Dienstag, 20. Oktober 2026

Slow and steady

 

Foto: A.W.

„Mir selbst zu vertrauen, dass ich eine Veränderung wagen kann, ist schwer, besonders dann, wenn man jahrelang immer wieder in dieselben Muster zurückgefallen ist und immer wieder von vorn anfangen musste. Ich habe mir so oft selbst eingeredet: Diesmal wird alles anders und es ist nichts anders geworden“, sagt meine Klientin.

 

Das ist eine kluge und zugleich schmerzhaft ehrliche Erkenntnis.

Sie beschreibt genau den Kern der Frustration, die viele von uns kennen: Es ist nicht der Mangel an gutem Willen, sondern das erschöpfte Vertrauen in uns selbst, trotzdem wir wollen wollen.Wenn wir jahrelang erlebt haben, dass wir trotz der Bereitschaft und festem Willen, Versprechen die wir uns selbst gegeben haben, immer wieder gebrochen haben, schaltet die Psyche irgendwann auf Selbstschutz. Der Satz „Diesmal wird alles anders“ fühlt sich dann nicht mehr wie eine berechtigte Hoffnung an, sondern wie eine naive Illusion. Unser Gehirn glaubt es schlichtweg nicht mehr, dass es anders wird, weil die Beweise der Vergangenheit dagegensprechen.

 

Unsere Muster sind aber keine Fehler, sie sind tief verankert in eingefahrene neuronale Autobahnen.  

Unser Gehirn rutscht nicht in alte Muster, weil wir schwach sind oder unfähig sind, sondern weil diese Bahnen im Gehirn tief ausgetretenen Pfaden im Wald gleichen. Ein neues Muster aufzubauen ist ungefähr so schwer wie das Schlagen eines neuen Pfades durch dichtes Unterholz.  Das braucht Zeit, Kraft und viel Geduld. Um das Vertrauen in uns selbst langsam und sanft wieder aufzubauen, hilft es oft, radikal umzudenken.  

Dazu gehört:

 

Keine großen Ziele mehr setzen

Die Veränderungen müssen so klein sein, dass wir sie auch tatsächlich umsetzen können. Die Hürde sollte so niedrig sein, dass wir nicht schon an unserem eigenen Anspruch scheitern. Vertrauen baut sich nicht auf, indem wir sofort den großen Berg besteigen. Es baut sich in kleinen Schritten auf. Indem wir uns beispielsweise vornehmen, heute einen Liter Wasser zu trinken und es dann auch tun. Indem wir kontinuierlich einmal am Tag eine Atemübung machen, selbst wenn es nur ein paar Minuten sind. Indem wir einen tiefen Atemzug nehmen und innehalten, bevor wir unseren Körper wieder mit etwas Ungesundem schaden. Indem wir jeden Abend eine einzige kleine Sache aufschreiben, die uns an diesem Tag gelungen ist. 

Und wenn es an einem Tag nicht klappt, beginnen wir am nächsten Tag erneut.

Kleine, winzige Absprachen mit uns selbst, die wir konsequent einhalten, sind das Fundament, auf dem neues Vertrauen in uns selbst wachsen kann.

 

Vergebung und Selbstmitgefühl statt Härte und Selbstverurteilung

Das Zurückfallen in alte Muster ist Teil des Prozesses, nicht das Ende. Wenn wir uns nach einem Rückschlag selbst verurteilen, entziehen wir unserem Selbstvertrauen nur noch mehr Nährboden. Wir dürfen lernen, uns selbst zu vergeben und uns mit mehr Mitgefühl zu begegnen. Nicht, um uns alles durchgehen zu lassen, sondern um nach einem Rückschlag wieder aufstehen und weitermachen zu können.

 

Neuroplastizität: Der Bau einer neuen Autobahn

Das Gehirn ist ein Vorhersageorgan. Es versucht ständig, die Zukunft auf der Grundlage unserer bisherigen Erfahrungen einzuschätzen und es liebt Wiederholungen. Es nutzt sie als zentralen Mechanismus, um Erinnerungen dauerhaft zu speichern und sich effizient an unsere Umwelt anzupassen. Ohne bewusste oder unbewusste Wiederholungen könnten wir Informationen nicht langfristig im Gedächtnis behalten. Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass das Gehirn dafür Erlebtes in Ruhephasen oder im Schlaf im sogenannten Zeitraffer-Modus eigenständig wiederholt. Der Hippocampus spielt dabei die erlebten Aktivitätsmuster immer wieder im Schnelldurchlauf ab, um sie im Großhirn zu verankern. Bei der ersten Konfrontation mit einer Information wird ein neuer, noch schwacher Pfad zwischen den Neuronen angelegt. Durch ständige Stimuluswiederholungen feuern diese Neuronen immer wieder gemeinsam. Das Gehirn passt die Verbindungen an, die Synapsen werden verstärkt und die Signalübertragung wird effizienter. 

 

 

„Neurons that fire together, wire together“.

Das können wir uns zunutze machen, indem wir es mit neuen Vorhersagen füttern.

 

Ein Beispiel:

Die alte Vorhersage lautet: „Wenn ich mir vornehme, mich jeden Tag zu bewegen und einen Spaziergang zu machen, klappt das sowieso nicht.“

Dieser Gedanke kann schon im Vorfeld Frustration auslösen und es uns schwerer machen, überhaupt anzufangen.

 

Die neue Erfahrung kann dagegen lauten: „Ich habe mir vorgenommen, einen kleinen Spaziergang zu machen, und ich habe es getan.“

Wenn wir eine solche kleine Zusage an uns selbst wiederholt einhalten, sammeln wir neue Erfahrungen. Natürlich verändern sich in wenigen Tagen noch keine tief verwurzelten Verhaltensmuster grundlegend. Aber wir beginnen, die Erfahrung der eigenen Ohnmacht zu durchbrechen.

