Dienstag, 11. August 2026

Krankheitsangst – Der Kampf um absolute Sicherheit

 


 

Le Malade imaginaire, Der eingebildete Kranke ist ein berühmtes Theaterstück von Molière und zugleich sein letztes Werk. Die Komödie wurde im Februar 1673 uraufgeführt und Molière selbst spielte darin die Hauptrolle des Argan. Argan ist besessen. Er ist davon überzeugt, krank zu sein, aber außer seinen Ärzten, die an ihm verdienen wollen, glaubt ihm das niemand. Alle anderen lachen ihn aus. Es scheint wie eine Ironie des Schicksals, dass Molière bei der letzten Vorstellung einen Blutsturz erlitt. Der Dichter starb in Kostüm und Maske nur wenige Stunden später. Heute würde man Argan einen Hypochonder nennen. Menschen mit einer Hypochondrie werden sich in ihm und seiner quälenden Krankheitsangst wiederfinden.

Hypochonder gelten als hysterisch. Man wirft ihnen vor, dass sie sich ohne Grund verrückt machen. Für die Betroffenen selbst ist die Hypochondrie, auch „Krankheitsangst“ genannt, jedoch eine starke psychische Belastung mit hohem Leidensdruck. Hypochondrie ist ein ständiger Tanz mit der Angst.

In der Psychologie zählt die hypochondrische Störung zu den somatoformen Störungen. 

Eine ausgeprägte Krankheitsangst geht häufig mit Ängsten, Panikattacken, einem zwanghaften Überprüfen des Körpers nach Krankheitsanzeichen und dem Bedürfnis nach Rückversicherung einher, was dazu führt, dass die Empfindungen noch unangenehmer werden oder dass Krankheitssymptome erst entstehen oder verstärkt werden. Die Krankheitsangst wird zwischen somatoformen Angst-, Panik- und Zwangsstörungen angesiedelt. Hypochonder haben eine übersteigert große Angst vor Krankheiten. Ständig kreisen ihre Gedanken sorgenvoll um ihre Gesundheit. Die Angst vor körperlichen Schmerzen, Leiden, Sterben und Tod beherrscht den Alltag. Sie sind besetzt von dem Gedanken, eine Krankheit wolle ihnen ans Leben und es ihnen nehmen. Sie vertrauen ihrem Körper nicht. Ihr Körper wird, je nach Ausprägung der Störung, zu ihrem Feind. Die Angst bezieht sich auf alle möglichen Körperteile und die dort potenziell entstehenden oder schon bestehenden Krankheiten, die er selbst diagnostiziert. Er betreibt intensive Recherchen im Internet oder in medizinischen Fachbüchern in Bezug auf die von ihm gefürchteten Krankheiten. Menschen mit Krankheitsangst achten übersteigert auf jedes noch so kleine Signal ihres Körpers und nehmen es bereits in geringer Intensität wahr.

Im Kopf des Hypochonders kreist ein Katastrophen-Karussell. Ein Karussell, das in Wahrheit weniger eine Krankheit als eine große Lebensangst und Todesangst am Kreisen hält.

Hypochonder sind von der Persönlichkeit her oft sensible und melancholische Menschen. Man schreibt ihnen histrionische Verhaltensweisen zu, weil sie dramatisieren und nach Aufmerksamkeit schreien. Aber das ist falsch. Es geht nicht um Aufmerksamkeit, es geht um Unsicherheit und das Bedürfnis nach Beruhigung. Eines der größten Missverständnisse über Krankheitsangst ist die Annahme, Betroffene hätten „irrationale“ Ängste. Tatsächlich beruht ihre Angst auf einer objektiv richtigen Erkenntnis: Absolute Sicherheit und absolute Kontrolle über die eigene Gesundheit gibt es nicht. Weder ein gesunder Lebensstil noch ein Arzt, weder eine Blutuntersuchung, kein MRT und kein Check-up können garantieren, dass morgen oder irgendwann keine Erkrankung entsteht. Die Medizin kann immer nur den aktuellen Gesundheitszustand beurteilen. Sie kann Wahrscheinlichkeiten einschätzen, Risiken reduzieren und die meisten Krankheiten erkennen, aber sie kann niemals ausschließen, dass sich in Zukunft etwas verändert. Genau hier beginnt das eigentliche Problem der Krankheitsangst.

Die Angst ist nicht das Problem, es ist die Unsicherheit.

Jeder von uns lebt mit einem gewissen Maß an Unsicherheit. Niemand von uns weiß, ob er morgen einen Unfall hat, eine Krankheit entwickelt oder bis ins hohe Alter gesund bleibt, egal wie sehr er auf sich achtet. Die meisten Menschen leben mit dieser Tatsache, ohne ständig darüber nachdenken zu müssen. Manche Menschen leben sogar mit chronischen oder schweren Krankheiten, ohne darüber zu verzweifeln oder massive Ängste zu entwickeln. Menschen mit Krankheitsangst erleben dieselbe Unsicherheit jedoch völlig anders. Ihr Nervensystem bewertet bereits die Möglichkeit einer Erkrankung als unmittelbare Bedrohung. Aus einem „Ich könnte krank werden“ wird innerlich ein „Ich muss mit allerletzter Sicherheit ausschließen, dass ich krank bin oder es werde.“ Doch genau das ist unmöglich. Egal, wie oft sie ihre Symptome beim Arzt checken lassen, es gelingt ihnen nur kurzfristig, sich beruhigen zu lassen.

Der Körper hat gelernt, dass Gefahr ohne Vorwarnung auftreten kann.

Diese ständige Panik, krank zu sein, kann daher rühren, dass man allzu oft erlebt hat, wie schnell sich das Leben ändern kann. Vielleicht gab es eine tatsächliche Krankheit. Vielleicht starb ein geliebter Mensch an einer schweren Krankheit. Vielleicht herrschte Instabilität oder Unberechenbarkeit in ihrem Umfeld. Vielleicht ist etwas geschehen, was ihnen den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Und das Nervensystem hat daraus eine Überlebensregel abgeleitet:" Ich muss wachsam bleiben. Ich darf kein einziges Anzeichen übersehen."Also haben Betroffene begonnen, ihren Körper zu beobachten. Jeden Herzstolperer. Jeden Schwindelanfall. Jedes ungewohnte Körpergefühl. Nicht, weil sie „kaputt“ sind. Sondern weil ihr System glaubt: „Wenn ich früh genug Alarm schlage, kann ich uns diesmal in Sicherheit bringen.“

Krankheitsangst ist ein Drama in unzähligen Akten.

