Posts mit dem Label Aus der Praxis werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Aus der Praxis werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 14. Juli 2026

Aus der Praxis: Wenn Leiden zur Identität wird

 

                                                Zeichnung: A.Wende


Leiden gehört zum menschlichen Leben. Es kann uns erschüttern, verändern und tiefe Spuren hinterlassen. Problematisch wird es jedoch, wenn ein Mensch beginnt, sich ausschließlich über sein Leid zu definieren. Dann wird das Erlebte nicht mehr als ein Teil der eigenen Geschichte verstanden, sondern als die eigene Identität.

Menschen, die sich vollständig mit ihrem Leiden identifizieren, erleben sich häufig vor allem als Opfer ihrer Lebensumstände.  

Gedanken, Gefühle und Gespräche kreisen ständig um Verletzungen, Verluste oder Ungerechtigkeiten. Das Leid wird zum zentralen Bezugspunkt des Selbstbildes und bestimmt den Blick auf die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Gerade bei Menschen mit einer Traumageschichte besteht häufig ein tiefes Bedürfnis, mit ihrem Erleben gesehen, mit dem eigenen Schmerz wahrgenommen, Anerkennung für ihr Erleben zu erfahren und geglaubt zu werden. Die wiederholte Hinwendung zum eigenen Leid ist dabei oft nicht Ausdruck von Schwäche oder mangelndem Veränderungswillen, sondern der Versuch, Verbindung zu anderen herzustellen. 

Das Erzählen des Schmerzes wird zur Sprache der Beziehung, weil andere Formen von Vertrauen und Nähe durch die traumatischen Erfahrungen erschwert wurden.  

So kann sich eine Identität entwickeln, die in hohem Maß um Leid und Opfererfahrungen aufgebaut ist. Gleichzeitig fällt es Betroffenen oft schwer, andere Quellen von Selbstwert, Zugehörigkeit oder Nähe zu erleben. Beziehungen werden unbewusst vor allem dort als sicher erfahren, wo Schmerz, Hilfsbedürftigkeit oder Verletzlichkeit wahrgenommen und beantwortet werden. Daraus kann sich eine Dynamik entwickeln, in der Krankheit, Gefahr und Hilfsbedürftigkeit zur wichtigsten Sprache für Beziehung und Verbundenheit werden. Dies geschieht in der Regel nicht bewusst oder absichtlich, sondern als Folge früher Beziehungserfahrungen, in denen Aufmerksamkeit, Schutz oder Zuwendung vor allem in Situationen großer Not verfügbar waren. Gerade bei Menschen mit traumatischen Erfahrungen und zusätzlicher sozialer Isolation besteht die Gefahr, dass sich die eigene Identität nahezu vollständig um Leid, Verletzlichkeit und Abhängigkeit organisiert. Je länger diese Erfahrungen das Leben bestimmen, desto schwieriger wird es, sich selbst auch als kompetent, liebenswert, kreativ oder wirksam zu erleben.

Aus existenzanalytischer Sicht liegt hierin die Gefahr, dass der Mensch seine Fähigkeit zur Selbstdistanzierung verliert. Er erlebt sich nicht mehr als jemand, der Leid erfährt, sondern als sein Leid. 

Dadurch verengt sich der Blick für die eigenen Möglichkeiten, für Beziehungen, Werte und Aufgaben, die trotz aller Belastungen weiterhin vorhanden sind. Der therapeutische Auftrag besteht deshalb nicht darin, das Leid kleinzureden oder vorschnell zu relativieren. Schmerz braucht Anerkennung, Mitgefühl und einen geschützten Raum, in dem er bezeugt werden kann. Gleichzeitig geht es darum, nach und nach auch die anderen Seiten des Menschen wieder sichtbar werden zu lassen. Seine Fähigkeiten, seine Interessen, seine Werte, seine Beziehungen und seine Möglichkeiten, das eigene Leben mitzugestalten. Identität darf sich erweitern, vom leidenden Menschen hin zu einem Menschen, der zwar Leid erfahren hat, dessen Genzheit jedoch weit über diese Erfahrungen hinausreicht.

Ein solcher Prozess kann durch Fragen angeregt werden, die den Blick behutsam vom Leid auf die gesamte Person und ihre Handlungsmöglichkeiten lenken:

Wer bin ich außer jemand der Hilfe braucht?

Welche Momente im Alltag geben mir Kraft oder Freude, auch wenn sie klein sind?

Was kann ich selbst beeinflussen oder gestalten?

Wie können andere Menschen mir nah sein, ohne dass zuvor etwas Schlimmes passieren muss?

Diese Fragen laden dazu ein, neue Erfahrungen von Selbstwirksamkeit, Verbundenheit und Identität zu entwickeln. Sie eröffnen die Möglichkeit, sich nicht nur als hilfsbedürftiger Mensch zu erleben, sondern auch als jemand, der Fähigkeiten besitzt, Beziehungen gestalten kann und trotz aller Belastungen Einfluss auf das eigene Leben nimmt.

Selbsttranszendenz eröffnet in diesem Prozess eine neue Perspektive. Sie bedeutet nicht, das Leiden zu verdrängen oder kleinzureden, sondern den Blick über das eigene Schicksal hinaus zu richten. Der Mensch fragt nicht mehr nur: „Was ist mir widerfahren?“, sondern auch: „Was kann ich trotz allem verwirklichen?“ oder „Wem kann ich mit meinen Erfahrungen dienen?“ Das Leid verliert dadurch nicht seine Bedeutung, aber es verliert seinen Alleinanspruch auf die Identität. Wir sind mehr als das, was uns zugestoßen ist. Unsere Würde gründet nicht in unserer Verletzlichkeit, sondern in der Freiheit, uns immer wieder neu zu unseren Lebensbedingungen zu verhalten. Gerade darin liegt die Möglichkeit, aus einer Identität des Leidens zu einer Identität der Eigenverantwortung, der Sinnorientierung und des inneren Wachstums zu gelangen.

 

Angelika Wende

Kontakt: aw@wende-praxis.de

Freitag, 10. Juli 2026

Aus der Praxis: Wenn Selbstmitleid und Opferhaltung zur Falle werden – Das Drama-Dreieck verstehen

 

                                                                                       Malerei: A.Wende


Jeder Mensch erlebt Zeiten, in denen er sich verletzt, überfordert oder ungerecht behandelt fühlt. Sich Unterstützung zu wünschen und den eigenen Schmerz ernst zu nehmen, ist menschlich und wichtig. Problematisch wird es jedoch dann, wenn aus einer Krise eine dauerhafte Opferhaltung entsteht. Menschen in einer Opferrolle erleben häufig, dass das eigene Leben von äußeren Umständen bestimmt wird. Sie fühlen sich hilflos und machtlos und haben wenig Selbstbewusstsein und zweifeln an ihrer Selbstwirksamkeit. Die Verantwortung für das eigene Leid wird dann überwiegend im außen gesehen, bei anderen Menschen, der Vergangenheit, den Eltern oder dem Schicksal. Dadurch entsteht das Gefühl, kaum Einfluss auf das eigene Leben zu haben. Das hat zur Folge, dass diese Menschen sich unbewusst einen Retter suchen, der ihre Probleme lösen soll.

Der Psychiater Stephen Karpman beschrieb dieses Muster mit dem sogenannten Drama-Dreieck.  