Eine Studie der Verhaltensforscherin Phillippa Lally zeigte, wie lange es dauert, bis sich neue Verhaltensweisen zu festen Gewohnheiten entwickeln. In ihrer Studie lag der geschätzte Mittelwert bei etwa 66 Tagen. Die tatsächliche Dauer variierte allerdings erheblich, abhängig von der Person und dem jeweiligen Verhalten. Es gibt also keinen magischen Zeitpunkt, an dem eine neue Gewohnheit plötzlich automatisch funktioniert. Wichtiger ist, dass wir dranbleiben. Mit jeder Wiederholung sammeln wir Erfahrungen, die es wahrscheinlicher machen, dass wir das neue Verhalten künftig wieder ausführen. Belohnungs- und Lernprozesse im Gehirn spielen dabei eine wichtige Rolle. Je öfter wir ein Verhalten wiederholen, desto vertrauter wird es für unser Gehirn.  Schritt für Schritt entsteht ein neuer Pfad. Und mit jeder eingehaltenen Zusage sammeln wir Erfahrungen, die einer neuen inneren Überzeugung Raum geben können: „Wenn ich mir etwas vornehme, kann ich es auch tun.“

 

Wenn wir uns immer wieder an kleine Absprachen mit uns selbst halten, kann sich allmählich unser Bild von uns selbst verändern. Wir erleben, dass wir durchaus in der Lage sind, unser Verhalten zu beeinflussen und unsere Vorhaben umzusetzen.  

Letztlich geht es darum, unserem Gehirn neue Erfahrungen zu ermöglichen. 

Lernprozesse im Gehirn werden wie gesagt durch Wiederholung und Rückmeldung beeinflusst. Auch Dopamin spielt dabei eine Rolle, unter anderem bei Motivation, Lernen und der Verarbeitung von Belohnung. Es ist allerdings nicht so, dass jeder kleine Erfolg automatisch neue Verbindungen festigt. Vielmehr tragen unterschiedliche Lern- und Anpassungsprozesse dazu bei, dass neue Verhaltensweisen mit der Zeit vertrauter werden. Jeder kleine Erfolg kann uns dabei helfen, den alten, ausgetretenen Pfad zu verlassen und einen neuen Weg einzuschlagen. Und je öfter wir neue Erfahrungen machen, desto größer ist die Chance, alte Muster nachhaltig zu verändern. 

 

Wir müssen uns nicht beweisen, dass wir nie wieder scheitern. Vielleicht liegt genau hier der größte Denkfehler, wenn wir unser Selbstvertrauen zurückgewinnen möchten. 

Wir glauben, wir müssten uns erst beweisen, dass wir es diesmal wirklich schaffen. Dass wir konsequent bleiben, nicht mehr zurückfallen und unsere alten Muster endlich hinter uns lassen. Aber was, wenn Vertrauen etwas anderes bedeutet? Was, wenn es nicht darum geht, uns selbst zu garantieren, dass wir nie wieder scheitern, sondern darum, darauf vertrauen zu lernen, dass wir auch dann noch für uns da sein können, wenn etwas nicht gelingt. Dass wir uns nicht sofort aufgeben, wenn wir einen Umweg gehen. Dass ein schwieriger Tag nicht alle Fortschritte zunichte macht. Dass wir nicht jedes Mal wieder bei null anfangen müssen, nur weil wir einen Schritt zurück gemacht haben. Und wenn wir nicht länger erwarten, immer alles richtig machen zu müssen, sondern beginnen, uns selbst auch in unseren schwierigen Momenten mit liebevoller Güte zu begleiten.

 

Wir müssen nicht von heute auf morgen zu einem Menschen werden, der niemals zweifelt und immer durchhält. Wir dürfen ein Mensch sein, der sich selbst wieder ein wenig mehrvertraut. Schritt für Schritt. Erfahrung für Erfahrung. Tag für Tag.

Und vielleicht können wir irgendwann sagen: „Ich weiß nicht, ob diesmal alles anders wird. Aber ich weiß, dass ich heute einen kleinen Schritt machen kann. Und wenn ich morgen stolpere, bedeutet das nicht, dass ich gescheitert bin. Ich kann wieder aufstehen und weitergehen.“

Uns selbst wieder zu vertrauen bedeutet nicht, darauf zu vertrauen, dass wir niemals wieder hinfallen. Es bedeutet, darauf zu vertrauen, dass wir uns auch dann nicht verlassen, wenn wir hinfallen. Es bedeutet, darauf zu vertrauen, dass wir nach dem Hinfallen wieder aufstehen und von Neuem beginnen können.

 

Slow and steady wins the race. :)

 

 

 

Samstag, 17. Oktober 2026

Am Ende wird alles gut – oder doch nicht?



Neulich fragte mich eine Klientin: „Können Sie mir versprechen, dass am Ende alles gut wird?“
Ich hielt einen Moment inne. Nicht, weil mir keine Antwort einfiel, sondern weil mir bewusst war, wie viel in dieser Frage verborgen lag. Vielleicht war es gar nicht die Frage nach der guten Zukunft, sondern vielmehr die Frage nach der Hoffnung auf eine gute Zukunft. Nach dem Wunsch, dass das eigene Leiden einen Sinn hat, dass sich das Aushalten lohnt und dass irgendwann ein Moment kommt, in dem man zurückblickt und sagen kann: Es ist gut geworden.
Doch kann man das wirklich versprechen?
 
Wir alle sehnen uns nach Gewissheit. Wir möchten glauben, dass auf jede dunkle Nacht ein heller Morgen folgt, dass jede Krise uns stärker macht und jede erschütternde Erfahrung irgendwann ihren Platz in unserer Lebensgeschichte findet. „Am Ende wird alles gut“ vermittelt die Vorstellung, das Leben folge einer unsichtbaren Ordnung, in der sich alles irgendwann fügt. Als wäre das Leid nur ein vorübergehender Umweg auf dem Weg zu einem guten Ende.
Auf gewisse Weise hat dieser Gedanke etwas Kindliches. Nicht im Sinne von naiv oder töricht, sondern im Sinne eines frühen, tief in uns verankerten Bedürfnisses nach Sicherheit. Er erinnert an die kindliche Vorstellung, dass die Welt im Grunde gut und gerecht ist, dass auf jedes Unglück eine Wiedergutmachung folgt, das es immer ein Licht am Ende des Tunnels gibt und dass am Ende diejenigen belohnt werden, die durchgehalten haben. Als gäbe es eine unsichtbare Ordnung, die dafür sorgt, dass alles seinen Sinn bekommt und keine Geschichte wirklich schlecht enden darf.
Vielleicht fällt es uns deshalb so schwer, anzuerkennen, dass uns das Leben diese Ordnung nicht verspricht. Dass nicht jeder Schmerz eine Lektion enthält, nicht jeder Ungerechtigkeit Gerechtigkeit folgt und nicht jeder Verlust ersetzt werden kann. Wir möchten glauben, dass das, was wir heute nicht verstehen, morgen einen Sinn ergeben wird. Dass wir eines Tages zurückblicken und erkennen, warum all das geschehen musste, was geschah. Aber manches geschieht einfach. Ohne Grund, ohne Sinn. Und vielleicht liegt ein Teil des Erwachsenwerdens darin, das auszuhalten, ohne dabei die Hoffnung zu verlieren.
 