Gefangen in seiner Angst produziert und reinszeniert der Hpochonder jedoch unbewusst das Drama selbst. Immer mit einer Hybris und ohne Katharsis. Spricht man mit Betroffenen kommen nicht selten Gedanken wie diese: Erlösung hat er nicht verdient, weil er tief im Innersten glaubt, ein gutes und gesundes Leben nicht verdient zu haben oder weil er der Überzeugung ist, dass das Leben Leiden und Tod bedeutet. Oder er glaubt, dass er für etwas bestraft wird. Meist kommen diese destruktiven Überzeugungen und Introjektionen der Kindheit. Gefühle wie Scham und Schuld spielen bei der Hypochondrie eine nicht unwesentliche große Rolle. Wohlgemerkt: All das ist Betroffenen nicht bewusst. In ihr Bewusstsein schießt nur die seelische Angst, die sich in der Krankheitsangst einen Behälter findet.

Die Ursachen der Hypochondrie sind noch wenig erforscht. Man geht jedoch davon aus, dass eine genetische Disposition und das Persönlichkeitsmerkmal „Neurotizismus“ eine Rolle spielen.  

Auch ein unsicherer oder ablehnender Bindungsstil in der Kindheit und Alexithymie können eine Rolle spielen. Alexithymie ist ein Konzept der psychosomatischen Krankheitslehre. Der Begriff wurde 1973 von den amerikanischen Psychiatern John Case Nemiah und Peter Emanuel Sifneos geprägt. Alexithymie bezeichnet die Unfähigkeit, mit somatisierten Beschwerden umzugehen, Gefühle adäquat wahrzunehmen und sie zu beschreiben. Mit anderen Worten: Gefühle werden auf seelischer Ebene verdrängt und auf die körperliche Ebene verlagert. Beispielsweise werden Beschwerden wie Herzrasen nicht als Ausdruck von Angst erkannt, sondern als rein körperlich gedeutet.

Die Hypochondrie ist ein Symptom, das selbst zur Krankheit wird und ein eigenes Krankheitsbild herausbildet, wenn tiefverdrängte Gefühle nicht erkannt und nicht verarbeitet werden konnten.

Die meisten Hypochonder sind hochsensible Menschen. Sie besitzen oft ein geringeres Selbstbewusstsein, verbunden mit erhöhter Empfindsamkeit für alles, was verletzend ist, und haben eine hohe Vulnerabilität. Der tiefenpsychologische Erklärungsansatz in Bezug auf die Hypochondrie geht von einem traumatischen Erleben in der Kindheit oder auch im späteren Erwachsenenalter als Auslöser für die spätere Neurose aus. Es ist kein Zufall, dass die Krankheiten, vor denen sich der Hypochonder besonders fürchtet, bei genauer Betrachtung in Beziehung zu früheren Erlebnissen in seiner Biografie stehen. Bei Herzangst z. B. kann es sein, dass ein naher Angehöriger herzkrank war oder früh daran gestorben ist. Auch eine frühe Konfrontation mit dem Tod eines geliebten Menschen in der Kindheit, die nicht verarbeitet werden konnte, kann so nachhaltig prägen, dass sich im späteren Leben eine Hypochondrie entwickelt.

Im Grunde können wir die Hypochondrie als die vom Betroffenen einzig mögliche Bewältigungsstrategie unbewusster Probleme verstehen.

Sie ist der unbewusste Versuch, Kontrolle und Sicherheit in einem Leben herzustellen, das als unsicher und bedrohlich erfahren wurde und wird. Sie ist das Leiden eines Menschen, der sich selbst, dem eigenen Körper und dem Leben nicht vertraut, weil sein Urvertrauen an einem Punkt in seinem Leben radikal erschüttert wurde. Sie ist ein Schrei nach Sicherheit, die schmerzlich vermisst wird und keinen anderen Weg findet, diese zu erhalten, als den über die Neurose.

Betroffene befinden sich in einem chronisch erhöhten Aufmerksamkeitsmodus gegenüber körperlichen Signalen (Body Vigilance). Dadurch werden normale Körperempfindungen intensiver wahrgenommen und häufiger als potenziell krankheitsrelevant interpretiert. Dieses Phänomen ist kein Zeichen mangelnder Vernunft oder fehlenden Vertrauens in die Medizin, sondern Ausdruck eines komplexen psychologischen und neurobiologischen Mechanismus.

Aus klinischer Sicht ist Krankheitsangst weniger eine Angst vor Krankheiten als vielmehr eine chronische Fehlregulation des Bedrohungssystems, die sich auf das Thema Gesundheit fokussiert. 

Die Krankheit selbst ist dabei oft nur der Inhalt der Angst. Die eigentliche Problematik liegt tiefer: Das Gehirn und das Nervensystem bewerten gesundheitliche Unsicherheit nicht mehr als normalen Bestandteil des Lebens, sondern als potenzielle Bedrohung, die ständig überwacht und kontrolliert werden muss.

Krankheitsangst ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist ein Zeichen dafür, dass das Gehirn außergewöhnlich gut darin geworden ist, potenzielle Gefahren zu erkennen.

Das Problem ist, dass es begonnen hat, normale körperliche Empfindungen als Beweise statt als bloße Möglichkeiten zu interpretieren. Nicht, weil Betroffene irrational denken, sondern weil das Nervensystem gelernt hat, dass sich Ungewissheit gefährlicher anfühlt als die körperliche Empfindung selbst. Krankheitsangst ist nicht nur ein Denkproblem. Das Nervensystem spielt eine entscheidende Rolle. Das Nervensystem vieler Menschen mit Krankheitsangst befindet sich über längere Zeit in einem Zustand erhöhter Alarmbereitschaft. Aus evolutionsbiologischer Sicht ist dieses System sinnvoll. Das Gehirn besitzt ein Bedrohungssystem, das Gefahren früh erkennen soll. Bei tatsächlicher Gefahr aktiviert es den Körper, erhöht die Aufmerksamkeit und bereitet ihn auf schnelles Handeln vor. Normalerweise wird dieser Alarm beendet, sobald die Situation geklärt ist. Eine Untersuchung ist unauffällig. Eine Befürchtung bestätigt sich nicht. Die Gefahr wird als vorbei bewertet. Bei Krankheitsangst funktioniert dieser Umschaltprozess nicht zuverlässig. Der Grund: Die endgültige Sicherheit bleibt aus. Krankheitsangst ist die tiefe Angst davor, dass das Leben unsicher ist, dass Sicherheit nicht von Dauer ist, dass man (wieder) hilflos zurückgelassen wird, dass niemand da ist, wenn es ernst wird. Der Körper hat gelernt: „Ich darf mich nicht entspannen, sonst entgeht mir die Gefahr.“ Und genau deshalb reagiert das Nervensystem heute so heftig. Es versucht, vor Gefahr zu schützen, auch wenn es sich nach dem Gegenteil anfühlt.

