Angelika Wende
Angelika Wende
Seit
meinem Krankenhausaufenthalt vor einigen Tagen ist der Tod wieder
einmal näher in meine Gedanken gerückt. Ich weiß, dass er kommen wird.
Diesmal ist er noch an mir vorbeigegangen.
Im
Krankenhaus verliert man leicht die Illusion, mehr zu sein als ein
Körper. Man wird zum Organismus im Bett, zur Zimmernummer, zur
Patientenakte, zum nächsten Blutdruck, zum nächsten Laborwert. Man trägt
ein Armband mit einer Nummer und wird von Untersuchung zu Untersuchung
geschoben. Alles, was den Menschen ausmacht - die eigene Geschichte,
seine Taten, Gedanken, Hoffnungen, Ängste tritt in den Hintergrund. Im
Krankenbett bleibt ein verletzlicher Organismus aus Fleisch, Knochen und
vergänglichem Leben. Man
erlebt maximalen Kontrollverlust. Andere entscheiden über den eigenen
Körper. Man wird mit Medikamenten vollgepumpt und über deren
Nebenwirkungen nicht aufgeklärt. Es wird gesagt, sie sind zu krank, um
Entscheidungen mitzutreffen oder zu hinterfragen.
Darin liegt etwas Verstörendes.
Das Krankenhaus konfrontiert mit einer Wahrheit, die wir im Alltag
verdrängen. Wir sind sterbliche Wesen. Der Körper, mit dem wir uns so
selbstverständlich identifizieren, ist zerbrechlich, störanfällig,
zerstörbar und endlich. Für eine Weile schrumpft das Ich auf das Maß
seiner biologischen Existenz zusammen. Diese Erfahrung ist schwer
auszuhalten, weil sie den Glauben erschüttert, mehr zu sein als ein
vergänglicher Körper auf Zeit. Weil sie die Vorstellung infrage stellt,
dass es in uns ein unvergängliches Selbst gibt.
Wieder
einmal denke ich an das Konzept vom ewigen Leben, an das viele Menschen
glauben, ich jedoch nicht. Mir stellt sich bei dem Konzept vom ewigen
Leben immer wieder die Frage: Warum sollte dieses zeitlose Zuhause
existieren?
Weil der Mensch nicht willens oder fähig
ist, sich selbst als vergänglich zu sehen, seiner Zerstörbarkeit und
seiner eigenen Sterblichkeit ins Auge zu blicken, nicht willens
anzuerkennen, dass es Lebendiges gibt, das leblos und tot werden kann,
sich auflösen kann, vergehen kann, zu Staub werden kann, zu Nichts?
Das Nichts.
Der
Mensch kann sich das Nichts nicht vorstellen. Geredet wird viel
darüber, auch von den Philosophen. So meint Epikur: „Solange wir
existieren, ist der Tod nicht da; und wenn der Tod da ist, existieren
wir nicht mehr. Nichtexistenz Tod.
Aber was dieses
Nichts ist, darauf gibt auch Epikur nicht die Antwort. Epikur wollte
wohl gar nicht erklären, was das Nichts ist. Sein Argument lautet
vielmehr: Der Tod geht uns nichts an, weil wir ihn niemals erleben
können. Solange wir leben, ist der Tod nicht da; wenn der Tod da ist,
sind wir nicht mehr. Ihm ging es weniger um das Wesen des Nichts als um
die Auflösung der Todesangst.
Das
Wesen des Nichts. Dazu reicht die Vorstellungskraft des menschlichen
Gehirns nicht aus. Es kann sich nicht vorstellen wie es ist, wenn es
überhaupt nichts gibt. Es kann sich das Nichts nicht vorstellen. könnte
es das, wäre es ja wieder etwas und nicht Nichts. Tatsächlich stößt
unsere Vorstellungskraft hier an Grenzen, weil jedes Vorstellen bereits
einen Inhalt erzeugt. So sucht
der seine Rettung vor dem unvorstellbaren Nichts in der Vorstellung vom
ewigen Leben, vom zeitlosen ewigen Zuhause des Selbst. Für mich ist
diese Vorstellung die Abwehr der Angst vor dem eigenen Tod. Man könnte
sagen: eine omnipotente Strategie der Verleugnung des eigenen
Verschwindens ins Nichts.
