Samstag, 22. August 2026

Innerer Frieden

 



Was bedeutet innerer Frieden für mich? 
Diese Frage stelle ich mir an diesem Morgen, nach einem Vorfall, der mich zutiefst schockiert und befremdet hat. Für mich bedeutet innerer Frieden, mit mir selbst im Einklang zu sein. Das bedeutet nicht, dass ich keine Sorgen, Ängste oder Probleme habe. Vielmehr bedeutet es, trotz all dem einen ruhigen Ort in mir zu bewahren und ihn zu schützen. Einen Ort, an dem ich ich selbst sein kann, ohne Erwartungen zu erfüllen oder mir selbst und anderen etwas beweisen zu müssen und ohne alles oder jeden verstehen zu müssen. 
 
Oft verlieren wir unseren inneren Frieden, weil wir zu sehr nach außen schauen. 
Wir denken darüber nach, wie es anderen geht, was andere über uns denken, machen uns Sorgen über Dinge, auf die wir keinen Einfluss haben, oder versuchen zu kontrollieren, was wir nicht kontrollieren können. Dabei vergessen wir, auf uns selbst zu hören. Wir vergessen, uns selbst wahrzunehmen. Oder wir nehmen etwas wahr und verdrängen oder beschönigen es, weil wir glauben, dass wir es nicht einfach loslassen können.  Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, meinen inneren Frieden zu schützen. Ich habe gelernt, schneller loszulassen, was mir nicht guttut oder mich zu viel Energie kostet. Nicht jeder Streit muss gewonnen, nicht jede Meinung beantwortet und nicht jedes Problem gelöst werden. Nicht jeder muss mich mögen, und ich muss mich nicht verbiegen, um gemocht zu werden. Ich muss mich nicht erklären oder rechtfertigen, wenn ich etwas sage oder fühle, nur weil andere damit nicht umgehen können.
 
Manchmal bedeutet Frieden auch, bewusst zu sagen: Das lasse ich nicht mehr an mich heran. Ich lasse es sein. Diese Situation, diesen Menschen, diesen Gedanken, ich lasse los. Denn was mir nicht guttut und sich nicht gut anfühlt, kostet mich nicht nur Kraft, sondern auch meinen inneren Frieden. Und je älter ich werde, desto bewusster wird mir, wie kostbar er ist. Kostbarer als vieles, was ich im Außen finden kann. Innerer Frieden ist für mich keine Flucht vor der Welt. Es ist die Fähigkeit, inmitten all des Lärms bei mir selbst zu bleiben. Ich kann nicht bestimmen, was in meinem Leben passiert, ich kann andere nicht ändern, aber ich kann entscheiden, welchen Einfluss die Dinge auf mich haben. Und darin liegt für mich innere Freiheit. Ich darf meiner Wahrnehmung vertrauen. Sie erinnert mich daran, auf mich selbst zu hören und mich nicht zu verlieren, egal, was um mich herum geschieht. Ich bleibe bei mir, um meines inneren Friedens willen.
 

„Jene, die den Weg der Achtsamkeit gehen,
Haften nicht an Orten, Menschen, Dingen,
Wie Schwäne erheben sie sich vom See,
Lassen Orte, Menschen, Dinge los.“


Buddha


Freitag, 21. August 2026

Ein Versuch von Leben




 
Alles Liebe“ heißt Ronja von Rönnes neues Buch.
Nur dass von Liebe in diesem Buch nicht die Rede ist, eher vom Geliebtwerdenwollen, was den Protagonisten aber nicht gelingt, obwohl sie einiges dafür tun und vieles dafür halten.
Es geht um Selbstlügen, ums Anlügen, um Lebenslügen. Die Menschen in den Geschichten sind erbärmlich, verzweifelt, neurotisch, depressiv, größenwahnsinnig, frustriert, resigniert, mutlos, verbittert, obsessiv und alle sind auf ihre eigene Weise einsam. Sie alle sind Menschen, die nebeneinanderher leben, geliebt werden wollen und doch nicht wissen, wie man sich selbst und anderen wirklich nahekommt. Und sie alle haben ihre Strategien, mit denen sie versuchen, ihren Mangel an Liebe zu kompensieren.
 
