ihren Sinn verlieren. Warum noch nach etwas suchen, wenn nichts antwortet?
Damit entsteht ein detruktiver Kreislauf. Die fehlende Antwort führt zum Rückzug, der Rückzug verringert die Möglichkeit von Begegnung, die ausbleibende Begegnung verstärkt die Erfahrung, dass niemand antwortet. Was ursprünglich eine Situation war, kann sich zu einer Weltanschauung verdichten: Nichts und niemand antwortet mir. Dann wird die Aufforderung zur Sinnsuche beinahe zirkulär. Der Mensch soll einen Sinn finden, damit er wieder eine Beziehung zur Welt bekommt, aber gerade die fehlende Beziehung macht es ihm schwer, Sinn überhaupt zu erfahren.
 
Man sollte deshalb vorsichtig sein mit der Vorstellung, der Mensch könne sich jederzeit durch eine innere Entscheidung aus seiner Sinnlosigkeit befreien. 
Vielleicht hat er tatsächlich alles getan, was ihm möglich war, und die Resonanz ist dennoch ausgeblieben. Dann ist sein Scheitern kein persönliches Versagen. Es ist Ausdruck einer wirklichen Ohnmacht. Und diese Ohnmacht kann in Verzweiflung münden und einen Menschen zerbrechen. Und „zerbrechen“ bedeutet hier nicht, dass ein Mensch plötzlich zusammenbricht. Nach und nach verschwindet sein Vertrauen, er verliert die Hoffnung, er erlebt sich selbst immer weniger als Teil eines Ganzen. Er zerbricht. Die Einsamkeit ist dann nicht ein vorrübergehender Zustand, sie beginnt, seine Beziehung zu allem zu bestimmen.
Damit wird Frankls Gedanke nicht falsch oder wertlos. Er wird präziser. Der Wille zum Sinn kann eine Möglichkeit des Menschen beschreiben. Er beschreibt aber keine Garantie. Ein Mensch kann nach Sinn verlangen und trotzdem keinen Sinn erfahren. Er kann sich bemühen und dennoch scheitern. Er kann sich öffnen und keine Antwort bekommen. Er kann die richtige Haltung haben und trotzdem einsam bleiben. Frankls Gedanken sind kein psychologisches Rezept für alles und jeden. Nach dem Motto: Leiden braucht nur die richtige Haltung und dann ergibt es Sinn. So funktioniert Leben nicht immer. Die bescheidenere und wahrere Formulierung lautet meines Erachtens: Der Mensch kann nach Sinn suchen, aber er kann Sinn nicht erzwingen. Resonanz kann ermöglicht, aber nicht hergestellt werden. Nicht alles liegt in unserer Hand. Das führt zu einer Vorstellung vom Menschen, die weniger heroisch ist.
 
Der Mensch ist weder völlig seinem Schicksal ausgeliefert noch vollständig souverän über sein Leben. Er befindet sich irgendwo dazwischen. 
Er kann handeln, aber nicht alles bewirken. Er kann sich öffnen, aber nicht die Antwort bestimmen. Er kann lieben, aber nicht erzwingen, geliebt zu werden. Er kann Sinn suchen, aber ihn nicht finden. Diese Begrenztheit gehört zum Menschsein. Die Vorstellung völliger Autonomie ist tröstlich, weil sie uns verspricht, unser Leben selbst in der Hand zu haben. Aber sie ist auch eine Überforderung. Denn wenn alles von mir selbst abhängt, bin ich letztlich auch für alles verantwortlich, was mir fehlt. Die chronische Einsamkeit zeigt dagegen: Manches Wesentliche entsteht zwischen Menschen und liegt deshalb nicht vollständig in der Macht des Einzelnen.
Das heißt nicht, die Frage „Was erwartet das Leben von mir?“ zu verwerfen, aber wir sollten sie ergänzen. Nicht nur: Was erwartet das Leben von mir? Sondern auch: Antwortet das Leben mir?
Und vielleicht lautet die entscheidende Frage nicht nur, was das Leben von uns verlangt, sondern ob wir Menschen füreinander zu einer Antwort werden können.
 
