Donnerstag, 16. April 2026

Der schwere Weg vom Selbsthass zur Selbstannahme

 



In meiner Arbeit begegnen mir immer wieder Menschen, die sich selbst ablehnen. Diese Selbstablehnung äußert sich häufig in Form eines stabil negativen Selbstschemas, das durch wiederkehrende selbstabwertende Gedanken, dysfunktionale Überzeugungen und eine verzerrte Selbstwahrnehmung geprägt ist.
Die Entstehung solcher Schemata lässt sich meist auf frühe Beziehungserfahrungen zurückführen, in denen Kritik, Abwertung, Beschämung, emotionale Zurückweisung, oder inkonsistente Bindungserfahrungen internalisiert wurden. Aus diesen Erfahrungen entwickeln sich tief verankerte Grundannahmen über das eigene Selbst, etwa im Sinne von „Ich bin nicht wertvoll“ oder „Ich genüge nicht“. „Ich bin falsch.“
Diese inneren Überzeugungen führen in der Folge zu kognitiven Verzerrungen. Dazu zählen unter anderem: selektive Aufmerksamkeit für negative Reize, dichotomes Denken, Dramatisieren oder Katastrophisieren. Eigene Fehler und Unzulänglichkeiten werden übergeneralisiert und dann als Bestätigung der negativen Selbstannahmen interpretiert, während positive Erfahrungen systematisch entwertet, nicht wahrgenommen oder ausgeblendet werden. Gleichzeitig wird verglichen – sich selbst mit anderen, die besser sind, es besser machen, es besser haben. Soziale Vergleiche, verstärkt durch idealisierte Selbstdarstellungen in den digitalen Medien, tragen zur weiteren Destabilisierung des sowieso schon fragilen Selbstwertgefühls bei.
 
In einer intensivierten Ausprägung kann Selbstablehnung zu Selbsthass werden. Psychologisch gesehen handelt es sich dabei um eine affektiv stark aufgeladene Form der Selbstabwertung, bei der sich die negative Bewertung nicht mehr auf bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen beschränkt, sondern auf das gesamte Selbstbild.
Selbsthass ist immer mit harten, abwertenden und strafenden inneren Dialogen verbunden - eine internalisierte Form äußerer Kritik. Obwohl vielen Betroffenen bewusst ist, das destruktive Selbstgespräche nicht hilfreich sind, haben sie eine Funktion. Paradoxerweise erfüllen sie kurzfristig eine Schutzfunktion, indem sie eine antizipierte Abwertung durch das Außen vorwegnimmt und so ein Gefühl von scheinbarer Kontrolle oder Vorhersehbarkeit vermittelt. Das Unterbewusstsein ist tricky!
Wer sich selbst permanent abwertet, glaubt unbewusst, sich vor Ablehnung zu schützen oder sich zu besserer Leistung anzutreiben.
Gibt man Betroffenen positive Rückmeldungen, schenkt man ihnen Wertschätzung oder betont man ihre Stärken und Erfolge werden sie relativiert oder entwertet, während negative Erfahrungen überbetont werden. Dadurch stabilisiert sich der Selbsthass dann weiter, auch wenn objektiv widersprechende Erfahrungen vorliegen.
 
Die psychischen Folgen von Selbsthass sind erheblich.
Es kommt zu einer dauerhaften Aktivierung des Stresssystems. Selbsthass begünstigt die Entwicklung affektiver Störungen, insbesondere depressiver Symptomatik, Zwangs- und Angststörungen. Selbsthass und Selbstabwertung führen zu einer immer weiteren Erosion des Selbstwertgefühls und beeinträchtigt die Fähigkeit zur Emotionsregulation. Nicht selten führt er zu selbstschädigenden Verhaltensweisen, zu Süchten, zu innerem Rückzug, sozialer Vermeidung und erhöhter Angst, zu Misstrauen, Angst von Nähe und Angst vor Zurückweisung. Wer sich selbst hasst, neigt zur Selbstbestrafung, zur Selbstsabotage und missachtet seine eigenen Bedürfnisse.
Er ist es sich selbst ja nicht wert.
 
