Donnerstag, 28. Mai 2026

„Spring – und das Netz wird sich auftun.“

 

                                                                            Foto: A.W.

 
 
„Spring – und das Netz wird sich auftun.“
Dieser Satz wird dem Schriftsteller John Burroughs zugeschrieben. Es ist einer jener Sätze, die nicht erklären, sondern herausfordern. Dieser Satz spricht von einem inneren Teil in uns, der ahnt, dass Vertrautes und Sicherheit allein kein erfülltes Leben hervorbringen.
Manchmal stehen wir am Rand unseres bisherigen Lebens wie an einer Klippe. Hinter uns liegen Erfahrungen, Gewohnheiten, scheinbare Sicherheiten, Beziehungen oder Orte an denen wir leben und all das fühlt sich nicht mehr gut an. Vor uns liegt nichts Sichtbares. Kein Weg, kein Geländer. Es fühlt sich an als stünden wir vor einem riesigen Abgrund. Wir blicken hinein und wissen – wir müssen springen, denn wenn wir es nicht tun, wird nichts besser, sondern eher schlechter. Genau dort beginnt die eigentliche Bedeutung des Satzes: „Spring – und das Netz wird sich auftun.“
 
Dieser Sprung hat nichts mit Leichtsinn zu tun. Er verlangt vielmehr eine tiefe Form des Vertrauens. Nicht das Vertrauen darauf, dass nichts schiefgehen wird, sondern das Vertrauen darauf, dass wir im Fallen Fähigkeiten an uns entdecken, die uns im sicheren Stand verborgen bleiben. Wer immer nur wartet, bis alle Risiken ausgeschlossen sind, wird niemals erfahren, wer er hätte werden können.
 
Wir alle verbringen einen großen Teil unseres Lebens damit, Netze zu suchen, bevor wir springen. Und manche von uns wagen es nie. Wer den Mut hat zu springen, verzichtet auf die Gewissheit vor der Entscheidung, die Antworten vor dem Aufbruch, die Garantie vor dem Risiko. Das Leben aber folgt selten dieser Ordnung. Unsere entscheidenden Erfahrungen entstehen oft erst, nachdem wir den Mut hatten, zu springen. Erst im Sprung zeigt sich, was uns tragen kann. Vielleicht sind es Menschen, die erst jetzt erscheinen. Vielleicht ist es die eigene Kraft, die erst im Augenblick der Unsicherheit geboren wird. Vielleicht ist das Netz auch die Erkenntnis, dass selbst ein Scheitern nicht das Ende bedeutet. Denn oft ist nicht der Sturz das Gefährlichste, sondern ein Leben, das aus Angst besteht oder dem zersetzenden Gefühl im falschen Leben zu sein, am falschen Ort, mit den falschen Menschen. 
 
Wir wollen Kontrolle, Berechenbarkeit, Absicherung. Das ist menschlich, aber zugleich ist es auch das, was uns davon abhält etwas Neues zu wagen. Doch die entscheidenden Augenblicke eines Lebens entziehen sich fast immer der vollständigen Planung. Alles Wesentliche beginnt mit einem Schritt, dessen Ausgang unbekannt ist.
Der Mensch wächst nicht durch Gewissheit, sondern durch Wagnis.
Jeder wirkliche Neubeginn trägt dieses Wagnis in sich – der Sprung ins Unbekannte, ohne die Sicherheit, dass wir aufgefangen werden. Der Sprung ins Ungewisse ist kein irrationaler, leichtsinniger Akt, sondern der Moment, in dem wir über uns selbst hinauswachsen. Er ist ein Schattensprung. Er ist die Weigerung, innerhalb der Grenzen zu leben, die die Angst gezogen hat. Und vielleicht besteht Weisheit nicht darin, niemals zu fallen, sondern darin zu erkennen, dass das Leben selbst oft erst im Fallen seine verborgenen Netze offenbart.
Dennoch ist der Sprung beängstigend.  Wer springt, braucht verdammt viel Mut, denn er akzeptiert die Möglichkeit des Aufschlags. Und genau darin liegt eine tiefe innere Freiheit: zu verstehen, dass ein verfehlter Versuch weniger tragisch ist als ein Leben, das keins ist und aus Furcht niemals begonnen wurde. Nicht jeder Sprung endet sanft. Doch jeder Sprung verändert den Menschen, der ihn wagt.
 
