Wenn eine alte Identität zusammenbricht fühlt sich das wie ein Verlust an. Plötzlich
fehlt, was uns vorher Orientierung und Halt gegeben hat. Gleichzeitig liegt in diesem
Verlust auch die Chance, etwas Neues entstehen zu lassen. Das hört sich tröstlich an, ist aber ein langer, mitunter schmerzhafter
Prozess.
Eine neue Identität lässt sich nicht einfach bewusst erfinden.
Identität entwickelt
sie sich langsam – sie formt sich aus Erfahrungen, Erlebnissen, Entscheidungen
und Bedeutungen, die wir uns selbst und dem Leben geben. Bevor sich eine neue
Identität überhaupt zeigen kann, steht am Anfang des Prozesses das Verstehen
dessen, was eigentlich zerbrochen ist. Das Gefühl für unsere Identität hängt mit vielen Lebensbereichen und den
dazugehörigen Rollen und Selbstbildern zusammen. Beruf, Beziehung, ein Lebensplan,
Werte, Weltbild und dem Gefühl unseres In der Welt seins. Wenn nur einer dieser
Pfeiler wegbricht, gerät unser Selbstbild ins Wanken. Brechen mehrere weg,
bricht ein ganzes Identitätsempfinden weg. Alles, womit wir uns identifiziert
haben, worüber wir uns definiert haben, was unserem Leben Sinn und Halt gab,
zerbröselt und im Zweifel wir mit. Und dann kommt sie die bange Frage:
Wer bin
ich jetzt noch?
Wenn wir an diesem Punkt stehen ist es hilfreich, uns zu fragen, was genau
verloren gegangen ist und welche Teile davon wirklich zu unserem inneren Kern –
uns selbst - gehörten.
Manches, was wir für unsere Identität gehalten hat,
stammt vielleicht aus Erwartungen von außen – von Familie, Gesellschaft oder
dem Umfeld in dem wir leben. Vielleicht haben wir nie bewusst darüber
nachgedacht, wer wir sind ohne das außen. Vielleicht kennen wir uns nicht
wirklich, weil wir über endlos lange Zeit funktioniert haben, unsere
Bedürfnisse ignoriert haben und unsere Wünsche hintenangestellt haben, Wünsche,
die nur uns selbst betreffen.
Wer nicht mehr weiß oder nicht weiß wer er ist, befindet sich in einem
Niemandsland. Einer Zwischenphase, in der vieles unklar und nichts fassbar ist.
Wir wissen nicht, wer wir noch sind und schon gar nicht wer wir künftig sein
möchten. Diese Phase kann sich zutiefst beängstigend anfühlen, sie ist aber ein
wichtiger Teil des Prozesses. In dieser Phase dürfen wir uns auf die Suche begeben, Dinge ausprobieren,
Ansichten hinterfragen, neue Rollen ausprobieren und Dinge verwerfen, die sich
nicht mehr richtig anfühlen oder nie richtig angefühlt haben. Eine neue
Identität entsteht nicht aus einem festen Plan oder einem Weg, dessen Ziel wir
definieren, sie formt sich aus vielen kleinen Experimenten im Alltag.
Wenn alte Rollen wegfallen, kann es hilfreich sein uns künftig weniger über
Rollen zu definieren und stattdessen über Werte.
Wenn mehrere Teile der eigenen Identität gleichzeitig wegfallen – PartnerIn,
Mutterrolle, Vaterrolle, Berufstitel oder soziale Positionen, das Gefühl von
Jugend, Attraktivität oder körperliche Kraft, kann sich das anfühlen, als wäre
der tragende Boden unter den Füßen weggebrochen. Rollen geben nicht nur
Struktur im Alltag, sondern auch eine Antwort auf die Frage: Wer bin ich
eigentlich? Wenn sie zusammenbrechen, entsteht ein Gefühl von Leere,
Trauer und Orientierungslosigkeit. Das Gefühl, nicht mehr zu wissen, welche Rolle man hat, bedeutet jedoch nicht,
dass man keine mehr hat. Es bedeutet eher, dass die alten Rollen sehr stark
waren und nun Platz entstanden ist, der noch nicht gefüllt ist. Diese Leere
kann sehr schmerzhaft sein, aber sie gehört zu diesem Übergangszustand. In
solchen Übergängen fühlt sich Identität oft vorübergehend „aufgelöst“ an.
Ein wichtiger erster Schritt ist zu verstehen, dass solche Reaktionen absolut
normal sind. Wenn Identitäten an Beziehungen, Lebensphasen oder körperliche
Zustände gebunden waren, bedeutet ihr Verlust nicht nur eine radikale Veränderung,
sondern auch einen Abschied.
