Mittwoch, 20. Mai 2026

Wenn Konflikte ungelöst bleiben – vom Versuch der Verständigung zum inneren Frieden

 


Konflikte sind ein Bestandteil menschlichen Zusammenlebens.
Sie können in allen Lebensbereichen auftreten, sei es im persönlichen Umfeld, am Arbeitsplatz oder in der Politik. Konflikte entzünden sich an Gegensätzen. Konflikte leben aus Spannungen zwischen polaren Ansichten und Sichtweisen. Konflikte resultieren aus Dissonanzen. Sie entstehen, wenn unterschiedliche Empfindungen, Überzeugungen, Ziele, Interessen, Bedürfnisse oder Werte aufeinandertreffen und nicht im Einklang miteinander stehen. Konflikte gibt es in Beziehungen mit anderen oder in uns selbst. 
 
Manche Konflikte sind lösbar, andere nicht. Sie schwelen weiter.
Um Konflikte wirklich abschließen zu können, ist es notwendig, uns mit ihnen auseinanderzusetzen. Dazu gehört Bereitschaft - die Bereitschaft sich überhaupt damit auseinandersetzen zu wollen um eine Einigung zu finden. Was aber wenn es diese nicht gibt? Wenn der andere mit dem wir im Konflikt sind, partout nicht bereit ist eine Lösung zu finden?
Dann bleibt nur ein schmerzhafter Teil des Konflikts sichtbar -
dass Konflikte nicht allein daran scheitern, wie man miteinander spricht, sondern daran, dass mindestens eine Seite gar keine gemeinsame Lösung will.
Ein Konflikt braucht nicht nur Gegensätze, sondern auch einen gemeinsamen Raum, in dem beide bereit sind, sich wertschätzend zu begegnen. Fehlt diese Bereitschaft, verändert sich die Natur des Konflikts. Dann geht es nicht mehr um Verständigung, sondern um Abgrenzung, Macht, Vermeidung, Kontrolle, Rückzug oder Selbstschutz.
 
Wir können einen Konflikt niemals vollständig allein lösen, aber wir können lernen, den eigenen Anteil daran zu klären und abzuschließen. 
Das bedeutet anzuerkennen, dass man den anderen nicht zwingen kann, die eigene Erwartung an Einsicht oder Versöhnung loszulassen, es bedeutet zu unterscheiden zwischen „den Konflikt lösen“ und „mit dem Konflikt leben lernen“ und manchmal auch zu akzeptieren, dass eine Einigung nicht mehr möglich ist. Fehlt die Bereitschaft des anderen, sich überhaupt auf eine Auseinandersetzung einzulassen, Verantwortung zu übernehmen oder eine Verständigung zu suchen, bleibt das Gefühl zurück, festzustecken, zwischen Hoffnung, Enttäuschung und dem Wunsch nach einem Abschluss, der nicht kommt. Manche Konflikte enden daher nicht mit Verständigung, sondern mit einer Entscheidung. Wir gehen in Distanz, wir ziehen eine Grenze, wir nehmen bewusst Abstand und sagen: "Dafür stehe ich nicht mehr zur Verfügung!" Wir verzichten darauf weiter um etwas zu kämpfen, was nur gemeinsam lösbar wäre. Wir lassen es sein und lassen innerlich los, was nicht in unserem Einflussbereich liegt. 
Das ist keine Niederlage. Es bedeutet, wir erkennen an: Beziehung braucht Gegenseitigkeit und Wertschätzung, auch in der Konfliktlösung.
 
Dennoch ist die Auseinandersetzung damit wichtig. 
Nicht mehr, um den anderen zu verändern, sondern damit der Konflikt in uns selbst nicht dauerhaft weiterwirkt.  
Ungelöste Konflikte verschwinden nicht einfach, sie brodeln weiter im Inneren. Sich mit einem ungelösten Konflikt auseinanderzusetzen bedeutet deshalb: nicht mehr nach einer gemeinsamen Lösung zu suchen, sondern nach unserem eigenen inneren Umgang damit.
Der erste Schritt besteht darin, die Realität anzuerkennen. Es wird keine gemeinsame Lösung mehr geben. Solange wir innerlich darauf warten, dass der andere Einsicht zeigt, auf uns zugeht, sich erklärt oder verändert, bleiben wir in den Konflikt verstrickt. Anerkennen bedeutet nicht, das Verhalten des anderen gutzuheißen. Es bedeutet, aufzuhören, gegen etwas anzukämpfen, was wir nicht kontrollieren können.
 