Der Kreislauf der Krankheitsangst

Psychologisch entsteht häufig ein sich selbst verstärkender Kreislauf Eine körperliche Empfindung oder ein Gedanke löst Unsicherheit aus. Die Empfindung wird ständig beobachtet und dadurch stärker. Je mehr jede Empfindung wie einen Notfall behandelt wird, desto mehr lernt dein Gehirn, dass diese Empfindung gefährlich ist. Die Unsicherheit, nicht zu wissen, was es ist, aktiviert das Alarmsystem des Nervensystems. Um sich zu beruhigen, wird nach Sicherheit gesucht. Durch Googeln, wiederholtes Abtasten, Untersuchen des Körpers und die Rückversicherung durch die KI und andere Menschen. Kurzfristig sinkt die Angst. Es entsteht das Gefühl scheinbarer Kontrolle. Diese Strategien reduzieren die Angst kurzfristig. Genau dadurch wird sie jedoch negativ verstärkt: Das Gehirn lernt, dass Beruhigung nur durch Kontrolle erreichbar ist. Langfristig wächst deshalb nicht das Sicherheitsgefühl, sondern die Abhängigkeit von immer neuen Sicherheitsmaßnahmen. Kontrolle vermittelt zumindest kurzfristig das Gefühl von minimaler Sicherheit.Dadurch wächst das Bedürfnis nach immer neuer Sicherheit. Und genau das ist der springende Punkt. Das eigentliche Ziel, der innere Antrieb, ist, Sicherheit zu erlangen, weil Unsicherheit für Menschen mit Krankheitsangst kaum aushaltbar ist.

Worum es geht: Nicht mehr Sicherheit, sondern mehr Unsicherheitstoleranz.

Das eigentliche Problem der Krankheitsangst ist nicht die Möglichkeit, irgendwann krank zu werden. Diese Möglichkeit besteht für jeden Menschen. Das Problem ist, dass das Gehirn und das Nervensystem diese Unsicherheit nicht als normalen Teil des Lebens akzeptieren können. Deshalb entsteht ein ständiges Bedürfnis nach Gewissheit, die kein Arzt und keine Untersuchung jemals dauerhaft liefern können. Der Kern der Krankheitsangst ist häufig nicht die Angst vor einer konkreten Erkrankung, sondern die Unfähigkeit, gesundheitliche Unsicherheit dauerhaft auszuhalten. Das zentrale Problem der Krankheitsangst besteht nicht darin, dass Betroffene an etwas Unwahres glauben. Tatsächlich ist es richtig, dass niemand garantieren kann, dauerhaft gesund zu bleiben. Der entscheidende Unterschied liegt vielmehr in der psychologischen Verarbeitung dieser Tatsache. Die Behandlung von Krankheitsangst besteht deshalb nicht darin, Menschen davon zu überzeugen, dass ihre Angst nicht der Realität entspricht. Auch nicht, dass sie nicht krank sind oder krank werden können. Das ist weder möglich noch wahr. Stattdessen geht es darum, die Fähigkeit zu entwickeln, mit der unvermeidbaren Unsicherheit umzugehen. Es geht um das Entwickeln von Unsicherheitstoleranz, also der Fähigkeit, körperliche Sensationen auszuhalten, ohne sofort nach absoluter Gewissheit suchen zu müssen. Das bedeutet nicht, gesundheitliche Probleme zu ignorieren oder notwendige Arztbesuche zu vermeiden. Es bedeutet vielmehr, medizinische Hilfe dann in Anspruch zu nehmen, wenn sie sinnvoll ist, und danach die Unsicherheit nicht immer wieder durch neues Kontrollieren bekämpfen zu wollen.

Akzeptanz statt Gewissheit

Der entscheidende Wendepunkt besteht häufig darin, eine unbequeme Wahrheit anzunehmen: Es wird niemals absolute Sicherheit geben. Diese Erkenntnis wirkt zunächst bedrohlich. Langfristig kann sie jedoch entlastend sein. Denn wenn Sicherheit grundsätzlich unerreichbar ist, muss man auch nicht ständig versuchen, sie zu finden. Gesundheit bedeutet nicht, alle Risiken auszuschließen. Gesundheit bedeutet auch, trotz unvermeidbarer Unsicherheit ein erfülltes Leben führen zu können. Aus therapeutischer Sicht erscheint es zunächst paradox, Betroffene nicht weiter beruhigen zu wollen. Der Grund liegt darin, dass jede neue Beruhigung ungewollt die Annahme bestätigt, Sicherheit müsse erst hergestellt werden, bevor Angst nachlassen dürfe. Nachhaltiger ist häufig ein anderer Ansatz: Die Unsicherheit wird nicht beseitigt, sondern akzeptiert. Diese Haltung bedeutet keineswegs Gleichgültigkeit gegenüber der eigenen Gesundheit. Sie bedeutet vielmehr die Anerkennung einer Realität, die für alle Menschen gilt: Gesundheit ist niemals vollständig kontrollierbar.Gerade diese Akzeptanz kann dazu beitragen, dass das Nervensystem allmählich lernt, Unsicherheit nicht länger automatisch als Gefahr zu interpretieren. Der Weg aus der Krankheitsangst besteht daher nicht darin, immer mehr Sicherheit zu suchen, sondern zu lernen, mit der Unsicherheit zu leben. Paradoxerweise entsteht genau dadurch oft das Gefühl von Sicherheit, nach dem Betroffene so lange gesucht haben.

Das eigentliche therapeutische Ziel

Die Behandlung von Krankheitsangst besteht nicht darin, Betroffene davon zu überzeugen, dass sie gesund sind. Ebenso wenig besteht sie darin, das Restrisiko einer Erkrankung wegzudiskutieren. Das therapeutische Ziel ist vielmehr die Entwicklung einer höheren Unsicherheitstoleranz. Darunter versteht man die Fähigkeit, offene Fragen bestehen zu lassen, ohne zwanghaft nach endgültiger Gewissheit suchen zu müssen. Dieser Ansatz stellt einen grundlegenden Perspektivwechsel dar: Nicht mehr die Suche nach absoluter Sicherheit steht im Mittelpunkt, sondern die Fähigkeit, trotz unvermeidbarer Unsicherheit handlungsfähig und psychisch stabil zu bleiben.

 

Angelika Wende

www.wende-praxis.de

Freitag, 7. August 2026

Gefühle lügen nicht, aber sie irren sich manchmal

 

                                                                 Zeichnung: A.W.