Es besteht aus drei Rollen: Opfer, Retter und Verfolger. Diese Rollen wirken oft unbewusst zusammen und halten belastende Beziehungsmuster aufrecht. Das Opfer fühlt sich hilflos, ungerecht behandelt oder machtlos und hofft, dass jemand die Situation verändert. Der Retter springt ein, übernimmt Verantwortung und versucht Probleme zu lösen, oft weit über die eigenen Grenzen hinaus. Das Opfer wird zum Verfolger sobald seinen Erwartungen nicht erfüllt werden. Es kritisiert, macht Vorwürfe oder übt Druck aus. Das Entscheidende ist: Diese Rollen sind nicht fest. Menschen wechseln häufig zwischen ihnen.

Ein typischer Ablauf 

Jemand fühlt sich als Opfer und sucht Hilfe. Eine anderer übernimmt die Rolle des Retters und investiert viel Zeit und Energie. Bleiben Veränderungen zum Guten aus, fühlt sich der Retter irgendwann frustriert und wird zum Verfolger. Es entstehen Vorwürfe wie „Du willst weiter klagen und dir nicht wirklich helfen lassen.“ Das Opfer fühlt sich dadurch erneut bestätigt: „Niemand versteht mich, niemand hilft mir.“ Der unheilsame Kreislauf beginnt von vorn.

Besonders der Retter glaubt oft helfen zu müssen, weil der andere so viel Hilflosigkeit zeigt und geht dabei über seine eigenen Grenzen. 

Doch echte Unterstützung bedeutet nicht, einem Menschen seine Verantwortung abzunehmen. Wer dauerhaft rettet, nimmt dem anderen die Möglichkeit, eigene Lösungen zu entwickeln. Gleichzeitig erschöpft der Retter sich selbst, weil er eine Verantwortung trägt, die nicht seine ist.

Auch Selbstmitleid kann Teil dieses Kreislaufs sein.  

Kurzfristig spendet es Trost und Verständnis für das eigene Leid. Bleibt es jedoch bestehen, richtet sich der Blick immer wieder auf das Leid, während Handlungsmöglichkeiten in den Hintergrund treten. Gespräche drehen sich um dieselben Probleme, Lösungsvorschläge werden als unmöglich erlebt, nicht umgesetzt oder zurückgewiesen. Das Umfeld fühlt sich zunehmend hilflos und überfordert. 

Selbstmitleid wird übrigens häufig mit Selbstmitgefühl verwechselt, doch es gibt einen wichtigen Unterschied. 

 Selbstmitgefühl bedeutet, das eigene Leid anzuerkennen und sich selbst mit Verständnis, Geduld und Freundlichkeit zu begegnen. Es beinhaltet gleichzeitig die Bereitschaft, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Selbstmitleid dagegen hält an der eigenen Verletzung fest. Es richtet den Blick vor allem darauf, was einem an Ungutem widerfahren ist, wer schuld ist oder warum die eigene Situation besonders schwer erscheint. Es sucht nicht nach Entwicklung, sondern nach wiederholter Bestätigung des eigenen Leids. Gespräche drehen sich immer wieder um dieselben Verletzungen, während Lösungen, neue Perspektiven oder Eigenverantwortung schwer erreichbar erscheinen. Selbstmitgefühl fragt: „Was brauche ich, um mit dieser Situation gut umzugehen?“ Selbstmitleid fragt: „Warum passiert das immer mir?“Für das Umfeld kann dies belastend werden, weil Angehörige und Freunde zunehmend das Gefühl bekommen, emotional tragen zu müssen, was der andere selbst nicht tragen möchte. Der Ausstieg beginnt mit der Erkenntnis: Mein Schmerz verdient Mitgefühl, aber er darf nicht meine gesamte Identität bestimmen.

Der Ausstieg aus dem Drama-Dreieck beginnt dort, wo jeder seine eigene Verantwortung übernimmt. 

Das bedeutet nicht, Schmerz oder Ungerechtigkeit zu leugnen. Es bedeutet für das Opfer, sich zu fragen: „Was kann ich selbst beeinflussen?“ Ebenso wichtig ist es, als Helfender zu erkennen, dass Unterstützung nicht bedeutet, das Leben eines anderen zu übernehmen oder ihn zu heilen.

Niemand kann einen anderen Menschen heilen

Man kann begleiten, zuhören, unterstützen und Liebe geben, aber die innere Veränderung muss immer von der betroffenen Person selbst ausgehen. Der Grund dafür liegt darin, dass Heilung und Veränderung keine äußeren Vorgänge sind, die ein anderer Mensch für uns erledigen kann. Jeder Mensch trägt seine eigene Geschichte, seine eigenen Erfahrungen, seine eigenen Gedanken- und Gefühlsmuster in sich. Nur er selbst kann diese Muster erkennen, neue Entscheidungen treffen und Verantwortung für den eigenen Entwicklungsprozess übernehmen. Ein anderer Mensch kann eine sichere Umgebung schaffen, Mut machen oder einen neuen Blickwinkel anbieten. Er kann jedoch nicht die Vergangenheit ungeschehen machen, innere Konflikte lösen oder die Selbstannahme eines anderen erzwingen. Wer versucht, einen anderen Menschen zu retten, übernimmt eine Aufgabe, die nicht erfüllbar ist und verliert dabei im Zweifel die Verbindung zu den eigenen Bedürfnissen und Grenzen. Bleiben Veränderungen aus oder werden Hilfsangebote immer wieder abgelehnt, kann der Retter frustriert reagieren und in die Rolle des Verfolgers wechseln. Es entstehen Distanz, Vorwürfe oder Ungeduld. Das Opfer fühlt sich dadurch erneut bestätigt: „Niemand versteht mich, niemand hilft mir.“ Der Kreislauf beginnt von vorne.

Auch Helfende dürfen lernen, dass Liebe und Unterstützung nicht bedeuten, einen anderen Menschen zu retten. Ein Retter kann begleiten, zuhören und ermutigen, aber er kann niemandem die eigene Entwicklung abnehmen.

Gesunde Beziehungen entstehen nicht zwischen Opfer und Retter, sondern zwischen zwei Menschen, die sich auf Augenhöhe begegnen. Hilfe darf stärken, aber nicht abhängig machen. Mitgefühl darf trösten, aber nicht in Selbstmitleid festhalten. Und Verantwortung darf geteilt werden, ohne sie dem anderen abzunehmen. Der Weg aus dem Drama-Dreieck führt nicht über Schuld oder Härte, sondern über Bewusstsein, Grenzen und Selbstverantwortung. Wer sein Leid anerkennt, ohne darin stecken zu bleiben, gewinnt die Möglichkeit zurück, das eigene Leben aktiv zu gestalten.

Wer darauf wartet, gerettet zu werden, gibt unbewusst die Verantwortung für sein Leben ab. Wer ständig andere rettet, verliert leicht sich selbst. Wirkliche Veränderung beginnt dort, wo Verantwortung und Mitgefühl zusammenfinden. Wahre Hilfe bedeutet nicht, jemanden zu retten. Wahre Hilfe bedeutet, einem Menschen zuzutrauen, dass er seinen eigenen Weg gehen und seine eigene Kraft wiederfinden kann.

 

Angelika Wende

Kontakt: aw@wende-praxis.de

 

 

Samstag, 4. Juli 2026

Aus der Praxis: Das Bedürfnis nach Abschluss - Need for Closure

 

                                                                                   Malerei: A.Wende


Das Konzept des Need for Closure gehört zu den Theorien der Sozialpsychologie. Ich finde das Konzept hilfreich, wenn es darum geht zu verstehen, warum Beziehungen, die keinen klaren Abschluss finden, belastend für viele Menschen sind.