Sie leiden unter ihren Lebensumständen, tragen aber gleichzeitig selbst dazu bei, dass sich diese Umstände immer weiter verfestigen. Sie leben nicht wirklich, sondern reagieren nur noch auf ihr eigenes, immer enger werdendes Konstrukt von Wirklichkeit. Ihr Leben ist ein Drüberleben, ein Versuch von Leben, der am Ende scheitert. Sie schaffen sich ihre eigene Wirklichkeit, die bisweilen so absurd, befremdlich und grotesk daherkommt, dass sie einem trotz ihrer Erbärmlichkeit nicht einmal leidtun. Sie werden nicht erklärt. Man muss sie aushalten. Sie sind Opfer, die zu Tätern werden, Opfer, die es nicht schaffen, aus dem Hamsterrad auszusteigen und Eigenverantwortung zu übernehmen, und stattdessen einen Kampf gegen sich selbst führen, den sie am Ende nicht gewinnen. Und irgendwie wird man beim Lesen den Eindruck nicht los, dass sie alle in die Psychiatrie gehören, damit ihnen geholfen werden kann. 
 
Ronja von Rönne beschreibt das stille Leid ihrer Figuren mit einer an Empathielosigkeit grenzenden Distanz. Jedem von ihnen widmet sie ein Kapitel und überschreibt es mit dem Vornamen ihrer trostlosen Heldinnen und Helden. Sie bewertet nicht, interpretiert nicht, psychologisiert nicht. Sie beobachtet und beschreibt. Gerade dadurch werden ihre Figuren so unangenehm wirklich. "Alles Liebe" ist ein ziemlich liebloses Buch. Und am Ende fragt man sich, ob es solche lieblosen Leben wirklich gibt. Ja, es gibt sie. Und gerade das macht das Buch noch trostloser, weil es eine Wirklichkeit abbildet, die sich Tag für Tag hinter verschlossenen Türen abspielt.

Dienstag, 18. August 2026

Wenn niemand mehr da ist, der uns sieht

 



„Was ist ein Leben noch wert, wenn ein Mensch vollkommen allein ist und niemanden mehr hat?“, fragte mich gestern eine verzweifelte Klientin. Im Laufe der letzten zwei Jahre hat sie alle Menschen verloren, die ihr etwas bedeutet haben. Ich kann mit ihr fühlen. Auch ich habe wichtige Menschen in meinem Leben verloren. Auch ich kenne Momente, in denen die Frage auftaucht: Was bleibt, wenn die Menschen fehlen, die meinem Leben Bedeutung gegeben haben? Das ist eine zutiefst existenzielle Frage.
 
Wenn ein Mensch vollkommen allein ist, kann sich das Leben tatsächlich wertlos anfühlen. 
Wenn Alleinsein zu Einsamkeit wird, kann diese Einsamkeit das eigene Selbstbild verändern. Man fühlt sich verlassen, überflüssig, bedeutungslos, vergessen und nicht mehr gebraucht. Der Blick auf das eigene Leben wird enger. Was gestern noch selbstverständlich wertvoll erschien, kann plötzlich leer wirken. Doch das Gefühl von Wertlosigkeit ist nicht dasselbe wie tatsächliche Wertlosigkeit. Ein Mensch kann sich wertlos fühlen, ohne wertlos zu sein. Das klingt wie eine einfache Unterscheidung. Für einen Menschen in tiefer Einsamkeit ist sie jedoch schwer zu spüren. Einsamkeit ist nicht bloß ein Gedanke. Sie ist ein schmerzhafter emotionaler Zustand. 
 