Ich glaube, je
einverstandener man mit dem gelebten Leben ist, je weniger Bedauern es
am Lebensende gibt, desto weniger hat man Angst um die Nichtexistenz des
eigenen Selbst und desto weniger wird man sich an die Vorstellung eines
zeitlosen ewigen Zuhauses klammern.
Wenn alles
Wandel und Veränderung ist, gibt es auch kein festes und kein ewiges
Selbst, an das es sich zu klammern lohnt. Dieses Anklammern des Menschen
an etwas, das er als sein unzerstörbares Selbst betrachtet, ist eine
Quelle des Leidens. Dieser Gedanke findet sich auch im Buddhismus
wieder. Das Prinzip des Nicht-Selbst (Anatta) besagt, dass es kein
unveränderliches, ewiges Ich gibt. Was wir als unser „Selbst“ erleben,
ist vielmehr ein fortwährender Prozess aus Körper, Wahrnehmungen,
Gedanken, Gefühlen und Bewusstsein – alles befindet sich im ständigen
Wandel.
Die Vorstellung eines bleibenden Selbst ist eine Konstruktion
des Geistes. Je stärker wir uns an diese Konstruktion klammern, desto
größer werden Angst, Verlust und Leiden. In diesem Sinne erscheint mir
auch die Hoffnung auf ein ewiges Leben als Ausdruck des Wunsches, etwas
festzuhalten, das seiner Natur nach niemals fest war.
Wie sagte Frida Kahlo einmal: "Ich erwarte freudig den Ausgang – und hoffe, nie wieder zurückzukehren."
Das hoffe ich auch.
Und bis dahin ...
Viva la Vida!
Zeichnung: A.Wende
Leiden gehört zum menschlichen Leben. Es kann uns erschüttern, verändern und tiefe Spuren hinterlassen. Problematisch wird es jedoch, wenn ein Mensch beginnt, sich ausschließlich über sein Leid zu definieren. Dann wird das Erlebte nicht mehr als ein Teil der eigenen Geschichte verstanden, sondern als die eigene Identität.
Menschen, die sich vollständig mit ihrem Leiden identifizieren, erleben sich häufig vor allem als Opfer ihrer Lebensumstände.
Gedanken, Gefühle und Gespräche kreisen ständig um Verletzungen, Verluste oder Ungerechtigkeiten. Das Leid wird zum zentralen Bezugspunkt des Selbstbildes und bestimmt den Blick auf die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Gerade bei Menschen mit einer Traumageschichte besteht häufig ein tiefes Bedürfnis, mit ihrem Erleben gesehen, mit dem eigenen Schmerz wahrgenommen, Anerkennung für ihr Erleben zu erfahren und geglaubt zu werden. Die wiederholte Hinwendung zum eigenen Leid ist dabei oft nicht Ausdruck von Schwäche oder mangelndem Veränderungswillen, sondern der Versuch, Verbindung zu anderen herzustellen.
Das Erzählen des Schmerzes wird zur Sprache der Beziehung, weil andere Formen von Vertrauen und Nähe durch die traumatischen Erfahrungen erschwert wurden.