Der Begriff „Need for Closure“ wurde Anfang der 1990er Jahre von dem Sozialpsychologen Arie W. Kruglanski entwickelt. Er beschreibt das menschliche Bedürfnis, Unsicherheit zu beenden und zu einer eindeutigen Erklärung zu gelangen. Wir alle haben das Bedürfnis, die Welt vorhersehbar und verständlich zu erleben. Offene Fragen, Mehrdeutigkeit und ungelöste Situationen erzeugen hohen psychischen Stress, weil das Gehirn ständig versucht, die ihm fehlende Informationen zu ergänzen.

Need for Closure ist ein grundlegendes motivationales Bedürfnis. Dabei geht es interessanteweise nicht darum, immer die richtige Antwort zu finden, sondern überhaupt eine Antwort zu bekommen. Eine unvollständige oder nicht nachvollziehbare Erklärung wird von den meisten Menschen als weniger belastend empfunden als gar keine Erklärung. Kurz: Jede Erklärugn ist besser als keine, damit das Gehirn zur Ruhe kommen kann.

 

Unser Bedürfnis nach Abschluss erfüllt mehrere psychologische Funktionen. Ein klarer Abschluss reduziert Unsicherheit, schafft Orientierung und ermöglicht es uns, unsere emotionale Energie wieder anderen Aufgaben zuzuwenden. Fehlt der Abschluss, bleibt das Gehirn gewissermaßen in einem Suchmodus, die Gedanken kehren immer wieder zur offenen Situation zurück, weil sie noch nicht verarbeitet werden konnte. 

 

Viele von uns erleben solche fehlenden Abschlüsse. Man lernt jemanden kennen, man denkt, da ist Sympathie, man versteht sich gut und plötzlich antwortet die Person nicht mehr auf Nachrichten oder Anrufe.  

Gerade beim Online- Dating müssen viele diese schmerzhafte Erfahrung machen. Die zunehmende Digitalisierung unserer sozialen Beziehungen verstärkt dieses Verhalten leider. Der Grund: Online-Kommunikation reduziert viele unmittelbare soziale Konsequenzen. Während ein persönliches Gespräch direkte emotionale Reaktionen hervorruft, ermöglicht digitale Kommunikation eine größere emotionale Distanz. Das Verschwinden ohne Erklärung wird dadurch rein technisch und emotional leichter. Das nennt man dann Ghosting.  

 

Ghosting aktiviert das Bedürfnis nach Abschluss besonders stark. 

Es ist eine Situation maximaler Ambiguität. Wer geghostet wird, versteht erst einmal nichts, er ist fassungslos und enttäuscht. Er fühlt sich zurückgewiesen und hat keine Ahnung warum.

Jede Form von Zurückweisung aber aktiviert neurobiologisch ähnliche Prozesse wie körperlicher Schmerz. Studien von Naomi Eisenberger und Matthew Lieberman belegen, dass Erfahrungen sozialer Ablehung oder Ausgrenzung die gleichen Hirnareale aktivieren, die auch an der Verarbeitung körperlicher Schmerzen beteiligt sind. Das erklärt, weshalb Ghosting nicht nur als Enttäuschung erlebt wird, sondern intensive Gefühle von Verletzung, Kränkung oder emotionalem Schmerz auslöst.

 

Ghosting hält den Denkprozess aufrecht. Das Grübeln wird hartnäckig.  

Kruglanski beschreibt zwei psychologische Prozesse:

Seizing (Ergreifen): Wir versuchen möglichst schnell eine Erklärung zu finden, um Unsicherheit zu reduzieren. Das Gehirn "greift" nach einer plausiblen Antwort. Freezing (Festhalten):
Sobald eine Erklärung gefunden wurde, neigen wir dazu, an ihr festzuhalten, selbst wenn sie unvollständig ist. Das spart dem Gehirn Energie. Beim Ghosting scheitert dieser zweite Schritt. Zwar denken wir uns zahlreiche mögliche Erklärungen und machen Konstruktionen, aber nichts davon kann auf die Wahrheit überprüft werden. Das Gehirn wechselt deshalb ständig zwischen verschiedenen Möglichkeiten hin und her. Dadurch entstehen die typischen Grübelschleifen, geboren aus Unsicherheit.

 

Neurowissenschaftlich betrachtet reagiert unser Gehirn auf Unsicherheit ähnlich wie auf potenzielle Bedrohungen. Offene soziale Situationen aktivieren Hirnnetzwerke, die für Aufmerksamkeit, Fehlerüberwachung und Problemlösen zuständig sind. Solange keine eindeutige Erklärung vorliegt, bewertet das Gehirn die Situation als nicht abgeschlossen und richtet immer wieder die Aufmerksamkeit darauf. Hinzu kommt, dass soziale Beziehungen für uns Menschen evolutionär von zentraler Bedeutung sind. Im kollektiven Unterbewusstsein haben wir gespeichert, dass sozialer Ausschluss früher existenzielle Folgen haben konnte. Deshalb reagiert unser Gehirn besonders sensibel auf Anzeichen von Zurückweisung, Ablehnung oder Ausgrenzung. 

 

Warum manche Menschen stärker leiden als andere.

Der Need for Closure ist kein Persönlichkeitsmerkmal, das für uns alle gleich gilt. Nicht alle Menschen leiden gleich stark darunter. Ein besonders starkes Bedürfnis nach Abschluss haben Menschen, die Unsicherheit als sehr belastend erleben, ein starkes Bedürfnis nach Kontrolle haben, zu Grübeln oder Perfektionismus neigen, emotionale Beziehungen intensiv erleben oder die bereits traumatische Erfahrungen mit instabilen Beziehungen oder frühkindlicher Zurückweisung gemacht haben. Andere wiederum können Zurückweisung leichter akzeptieren und benötigen keine vollständige Erklärung, um emotional abzuschließen. Dennoch, wir alle können eine begründete Ablehnung und eine Trennung, die erklärt wird, besser verarbeiten als Schweigen. Beides ist zwar schmerzhaft, eine Begründung liefert dem Gehirn jedoch eine eindeutige Information. Dadurch kann der Suchprozess beendet werden. Das Bedürfnis nach einer Erklärung dagegen hält den Denkprozess aufrecht und der fehlende Abschluss verhindert, dass das Erlebnis kognitiv abgelegt wird. Ghosting verhindert genau das. Das Bedürfnis nach kognitivem Abschluss bliebt unerfüllt, und die Situation wird immer wieder gedanklich reaktiviert.

Besonders vulnerable Menschen verfolgt der Need for Closure häufig über Wochen oder Monate, manchmal sogar über Jahre. 

Nicht der Kontaktabbruch selbst verursacht den größten Schmerz, sondern die fehlende Möglichkeit, das Erlebte sinnvoll einzuordnen. Das Gehirn sucht nach einem Ende der Geschichte und solange dieses Ende fehlt, bleibt die Erfahrung psychologisch offen. Genau deshalb leiden Betroffene, weniger unter der Ablehnung oder der Trennung selbst, als unter der Ungewissheit, warum es so gekommen ist. Die meisten Betroffenen glauben daher, sie könnten erst abschließen, wenn sie verstehen, warum der andere sang und klanglos verschwunden ist. 