Wir Menschen sind soziale Wesen. 
Wir brauchen Resonanz, Nähe, Zugehörigkeit, Berührung, Blickkontakt und das Gefühl, für jemanden Bedeutung zu haben. Beziehungen helfen uns dabei, uns selbst zu erkennen, zu entwickeln und zu regulieren. Das Ich braucht das Du. Deshalb würde ich einem einsamen Menschen niemals sagen: Du brauchst keine anderen Menschen. Dein Leben hat auch allein genügend Wert. Das klänge zwar philosophisch, könnte aber menschlich etwas völlig anderes vermitteln, nämlich, dass sein Bedürfnis nach Nähe ein Zeichen von Abhängigkeit oder Bedürftigkeit sei. Das ist es nicht. Der Wunsch nach Verbundenheit ist kein Defizit. Er gehört zu unserem Menschsein.
 
Wenn wir uns wertlos fühlen, weil wir niemanden mehr haben, zeigt das nicht, dass wir tatsächlich wertlos sind. Es zeigt wie sehr uns Beziehung fehlt. Einsamkeit ist ein Gefühl, und dieses Gefühl verweist auf ein zutiefst menschliches Bedürfnis.
Was aber bleibt, wenn niemand mehr da ist?
Was ist mit einem Menschen, der tatsächlich niemanden mehr hat? Kann ein Leben seinen Wert verlieren, wenn es nicht mehr gesehen, geliebt oder gebraucht wird?
Sicher nicht.
 
Der Wert eines Menschen hängt nicht ausschließlich davon ab, ob andere ihn bestätigen. Er ist nicht an Status, Beziehungen, Leistung oder gesellschaftlichen Nutzen gebunden. Ein Mensch ist nicht erst dann wertvoll, wenn jemand anderes ihn wertvoll findet. Er ist da. Er erlebt. Er fühlt. Er denkt. Er erinnert sich. Er nimmt wahr. Er kann etwas erschaffen, etwas betrachten, sich selbst begegnen. Das bedeutet nicht, dass Existieren sich immer wertvoll anfühlt.
 
Genau hier liegt der entscheidende Unterschied.
Der objektive oder philosophisch angenommene Wert eines Lebens und das subjektive Gefühl, dass dieses Leben wertvoll ist, sind nicht dasselbe. Ein Mensch besitzt einen unverlierbaren Wert besitzen und kann sich gleichzeitig vollkommen wertlos fühlen. Und manchmal ist genau diese Diskrepanz kaum auszuhalten.
 
Kann Einsamkeit einen Menschen zerstören?
Die Antwort ist komplizierter, als „Ja“ oder „Nein“.
Chronische Einsamkeit und soziale Isolation können die psychische und körperliche Gesundheit erheblich belasten. Sie können mit Depressionen, Angst, Schlafproblemen, Sucht, kognitiven Beeinträchtigungen und anderen gesundheitlichen Problemen verbunden sein. Für viele Menschen ist dauerhafte Beziehungslosigkeit eine enorme Belastung. Aber Belastung bedeutet nicht zwangsläufig Zerstörung. Wir Menschen besitzen eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Anpassung. Wir können innere Strukturen entwickeln, Erinnerungen bewahren, Beziehungen innerlich weiterführen, mit uns selbst sprechen, imaginieren, schreiben, beten, Musik hören, Kunst betrachten oder schaffen, in der Natur sein und uns sinnhafte Aufgaben geben. All das ersetzt Beziehung nicht. 
 Ein Gespräch mit uns selbst ist kein Ersatz für eine Umarmung. Eine Erinnerung ist keine gegenwärtige Beziehung. Selbstgenügsamkeit ersetzt keine Zugehörigkeit. Aber diese inneren Ressourcen können helfen, eine Zeit zu überstehen, in der äußere Verbindung fehlt.
 