Nicht alles fügt sich. Nicht jede Wunde heilt vollständig. Nicht jeder Verlust hat einen Sinn. Es gibt Dinge, die geschehen, ohne dass wir sie jemals wirklich verstehen werden. Wir machen Konstruktionen aber Konstruktionen sind keine Wahrheiten. Und manchmal ist das Ende einer Geschichte eben nicht das, was wir uns erhofft haben. Ein Teil unseres Leidens liegt genau darin, dass wir glauben, das Leid müsse irgendwann verschwinden, damit unser Leben wieder gut sein darf. Wir warten darauf, dass der Schmerz aufhört, die Angst und Unsicherheit verschwindet und die Dinge endlich so werden, wie sie unserer Vorstellung nach sein sollten. Dabei übersehen wir, dass das Leben nicht erst dann lebenswert wird, wenn alles geklärt und unter Kontrolle ist. Für mich besteht die Kunst des Lebens gerade darin, mit dem Ungeklärten, dem Unkontrollierbaren zu leben, ohne daran zu verzweifeln.
 Die Philosophie beschäftigt sich seit Jahrhunderten mit der Frage, wie wir mit dem umgehen können, was sich unserer Kontrolle entzieht. Wir können nicht bestimmen, was uns widerfährt, wen wir verlieren oder welche Wünsche und Ziele unerfüllt bleiben. Aber wir können versuchen, eine Haltung zu dem zu entwickeln, was uns begegnet. Eine solche Haltung bedeutet nicht, alles akzeptieren zu müssen oder jedem Leid einen Sinn zuzuschreiben. Sie bedeutet vielmehr, anzuerkennen, dass das Leben uns keine Versprechen gibt und wir dennoch glauben, lieben, hoffen und handeln können.
 
Vielleicht sollten wir die Frage verändern. Nicht: Wird am Ende alles gut? Sondern: Wie kann ich weiterleben, auch wenn nicht alles gut wird? Kann ich inneren Frieden finden, ohne auf jede Frage eine Antwort zu bekommen? Kann ich dankbar sein, obwohl es Dinge gibt, die mir fehlen oder mich traurig machen? Und kann ich darauf vertrauen, dass das Leben Möglichkeiten bereithält, auch wenn ich sie im Moment aufgrund meiner Vorstellungen wie es zu sein hat, nicht sehen kann?
 
Als mich meine Klientin fragte, ob ich ihr versprechen könne, dass am Ende alles gut wird, hätte ich ihr gerne die Sicherheit gegeben, nach der sie suchte. Doch ein solches Versprechen kann kein Mensch einem anderen geben. Es wäre nichts weiter als ein unwahrhaftiger Versuch gewesen, die Ungewissheit zu beruhigen. Nichts und niemand kann uns versprechen, dass am Ende alles gut wird. Es geht darum anzuerkennen, dass niemand von uns weiß, wie die eigene Geschichte oder die eines anderen weitergeht. Wir wissen nicht, ob ein schwieriges Kapitel zwangsläufig ein gutes Ende bedeutet. Was wir wissen ist, dass sich die Dinge verändern können, ohne dass wir es vorhersehen oder dirigistisch beeinflussen können. Aber was wir nicht erst wissen müssen ist, wie eine Geschichte ausgeht, um sie weiterschreiben zu dürfen.
 
Vielleicht wird am Ende nicht alles gut. Vielleicht wird es einfach anders. Und vielleicht besteht Hoffnung nicht darin, dass alles so wird, wie wir es uns wünschen. Hoffnung bedeutet nicht, an ein gutes Ende glauben zu müssen, sondern offen zu bleiben für das Gute, das trotz allem Unguten noch entstehen kann. Das Leben schuldet uns kein gutes Ende. Und solange unsere Geschichte noch nicht zu Ende gelebt ist, wissen wir auch nicht, was noch Gutes werden kann.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Freitag, 16. Oktober 2026

Die unsichtbare Wand

 



Es war der Moment, in dem unser Gespräch gegen eine unsichtbare Wand stieß. Ich erzählte von Andy Warhols Buch „The Philosophy of Andy Warhol“, das ich gerade lese und seine paradoxe Einsamkeit. Über die sterile Isolation eines Mannes, der ständig von einer schillernden Entourage umgeben war und sich doch hinter Kameras, Tonbandgeräten und einer kühlen, sorgfältig gepflegten Oberfläche verbarg, um menschliche Nähe auf Distanz zu halten. Die Antwort kam prompt, kühl und von einer eigentümlichen Distanziertheit. Mein Gegenüber meinte, Andy Warhol sei nicht sein Thema, und „Mr. Warhols Befindlichkeiten“ interessieren ihn nicht. Was als Gespräch über ein zutiefst menschliches, universelles Gefühl begonnen hatte, verwandelte sich plötzlich in einen kunsthistorischen Diskurs. Die Aufmerksamkeit verschob sich von Warhols Einsamkeit und Verletzlichkeit auf die Kunst im Allgemeinen. Zugegeben, eine elegante Flucht vor vermeintlichen „Befindlichkeiten“, die damit plötzlich wie etwas Belangloses klangen.
 
Heute morgen frage ich mich, weshalb manche Menschen beim Thema Einsamkeit so abrupt dichtmachen. Vielleicht berührt es etwas in ihnen, das sich nicht ohne Weiteres intellektualisieren, relativieren oder auf andere projizieren lässt. In einer Gesellschaft, die Unabhängigkeit, Erfolg und soziale Attraktivität zu Maßstäben eines gelungenen Lebens erhebt, erscheint Einsamkeit leicht als persönlicher Makel. Wer sich zu ihr bekennt, riskiert als unzulänglich, nicht begehrt oder sozial gescheitert wahrgenommen zu werden. Selbst wer über die Einsamkeit eines anderen Menschen spricht, kann unversehens in die Nähe dieser vermeintlichen Schwäche geraten. Dann setzt ein Abwehrreflex ein. Man distanziert sich vom Thema, als ließe sich durch die Zurückweisung des Gefühls der Einsamkeit zugleich die Möglichkeit ausschließen, selbst von ihm betroffen zu sein. Die Botschaft lautet dann unausgesprochen, aber deutlich: Das hat mit mir nichts zu tun.
 