Denn wenn Sinn in Resonanz entsteht, dann ist Sinn nicht ausschließlich eine private Angelegenheit. Er hat eine soziale und zwischenmenschliche Dimension. 
Der chronisch Einsame ist dann nicht bloß jemand, der seinen Sinn nicht gefunden hat. Er ist jemand, dessen Bedürfnis nach Antwort unbeantwortet geblieben ist.
Wir müssen ihn nicht zum Helden machen. Wir müssen seine Einsamkeit nicht romantisieren. Wir müssen ihm nicht erklären, warum sein Leiden sinnvoll ist. Vielleicht müssen wir zunächst etwas viel Einfacheres tun: antworten. Nicht mit einer großen Lösung. Mit Anwesenheit. Mit Aufmerksamkeit. Mit echtem Zuhören. Da ist die Grenze zu Frankls „Willen zum Sinn“. Der Mensch kann willentlich nach Sinn suchen. Aber manchmal braucht er dafür nicht nur seinen Willen. Er braucht Resonanz.
 
 
Angelika Wende

Sonntag, 27. September 2026

Wie kann ich das Hier und Jetzt auf eine andere Ebene heben? Oder wie ein Spruch auf einem Teebeutel mich zum Nachdenken bringt.

 



Das Hier und Jetzt ist der einzige Ort, an dem wir wirklich existieren. Die Vergangenheit ist Erinnerung, die Zukunft ist Vorstellung und zwischen beiden liegt dieser eine Augenblick, der sich bereits wieder entzieht, während wir versuchen, ihn festzuhalten. Das Hier und Jetzt auf eine andere Ebene zu heben bedeutet nicht, dem Moment etwas hinzuzufügen, sondern tiefer in ihn einzudringen. Ihn zu erleben so wie er gerade ist. Und ihn nicht nur als Übergang zu betrachten. Uns nicht ständig fragen, was als Nächstes kommt, sondern beginnen, wahrzunehmen, was gerade ist. 

Eine andere Ebene ist kein höherer Ort. Vielmehr ist da eine andere Tiefe.

Ich kann denselben Moment anders wahrnehmen, empfinden, deuten und verstehen. Ich kann darüber nachdenken, wie ich im Hier und Jetzt sein möchte. Aber in dem Moment, in dem ich aufhöre, darüber nachzudenken, bin ich ihm vielleicht schon näher. Nicht weil sich die Wirklichkeit verändert, sondern weil sich mein Blick auf die Wirklichkeit verändert. 

Und vielleicht beginnt genau dort etwas Besonderes, in dem Augenblick, in dem ich nicht mehr versuche, dem Leben ständig etwas hinzuzufügen, sondern anfange wirklich anwesend zu sein, indem ich nicht dirigistisch eingreife, sondern den Augenblick erfahre - achtsamer, bewusster, tiefer und mit Offenheit für das, was in ihm liegt. Und das ist gerade ein köstlicher Yogi Tee.


Samstag, 26. September 2026

Warum „Du musst keine Angst haben“ ein ziemlich ignoranter Satz ist

 


 
„Du musst keine Angst haben.“ Ein Satz, der auf den ersten Blick beruhigend wirken soll. 
Schließlich klingt er freundlich und irgendwie tröstend. Man könnte fast meinen, man hätte gerade eine kostenlose psychologische Beratung bekommen.
Nur: Angst ist keine bewusste Entscheidung.
Niemand sitzt morgens am Frühstückstisch und denkt: „Heute hätte ich Lust, ein bisschen Angst zu haben zu müssen.“ Angst entsteht als Reaktion auf eine Situation, eine Erinnerung, eine Vorstellung oder eine wahrgenommene Gefahr. Angst ist eine emotionale und körperliche Reaktion auf eine als bedrohlich wahrgenommene Situation. Das Gehirn bewertet etwas als gefährlich oder unsicher. Darauf folgen automatisch Reaktionen wie Anspannung, erhöhte Aufmerksamkeit oder körperliche Unruhe. 
 
