Foto: A.Wende
Freitag, 1. Mai 2026
Auflösung - Das Prinzip von Stirb und Werde
Mittwoch, 29. April 2026
Eine neue Struktur finden, wenn die alte wegbricht
Die meisten von uns möchten, dass die Dinge immer gleich bleiben. Das immer Gleiche gibt uns das Gefühl von Sicherheit und Halt. Und das ist wahr. Wenn etwas gleich bleibt, hat es etwas Beruhigendes – so wie die immer gleichen Routinen, die wir pflegen, so wie die Tagesstruktur, die man besonders seelisch kranken Menschen ans Herz legt. Eine Struktur aus festen Abläufen und Gewohnheiten gibt Halt und schafft Vertrauen. Bei Depressionen z. B. kann eine Tagesstruktur helfen, depressive Symptome zu lindern, weil sie einen kleinen, verlässlichen Halt in Phasen gibt, die von Unsicherheit, Rückzug und dem Gefühl von Versagen und Kontrollverlust geprägt sind. Ein strukturierter Tagesablauf wirkt auch in Krisen wie ein Rahmen, der Orientierung und Stabilisierung im Alltag bietet und das Gefühl vermittelt, trotzdem handlungsfähig zu bleiben. Das Festhalten an einer Tagesstruktur kann also sehr hilfreich sein. Struktur gibt dem Tag Sinn, Bedeutung und ein kleines Ziel und uns selbst ein Gefühl von Kontrolle über all das Unkontrollierbare im Leben.
Was aber, wenn die Struktur durch ein Ereignis, eine Krankheit oder eine Behinderung plötzlich in sich zusammenfällt?
Das ist eine besonders harte Form des Umbruchs, weil es eine Fremdbestimmung mit sich bringt, die sich unfair und radikal anfühlt. Wenn die gewohnte Tagesstruktur wegbricht, verlieren wir nicht nur den Rhythmus, sondern auch ein Stück Identität.
Das Ende einer alten Struktur fühlt sich erst einmal nach Kontrollverlust an, der Orientierungslosigkeit, Unsicherheit, Hilflosigkeit, Ängste, Frust, Ärger über die eigenen Grenzen und vielleicht sogar Wut mit sich bringt. Ein ungemütlicher Prozess, sich vom Alten zu verabschieden und keine Ahnung zu haben, wie das Neue aussieht bzw. aussehen könnte. Und nicht leicht, denn es geht ja nicht allein darum, eine neue Struktur zu finden, sondern gleichzeitig darum, sich mit dem auseinanderzusetzen, was die alte Struktur zerschlagen hat, und es zu verarbeiten. Eine echte Herausforderung also, vor der ich gerade selbst stehe. Vieles, was mir Struktur gab, ist gerade nicht mehr machbar – es geht einfach nicht, der Körper lässt es nicht zu.
Okay – was geht noch? Das ist die erste Frage, die ich
mir stelle, und ich finde einiges.
Was geht nicht mehr, und wie kompensiere ich, was nicht mehr geht?
Der schwierigste Schritt: Akzeptanz statt Widerstand.
Wenn ich versuche, etwas festzuhalten, das bereits zerbricht, kostet das
enorme Kraft. Das Loslassen ist hier weniger ein aktiver Verzicht, sondern eher
das Aufhören, gegen die Realität zu kämpfen.
Angst anerkennen und zulassen: Die Ursache des Festhaltens ist Angst. Angst vor Veränderung, Angst vor dem Unbekannten, Angst, Vertrautes zu verlieren. Es ist okay, Angst zu haben. Aber ich lasse mich nicht von ihr überfluten. Mach es mit der Angst!
Trauer: Ich erlaube mir, den Verlust der alten Struktur zu betrauern. Der Widerstand gegen die neue Realität kostet oft mehr Kraft als die Umstellung selbst.
Die Leere aushalten: Zwischen der alten Struktur und einer neuen liegt eine Phase der Unsicherheit – Niemandsland, unbekanntes Gelände, Instabilität innen wie außen. Das Ich ist angeschlagen, Vertrautes ist weggebrochen, Selbstverständlichkeiten zerbröseln. Tiefste Krise, absoluter Tiefpunkt. Es kann sich anfühlen wie ein Tod im Leben – und irgendwie ist es auch so: Etwas Altes stirbt. Das kann einen ganz schön ins Boxhorn jagen.
