Foto: A.Wende
Montag, 1. Juni 2026
Zwischenwelt
Freitag, 29. Mai 2026
„Wie kann es sein, dass ich wieder bei etwas Ähnlichem lande?“
Zeichnung: A.W.
Eine ehemalige Co-Abhängige trennt sich von ihrem suchtkranken Partner. Kurz darauf lernt sie einen Mann kennen. Sie verliebt sich in ihn und später stellt sich heraus, dass der Vater des neuen Partners schwerer Alkoholiker ist.
Sie fragt: „Wie kann es sein, dass ich wieder in etwas Ähnlichem lande?“
Das wirkt tatsächlich seltsam oder fast schicksalhaft, psychologisch ist es aber gut nachvollziehbar. Menschen mit Co-Abhängigkeitsmustern entwickeln oft unbewusst eine starke Vertrautheit mit bestimmten Dynamiken - emotional instabile Beziehungen, Verantwortung für andere übernehmen, Retteridentifikation, ständige Wachsamkeit, Misstrauen sich selbst und anderen gegenüber, Scham – und Schuldgefühle, Angst vor Ablehnung und Verlust.
Wenn jemand sich aus einer Beziehung mit einem alkoholkranken Partner oder von einem suchtkranken Familenmitglied löst, verschwinden diese inneren Muster nicht automatisch sofort. Dann kann es leicht passieren, dass man sich kurz darauf wieder zu Menschen hingezogen fühlt, deren Lebensumfeld ähnliche emotionale Strukturen enthält, selbst wenn die neue Person selbst gar nicht alkoholabhängig ist.
Alkoholismus ist eine Familienkrankheit.
Sie ist ein systemisches Geschehen, nicht weil alle Familienmitglieder alkoholabhängig sind, sondern weil sich das gesamte emotionale System an die Sucht anpasst. Diese Muster können noch lange wirken, selbst wenn später kein Alkohol mehr im Alltag existiert. Genau darin liegt auch die Tragik von Alkoholismus: Die Krankheit betrifft nicht nur die konsumierende Person. Sie prägt das ganze System – also alle, die mit dem Süchtigen zu tun haben, sie prägt Beziehungen, Bindungsstile und das emotionale Klima über Generationen hinweg. Ein Vater mit schwerer Alkoholabhängigkeit bedeutet, dass der Sohn bestimmte Überlebensstrategien gelernt hat, die einem ehemaligen Co-Abhängigen vertraut vorkommen. Das heißt nicht automatisch, dass die neue Beziehung „ungesund“ ist, oder dass man bewusst ein Konstrukt sucht, das mit Alkoholismus zu tun hat. Aber es kann bedeuten, dass das Nervensystem und das Bindungsmuster noch auf „ vertraute emotionale Landschaften“ reagieren.
Unbewusstes erkennt Unbewusstes blind.
Menschen erkennen oft nicht gleich den Grund warum sie einander anziehend finden, sondern sie spüren etwas Vertrautes im emotionalen Grundgefühl. Das läuft blitzschnell, intuitiv und unbewusst ab. Unsere Bindungs- und Beziehungsmuster wirken selten logisch oder bewusst gewählt. Deshalb können sich zwei Menschen stark voneinander angezogen fühlen und erst später merken - beide kennen Chaos aus Beziehungen, beide übernehmen zu viel Verantwortung, beide fühlen sich für die Gefühle anderer zuständig, beide wollen sich kümmern, helfen oder retten.
Das „blind“ daran ist der Punkt: Das Unbewusste sucht eher Vertrautheit als emotionale Gesundheit.
Diese Vertrautheit fühlt sich zunächst wie Chemie, Tiefe, Seelenverwandtschaft oder Schicksal, selbst wenn die zugrunde liegenden Muster später schwierig werden. Das heißt nicht, dass jede Verbindung zwischen zwei co-abhängigen Menschen zwangsläufig problematisch ist. Wenn beide reflektiert sind, wenn sie wissen wo sie selbst aufhören und der andere anfängt, wenn sie Eigenverantwortung übernehmen, ihre Muster erkennen und sich gesund abgrenzen kann daraus sogar etwas sehr Bewusstes entstehen.
Nur wenn wir Muster erkennen, entsteht überhaupt erst Wahlfreiheit.