Wenn man einem Menschen dann sagt, er „müsse“ keine Angst haben, ignoriert man genau das, was gerade passiert: Er hat bereits Angst. 
Damit bekommt er nicht was er gerade braucht, er bekommt vielmehr die Aufforderung, einen Zustand zu verändern, den er gerade nicht bewusst kontrollieren kann. Zusätzlich zur ursprünglichen Angst entsteht in der Folge Unsicherheit über die eigene Reaktion. „Warum habe ich überhaupt Angst, wenn es doch angeblich keinen Grund gibt?“ Zur Angst legen sich dann Selbstzweifel. Wir erleben nicht nur das ursprüngliche Gefühl, sondern beginnen gleichzeitig, unser Gefühl zu bewerten.
 
Der Satz „Du musst keine Angst haben“ kann wie eine Form der emotionalen Entwertung wirken. Er vermittelt, zumindest unterschwellig, dass die emotionale Reaktion unangemessen ist. Dabei muss eine Emotion keinesfalls objektiv berechtig sein, um real zu sein. Ein Mensch kann wissen, dass eine Situation ungefährlich ist und trotzdem Angst haben. Rationales Wissen und emotionale Reaktion laufen nicht immer synchron.
Das macht den Satz auch ziemlich ignorant, weil er das tatsächlich vorhandene Gefühl der Angst nicht ernst nimmt, sondern es indirekt als unbegründet oder unnötig darstellt. Besonders hilfreich ist die Formulierung deshalb nicht. Statt das Gefühl des anderen ernst zu nehmen, wird ihm praktisch gesagt, wie sie sich fühlen muss. „Du musst keine Angst haben“ bedeutet dann nicht „Ich möchte dich beruhigen“, sondern klingt wie „Dein Gefühl ist gerade falsch.“
Gefühle lassen sich ja bekanntlich hervorragend durch Befehle kontrollieren. Man sagt einfach „Sei nicht traurig“, „sei nicht nervös“ oder „sei entspannt“ und schon ist es gut.
Ist es nicht. 
 
Hilfreicher ist es, die Angst anzuerkennen, ohne sie sofort beseitigen zu wollen. 
„Ich sehe, dass du Angst hast“. „Es ist verständlich, dass dich das gerade verunsichert“. „Was brauchst du jetzt?“ oder „Ich bin bei dir.“ Das löst die Angst zwar nicht magisch auf, leider existiert noch keine entsprechende Taste am Menschen, aber wir fühlen uns erst genommen und müssen die Angst nicht mehr zusätzlich bekämpfen oder rechtfertigen. Wir dürfen Angst haben, ohne daraus schließen zu müssen, dass mit uns etwas nicht stimmt.
 
Natürlich ist meistens keine böse Absicht dahinter. Die Person, die den Satz sagt, möchte vermutlich helfen. 
Sie möchte Sicherheit vermitteln und zeigen, dass alles okay ist. Das Problem liegt also weniger in der Absicht als in der Wirkung. Wenn ein Mensch Angst hat, braucht er nicht die Information, dass seine Angst objektiv nicht notwendig wäre. Er weiß möglicherweise selbst, dass die Situation keine unmittelbare Gefahr darstellt. Sein Nervensystem reagiert trotzdem mit Angst.
Der Satz „Du musst keine Angst haben“ ist ein Paradebeispiel dafür, dass gut gemeinte Worte nicht automatisch gute Worte sind. Er klingt auf den ersten Blick beruhigend, ist aber gleichzeitig eine ziemlich ignorante Art zu sagen: "Was du fühlst ist falsch.“ Wnn das tatsächlich funktionieren würde, wäre das Leben deutlich einfacher. Leider hat das menschliche Gehirn die unangenehme Eigenschaft, sich nicht per Sprachbefehl umprogrammieren zu lassen.
Deshalb ist es hilfreicher, nicht sofort zu sagen, dass jemand keine Angst haben sollte, sondern erst einmal zuzuhören, warum er Angst hat. Kein Mensch braucht eine Erklärung darüber, wie er sich fühlen soll. Vielmehr braucht jeder Mensch jemanden, der bleibt, während er sich so fühlt, wie er sich eben fühlt.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Freitag, 25. September 2026

Nichts weiter

 

Foto: A.W.

"Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort. Sie sprechen alles so deutlich aus: Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus, und hier ist Beginn und das Ende ist dort", schreibt Rainer Maria Rilke.
 