Über Einsamkeit zu sprechen, bedeutet nicht zwangsläufig, sich selbst zu offenbaren. Und doch trägt das Thema eine eigentümliche Intimität in sich. Es fordert uns dazu heraus, die vertraute Distanz zwischen Beobachtung und Erfahrung zumindest für einen Augenblick aufzugeben. Wo diese Nähe als bedrohlich empfunden wird, bietet der Verstand einen sicheren Rückzugsort. Das Gespräch wird auf eine Metaebene gehoben, Begriffe werden sortiert, historische Zusammenhänge hergestellt, ästhetische Kategorien bemüht. An die Stelle der Frage, was Einsamkeit mit uns macht, tritt die Frage, wie sie sich theoretisch einordnen lässt. Der Intellekt wird zur Festung, er ermöglicht es über etwas zu sprechen, ohne sich von ihm berühren zu lassen.
Das ist jetzt keineswegs ein Plädoyer gegen das Denken.
Im Gegenteil, erst das Denken kann Erfahrungen sichtbar machen, für die uns im unmittelbaren Erleben bisweilen die Sprache fehlt. Doch es gibt einen Unterschied zwischen dem Denken, das sich einem Gefühl nähert, und jenem Denken, dass es auf Abstand hält. Man kann die Einsamkeit eines Menschen präzise analysieren und ihr dennoch ausweichen. Man kann über sie sprechen, ohne ihr wirklich zu emotional zu begegnen.
 
Nicht jede Form der Einsamkeit genießt denselben gesellschaftlichen Status. Es gibt eine Einsamkeit, die als Zeichen von Größe gilt, z.B. die selbstgewählte Isolation des Genies, die heroische Abkehr des Philosophen von der Gesellschaft, das einsame Ringen des Künstlers mit sich und der Welt. Diese Einsamkeit besitzt eine Dramaturgie. Sie ist aufgeladen mit Bedeutung, sie verspricht Tiefe, vielleicht sogar eine Form von Überlegenheit. Sie lässt sich bewundern, weil sie als bewusste Entscheidung erscheint. Warhols Einsamkeit hingegen war nichts Erhabenes und gerade deshalb hat sie etwas Verstörenderes. Sie war steril, modern und leise. Sie zeigte sich nicht im pathetischen Rückzug eines Einzelgängers, sondern mitten im gesellschaftlichen Betrieb, im Glanz der New Yorker Kunstszene, im Strom von Bildern, Stimmen und Begegnungen. Warhol war umgeben von Menschen und hielt sie doch auf Distanz. Seine Apparate zeichneten auf, was geschah, seine öffentliche Persona machte ihn sichtbar. Aber Sichtbarkeit ist nicht dasselbe wie Nähe und viel Gesellschaft ist nicht dasselbe wie echte Verbundenheit. Vielleicht liegt gerade darin die Irritation. 
 
Diese Form der Einsamkeit lässt sich nicht ohne Weiteres romantisieren. Sie bietet keinen heroischen Widerstand, keine große Geste, keine beruhigende Erzählung vom genialen Außenseiter. Sie ist unspektakulär und zugleich radikal. Sie erinnert daran, dass Isolation nicht erst dort beginnt, wo jemand allein in einem Zimmer sitzt. Sie kann sich auch mitten unter Menschen ereignen, im Zentrum der Aufmerksamkeit, hinter einer perfekt funktionierenden sozialen Oberfläche.
Es mag leichter sein, die Einsamkeit des genialen Künstlers zu bewundern, als sich auf jene stille, unscheinbare Einsamkeit einzulassen, die keine ästhetische Rechtfertigung mitliefert. Solange sie als Ausdruck einer außergewöhnlichen Persönlichkeit erscheint, bleibt sie auf Distanz. Man kann sie mit Abstand betrachten, deuten und sogar verehren. Wird sie jedoch als ein gewöhnliches menschliches Leid sichtbar, verliert sie ihre schützende Aura. Dann steht nicht mehr nur ein einsamer Andy Warhol im Raum, sondern auch die Frage, wie viel Nähe wir selbst zulassen, wie gut wir uns hinter unseren Rollen verbergen und wie oft wir Gesellschaft mit Verbundenheit verwechseln.
 
Vielleicht war es das, was in diesem Gespräch auf dem Spiel stand. Nicht die Frage, ob Andy Warhol als Künstler interessant genug ist, und auch nicht, ob seine Einsamkeit kunsthistorisch angemessen von mir beschrieben wurde. Es ging um etwas Tieferes, um die Bereitschaft ein Gefühl gelten zu lassen, ohne es sofort zu erklären, abzuwerten oder aus dem eigenen Erfahrungsraum zu verbannen. Die Bezeichnung „Befindlichkeit“ wirkte dabei wie eine sprachliche Geste der Entwertung. Sie verkleinert, was sich nicht ohne Weiteres fassen und kontrollieren lässt. Aus einer allgemein menschlichen existenziellen Erfahrung wird eine private Empfindlichkeit, aus einer Frage, die uns alle betreffen könnte oder sogar betrifft, eine Marotte des Einzelnen. Das Thema war damit für mein Gegenüber erledigt. Doch möglicherweise verrät gerade die Heftigkeit, mit der etwas als belanglos zurückgewiesen wird, dass es keineswegs belanglos ist. Ich weiß nicht, was mein Gegenüber in diesem Moment tatsächlich empfand. Es wäre zu einfach, aus einer einzigen Reaktion auf eine verborgene Angst oder eine persönliche Abwehrhaltung zu schließen. Vielleicht war es schlicht Desinteresse, vielleicht eine andere Vorstellung davon, worüber sich unser Gespräch lohnen sollte. Aber die Szene hat mir vor Augen geführt, wie schnell ein Gespräch über Einsamkeit an eine Grenze gelangen kann und wie wenig es manchmal braucht, um diese Grenze sichtbar zu machen.
 