Entscheidend ist, dass die alten Dynamiken nicht unbemerkt übernommen werden, dass man sie erkennt und nicht in Automatismen zurückfällt, z.B. indem man den anderen Co-abhängigen retten will, wie ehemals den alkoholkranken Partner oder das suchtkranke Familienmitglied.
Solche Muster können gleichzeitig plausibel und irgendwie unheimlich wirken. Fakt ist: Viele ehemalige Co-Abhängige spüren eine starke Anziehung zu Menschen mit schwierigen Familiengeschichten. Sie haben dann das Gefühl, besonders verstanden zu werden, lassen sehr schnell intensive emotionale Nähe zu oder sie spüren den Impuls, wieder emotional Verantwortung zu übernehmen.
Der entscheidende Punkt um nicht in die Wiederholungsfalle zu geraten ist Wachsamkeit und Selbstbeobachtung. Das heißt: Habe ich heute Grenzen? Kann ich meine Bedürfnisse äußern? Kann ich ein klares Nein sagen, ohne mich schuldig zu fühlen? Muss ich retten oder reparieren? Fühlt sich die Beziehung ruhig und sicher an oder intensiv und vertraut-chaotisch? Kann die andere Person Verantwortung für sich selbst übernehmen und tut sie das auch in ihren Handlungen? Gibt es eine Divergenz zwischen Worten und Handlungen?
Das Problem ist also nicht „Der Vater des Mannes ist alkoholkrank, sondern – erkennt die Frau ihre Muster und die Dynamik in der neuen Beziehung? Kommunikationsstil, emotionale Reaktionen, Bedürftigkeit, Anpassungsverhalten, Unsicherheit, Fürsorglichkeit, Distanz-Nähe-Muster usw.
Gerade Menschen mit Co-Abhängigkeits-Erfahrungen haben häufig ein sehr feines Gespür für bestimmte emotionale Dynamiken.
Nicht im Sinne von: „Oha, der Vater ist Alkoholiker“, sondern eher: Mit dieser Person fühle ich mich sofort verbunden. Sie versteht mich auf eine besondere Weise. Sie ist empathisch, sie wirkt verletzlich. Ich möchte sie beschützen. Menschen aus suchtbelasteten Familien senden oft, ebenfalls unbewusst, bestimmte Signale: starke Anpassung, Harmoniebedürfnis, Schwierigkeiten mit Grenzen, emotionale Wachsamkeit, Verantwortungsgefühl für andere, Angst vor Konflikten oder vor Verlassenwerden.
Das kann sich gegenseitig „bekannt“ anfühlen, lange bevor jemand über Alkoholismus spricht. Also nicht der Alkoholismus im System selbst wird erkannt, sondern die vertraute emotionale Struktur dahinter. Erst später erkennt man dann die Parallelen. Beziehungen entstehen in den meisten Fällen eben nicht über bewusste Entscheidungen, sondern über alte emotionale Prägungen, Nervensystem, Bindungserfahrungen und Vertrautheit.
Deshalb fragen sich Menschen nach einer toxischen oder co-abhängigen Beziehung: „Wie kann das sein, ich lande immer wieder in ähnlichen Dynamiken, obwohl die Menschen völlig anders sind.“
Es ist weder Schicksal noch Pech, es passiert unterhalb der bewussten Ebene.
Donnerstag, 28. Mai 2026
„Spring – und das Netz wird sich auftun.“
Foto: A.W.
Montag, 25. Mai 2026
Schreiben kann viel für uns tun
Eine Klientin entdeckte für sich das expressive Schreiben nach James Pennebaker. Als sie von der Methode las, entstand in ihr die Hoffnung, dass sich traumatische Erfahrungen durch radikal ehrliches Schreiben emotional lösen könnten. Die Vorstellung, den Schmerz endlich vollständig ausdrücken zu können, erschien ihr wie ein möglicher Weg zur Befreiung.
Das expressive Schreiben nach dem US-Psychologen James Pennebaker ist eine wissenschaftlich belegte Methode, um belastende Gedanken, Traumata oder Stress abzubauen. Durch das freie, unzensierte Aufschreiben der eigenen Gefühle lassen sich emotionale Blockaden lösen, die mentale Gesundheit stärken und der Schlaf verbessern. Fragmentierte Erinnerungen, die noch nicht zu einer Geschichte geformt wurden, erfordern fortlaufend kognitive Ressourcen, um unterdrückt und verwaltet zu werden. Sie niederzuschreiben, ihnen eine Gestalt zu verleihen, scheint hingegen Kapazitäten freizusetzen. Das, wofür man noch keine Worte gefunden hat, ist nicht bloß emotional unvollendet.