Aus psychologischer Sicht ist das jedoch nur bedingt richtig. Tatsächlich hängt ein emotionaler Abschluss weniger von der tatsächlichen Antwort des anderen ab als von unserer eigenen Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten und zu akzeptieren, das manche Fragen im Leben unbeantwortet bleiben

Manchmal existiert keine Antwort. Manchmal kennt selbst der, der ghostet, seine Motive nicht wirklich. Akzeptanz bedeutet deshalb nicht, sein Verhalten gutzuheißen, sondern anzuerkennen, dass Gewissheit nie erreichbar sein wird. Nicht jeder Mensch gibt uns die Möglichkeit, eine gemeinsame Geschichte zu Ende zu erzählen. Dann ist es nicht sinnvoll, die erlösende Antwort zu suchen, sondern zu akzeptieren, dass die Antwort außerhalb unserer Kontrolle und nicht in unserem Einflussbereich liegt. Innerer Abschluss entsteht dann, wenn wir aufhören, die fehlende Erklärung als Voraussetzung für unser Wohlergegen und unser Weitergehen zu betrachten.

 Ein Teil der Heilung besteht nicht darin, alle Antworten zu bekommen, sondern darin, zu akzeptieren, dass man sie möglicherweise nie bekommen wird. Akzeptanz beendet nicht sofort den Schmerz der Zurückweisung, aber sie nimmt ihm nach und nach die Macht. Wenn uns das allein nicht gelingt, ist es sinnvoll uns professionelle Hilfe zu suchen.

 

Angelika Wende

Kontakt: aw@wende-praxis.de

 

 

 

 

Donnerstag, 25. Juni 2026

Aus der Praxis: Anna und die Büchse der Pandora

 

                                                                Zeichnung: A.Wende

 

 

Als Anna zum ersten Mal in die Praxis kam, sprach sie über Ängste,  über depressive Schübe und über Selbstverletzung, die sie seit Jahren begleiteten. Sie beschrieb das Gefühl, nie wirklich zur Ruhe zu kommen, immer auf etwas gefasst zu sein, das sie nicht benennen konnte. Wie viele Menschen, die eine traumatische Kindheit überlebt haben, kam sie nicht mit ihrer Geschichte in die Therapie. Sie kam mit den Folgen. 

Erst nach und nach begann sich die Vergangenheit zu zeigen. Nicht auf einmal, sondern in Fragmenten. Eine Erinnerung hier, ein Gefühl dort. Einzelne Szenen, die zunächst zusammenhanglos wirkten und sich erst mit der Zeit zu einem ganzen Bild formten. Was wir sahen, war keine einzelne Verletzung, kein isoliertes Ereignis, sondern eine Kindheit, die von Kontrolle, Demütigung, emotionalem Missbrauch und körperlicher Gewalt geprägt gewesen war.

 

Besonders auffällig war dabei die Sprache, die Anna für ihre Vergangenheit verwendete. Jahrzehntelang hatte sie von schwierigen Situationen, strenger Erziehung oder schlimmen Erinnerungen gesprochen. Es waren Formulierungen, die das Geschehene umkreisten, ohne es wirklich zu benennen. Einer der tiefgreifendsten Schritte in der Therapie bestand darin, diese Sprache zu verändern. Nach eine Weile fand sie Worte, die der Realität näher kamen. Der Mann, den sie Vater nannte, hatte sie nicht nur verletzt. Er hatte Gewalt ausgeübt. Er war nicht nur eine problematische Vaterfigur gewesen. Er war ein Täter. Diese Erkenntnis war schmerzhaft, aber sie gab den Erinnerungen erstmals eine klare Kontur. Was zuvor diffus gewesen war, wurde benennbar. Und was benennbar wird, kann verarbeitet werden.

Mit dieser sprachlichen Klarheit veränderte sich auch Annas Blick auf ihre eigene Geschichte. Sie begann zu verstehen, dass viele ihrer Symptome keine persönlichen Schwächen waren, sondern Folgen einer Kindheit, in der es Sicherheit, Halt, Liebe und Geborgenheit nie gab. Gleichzeitig entstand in ihr das immer stärkere Bedürfnis, das familiäre Schweigen zu durchbrechen. Verstehen allein genügte ihr nicht mehr. Anna wollte die Wahrheit aussprechen.

 

Irgendwann beschrieb sie mir ihre Situation mit einem Bild, das mich beeindruckte. Sie sagte, es fühle sich an, als stünde seit einer Ewigkeit eine verschlossene Truhe in ihrem Inneren. Sie wisse, dass sie da sei, aber sie dürfe sie öffnen. Mit einem traurigen Lächeln sagte sie: „Es ist wie die Büchse der Pandora.“ Der Vergleich war treffend. Solange die Büchse geschlossen blieb, schien das Familiensystem stabil. Die Vergangenheit war zwar nie verschwunden, aber sie war eingesperrt. Als Anna begann, die Erinnerungen anzuschauen, hob sich langsam der Deckel. Mit ihm stiegen Angst, Ohnmacht, Scham, Wut, Trauer und Verzweiflung auf, all die Gefühle, die zuvor nie einen Platz gefunden hatten.

 

Je weiter dieser Prozess voranschritt, desto deutlicher wurde für Anna, dass sie ihren Vater konfrontieren wollte. Als sie ihm schließlich gegenübersaß, war er ein alter Mann. Die mächtige Gestalt ihrer Kindheit existierte nur noch in ihrer Erinnerung. Vor ihr saß ein gebrechlicher Mensch mit zittrigen Händen und müden Augen. Doch Traumata kennen keine Zeit. Der Körper erinnert sich nicht daran, wie alt jemand geworden ist. Er erinnert sich an das, was er für den Körper war. Anna sprach aus, worüber in ihrer Familie jahrzehntelang geschwiegen worden war, den Missbrauch druch den Vater. Lange sagte der Vater nichts. Dann entschuldigte er sich. Es war keine große Szene. Keine dramatische Beichte. Keine Rechtfertigung. Er sagte lediglich, dass er ihr Unrecht getan habe. Dass es ihm leid tue.

 

Als Anna mir später davon erzählte, war sie selbst überrascht über ihre Reaktion. Sie hatte jahrelang geglaubt, dieser Moment würde alles verändern. Doch als er schließlich eintrat, fühlte er sich weder wie Sieg noch wie Erlösung an. Es fühlte sich an wie Wahrheit. Wenige Wochen später starb der Vater.

Als die Nachricht kam, erlebte Anna etwas, das viele traumatisierte Menschen nach ähnlichen Ereignissen beschreiben: widersprüchliche Gefühle, die gleichzeitig existierten. Trauer. Erleichterung. Leere. Wut. Mitgefühl. Distanz.

Doch die Geschichte war damit nicht zu Ende.

 

Etwa ein Jahr später trafen sich Anna und ihre Geschwister mit der Mutter. Es war kein gewöhnliches Familientreffen. Alle wussten, warum sie dort waren. Zum ersten Mal sprachen die Kinder aus, was in der Familie geschehen war. Sie sprachen über die Gewalt des Vaters. Über die Angst. Über die Kälte, die herrschte. Und über die Rolle der Mutter.

Sie sagten, dass die Mutter alles gesehen hatte. Dass sie nie eingeschritten war. Dass sie emotional nicht erreichbar gewesen war. Dass sie immerzu Kontrolle über die Kinder ausübte. Dass ihr Schweigen Teil des Systems war. Die Mutter hörte zu. Sie widersprach nicht. Sie verteidigte sich nicht. Sie bat nicht um Verzeihung. Sie entschuldigte sich nicht. Sie schwieg. Als Anna mir später von diesem Schweigen erzählte, sagte sie: „Ich glaube, ihr Schweigen war ihre Antwort.“

Einige Wochen später starb die Mutter.