Einsamkeit ist nicht nur ein Zustand, den Menschen erleiden. Sie ist auch ein Thema, dem Menschen ausweichen. Wir können sie romantisieren, theoretisieren oder als bloße Befindlichkeit abtun. Wir können sie im Leben anderer erkennen, solange wir nicht befürchten müssen, etwas von uns selbst darin wiederzufinden. Ein tiefes Gespräch über Einsamkeit beginnt für mich dort, wo diese Ausweichbewegungen enden. Nicht mit dem Bekenntnis, selbst einsam zu sein und auch nicht mit der Pflicht, sich einem fremden Gefühl zu öffnen, sondern mit der Bereitschaft, uns berühren zu lassen, bevor wir entscheiden, ob uns etwas berührt.
Manchmal ist es nur ein Augenblick, in dem ein Gespräch verstummt und eine unsichtbare Wand entsteht. Doch hinter dieser Wand liegt womöglich nicht bloß das Unbehagen des anderen. Vielleicht liegt dort auch eine Frage, die wir am liebsten vermeiden, nämlich ob wir die Einsamkeit anderer tatsächlich nicht verstehen, oder ob wir nur nicht riskieren möchten, ihr zu nahe zu kommen.
 
Angelika Wende

Art Work: Horst Jannsen

Mittwoch, 14. Oktober 2026

Seit ich mit der Trauer lebe

 

Foto: A.W.


Seit ich mit der Trauer lebe, hat sich mein Blick auf das Leben verändert. Dinge, die früher selbstverständlich waren, fühlen sich heute anders an. Die Stille ist nicht mehr immer friedlich, die Ruhe nicht mehr immer erholsam, und selbst die schönsten Momente werden von einer schmerzhaften Sehnsucht begleitet. Ich gehe meinen Weg weiter, während ein Teil von mir noch immer in meiner Vergangenheit lebt. Ich bin hier, in der Gegenwart und doch zieht es mich immer wieder zurück zu dem, was einmal war. Zu meinem vorherigen Leben, zu einer Nähe, die mir vertraut war und zu den Gedanken an einer Zukunft, die ich mir anders vorgestellt habe.
Dabei wünsche ich mir nichts Außergewöhnliches.
Ich brauche kein lautes Leben, keine ständige Gesellschaft und keinen Alltag, der bis zum letzten Moment ausgefüllt ist. Ich brauche nicht viele Menschen um mich herum. Ich brauche keine ständige Ablenkung, um mich lebendig zu fühlen. Mein Sinn liegt in den stillen Dingen, in Gedanken, die ich zu Ende denken darf, in Worten, die ich auf Papier bringe, und in Wegen, auf denen ich mit mir selbst in Frieden kommen kann. Ich gehöre zu denen, die ihre Kraft aus dem Alleinsein schöpfen und die zu sich selbst finden, wenn die Welt um sie herum leiser wird. Ich brauche kein Leben, in dem ich ständig etwas darstellen oder jemandem etwas beweisen muss. Ich mag mein Leben, in dem ich lese, schreibe, arbeite, nachdenke und einfach sein darf. Ein Leben, das nicht von äußerer Fülle lebt, sondern von innerer Tiefe. Es ist möglich, in dieser Einfachheit einen tiefen Frieden zu finden, wenn die Trauer nicht wäre.
Seit ich in diesem Jahr so viel verloren habe, ist meine Vorstellung von Ruhe anders geworden. Es gibt einen Unterschied zwischen dem Alleinsein, das ich selbst wähle, und der inneren Einsamkeit, die ich fühle. Das eine bedeutet Freiheit, das andere fühlt sich wie Leere an. Ich habe nicht entschieden, mein Leben allein weiterzuführen. Ich muss lernen, mit einer Abwesenheit zu leben, die ich mir nicht gewünscht habe. Das ist es, weshalb sich die Stille manchmal so schwer anfühlt. Nicht, weil ich grundsätzlich nicht gerne allein bin, sondern weil ich weiß, wie es sich anfühlt, nicht allein zu sein, sondern mit geliebten Menschen verbunden.
 
Wenn ich heute an meine Zukunft denke, muss ich mich mit einer Wirklichkeit auseinandersetzen, die ich mir so niemals ausgesucht hätte. Ich kann mir ein ruhiges Leben vorstellen, und dennoch macht mich der Gedanke daran an manchen Tagen tieftraurig. Nicht, weil dieses Leben weniger wertvoll wäre, sondern weil ich es mir anders gewünscht habe. Ich wollte die Ruhe mit einem Menschen teilen, mit dem selbst das Schweigen etwas Verbindendes hat, wissen, dass da jemand ist, mit dem ich meine Gedanken und meine Erlebnisse teilen kann. Es ist etwas anderes, allein durch den Wald zu gehen, weil ich die Natur liebe, als durch denselben Wald zu gehen und dabei schmerzlich zu spüren, wer nicht mehr neben mir geht. Der Schmerz über meine Verluste hat mein Jetzt radikal verändert. Ich denke an das, was war, und vergleiche es mit dem, was heute ist. Ich erinnere mich an Nähe und Verbundenheit und spüre die Lücke. Ich denke an gemeinsame Momente und frage mich ob das Leben jemals wieder eine solche Tiefe erreichen kann. Manchmal scheint die Vergangenheit heller als die Gegenwart, weil sie etwas enthält, das man verloren hat und nicht zurückholen kann. Dabei vergesse ich dann leicht, dass auch mein gegenwärtiges Leben einen Wert besitzt, selbst wenn es sich im Moment anders anfühlt als früher. Ich merke, wie gefährlich es ist, wenn ich mein heutiges Leben ständig an dem messe, was nicht mehr da ist. Dann wird jeder schöne Augenblick von dem überschattet, was fehlt. Ein Spaziergang ist nicht einfach ein Spaziergang, sondern wird zur Erinnerung an gemeinsame Wege. Ein ruhiger Abend ist nicht nur eine Gelegenheit zum Lesen oder Schreiben, er erinnert mich daran, mit wem ich ihn so gerne verbracht habe. Selbst ein friedliches Leben kann dazu führen, sich wie ein schmerzhafter Kompromiss anzufühlen, wenn ich es mit dem vergleiche was war.
Genau hierin liegt etwas, das ich noch lernen muss. 
 