Es ist wichtig, die eigene Verletzung ernst zu nehmen.
Hinter ungelösten Konflikten liegen oft Gefühle von Enttäuschung, Kränkung, Wut, Ohnmacht, Trauer, Schuld, Groll, Bitterkeit oder Resignation. Viele Menschen versuchen, diese Gefühle zu verdrängen indem sie nur rational auf den Konflikt schauen. Doch Gefühle verschwinden nicht dadurch, dass wir sie ignorieren oder verdrängen. Gefühle wollen wahrgenommen und gefühlt werden. Erst wenn wir uns ehrlich eingestehen, was uns verletzt hat, kann die Verarbeitung beginnen.
Dazu gehört auch, den eigenen Anteil am Konflikt zu betrachten, nicht im Sinne von Schuldzuweisung, sondern als Selbstklärung. Welche Erwartungen hatte ich? Wo wurden meine Grenzen verletzt? Warum trifft mich dieser Konflikt so tief? Welches Thema, das lange schon in mir gärt, wurde dadurch berührt? Welche Erfahrung, die ich von früher kenne, wiederholt sich? Und: wie gehe ich mit der Zurückweisung um? 
 
Wir haben keine Macht über andere Menschen.
Den anderen können wir nicht verändern, unseren eigenen Umgang mit der Situation jedoch schon.
Besonders schwer wird es dann, wenn wir innerlich weiter auf etwas hoffen, das der andere uns nie geben wird: Verständnis, Einsicht, eine Entschuldigung, Anerkennung, Wertschätzung oder Gerechtigkeit. Solange diese Erwartungen bestehen bleiben, bleibt auch der Konflikt lebendig. Innerer Frieden entsteht erst dann, wenn wir akzeptieren, dass wir bestimmte Antworten niemals bekommen werden, dass es Dinge gibt, die nicht lösbar sind. 
 
Manche Konflikte machen neue Grenzen notwendig.
Wir geben den Kampf auf. Wir gehen in Distanz. Wir grenzen uns ab. Abgrenzung bedeutet nicht Ablehnung, aber sind sie notwendig, um uns selbst zu schützen. Letztlich geht es darum, dem Konflikt einen Platz im eigenen Leben zu geben, ohne ihn ständig neu innerlich auszutragen.
Nicht jeder Konflikt endet mit einer Versöhnung. Manche enden damit, dass wir aufhören, innerlich weiter Krieg zu führen gegen das, was unveränderbar ist. Wir akzeptieren was ist. Und diese Akzeptanz bedeutet nicht zu vergessen oder gutzuheißen, was ist. Es bedeutet lediglich, dem Konflikt nicht länger die Macht zu geben, unseren inneren Frieden dauerhaft zu belasten. Nicht jeder Konflikt ist lösbar, aber ein innerer Abschluss ist möglich, wenn wir die Bereitschaft haben sein zu lassen, was nicht sein soll.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende.praxis.de



Montag, 18. Mai 2026

Fremde Haut

 

                                                                                 Malerei: A.Wende

 
„Ich kann eben nicht aus meiner Haut“, sagt sie, als ich sie zum gefühlt hundertsten Mal bitte, mir zuzuhören, mich nicht ständig zu unterbrechen und während wir reden nicht aufs Handy zu schauen.
 
Die Haut, aus der sie nicht raus kann, will sie anderen abreißen.
Andere haben keinen Willen.
Andere sehen nicht, wo es langgeht.
Andere begreifen nicht, was sie verändern müssten.
 
Die anderen — die sollen aus ihrer Haut raus, wenn es nach ihr geht. 
Sie selbst kann es eben nicht.

Sonntag, 17. Mai 2026

„Du musst dir nur selbst Zuwendung und Aufmerksamkeit geben und schon klappt das mit der Heilung."

 

                                                                 Foto: A.Wende

 
„Du musst dir nur selbst Zuwendung und Aufmerksamkeit geben und schon klappt das mit der Heilung."
Sätze wie diese sind flache Antworten der Ratgeberpsychologie auf innere Prozesse, die psychisch und körperlich sehr viel komplexer sind.
 