 
Wir glauben oft, dass unsere Gefühle die Wahrheit sagen. Doch das tun sie nicht immer. Das Gehirn ist nicht in erster Linie darauf ausgelegt, die Realität objektiv abzubilden. Seine wichtigste Aufgabe ist es, uns zu schützen. Dafür entwickelt es Strategien, die uns kurzfristig entlasten, selbst wenn sie uns langfristig im Weg stehen.
Manchmal erschafft unser Geist Gefühle, die leichter auszuhalten sind als die eigentliche Verletzung. Hinter Wut verbirgt sich nicht selten tiefe Trauer. Hinter übermäßiger Kontrolle steckt häufig Angst. Hinter Gleichgültigkeit kann Enttäuschung liegen. Und hinter dem ständigen Bedürfnis, stark zu sein, verbirgt sich oft die Angst, wieder verletzt zu werden.
Wir täuschen uns dabei nicht bewusst.
 
Diese Prozesse laufen automatisch ab. Die Psyche schützt uns vor Erfahrungen, die sie als überwältigend empfindet. Sie lenkt unsere Aufmerksamkeit auf Gefühle, mit denen wir besser umgehen können, während andere ins Unbewusste verdrängt oder abgespalten werden.
Auch unsere Gedanken spielen dabei eine entscheidende Rolle. Wir erzählen uns Geschichten, die zu unseren Gefühlen passen. Wer sich wertlos fühlt, findet überall Beweise dafür. Wer überzeugt ist, verlassen zu werden, deutet neutrale Situationen als Zurückweisung. Mit der Zeit wirken diese Gedanken so wahr, dass wir sie für Tatsachen halten.
Dabei übersehen wir leicht, dass Gefühle keine Beweise sind.
Sie spiegeln nicht zwangsläufig die Wirklichkeit wider, sondern unsere innere Verarbeitung der Wirklichkeit. Sie können von alten Erfahrungen, unbewussten Überzeugungen oder Schutzmechanismen geprägt sein.
 
Das bedeutet nicht, dass Gefühle falsch sind. 
Sie sind immer echt, aber sie erklären nicht immer, was tatsächlich ist. Manchmal zeigen sie weniger die Gegenwart als vielmehr einen inneren Konflikt oder eine Wunde, vor der wir uns schützen.
Erst wenn wir bereit sind, hinter das offensichtliche Gefühl zu schauen, erkennen wir, was wirklich in uns vorgeht. Nicht jede Angst weist auf Gefahr hin. Nicht jede Wut hat ihren Ursprung im Gegenüber und nicht jede innere Leere bedeutet, dass in unserem Leben etwas fehlt. Manchmal sind diese Gefühle Ausdruck einer Psyche, die noch immer versucht, uns vor einem alten Schmerz zu bewahren. Statt jedem Gefühl blind zu vertrauen, lohnt es sich, einen Moment innezuhalten und zu fragen: Wovor schützt mich dieses Gefühl?
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Donnerstag, 6. August 2026

Zwischen dem, was wir sind, und dem, was wir glauben zu sein

 



In jedem von uns wirkt eine Kraft, die darauf drängt, das was wir sind, unsere Potenziale, unsere Gaben und Träume zu verwirklichen. Doch viele von uns sind in einem inneren Konflikt gefangen, der uns daran hindert.
Hindernisse können äußere Umstände sein, die wir nicht oder nicht so einfach ändern können und mit denen wir Tag für Tag kämpfen. Wir halten durch, auch wenn wir längst auf dem Zahnfleisch gehen. Wir reden es uns schön oder verdrängen es. Wir machen weiter wie bisher, weil wir meinen, dass wir keine anderen Möglichkeiten haben oder weil wir sie einfach nicht sehen können. Und wenn wir sie sehen, trauen wir uns nicht sie zu ergreifen.
Doch die eigentlichen Hindernisse liegen meist tiefer. 
 
Es sind unsere Überzeugungen, unsere Glaubensmuster und all die Zweifel an uns selbst, die wir von Kindheit an von anderen übernommen haben. Sie haben unser Selbstbild so geformt, dass wir trotz all unserer Fähigkeiten, nicht an uns glauben.
Wir befinden uns in einem ewigen Konflikt.
Dieser Konflikt zeigt eine Spannung zwischen dem, was uns an Potenzialen zur Verfügung steht und dem, was wir tatsächlich wahrnehmen.
Wir sind klug und halten uns dennoch für nicht klug genug. Wir sind kreativ und glauben, unsere Kunst sei nicht perfekt genug, um sie zu zeigen. Wir besitzen eine besondere Begabung und verbringen unser Leben mit Tätigkeiten, die uns nicht erfüllen, weil wir unserer Gabe keinen Wert beimessen. Wir verschenken das Wertvolle, das wir haben, weil wir seinen Wert nicht erkennen. Wir glauben, nicht liebenswert zu sein und richten unser Leben danach aus, Anerkennung von anderen zu erhalten, statt auf unseren eigenen Wert zu vertrauen. Und mit all dem verlieren wir nach und nach den Kontakt zu dem Menschen, der wir eigentlich sind. Mit all dem lassen wir das Leben, das in uns angelegt ist, ungelebt.
Und mit jedem Jahr, das vergeht, spüren wir es deutlicher. All das, was wir an inneren Hindernissen in uns tragen, wird so erdrückend, dass es uns irgendwann niederdrückt. Wir fragen uns: Was habe ich getan? Was habe ich mir selbst angetan? War es das wert?
Dieser Punkt ist ein kritischer Punkt. 
 
An diesem Punkt entscheidet sich, wie es weitergeht.
Entweder wir resignieren und richten uns in einem Leben ein, das sich nur noch nach Überleben anfühlt, oder wir erkennen genau dort, wo der Schmerz am größten ist, den Ruf zur Wandlung. Diese Wandlung beginnt mit einem Perspektivwechsel.
Wir begreifen, dass die Stimmen, die uns zurückhalten und uns Unzulänglichkeit einreden, nicht die Wahrheit über uns erzählen. Wir beginnen, uns neu zu betrachten. Wir lassen uns auf einen Prozess ein, der uns einlädt, die Substanz unseres wahren Seins zu entdecken und zu vertiefen. Wir sehen unsere Ressourcen und öffnen uns bewusst für die Möglichkeiten, die in uns liegen.
 