 

Die zeitliche Nähe dieser Ereignisse erschütterte die ganze Familie. 

Wie so oft in existenziellen Situationen begann unmittelbar die Suche nach Bedeutung. War es Zufall? Hatte das Gespräch etwas ausgelöst? Bedeutete diese Abfolge etwas?

In dieser Phase machte ich Anna mit C.G.Jung und seinem Konzept der Synchronizität vertraut, als sie sich fragte, ob es Ereignisse gebe, die nicht durch Ursache und Wirkung verbunden seien und dennoch einen tiefen Sinnzusammenhang besäßen. Aus therapeutischer Sicht sind solche Überlegungen interessant, weil sie etwas berühren, das wir häufig beobachten. Das menschliche Gehirn sucht nach Bedeutung. Es sucht nach Mustern, stellt Zusammenhänge her und konstruiert Geschichten, besonders dann, wenn wir mit Verlust, Trauma und tiefen existenziellen Fragen konfrontiert sind. Die zeitliche Nähe von Ereignissen wirkt dabei oft wie eine Einladung zur Sinnsuche.

 

Für Anna bekam in unserer gemeinsamen Arbeit die Idee der Synchronizität eine besondere Bedeutung. Nicht weil sie glaubte, das Öffnen der Büchse der Pandora hätte die Todesfälle verursacht. Sondern weil die Ereignisse für sie eine symbolische Qualität besaßen. Der Tod des Vaters nach seiner Entschuldigung erschien ihr wie das Ende des Täter Archetypen. Das Schweigen der Mutter und ihr kurz darauffolgender Tod wirkten wie das Verschwinden eines Systems, das jahrzehntelang vom Ungesagten gelebt hatte. Die zeitliche Nähe von endlich Gesagtem und dem Tod der Eltern verlieh diesen Ereignissen die Kraft eines Symbols.

Entscheidend für die Verarbeitung ist, dass Anna zunehmend lernt, Bedeutung und Schuld voneinander zu trennen. Sie muss nicht glauben, etwas verursacht zu haben, um anzuerkennen, dass sich die Ereignisse bedeutungsvoll anfühlen. Sie muss sich nicht zwischen Zufall und Schicksal entscheiden. Sie kann lernen beides nebeneinander stehen zu lassen: die Realität biologischer Endlichkeit und die psychologische Erfahrung eines tiefen Sinnzusammenhangs.

 

Vielleicht ist das letztlich die Hoffnung, die am Boden ihrer Büchse der Pandora zurückgeblieben ist. Nicht die Hoffnung auf Wiedergutmachung, auf Versöhnung und ein gutes Ende, sondern die Hoffnung, dass Wahrheit ausgesprochen werden darf, ohne dass sie uns zerstört, dass Schmerz benannt werden darf, ohne dass man an ihm zerbricht. Mit der Zeit hörte Anna auf nach einer endgültigen Erklärung zu suchen. Die Vergangenheit bleibt dieselbe. Der Vater bleibt Vater und Täter. Die Mutter bleibt Mutter und die Frau, die geschwiegen hat. Doch etwas hat sich verändert. Annas Geschichte ist nicht länger eingesperrt. Sie ist erzählt worden. Und manchmal, wenn Anna in unseren Sitzungen an ihre Eltern denkt, spricht sie nicht mehr zuerst über Angst, Wut, Scham oder Schuld. Sie spricht über etwas, das sie lange nicht gekannt hatte: Stille. Nicht die Stille des Verschweigens. Sondern die ruhige Stille nach der Wahrheit.

 

Angelika Wende

Kontakt: aw@wende-praxis.de

 

Freitag, 13. Februar 2026

Aus der Praxis: Scham entsteht durch den Blick des anderen

 

Art Work: A.Wende


Was passiert eigentlich innerlich, wenn wir uns durch den Blick eines anderen beschämt fühlen? Warum hat dieser Blick so viel Macht? 

Der Psychoanalytiker Léon Wurmser nennt das in seinem Werk „Die Maske der Scham“ - die „Last der tausend unbarmherzigen Augen“. Wird der Blick des anderen als abwertend oder verachtend erlebt, fühlen wir uns plötzlich von allen getrennt. Wir haben das Gefühl, nicht mehr als Person gesehen zu werden, sondern wie ein Ding. Wir haben das Gefühl, das Gesicht zu verlieren. Wir fühlen uns so klein und verachtenswürdig, dass wir am Liebsten im Erdboden versinken würden.

Das Gefühl, verachtet zu werden, führt dazu, dass ein Mensch sich selbst abwertet. 

Er schämt sich für bestimmte Eigenschaften, Wünsche, Triebe, Bedürfnisse Gefühle oder sein Aussehen. Das macht Scham so schmerzhaft: Sie greift das eigene Selbst an und gibt uns das Gefühl, nicht richtig oder nicht gut genug zu sein. Scham gipfelt in der Urscham,  dem tiefen Gefühl des Liebesunwertes, Es ist das Gefühl, dass das ganze Selbst schlecht ist und dass man in seinem eigentlichen Kern niemals geliebt werden kann. Diese Urscham, verbunden mit dem Schmerz des Ungeliebtseins, ist schwer zu ertragen. Es liegt so viel existentieller Selbstzweifel und Selbstverneinung darin, dass das Erleben dieser Form der Urscham um jeden Preis vermieden werden muss.Wird Scham zu einem Teil unserer Identität kommt es zur Schamangst.

Schamangst entsteht, wenn wir uns bloßgestellt fühlen. Wir haben Angst, von anderen abgelehnt zu werden. Diese Angst kann sich sehr quälend anfühlen. Scham kann wie ein Bruch in der Beziehung wirken – man fühlt sich von anderen und sogar von sich selbst entfremdet und isoliert.

Es ist nachvollziehbar, dass wir versuchen, dieses Gefühl abzuwehren. 

Ein Weg ist die Verneinung: Man tut so, als wäre nichts passiert. Verneinung ist einer der charakteristischen Abwehrmechanismen gegen Scham. Ein anderer Weg ist der Ich-Abwehrmechanismus der Verdrängung, das Nicht-wahr-haben-Wollen. 
Wir wollen es nicht wahrhaben und denken nicht weiter darüber nach. Das kann jedoch problematisch sein, weil wir uns dann nicht mit dem Erlebten auseinandersetzen und innerlich nichts verarbeitet und gelöst werden kann.
Beide Abwehrmechanismen, Verneinung und Verdrängung spalten den Schamaffekt und das Gefühl des Selbst-Defekts ab, das entstehen könnte.  

Manche Menschen versuchen Scham und Scham-Angst durch Perfektionismus zu überwinden. Sie versuchen, alles fehlerfrei zu machen, sie wollen perfekt sein, um keine Scham zu fühlen. Für sie gibt es scheinbar nur zwei Möglichkeiten: perfekt sein oder sich schämen. Fehler werden als Beweis gesehen, dass mit ihnen etwas grundsätzlich nicht stimmt. 

Auch Wut wird oft benutzt, um Scham zu verbergen. Statt die eigene Scham zu spüren, wird die Wut auf andere gerichtet. So wird versucht, das unangenehme Gefühl durch Projektion loszuwerden. Die Wut auf sich selbst wegen der Scham wird, um die Scham auszumerzen, gegen andere gerichtet. Wut dient dann dazu, sich nicht schwach, verletzlich, ohnmächtig oder beschämt fühlen zu müssen.