Das Wesentliche im Leben ist nun mal selten berechenbar.
Liebe entsteht nicht aus Kontrolle. Sinn nicht aus Absicherung. Wachstum nicht aus Gewohnheit. Erkenntnis nicht aus Stillstand. Freiheit nicht im Käfig.
 Ein Mensch wächst nicht dort, wo alles sicher ist, sondern dort, wo er bereit ist, sich dem Ungewissen auszusetzen. Vielleicht ist das Netz am Ende nichts anderes als das Leben selbst, nicht sichtbar, solange wir am Rand stehen, und erst erfahrbar in dem Moment, in dem wir den Mut finden zu springen.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Montag, 25. Mai 2026

Schreiben kann viel für uns tun

 


 

Eine Klientin entdeckte für sich das expressive Schreiben nach James Pennebaker. Als sie von der Methode las, entstand in ihr die Hoffnung, dass sich traumatische Erfahrungen durch radikal ehrliches Schreiben emotional lösen könnten. Die Vorstellung, den Schmerz endlich vollständig ausdrücken zu können, erschien ihr wie ein möglicher Weg zur Befreiung.

Das expressive Schreiben nach dem US-Psychologen James Pennebaker ist eine wissenschaftlich belegte Methode, um belastende Gedanken, Traumata oder Stress abzubauen. Durch das freie, unzensierte Aufschreiben der eigenen Gefühle lassen sich emotionale Blockaden lösen, die mentale Gesundheit stärken und der Schlaf verbessern. Fragmentierte Erinnerungen, die noch nicht zu einer Geschichte geformt wurden, erfordern fortlaufend kognitive Ressourcen, um unterdrückt und verwaltet zu werden. Sie niederzuschreiben, ihnen eine Gestalt zu verleihen, scheint hingegen Kapazitäten freizusetzen. Das, wofür man noch keine Worte gefunden hat, ist nicht bloß emotional unvollendet.

Sie begann intensiv zu schreiben. Zunächst in einem Tagebuch, später immer umfassender. Schließlich entstand aus ihren Aufzeichnungen ein ganzes Buch, in dem sie ihre traumatischen Erfahrungen detailliert beschrieb. Sie hielt Erinnerungen fest, rekonstruierte Situationen, benannte Gefühle, analysierte Zusammenhänge und versuchte, dem Erlebten sprachlich eine Form zu geben.

Irgendwie erwartete sie: „Wenn ich endlich alles ausdrücke, bin ich frei.“ Doch am Ende des Schreibprozesses stellt sie fest, dass sich der innere Schmerz nicht aufgelöst hatte. Die Erinnerungen existieren weiterhin, ebenso die emotionale Belastung. Sie erlebte dies als tief enttäuschend und sagt:  „Ich habe meine Traumata in einem ganzen Buch aufgeschrieben. Nichts. Es hat sich nicht gelöst.“

Im weiteren Verlauf unserer Sitzungen Verlauf wird deutlich, dass traumatischer Schmerz häufig nicht allein durch sprachliche Verarbeitung verschwindet. Das Problem liegt dabei  nicht in fehlender Erinnerung oder mangelnder Einsicht. Im Gegenteil: Die Klientin kannte ihre Geschichte und was sie mit ihr gemacht hat bis ins Detail. Dennoch blieb etwas in ihr unverändert verletzt.

Heißt das jetzt, Schreiben hilft nichts? Nein, das heißt es nicht. Ich bin absolut für das Schreiben. Schreiben ist eine Form von Therapie. Schreiben ist heilsam.

 

Schreiben kann

Ordnung schaffen,

Zeugenschaft geben,

Sprachlosigkeit beenden,

Eingedrücktes ausdrücken,

Erinnerung strukturieren.

Kohärenz herstellen,

Kreativität fördern,

Selbstausdruck, Selbstbewusstsein und Selbstkenntnis fördern,

belastende Gedanken und Stress abbauen,

emotionale Blockaden lösen,

die mentale Gesundheit stärken.