Daraus entstehen eine neue Klarheit und eine neue Stärke, die Stärke endlich für uns selbst einzustehen. Wir entscheiden uns, an uns selbst zu glauben, anstatt den Stimmen in uns Glauben zu schenken, die uns kleinhalten, denn wir wissen, folgen wir ihnen weiter, verlieren wir nach und nach das Wertvollste, was wir besitzen, die Möglichkeit, das Leben zu leben, das in uns angelegt ist.
Wenn nicht jetzt, wann dann?
Dieser Weg wird kein leichter sein, aber er öffnet sich indem wir ihn gehen. 
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Sonntag, 2. August 2026

Zwischen Ekel und Mitleid - Heinz Strunks Blick in den Abgrund einer Ehe

 



Memories of Heidelberg sind Memories vom Glück, singt Peggy March. 
Glück? Nicht bei Heinz Strunk. Der Titel seines neuen Buches könnte in die Irre führen, aber nicht, wenn man Heinz Strunk kennt. Mit seiner immer wieder erstaunlichen Fähigkeit, sich in die Innenwelten seiner seelisch geschundenen Figuren hineinzubegeben, entwickelt er einen Plot, der mich vom ersten Satz an gefangen nimmt und nicht mehr loslässt.
Wie macht er das bloß?, frage ich mich und bewundere wieder mal diese einzigartige Fähigkeit, sich in das Drama seiner verzweifelten Protagonisten hineinzuwühlen wie ein Maulwurf. Strunk gräbt sich Satz für Satz tiefer in ihre Abgründe, schaufelt die verborgene Erde nach oben, bis der ganze Dreck ans Licht kommt, bis das ganze verdrängte Elend seiner Figuren über ihnen zusammenbricht.
Dabei ist es nicht nur der Stoff, der seine Wirkung entfaltet. Es ist auch Strunks Sprache. Präzise, trocken, gnadenlos beobachtend und zugleich von einer seltsamen Empathie getragen. Er findet für das Hässliche, Peinliche und Abgründige Worte, die einen gleichzeitig lachen lassen und erschrecken. Seine Sätze treffen, ohne seine Figuren der Lächerlichkeit preiszugeben.
Chapeau, Heinz Strunk!
 
Gnadenlos, grausam, abstoßend und gleichzeitig eindringlich erzählt sein neuer Roman von einer Ehe, die längst am Ende ist. Die Beziehung zwischen Isolde und Bertram besteht nur noch aus Monotonie, Lieblosigkeit und passiv-aggressiver Feindseligkeit. Isolde kritisiert, demütigt und erzieht ihren Bertram wie einen ungeliebten Hund, den sie zwar noch an ihrer Seite duldet, am liebsten aber loswerden würde. Bertram hält aus. Er betäubt sich, indem er alles Essbare in sich hineinstopft, was er kriegen kann. Fett, schwitzend, nach Luft hechelnd und unbeholfen ist er längst zur Karikatur seiner selbst geworden. Man empfindet Mitleid mit ihm. Man wartet darauf, dass er endlich ausbricht. Dass er die längst in der Hosentasche geballte Faust auf den Tisch schlägt. Dass er sich wehrt. Nichts geschieht. Die ständigen Demütigungen haben ihm längst seine Würde genommen.
Beide spielen ihr absurdes Ehetheater weiter. Die Bühne dafür ist das Boutique-Hôtel & Spa Kurpfalz und der abendliche Besuch eines italienischen Schiffsrestaurants auf dem Neckar. Dort werden sie von Mal zu Mal respektloser behandelt. Selbst bei Regen und Kälte müssen sie auf Deck am Katzentisch sitzen. Der Inhaber wird immer aggressiver, das Essen immer ungenießbarer und teurer. Ein Gefühl von Ekel breitet sich aus, nicht nur in Bertram, auch im Leser. Peggy Marchs Heidelberg Song läuft in Dauerschleife und übertönt jedes Gespräch. Doch das spielt sowieso kaum noch eine Rolle, das Paar hat sich längst nichts mehr zu sagen. Man spürt die Katastrophe kommen. Man beobachtet, wie Bertram langsam, aber sicher vor Wut und Verzweiflung platzt, bis …Das verrate ich nicht.
 
Heinz Strunk hat sich wieder einmal selbst übertroffen. Er trifft ins Zentrum einer zutiefst menschlichen Frage: Warum bleiben Menschen zusammen, wenn sie sich nichts mehr zu geben haben, außer Verletzungen? Vielleicht, weil selbst eine unglückliche Vertrautheit leichter auszuhalten ist als die Einsamkeit eines Neuanfangs.
 
 
Angelika Wende

Samstag, 1. August 2026

„Wenn du Zuneigung brauchst, kannst du keine Zuneigung geben."

 


    „Wenn du Zuneigung brauchst, kannst du keine Zuneigung geben.“
     
    Krishnamurtis Aussage, dass ein Mensch keine Zuneigung geben kann, solange er selbst Zuneigung braucht, verweist auf einen feinen, aber entscheidenden Unterschied zwischen echtem Geben und einem Geben, das aus einem inneren Mangel entsteht. Manche Menschen schenken anderen Aufmerksamkeit, Fürsorge oder Zuneiung, weil sie sich insgeheim danach sehnen, genau das selbst zu erfahren. Das Geben ist dann nicht frei, sondern von der Hoffnung begleitet, etwas zurückzubekommen. Anerkennung, Verbundenheit, Nähe, Dankbarkeit oder Liebe. Es wirkt wie Großzügigkeit, innerlich ist es jedoch der Versuch, ein eigenes Bedürfnis zu stillen.
     
    Gerade das sogenannte Helfersyndrom macht diese Dynamik deutlich. Der Helfer handelt meist nicht bewusst eigennützig. Der Schatten des Helfers liegt nicht im Helfen selbst, sondern in seiner verborgenen Quelle
    Hilfe kann aus Mitgefühl entspringen, sie kann aber ebenso aus der eigenen Bedürftigkeit hervorgehen, die sich hinter dem Ideal der Selbstlosigkeit verbirgt. Der Helfer sucht dann unbewusst das, was ihm selbst fehlt: Zuneigung, Anerkennung, Bedeutung oder das Gefühl, gebraucht zu werden. Indem er gibt, hofft er zu empfangen, ohne sich diese Hoffnung eingestehen zu müssen. Der Helfer erlebt sich als selbstlos, weil ihm die eigentliche Triebkraft seines Handelns verborgen bleibt. Die eigene Bedürftigkeit wird nicht erkannt, sondern verdrängt und in den Dienst des Helfens gestellt. Was als Fürsorge erscheint, ist zugleich der Versuch, eine innere Leere zu überdecken. Das Helfen wird zur Bühne, auf der ein ungelöstes Bedürfnis nach Zuniegung und Bestätigung ausagiert wird.
     