Was ich immer wieder erlebe ist, dass sich viele Betroffene ihres Selbsthasses nicht bewusst sind. Wären sie es, würden sie wohl vor sich selbst erschrecken. 
Statt ihn als solchen zu erkennen, erleben sie ihre Gedanken als objektive Realität. Der destruktive innere Dialog wird nicht als erlerntes Muster wahrgenommen und erkannt, sondern als „wahr“ oder sogar als „gerechtfertigt“. Selbsthass wird so leicht nicht erkannt, weil er sich in subtilen Formen zeigen - etwa in übermäßiger Selbstkritik, wenig Achtsamkeit gegenüber dem eigenen Körper, Perfektionismus, dem ständigen Gefühl, sich vergleichen und beweisen zu müssen, oder in der Tendenz, eigene Bedürfnisse und Wünsche systematisch zu übergehen und dem Drang zu funktionieren und zu leisten – für andere. Gerade diese verdeckten Ausdrucksformen erschweren es, die zugrunde liegende Dynamik zu erkennen. 
 
Selbstablehnung und Selbsthass sind erlernt. Und weil es sich um erlernte und aufrechterhaltene Muster handelt, sind sie veränderbar.  
Im ersten Schritt ist es hillfreich, dysfunktionale Überzeugungen zu identifizieren, zu modifizieren und durch realistischere und selbstwertdienlichere Bewertungen zu ersetzen. Es ist wesentlich die internalisierte kritische innere Instanz als solche erkennbar zu machen und sie systematisch zu hinterfragen. Das Problem dabei ist: Selbstannahme wird von Betroffenen nicht selten als riskant erlebt.
Sie kann sich ungewohnt, „unehrlich“ oder sogar bedrohlich anfühlen, weil sie die bisherigen inneren Überzeugungen infrage stellt und am Selbstbild kratzt, was ziemlich unangenehm ist.
Vielen Betroffenen fällt es schwer neue hilfreichere Überzeugungen zu fühlen und emotional zu verankern. Selbst wenn sie kognitiv wissen, dass die eigene Selbstabwertung zerstörerisch ist, bleibt das emotionale Erleben oft unverändert. Das führt zu einem inneren Spannungszustand. Dann kommen Sätze wie: „Ich weiß ja, dass ich mich nicht hassen sollte, aber ich fühle es trotzdem.“ Nach dem Faust´chen: "Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube" - der emotionale, in dem Fall. Das erschwert nachhaltige Veränderung erheblich.
Zudem ist Selbsthass ist häufig mit Scham verknüpft, einem Gefühl, das zur Vermeidung tendiert. Scham führt dazu, dass Menschen sich zurückziehen, sich weniger mitteilen und damit auch weniger korrigierende Beziehungserfahrungen machen. Dadurch fehlen dann genau die zwischenmenschlichen Rückmeldungen, die für die Entwicklung von Selbstannahme zentral wären.
 
Wenn Selbsthass über lange Zeit präsent war, wird er zu einem Teil des Selbstbildes. Eine Veränderung bedeutet dann nicht nur, destruktive Gedanken zu identifizieren und zu korrigieren, sondern das ganze Selbstverständnis neu zu strukturieren. 
Dieser Prozess kann Unsicherheit auslösen, weil er mit dem Verlust von etwas Vertrautem einhergeht. Zudem hängt unser Gehirn am Vetrauten. Der Weg von Selbsthass zu Selbstannahme ist kein linearer Prozess. Er erfordert nicht nur kognitive Einsicht, sondern wiederholte emotionale Erfahrungen, die im Widerspruch zum alten Selbstbild stehen, sowie die Bereitschaft, bestehende innere Überzeugungen immer wieder zu hinterfragen und zu verändern. Das ist Arbeit und die ist anstrengend und wenn es anstrengend wird, neigen viele Menschen dazu, beim Vertrauten zu bleiben, selbst wenn es weh tut.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de
 
Malerei: A.Wende

Mittwoch, 15. April 2026

Wenn die Kindheit Spuren hinterlässt – komplexe PTBS erkennen und verstehen

 

                                                           Malerei: A.Wende


Wenn ein Kind über längere Zeit Missbrauch oder Vernachlässigung erlebt, bleibt das nicht in der Vergangenheit zurück. Die Erfahrungen prägen bis ins Erwachsenenalter. Die sogenannte komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS) beschreibt genau diese tiefen und vielschichtigen Folgen. Sie betrifft nicht nur einzelne Symptome, sondern das gesamte innere Erleben, Gefühle, Selbstbild, Beziehungen und sogar das Verständnis von sich selbst und Welt. 
 