Schreiben kann so viel für uns tun.

 

Aber Trauma ist nicht nur Erinnerung, die wir in Worte fassen. Es zeigt sich auch im Nervensystem, in körperlichen Alarmreaktionen, in Scham- und Schuldgefühlen, in Ängsten, Hilflosigkeit, Erstarrung, Rückzug, Selbstisolation, Misstrauen, innerer Übererregung und tief verankerten Beziehungserfahrungen. Und es ist möglich, dass eine Methode einfach nicht zu uns passt. Das ist kein persönliches Versagen, es sagt nur, dass jeder von uns etwas anderes braucht um zu genesen. Was dem einen hilft, hilft dem anderen eben nicht.

Meine Klientin erkannte allmählich: Man kann ein Trauma intellektuell vollständig verstanden haben und dennoch emotional und körperlich darin feststecken. Das Schreiben hat ihre Erfahrungen zwar strukturiert und sprachlich zugänglich gemacht, den Schmerz und die Angst, hat es jedoch nicht beseitigt. Es hatg Ordnung geschaffen und der Sprachlosigkeit etwas entgegengesetzt, aber keine tiefe Erlösung gebracht. Besonders schmerzhaft war für sie die Erkenntnis: „Jetzt habe ich alles vollkommen beschrieben und es tut trotzdem weh.“Sie hatte gehofft, dass maximale Ehrlichkeit und radikale Konfrontation irgendwann zur Befreiung führen würden. Stattdessen muss sie erkennen, dass Trauma sich nicht einfach „wegschreiben“ lässt.

Im weiteren Verlauf unserer Gespräche verändert sich ihre Vorstellung von Heilung. Heilung bedeutete nun weniger: „Der Schmerz verschwindet“, sondern: Meine Erinnerungen überwältigen mich weniger oft, mein Körper findet Phasen der Ruhe, ich bin nicht permanent im Alarmzustand, es gibt wieder Momente von Freude und Lebendigkeit, ich kann wieder Entscheidungen für mich selbst treffen und der Schmerz bestimmt nicht mehr jede Minute meines Bewusstseins.

Trauma erschien ihr schließlich weniger wie eine Geschichte, die gelöst werden muss, sondern wie eine reale Verwundung. Eine körperliche Narbe verschwindet schließlich auch nicht vollständig, nur weil wir ihre Geschichte exakt erzählen können. Zudem wurde ihr klar, dass sie das intensive Schreiben über die schmerzhafte Vergangenheit lange Zeit sehr nah an der Verletzung gehalten hat, fast wie in einer dauerhaften Wiederaktivierung des Traumas. Verarbeitung bedeutet nicht immer zwangsläufig maximale Konfrontation und ewiges Durcharbeiten. Wenn sich ein Trauma nicht lösen kann, löst es sich nicht. Auch das dürfen wir anerkennen. Und das bedeutet nicht wir haben versagt. Es bedeutet, da ist etwas maximal Erschütterndes geschehen, das wir nicht loswerden und mit dem wir zu leben lernen müssen, was wir in unsere Ganzheit integrieren müssen, statt ewig mit allen Mitteln dagegen anzukämpfen.

Langsam gelang es meiner Klientin, innerlich etwas anderes zu erfahren:
„Ich muss diesen Schmerz nicht lösen.“ Sie hat das nicht als Heilung erlebt, sondern als das Ende eines permanenten inneren Kampfes. Der Schmerz ist nicht verschwunden. Aber er beginnt allmählich, seine absolute Macht über sie zu verlieren.

Heilung bedeutet nicht unbedingt und immer vollständige emotionale Reinigung, sondern die Fähigkeit, neben dem Schmerz wieder uns selbst und das Leben wahrnehmen zu können und es zu gestalten. Meine Klientin schreibt weiter, ohne Erwartungen damit zu verknüpfen.