    Der Schatten besteht nicht darin, dass geholfen wird, sondern darin, dass das Geben unbewusst zu einem Mittel der Selbstversorgung geworden ist.
    Solange dieser Zusammenhang unbewusst bleibt, hält sich der Helfer für altruistisch, während sein Handeln zugleich von einem unbewussten Eigeninteresse getragen wird. Erst wenn diese verdrängte Bedürftigkeit erkannt wird, kann das Helfen seinen instrumentellen Charakter verlieren und zu einer freien Handlung werden, die den anderen nicht mehr für die eigenen seelischen Bedürfnisse in Anspruch nimmt.
    Folgt man Krishnamurti ist es dort keine Zuneigung im eigentlichen Sinn, wo das Geben an eine Erwartung gebunden ist. Es ist ein Tauschgeschäft, auch wenn es unbewusst geschieht. Für Krishnamurti ist dies der grundlegende Irrtum des Ichs. Solange das Ich aus einem Gefühl des Mangels handelt, verwandelt es jede Beziehung in einen Deal. Zuneigung wird zur Hoffnung auf Erwiderung, Fürsorge zum Wunsch nach Bedeutung. Selbst die edelste Absicht kann so zu einer subtilen Form der Selbstversorgung werden.
     
    Damit stellt Krishnamurti eine radikale Frage: Kann Zuneigung Ausdruck innerer Fülle sein statt ein Versuch, einen Mangel auszugleichen?  
    Seine Antwort ist klar. Zuneigung wird erst dort wirklich frei, wo sie nicht von psychologischer Abhängigkeit getragen ist, wo wir sie nicht selbst brauchen.
    Das bedeutet nicht, dass wir kein Bedürfnis nach Zuneigung, Nähe und Bindung haben dürften. Es bedeutet vielmehr, dass Zuneigung ihren eigentlichen Charakter verliert, wenn sie dazu dient, die eigene Sehnsucht danach zu befriedigen. Die entscheidende Frage ist nicht, ob wir geben, sondern warum wir geben.
    Echte Zuneigung beginnt für ihn erst dort, wo das eigene Bedürfnis endet, wenn wir den anderen nicht mehr dazu brauchen, um die eigene innere Unvollständigkeit zu überwinden. Das Geben entspringt dann keiner Absicht mehr. Es ist kein Mittel, kein Tausch, kein Versuch, etwas zu bekommen. Es ist Ausdruck einer inneren Fülle, die nichts gewinnen muss.
     
    Erst dort, wo das Verlangen nach Zuneigung verstummt, kann Zuneigung zu einer freien Bewegung werden. Zuneigung ist dann nicht länger ein Bedürfnis, sondern ein Ausdruck von Freiheit.

Freitag, 31. Juli 2026

„Das Ereignis, vor dem man sich am meisten fürchtet, ist bereits eingetreten.“

 



Der britische Psychoanalytiker Donald W. Winnicott formulierte in seinem 1974 posthum verffentlichtem Aufsatz"Fear of Breakdown" eine radikale These: "Die klinische Angst vor dem Zusammenbruch ist die Angst vor einem Zusammenbruch, der bereits erlebt worden ist." Damit meinte er, dass sich viele Menschen vor einer seelischen Katastrophe fürchten, die in ihrer inneren Welt längst stattgefunden hat. Die eigentliche Katastrophe, Zurückweisung, Verlassenwerden oder tiefe emotionale Verlassenheit hat bereits stattgefunden. Das, wovon wir uns ein Leben lang verfolgt fühlen, haben wir längst erlebt.

 

Winnicott vertrat die Auffassung, dass sich hinter manchen existenziellen Ängsten kein zukünftiges Ereignis verbirgt, sondern ein überwältigendes Erlebnis aus der frühen Kindheit, das nie bewusst verarbeitet werden konnte. Diese Sichtweise hat die moderne Traumaforschung in Teilen aufgegriffen, sie erklärt jedoch nicht jede Form von Angst. Heute geht man in der Psychologie überwiegend davon aus, dass Angst multifaktoriell entsteht. Winnicotts Theorie ist deshalb eher ein tiefenpsychologisches Erklärungsmodell für bestimmte Patienten, insbesondere Menschen mit frühen Bindungs- und Entwicklungstraumata und keine allgemeingültige Theorie bezüglich aller Ängste.

 

Zurück zu Winnicott. Er nannte dieses Phänomen die „Angst vor dem Zusammenbruch“ (Fear of Breakdown). Er beobachtete Patienten, die in ständiger Angst vor einem zukünftigen seelischen Kollaps lebten, obwohl der eigentliche Zusammenbruch ihrer inneren Welt bereits in der frühen Kindheit stattgefunden hatte, infolge elterlichen Versagens, emotionaler Vernachlässigung oder fehlenden Halts. Diese Menschen litten nicht unter einzelnen, klar abgrenzbaren Phobien. Vielmehr lebten sie in dem Gefühl, ständig am Rand einer namenlosen Katastrophe zu stehen. Sie erwarteten unablässig, dass etwas Schreckliches geschehen würde, etwas, das sie endgültig vernichten könnte.

Der übliche therapeutische Umgang mit Angst besteht darin, Betroffenen zu vermitteln, dass ihre Befürchtungen unverhältnismäßig sind, dass die erwartete Katastrophe mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht eintreten wird und dass sie sich heute in Sicherheit befinden.Winnicott vertrat jedoch eine andere Sichtweise. Nach seiner Auffassung richtet sich diese tiefe Angst nicht auf ein zukünftiges Ereignis. Sie wurzelt vielmehr in einem überwältigenden Erlebnis der Vergangenheit, das zwar tatsächlich stattgefunden hat, jedoch nie bewusst verarbeitet werden konnte. Das Kind war schlicht zu jung, um das Geschehen als Erfahrung zu verstehen, in Worte zu fassen oder als Erinnerung zu speichern.

In der frühen Kindheit können uns überwältigende Erfahrungen begegnen: körperliche oder emotionale Gewalt, tiefe Einsamkeit, Vernachlässigung oder Verlassenwerden. Ein Säugling oder Kleinkind besitzt noch keine ausreichend entwickelte Ich-Struktur, um solche Erfahrungen bewusst einzuordnen. Es fehlen sowohl die Sprache als auch das stabile Selbstgefühl, um sagen zu können: „Das geschieht gerade mit mir.“Deshalb wird das Erlebte häufig nicht bewusst verarbeitet und gelangt nicht als zusammenhängende Erinnerung ins autobiografische Gedächtnis.

Dennoch ist es geschehen. 

Der Körper trägt die Erfahrung weiter. Das Nervensystem hat sie gespeichert. Jahrzehnte später leben Betroffene deshalb oft in ständiger Angst davor, genau das zu erleben, was sie in gewisser Weise bereits überstanden haben.