Dieser Zwang, für jedes Gefühl, jede Stille und jeden Zufall sofort ein „Warum“ zu finden nimmt dem Dingen ihre Tiefe, ihre Schönheit und Leichtigkeit. Für mich liegt darin eine der Zumutungen unserer Zeit, dass alles benannt, erklärt und eingeordnet werden muss. Kaum entsteht ein Gefühl, wird nach seiner Ursache gesucht. Kaum geschieht etwas Zufälliges, wird daraus ein Zeichen. Kaum entsteht Stille, wird sie mit Worten gefüllt. Es wird zerredet, analysiert, spekuliert und in Schubladen gesteckt. Als müssten wir allem einen Grund, eine Ursache, einen Sinn geben, bevor wir es überhaupt wirklich erfahren dürfen. Nein, nicht alles, was uns berührt, braucht eine Erklärung, eine Deutung, eine Analyse, ein Zerpflücken. Manche Dinge verlieren gerade dann etwas von ihrem Zauber, wenn wir sie zu genau betrachten. Ein Blick, der uns unerwartet trifft. Eine Begegnung, die uns berührt. Ein Lied, das uns an einen längst vergessenen Ort zurückführt. Ein Nachmittag, an dem nichts Besonderes geschieht und der sich trotzdem leicht und vollkommen anfühlt. Die Schönheit all dessen liegt für mich gerade darin, dass wir sie nicht erklären und nicht festhalten können.
 
Wir leben mit der Vorstellung, verstehen zu müssen, um etwas annehmen zu können. Aber manchmal ist es genau umgekehrt. Wir dürfen aushalten, etwas nicht zu verstehen, um ihm wirklich begegnen zu können. Wir dürfen vom Erklärungsmodus in den Erlebensmodus wechseln. Wie viel tiefer und berührender wäre dann das Leben.
 
Nicht alles ist immer eine Frage, auf die wir eine Antwort finden müssen. Manches darf einfach geschehen. Manches darf widersprüchlich bleiben. Manches darf unausgesprochen bleiben. Manches darf ungelöst bleiben. Und manches müssen wir nicht benennen, damit wir es als das wahrnehmen können, was es eigentlich ist: ein Moment, der nichts von uns verlangt, sondern uns berühren will. Nichts weiter. Und doch so viel. 
 
 
Angelika Wende
www.wende-praxis.de
 
 

Donnerstag, 24. September 2026

Resonanz

 



Einige von uns kennen das. Du fühlst viel. Du nimmst Zwischentöne wahr, spürst Veränderungen in der Stimmung eines Raumes, hörst, was zwischen den Worten schwingt, lässt dich von Menschen, Musik, Natur oder einem einzigen Satz tief berühren. Und trotzdem erlebst du manchmal erstaunlich wenig Resonanz. Du gibst etwas von dir in eine Beziehung, in ein Gespräch, eine Begegnung, einen Text und hoffst darauf, dass etwas zurückschwingt. Nicht unbedingt große Worte, nicht einmal dieselbe Intensität, nur ein kleines Zeichen, dass das, was in dir lebt, den anderen erreicht hat.
Doch oft kommt nichts zurück.
Du erzählst etwas, das dich bewegt und bekommst eine beiläufige Antwort. Du zeigst dich verletzlich und triffst auf Distanz. Du hörst aufmerksam zu, spürst den anderen, versuchst zu verstehen und merkst irgendwann, dass diese Bewegung fast ausschließlich in eine Richtung geht. Das kann einsam machen. Und das ist eine der schmerzhaftesten Erfahrungen für die, die viel fühlen: Nicht, dass sie zu viel fühlen, sondern dass das, was sie fühlen, so selten auf etwas trifft, das zurückschwingt.
 