 

Kontakt: aw@wende-praxis.de

 

Freitag, 22. Mai 2026

Die Seele hungert nicht nach Perfektion, sondern nach Wahrheit




Viele Menschen leidet nicht zuerst an der Welt, sondern an sich selbst. An den Stimmen in ihrem Inneren, die niemals verstummen. An den Erinnerungen, die sie festhalten, den Geschichten über sich selbst, die sie sich wieder und wieder erzählen, an den Erwartungen, die sie an sich selbst, an andere und das Leben haben, an den Annahmen darüber wie die Dinge zu sein haben und an der Sehnsucht, jemand anderes sein zu wollen als der, der sie sind.

Die meisten Menschen verbringen ihr Leben damit, vor sich selbst zu fliehen. Sie suchen Ablenkung und Betäubung, verlieren sich im Denken statt im Fühlen, im Vergleichen, im Ehrgeiz, im Haben, in Beziehungen, in Selbstidealisierung oder in Projektionen auf andere. Alles scheint leichter, als still zu werden und dem eigenen Inneren zu begegnen. Denn dort wartet oft etwas Unangenehmes: Unsicherheit, Angst, Leere, Einsamkeit, Schmerz, Trauer oder das Gefühl, nie genug zu sein und nie genug zu haben. Sie bauen Fassaden, während in ihnen etwas Zerbrechliches um Anerkennung und Frieden ringt. Das Tragische daran ist, dass viele erst dann merken, wie fremd sie sich selbst sind, wenn die Maske Risse bekommt.

Wir alle tragen die Fähigkeit in uns, uns selbst zu erschaffen, aber auch, uns selbst zu zerstören. Vielleicht liegt genau darin das tiefste Leiden - dass der Mensch gleichzeitig derjenige ist, der Heilung sucht, und derjenige, der sich selbst immer wieder verletzt.

Die Seele hungert nicht nach Perfektion, sondern nach Wahrheit. Wahrheit bedeutet, sich selbst ohne Ausreden zu sehen. Das ist schwerer, als gegen jede äußere Krise zu kämpfen.

 

Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Donnerstag, 21. Mai 2026

Alt genug für die Schublade

 



 
Gestern bei der Physiotherapie lächelt mich der Therapeut breit an und sagt: „Für ihr Alter sehen sie noch verdammt gut aus.“
Ups!, Ich lächle irritiert, atme kurz ein und aus und sage: „Hm, interessant!, für mein Alter?“ 
Ihm rutscht das Lächeln aus dem Gesicht.
 
Was will er mir mit dem Satz sagen, und was sagt der Satz wirklich?
Er klang fast wie ein Kompliment, aber eben nur fast. Seine Stimme war warm, die Situation entspannt, sein Verhalten überaus charmant. Aber der Satz hat etwas in mir ausgelöst. Nicht laut, nicht dramatisch, eher wie ein kleiner innerer Stich, eine Mikrokränkung.
Während der Satz oberflächlich Anerkennung ausdrückt, ist da noch etwas anderes - eine Einordnung. Nicht einfach „Sie sehen gut aus“, sondern „sie sehen noch gut aus, trotz ihres Alters. Noch gut. Heißt das, eigentlich müssten sie in ihrem Alter hässlicher aussehen? Genau dieses „trotz“ ist der Stich. Es schränkt das Gesagte ein, es verschiebt es aus der Ebene einer direkten Wahrnehmung in eine Bewertung innerhalb einer Norm. Gutes Aussehen wird nicht als unmittelbare Eigenschaft meiner Person beschrieben, sondern als etwas, das im Vergleich zu meiner Altersgruppe beurteilt wird.
Mal ehrlich. Welche Frau will so was hören, egal wie alt sie ist? Das klingt wie eine Herabsetzung mit rosa Blümchen verziert. 
 
Jungsein ist der Maßstab für gutes Aussehen, vor allem was uns Frauen betrifft. Die Abwertung älterer und alter Frauen in unserer Gesellschaft ist nichts Neues und zeigt wie tief diese Abwertung ins kollektive Gedächtnis eingebrannt ist, es zeigt, dass Frauen noch immer mehr als Männer an altersbedingten Schönheitsnormen gemessen werden. Wer als Frau alt ist hat das gesellschaftlich gesetzte Verfallsdatum überschritten. Alt sein ist übel und wer als Frau nicht jünger und besser aussieht, als sie alt ist, wird sowieso unsichtbar. Attraktivität ist etwas für junge Frauen in den Köpfen der meisten Zeitgenossen.
 