Nach Winnicott ist diese dauerhafte Angst der Versuch der Psyche, das unverarbeitete Erlebnis endlich ins Bewusstsein zu bringen. Wir fürchten nicht den zukünftigen Zusammenbruch. Vielmehr drängt das Unbewusste darauf, den damals abgespaltenen inneren Zusammenbruch nachträglich zu erleben und in die eigene Lebensgeschichte zu integrieren.

Einen ähnlichen Gedanken beschreibt der buddhistische Psychologe Bruce Tift in seinem Buch Already Free. Seine Kernaussage lautet: „Wir glauben, Angst davor zu haben, ein bestimmtes Gefühl erleben zu müssen. Doch wir können nur deshalb Angst vor diesem Gefühl haben, weil wir es bereits einmal erfahren haben.“

Das klingt zunächst paradox, beschreibt jedoch einen wichtigen psychologischen Mechanismus. Man kann sich nicht vor einem Gefühl fürchten, das man nie erlebt hat. Hätten wir niemals Verlassenwerden, tiefe Scham oder existenzielle Hilflosigkeit erfahren, würden diese Zustände kaum eine solche Macht über uns entwickeln. Gerade die Tatsache, dass wir unser ganzes Leben darauf verwenden, bestimmte Erfahrungen um jeden Preis zu vermeiden, deutet darauf hin, dass ein Teil von uns ihnen bereits begegnet ist.

Für Menschen mit ausgeprägten Ängsten kann diese Sichtweise entlastend sein. Wir bringen oft enorme Energie auf, Gefühle zu vermeiden, von denen wir überzeugt sind, sie nicht aushalten zu können. Dabei übersehen wir, dass wir sie bereits einmal überlebt haben.

Gefühle können uns nicht vernichten. Was unerträglich erscheint, ist häufig nicht das Gefühl selbst, sondern dass es nie verarbeitet werden konnte. Was wir nicht zu überleben fürchten, haben wir bereits überlebt. Dadurch verliert die Angst allerdings nicht automatisch ihren Schrecken. Das Nervensystem reagiert in Momenten der Panik so, als wären wir noch immer das hilflose Kind von damals. Es unterscheidet nicht zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Heilung entsteht deshalb nicht allein durch Erkenntnis. Das Nervensystem heilt durch wiederholte Erfahrungen von Sicherheit. Es muss erleben, dass wir heute erwachsen sind, über Handlungsmöglichkeiten verfügen und nicht mehr ausgeliefert sind. Ohne diese neuen Erfahrungen bleibt die alte Alarmreaktion bestehen.

Nach Winnicott besteht der therapeutische Weg darin, das unbewusst Vergangene im Hier und Jetzt erfahrbar werden zu lassen, sodass es endlich Teil der eigenen Lebensgeschichte werden kann. Der Klient muss das abgespaltene Erleben in einer haltenden Beziehung erfahren und integrieren. Die Interpretation allein heilt nicht. Er darf im geschützten Rahmen der Therapie dem begegnen, wovor er sich sein Leben lang gefürchtet hat. Er erlebt den damaligen inneren Zusammenbruch nachträglich, diesmal jedoch nicht allein. Das erwachsene Ich und die haltende Beziehung zum Therapeuten sind anwesend. Dadurch wird, wenn es gelingt, aus einer überwältigenden Erfahrung eine integrierbare Erinnerung.

Die Angst vor der Zukunft verwandelt sich dann allmählich in Trauer über die Vergangenheit Der entscheidende Satz lautet dann: „Das Schreckliche steht mir nicht bevor. Es ist mir bereits widerfahren.“ Mit jeder  Träne verliert die Zukunftsangst etwas von ihrer Macht. Trauer verarbeitet die Wunde, Angst hält sie offen.

Winnicott bezeichnete die therapeutische Haltung als Holding, ein verlässliches emotionales Getragenwerden, das dem Kind damals fehlte. In dieser sicheren Beziehung kann das Nervensystem neue Erfahrungen machen. Das Gefühl einer kontinuierlichen, zusammenhängenden Existenz (going-on-being) beginnt sich wiederherzustellen.

Im Alltag kann es hilfreich sein, den Fokus zu verändern. Wenn starke Zukunftsängste auftreten, etwa Existenzangst oder die Angst, verlassen zu werden, können wir usn fragen:„Wann habe ich mich in meinem Leben schon einmal genauso hilflos und ausgeliefert gefühlt?“ Ebenso wichtig ist es, dem einst namenlosen Schrecken Worte zu geben und ihm einen Platz in der eigenen Biografie einzuräumen. Und schließlich immer wieder die Gegenwart bewusst wahrzunehmen.

Ich bin heute erwachsen. Ich bin hier. Ich laufe nicht weg. Ich verurteile mich nicht für meine Angst. Ich kann dieses Gefühl halten. Heute bin ich nicht mehr das hilflose Kind von damals.

 Angelika Wende

Kontakt: aw@wende-praxis.de

Mittwoch, 29. Juli 2026

Wenn das Alte nicht mehr trägt – Warum Übergangsphasen zur persönlichen Entwicklung gehören


„Solange du das Unbewusste nicht bewusst machst, wird es dein Leben bestimmen, und du wirst es Schicksal nennen“, sagte G. Jung einmal. Jung wollte damit ausdrücken, dass viele unserer Entscheidungen, Gefühle und Reaktionen nicht ausschließlich von bewussten Überlegungen gesteuert werden. Sie werden ebenso von unbewussten Überzeugungen, alten Erfahrungen, erlernten Rollen und unbewältigten Konflikten beeinflusst. Solange wir diese inneren Muster nicht erkennen, folgen wir ihnen automatisch, ohne zu bemerken, dass sie unser Leben lenken.
 
Gerade in einer Übergangsphase kann dieser Prozess sichtbar werden. Wenn das Alte nicht mehr funktioniert, geraten vertraute Denk- und Verhaltensmuster ins Wanken. Was wir bisher für selbstverständlich gehalten haben, verliert seine Stabilität. Vielleicht erkennen wir, dass wir jahrelang die Erwartungen anderer erfüllt haben. Vielleicht stellen wir fest, dass wir uns für andere verausgabt haben, dass wir Entscheidungen aus Angst vor Ablehnung getroffen haben oder dass wir an einem Lebensentwurf festhalten, der längst nicht mehr zu unseren Bedürfnissen und Werten passt.
Diese Erkenntnisse entstehen selten in Zeiten, in denen alles gut läuft. Sie zeigen sich dann, wenn das bisherige Leben nicht mehr trägt. Es funktioniert vielleicht noch nach außen, doch innerlich fühlt es sich nicht mehr stimmig an. Was uns Sicherheit und Orientierung gegeben hat, trägt nicht mehr. Gleichzeitig ist das Neue noch nicht greifbar. Wir wissen nur, dass wir so nicht weitermachen wollen, aber nicht, wohin wir stattdessen gehen wollen.
 