Viele Betroffene haben große Schwierigkeiten, ihre Gefühle zu fühlen und/oder sie zu regulieren. Sie fühlen sich schnell überwältigt, leer, innerlich erstarrt oder innerlich abgeschnitten. Nicht selten kommt es auch zu einer Art innerer Taubheit, weil das Nervensystem, in der Absicht zu schützen, alles runterzufährt. Es schaltet das Fühlen ab, um zu überleben. Häufig ist auch das Selbstbild stark geprägt von Scham, Schuld oder dem Gefühl, „falsch“ zu sein. Nähe zu anderen wird sehnsüchtig gewünscht und zugleich als beängstigend empfunden. Es kommt zu Gedanken wie: Wenn ich Nähe zulasse werde ich nur wieder enttäuscht und verletzt. Also bleibe ich allein. Die Folgen sind: emotionaler Rückzug, Selbstisolation, Abschalten - ein Verschwinden im eigenen Schutzraum. Viele Betroffene sind zutiefst erschöpft, aber sie können sich nie wirklich entspannen. Sobald sie zur Ruhe kommen werden sie innerlich unruhig. Sodass sogar Ruhe als Bedrohung empfunden wird. Mit der Zeit kann sich eine Trauma-Identität entwickeln, das Gefühl, dass die frühen Verletzungen das ganze Ich bestimmen. Sprich: der ganze Mensch identifiziert sich mit dem Trauma der Kindheit. 
 
Warum die kPTBS so oft übersehen wird
Obwohl belastende Kindheitserfahrungen bei vielen psychischen Problemen im Erwachsenenalter eine große Rolle spielen, werden sie in Therapien nicht immer erkannt. Stattdessen bekommen Betroffene fälschlicherweise häufig Diagnosen wie Angststörung, Depression, eine bipolare, zwanghafte, narzisstische, abhängige oder eine Borderline-Persönlichkeitstörung diagnostiziert. Was nicht heißt, dass kPTBS nicht mit diesen Störungen zusammen auftreten kann. All diese Diagnosen können zwar zutreffen, aber sie erklären oft nicht die eigentliche Ursache: das Trauma.
Auch Süchte können entstehen. Für viele ist es ein Versuch, den inneren Schmerz zu dämpfen, Gefühle zu betäuben oder überhaupt etwas zu fühlen. Was von außen wie Problemverhalten aussieht, ist oft der verzweifelte Versuch, mit dem Unerträglichen irgendwie umzugehen.
All diese Reaktionen sind keine Schwäche.
Es ist die verzweifelte Anpassung an Umstände, die für ein Kind unerträglich waren, ein Ausdruck dessen, wie ein Kind versucht, mit etwas Untragbarem zurechtzukommen und unter extremen Bedingungen versucht zu überleben.
 
Wenn Hilfe nicht greift
Wenn die tieferliegenden Ursachen nicht erkannt und das Trauma nicht bearbeitet wird, nutzt Therapie wenig bis nichts. Daher fühlen sich viele Betroffene in Therapien nicht gesehen und missverstanden. Manche verlieren das Vertrauen und geben die Hoffnung auf, dass ihnen überhaupt jemals geholfen werden kann. Sie fühlen sich, wie damals, im Stich gelassen und reagieren mit Misstrauen oder genereller Ablehnung auf Therapien. Manche von ihnen verzweifeln an der Vorstellung, dass sie derart gestört und kaputt seien, dass es niemals besser wird. Dieses Gefühl entsteht genau daraus, dass die eigentlichen Wunden nicht gesehen werden.
 
Wie man typische Merkmale der kPTBS erkennt
Viele Betroffene erleben immer wieder ...
starke emotionale Rückfälle
Albträume
starke innere Anspannung bei bestimmten Auslösern (Triggern)
Vermeidung von Situationen, die erinnern könnten
tief sitzende Scham udn Schuldgefühle
die Tendenz, sich selbst zurückzustellen oder aufzugeben
eine sehr harte, abwertende, kritische innere Stimme
ein negatives Selbstbild
Misstrauen, Angst vor Nähe und zwischenmenschlichen Beziehungen
 