Der Satz ist sozial grob. Ein echtes Kompliment klingt schlicht so: „Sie sehen gut aus.“ Punkt. Der Zusatz bewertet, relativiert und kategorisiert. Ich spüre am Abend, als ich mein altes, noch, gut aussehendes Gesicht, abschminke, wie mich das getroffen hat. Nicht, weil ich mich selbst nicht realistisch sehe, aber ich wurde durch eine Brille gesehen, die mich in eine Schublade einordnet. Vielleicht war es nicht seine Absicht. Vielleicht war es sogar als freundliches Kompliment gemeint. Aber Wirkung und Absicht sind nicht dasselbe. Und die Wirkung war, dieses Gefühl nicht wirklich gesehen zu werden - als weibliches Individuum.

Mittwoch, 20. Mai 2026

Wenn Konflikte ungelöst bleiben – vom Versuch der Verständigung zum inneren Frieden

 


Konflikte sind ein Bestandteil menschlichen Zusammenlebens.
Sie können in allen Lebensbereichen auftreten, sei es im persönlichen Umfeld, am Arbeitsplatz oder in der Politik. Konflikte entzünden sich an Gegensätzen. Konflikte leben aus Spannungen zwischen polaren Ansichten und Sichtweisen. Konflikte resultieren aus Dissonanzen. Sie entstehen, wenn unterschiedliche Empfindungen, Überzeugungen, Ziele, Interessen, Bedürfnisse oder Werte aufeinandertreffen und nicht im Einklang miteinander stehen. Konflikte gibt es in Beziehungen mit anderen oder in uns selbst. 
 
Manche Konflikte sind lösbar, andere nicht. Sie schwelen weiter.
Um Konflikte wirklich abschließen zu können, ist es notwendig, uns mit ihnen auseinanderzusetzen. Dazu gehört Bereitschaft - die Bereitschaft sich überhaupt damit auseinandersetzen zu wollen um eine Einigung zu finden. Was aber wenn es diese nicht gibt? Wenn der andere mit dem wir im Konflikt sind, partout nicht bereit ist eine Lösung zu finden?
Dann bleibt nur ein schmerzhafter Teil des Konflikts sichtbar -
dass Konflikte nicht allein daran scheitern, wie man miteinander spricht, sondern daran, dass mindestens eine Seite gar keine gemeinsame Lösung will.
Ein Konflikt braucht nicht nur Gegensätze, sondern auch einen gemeinsamen Raum, in dem beide bereit sind, sich wertschätzend zu begegnen. Fehlt diese Bereitschaft, verändert sich die Natur des Konflikts. Dann geht es nicht mehr um Verständigung, sondern um Abgrenzung, Macht, Vermeidung, Kontrolle, Rückzug oder Selbstschutz.
 
Wir können einen Konflikt niemals vollständig allein lösen, aber wir können lernen, den eigenen Anteil daran zu klären und abzuschließen. 
Das bedeutet anzuerkennen, dass man den anderen nicht zwingen kann, die eigene Erwartung an Einsicht oder Versöhnung loszulassen, es bedeutet zu unterscheiden zwischen „den Konflikt lösen“ und „mit dem Konflikt leben lernen“ und manchmal auch zu akzeptieren, dass eine Einigung nicht mehr möglich ist. Fehlt die Bereitschaft des anderen, sich überhaupt auf eine Auseinandersetzung einzulassen, Verantwortung zu übernehmen oder eine Verständigung zu suchen, bleibt das Gefühl zurück, festzustecken, zwischen Hoffnung, Enttäuschung und dem Wunsch nach einem Abschluss, der nicht kommt. Manche Konflikte enden daher nicht mit Verständigung, sondern mit einer Entscheidung. Wir gehen in Distanz, wir ziehen eine Grenze, wir nehmen bewusst Abstand und sagen: "Dafür stehe ich nicht mehr zur Verfügung!" Wir verzichten darauf weiter um etwas zu kämpfen, was nur gemeinsam lösbar wäre. Wir lassen es sein und lassen innerlich los, was nicht in unserem Einflussbereich liegt. 
Das ist keine Niederlage. Es bedeutet, wir erkennen an: Beziehung braucht Gegenseitigkeit und Wertschätzung, auch in der Konfliktlösung.
 