Das ist kein ungewöhnlicher Zustand. Es ist ein Zustand, in den wir alle irgendwann geraten. Übergangsphasen gehören zur menschlichen Entwicklung. Bevor sich etwas Neues entwickeln kann, beginnt sich das Alte aufzulösen. Es geschehen Dinge, die uns aus dem Gleichgewicht bringen. Wir werden plötzlich krank, Beziehungen ändern sich, Menschen verlassen unser Leben, wir erleben Verluste, unsere Arbeit erfüllt uns nicht mehr oder wir fühlen uns insgesamt wie im falschen Leben. Und dann nennen wir es Schicksal. In Wahrheit aber ist es nicht Schicksal, das sich ohne unser Zutun ereignet, sondern etwas tief in uns selbst, das weiß: So wie es ist, ist es nicht mehr gut.
 
Diese Phase erleben wir oft als Krise.
Tatsächlich aber ist sie Ausdruck einer inneren Wandlung und Neuorientierung. Unsere Psyche strebt nach Ganzheit und Weiterentwicklung. Bleiben wir dauerhaft in Lebensmustern, die nicht mehr zu uns passen, entsteht eine innere Spannung. Diese macht sich bemerkbar, lange bevor wir bewusst verstehen. Wir sind unsicher, orientierungslos und finden in dem, was uns einst gehalten hat, keinen Sinn mehr. All das ist Teil eines natürlichen Veränderungsprozesses.
Unser Gehirn aber sucht nach Sicherheit.
Es mag Vertrautes, selbst wenn es längst nicht mehr erfüllend ist. Gewohnheiten, Rollen und Routinen vermitteln Stabilität. Ein Teil von uns möchte festhalten, weil das Bekannte Sicherheit verspricht. Ein anderer Teil spürt, dass Entwicklung nur möglich ist, wenn wir bereit sind, Altes loszulassen. Wir spüren einen inneren Konflikt. Dieser kann sich auf unterschiedliche Weise zeigen. Wir fühlen uns erschöpft, obwohl sich äußerlich wenig verändert hat. Wir verlieren das Interesse an Dingen, die uns früher wichtig waren. Es fällt uns schwer, Entscheidungen zu treffen. Wir haben das Gefühl, zwischen zwei Welten zu stehen. Die alte Identität passt nicht mehr, eine neue ist noch nicht entstanden.
Entwicklung verläuft selten geradlinig. 
 
Bevor wir neue Ziele formulieren oder neue Wege erkennen können, braucht unser Inneres Zeit, sich von den vertrauten Vorstellungen zu lösen. Erst wenn Altes seinen Platz verliert, kann Raum für Neues überhaupt erst entstehen. In Krisen suchen wir oft nach schnellen Antworten. Wir möchten wissen, was der nächste Schritt ist oder welche Entscheidung die richtige ist. Doch Klarheit entsteht nicht durch intensiveres Nachdenken, sondern durch neue Erfahrungen. Unser Gehirn kann nur auf das zurückgreifen, was es bereits kennt. Das Neue entdecken wir erst, wenn wir beginnen, uns vorsichtig darauf einzulassen. Deshalb kann es hilfreich sein, die großen Lebensfragen zunächst loszulassen und stattdessen aufmerksam zu beobachten, was sich bereits verändert hat.
 
Wir können uns fragen:
 
Was fühlt sich nicht mehr stimmig an?
Was tue ich, obwohl es mir widerstrebt?
Welche Verpflichtungen erfüllen ich nur noch aus Gewohnheit?
Welche Begegnungen lassen mich leer oder erschöpft zurück?
Wo erlebe ich dauerhaft mehr Anstrengung als Freude und Sinn?
Was gibt mir trotz aller Unsicherheit ein Gefühl von Lebendigkeit und Erdung?
 
Diese Fragen richten den Blick nicht auf eine endgültige Lösung, sondern auf die Signale unserer inneren Entwicklung.
 
Wichtig ist zwischen einer Übergangsphase und einer psychischen Erkrankung zu unterscheiden. Wenn Hoffnungslosigkeit, starke Antriebslosigkeit, Ängste oder das Gefühl innerer Leere über längere Zeit anhalten und den Alltag erheblich beeinträchtigen, kann es sinnvoll sein, sich professionelle Unterstützung zu suchen. Nicht jede Krise ist eine Entwicklungsphase, und nicht jede Entwicklungsphase muss allein bewältigt werden.
Wenn wir uns jedoch in einem natürlichen Übergang befinden, ist Geduld die wichtigen Ressource. Entwicklung geschieht nicht auf Knopfdruck. Sie verläuft in Phasen des Suchens, Zweifelns und Ausprobierens. Sie hat Höhen und Tiefen. Wir machen Fortschritte und Rückschritte. Oft erkennen wir erst rückblickend, dass die Zeit der Unsicherheit notwendig war, um Altes zu verlassen und eine neue innere Ausrichtung zu entwickeln. 
 
Die eigentliche Aufgabe dieser Phase besteht nicht darin, sofort Antworten zu finden. 
Vielmehr geht es darum, Vertrauen zu entwickeln, in den eigenen Entwicklungsprozess und in die Fähigkeit, auch ohne vollständige Klarheit den nächsten stimmigen kleinen Schritt zu gehen. Jede Übergangsphase, jede Krise kann auch eine Chance sein, weil sie uns zwingt, innezuhalten und genau hinzusehen. Je besser wir uns selbst verstehen, je klarer wir unsere inneren Muster erkennen, desto größer wird unsere Freiheit, neue Entscheidungen zu treffen, die uns dienen. Aus dem Gefühl, dem Schicksal ausgeliefert zu sein, kann Schritt für Schritt die Erfahrung werden, das eigene Leben bewusster zu gestalten. Das Neue kündigt sich selten mit Gewissheit an. Es beginnt als verändertes Bedürfnis, als wachsende Sehnsucht oder als das deutliche Gefühl, dass das bisherige Leben nicht mehr zu dem Menschen passt, der wir geworden sind.
 
 
"Die beste Lehre ist die, welche dich an das erinnert, was du bereits weißt, aber wieder vergessen hast. Es geht nicht darum, das was in meinem Kopf ist, in deinen Kopf hinein zu stopfen.
Es geht darum, dich an dein eigenes Wissen zu erinnern."
 
Mooji 
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de