Ein besonders deutliches Merkmal sind sogenannte emotionale Flashbacks. 
Dabei werden nicht unbedingt konkrete Erinnerungen wach, sondern intensive Gefühle. Plötzlich ist da wieder die alte Angst, die Einsamkeit, die Verlassenheit, die Scham oder die Verzweiflung des Inneren Kindes. Viele Betroffene beschreiben es so, als würden sie sich wieder wie das hilflose, verletzte Kind von damals fühlen, ohne genau sagen zu können, warum.
Wenn der Schmerz Wege sucht
Manche Betroffene entwickeln Verhaltensweisen wie Selbstverletzung oder andere selbstschädigende Muster. Auch Suizidgedanken sind nicht selten. So schwer das zu verstehen ist: Es geht dabei nicht darum, sich bewusst selbst schaden, sondern darum, mit überwältigenden Gefühlen umzugehen oder überhaupt etwas zu spüren.
Auch Gefühle wie Trauer, Scham, Schuld oder Wut spielen eine große Rolle. Häufig sind sie so belastend udn unaushaltbar, dass sie unterdrückt oder nicht bewusst wahrgenommen werden, gechweige denn in Worte zu fassen sind. All diese Strategien waren früher überlebenswichtig. Heute schränken sie das Leben massiv ein. Sie erschweren nicht nur die Beziehung zum eigenen Selbst, sondern auch zwischenmenschliche Beziehungen.
 
Wichtig zu wissen
Die Folgen eines Kindheitstraumas sind keine Zeichen von Schwäche oder „Kaputt sein“. Sie sind absolut nachvollziehbare Reaktionen auf das Unerträgliche, das ein Kind nicht allein bewältigen konnte.  
Und auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlt, die alten Muster können verstanden, aufgearbeitet und Schritt für Schritt verändert werden. Die alten Anpassungsreaktionen können, weil sie erlernt wurden, wieder verlernt oder vermindert und durch neue gesunde Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster ersetzt werden. 
 
Was ist das Ziel
Das Ziel ist nicht, das Erlebte loszuwerden oder zu vergessen, als wäre nie etwas passiert. Das funktioniert nicht. Das Ziel ist Integration. Integration bedeutet, dass das Trauma einen Platz bekommt, aber nicht mehr das ganze Leben bestimmt. Dass die Vergangenheit als Teil der eigenen Geschichte (an)erkannt wird, ohne die Gegenwart zu beherrschen. Es bedeutet, dass Erinnerungen nicht mehr überwältigen, sondern gehalten werden können. Dass Gefühle gefühlt werden können, ohne zu überfluten. Dass innere Anteile, die verletzt wurden, gesehen und verstanden werden, statt verdrängt oder bekämpft.
Integration heißt auch, zu lernen, sich selbst anders zu begegnen: mit Verständnis statt Härte und Selbstverurteilung, mit Selbstmitgefühl statt Schuld und Scham. Die alten Muster verlieren dann langsam ihre Macht. Nicht, weil sie falsch waren, sondern weil sie nicht mehr gebraucht werden. Aus einem ständigen Überlebensmodus kann Schritt für Schritt wieder ein Leben werden, das mehr ist als nur Überleben. 
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Montag, 13. April 2026

Das Leben "macht" gar nichts

 


Das Leben macht nichts.
Es plant nicht, es urteilt nicht, es verletzt nicht, es meint nichts persönlich, es ist nicht gerecht und nicht ungerecht, es straft nicht, es belohnt nicht.
Es ist einfach. 
 
Es geschieht. Gleichgültig gegenüber dem, was wir uns wünschen oder fürchten.
Und doch fühlt es sich oft anders an.
Als würde eine äußere Macht gegen uns arbeiten oder für uns.
Als würde eine äußere Macht die Verantwortung für uns übernehmen oder nicht.
Aber das Leben selbst trägt keine Absicht in sich.
Es ist weder freundlich noch grausam.
Es ist.
 
Das Leben beinhaltet Erleben.
Durch unsere Erfahrungen, unser Denken, unsere Entscheidungen, unser Handeln und unser Nicht-Handeln, durch unsere Taten, erleben und gestalten wir Leben.
In den Bedeutungen, die wir geben,
dem Sinn, den wir verleihen,
in den Gefühlen, die wir fühlen,
in den Geschichten, die wir daraus machen und uns erzählen.
 
All das machen wir.
Nicht das Leben.
Das Leben macht gar nichts.
Es ist einfach.

Samstag, 11. April 2026

Wovor schützt mich mein Festhalten eigentlich?