So kann sich eine Identität entwickeln, die in hohem Maß um Leid und Opfererfahrungen aufgebaut ist. Gleichzeitig fällt es Betroffenen oft schwer, andere Quellen von Selbstwert, Zugehörigkeit oder Nähe zu erleben. Beziehungen werden unbewusst vor allem dort als sicher erfahren, wo Schmerz, Hilfsbedürftigkeit oder Verletzlichkeit wahrgenommen und beantwortet werden. Daraus kann sich eine Dynamik entwickeln, in der Krankheit, Gefahr und Hilfsbedürftigkeit zur wichtigsten Sprache für Beziehung und Verbundenheit werden. Dies geschieht in der Regel nicht bewusst oder absichtlich, sondern als Folge früher Beziehungserfahrungen, in denen Aufmerksamkeit, Schutz oder Zuwendung vor allem in Situationen großer Not verfügbar waren. Gerade bei Menschen mit traumatischen Erfahrungen und zusätzlicher sozialer Isolation besteht die Gefahr, dass sich die eigene Identität nahezu vollständig um Leid, Verletzlichkeit und Abhängigkeit organisiert. Je länger diese Erfahrungen das Leben bestimmen, desto schwieriger wird es, sich selbst auch als kompetent, liebenswert, kreativ oder wirksam zu erleben.
Aus existenzanalytischer Sicht liegt hierin die Gefahr, dass der Mensch seine Fähigkeit zur Selbstdistanzierung verliert. Er erlebt sich nicht mehr als jemand, der Leid erfährt, sondern als sein Leid.
Dadurch verengt sich der Blick für die eigenen Möglichkeiten, für Beziehungen, Werte und Aufgaben, die trotz aller Belastungen weiterhin vorhanden sind. Der therapeutische Auftrag besteht deshalb nicht darin, das Leid kleinzureden oder vorschnell zu relativieren. Schmerz braucht Anerkennung, Mitgefühl und einen geschützten Raum, in dem er bezeugt werden kann. Gleichzeitig geht es darum, nach und nach auch die anderen Seiten des Menschen wieder sichtbar werden zu lassen. Seine Fähigkeiten, seine Interessen, seine Werte, seine Beziehungen und seine Möglichkeiten, das eigene Leben mitzugestalten. Identität darf sich erweitern, vom leidenden Menschen hin zu einem Menschen, der zwar Leid erfahren hat, dessen Genzheit jedoch weit über diese Erfahrungen hinausreicht.
Ein solcher Prozess kann durch Fragen angeregt werden, die den Blick behutsam vom Leid auf die gesamte Person und ihre Handlungsmöglichkeiten lenken:
Wer bin ich außer jemand der Hilfe braucht?
Welche Momente im Alltag geben mir Kraft oder Freude, auch wenn sie klein sind?
Was kann ich selbst beeinflussen oder gestalten?
Wie können andere Menschen mir nah sein, ohne dass zuvor etwas Schlimmes passieren muss?
Diese Fragen laden dazu ein, neue Erfahrungen von Selbstwirksamkeit, Verbundenheit und Identität zu entwickeln. Sie eröffnen die Möglichkeit, sich nicht nur als hilfsbedürftiger Mensch zu erleben, sondern auch als jemand, der Fähigkeiten besitzt, Beziehungen gestalten kann und trotz aller Belastungen Einfluss auf das eigene Leben nimmt.
Selbsttranszendenz eröffnet in diesem Prozess eine neue Perspektive. Sie bedeutet nicht, das Leiden zu verdrängen oder kleinzureden, sondern den Blick über das eigene Schicksal hinaus zu richten. Der Mensch fragt nicht mehr nur: „Was ist mir widerfahren?“, sondern auch: „Was kann ich trotz allem verwirklichen?“ oder „Wem kann ich mit meinen Erfahrungen dienen?“ Das Leid verliert dadurch nicht seine Bedeutung, aber es verliert seinen Alleinanspruch auf die Identität. Wir sind mehr als das, was uns zugestoßen ist. Unsere Würde gründet nicht in unserer Verletzlichkeit, sondern in der Freiheit, uns immer wieder neu zu unseren Lebensbedingungen zu verhalten. Gerade darin liegt die Möglichkeit, aus einer Identität des Leidens zu einer Identität der Eigenverantwortung, der Sinnorientierung und des inneren Wachstums zu gelangen.