Grundsätzlich geht Scham immer mit der Infragestellung und Entwertung des Selbst einher und ist mit der Handlungstendenz - Vermeidung und Rückzug verbunden. Das schlechte Gewissen, das z.B. die Schuld erzeugt, ist in den meisten Fällen leichter zu ertragen, als die Scham, die tief in Ohnmacht und Ausweglosigkeit führt. In der Therapie ist Scham aufgrund der vielen Masken, hinter denen sie sich verbirgt, oft schwer zu erkennen.  Die Scham hält Betroffene davon ab, offen zu sprechen und sich offen zu zeigen, was wiederum neue Scham erzeugen würde. Aber so löst sie sich nicht. Es ist wichtig über das Gefühl von Scham zu sprechen, auch wenn es sich unangenehm und bedrückend anfühlt. Das bedeutet nicht, dass sie sich damit vollkommen auflöst, aber sie verliert an Macht, wenn wir aufhören sie zu vermeiden.

Scham hat dann Macht, wenn sie verborgen bleibt.  

Sobald sie ausgesprochen wird, wird sie kleiner und weniger überwältigend. Erst wenn wir uns die Erlaubnis geben unsere Scham zu benennen, können wir herausfinden und verstehen, woher dieses Gefühl kommt. Wenn Scham unausgesprochen bleibt, führt sie zu oben genannten Abwehrmechanismen. Sprechen wir darüber, kann sich das Gefühl verändern. Statt uns weiter abzuwerten, entwickeln wir im besten Falle Verständnis und Mitgefühl für uns selbst. Während Scham isoliert und trennt, kann das Sprechen darüber verbinden.

 

Angelika Wende 

Kontakt: aw@wende-praxis.de

 

 

Freitag, 30. Januar 2026

Aus der Praxis: Wenn alles zusammenbricht

 



Wenn alles zusammenbricht, ist das eine brutale Situation. Wenn alle Säulen, auf die wir unsere Leben gebaut haben, gleichzeitig oder kurz nacheinander einstürzen ist das wie ein Erdrutsch. Wir verlieren den Boden unter den Füßen. Das Nervensystem ist im Alarmzustand. Wir sind überflutet von Existenzangst. Wenn alles gleichzeitig kollabiert, ist unser Gehirn nicht mehr funktionsfähig. Nicht für Entscheidungen, nicht für Lösungen, nicht für das Erkennen große Zusammenhänge. Egal wie klar, wie klug, wie reflektiert, wir sonst sind. Jetzt fühlt sich alles gleich dringend an. Alles wirkt unlösbar. Jeder Gedanke daran macht es schlimmer. Wir verstricken uns in uns selbst. Und dann kommen genau die Entscheidungen, die wir später bereuen oder wir erstarren komplett. 
 
Existenzangst ist eine der heftigsten Formen von Angst.
Es geht ums Überleben. Deshalb fühlt sie sich so absolut, so endgültig, so nach Untergang und Vernichtung an. 
In dieser Situation ist der Kopf ein schlechter Berater. Nicht weil wir unfähig sind, sondern weil Existenzbedrohung das Denken auf Katastrophenlogik und Schwarz-Weiß -Szenarien verengt. Das ist kein realistischer Blick, sondern wir befinden uns im höchsten Alarmmodus.
Wenn die Existenz wegbricht, heißt das - mehrere konkrete Säulen, die uns getragen haben, zerbröseln. Beziehung, Einkommen, Job, Gesundheit, Perspektive, Sicherheit, das Gefühl von Kontrolle, Können, Eigenwert. Dass sich das existenziell zutiefst bedrohlich anfühlt, ist absolut normal. Wenn wir jetzt die Existenzbedrohung nicht genau analysieren, bleibt sie ein Monster, gegen das wir machtlos sind und im Zweifel verzagen wir. 
 
Es gibt einen Unterschied zwischen: „Alles ist vorbei“ und „Alles ist gerade nicht tragfähig“.
Im Alarmmodus fühlt sich beides identisch an. In der Realität ist es das fast nie. Ich spreche aus Erfahrung. In meinem Leben gab es einige existenzielle Krisen, die ich bewältigen musste und immer gab es wieder etwas, das tragfähig wurde. Auch wenn es dauerte und ich jedes Mal dachte: "Alles ist vorbei. Das war´s dann."
Was ich in all den Krisen gelernt habe: Jetzt ist es überlebenswichtig Ruhe bewahren.
Leicht gesagt! Wenn alles zusammenbricht, wirkt so ein Satz wie blanker Hohn. Als würde man sagen: „Das Haus brennt ab, aber trink erst mal einen Schluck Wasser.“ 
 
Ruhe bewahren ist keine Lösung für das, was kaputtgeht. Aber es geht im ersten Schritt nicht um „lösen“, es geht um stabilisieren. Es geht ums Runterkommen, es geht darum das Nervensystem zu beruhigen um wieder einigermaßen klar denken zu können. Erst dann sind wir überhaupt fähig die Realität klar zu sehen ohne den Panikfilm, der innerlich abläuft. Dann erst sind wir überhaupt fähig Lösungen zu suchen.
Und bevor wir das tun, brauchen wir eine klare, realistische Analyse der Situation:
Was genau ist weggebrochen?
Was davon ist irreversibel, was ist „nur“ gerade eskaliert?
Wie viele Wochen geht es noch, bis es wirklich kippt? Nicht „irgendwann“, sondern eine konkrete Zahl ermitteln.
Wo verliere ich gerade am meisten Boden?
Was ist der worst case?
Wie kann ich den verhindern?
 
Wir befassen uns zuallererst mit dem, was sich existenziell am Zerstörerischsten anfühlt. Wir räumen nicht den ganzen Schutt weg. Nur den schwersten Brocken. 
Wir suchen nach Übergangslösungen, wenn die optimale Lösung gerade nicht möglich ist.
Kein „Das wird schon“ Denken, sondern konkrete Schritte, auch wenn sie noch so klein sind, um es zu schaffen wieder ein wenig mehr Boden unter den Füßen zu erlangen. Und bloß keine Scham, wenn es darum geht uns Hilfe zu holen. Scham hält Menschen länger in der Krise als alles andere. Scham ist gerade ein „Luxus“, den wir uns nicht leisten können. Wir brauchen klares Denken und klares Handeln.
Manche Menschen oder wir selbst, sagen in solchen Situationen gern: "Du schaffst das!" Das ist ein ehrlicher Wunsch. Und leider nicht immer hilfreich. Weil „Du schaffst das!“ sich gerade nicht wahr anfühlt und unser Gehirn keine Sätze akzeptiert, die es unwahr hält.
Wir brauchen eine ruhigere, tragfähige Überzeugung. Eine, die stimmt. Nicht: Du schaffst das!, sondern: „Ich habe schon Krisen überstanden, von denen ich vorher nicht wusste, wie.“
Das ist Rückblick-Logik. Die ist wahr. Wir haben Krisen überlebt, die wir damals auch nicht im Griff hatten. Nicht ohne Angst, aber mit der Angst sind wir da durch. Und um durch zu gehen brauchen wir, wie gesagt, Ruhe. 
 