 

                                                                                   Foto: A.Wende

 
Wir alle müssen irgendwann Irgendetwas Loslassen. 
Das ganze Leben ist im Grunde eine Übung im Loslassen. Eine schwere Übung für die meisten von uns.
Loslassen fällt uns so schwer, weil es tief gegen die grundlegende Funktionsweise unserer Psyche arbeitet. Unser Gehirn ist darauf ausgerichtet, Sicherheit und Stabilität zu bewahren. Alles, was vertraut ist, vermittelt uns das Gefühl von Kontrolle, selbst dann, wenn es uns eigentlich nicht guttut. Das Unbekannte hingegen bringt Unsicherheit mit sich und wird als Bedrohung und Gefahr interpretiert. Deshalb halten wir eher an dem fest, was vertraut und bekannt ist, als uns auf etwas einzulassen, dessen Ausgang wir nicht abschätzen können. Loslassen bedeutet: wir müssen die Kontrolle aufgeben. Da wir aber so konditioniert sind, alles im Leben zu planen und abzusichern, entsteht innerer Widerstand, wenn die Dinge anders laufen als erwartet. 
 
Je größer der innere Widerstand, je stärker wir festhalten wollen, desto schwerer und schmerzhafter ist das Loslassen.
Obwohl das Festhalten auf Dauer belastend und sinnlos ist, weil wir nichts festhalten können, was uns längst verlassen hat, wirkt es kurzfristig leichter, als uns bewusst mit dem Schmerz des Loslassens auseinanderzusetzen und ihn anzunehmen. Wir wollen Schmerz vermeiden. Genau deshalb ist Loslassen weniger eine Frage des Wollens als vielmehr ein Prozess, der Zeit, Geduld, innere Verarbeitung und auch bewusste Auseinandersetzung mit dem inneren Widerstand erfordert.
Widerstand lässt sich nicht auflösen, indem man ihn bekämpft, im Gegenteil, er wächst. Psychologisch gesehen ist er eine Schutzreaktion unserer Psyche. Es ist ein Teil in uns, der versucht uns vor belastenden Gefühlen wir Schmerz, Wut, Trauer oder Verzweiflung zu schützen. Wenn wir dann gegen diesen Teil ankämpfen, fühlt er sich bestätigt und hält noch stärker fest.
 
Was hilft um den Widerstand sanft zu lösen?
Es ist hilfreich den Widerstand nicht als Gegner zu sehen, sondern als etwas, das verstanden werden will. Hinter ihm liegt immer Angst: Angst vor Verlust, vor Leere, vor Sinnlosigkeit, vor Bedeutungslosigkeit, vor Einsamkeit, Angst davor, dass der Schmerz beim Loslassen so groß wird, dass wir ihn nicht bewältigen können.
Hilfreich ist es auch uns zu fragen: Wovor schützt mich mein Festhalten eigentlich?
Dann verschiebt sich der Fokus – weg vom Kämpfen, hin zum Verstehen.
 
Es geht darum den inneren Konflikt bewusst wahrzunehmen. Ein Teil will loslassen, ein anderer hält fest. Beide Teile haben ihre Berechtigung. 
Der Widerstand wird schwächer, wenn er nicht mehr unterdrückt oder bekämpft wird, sondern Raum bekommt. Das bedeutet, uns innerlich einzugestehen, dass dieser Teil, der festhält, noch nicht bereit ist loszulassen. Er braucht Zeit und die dürfen wir ihm geben. Das nimmt Druck raus.
Widerstand entsteht oft, weil wir uns zu schnell zu viel abverlangen, weil wir zu schnell Lösungen wollen, weil wir keine Geduld haben die Dinge zu durchleben und weil wir uns nicht schlecht fühlen wollen. 
 
Loslassen ist kein willentlicher Akt, keine Entscheidung, die wir kontrollieren können, sondern ein innerer Prozess in vielen kleinen Schritten. 
Das zu akzeptieren ist wichtig um den Widerstand zu besänftigen. Wir müssen nicht auf Kommando loslassen, es reicht innerlich schrittweise Distanz zu schaffen und Raum für eine neue Perspektive zuzulassen, fernab der alten Vorstellungen und Erwartungen, die wir haben, von dem, wie unser Leben zu sein hat. Widerstand hält sich an Vorstellungen, Erwartungen, Erinnerungen oder Hoffnungen fest. Je klarer wir erkennen, was tatsächlich ist, ohne es zu beschönigen oder zu dramatisieren, desto mehr verliert der Widerstand nach und nach seine Argumente und seine Macht.
 