Dann beginnst du irgendwann, an dir selbst zu zweifeln. Du fragst dich, ob du zu empfindlich bist, zu tief, zu kompliziert. Ob du weniger fühlen solltest, weniger von dir zeigen. Und am Besten: Nichts erwarten.
Nein. Es geht nicht darum weniger zu fühlen. Du musst nur aufhören, deine Tiefe dort zeigen zu wollen, wo keine Resonanz entstehen kann. Resonanz lässt sich nicht erzwingen. Du kannst dich öffnen, ehrlich sein, zuhören, dich berühren lassen und antworten, aber du kannst nicht beeinflussen, ob etwas zurückkommt. Und genau darin liegt ihre Schönheit und ihre Zumutung: Du kannst Resonanz nicht herstellen. Du kannst nur Räume schaffen, in denen sie möglich wird.
Manche werden dir dort begegnen. Andere nicht.
Es geht darum, den Unterschied zu erkennen, ohne deshalb dein eigenes Fühlen kleiner zu machen.


Angelika Wende
www.wende-praxis.de

Mittwoch, 23. September 2026

Nähe

 

Malerei: A.W.


Ich sitze im Sessel in der Buchhandlung und lese. Ein Mädchen, vielleicht zwölf Jahre alt, setzt sich auf den Sessel neben mir. Was machst Du? fragt sie mich.
Ich lese antworte ich.
Sie sagt: Gut, lies weiter. Ich wende mich wieder meinem Buch zu. Ich spüre ihren Blick.
Ich frage sie, ob die auch gerne liest. Ja, sagt sie, springt auf, holt ein Buch, setzt sich, schlägt es auf und liest laut vor. Ihr Gesicht ist vollkommen ausdrucklos. Ihre Worte sind schwer verständlich.
Ich sage, du kannst schön lesen. Ja, sagt sie.
Ich frage sie, wie sie heißt. Das darf ich nicht sagen, kommt die Antwort.
Wo ist deine Mama?, frage ich weiter. Dort hinten, sagt sie und zeigt mit dem Finger auf eine junge Frau. Die Frau ruft: Anna komm, wir gehen. Anna schüttelt fast unmerklich den Kopf, sieht mir tief in die Augen, wendet sich ihrem Buch zu und liest weiter vor.
In diesem Moment habe ich ein so tiefes Gefühl von Verbundenheit mit diesem Mädchen, wie es lange nicht gespürt habe. Da ist etwas zwischen Anna und mir, für das ich keine Worte finde.
Als die Mutter kommt um Anna zu holen, wehrt sich Anna mit einem lauten „Nein!“
Anna will nicht gehen. Sie will bleiben. Ich will, dass Anna bleibt, noch eine Weile. Anna wehrt sich immer lauter. Ich stehe auf und sage: Anna, ich muss jetzt gehen.
Ja, sagt sie plötzlich ganz ruhig. Ich verlasse die Buchhandlung. Heute Morgen denke ich noch immer an Anna und so seltsam es klingt, ich vermisse sie.

Dienstag, 22. September 2026

„Wo deine Angst ist, da ist deine Aufgabe.“

 


Dieser Satz von C.G. Jung berührt einen grundlegenden Gedanken der menschlichen Psyche: Angst ist nicht immer ein Zeichen dafür, dass wir auf dem falschen Weg sind. Manchmal zeigt sie uns vielmehr wo etwas in uns gesehen, verstanden und entwickelt werden will.
Angst entsteht häufig dort, wo wir mit etwas konfrontiert werden, das außerhalb unserer Komfortzone und unserer vertrauten Kontrolle liegt. Sie kann uns davor warnen, dass etwas tatsächlich gefährlich ist. Doch es gibt auch andere Formen der Angst: die Angst vor Veränderung, vor Ablehnung, vor dem Scheitern oder davor, uns unsere eigene Bedürfnisse und Wünschen zu erfüllen.
Gerade diese Ängste können viel über uns erzählen.
 
Jemand, der Angst davor hat, seine Meinung auszusprechen, darf lernen, für sich selbst einzustehen. Wer Angst vor Nähe hat, darf erforschen welche alten Erfahrungen von Verletzlichkeit oder Zurückweisung der Angst zugrunde liegen. Wer Angst vor dem Scheitern hat, darf sich fragen, was er dann nicht tun muss. Wer Angst vor Kontrollverlust hat, darf lernen Unsicherheit zu tolerieren. Wer Angst hat nicht gut genug zu sein, darf lernen den eigenen Wert nicht mehr ausschließlich von Leistung, Anerkennung oder dem Urteil anderer abhängig zu machen. Er darf lernen seinen Werten und Wünschen zu vertrauen und aus dem Gefühl heraus zu handeln, dass der eigene Wert bereits da ist.
In diesem Sinne bedeutet „Aufgabe“ nicht, dass wir uns zwanghaft all unseren Ängsten aussetzen sollen. Es geht vielmehr darum, unserer Angst mit Neugierde und Forschergeist zu begegnen und zu fragen: Was genau macht mir Angst? Was befürchte ich, wenn ich diesen Schritt mache? Welche Erfahrung aus meiner Vergangenheit wird dadurch berührt? Und: was würde ich gewinnen, wenn ich mich dieser Angst langsam annähern könnte?
 
