In meiner Arbeit begegnen mir immer wieder Menschen, die sich selbst ablehnen. Diese Selbstablehnung äußert sich häufig in Form eines stabil negativen Selbstschemas, das durch wiederkehrende selbstabwertende Gedanken, dysfunktionale Überzeugungen und eine verzerrte Selbstwahrnehmung geprägt ist.
Die Entstehung solcher Schemata lässt sich meist auf frühe Beziehungserfahrungen zurückführen, in denen Kritik, Abwertung, Beschämung, emotionale Zurückweisung, oder inkonsistente Bindungserfahrungen internalisiert wurden. Aus diesen Erfahrungen entwickeln sich tief verankerte Grundannahmen über das eigene Selbst, etwa im Sinne von „Ich bin nicht wertvoll“ oder „Ich genüge nicht“. „Ich bin falsch.“
Diese inneren Überzeugungen führen in der Folge zu kognitiven Verzerrungen. Dazu zählen unter anderem: selektive Aufmerksamkeit für negative Reize, dichotomes Denken, Dramatisieren oder Katastrophisieren. Eigene Fehler und Unzulänglichkeiten werden übergeneralisiert und dann als Bestätigung der negativen Selbstannahmen interpretiert, während positive Erfahrungen systematisch entwertet, nicht wahrgenommen oder ausgeblendet werden. Gleichzeitig wird verglichen – sich selbst mit anderen, die besser sind, es besser machen, es besser haben. Soziale Vergleiche, verstärkt durch idealisierte Selbstdarstellungen in den digitalen Medien, tragen zur weiteren Destabilisierung des sowieso schon fragilen Selbstwertgefühls bei.
In einer intensivierten Ausprägung kann Selbstablehnung zu Selbsthass werden. Psychologisch gesehen handelt es sich dabei um eine affektiv stark aufgeladene Form der Selbstabwertung, bei der sich die negative Bewertung nicht mehr auf bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen beschränkt, sondern auf das gesamte Selbstbild.
Selbsthass ist immer mit harten, abwertenden und strafenden inneren Dialogen verbunden - eine internalisierte Form äußerer Kritik. Obwohl vielen Betroffenen bewusst ist, das destruktive Selbstgespräche nicht hilfreich sind, haben sie eine Funktion. Paradoxerweise erfüllen sie kurzfristig eine Schutzfunktion, indem sie eine antizipierte Abwertung durch das Außen vorwegnimmt und so ein Gefühl von scheinbarer Kontrolle oder Vorhersehbarkeit vermittelt. Das Unterbewusstsein ist tricky!
Wer sich selbst permanent abwertet, glaubt unbewusst, sich vor Ablehnung zu schützen oder sich zu besserer Leistung anzutreiben.
Gibt man Betroffenen positive Rückmeldungen, schenkt man ihnen Wertschätzung oder betont man ihre Stärken und Erfolge werden sie relativiert oder entwertet, während negative Erfahrungen überbetont werden. Dadurch stabilisiert sich der Selbsthass dann weiter, auch wenn objektiv widersprechende Erfahrungen vorliegen.
Die psychischen Folgen von Selbsthass sind erheblich.
Es kommt zu einer dauerhaften Aktivierung des Stresssystems. Selbsthass begünstigt die Entwicklung affektiver Störungen, insbesondere depressiver Symptomatik, Zwangs- und Angststörungen. Selbsthass und Selbstabwertung führen zu einer immer weiteren Erosion des Selbstwertgefühls und beeinträchtigt die Fähigkeit zur Emotionsregulation. Nicht selten führt er zu selbstschädigenden Verhaltensweisen, zu Süchten, zu innerem Rückzug, sozialer Vermeidung und erhöhter Angst, zu Misstrauen, Angst von Nähe und Angst vor Zurückweisung. Wer sich selbst hasst, neigt zur Selbstbestrafung, zur Selbstsabotage und missachtet seine eigenen Bedürfnisse.
