Die meisten von uns möchten, dass die Dinge immer gleich bleiben. Das immer Gleiche gibt uns das Gefühl von Sicherheit und Halt. Und das ist wahr. Wenn etwas gleich bleibt, hat es etwas Beruhigendes – so wie die immer gleichen Routinen, die wir pflegen, so wie die Tagesstruktur, die man besonders seelisch kranken Menschen ans Herz legt. Eine Struktur aus festen Abläufen und Gewohnheiten gibt Halt und schafft Vertrauen. Bei Depressionen z. B. kann eine Tagesstruktur helfen, depressive Symptome zu lindern, weil sie einen kleinen, verlässlichen Halt in Phasen gibt, die von Unsicherheit, Rückzug und dem Gefühl von Versagen und Kontrollverlust geprägt sind. Ein strukturierter Tagesablauf wirkt auch in Krisen wie ein Rahmen, der Orientierung und Stabilisierung im Alltag bietet und das Gefühl vermittelt, trotzdem handlungsfähig zu bleiben. Das Festhalten an einer Tagesstruktur kann also sehr hilfreich sein. Struktur gibt dem Tag Sinn, Bedeutung und ein kleines Ziel und uns selbst ein Gefühl von Kontrolle über all das Unkontrollierbare im Leben.
Was aber, wenn die Struktur durch ein Ereignis, eine Krankheit oder eine Behinderung plötzlich in sich zusammenfällt?
Das ist eine besonders harte Form des Umbruchs, weil es eine Fremdbestimmung mit sich bringt, die sich unfair und radikal anfühlt. Wenn die gewohnte Tagesstruktur wegbricht, verlieren wir nicht nur den Rhythmus, sondern auch ein Stück Identität.
Das Ende einer alten Struktur fühlt sich erst einmal nach Kontrollverlust an, der Orientierungslosigkeit, Unsicherheit, Hilflosigkeit, Ängste, Frust, Ärger über die eigenen Grenzen und vielleicht sogar Wut mit sich bringt. Ein ungemütlicher Prozess, sich vom Alten zu verabschieden und keine Ahnung zu haben, wie das Neue aussieht bzw. aussehen könnte. Und nicht leicht, denn es geht ja nicht allein darum, eine neue Struktur zu finden, sondern gleichzeitig darum, sich mit dem auseinanderzusetzen, was die alte Struktur zerschlagen hat, und es zu verarbeiten. Eine echte Herausforderung also, vor der ich gerade selbst stehe. Vieles, was mir Struktur gab, ist gerade nicht mehr machbar – es geht einfach nicht, der Körper lässt es nicht zu.
Okay – was geht noch? Das ist die erste Frage, die ich
mir stelle, und ich finde einiges.
Was geht nicht mehr, und wie kompensiere ich, was nicht mehr geht?
Der schwierigste Schritt: Akzeptanz statt Widerstand.
Wenn ich versuche, etwas festzuhalten, das bereits zerbricht, kostet das
enorme Kraft. Das Loslassen ist hier weniger ein aktiver Verzicht, sondern eher
das Aufhören, gegen die Realität zu kämpfen.
Angst anerkennen und zulassen: Die Ursache des Festhaltens ist Angst. Angst vor Veränderung, Angst vor dem Unbekannten, Angst, Vertrautes zu verlieren. Es ist okay, Angst zu haben. Aber ich lasse mich nicht von ihr überfluten. Mach es mit der Angst!
Trauer: Ich erlaube mir, den Verlust der alten Struktur zu betrauern. Der Widerstand gegen die neue Realität kostet oft mehr Kraft als die Umstellung selbst.
Die Leere aushalten: Zwischen der alten Struktur und einer neuen liegt eine Phase der Unsicherheit – Niemandsland, unbekanntes Gelände, Instabilität innen wie außen. Das Ich ist angeschlagen, Vertrautes ist weggebrochen, Selbstverständlichkeiten zerbröseln. Tiefste Krise, absoluter Tiefpunkt. Es kann sich anfühlen wie ein Tod im Leben – und irgendwie ist es auch so: Etwas Altes stirbt. Das kann einen ganz schön ins Boxhorn jagen.
Was jetzt gilt: Überstürze nichts mit blindem Aktionismus.
Bestandsaufnahme: Was genau bricht weg?
War die Struktur wirklich noch gut für dich, oder war sie nur vertraut? Oft schützen uns alte Gewohnheiten vor Wachstum.
Kleine Anker setzen: Wenn das große Ganze wackelt, brauchst du kleine, neue Routinen. Also kreativ werden. Dir Zeit geben herauszufinden, was dir gut tut. Etabliere kleine, machbare Fixpunkte. Die geben deinem Nervensystem Sicherheit, wenn der gewohnte Rahmen wegbricht. Schöne Mikromomente gestalten, sie bewusst wahrnehmen. Jeden Abend aufschreiben was gut war und wofür du dankbar bist.
Das gibt dem Nervensystem das Signal: „Ich bin noch sicher.“
Pacing statt Leistung: Deine Energie ist jetzt deine wichtigste Währung. Baue die Struktur um deine Belastungsgrenzen herum auf, anstatt zu versuchen, ein altes Leistungsniveau zu erzwingen.
Hilfe organisieren: Wer kann was, wie viel, und auf welche Weise überhaupt realistisch unterstützen? Das Umfeld sortieren: Wer kann emotional unterstützen, wer praktisch, und wo braucht es professionelle Hilfe? Wichtig ist, Hilfe konkret zu formulieren statt allgemein zu bleiben und sie, wenn möglich, in kleine, feste Strukturen zu überführen. Wenn das private Netz nicht reicht, können auch ärztliche, therapeutische oder soziale Dienste einbezogen werden. So wird Hilfe zu einem stabilen Teil der neuen Struktur, nicht nur zur Notlösung.
Und last but not least, eine neue Definition von Wert: Löse dich vom Gedanken, dass
ein Tag nur dann „gut“ ist, wenn du wie früher produktiv warst. Selbstfürsorge
und das Management deiner Gesundheit sind jetzt deine Kernaufgaben.
Ein neuer Anfang entsteht selten sofort, sondern oft leise und unscheinbar, mitten in der Unsicherheit. Es ist kein großer Masterplan, der jetzt gebraucht wird, sondern die Bereitschaft, Schritt für Schritt etwas Neues entstehen zu lassen.
Was bleibt, bist du selbst, auch ohne die alte Struktur. Und vielleicht zeigt sich genau darin etwas Wesentliches: dass Halt eben nicht nur im Außen liegt, sondern im Inneren. Und mit der Zeit können aus kleinen Ankern wieder tragfähige Strukturen werden. Anders als zuvor, fragiler – aber näher an dem, was noch geht. Und genau darin kann etwas Neues entstehen, das nicht nur funktioniert, sondern sich stimmig anfühlt mit dem, was möglich ist. So kann sich Schritt für Schritt etwas formen, das sich nicht an früher misst, sondern sich an der Realität orientiert, wie sie jetzt ist. Vielleicht ist genau das der Punkt: kein Zurück und kein krampfhaftes Vorwärts, sondern ein langsames, sanftes Weiter – in einem Tempo und in einer Form, die wirklich zu dir und deinem Leben jetzt passt.
Be water my friend
... und ... Slow and steady wins the race.
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de



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