Was jetzt gilt: Überstürze nichts mit blindem Aktionismus.
Bestandsaufnahme: Was genau bricht weg?
War die Struktur wirklich noch gut für dich, oder war sie nur vertraut? Oft schützen uns alte Gewohnheiten vor Wachstum.
Kleine Anker setzen: Wenn das große Ganze wackelt, brauchst du kleine, neue Routinen. Also kreativ werden. Dir Zeit geben herauszufinden, was dir gut tut. Etabliere kleine, machbare Fixpunkte. Die geben deinem Nervensystem Sicherheit, wenn der gewohnte Rahmen wegbricht. Schöne Mikromomente gestalten, sie bewusst wahrnehmen. Jeden Abend aufschreiben was gut war und wofür du dankbar bist.
Das gibt dem Nervensystem das Signal: „Ich bin noch sicher.“
Pacing statt Leistung: Deine Energie ist jetzt deine wichtigste Währung. Baue die Struktur um deine Belastungsgrenzen herum auf, anstatt zu versuchen, ein altes Leistungsniveau zu erzwingen.
Hilfe organisieren und annehmen lernen: Wer kann was, wie viel, und auf welche Weise überhaupt realistisch unterstützen? Das Umfeld sortieren: Wer kann emotional unterstützen, wer praktisch, und wo braucht es professionelle Hilfe? Wichtig ist, Hilfe konkret zu formulieren statt allgemein zu bleiben und sie, wenn möglich, in kleine, feste Strukturen zu überführen. Wenn das private Netz nicht reicht, können auch ärztliche, therapeutische oder soziale Dienste einbezogen werden. So wird Hilfe zu einem stabilen Teil der neuen Struktur, nicht nur zur Notlösung. Auch wenn es schwerfällt: Es als Lernaufgabe zu begreifen. Ich darf lernen Hilfe zuzulassen.
Und last but not least, eine neue Definition von Wert: Löse dich vom Gedanken, dass
ein Tag nur dann „gut“ ist, wenn du wie früher produktiv warst. Selbstfürsorge
und das Management deiner Gesundheit sind jetzt deine Kernaufgaben.
Ein neuer Anfang entsteht selten sofort, sondern oft leise und unscheinbar, mitten in der Unsicherheit. Es ist kein großer Masterplan, der jetzt gebraucht wird, sondern die Bereitschaft, Schritt für Schritt etwas Neues entstehen zu lassen.
Was bleibt, bist du selbst, auch ohne die alte Struktur. Und vielleicht zeigt sich genau darin etwas Wesentliches: dass Halt eben nicht nur im Außen liegt, sondern im Inneren. Und mit der Zeit können aus kleinen Ankern wieder tragfähige Strukturen werden. Anders als zuvor, fragiler – aber näher an dem, was noch geht. Und genau darin kann etwas Neues entstehen, das nicht nur funktioniert, sondern sich stimmig anfühlt mit dem, was möglich ist. So kann sich Schritt für Schritt etwas formen, das sich nicht an früher misst, sondern sich an der Realität orientiert, wie sie jetzt ist. Vielleicht ist genau das der Punkt: kein Zurück und kein krampfhaftes Vorwärts, sondern ein langsames, sanftes Weiter – in einem Tempo und in einer Form, die wirklich zu dir und deinem Leben jetzt passt.
Be water my friend
... und ... Slow and steady wins the race.