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de
Foto: Frank Widmann R.I.P
Was ist Heimat? Ein vertrauter Ort, eine Landschaft, ein Haus, eine Sprache und vor allem die Menschen, durch die wir uns erkannt und angenommen fühlen? Heimat entsteht dort, wo wir uns zugehörig, verbunden geborgen, verstanden und getragen fühlen. Wenn die Menschen aus unserem Leben verschwinden, die für uns Heimat waren, entsteht eine grundlegende Frage: Lag unsere Heimat jemals wirklich in diesen Menschen oder haben sie uns nur für einen Moment in der Zeit das Gefühl gegeben eine Heimat zu besitzen? Waren es diese Menschen die uns das Gefühl gaben zuhause zu sein?
Ihr Verlust zeigt uns, dass Heimat niemals nur etwas
Äußeres war. Die Menschen, die uns Heimat gegeben haben, waren wie eine Brücke
zum Gefühl des Angekommenseins. Durch sie erfuhren wir eine Form von
Geborgenheit, die wir selbst nicht erzeugen konnten. Indem sie uns dieses
Gefühl schenkten, haben sie zugleich etwas in uns hinterlassen. Etwas, das bleibt
auch wenn sie gegangen sind. In uns. Und doch, auch wenn wir dieses Gefühl in uns
bewahren, unsere Heimat scheint uns verloren. Was bleibt ist die Sehnsucht, das Heimweh.
Es ist eine schmerzhafte Erfahrung, dass wir nichts, was uns Heimat gibt, dauerhaft festhalten können. Jeder Ort verändert sich, Beziehungen ändern ihre Form oder sind vergänglich, jeder Mensch, alles ist dem Wandel unterworfen. Wenn wir Heimat nur an das binden, müssen wir sie irgendwann verlieren. Und damit verlieren wir auch ein Stück unserer alten Identität. Wir fühlen uns nicht nur äußerlich heimatlos, sondern auch Innen. Wir fühlen uns lost. Wohin mit mir? Wer bin ich jetzt ohne meine Heimat?
Vielleicht liegt das Wesen von Heimat nicht in der Beständigkeit eines Ortes oder der Anwesenheit bestimmter Menschen, sondern in einer tieferen Beziehung zum Sein selbst. Heimat ist dann nicht etwas, das wir besitzen, sondern eine Art des In-der-Welt-Seins, ein Gefühl, mit dem eigenen Dasein verbunden zu sein. Die Menschen, die uns Heimat waren, haben uns einen Ort gegeben, sie haben uns erfahren lassen, wie es ist angekommen zu sein - bei ihnen, mit ihnen. Nun sind sie fort und es gibt nur noch ein „bei uns“, „mit uns“. Dann ist Heimat kein Platz und kein Gegenüber. Sie ist in uns selbst. Das, was bleibt, wenn alle äußeren Sicherheiten und Säulen verschwinden. Der Ort, an dem wir nicht mehr danach fragen müssen, wo wir hingehören, weil wir erkennen, dass wir bereits Teil dessen sind, wonach wir gesucht haben. Heimat ist dann nicht das, was wir niemals verlieren. Heimat ist das, was uns auch im Verlust noch ein Platz ist. Sie ist das, was uns von Innen hält, wenn sonst alles wegfällt.
Angelika Wende
Malerei: A.Wende
Jeder Mensch erlebt Zeiten, in denen er sich verletzt, überfordert oder ungerecht behandelt fühlt. Sich Unterstützung zu wünschen und den eigenen Schmerz ernst zu nehmen, ist menschlich und wichtig. Problematisch wird es jedoch dann, wenn aus einer Krise eine dauerhafte Opferhaltung entsteht. Menschen in einer Opferrolle erleben häufig, dass das eigene Leben von äußeren Umständen bestimmt wird. Sie fühlen sich hilflos und machtlos und haben wenig Selbstbewusstsein und zweifeln an ihrer Selbstwirksamkeit. Die Verantwortung für das eigene Leid wird dann überwiegend im außen gesehen, bei anderen Menschen, der Vergangenheit, den Eltern oder dem Schicksal. Dadurch entsteht das Gefühl, kaum Einfluss auf das eigene Leben zu haben. Das hat zur Folge, dass diese Menschen sich unbewusst einen Retter suchen, der ihre Probleme lösen soll.