Was, wenn ich für immer allein bleibe?, fragt meine Klientin weiter. Was, wenn es keine Beziehung mehr gibt? Was, wenn niemand mehr meinem Leben zusieht? Was, wenn mich niemand mich braucht und niemand sich an mich erinnert?
Selbst dann bliebe eines bestehen: Ihr Erleben. Schmerz wäre weiterhin Schmerz. Freude wäre weiterhin Freude. Ein Gedanke wäre weiterhin ein Gedanke. Eine Entscheidung wäre weiterhin eine Entscheidung. Ihre Wirklichkeit würde nicht dadurch unwirklich, dass niemand sie bezeugt.
 
Das kann beängstigend sein. Zugleich kann darin eine besondere Form von Freiheit liegen: die Freiheit, uns nicht ausschließlich über die Blicke anderer zu definieren.
Doch diese Freiheit bedeutet nicht, dass andere Menschen unwichtig werden. Im Gegenteil. Gerade weil wir frei sind, dürfen wir entscheiden, dass Beziehungen für uns wichtig sind. Wir dürfen entscheiden, dass wir Nähe brauchen. Wir dürfen uns neuen Begegnungen öffnen. Freiheit bedeutet nicht, niemanden zu brauchen. Sie bedeutet auch, anerkennen zu können, was wir brauchen.
 
Nicht jede Einsamkeit muss in eine philosophische Erkenntnis verwandelt werden. Nicht jeder Schmerz braucht sofort einen Sinn. Manchmal ist Einsamkeit einfach nur schmerzhaft.
Aber wir können entscheiden, wie wir uns zu ihr verhalten.
Ich bin allein, aber ich bin nicht wertlos. Ich habe Menschen verloren, aber ich habe dadurch nicht meine Fähigkeit verloren zu lieben. Ich kann die Vergangenheit nicht zurückholen, aber ich weiß noch, was Beziehung für mich bedeutet. Und dieser Schmerz der Einsamkeit zeigt mir, wonach ich mich sehne.
 
Es ist keine Lösung Einsamkeit zu romantisieren.
Es wäre eine gefährliche Vereinfachung zu sagen: Du brauchst niemanden. Lerne einfach, dir selbst zu genügen, dich selbst zu lieben. Selbstliebe bedeutet nicht, ich kann auf die Liebe von anderen verzichten. Wir dürfen uns nach Liebe sehnen. Wir dürfen anerkennen, dass ein Leben ohne Beziehungen für uns persönlich schwer vorstellbar ist. Und trotzdem bleibt unser Wert bestehen, wenn das gerade fehlt. Genau das ist der entscheidende Punkt: Mein Leben ist nicht wertvoll, nur weil jemand anderer mir dabei zusieht, aber gerade weil mein Leben wertvoll ist, darf ich mir wünschen, wieder jemanden an meiner Seite zu haben.Das eine hebt das andere nicht auf.
Und auch wenn ein Mensch in diesem Moment überzeugt ist, dass niemand mehr kommen wird, ist das eine Aussage über seine gegenwärtige Erfahrung und nicht notwendigerweise eine zuverlässige Beschreibung seiner Zukunft.
 
Vielleicht liegt darin die existenzielle Herausforderung: Wenn mich niemand mehr jemals sehen würde, würde es für mich selbst einen Unterschied machen, wie ich lebe?
Ich habe auf diese Frage noch keine endgültige Antwort. Ich muss sie auch nicht endgültig beantworten. Für mich besteht die Herausforderung nicht darin, meiner Klientin zu beweisen, dass sie niemanden braucht, sondern darin, anzuerkennen: Ich brauche Menschen. Und trotzdem bin ich auch dann nicht wertlos, wenn gerade niemand da ist. Ich darf traurig über Verluste sein, ohne daraus zu schließen, dass mein eigenes Leben mit diesen Verlusten ebenfalls verloren gegangen ist. Ich darf meine Vergangenheit lieben, ohne in ihr leben zu müssen. Und ich darf entscheiden, wie ich mit dem umgehen möchte, was mir geblieben ist. Ich kann mich auf die Suche nach neuer Verbindung machen. Und vielleicht kann ich sogar lernen, mir selbst für eine Weile gute Gesellschaft zu leisten, ohne daraus eine endgültige Lebensform machen zu müssen.
 