Und wie behalten wir genug Ruhe, um nicht zu verzweifeln und kopflos zu handeln?
Ruhe ist gerade kein Zustand, sondern eine wichtige Funktion. Wir brauchen sie nicht, um uns gut zu fühlen, wir brauchen sie, damit wir keine falschen Entscheidungen treffen.
 
Was jetzt wirklich hilft: 
 
Akzeptieren: Du wirst nicht ruhig sein.
Das ist wichtig.
Das Ziel ist nicht Gelassenheit, sondern:„Ich bin angespannt UND handlungsfähig.“ Sobald wir aufhören gegen die Unruhe zu kämpfen, verliert sie an Macht.
Klingt banal, ist aber so. 
 
Denken von Tun trennen: Existenzangst macht das Denken chaotisch.
Also Angstdenken nur in festen Zeitfenstern. Nur c.a. 30 Minuten zu einer bestimmten Tageszeit.
Außerhalb davon konzentrieren wir uns aufs Handeln. Wenn Angstgedanken kommen, sagen wir: „Nicht jetzt. Später.
Das ist keine Flucht und kein Verdrängen, das ist Containment.
 
Entscheidungen und Schritte aufschreiben:
Die Unruhe bleibt, solange Dinge ungeklärt im Kopf rotieren.
Mach eine Liste mit drei Spalten:
Was genau ist das Problem?
Was ist der nächste mögliche realistische Schritt?
Wann mache ich ihn?
Es geht nicht um die absolute „Lösung“, es geht um den nächsten sinnvollen Schritt.
Das Gehirn wird ruhiger, sobald es einen Punkt sieht, den es setzen kann.
 
Nervensystem runterfahren:
Wenn unser Körper im Alarmmodus bleibt, produzieren wir schlechte Entscheidungen. Regelmäßige Atemübungen, alles, was den Vagusnerv beruhigt, dient jetzt nicht zur Entspannung, sondern dazu denk-und handlungsfähig zu bleiben.
 
Suboptimale Lösungen erlauben:
Ein großer Angstauslöser ist der innere Satz: „So habe ich mir mein Leben nicht vorgestellt.“ Hilfreich ist: „Okay. Das ist eine Krise. Das ist ein Übergang. Das ist nicht mein Ende. Damit sinkt der Druck. Krisen fühlen sich wie Scheitern an, in Wahrheit sind sie Übergänge und brauchen eine Strategie um zur Chance zu werden.
 
Sätze, die mir in akuten Angstmomenten helfen:
Ich muss nicht alles heute lösen. Ich muss heute nur nichts verschlimmern. Ich muss nicht wissen, wie es ausgeht – nur, was der nächste Schritt ist. Nur für heute.
 

Vielleicht steckst du gerade in einer solchen Krise. Wenn du magst, können wir gemeinsam da durch gehen und Lösungen für dich finden, Schritt für Schritt.


Schreib mir gerne eine Mail an: aw@wende-praxis.de

Freitag, 19. Dezember 2025

Aus der Praxis: Da wo die Angst ist, da musst Du hin!

 


 

"Ein Leben ohne Angst ist letztlich kein erfülltes Leben. Der Weg ins Unverwundbare führt mitten durch die Angst hindurch, nicht an ihr vorbei“, schreibt die Autorin und Sterbebegleiterin Lisa Freund. Ein Leben mit zu viel Angst ist letztlich kein erfülltes Leben, möchte ich hinzufügen.

 

Ganz gleich ob Angst sich auf materielle oder existenzielle Dinge bezieht, alle Ängste entstehen auf der emotionalen Ebene und sie entsprechen nicht notwendig der materiellen Realität. Die Angst färbt sie um, die Angst wandelt sie in etwas, was sie nicht ist. Die Angst wirkt von innen nach außen und bewirkt ein Außen, was mehr Angst macht, als es uns in Wahrheit machen müsste. Am stärksten wirkt die Angst die unseren Unbewussten entspringt, die Angst für die wir keinen Namen haben, der wir kein Gesicht geben, weil wir uns davor fürchten ihr eins zu geben, auf dass es uns bloß nicht ins Gesicht springt.

Aber genau das ist es, was wir tun müssen - wir müssen die Angst erforschen, ihr ein Gesicht geben, sie benennen, sie fühlen. „Der Weg ins Unverwundbare führt mitten durch die Angst hindurch, nicht an ihr vorbei.“ Mitten hinein, mitten durch, ist die Vorrausetzung um unsere Angst in ihrem Wesen zu erkennen, um zu wissen womit wir es zu tun haben. Wir müssen erkennen wo der Urgrund der Angst liegt, die Quelle finden, um ihre Macht zu bezwingen.

 

Da wo die Angst ist, da musst Du hin!

Solange wir nicht auf die Angst zugehen, entwickeln wir Abwehrmechanismen, die auf Verleugnung gründen, die zu klinischen Syndromen führen. Der Versuch der Angst zu entkommen indem wir sie verdrängen, liegt im Kern des Neurotizismus. Abwehr und Verdrängung ist ein zweischneidiges Schwert, zum einen entlasten uns Abwehr und Verdrängung indem sie uns Sicherheit vorgaukeln, zum anderen erzeugen sie Lebenseinschränkungen und Lebensverneinung, indem alles vermieden wird, was Angst macht. 

 

Alles was wir verdrängen kostest Lebensenergie, darum ist es so wichtig es ins Bewusstsein zu bringen.

Angst will uns etwas sagen. Immer will sie das. Sie schiebt uns in unser Innerstes, an den Kern unserer Urangst. Angst will, dass wir unsere innere Stimme hören. Sie macht uns klein und dünnhäutig und durchlässig für das,was wir vielleicht ein Leben lang verdrängen. Sie tut das, damit wir die Abwehr endlich lockern und die Maske ablegen, die wir uns selbst und anderen vorhalten, weil wir uns schuldig fühlen und schämen, weil wir glauben wir dürfen so nicht sein - so klein, so verwundbar, so ein jammerndes Häufchen Elend, so ohnmächtig, so voller Angst. Diese Gefühle gilt es zu fühlen und auszuhalten in der Dunkelheit der Angst, solange bis wir Licht hineingebracht haben, das Licht, das uns die Zuversicht gibt weiterzugehen und uns die Kraft schenkt die Angstwand aus Stahl in einen Vorhang zu verwandeln, den wir dann sanft und mutig zur Seite schieben, um zu erkennen, was unsere Angst uns sagen will. Wir müssen die Angst zunächst zulassen und erfahren, bevor wir sie transzendieren können.

 

 

 

 

Donnerstag, 20. November 2025

Aus der Praxis: Kognitive Verzerrungen

 



Eingefahrene Denkmuster und innere Überzeugungen über uns selbst, andere und das Leben, bilden sich in der Kindheit. Diese Denkmuster und Überzeugungen führen zu Gefühlen, die wir verinnerlichen und abspeichern. Sie werden zu Automatismen, die wir nicht mehr bewusst wahrnehmen. Unsere Wahrnehmung passt sich damit unbewusst den eigenen inneren Überzeugungen an. Diese werden zu einem Teil unserer Identität.
Wenn diese Denkmuster und Überzeugungen zu selbstschädigenden belastenden Gedanken und Gefühlen führen, nennt man das Kognitive Verzerrungen.
Kognitive Verzerrungen sind systematische Denk- und Wahrnehmungsfehler und verzerrte, fehlerhafte Annahmen, die zu irrationalen oder falschen Urteilen und Entscheidungen führen können. Sie beeinflussen, wie wir die Dinge erinnern, bewerten, verarbeiten und auf sie reagieren. Sie führen zudem dazu, dass wir unbewusst nach allem suchen, alles so wahrnehmen und alles so interpretieren, dass unsere inneren Überzeugungen bestätigt werden. Wir sehen und selbst und die Welt quasi durch einen Filter.
In der Psychologie nennt man das Confirmation Bias, zu deutsch: Bestätigungsfehler, eine selektive Aufmerksamkeit, ein Trugschluss, der dazu führt, dass wir das, was wir ohnehin schon glauben und annehmen, bekräftigt wissen wollen, damit es in unser Selbst- und Weltbild passt.
Kurz: Es geschieht nach unserem Glauben.
 