Er ist es sich selbst ja nicht wert.
Was ich immer wieder erlebe ist, dass sich viele Betroffene ihres Selbsthasses nicht bewusst sind. Wären sie es, würden sie wohl vor sich selbst erschrecken.
Statt ihn als solchen zu erkennen, erleben sie ihre Gedanken als objektive Realität. Der destruktive innere Dialog wird nicht als erlerntes Muster wahrgenommen und erkannt, sondern als „wahr“ oder sogar als „gerechtfertigt“. Selbsthass wird so leicht nicht erkannt, weil er sich in subtilen Formen zeigen - etwa in übermäßiger Selbstkritik, wenig Achtsamkeit gegenüber dem eigenen Körper, Perfektionismus, dem ständigen Gefühl, sich vergleichen und beweisen zu müssen, oder in der Tendenz, eigene Bedürfnisse und Wünsche systematisch zu übergehen und dem Drang zu funktionieren und zu leisten – für andere. Gerade diese verdeckten Ausdrucksformen erschweren es, die zugrunde liegende Dynamik zu erkennen.
Selbstablehnung und Selbsthass sind erlernt. Und weil es sich um erlernte und aufrechterhaltene Muster handelt, sind sie veränderbar.
Im ersten Schritt ist es hillfreich, dysfunktionale Überzeugungen zu identifizieren, zu modifizieren und durch realistischere und selbstwertdienlichere Bewertungen zu ersetzen. Es ist wesentlich die internalisierte kritische innere Instanz als solche erkennbar zu machen und sie systematisch zu hinterfragen. Das Problem dabei ist: Selbstannahme wird von Betroffenen nicht selten als riskant erlebt.
Sie kann sich ungewohnt, „unehrlich“ oder sogar bedrohlich anfühlen, weil sie die bisherigen inneren Überzeugungen infrage stellt und am Selbstbild kratzt, was ziemlich unangenehm ist.
Vielen Betroffenen fällt es schwer neue hilfreichere Überzeugungen zu fühlen und emotional zu verankern. Selbst wenn sie kognitiv wissen, dass die eigene Selbstabwertung zerstörerisch ist, bleibt das emotionale Erleben oft unverändert. Das führt zu einem inneren Spannungszustand. Dann kommen Sätze wie: „Ich weiß ja, dass ich mich nicht hassen sollte, aber ich fühle es trotzdem.“ Nach dem Faust´chen: "Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube" - der emotionale, in dem Fall. Das erschwert nachhaltige Veränderung erheblich.
Zudem ist Selbsthass ist häufig mit Scham verknüpft, einem Gefühl, das zur Vermeidung tendiert. Scham führt dazu, dass Menschen sich zurückziehen, sich weniger mitteilen und damit auch weniger korrigierende Beziehungserfahrungen machen. Dadurch fehlen dann genau die zwischenmenschlichen Rückmeldungen, die für die Entwicklung von Selbstannahme zentral wären.
Wenn Selbsthass über lange Zeit präsent war, wird er zu einem Teil des Selbstbildes. Eine Veränderung bedeutet dann nicht nur, destruktive Gedanken zu identifizieren und zu korrigieren, sondern das ganze Selbstverständnis neu zu strukturieren.
Dieser Prozess kann Unsicherheit auslösen, weil er mit dem Verlust von etwas Vertrautem einhergeht. Zudem hängt unser Gehirn am Vetrauten. Der Weg von Selbsthass zu Selbstannahme ist kein linearer Prozess. Er erfordert nicht nur kognitive Einsicht, sondern wiederholte emotionale Erfahrungen, die im Widerspruch zum alten Selbstbild stehen, sowie die Bereitschaft, bestehende innere Überzeugungen immer wieder zu hinterfragen und zu verändern. Das ist Arbeit und die ist anstrengend und wenn es anstrengend wird, neigen viele Menschen dazu, beim Vertrauten zu bleiben, selbst wenn es weh tut.
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de
Malerei: A.Wende
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