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de
Dienstag, 28. April 2026
Was wir nicht verarbeiten, lebt im Körper weiter
Donnerstag, 23. April 2026
Gefangen im eigenen Muster - Warum Bindungsprobleme oft von Therapie abhalten
Foto: A.Wende
Mittwoch, 22. April 2026
Schwarz-Weiß-Denken - Die Welt in zwei Kästchen
Schwarz-Weiß-Denken, in der Psychologie auch als dichotomes Denken bezeichnet, beschreibt eine kognitive Verzerrung, bei der Menschen Situationen, andere Personen oder sich selbst in extremen Kategorien wahrnehmen. Es gibt nur gut oder schlecht, richtig oder falsch, Erfolg oder Misserfolg, ohne die Zwischentöne wahrzunehmen. Schwarz-Weiß-Denken ist keine reine Gewohnheit, sondern eine tief verankerte Denkstrategie. Sie entsteht, wenn das Gehirn Komplexität reduziert und emotionale Unsicherheit schnell sortiert in gut/schlecht, richtig/falsch. Gerade in Stresssituationen, bei Angst oder bei emotionalen inneren und äußeren Konflikten greift dieses Muster besonders schnell. Diese Denkweise wirkt auf den ersten Blick klar und ordnend. Sie schafft scheinbare Sicherheit in einer widersprüchlichen Welt. Unser Gehirn liebt nun mal die Vereinfachung, um schnelle Entscheidungen treffen zu können und emotionale Überforderung zu vermeiden. Schwarz-Weiß-Denken kann daher in Stresssituationen kurzfristig entlastend wirken. Problematisch wird es jedoch, wenn diese Denkweise chronisch ist.
Warum?
Die Realität besteht selten aus absoluten Gegensätzen. Es gibt immer auch Zwischentöne. Wir selbst, andere, Situationen und Erfahrungen sind nicht ausschließlich „gut“ oder „schlecht“, sondern viel komplexer und ambivalenter. Wenn aber Komplexität und Ambivalenz ausgeblendet werden entsteht ein verzerrtes Bild von Welt.
In der klinischen Psychologie findet man Schwarz-Weiß-Denken
häufig im Zusammenhang mit Angststörungen, Depressionen und Persönlichkeitsstörungen.
Grundsätzlich aber ist es ein menschliches Phänomen, das in unterschiedlicher Ausprägung bei jedem von uns vorkommt. Typische Gedanken sind etwa: „Wenn ich das nicht schaffe, bin ich ein Versager“ oder „Weil mich jemand enttäuscht hat, kann ich Menschen nie wieder vertrauen“. Diese Denkmuster haben eine emotionale Funktion. Sie vermitteln uns das Gefühle von Kontrolle, indem sie Unsicherheiten reduzieren. Gleichzeitig führen sie jedoch zu Stress und verhindern Emotionen besser zu regulieren. Wer immer in Extremen denkt, gerät automatisch ins Wanken, wenn sich die Dinge nicht klar trennen und einteilen lassen. Extreme lassen keinen Raum für Fehler, Nuancen und Entwicklung. Extreme stecken einen starren Denkrahmen ab, der klein und eng ist.
Weites Denken hingegen bedeutet Grautöne bewusst wahrzunehmen.
Das bedeutet, die Dinge differenzierter zu betrachten: Was genau ist passiert? Welche anderen Erklärungen und Deutungen gibt es? Welche Anteile dessen was ist, sind positiv, welche negativ? Diese Art des Denkens nennt man auch kognitive Flexibilität.
Wenn wir das Schwarz-Weiß-Denkmuster an uns selbst erkennen, ist es hilfreich es zu hinterfragen. Ziel ist dabei nicht, unser Denken zu optimieren, sondern es weiter, realistischer und damit seelisch entlastender zu machen. Die Fähigkeit, Widersprüche zu akzeptieren und auszuhalten, ist ein zentraler Bestandteil psychischer Reife.
Wir nehmen das Drama raus, das für das Schwarz-Weiß-Denken typisch ist.
Schwarz-Weiß-Denken ist weniger ein Fehler, als eine Vereinfachungsstrategie des Geistes, hilfreich in manchen Momenten, aber begrenzend, wenn es die einzige Perspektive bleibt.
Ich erkläre meinem Klienten Schwarz-Weiß-Denken immer mit zwei inneren Kästchen. Sie zeigen, wie extrem diese Denkweise ist. Auf dem ersten Kästchen steht „SCHWARZ“. Dort findet sich ein Gedanke wie: „Alles ist schlecht, ich kann nichts richtig machen.“ Dieses Kästchen steht für das totale Negative, ohne Nuancen oder Ausnahmen. Auf dem zweiten Kästchen steht „WEISS“. Dort steht der gegenteilige Gedanke: „Alles ist gut, ich mache keine Fehler.“ Auch hier gibt es keine Abstufungen, nur die Extreme. Zwischen diesen beiden Kästchen wird beim Schwarz-Weiß-Denken hin- und hergeschaltet, als gäbe es nur diese zwei Möglichkeiten. Die Realität liegt jedoch nie in diesen Extremen. Meistens ist dazwischen ein drittes, unsichtbares Feld: „Es gibt Dinge die nicht gut sind und es gibt Dinge, die gut laufen. “Dieses „Dazwischen“ wird beim Schwarz-Weiß-Denken übersehen, obwohl genau dort die realistische, gesunde Einschätzung liegt.