Angst kann zu einem Wegweiser für persönliche Entwicklung werden. Sie führt uns an die Grenzen unseres vertrauten Selbstbildes. Dort begegnen wir Teilen von uns, die wir vielleicht lange verdrängt, abgespalten, angepasst, abgelehnt oder nicht wahrgenommen haben.
C.G Jung bezeichnete diesen Prozess als Teil der Individuation, die Entwicklung hin zu einem immer vollständigeren und authentischeren Selbst. Dazu gehört nicht nur, die angenehmen Seiten der eigenen Persönlichkeit anzunehmen. Auch Unsicherheit, Verletzlichkeit, Onmacht, Wut, Scham, Schuld, Zweifel und eben auch Angst gehören zum Menschsein. Was wir verdrängen, verschwindet nicht einfach. Es beeinflusst vielmehr unbewusst unser Denken und Handeln. Und es kann sich eben auch als Angst zeigen. Und die kann uns daran hindern uns selbst zu verwirklichen. Sie kann unsere Träume, Ziele, Wünsche und Visionen zerstören und das, was wir sein könnten.
Die Aufgabe besteht nicht darin, keine Angst mehr zu haben. Sie besteht darin, trotz der Angst mit uns selbst in Beziehung zu bleiben. Manchmal bedeutet Wachstum, einen Schritt nach vorne zu machen. Manchmal bedeutet es aber auch, eine Grenze zu setzen, Nein zu sagen, Hilfe anzunehmen oder uns einzugestehen, dass etwas nicht gut für uns ist. Angst ist nicht automatisches Signal dafür, dass wir etwas tun müssen. Sie ist eine Einladung, genauer hinzuschauen.
 
Darin liegt für mich die tiefere Bedeutung des Satzes. Dort, wo wir uns selbst am liebsten vor der Angst verstecken würden, kann etwas Wesentliches über uns verborgen liegen.
Die Angst ist nicht unser Gegner. Wir dürfen lernen, ihr zuzuhören, ohne ihr blind zu folgen. Denn hinter manchen Ängsten liegt nicht nur das, was wir vermeiden wollen, sondern auch das, was in uns wachsen möchte. Persönliche Entwicklung beginnt in dem Moment, wenn wir aufhören, uns zu fragen: Wie werde ich die Angst los?, und uns stattdessen fragen: Was will mir meine Angst über mich selbst zeigen?
 
 
 
"Unsere tiefste Angst ist es nicht,
ungenügend zu sein.
Unsere tiefste Angst ist es,
dass wir über alle Maßen kraftvoll sind.
Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit,
das wir am meisten fürchten
Wir fragen uns, wer bin ich denn,
um von mir zu glauben, dass ich brillant,
großartig, begabt und einzigartig bin?
Aber genau darum geht es,
warum solltest Du es nicht sein? 
 
Du bist ein Kind Gottes.
Dich klein zu machen nützt der Welt nicht.
Es zeugt nicht von Erleuchtung, dich zurückzunehmen,
nur damit sich andere Menschen um dich herum
nicht verunsichert fühlen.
Wir alle sind aufgefordert, wie die Kinder zu strahlen.
Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit Gottes,
die in uns liegt, auf die Welt zu bringen.
Sie ist nicht in einigen von uns,
sie ist in jedem. 
 
Und indem wir unser eigenes Licht scheinen lassen,
geben wir anderen Menschen unbewusst die Erlaubnis,
das Gleiche zu tun.
Wenn wir von unserer eigenen Angst befreit sind,
befreit unser Dasein automatisch die anderen."
Nelson Mandela 
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de