Der Wert eines Lebens verschwindet nicht dadurch, dass Beziehungen verschwinden. 
Aber der Mensch, der zurückbleibt, braucht deshalb nicht weniger Unterstützung, sondern umso mehr. Wir sollten beides gleichzeitig halten können. Ein Mensch besitzt seinen Wert unabhängig davon, ob ihn jemand sieht. Und ein Mensch braucht Verbindung.
Das ist kein Widerspruch. Wir sind autonome Wesen und zugleich aufeinander angewiesen. Wir können uns selbst begegnen und brauchen dennoch andere. Wir können einen eigenen Sinn entwickeln und uns trotzdem danach sehnen, diesen Sinn mit anderen zu teilen. Wir sind auch allein wertvoll und dürfen uns trotzdem wünschen, nicht allein zu bleiben.
Das Leben ist nicht erst dann wertvoll, wenn uns jemand dabei zusieht. Aber es ist leichter, wenn jemand sagt: Ich sehe dich. Und vielleicht ist das am Ende die Antwort, die wir einander geben können. Nicht: Du brauchst niemanden. Sondern: Du bist auch dann wertvoll, wenn du gerade niemanden hast. Und du musst mit deinem Schmerz nicht allein bleiben.

Montag, 17. August 2026

Am Ende finden wir uns nicht, wir werden

 

                                                                  Malerei: A.W.
 
 
Manche von uns haben die Vorstellung, dass irgendwo in uns eine feststehende Version unseres wahren Ichs existieren, ein unverfälschtes, wahres Selbst, das nur darauf wartet, entdeckt zu werden. Also suchen wir. Wir hinterfragen unsere Entscheidungen, unsere Beziehungen, unsere Ziele. Wir fragen uns, wer wir wirklich sind. Wir machen unendlich viele Verrenkungen um endlich dieses wahre Selbst zu finden. Aber der Mensch ist kein Rätsel, dessen Lösung tief in seinem Inneren verborgen liegt. Unsere Persönlichkeit ist kein unveränderlicher Kern, den wir irgendwann vollständig freilegen. Sie entsteht in einem ständigen Wechselspiel zwischen dem, was wir erlebt haben, dem, was uns geprägt hat, was wir im Laufe der Zeit erleben und dem, was wir daraus machen. Wir sind nicht nur das Ergebnis unserer Vergangenheit. Wir sind auch das Ergebnis unserer Entscheidungen, unserer Reaktionen und der Richtung, in die wir unser Leben lenken.
 
Wir tragen Dinge in uns, die wir nicht selbst gewählt haben. 
Unser Temperament, unsere frühen Erfahrungen, unsere Verletzungen, unsere Bedürfnisse und unsere Ängste. Vieles davon entsteht, bevor wir überhaupt die Möglichkeit haben, bewusst darüber zu entscheiden. Manche Prägungen begleiten uns ein Leben lang. Aber keine Prägung muss unsere endgültige Identität bestimmen.
Persönliche Entwicklung bedeutet für mich, zwischen dem zu unterscheiden, was mich geprägt hat, und dem, was mich definieren soll. Nicht jede Angst muss Teil meiner Identität bleiben. Nicht jede Verletzung muss bestimmen, wie ich liebe. Nicht jede Erwartung, die andere an mich gestellt haben, muss zu meinem eigenen Lebensentwurf werden.
 
Sich selbst zu finden bedeutet deshalb nicht zwangsläufig, krampfhaft eine verborgene Wahrheit über ein Selbst aufzudecken. Es bedeutet, mich selbst immer bewusster zu gestalten.
Es gibt keine endgültige Version von uns, die wir eines Tages erreichen. Wir verändern uns, wenn wir lieben. Wir verändern uns, wenn wir verlieren. Wir verändern uns, wenn wir scheitern, Grenzen setzen oder den Mut finden, etwas Neues zu beginnen. Menschen bringen Seiten in uns zum Vorschein, von denen wir vorher nichts wussten. Einschneidende Erfahrungen zerstören manchmal ein Selbstbild, an dem wir jahrelang festgehalten haben. Und all das ist der Raum für ein ehrlicheres und bewussteres Selbstverständnis.
 