Dennoch ist die Auseinandersetzung damit wichtig. 
Nicht mehr, um den anderen zu verändern, sondern damit der Konflikt in uns selbst nicht dauerhaft weiterwirkt.  
Ungelöste Konflikte verschwinden nicht einfach, sie brodeln weiter im Inneren. Sich mit einem ungelösten Konflikt auseinanderzusetzen bedeutet deshalb: nicht mehr nach einer gemeinsamen Lösung zu suchen, sondern nach unserem eigenen inneren Umgang damit.
Der erste Schritt besteht darin, die Realität anzuerkennen. Es wird keine gemeinsame Lösung mehr geben. Solange wir innerlich darauf warten, dass der andere Einsicht zeigt, auf uns zugeht, sich erklärt oder verändert, bleiben wir in den Konflikt verstrickt. Anerkennen bedeutet nicht, das Verhalten des anderen gutzuheißen. Es bedeutet, aufzuhören, gegen etwas anzukämpfen, was wir nicht kontrollieren können.
 
Es ist wichtig, die eigene Verletzung ernst zu nehmen.
Hinter ungelösten Konflikten liegen oft Gefühle von Enttäuschung, Kränkung, Wut, Ohnmacht, Trauer, Schuld, Groll, Bitterkeit oder Resignation. Viele Menschen versuchen, diese Gefühle zu verdrängen indem sie nur rational auf den Konflikt schauen. Doch Gefühle verschwinden nicht dadurch, dass wir sie ignorieren oder verdrängen. Gefühle wollen wahrgenommen und gefühlt werden. Erst wenn wir uns ehrlich eingestehen, was uns verletzt hat, kann die Verarbeitung beginnen.
Dazu gehört auch, den eigenen Anteil am Konflikt zu betrachten, nicht im Sinne von Schuldzuweisung, sondern als Selbstklärung. Welche Erwartungen hatte ich? Wo wurden meine Grenzen verletzt? Warum trifft mich dieser Konflikt so tief? Welches Thema, das lange schon in mir gärt, wurde dadurch berührt? Welche Erfahrung, die ich von früher kenne, wiederholt sich? Und: wie gehe ich mit der Zurückweisung um? 
 
Wir haben keine Macht über andere Menschen.
Den anderen können wir nicht verändern, unseren eigenen Umgang mit der Situation jedoch schon.
Besonders schwer wird es dann, wenn wir innerlich weiter auf etwas hoffen, das der andere uns nie geben wird: Verständnis, Einsicht, eine Entschuldigung, Anerkennung, Wertschätzung oder Gerechtigkeit. Solange diese Erwartungen bestehen bleiben, bleibt auch der Konflikt lebendig. Innerer Frieden entsteht erst dann, wenn wir akzeptieren, dass wir bestimmte Antworten niemals bekommen werden, dass es Dinge gibt, die nicht lösbar sind. 
 
Manche Konflikte machen neue Grenzen notwendig.
Wir geben den Kampf auf. Wir gehen in Distanz. Wir grenzen uns ab. Abgrenzung bedeutet nicht Ablehnung, aber sind sie notwendig, um uns selbst zu schützen. Letztlich geht es darum, dem Konflikt einen Platz im eigenen Leben zu geben, ohne ihn ständig neu innerlich auszutragen.
Nicht jeder Konflikt endet mit einer Versöhnung. Manche enden damit, dass wir aufhören, innerlich weiter Krieg zu führen gegen das, was unveränderbar ist. Wir akzeptieren was ist. Und diese Akzeptanz bedeutet nicht zu vergessen oder gutzuheißen, was ist. Es bedeutet lediglich, dem Konflikt nicht länger die Macht zu geben, unseren inneren Frieden dauerhaft zu belasten. Nicht jeder Konflikt ist lösbar, aber ein innerer Abschluss ist möglich, wenn wir die Bereitschaft haben sein zu lassen, was nicht sein soll.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende.praxis.de



Montag, 18. Mai 2026

Fremde Haut

 

                                                                                 Malerei: A.Wende

 
„Ich kann eben nicht aus meiner Haut“, sagt sie, als ich sie zum gefühlt hundertsten Mal bitte, mir zuzuhören, mich nicht ständig zu unterbrechen und während wir reden nicht aufs Handy zu schauen.
 