In der Praxis mache ich die Erfahrung, dass es Betroffenen sehr schwer fällt sich das Schwarz-Weiß-Denken abzugewöhnen. Es ist nicht einfach, denn in Momenten von Stress oder starken Gefühlen greift dieses Muster automatisch, weil es wie gesagt, scheinbar klare Orientierung bietet. Gerade deshalb ist es schwierig, dieses Denken einfach abzustellen. Der erste Schritt gelingt vielen noch relativ leicht. Sie erkennen im Nachhinein, dass sie wieder in Extremen gedacht haben. Schwieriger wird es dann, wenn es darum geht in stressigen emotionalen Momenten bewusst differenzierter zu denken und Zwischentöne zuzulassen, wenn das Schwarz-Weiß-Denken sich total überzeugend anfühlt. Hinzu kommt, dass diese Denkweise oft durch frühe Erfahrungen erlernt und verstärkt wurde und sich mit Emotionen wie Angst, Scham oder Wut verbindet. So entsteht ein Muster, das sich selbst aufrechterhält. Es wirkt vertraut und sicher. Schwarz-Weiß-Denken verschwindet selten vollständig, aber es verliert an Dominanz und bestimmt das innere Erleben immer weniger stark. Veränderung bedeutet hier - bewusst und schrittweise mehr Flexibilität zu entwickeln.
Sonntag, 19. April 2026
Wir haben keine Macht über andere Menschen
Samstag, 18. April 2026
Beschädigt
Malerei: A.Wende
„Ich
traue keinem Mann mehr, aber das Schlimmste ist, ich traue mir selbst
nicht mehr“, sagt meine Klientin. Der Satz klingt hart, endgültig, fast
wie ein Urteil. Und dann kommt noch dieses Wort: „beschädigt“. Als wäre
da etwas in ihr, das nicht mehr ganz ist. Und es ist ehrlich, das zu
sagen. Ja, da ist etwas beschädigt worden. Nicht im Sinne von „ich bin
kaputt“. Aber etwas, das einmal selbstverständlich war, ist beschädigt:
Das Vertrauen in andere und in sich selbst.
Vertrauen
ist die Basis für alle zwischenmenschlichen Beziehungen.
Selbstvertrauen ist Basis für eine gesunde Beziehung mit uns selbst.
Vertrauen bedeutet wir können sicher sein, dass wir uns auf uns selbst
und andere verlassen können. Vertrauen ist fragil und kann leicht
zerstört werden. Wird es zerstört, hinterlässt das eine tiefe Wunde, die
nur schwer heilt.
Nach toxischen
Beziehungen bleibt mehr zurück als nur schmerzhafte Erinnerungen.
Es
bleibt die Frage: Warum habe ich das nicht früher gesehen? Warum bin ich
so lange geblieben? Warum habe ich all das zugelassen? Warum habe ich
das mit mir machen lassen?
Das Misstrauen, das nach
unheilsamen Beziehungen entsteht, richtet sich nicht nur gegen den
anderen, sondern auch gegen uns selbst. Das
Vertrauen in den anderen ist erschüttert, weil Grenzen überschritten
wurden, weil es Manipulation, Unberechenbarkeit, Lug, Betrug und
Verletzungen gab, weil Nähe sich unsicher angefühlt hat. Das Vertrauen
in uns selbst ist beschädigt, weil wir an unserer eigenen Wahrnehmung
zweifeln, an unserer Intuition, an unserem Gefühl dafür, was uns gut tut
und was nicht. In diesem Sinne: Ja, etwas ist beschädigt. Aber
nicht, weil etwas grundsätzlich falsch an uns ist, sondern weil etwas
in uns verletzt wurde. Und diese Verletzung ist es, die meine Klientin
nicht einfach übergeht. Sie tut nicht so, als wäre nichts passiert. Und
das ist gut so.