Warum funktioniert das nicht?
Weil „Zuwendung und Aufmerksamkeit“ allein oft nicht das berühren, was in uns verletzt wurde. Heilung ist nicht nur eine bewusste Entscheidung, sondern auch ein Vorgang des Nervensystems, der Beziehungserfahrungen und innerer Prägungen.
 
Wenn unser Körper oder unsere Psyche über lange Zeit Stress, Angst, Unsicherheit oder emotionale Überforderung erlebt haben, bleibt unser System in einem dauerhaften Alarmzustand. Dann reagieren wir nicht aus innerer Sicherheit heraus, sondern aus Anpassung, Schutz oder Überleben. In solchen Zuständen reicht Verständnis und innere Zuwendung allein nicht aus.
Viele von uns verstehen ihre Muster sehr gut. Wir wissen, warum wir uns zurückziehen, warum wir Angst vor Nähe haben oder uns selbst ständig abwerten. Und trotzdem verändert dieses Verstehen oft zunächst wenig. Denn psychische Verletzungen sitzen nicht nur im Denken, sondern auch im Körper, in emotionalen Reaktionen und in tief verinnerlichten Beziehungserfahrungen.Deshalb braucht Heilung wiederholte neue Erfahrungen nicht nur liebevolle Gedanken.
Sie braucht Sicherheit im Kontakt mit anderen Menschen.
Viele Wunden entstehen in Beziehungen und zeigen sich später auch dort wieder - in Angst vor Ablehnung, im Gefühl wertlos zu sein oder nicht zu genügen, in Misstrauen oder in emotionaler Überanpassung. Deshalb geschieht Heilung nicht ausschließlich allein, sondern auch in Beziehung. Gesehen, verstanden und emotional gehalten zu werden kann verändern, was reine Selbstbeobachtung und Selbstzuwendung nicht erreicht. Das Nervensystem braucht Selbstregulation und Co-Regulation um sich wieder sicherer zu fühlen. 
 
Heilung braucht die Fähigkeit, Gefühle tatsächlich zuzulassen.
Viele von uns analysieren sich selbst sehr genau und bleiben dennoch innerlich abgeschnitten von ihrer Trauer, von Wut, Scham, Angst oder Einsamkeit. Gefühle zu verstehen ist nicht dasselbe wie sie zu fühlen.
 
Heilung braucht Zeit.
Unser Nervensystem lernt durch Wiederholung. Eine einzelne positive Erfahrung reicht oft nicht aus, wenn über Jahre etwas anderes gelernt wurde. Erst durch wiederholte Erfahrungen von Sicherheit, Verbindung oder Selbstwirksamkeit beginnt sich innerlich langsam etwas zu verändern.
Selbstzuwendung anfangs sogar unangenehm sein.
Manche von uns geben sich Aufmerksamkeit und plötzlich tauchen Leere, Schmerz oder innere Unruhe auf. Wir versuchen freundlich mit uns zu sein, aber ein anderer Teil in uns glaubt diese Freundlichkeit nicht. Wir gehen in die Ruhe, meditieren oder ziehen uns zurück und merken, dass sich Stille nicht beruhigend, sondern bedrohlich anfühlt.
Das bedeutet nicht, dass wir „falsch heilen“. Oft zeigt sich darin nur, wie sehr unser System gelernt hat, angespannt, wachsam oder selbstkritisch zu sein.
Für manche Menschen fühlt sich echte Nähe zu sich selbst deshalb zunächst ungewohnt oder sogar unsicher an. Besonders dann, wenn sie früh lernen mussten, Gefühle zu unterdrücken, stark zu sein, zu funktionieren oder wenig emotionale Sicherheit erlebt haben. Solche Muster werden mit der Zeit oft Teil der eigenen Identität und wirken irgendwann selbstverständlich.
 
Heilung braucht Geduld mit uns selbst.
Alte Verletzungen verschwinden nicht automatisch, nur weil wir sie verstehen oder freundlich mit uns sein wollen. Unser Nervensystem kann dauerhaft auf Alarm stehen. Aufmerksamkeit auf uns selbst kann Schmerz sogar sichtbarer machen. Dann wird es zuerst schlimmer statt besser.
Viele von uns verwechseln Selbstzuwendung mit Kontrolle:
„Wenn ich alles richtig mache, muss es besser werden.“ Aber Heilung verläuft nicht linear.
Es funktioniert nicht, obwohl wir aufmerksam mit uns sind, weil wir innerlich weiterhin hart und abwertend zu uns sind oder im Überlebensmodus bleiben. Wir können uns beobachten, ohne uns wirklich sicher zu fühlen. 
 