Die Haut, aus der sie nicht raus kann, will sie anderen abreißen.
Andere haben keinen Willen.
Andere sehen nicht, wo es langgeht.
Andere begreifen nicht, was sie verändern müssten.
 
Die anderen — die sollen aus ihrer Haut raus, wenn es nach ihr geht. 
Sie selbst kann es eben nicht.

Sonntag, 17. Mai 2026

„Du musst dir nur selbst Zuwendung und Aufmerksamkeit geben und schon klappt das mit der Heilung."

 

                                                                 Foto: A.Wende

 
„Du musst dir nur selbst Zuwendung und Aufmerksamkeit geben und schon klappt das mit der Heilung."
Sätze wie diese sind flache Antworten der Ratgeberpsychologie auf innere Prozesse, die psychisch und körperlich sehr viel komplexer sind.
 
Warum funktioniert das nicht?
Weil „Zuwendung und Aufmerksamkeit“ allein oft nicht das berühren, was in uns verletzt wurde. Heilung ist nicht nur eine bewusste Entscheidung, sondern auch ein Vorgang des Nervensystems, der Beziehungserfahrungen und innerer Prägungen.
 
Wenn unser Körper oder unsere Psyche über lange Zeit Stress, Angst, Unsicherheit oder emotionale Überforderung erlebt haben, bleibt unser System in einem dauerhaften Alarmzustand. Dann reagieren wir nicht aus innerer Sicherheit heraus, sondern aus Anpassung, Schutz oder Überleben. In solchen Zuständen reicht Verständnis und innere Zuwendung allein nicht aus.
Viele von uns verstehen ihre Muster sehr gut. Wir wissen, warum wir uns zurückziehen, warum wir Angst vor Nähe haben oder uns selbst ständig abwerten. Und trotzdem verändert dieses Verstehen oft zunächst wenig. Denn psychische Verletzungen sitzen nicht nur im Denken, sondern auch im Körper, in emotionalen Reaktionen und in tief verinnerlichten Beziehungserfahrungen.Deshalb braucht Heilung wiederholte neue Erfahrungen nicht nur liebevolle Gedanken.
Sie braucht Sicherheit im Kontakt mit anderen Menschen.
Viele Wunden entstehen in Beziehungen und zeigen sich später auch dort wieder - in Angst vor Ablehnung, im Gefühl wertlos zu sein oder nicht zu genügen, in Misstrauen oder in emotionaler Überanpassung. Deshalb geschieht Heilung nicht ausschließlich allein, sondern auch in Beziehung. Gesehen, verstanden und emotional gehalten zu werden kann verändern, was reine Selbstbeobachtung und Selbstzuwendung nicht erreicht. Das Nervensystem braucht Selbstregulation und Co-Regulation um sich wieder sicherer zu fühlen. 
 
Heilung braucht die Fähigkeit, Gefühle tatsächlich zuzulassen.
Viele von uns analysieren sich selbst sehr genau und bleiben dennoch innerlich abgeschnitten von ihrer Trauer, von Wut, Scham, Angst oder Einsamkeit. Gefühle zu verstehen ist nicht dasselbe wie sie zu fühlen.
 