Der Psychiater Stephen Karpman beschrieb dieses Muster mit dem sogenannten Drama-Dreieck.
Es besteht aus drei Rollen: Opfer, Retter und Verfolger. Diese Rollen wirken oft unbewusst zusammen und halten belastende Beziehungsmuster aufrecht. Das Opfer fühlt sich hilflos, ungerecht behandelt oder machtlos und hofft, dass jemand die Situation verändert. Der Retter springt ein, übernimmt Verantwortung und versucht Probleme zu lösen, oft weit über die eigenen Grenzen hinaus. Das Opfer wird zum Verfolger sobald seinen Erwartungen nicht erfüllt werden. Es kritisiert, macht Vorwürfe oder übt Druck aus. Das Entscheidende ist: Diese Rollen sind nicht fest. Menschen wechseln häufig zwischen ihnen.
Ein typischer Ablauf
Jemand fühlt sich als Opfer und sucht Hilfe. Eine anderer übernimmt die Rolle des Retters und investiert viel Zeit und Energie. Bleiben Veränderungen zum Guten aus, fühlt sich der Retter irgendwann frustriert und wird zum Verfolger. Es entstehen Vorwürfe wie „Du willst weiter klagen und dir nicht wirklich helfen lassen.“ Das Opfer fühlt sich dadurch erneut bestätigt: „Niemand versteht mich, niemand hilft mir.“ Der unheilsame Kreislauf beginnt von vorn.
Besonders der Retter glaubt oft helfen zu müssen, weil der andere so viel Hilflosigkeit zeigt und geht dabei über seine eigenen Grenzen.
Doch echte Unterstützung bedeutet nicht, einem Menschen seine Verantwortung abzunehmen. Wer dauerhaft rettet, nimmt dem anderen die Möglichkeit, eigene Lösungen zu entwickeln. Gleichzeitig erschöpft der Retter sich selbst, weil er eine Verantwortung trägt, die nicht seine ist.
Auch Selbstmitleid kann Teil dieses Kreislaufs sein.
Kurzfristig spendet es Trost und Verständnis für das eigene Leid. Bleibt es jedoch bestehen, richtet sich der Blick immer wieder auf das Leid, während Handlungsmöglichkeiten in den Hintergrund treten. Gespräche drehen sich um dieselben Probleme, Lösungsvorschläge werden als unmöglich erlebt, nicht umgesetzt oder zurückgewiesen. Das Umfeld fühlt sich zunehmend hilflos und überfordert.
Selbstmitleid wird übrigens häufig mit Selbstmitgefühl verwechselt, doch es gibt einen wichtigen Unterschied.
Selbstmitgefühl bedeutet, das eigene Leid anzuerkennen und sich selbst mit Verständnis, Geduld und Freundlichkeit zu begegnen. Es beinhaltet gleichzeitig die Bereitschaft, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Selbstmitleid dagegen hält an der eigenen Verletzung fest. Es richtet den Blick vor allem darauf, was einem an Ungutem widerfahren ist, wer schuld ist oder warum die eigene Situation besonders schwer erscheint. Es sucht nicht nach Entwicklung, sondern nach wiederholter Bestätigung des eigenen Leids. Gespräche drehen sich immer wieder um dieselben Verletzungen, während Lösungen, neue Perspektiven oder Eigenverantwortung schwer erreichbar erscheinen. Selbstmitgefühl fragt: „Was brauche ich, um mit dieser Situation gut umzugehen?“ Selbstmitleid fragt: „Warum passiert das immer mir?“Für das Umfeld kann dies belastend werden, weil Angehörige und Freunde zunehmend das Gefühl bekommen, emotional tragen zu müssen, was der andere selbst nicht tragen möchte. Der Ausstieg beginnt mit der Erkenntnis: Mein Schmerz verdient Mitgefühl, aber er darf nicht meine gesamte Identität bestimmen.