Mein Leben muss nicht wieder so werden, wie es einmal war. Ich kann die Vergangenheit nicht zurückwünschen, um in der Gegenwart Frieden finden zu können. Es ist vorbei. Ich muss auch nicht so tun, als hätte ich die Verluste verarbeitet. Beides darf nebeneinander existieren. Ich darf mein altes Leben vermissen und trotzdem ein neues Leben aufbauen, das mir entspricht. Ich darf darüber trauern, dass ich bestimmte Erfahrungen nicht mehr teilen kann, und dennoch neue Erfahrungen machen. Ich darf die Vergangenheit in meinem Herzen bewahren, ohne sie zum Maßstab für jeden kommenden Tag zu machen.
 
Vielleicht bedeutet Loslassen für mich deshalb etwas anderes, als ich mal geglaubt habe. Es bedeutet nicht, dass ich vergesse oder dass das Vergangene vollständig verarbeite. Es bedeutet vielmehr, dass ich akzeptiere, dass mein Leben nicht dort enden muss, wo die Vorstellung über meine Zukunft zerbrochen ist. Ich kann die Liebe und die Verbundenheit, die ich erlebt habe, als Teil meiner Geschichte mitnehmen, ohne für immer in dieser Geschichte leben zu müssen. Ich lerne, mit dem was unveränderbar ist irgendwie klarzukommen und ein neues Leben um meine Verluste herum zu gestalten. Sie sind zwar da, aber sie müssen nicht mehr mein ganzes Leben beherrschen. Ich darf das Leben, das zu mir passt, wiederentdecken, auch wenn es sich durch die Trauer verändert hat.
Es braucht noch Zeit bis ich den Unterschied zwischen meinem freiwilligen Alleinsein und meiner unfreiwilligen inneren Einsamkeit wieder deutlicher spüren kann. Ich muss lernen, dass nicht jede stille Stunde ein Zeichen für Verlust ist und nicht jeder glückliche Moment bedeutet, dass er, ohne ihn teilen zu können, wertloser ist. Ich darf mir ein Leben schaffen, in dem ich mich zu Hause fühle, ohne dabei so zu tun, als hätte es die Vergangenheit nie gegeben. Ich darf mich nach der Vergangenheit sehnen und gleichzeitig offenbleiben für das, was das Leben mir noch schenken kann.
Der Schmerz über das Vergangene sabotiert das Jetzt vor allem dann, wenn ich glaube, dass nur das frühere Leben ein erfülltes Leben war. Wenn ich meine Gegenwart ausschließlich durch den Verlust betrachte, nehme ich mir die Möglichkeit, ihren eigenen Wert zu erkennen. Dann wird mein Jetzt zu einer blassen Kopie dessen, was war, statt zu etwas, das auf seine eigene Weise Bedeutung hat. Ich möchte nicht, dass meine Erinnerungen zu einem Gefängnis werden. Ich möchte, dass sie ein Teil von mir bleiben dürfen, ohne mich daran zu hindern, weiterzugehen.
 
Ich weiß nicht, wie meine Zukunft aussehen wird. Vielleicht wird sie stiller sein, als ich sie mir früher vorgestellt habe. Vielleicht werde ich viele Stunden allein verbringen, mit meinen Büchern, meinen Gedanken, meinen Spaziergängen. Vielleicht werde ich lernen, in dieser Lebensform eine neue Art von Frieden zu finden. Und vielleicht wird die Sehnsucht immer einen Platz in mir behalten. Aber ich möchte nicht länger glauben, dass ein Leben, das anders geworden ist, deshalb ein unvollständiges Leben sein muss. Und dass ich nicht gezwungen bin, meine Trauer zu überwinden, bevor ich wieder anfangen kann, mir ein Leben zu gestalten. Am Ende geht es für mich nicht darum, die Trauer und den Schmerz einfach hinter mir zu lassen. Es geht darum einen Weg zu finden, auf dem beides Platz hat, das Leben, das ich gelebt habe und das Leben, das ich, so Gott will, noch vor mir habe. Ich möchte mir erlauben, das Leben, das ich heute führen kann, nicht ständig mit dem Leben zu vergleichen, das ich verloren habe. Vielleicht ist Frieden nicht der Zustand, in dem wir nichts mehr vermissen. Vielleicht ist Frieden der Moment, in dem wir das Vermissen nicht mehr mit dem Gefühl verwechseln müssen, dass uns deshalb das Leben verschlossen bleibt. Auch wenn ich nicht mehr dort leben kann, wo mein Herz einmal zu Hause war, kann ich langsam lernen, mir in meinem eigenen Herzen wieder ein Zuhause zu schaffen.
 
Angelika Wende

Dienstag, 13. Oktober 2026

Wenn Krisen kein Ende haben

 

Foto. A.W.


In der Psychologie wird eine Krise meist als ein zeitlich begrenzter Zustand definiert. Modelle wie z.B. das von Verena Kast beschreiben einen zyklischen Verlauf. Auf den Schock folgen Trauer, Wut, Verhandlung und schließlich die Neuorientierung. Am Ende dieser Entwicklung, so das theoretische Versprechen, steht der Austritt aus der Krise und der Beginn eines neuen Normalzustands. Die Annahme dieses zyklischen Verlaufs ist heute längst überholt. Die Phasen können sich abwechseln, wiederholen oder bestehen bleiben und manchmal gibt es einfach kein Ende der Krise.
Unsere moderne Gesellschaft ist stark von einem Optimierungs- und Lösungsgedanken geprägt und auch in Teilen der Psychologie dominierte lange Zeit das Paradigma der „Bewältigung“, sprich Coping. Bewältigung suggeriert jedoch ein Ziel. Das Problem wird verarbeitet, die Wunde heilt, die Krise ist vorbei. 
 
Dass jede Krise ein klares Ende hat, ist eine Wunschvorstellung der Theorie.
Diese Vorstellung scheitert an der Komplexität des realen menschlichen Lebens. Wenn wir über schwerwiegende Ereignisse sprechen, wie den Verlust eines geliebten Menschen, eine chronische oder fortschreitende schwere Krankheit, schwere Traumata oder das lebenslange Pflegen eines schwerkranken Angehörigen, dann gibt es keinen Punkt, an dem alles wieder gut ist oder die Krise einfach aufhört. Zu verlangen, dass jede Krise irgendwann abgeschlossen sein muss, führt zu einer Pathologisierung natürlicher Langzeitprozesse und erzeugt bei den Betroffenen nicht selten einen massiven sekundären Leidensdruck.
 