Man selbst werden bedeutet für mich nicht, irgendwann herauszufinden, wer man wirklich ist. Es bedeutet, Verantwortung dafür zu übernehmen, wer man werden will. 
Die Vergangenheit erklärt, warum wir heute so sind. Sie entscheidet aber nicht darüber, wer wir morgen sein werden. Wir können unsere Geschichte nicht auslöschen. Wir können nicht jede Prägung abschütteln und nicht jede Wunde durch Willenskraft überwinden. Aber wir können entscheiden, welche Bedeutung wir dem Erlebten geben und welchen Einfluss es auf unser weiteres Leben haben soll. Wer sein ganzes Leben damit verbringt, sich selbst zu finden, übersieht dabei, dass man sich nicht unbedingt finden, sondern entwickeln darf. Wer ein Leben lang nach sich selbst sucht, wartet auf eine Antwort, die außerhalb von ihm liegt. Auf eine Eingebung, einen Moment des Erwachens, in dem plötzlich alles einen Sinn ergibt und man endlich weiß, wer man wirklich ist. Doch dieses Erwachen kommt vielleicht nicht und vielleicht ist dieses Erwachen auch wieder nur eine Illusion des Geistes, der nach sich selbst sucht. 
 
Das Selbst ist keine verborgene Wahrheit, die darauf wartet, entdeckt zu werden. 
Es entsteht in dem Moment, in dem wir aufhören zu suchen und beginnen, bewusst zu entscheiden, wer wir sein wollen. Für mich besteht die eigentliche Freiheit nicht darin, irgendwann endgültig herauszufinden, wer ich wirklich bin. Sie besteht darin, mich immer wieder bewusst zu fragen: Wer möchte ich von hier an sein?
Am Ende finden wir uns nicht, wir werden.

Samstag, 15. August 2026

Das Gewicht des Todes

 

                                                                 Malerei: A.W.

 
 
Einer sagte zu mir: "Der Tod ist und bleibt immer der letzte und eigentliche Prüfstein."
Nein, der Tod ist für mich nicht der letzte und eigentliche Prüfstein des Lebens. Für mich liegt sein eigentliches Gewicht vielmehr darin, dass wir von ihm wissen. Der Mensch ist nicht nur ein Wesen, das irgendwann stirbt, er ist ein Wesen, das weiß, dass es sterben wird. Dieses Wissen begleitet ihn durch sein ganzes Leben, bewusst oder unbewusst. Der Tod ist nicht nur ein Ereignis am Ende des Lebens, sondern eine Möglichkeit, die bereits in jedem Augenblick gegenwärtig ist.
Es ist dieses Wissen um die eigene Endlichkeit, das dem Leben seine eigentümliche Spannung verleiht. Wir wissen, dass unsere Zeit begrenzt ist, und dennoch leben wir so, als hätten wir unendlich viel davon. Wir planen, verschieben, hoffen, warten auf Dinge die wir uns wünschen, wir scheitern und beginnen neu. Zugleich liegt über all dem die innere Gewissheit, dass wir irgendwann nichts mehr aufschieben, nichts mehr neu beginnen können. Der Tod wirkt somit schon im Leben, obwohl er noch nicht eingetreten ist. Vielleicht ist deshalb auch nicht der Tod selbst das eigentlich Beängstigende, sondern die Angst vor ihm. Diese Angst durchzieht das Leben, ohne dass wir uns ihrer bewusst sind. Wenige Menschen denken ständig über den Tod nach. Es wäre wohl auch unheilsam, denn in Anbetracht des Todes verschieben sich die Dinge. Sie werden kleiner oder größer. Bedeutungsvoller oder bedeutungsloser. Sie verlieren ihr Maß.
 