Sie begann intensiv zu schreiben. Zunächst in einem Tagebuch, später immer umfassender. Schließlich entstand aus ihren Aufzeichnungen ein ganzes Buch, in dem sie ihre traumatischen Erfahrungen detailliert beschrieb. Sie hielt Erinnerungen fest, rekonstruierte Situationen, benannte Gefühle, analysierte Zusammenhänge und versuchte, dem Erlebten sprachlich eine Form zu geben.
Irgendwie erwartete sie: „Wenn ich endlich alles ausdrücke, bin ich frei.“ Doch am Ende des Schreibprozesses stellt sie fest, dass sich der innere Schmerz nicht aufgelöst hatte. Die Erinnerungen existieren weiterhin, ebenso die emotionale Belastung. Sie erlebte dies als tief enttäuschend und sagt: „Ich habe meine Traumata in einem ganzen Buch aufgeschrieben. Nichts. Es hat sich nicht gelöst.“
Im weiteren Verlauf unserer Sitzungen Verlauf wird deutlich, dass traumatischer Schmerz häufig nicht allein durch sprachliche Verarbeitung verschwindet. Das Problem liegt dabei nicht in fehlender Erinnerung oder mangelnder Einsicht. Im Gegenteil: Die Klientin kannte ihre Geschichte und was sie mit ihr gemacht hat bis ins Detail. Dennoch blieb etwas in ihr unverändert verletzt.
Heißt das jetzt, Schreiben hilft nichts? Nein, das heißt es nicht. Ich bin absolut für das Schreiben. Schreiben ist eine Form von Therapie. Schreiben ist heilsam.
Schreiben kann
Ordnung schaffen,
Zeugenschaft geben,
Sprachlosigkeit beenden,
Eingedrücktes ausdrücken,
Erinnerung strukturieren.
Kohärenz herstellen,
Kreativität fördern,
Selbstausdruck, Selbstbewusstsein und Selbstkenntnis fördern,
belastende Gedanken und Stress abbauen,
emotionale Blockaden lösen,
die mentale Gesundheit stärken.
Schreiben kann so viel für uns tun.
Aber Trauma ist nicht nur Erinnerung, die wir in Worte fassen. Es zeigt sich auch im Nervensystem, in körperlichen Alarmreaktionen, in Scham- und Schuldgefühlen, in Ängsten, Hilflosigkeit, Erstarrung, Rückzug, Selbstisolation, Misstrauen, innerer Übererregung und tief verankerten Beziehungserfahrungen. Und es ist möglich, dass eine Methode einfach nicht zu uns passt. Das ist kein persönliches Versagen, es sagt nur, dass jeder von uns etwas anderes braucht um zu genesen. Was dem einen hilft, hilft dem anderen eben nicht.
Meine Klientin erkannte allmählich: Man kann ein Trauma intellektuell vollständig verstanden haben und dennoch emotional und körperlich darin feststecken. Das Schreiben hat ihre Erfahrungen zwar strukturiert und sprachlich zugänglich gemacht, den Schmerz und die Angst, hat es jedoch nicht beseitigt. Es hatg Ordnung geschaffen und der Sprachlosigkeit etwas entgegengesetzt, aber keine tiefe Erlösung gebracht. Besonders schmerzhaft war für sie die Erkenntnis: „Jetzt habe ich alles vollkommen beschrieben und es tut trotzdem weh.“Sie hatte gehofft, dass maximale Ehrlichkeit und radikale Konfrontation irgendwann zur Befreiung führen würden. Stattdessen muss sie erkennen, dass Trauma sich nicht einfach „wegschreiben“ lässt.
Im weiteren Verlauf unserer Gespräche verändert sich ihre Vorstellung von Heilung. Heilung bedeutete nun weniger: „Der Schmerz verschwindet“, sondern: Meine Erinnerungen überwältigen mich weniger oft, mein Körper findet Phasen der Ruhe, ich bin nicht permanent im Alarmzustand, es gibt wieder Momente von Freude und Lebendigkeit, ich kann wieder Entscheidungen für mich selbst treffen und der Schmerz bestimmt nicht mehr jede Minute meines Bewusstseins.