Es gibt drei wesentliche Gründe, warum manche Lebenskrisen kein klassisches Ende haben.
 
Dazu gehört der unumkehrbare Verlust
Manche Krisen verändern das Fundament unseres Lebens radikal und dauerhaft. Das was uns Halt gab und uns getragen hat, was wir liebten, was uns Sinn gab, ganz gleich was es im einzelnen Fall war, bricht weg. Und damit bricht nicht nur ein Leben weg, sondern in vielen Fällen auch unsere alte Identität. Dieser Verlust bleibt. Unser Leben wird nie wieder so sein wie davor. Es gibt kein Zurück zum alten Normal.
 
Die chronische Krise
Auch bei unheilbaren körperlichen oder seelischen Krankheiten oder anhaltenden existenziellen Belastungen bleibt der Krisenzustand dauerhaft bestehen. Die Bedrohung, das Leid oder der Schmerz verschwinden nicht. Hier verschwimmt die Grenze zwischen einer akuten Krise und der Realität permanenter Lebensumstände, die in der Regel auch noch zunehmend schlechter werden können.
 
Das Nachbeben
Selbst wenn ein traumatisches Ereignis vorbei ist, wie z. B. das Entkommen aus einer missbräuchlichen Beziehung oder das Überleben einer Katastrophe, können die psychischen Folgen, wie eine Posttraumatische Belastungsstörung, Jahrzehnte oder sogar ein Leben lang andauern. Die äußere Krise ist vorbei, die innere Krise bleibt.
 
Was, wenn eine Krise kein Ende hat?
In der Psychologie gehen wir bei solchen permanenten Krisen weg vom Konzept der Bewältigung, im Sinne von - das Problem verschwindet, hin zum Konzept der Integration.
Wenn die Krise kein Ende hat, verändert sich die Aufgabe.
So banal es klingen mag: Es geht jetzt darum mit dem Verlust des alten Lebens und dem Schmerz leben zu lernen. Es geht nicht darum wieder das Leben zurückzubekommen was vorher war, nicht mehr darum, der Mensch zu werden, der wir vor der Krise waren, es geht nicht mehr darum gesund oder schmerzfrei zu werden, sondern das was jetzt ist, als Teil des eigenen Lebens anzunehmen, sprich: zu integrieren. Mit einfachen Worten: Es geht darum, mit dem was unveränderbar ist irgendwie klarzukommen und ein neues Leben um die Krise herum zu gestalten. Die Krise ist zwar da, aber sie darf im besten Fall nicht mehr unser ganzes Leben beherrschen. Es geht um Resilienz statt Heilung. Es geht um Widerstandskraft, was bedeutet, trotz der dauerhaften Belastung, dem Leid und dem Schmerz noch Momente von Lebenssinn und Lebensqualität zu finden. Im besten Fall wachsen wir um die Krise herum. Das Leben erweitert sich wieder. Es entstehen neue Beziehungen, neue Interessen und neuer Sinn. Die Krise bleibt im Zentrum, nimmt aber irgendwann nicht mehr den gesamten Raum ein. 
 
Resilienz ist der Weg im Angesicht des krisenhaften Dauerzustands.
Resilienz bedeutet in einer permanenten Krise etwas anderes als in einer akuten Krise.
Sie ist hier nicht wie bei der akuten Krise das Zurückfedern in den Ursprungszustand, sondern sie bedarf der Fähigkeit zur radikalen Akzeptanz. Radikale Akzeptanz bedeutet, die Realität so anzunehmen, wie sie ist, ohne sie zu beschönigen, aber auch ohne gegen das Unabänderliche anzukämpfen. Erst diese Akzeptanz stoppt das emotionale Ausbluten durch den vergeblichen Kampf gegen Windmühlen.
 
Aus psychologischer und menschlicher Sicht ist es meines Erachtens essenziell, anzuerkennen: Manche Krisen enden nie. Diese Erkenntnis kann uns entlasteten. 
Sie befreit uns von der Erwartung, irgendwann wieder die oder der Alte sein zu müssen oder eine traumatische Erfahrung hinter uns zu lassen und vollständig zu heilen. Wir können nicht alle Wunden heilen. Und auch die Zeit heilt nicht alle Wunden. Psychologische Begleitung solcher dauerhaften Krisenzustände zielt daher nicht auf ein Ende der Krise, sondern auf den Aufbau der bestmöglichen Lebensqualität mit der Krise. Das Unabänderliche wird nicht weggemacht, aber es bekommt einen Platz in der eigenen Biografie.
 
Viele Menschen sagen, dass Krisen uns stärker machen. Doch eine Krise allein tut das nicht. 
Ein Verlust ist keine Lektion, Schmerz ist kein Training, ein gebrochenes Herz ist kein Preis, den wir für persönliche Reife zahlen müssen, eine Krankheit ist keine Strafe und ein Schicksalsschlag kein Versprechen auf persönliches Wachstum. Manchmal macht uns die Krise einfach verletzlicher. Das tut weh. Das nimmt uns Sicherheit, Vertrauen oder Hoffnung. Was uns verändert ist nicht die Krise, nicht das, was passiert ist, sondern die Auseinandersetzung mit dem, was passiert ist. Die Zeit, die wir brauchen, um zu verstehen, um zu trauern, um loszulassen, um zu akzeptieren und langsam wieder Boden unter den Füßen zu finden. Nicht das, was uns zerbricht, macht uns stärker. Sondern die Arbeit, die wir machen, um uns aus den Trümmern wieder selbst aufzubauen.
Es ist völlig normal und legitim zu sagen: „Diese Krise hat für mich kein Ende.“ Die Erwartungshaltung an uns selbst oder die Erwartung anderer, dass wir irgendwann darüber hinwegkommen müssen, ist nicht nur falsch, sie ist unmenschlich und erzeugt nur zusätzlichen, unnötigen Druck.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Mittwoch, 7. Oktober 2026

Macht uns eine Krise wirklich stärker?