Widerstand löst sich nicht durch Druck, sondern durch das Gefühl von Sicherheit.  
Wenn unser Inneres spürt, dass es den Schmerz des Loslassens aushalten kann und wir nicht daran zerbrechen, wird das Festhalten langsam überflüssig. Dann ist Loslassen nicht Zwang, sondern Entwicklung - ein fließender Anpassungsprozess, in dem wir Schritt für Schritt lernen, das, was wir festhalten wollen, innerlich zu verarbeiten und es zu verabschieden.
 
It hurts.
Okay, let it hurt. 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Montag, 6. April 2026

Irrglaube

 

                                                                                 Malerei: A.Wende

 
Uns wird diese Lüge eingeredet, dass guten Menschen Gutes widerfährt. 
Dass das Leben gut zu uns ist, wenn wir gut, großzügig, liebevoll, sanft und fürsorglich sind. Doch das Leben ist nicht immer gut. Manchmal ist es ungut, während wir immer noch versuchen, gut zu sein. Wir glauben, wenn wir genug lieben werden wir wiedergeliebt. Wir glauben, wenn wir gut sind, sind andere gut zu uns. Dieser Glaube ist ein Irrglaube. Egal wie gut wir sind, das Ungute und das Gute existiert nebeneinander. Nichts ist jemals nur eine Sache. Besser wir lernen beides anzunehmen als das, was es ist: Leben.

Sonntag, 5. April 2026

Gelebte Liebe

 

                                                                                   Malerei: A.Wende


Heute feiern wir Ostern, das Fest der Auferstehung Jesu. Die Wiedergeburt des Gottessohnes – ein Sieg über den Tod. Mit dem Auferstehungsglauben verbindet sich für viele gläubige Menschen die Hoffnung, dass der Tod nicht das letzte Wort über das Leben behält, dass unser Dasein nicht endlich ist, dass es mehr gibt als dieses eine Leben, das mit dem Tod endet. Jesus selbst ist das Licht der Welt, das mit der Osterkerze in die Kirche hineingetragen wird. Jesus ist Liebe und Frieden – ein Licht im Dunkel.
 
Liebe und Frieden.
Diese Worte erscheinen mir an diesem Ostersonntagmorgen wie etwas Zerbrechliches. Wo ist die Liebe ? Die Menschenliebe, die Nächstenliebe? Die Selbstliebe? Wo ist der Frieden?
„Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen“, steht im Korinther 13 zu lesen. Zweifel legen sich über diesen Satz, wie ein Schatten, der immer länger wird. Diese drei werden immer leiser in unserer Welt.
Zu viel stellt die Liebe in Frage. Zu viel erschüttert den Glauben. Zu wenig nährt die Hoffnung. Es herrscht Krieg in der Welt. Aufrüstung, Worte verhärten sich, Grenzen ebenso. Eskalation statt Deeskalation. Zerstörung statt Frieden. Es ist, als hätte sich etwas verschoben in der Welt – und in uns. Die Hoffnung tastet im Dunkeln. Sicherheit wird zu einer Erinnerung. Wir spüren es, auch wenn wir es nicht immer laut aussprechen. Eine Unruhe, die bleibt. Eine Angst, die wächst. Der Glaube wird brüchig. Der Boden unter uns gibt nach.
 