Trauma erschien ihr schließlich weniger wie eine Geschichte, die gelöst werden muss, sondern wie eine reale Verwundung. Eine körperliche Narbe verschwindet schließlich auch nicht vollständig, nur weil wir ihre Geschichte exakt erzählen können. Zudem wurde ihr klar, dass sie das intensive Schreiben über die schmerzhafte Vergangenheit lange Zeit sehr nah an der Verletzung gehalten hat, fast wie in einer dauerhaften Wiederaktivierung des Traumas. Verarbeitung bedeutet nicht immer zwangsläufig maximale Konfrontation und ewiges Durcharbeiten. Wenn sich ein Trauma nicht lösen kann, löst es sich nicht. Auch das dürfen wir anerkennen. Und das bedeutet nicht wir haben versagt. Es bedeutet, da ist etwas maximal Erschütterndes geschehen, das wir nicht loswerden und mit dem wir zu leben lernen müssen, was wir in unsere Ganzheit integrieren müssen, statt ewig mit allen Mitteln dagegen anzukämpfen.
Langsam
gelang es meiner Klientin, innerlich etwas anderes zu erfahren:
„Ich muss diesen Schmerz nicht lösen.“ Sie hat das nicht als Heilung erlebt, sondern
als das Ende eines permanenten inneren Kampfes. Der Schmerz ist nicht
verschwunden. Aber er beginnt allmählich, seine absolute Macht über sie zu
verlieren.
Heilung bedeutet nicht unbedingt und immer vollständige emotionale Reinigung, sondern die Fähigkeit, neben dem Schmerz wieder uns selbst und das Leben wahrnehmen zu können und es zu gestalten. Meine Klientin schreibt weiter, ohne Erwartungen damit zu verknüpfen.
Kontakt: aw@wende-praxis.de
Freitag, 22. Mai 2026
Die Seele hungert nicht nach Perfektion, sondern nach Wahrheit
Viele Menschen leidet nicht zuerst an der Welt, sondern an sich selbst. An den Stimmen in ihrem Inneren, die niemals verstummen. An den Erinnerungen, die sie festhalten, den Geschichten über sich selbst, die sie sich wieder und wieder erzählen, an den Erwartungen, die sie an sich selbst, an andere und das Leben haben, an den Annahmen darüber wie die Dinge zu sein haben und an der Sehnsucht, jemand anderes sein zu wollen als der, der sie sind.
Die meisten Menschen verbringen ihr Leben damit, vor sich selbst zu fliehen. Sie suchen Ablenkung und Betäubung, verlieren sich im Denken statt im Fühlen, im Vergleichen, im Ehrgeiz, im Haben, in Beziehungen, in Selbstidealisierung oder in Projektionen auf andere. Alles scheint leichter, als still zu werden und dem eigenen Inneren zu begegnen. Denn dort wartet oft etwas Unangenehmes: Unsicherheit, Angst, Leere, Einsamkeit, Schmerz, Trauer oder das Gefühl, nie genug zu sein und nie genug zu haben. Sie bauen Fassaden, während in ihnen etwas Zerbrechliches um Anerkennung und Frieden ringt. Das Tragische daran ist, dass viele erst dann merken, wie fremd sie sich selbst sind, wenn die Maske Risse bekommt.
Wir alle tragen die Fähigkeit in uns, uns selbst zu erschaffen, aber auch, uns selbst zu zerstören. Vielleicht liegt genau darin das tiefste Leiden - dass der Mensch gleichzeitig derjenige ist, der Heilung sucht, und derjenige, der sich selbst immer wieder verletzt.
Die Seele hungert nicht nach Perfektion, sondern nach Wahrheit. Wahrheit bedeutet, sich selbst ohne Ausreden zu sehen. Das ist schwerer, als gegen jede äußere Krise zu kämpfen.
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de
Donnerstag, 21. Mai 2026
Alt genug für die Schublade
Mittwoch, 20. Mai 2026
Wenn Konflikte ungelöst bleiben – vom Versuch der Verständigung zum inneren Frieden


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