Der Ausstieg aus dem Drama-Dreieck beginnt dort, wo jeder seine eigene Verantwortung übernimmt.
Das bedeutet nicht, Schmerz oder Ungerechtigkeit zu leugnen. Es bedeutet für das Opfer, sich zu fragen: „Was kann ich selbst beeinflussen?“ Ebenso wichtig ist es, als Helfender zu erkennen, dass Unterstützung nicht bedeutet, das Leben eines anderen zu übernehmen oder ihn zu heilen.
Niemand kann einen anderen Menschen heilen
Man kann begleiten, zuhören, unterstützen und Liebe geben, aber die innere Veränderung muss immer von der betroffenen Person selbst ausgehen. Der Grund dafür liegt darin, dass Heilung und Veränderung keine äußeren Vorgänge sind, die ein anderer Mensch für uns erledigen kann. Jeder Mensch trägt seine eigene Geschichte, seine eigenen Erfahrungen, seine eigenen Gedanken- und Gefühlsmuster in sich. Nur er selbst kann diese Muster erkennen, neue Entscheidungen treffen und Verantwortung für den eigenen Entwicklungsprozess übernehmen. Ein anderer Mensch kann eine sichere Umgebung schaffen, Mut machen oder einen neuen Blickwinkel anbieten. Er kann jedoch nicht die Vergangenheit ungeschehen machen, innere Konflikte lösen oder die Selbstannahme eines anderen erzwingen. Wer versucht, einen anderen Menschen zu retten, übernimmt eine Aufgabe, die nicht erfüllbar ist und verliert dabei im Zweifel die Verbindung zu den eigenen Bedürfnissen und Grenzen. Bleiben Veränderungen aus oder werden Hilfsangebote immer wieder abgelehnt, kann der Retter frustriert reagieren und in die Rolle des Verfolgers wechseln. Es entstehen Distanz, Vorwürfe oder Ungeduld. Das Opfer fühlt sich dadurch erneut bestätigt: „Niemand versteht mich, niemand hilft mir.“ Der Kreislauf beginnt von vorne.
Auch Helfende dürfen lernen, dass Liebe und Unterstützung nicht bedeuten, einen anderen Menschen zu retten. Ein Retter kann begleiten, zuhören und ermutigen, aber er kann niemandem die eigene Entwicklung abnehmen.
Gesunde Beziehungen entstehen nicht zwischen Opfer und Retter, sondern zwischen zwei Menschen, die sich auf Augenhöhe begegnen. Hilfe darf stärken, aber nicht abhängig machen. Mitgefühl darf trösten, aber nicht in Selbstmitleid festhalten. Und Verantwortung darf geteilt werden, ohne sie dem anderen abzunehmen. Der Weg aus dem Drama-Dreieck führt nicht über Schuld oder Härte, sondern über Bewusstsein, Grenzen und Selbstverantwortung. Wer sein Leid anerkennt, ohne darin stecken zu bleiben, gewinnt die Möglichkeit zurück, das eigene Leben aktiv zu gestalten.
Wer darauf wartet, gerettet zu werden, gibt unbewusst die Verantwortung für sein Leben ab. Wer ständig andere rettet, verliert leicht sich selbst. Wirkliche Veränderung beginnt dort, wo Verantwortung und Mitgefühl zusammenfinden. Wahre Hilfe bedeutet nicht, jemanden zu retten. Wahre Hilfe bedeutet, einem Menschen zuzutrauen, dass er seinen eigenen Weg gehen und seine eigene Kraft wiederfinden kann.
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de
Foto: A.Wende