Was bleibt?, frage ich mich, dort, wo Dunkelheit sich ausbreitet.
Was bleibt, ist die Liebe … „die Liebe ist die größte unter ihnen“.
Sie ist kein Versprechen. Kein schneller Trost. Eher ein leises, beharrliches Dagegenhalten. Die Liebe ist das Einzige, woran wir uns halten können, wenn das Verlässliche zerfällt und das Dunkle wütet.
Aber reicht sie?
Kann sie retten? Kann sie heilen, was zerbrochen ist? Kann sie das Leid abwenden, den Frieden hervorbringen?
Unsere Wirklichkeit sagt: nein. Nicht in dem Maße, wie wir es uns ersehnen. Nicht so, dass das Dunkel weicht. Und dennoch - ohne Liebe ist alles nichts.
Sie stellt sich der Angst entgegen. Still, sanft aber unnachgiebig. Die Liebe setzt dem Dunkel kein Ende, aber sie setzt ihm etwas entgegen. Vielleicht liegt darin ihre stärkste Kraft, dass sie bleibt, auch wenn nichts mehr sicher ist und die Angst wächst wie eine giftige Pflanze und uns betäubt, mutlos und ohnmächtig macht. Liebe zeigt sich im Kleinen: im ersten Grün der Bäume, in der Schönhei der Dinge, in unserem Atem, der kommt und geht, ohne unser Zutun. Im Lächeln eines Kindes. In der Wärme einer Umarmung. In einer Geste der Güte und Menschlichkeit. Sie zeigt sich in dem, was uns trägt und hält, in dem, was wir lieben. In geliebten Menschen, in Verbundenheit, in einer Vision, die wir nicht aufgeben. In jedem „Trotzdem“, das in uns lebt, selbst dann, wenn alles dagegen spricht.
Das ist Liebe zum Leben. Solange wir leben. 
 
Liebe zum Leben ist ein Ja.
Kein lautes, aber ein entschiedenes. Ein Ja, das auf(er)steht. Immer wieder. Auch im Dunkel. Gerade dort. Und was das Leben über den Tod hinaus angeht – es entzieht sich uns. Was bleibt, ist das Hier und Jetzt. Und die Frage, wie wir darin leben wollen. In Liebe, oder ohne sie. Im Krieg oder im Frieden, mit uns selbst und unseren Nächsten. Liebe nimmt hier ihren Anfang - in uns selbst, für uns selbst. Weil wir nur weitergeben können, was in uns lebendig ist. Weil ein Herz, das sich sich selbst verschließt, auch dem Anderen nicht offen begegnen kann. Weil Güte, die wir uns selbst verweigern, nicht dem Anderen gegeben werden kann. Erst wenn wir uns selbst mit liebevoller Güte annehmen, mit Nachsicht statt Härte, mit Mitgefühl statt Urteil, entsteht ein Raum, in dem Liebe wachsen kann - über uns selbst hinaus, hin zum Nächsten. Aus unserem Inneren heraus wird Liebe lebendig, sie ist und sie bleibt, auch dann, wenn es schwer wird.
Jesus kam und zeigte, für einen Moment in der Zeit, was ein Mensch sein könnte. Jesus ist Liebe. Gelebte Liebe. Gelebter Frieden. Möge dieses Osterfest uns daran erinnern. 
 
"They may say i'm a dreamer but i'm not the only one ..."
John Lennon 
 

Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Freitag, 3. April 2026

Leere ist eine Illusion

 

                                                                  Foto: A.Wende


Es gibt keine Leere. Leere ist nur eine Illusion. Ich bin immer voller Leben.
 
Dieser Gedanke lässt mich die Vorstellung von Mangel und Abwesenheit hinterfragen. Was wir oft als Leere empfinden – Verluste, Lücken, Einsamkeit – ist nicht wirklich Nichts. Vielmehr ist es die Projektion unseres eigenen Unbehagens, unserer Angst, selbst nicht genug zu sein oder nicht genug zu haben. Wahr ist: alles, was wir sind, ist erfüllt - von Erinnerungen, Gedanken, Empfindungen, Gefühlen, Möglichkeiten und Leben, das uns durchströmt, ob wir uns dessen gewahr sind oder nicht.
 
Wenn wir begreifen, dass Leere eine Illusion ist, erkennen wir, dass wir niemals von uns selbst oder vom Leben getrennt sind. Wir sind immer eingebettet in den kontinuierlichen Fluss des Seins. Wandel. Verlust, Abschied, Trauer, Vergehen – all das erscheint als Leere, wenn wir das gegenwärtig Lebendige übersehen. Selbst im Schmerz, selbst in der Trauer ist Leben. Selbst in der Stille ist Leben.
 
Es gibt keine Leere. Leere ist eine Illusion.
Wir sind niemals leer. Wir tragen alles in uns: die Vergangenheit, das Gegenwärtige, die Möglichkeiten der Zukunft. Wir sind lebendig, immer, auch dann, wenn uns unsere Innerstes und die Welt leer erscheint. Die Illusion der Leere zerbröselt, sobald wir uns selbst und das Leben als untrennbare Einheit begreifen.
Leere existiert nicht. Wir sind immer voller Leben.
 
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de