Wir trauern gewissermaßen um eine frühere Version
des eigenen Lebens und um die Person, die wir darin waren. Neue Identität
entsteht Schritt für Schritt, und manchmal erst nachdem wir uns erlaubt haben,
die alte wirklich zu betrauern. Diese Trauer braucht Raum. Diesen Raum dürfen
wir ihr geben. Neue Identität entsteht in solchen Situationen oft langsam,
Schritt für Schritt, und manchmal erst nachdem man sich erlaubt hat, die alte
wirklich zu betrauern.
Rollen sind instabil - Werte und Fähigkeiten und innere Qualitäten hingegen
sind stabiler.
Rollen können sich im Laufe eines Lebens mehrfach verändern – Beziehungen
beginnen und enden, Kinder werden selbstständig, der Körper verändert sich. Die
Fähigkeiten, Erfahrungen und Werte, die man in diesen Rollen entwickelt hat,
bleiben jedoch Teil der eigenen Person. Wenn wir wissen weiß, was uns wirklich
wichtig ist – etwa innere Freiheit, Kreativität, Wissen, Ehrlichkeit, Liebe, Verantwortung,
Hilfsbereitschaft, Fürsorge, Beziehung –, können wir unser Leben auf
unterschiedliche Weise danach gestalten. Die äußere Form mag sich verändern,
aber die innere Richtung bleibt erkennbar – sie ist ein Kompass, nach dem wir
uns innerlich ausrichten können.
Mit der Zeit wächst eine neue Identität vor allem durch wiederholte neue Handlungen.
Statt zu beschließen, ein völlig neuer Mensch zu sein, entstehen Veränderungen
durch kleine Entscheidungen im Alltag. Gewohnheiten und Verhaltensweisen, die
zu den eigenen Werten passen, formen langsam ein neues Selbstbild. Irgendwann
beginnt man sich selbst als jemand zu sehen, der bestimmte Dinge tut, bestimmten
Werten und Prinzipien folgt oder auf eine bestimmte Weise sein Leben gestaltet.
Wir finden neue Routinen, neue Interessen, vielleicht neue soziale Kontakte.
Dadurch entstehen langsam neue Bedeutungen im Alltag.
Identität baut sich nicht als großer Plan auf, sondern wächst aus vielen
kleinen Handlungen und Erfahrungen.
Dabei muss die alte Identität nicht verschwinden. Alles, was wir erlebt haben,
bleibt Teil der eigenen Geschichte. Hilfreich ist - bewusst zu entscheiden,
welche Aspekte wir aus der Vergangenheit mitnehmen möchten und welche wir hinter
uns lassen, weil sie sich überlebt haben. Es geht nicht um eine radikale
Trennung zwischen einem „alten“ und einem „neuen“ Selbst, sondern um eine biografische
Entwicklungslinie, in der all unsere Erfahrungen integriert werden. Während das Ich mit all seinen Rollen und Identifikationen nur einen kleinen
Teil der Psyche repräsentiert, verbindet das Selbst alle bewussten und
unbewussten Elemente zur Ganzheit - das Selbst als inneres Zentrum und zugleich
als die Gesamtheit der Persönlichkeit. Dieses Selbst ist kein festes Objekt,
sondern eher ein inneres Ordnungsprinzip, das uns Menschen zur Ganzheit und
damit zum inneren Gleichgewicht führt. So besteht die Chance im Laufe unseres
Lebens immer mehr zu dem Menschen zu werden, der in uns angelegt ist.
Einerseits ist der Mensch ein Wesen, das sich ständig wandelt, andererseits
trägt er eine verborgene innere Ordnung in sich, die ihn zu sich selbst führen
will. Das Selbst ist nicht etwas, das man einfach besitzt. Vielmehr ist dieses
Selbst ein Werden - ein Weg zu uns hin, ein langsames Annähern an unsere
Ganzheit.
Wir Menschen verstehen unser Leben stark über Geschichten, die wir uns über uns
selbst erzählen.
Wenn eine Identität zerbricht, verändert sich auch diese
innere Geschichte. Was zunächst wie ein Zusammenbruch oder ein Scheitern wirkt,
kann jedoch ein Wendepunkt sein – eine Phase, die uns dazu zwingt, uns neu zu
definieren und neue, bewusstere Entscheidungen über das eigene Leben zu
treffen. Viele stabile und reflektierte Identitäten entstehen gerade nach
solchen Brüchen, weil man gezwungen ist, grundlegende Fragen neu zu stellen. Eine neue Identität entsteht nicht in einem einzigen Moment, sondern
langsam. Sie wächst aus Reflexion, Experimenten, Entscheidungen und der
Bereitschaft, sich selbst immer wieder neu zu entdecken, zu verstehen und im
Kern des eigenen Wesens zu erkennen und anzunehmen.
In solchen Phasen hilft es manchmal, die Frage zu verändern.
Statt sofort zu fragen: „Wer bin ich jetzt?“, können wir fragen: „Wie möchte ich leben, auch wenn gerade vieles offen ist?“„Welche Art von Mensch möchte ich in dieser neuen Lebensphase werden?“
Also nicht: Wer bin ich?, sondern
„Werde, der Du bist“.