Wir verdrängen den Tod also, beschäftigen uns, suchen Sicherheit, Beziehungen, sammeln Erfahrungen und geben unserem Leben einen Sinn.  
Vieles von dem, was wir tun, könnte auch als Antwort auf unsere Endlichkeit verstanden werden. Wir versuchen, innerhalb unserer begrenzten Zeit etwas zu bewahren, etwas zu erfahren, etwas zu gestalten und zu verwirklichen. Wir lieben, wir wachsen, wir scheitern, wir werden zu dem, was wir sind, oder wir bleiben hinter dem zurück, was wir hätten werden können. Wir erleben ein Leben und wir erleben uns selbst in diesem Leben. Wir entfalten uns selbst oder auch nicht. Und wofür, könnte man sich fragen. Um am Ende all das loslassen zu müssen? Was war das dann? Was bleibt dann? Und warum möchten wir, das etwas bleibt? Etwas von uns, eine Spur unter all den Spuren, die im Sand verrinnen. Etwas was nicht der Auslöschung anheimfällt. 
 
Die Angst vor dem Tod ist so viel mehr als die Angst vor dem bloßen Nichtsein. 
In der Todesangst sammeln sich viele Ängste. Der Tod ist Behälter für so viele Ängste. Die Angst vor dem Verlust geliebter Menschen, vor der Trennung von allem Vertrauten, vor der Einsamkeit, dem Verlassensein, vor dem Ende aller Möglichkeiten und vor dem Unbekannten. Auch für die Frage: Habe ich mein Leben tatsächlich so gelebt, wie ich es hätte leben wollen? Habe ich so gelebt, dass es mir entspricht? Dass ich mich in meinem eigenen Leben wiedererkenne? Eine Frage, die gegen Ende des Lebens immer dringlicher wird.
In diesem Sinne ist nicht der Tod selbst, sondern das Wissen um den Tod ein Prüfstein, der nicht erst am Ende erscheint. Der Tod begleitet unser Leben von Anfang an. Er ist da sobald wir den ersten Atemzug machen. Er ist unser ständiger unsichtbarer Begleiter. Es stellt unsere Entscheidungen, unsere Prioritäten und unsere Vorstellungen von Sinn unter einen Horizont der Endlichkeit. Gerade weil unsere Zeit begrenzt ist, bekommt das, womit wir sie füllen, überhaupt erst Gewicht.
 
Darin liegt das Paradoxe: Der Tod bestimmt unser Leben, obwohl er noch nicht da ist. Er ist Abwesenheit und zugleich ständige Gegenwart. 
Er steht am Ende unserer Existenz, wirkt aber in ihren Anfang, ihre Mitte, in ihr Ende hinein. Und vielleicht besteht die eigentliche Aufgabe nicht darin, die Angst vor dem Tod zu überwinden, sondern zu verstehen, was sie uns über unser Leben erzählt. Somit ist der Tod nicht der letzte Prüfstein, an dem sich am Ende entscheidet, ob ein Leben gelungen ist. Das eigentliche Prüfende ist vielmehr das Wissen um die Endlichkeit selbst. Dieses Wissen begleitet uns durch jeden Tag und stellt immer wieder dieselbe Frage: Was bedeutet es für mich, dieses begrenzte Leben zu leben, obwohl ich weiß, dass ich es eines Tages verlieren werden?
Die Frage ist nicht, ob sie gestellt wird. Sie ist längst da.
Die Frage ist, ob wir sie hören. 
 