„Zuwendung und Aufmerksamkeit für uns selbst“ allein berührt nicht das eigentliche Problem.
Sätze wie: „Liebe dich einfach selbst, dann heilt alles“, klingen wie ein Hohn, besonders für diejenigen, die es nicht schaffen, sich selbst zu lieben. Und sie sind nicht wahr.
Heilung funktioniert nicht wie ein Schalter, auf dem „Selbstliebe“ steht und den wir einfach anknipsen können. Trauma, Ablehnung, Angst, Überforderung, alte Erfahrungen, Depressionen, Neurosen, Persönlichkeitsstörungen, Süchte oder psychiatrische Erkrankungen reagieren nicht auf liebevolle Gedanken uns selbst gegenüber, um sich einfach in Wohlgefallen aufzulösen.
Viele Menschen suchen nach dem einen Moment, in dem endlich alles „richtig“ wird. Aber Heilung fühlt sich oft eher unspektakulär an. Und nicht alle Wunden verschwinden komplett. Darum geht es auch nicht — es geht darum, sie zu integrieren und zu lernen, mit ihnen zu leben und mit ihnen umzugehen. Dann kann sich das Verhältnis zu uns selbst verändern.
 
Heilung bedeutet nicht, dass alles verschwindet.
Es bedeutet einen anderen Umgang mit dem eigenen Schmerz zu entwickeln. Zu lernen, sich selbst nicht nur zu kontrollieren oder zu optimieren, sondern sich langsam sicherer im eigenen Inneren zu fühlen. Und vor allem gehört dazu die Erkenntnis, dass Heilung nicht linear verläuft. Es gibt Fortschritte, Rückfälle, Phasen von Hoffnung und Phasen von Erschöpfung. Nicht weil wir versagen, sondern weil psychische Prozesse selten geradlinig funktionieren.
 
Heilung ist ein komplexer, individueller Prozess.
Eine psychische Erkrankung ist kein Mindset, sie ist ein schmerzhafter Kampf im Inneren des Gehirns und des Körpers.
Selbstliebe ist etwas, das sich langsam entwickeln kann, wenn unser inneres System beginnt, Sicherheit, Verbindung und Vertrauen zu erleben. Heilung ist langer Weg, der bei jedem Menschen anders verläuft und in dem jeder etwas anderes braucht, um heilen zu können.
Wenn sich auf diesem Weg irgendwann Selbstliebe einstellt, ist das etwas Wundervolles. Aber sie ist oft das Ende des Weges und nicht der Anfang.
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Samstag, 16. Mai 2026

Gute Gespräche verbinden den Verstand. Tiefe Verbindung verbindet Herzen

                                                                   Foto: A.Wende
 


“The Heart is a lonely hunter with only one desire! To find some lasting comfort in the arms of anothers fire… driven by a desperate hunger to the arms of a neon light, the heart is a lonely hunter when there's no sign of love in sight”, schreibt Carson McCullers in “The Heart is a Lonely Hunter”.
So viele einsame Herzen da draußen. So viele Menschen, die sich nach gehalten werden, nach Liebe sehnen und sie nicht finden, oder sie hatten und verloren haben. So viele Menschen da draußen und trotzdem - der oder die eine findet sich nicht. So viele Begegnungen, Gespräche und doch keine Verbundenheit spüren.
And the Heart stays a lonely Hunter.
 
Sicher, es gibt Menschen mit denen man sich gut unterhalten kann, aber es entsteht keine tiefe Verbindung. Es gibt gute Gespräche über gemeinsame Interessen, ähnliche Gedanken oder man hat einen ähnlichen Humor. Man redet miteinander, versteht die Ansichten des anderen und fühlt sich geistig angeregt. Das kann durchaus angenehm sein und es kann kurzfristig ein Gefühl von Nähe erzeugen, bleibt aber auf der Ebene des Austauschs. Sich gut unterhalten zu können bedeutet vor allem, dass die Kommunikation funktioniert. Dass Gedanken, Interessen oder auch der Humor passen.
Aber da fehlt etwas!, sagt das Herz. 
 