Heilung braucht Zeit.
Unser Nervensystem lernt durch Wiederholung. Eine einzelne positive Erfahrung reicht oft nicht aus, wenn über Jahre etwas anderes gelernt wurde. Erst durch wiederholte Erfahrungen von Sicherheit, Verbindung oder Selbstwirksamkeit beginnt sich innerlich langsam etwas zu verändern.
Selbstzuwendung anfangs sogar unangenehm sein.
Manche von uns geben sich Aufmerksamkeit und plötzlich tauchen Leere, Schmerz oder innere Unruhe auf. Wir versuchen freundlich mit uns zu sein, aber ein anderer Teil in uns glaubt diese Freundlichkeit nicht. Wir gehen in die Ruhe, meditieren oder ziehen uns zurück und merken, dass sich Stille nicht beruhigend, sondern bedrohlich anfühlt.
Das bedeutet nicht, dass wir „falsch heilen“. Oft zeigt sich darin nur, wie sehr unser System gelernt hat, angespannt, wachsam oder selbstkritisch zu sein.
Für manche Menschen fühlt sich echte Nähe zu sich selbst deshalb zunächst ungewohnt oder sogar unsicher an. Besonders dann, wenn sie früh lernen mussten, Gefühle zu unterdrücken, stark zu sein, zu funktionieren oder wenig emotionale Sicherheit erlebt haben. Solche Muster werden mit der Zeit oft Teil der eigenen Identität und wirken irgendwann selbstverständlich.
 
Heilung braucht Geduld mit uns selbst.
Alte Verletzungen verschwinden nicht automatisch, nur weil wir sie verstehen oder freundlich mit uns sein wollen. Unser Nervensystem kann dauerhaft auf Alarm stehen. Aufmerksamkeit auf uns selbst kann Schmerz sogar sichtbarer machen. Dann wird es zuerst schlimmer statt besser.
Viele von uns verwechseln Selbstzuwendung mit Kontrolle:
„Wenn ich alles richtig mache, muss es besser werden.“ Aber Heilung verläuft nicht linear.
Es funktioniert nicht, obwohl wir aufmerksam mit uns sind, weil wir innerlich weiterhin hart und abwertend zu uns sind oder im Überlebensmodus bleiben. Wir können uns beobachten, ohne uns wirklich sicher zu fühlen. 
 
„Zuwendung und Aufmerksamkeit für uns selbst“ allein berührt nicht das eigentliche Problem.
Sätze wie: „Liebe dich einfach selbst, dann heilt alles“, klingen wie ein Hohn, besonders für diejenigen, die es nicht schaffen, sich selbst zu lieben. Und sie sind nicht wahr.
Heilung funktioniert nicht wie ein Schalter, auf dem „Selbstliebe“ steht und den wir einfach anknipsen können. Trauma, Ablehnung, Angst, Überforderung, alte Erfahrungen, Depressionen, Neurosen, Persönlichkeitsstörungen, Süchte oder psychiatrische Erkrankungen reagieren nicht auf liebevolle Gedanken uns selbst gegenüber, um sich einfach in Wohlgefallen aufzulösen.
Viele Menschen suchen nach dem einen Moment, in dem endlich alles „richtig“ wird. Aber Heilung fühlt sich oft eher unspektakulär an. Und nicht alle Wunden verschwinden komplett. Darum geht es auch nicht — es geht darum, sie zu integrieren und zu lernen, mit ihnen zu leben und mit ihnen umzugehen. Dann kann sich das Verhältnis zu uns selbst verändern.
 
Heilung bedeutet nicht, dass alles verschwindet.
Es bedeutet einen anderen Umgang mit dem eigenen Schmerz zu entwickeln. Zu lernen, sich selbst nicht nur zu kontrollieren oder zu optimieren, sondern sich langsam sicherer im eigenen Inneren zu fühlen. Und vor allem gehört dazu die Erkenntnis, dass Heilung nicht linear verläuft. Es gibt Fortschritte, Rückfälle, Phasen von Hoffnung und Phasen von Erschöpfung. Nicht weil wir versagen, sondern weil psychische Prozesse selten geradlinig funktionieren.
 
Heilung ist ein komplexer, individueller Prozess.
Eine psychische Erkrankung ist kein Mindset, sie ist ein schmerzhafter Kampf im Inneren des Gehirns und des Körpers.
Selbstliebe ist etwas, das sich langsam entwickeln kann, wenn unser inneres System beginnt, Sicherheit, Verbindung und Vertrauen zu erleben. Heilung ist langer Weg, der bei jedem Menschen anders verläuft und in dem jeder etwas anderes braucht, um heilen zu können.
Wenn sich auf diesem Weg irgendwann Selbstliebe einstellt, ist das etwas Wundervolles. Aber sie ist oft das Ende des Weges und nicht der Anfang.
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de