 

Angelika Wende

www.wende-praxis.de


Freitag, 14. August 2026

Todesangst und posttraumatisches Selbst


 

 
 
Was geschieht mit einem Therapeuten, wenn er an Krebs erkrankt und sich seine innere wie auch seine äußere Welt plötzlich radikal verändert?
Wenn er nicht mehr der Starke ist, der anderen hilft. Wenn Belastungen durch Patienten vergrößert erscheinen. Wenn er andere nicht mehr halten kann, weil er sich selbst halten muss und selbst Halt braucht. Wenn sein Glaube an die eigene Omnipotenz und Unverletzlichkeit zerstört wird. Wenn er dem Tod ins Auge blickt.
Was geschieht, wenn er sich mit der überwältigenden Ohnmacht konfrontiert sieht, die das Gewahrwerden des eigenen Verlöschens auslöst? Eine Ohnmacht, die das Ende jeder Sicherung gegen Gefahren bedeutet.
Er schreibt eines der eindrücklichsten Bücher, die ich je über schwere Krankheit, Sterben, Tod und die existenzielle Angst davor gelesen habe.
 
Todesangst und Posttraumatisches Selbst, Peter Ott, Psychosozial-Verlag

Donnerstag, 13. August 2026

Die Tragödie des ungelebten Lebens

 

                                                                          Foto: A.W.


 
"Wo deine Angst ist, dort ist dein Weg".
Dieser Satz C.G.Jungs beschreibt die Ursache, die hinter dem Zustand innerer Blockaden steht. In seinen Schriften und Briefen analysierte er intensiv diese Form der psychischen Lähmung, die er als „provisorisches Leben“ oder als die Tragödie des „ungelebten Lebens“ bezeichnete. 
 
Viele von uns verharren in einer permanenten Wartehaltung.
Die Gegenwart ist nur eine Art Generalprobe für eine Zukunft, die niemals beginnt. Wir warten auf den perfekten Moment, den idealen Partner, auf mehr Mut, auf bessere Umstände, auf ein Zeichen oder ein äußeres Ereignis, das uns erlösen soll, und flüchten uns so vor der Verantwortung unser Leben bewusst zu gestalten. Wir warten auf ein Leben, das im Zweifel niemals beginnt.
Wir leben nicht wirklich, sondern bereiten uns gedanklich ständig darauf vor, irgendwann zu leben. „Wenn erst …“ wird zum inneren Leitmotiv. Wenn die finanzielle Situation besser ist. Wenn die Kinder groß sind. Wenn die Angst weg geht. Wenn ich sicher bin, dass ich nicht scheitern werde.
Doch der perfekte Moment kommt selten.
Das Leben verlangt nicht zuerst Sicherheit, sondern Beteiligung. Wer darauf wartet, dass jede Angst verschwunden ist, bevor er handelt, wird ein ganzes Leben lang warten.
 
Dieses Verharren im Gewohnten ist ein psychologischer Schutzmechanismus. Die vertraute Neurose, das bekannte Drama oder das gewohnte Leiden bieten eine paradoxe Sicherheit. Das ist zwar schmerzhaft, schützt uns aber vor der Angst vor dem Unbekannten und dem Risiko zu scheitern.
Dieser Zustand macht auf Dauer krank.
Die blockierten Energien des ungelebten Lebens und unser wahres Selbst verschwinden nicht einfach. Sie drängen als Angst, Depression, Süchte, Groll oder Bitterkeit an die Oberfläche, eben jenes Phänomen, das Jung als die „Rache des ungelebten Lebens“ bezeichnete. Und irgendwann ist es zu spät. Wir sind alt und fragen uns: Was habe ich mir angetan? 
 
Es lohnt es sich, unsere Angst nicht nur als Hindernis zu sehen, sondern als Hinweis Wovor habe ich Angst und was sagt diese Angst über das Leben aus, das ich eigentlich leben möchte?
Heilung bedeutet nicht, keine Angst mehr zu haben.
Heilung bedeutet auch, uns trotz der Angst zu bewegen und Schritt für Schritt das eigene Leben zu gestalten. Oft liegt hinter unserer Angst genau das, was wir uns bisher nicht erlaubt haben zu leben und zu sein.
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de