Es fehlt Resonanz.
Resonanz geht tiefer. Sie entsteht, wenn wir uns innerlich vom anderen erreicht und berührt fühlt und den anderen innerlich berühren. Dann, wenn nicht nur die Worte passen, sondern auch das Gefühl dahinter. Dann, wenn wir spüren, dass etwas in unserem Inneren antwortet und mitschwingt. Dann entsteht das Gefühl von Echtheit und emotionaler Nähe. Wir fühlen uns gesehen, verstanden, nicht mehr allein mit dem, was wir empfinden. Es braucht kein ständiges reden, auch ohne Worte wird tiefe Begegnung spürbar. Resonanz ist so viel mehr als Harmonie oder gleiche Interessen. Sie ist das Erleben, wenn zwei Menschen sich gegenseitig wirklich berühren, emotional, menschlich, unausgesprochen. Wir verstehen nicht nur, was der andere sagt, sondern spüren ihn auf einer tieferen Ebene. Wir müssen uns nicht verstellen, wir müssen nicht performen - wir fühlen einander, wir fühlen uns gesehen und angenommen. Wir liegen einander am Herzen. Das macht für mich eine Begegnung bedeutungsvoll. 
Fehlt sie, bleibt das Herz ein einsamer Jäger.
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Freitag, 15. Mai 2026

Wird es je wieder gut?

                                                                  Foto: A.Wende



Meine Klientin sieht mich aus traurigen Augen an: „Wird es je wieder gut?“
Die Frage hat mich tief berührt. Vielleicht, weil sie so schlicht war. Keine theoretische Frage, keine Analyse, nur dieser eine Satz. Eine Frage, die Menschen oft dann stellen, wenn sie erschöpft sind vom Schmerz. 

Und für einen kurzen Moment fühlte ich mich wie eine Mutter, deren Kind verzweifelt und traurig vor ihr steht. Die Mutter, die am liebsten sofort Trost schenken würde, Sicherheit, Gewissheit, eine Zukunft ohne Schmerz. Etwas in mir wollte sagen: Ja, es wird wieder gut.
Aber ich konnte es nicht.
Ich habe geantwortet:
„Ich weiß es nicht. Manches wird sicher wieder gut. Und manches nicht.“

Früher hätte ich vielleicht „ja“ gesagt. Hätte gesagt, dass die Zeit vieles heilt, dass neue, bessere Wege entstehen, dass Menschen stärker und wandlungsfähiger sind, als sie glauben. Und auch das stimmt manchmal. Aber je länger ich Menschen begleite, je mehr im Leben ich erfahre, desto vorsichtiger bin ich geworden mit schnellen Antworten. Besonders vorsichtig bin ich mit Versprechen, besonders jenen, die ich nicht einlösen kann, weil es nicht in meiner Macht liegt.

Nicht alles heilt. Nicht jede Wunde schließt sich.
Es gibt Verluste, die bleiben. Lebensträume, die nicht zurückkehren. Manche Erfahrungen hinterlassen Narben, die nicht verschwinden, sondern Teil unserer selbst werden.
Und doch bedeutet das nicht zwangsläufig Hoffnungslosigkeit.
Vielleicht liegt das Problem im Wort „wieder“. Als müsste das Leben zu einem früheren Zustand zurückkehren, damit es wieder gut werden kann. Aber oft geschieht etwas anderes: Das Alte kommt nicht zurück, Zerbrochenes bleibt zerbrochen, Vertrauen bleibt zerstört, eine Liebe endet, Menschen verlassen uns oder gehen verloren und dennoch entsteht mit der Zeit etwas Tragfähiges. Nicht dasselbe Glück. Nicht dieselbe Unbeschwertheit. Nicht derselbe Mensch, der wir waren, aber eine andere Form von Leben, eine andere Identität.
Wachstum.
Reife.
Würde.
Innerer Frieden.
Wahrhaftigkeit.
Sanftheit, Geduld und Mitgefühl mit uns selbst.
Selbstliebe.

Gottes Geschenk an uns sind Möglichkeiten und die gibt es solange wir leben. Anders als wir es uns vorgestellt haben, anders als wir es gerne hätten.