 
 

 
 
Viele Menschen sagen, dass Krisen uns stärker machen. Doch eine Krise allein tut das nicht. Ein Verlust ist keine Lektion, Schmerz ist kein Training, ein gebrochenes Herz ist kein Preis, den wir für persönliche Reife zahlen müssen und ein Schicksalsschlag kein Versprechen auf persönliches Wachstum.
Manchmal macht uns die Krise einfach verletzlicher. Das tut weh. Das nimmt uns Sicherheit, Vertrauen oder Hoffung.
Was uns verändert ist nicht das, was passiert ist, sondern die Auseinandersetzung mit dem, was passiert ist. Die Zeit, die wir brauchen, um zu verstehen, zu trauern, loszulassen und langsam wieder Boden unter den Füßen zu finden.
Nicht das, was uns zerbricht, macht uns stärker. Sondern die Arbeit, die wir machen, um uns aus den Trümmern wieder selbst aufzubauen.

Montag, 5. Oktober 2026

Wenn Vergangenes nicht vergangen ist

 

Foto: A.W.


Wir Menschen erzählen unsere Geschichte, um Erfahrungen zu ordnen, Zusammenhänge herzustellen und dem, was wir erlebt haben, einen Platz in unserem Leben zu geben. Wir suchen nach Kohärenz, dem Gefühl dass unser Leben und unsere Biografie verständlich, handhabbar und sinnvoll ist. Die Wiederholung kann dabei etwas über den inneren Zustand eines Menschen verraten. Wenn eine Geschichte immer wieder erzählt werden muss, hat sie innerlich noch keinen festen Platz gefunden. Das Erlebte ist dann noch nicht vollständig in die eigene Lebensgeschichte integriert. Es bleibt psychisch gewissermaßen gegenwärtig und verlangt immer wieder nach Aufmerksamkeit, Erklärung oder Anerkennung.
 
Manche Menschen sagen von sich: „Ich habe das längst verarbeitet.“ Und vielleicht glauben sie das auch. Doch manchmal zeigt gerade die Art, wie sie über das Vergangene sprechen, etwas anderes. 
Wenn dieselbe Geschichte immer wieder erzählt wird, mit denselben Einzelheiten, denselben Vorwürfen, derselben Wut, derselben Fassungslosigkeit oder derselben Trauer, liegt darin ein Hinweis, dass das Erlebte innerlich noch keinen wirklichen Abschluss gefunden hat. Das bedeutet nicht, dass jedes wiederholte Erzählen ein Zeichen von Nichtverarbeitung ist. Entscheidend ist vielmehr, wie eine Geschichte erzählt wird. Wird sie immer wieder aus derselben Perspektive erzählt, mit denselben Gefühlen, denselben Vorwürfen und demselben Ausgang, kann die Wiederholung darauf hinweisen, dass sich innerlich noch nichts bewegt hat. Die Geschichte wird erzählt, aber nicht neu verstanden.
 
Erinnerungen sind dabei keine unveränderlichen Abbilder der Vergangenheit. 
Wenn wir uns an etwas erinnern und darüber sprechen, greifen wir auf die Erfahrung zurück und verbinden sie mit dem Menschen, der wir heute sind.  
Dadurch kann sich auch unsere Sicht auf das Vergangene verändern. Eine Erfahrung kann mit der Zeit einen anderen Platz bekommen. Was zunächst nur als Verletzung erlebt wurde, kann später vielleicht auch als Teil der eigenen Entwicklung verstanden werden. Was lange unverständlich war, kann in einen größeren Zusammenhang treten. Was traumatisch war, kann integriert werden.
 
Erzählen ist eine Form der psychischen Verarbeitung.
Indem wir unsere Geschichte in Worte fassen, geben wir einzelnen Erlebnissen eine Struktur und versuchen, sie in unser Selbstbild einzuordnen. Integration bedeutet dabei nicht, dass etwas vergessen, entschuldigt oder gutgeheißen werden muss. Integration bedeutet vielmehr, dass das Erlebte Teil der eigenen Geschichte werden kann, ohne die Gegenwart zu bestimmen. Wenn ein Mensch immer wieder zu derselben Geschichte zurückkehrt, als müsse er sie erneut erklären, rechtfertigen oder beweisen, dass ihm Unrecht geschehen ist, deutet das darauf hindeuten, dass die Erfahrung noch immer nach Bedeutung sucht. Die Wiederholung allein beweist zwar nicht, dass etwas unverarbeitet ist, aber sie kann eine Spur sein. Besonders dann, wenn sich beim Erzählen nichts verändert. Die Geschichte bleibt dieselbe, die Rollen bleiben dieselben, der Schmerz bleibt derselbe und auch die eigene Position innerhalb dieser Geschichte bleibt unverändert. Wir erzählen dann nicht einfach von der Vergangenheit, wir kehren in gewisser Weise immer wieder zu ihr zurück.
 
Verarbeitung besteht deshalb nicht darin, usnere Geschichte möglichst oft zu erzählen, sondern darin, dass sie sich mit der Zeit verändern darf.  
Nicht die Tatsachen müssen sich verändern, sondern ihre Bedeutung für uns. Aus „Das ist mir passiert“ kann irgendwann „Das ist ein Teil dessen, was mir passiert ist“ werden. Der Unterschied scheint klein, ist aber entscheidend. Im ersten Satz bestimmt das Erlebte noch die eigene Identität, im zweiten ist es ein Teil der eigenen Geschichte geworden.
Eine integrierte Erfahrung muss nicht vergessen oder vergeben werden. Sie darf weiterhin wehgetan haben, sie darf ungerecht gewesen sein und sie darf erzählt werden. Aber sie muss nicht mehr ständig erzählt werden, damit ihre Bedeutung bestehen bleibt. Sie gehört zu uns, ohne unsere Identität vollständig zu bestimmen. 
 
Echte Verarbeitung zeigt sich deshalb weniger darin, dass jemand sagt: „Ich habe es verarbeitet“, als darin, dass er nicht mehr gezwungen ist, dieselbe Geschichte immer wieder auf dieselbe Weise zu erzählen. 
Denn solange eine Geschichte immer wieder nacherzählt werden muss, ist sie noch nicht wirklich zur Vergangenheit geworden. Sie lebt weiter, nicht nur in unserer Erinnerung, sondern auch in der Art, wie wir die Gegenwart und uns selbst wahrnehmen.
Eine vergangene Erfahrung ist nicht dadurch integriert, dass wir sie vergessen. Integration bedeutet vielmehr, dass wir uns an sie erinnern können, ohne immer wieder in sie zurückkehren zu müssen. Solange wir sie immer wieder erzählen müssen, versucht etwas in uns noch, mit ihr fertig zu werden. Sie hat ihren Platz in unserer Vergangenheit noch nicht gefunden.
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de