Beschädigtes
Vertrauen kommt nicht einfach zurück, nur weil wir es uns wünschen. Aber
es kann sich langsam neu aufbauen, anders als vorher.
Wir werden
wachsamer, klarer, stärker. Wir beobachten genauer bevor wir handeln und
uns auf etwas einlassen, was sich von Anfang an nicht sicher anfühlt.
Wir haben feinere Antennen als zuvor. Wir sind vorsichtig, zweifelnd,
tastend. Und das ist gut so. Dieses
Gefühl von beschädigt sein ist eine Erinnerung daran, was ungut war -
Enttäuschung, Vertrauen, das gebrochen wurde, Hoffnungen, die sich nicht
erfüllt haben. Das sind schmerzhafte Erfahrungen, die wir nicht einfach
abschütteln können. Sie bleiben und sie verändern uns.
Misstrauen entsteht nicht aus dem Nichts.
Es
ist die normale Folge von beschädigtem Vertrauen. Und es ist gewachsen
in Momenten, in denen es, nach dem Vertrauensverlust, sicherer war, uns
zurückzuziehen als uns noch einmal zu öffnen.
Die Zeit hat den Schmerz in eine Lektion verwandelt.
Kein
blindes Vertrauen, kein naives Hoffen mehr, kein Ignorieren oder
Schönreden mehr, kein Idealisieren mehr, kein Rationalisieren mehr, wenn
sich Nähe nicht sicher anfühlt, wenn Wort und Handlungen nicht
übereinstimmen, wenn Wertschätzung fehlt. Keine faulen Kompromisse mehr,
nur um nicht allein zu sein, sondern ein klares Bewusstsein darüber,
was wir in einer Beziehung wirklich wollen und brauchen, wo unsere
Standards, unsere Werte und Grenzen sind und wie wir sie schützen.
Misstrauen
erinnert uns daran, was wir überlebt haben. Misstrauen macht
vorsichtig. Und Vorsicht ist nicht dasselbe wie Beschädigung.
Vorsicht
bedeutet nicht, dass Nähe und Beziehung für immer unmöglich geworden
sind. Vorsicht bedeutet, dass wir uns nicht unüberlegt oder überstürzt
auf eine neue Beziehung einlassen.
Wir nehmen uns
Zeit den anderen kennenzulernen. Wir prüfen unsere Gefühle, ob wir
emotional bereit für etwas Neues sind. Wir achten auf mögliche
Warnsignale und respektieren unsere Grenzen anstatt uns schnell
anzupassen. Das bedeutet nicht, dass wir eine grundsätzliche Angst vor
Beziehungen haben, sondern dass wir gelernt haben: nämlich Achtsamkeit,
Selbstfürsorge und Vorsicht, um uns vor Verletzungen zu schützen.
Natürlich können wir dennoch verletzt werden.
All
das ist keine Garantie dafür, dass nichts schiefgeht. Gefühle und
andere Menschen lassen sich nicht kontrollieren. Sobald wir uns auf
jemanden einlassen, machen wir uns immer verletzlich.
Nur
– mit Vorsicht stürzen wir uns nicht blind hinein, wir achten auf uns
selbst und erkennen schneller, wenn uns etwas nicht guttut, und können
entsprechend reagieren. Das kann Verletzungen nicht verhindern, aber es
kann sie abmildern und dafür sorgen, dass wir uns nicht verlieren.
Nähe
zulassen ist immer ein Risiko. Eine Beziehung einzugehen heißt eben
auch, Vertrauen zu schenken, obwohl wir wissen, dass es keine absolute
Sicherheit gibt, dass es nicht wieder missbraucht wird.
„Beschädigt“
klingt nach etwas, das nicht mehr heil werden kann. Aber wir Menschen
sind keine Dinge. Was sich in uns verändert hat, ist nicht kaputt, es
hat sich unseren Erfahrungen angepasst. Wir haben daraus gelernt, unter
anderem, dass wir uns, um einer Beziehung willen, nicht mehr selbst
verraten, dass Liebe uns nicht unsere Identität kosten darf, dass wir
für Nähe keinen Preis mehr zahlen, der uns unseren Seelenfrieden kostet.
Im Moment ist es einfach so: Meine Klientin schützt sich. Solange bis sie sich selbst wieder voll und ganz vertraut.
Und das ist okay.
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de




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