Menschen fragen oft: „Wird alles wieder gut?“ Vielleicht weil sie sich nach Gewissheit sehnen. Nach jemandem, der sagt: Du wirst nicht fallen. Du wirst nicht zerbrechen. Es wird alles Sinn ergeben. Aber niemand kann das ehrlich versprechen.
Was wir tun können, ist etwas anderes: die Unsicherheit gemeinsam aushalten. Nicht sofort beruhigen. Nicht vorschnell retten wollen. Sondern da bleiben ohne die Leere sofort füllen zu wollen. Aushalten. Neben der Angst, neben der Trauer, neben dem Nichtwissen. Aushalten, dass keine schnellen Antworten existieren.
Vielleicht war genau das in diesem Gespräch wichtig. Nicht meine Antwort als solche, sondern dass die Frage Raum bekommen durfte.
„Manches wird wieder gut. Und manches nicht.“
In diesem Satz liegt Schmerz. Aber auch Hoffnung. Das Leben und wir selbst müssen nicht vollkommen heil sein, um weiterzugehen. Und vielleicht ist Menschsein genau das - mit dem Unvollkommenen und dem Nichtwissen leben zu lernen, ohne das Vertrauen zu verlieren.

In Japan gibt es die Kunst des Kintsugi, bei der zerbrochene Keramik mit einem Lack aus Gold oder Silber veredelt wird. Anstatt Zerbrochenes wegzuwerfen, werden die Risse sichtbar gemacht und veredelt. Die Narben erzählen die Geschichte des Objekts, die Schönheit der Unvollkommenheit statt der Perfektion. Mit unserem Leben ist es ähnlich. Wenn wir lernen, unsere Krisen, Verletzungen, Brüche und Narben nicht als Makel zu betrachten, sondern als Teil unserer Geschichte, entsteht etwas Neues. Nicht trotz der Risse, sondern mit ihnen.

Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Donnerstag, 14. Mai 2026

Der alte Schmerz des ungeliebten Kindes

 


Frühe Erfahrungen von Nicht-Gesehenwerden, emotionaler Unsicherheit, emotionalem und körperlichem Missbrauch, fehlender Zuwendung, Zurückweisung und Liebe hinterlassen Spuren, die sich nicht einfach wegdenken oder wegtherapieren  lassen. Dieses innere Erleben bleibt im Nervensystem und damit in unseren Beziehungsmustern gespeichert als sehnsuchtsvolle Erwartung von echter Nähe und tiefer Verbundenheit.

Der Schmerz des ungeliebten Kindes löst sich nicht durch Verstehen und Einsicht allein, sondern durch wiederholte neue Erfahrungen in Beziehung. Wenn wir immer wieder erleben, dass Nähe Verletzung bedeutet bleibt der Schmerz und verfestigt sich. Erleben wir aber über längere Zeit, dass Nähe verlässlich und emotional sicher sein kann, beginnt sich das alte innere Modell langsam zu verändern. Das heißt nicht, dass der Schmerz gelöscht wird aber er verliert nach und nach seine Intensität.

Entscheidend ist der Aspekt von Dauer und Verlässlichkeit. Einzelne positive Begegnungen reichen nicht aus, um tief verankerte Muster zu verändern und emotionale Wunden zu heilen. Erst Stabilität, Konsistenz, Vertrauen und Wiederholung schaffen emotionale Sicherheit.  Das ist die Grundlage dafür, dass sich alte Schutzmechanismen lockern können. Der alte Schmerz wird so langsam überschrieben und kann sich damit nach und nach auflösen

Nicht das Verstehen heilt allein, sondern das wiederholte Erleben von Beziehungen, die tragen.

Dienstag, 12. Mai 2026

Innere Spannung

 


Wir Menschen sind gleichzeitig bewusst und unbewusst.
Wir wissen vieles und verdrängen es.
Wir fühlen etwas und handeln dagegen.
Wir erzählen uns sich selbst und anderen Geschichten, die teilweise wahr sind und teilweise nicht.
Wir sind ein Konglomerat gleichzeitig aktiver innerer Zustände und innerer Teile, die sich oft widersprechen.
Nicht alles, was innerlich vor sich geht, wird bewusst wahrgenommen und zugelassen. Besonders Schuld, Scham, Wut oder Begehren werden oft abgespalten oder umgedeutet. Das schützt zwar kurzfristig vor Schmerz, langfristig aber führt zu es zur Inkongruenz zwischen Selbstbild und Verhalten.
Problematisch wird es besonders dann, wenn die innere Spannung nicht gespürt wird und keine Integration möglich ist.