Kognitive Verzerrungen schaden uns besonders dann, wenn wir eine verzerrte Wahrnehmung unserer selbst haben. Sie verzerren unser Selbstbild und sie verzerren die Realität.
Um uns unsere kognitiven Verzerrungen bewusst zu machen, ist es hilfreich sie zu identifizieren. Und dann zu überprüfen, ob unsere Bewertungen und Überzeugungen heute noch zu uns und unserem Leben passen oder ob sie der Vergangenheit angehören. Das finden wir heraus, wenn wir uns selbst hinterfragen und überprüfen was wirklich ist – also indem wir uns unser Leben genau anschauen und es neu bewerten.
Ein kurzes Beispiel:
Eine Klientin denkt, ich bin alleine nicht lebensfähig. Sie sucht verzweifelt einen Partner und leidet jeden Tag, weil sie keinen findet. Ihr Leben erscheint ihr ohne eine Beziehung misslungen und sinnlos.
Ich frage sie: Stimmt diese Bewertung?
Wenn sie ohne diese Verzerrung auf ihr Leben blickt und die Realität überprüft, stellt sie fest, sie wie gut sie es meistert. Sie hat einen guten Job, Freunde und ein erfüllendes Hobby.
Wahr ist: Sie ist alleine durchaus lebensfähig.
Jetzt kann sie eine neue Bewertung abgeben.
Das zu verinnerlichen wird dauern, aber es ist der Anfang, um sie aus der kognitiven Verzerrung zu befreien.
 
Es macht Sinn uns aktiv damit zu beschäftigen, ob nicht genau das Gegenteil von dem, was wir glauben, wahr sein könnte. 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Mittwoch, 12. November 2025

Aus der Praxis: Empathie und Mitgefühl

 

                                                              Malerei: A.Wende

 

Carl Rogers sagte einmal, Empathie ist das wertvollste Geschenk, das man einem anderen machen kann. Empathie zeigen bedeutet uns einfühlen und das wiederum bedeutet im besten Falle: nicht, zu werten, zu urteilen, zu korrigieren oder zu erklären. Empathie bedeutet, in die Welt eines anderen einzutreten und seine Erfahrungen so zu spüren, als ob es die eigenen, ohne dabei das „als ob“ zu verlieren. Empathie ist dann gegeben, wenn sie mit Kongruenz und einer tiefen Wertschätzung des Menschen ohne Bewertung, verbunden ist. Wenn das gelingt, fühlen sich Menschen gesehen, gehört, wahrgenommen und verstanden. Dann fühlen sie sicher genug, um sich zu öffnen.  

 

Empathie ist aber nur die halbe Miete. 

Empathie bedeutet allein wertfreies Einfühlen - ich kann mich einfühlen, aber Einfühlen allein hilft nicht weiter. Was weiter hilft, ist der Impuls der nach dem Einfühlen kommt: Mitgefühl. Mitgefühl geht über bloße Empathie hinaus – sie trägt in sich den Wunsch zu helfen – uns selbst und anderen.

 

Samstag, 25. Oktober 2025

Aus der Praxis: Den Kreislauf der Wiederholung durchbrechen

 



„Was in Beziehung erkrankt, kann in Beziehung geheilt werden.“
Auch wenn diese These eine starke Vereinfachung ist, ist sie grundsätzlich wahr. Wir heilen nicht ausschließlich in Beziehung, aber eine korrigierende positive Beziehungserfahrung wirkt auf Menschen mit Bindungstraumata und einer Komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung (KPTBS) heilsam.
Eine komplexe PTBS entwickelt sich meist als Folge von schweren, anhaltenden oder wiederholten Traumatisierungen in der Kindheit. Im Unterschied zur PTBS kommt es hier u.a. zu ausgeprägten Beeinträchtigungen im Bereich des Denkens, der Gefühle und der sozialen Beziehungen, verzerrter Selbstwahrnehmung, mangelndem Gefühl für die eigene Identität, geringem Selbstwertgefühl, Vernachlässigung der Selbstfürsorge, Schuldgefühlen, dem Gefühl, von anderen isoliert zu sein, andauerndem Gefühl der Leere und Hoffnungslosigkeit, Gefühl der Entfremdung von anderen Menschen, anhaltendes Misstrauen und die Neigung wieder in die Opferrolle zu geraten.
Eine gesunde Beziehungserfahrung in der Kindheit ist wichtig für unsere Entwicklung. Eine gesunde Beziehung basiert auf Ehrlichkeit Vertrauen, Respekt, Verlässlichkeit, Zuneigung und Liebe. All das haben Menschen mit Bindungstraumata nicht erfahren. Fatalerweise machen sie oft auch in späteren Beziehungen erneut ähnliche Erfahrungen, die denen aus der Kindheit gleichen.
 
Es gibt den Kreislauf der Wiederholung, das was Sigmund Freud als Wiederholungszwang bezeichnete. Ein Begriff mit zwei Bedeutungen. Klinisch beschreibt er das unbewusste Wiederholen von balastenden Erlebnissen. Psychologisch bezeichnet er eine Triebkraft, die unabhängig von Lust oder Unlust zur Wiederholung drängt. Man unterscheidet zwischen passiver Wiederholung und aktiver Wiederholung, was beduetet: "Wir wiederholen als Versuch einer Neuschöpfung".
Beides sind untaugliche Versuche, die nur wieder zu Leid führen.
Menschen mit einer KPTBS sind aufgrund des Wiederholungszwanges besonders gefährdet in destruktive Beziehungen zu geraten. Sie haben einerseits eine tiefe Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit, andererseits haben sie ein verzerrtes Bild von Liebe und dem, was eine gesunde Beziehung ist. Wer in der Kindheit missbräuchliche oder vernachlässigende Bindungspersonen hatte, findet sich daher immer wieder in Partnerschaften mit einer ähnlichen Dynamik wieder.
Trotz der unheilsamen Erfahrungen suchen sich Betroffene unbewusst PartnerInnen, die die Muster der frühen Beziehung wiederholen, was bedeutet, sie sind anfällig für das Erleben von weiteren Beziehungstraumata. Der Kreislauf von Bedürftigkeit, Misstrauen und Abhängigkeit zieht sich bis ins Erwachsenalter durch und führt dazu, dass die Symptome der KPTBS aufrechterhalten bleiben und sich sogar verstärken.
 
Was in Beziehung krank gemacht hat wiederholt sich solange bis das Trauma aufgearbeitet wird. Nicht umsonst sagte Freud: "Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten", aber nicht in ungesunder Weise als Tat, ohne zu wissen, dass wir Altes wiederholen, sondern in einem geschützten, sicheren Raum, bestenfalls in einer als korrigierend und positiven erlebten Beziehung zwischen KlientIn und TherapeutIn. In diesem Sinne kann Beziehung dazu beitragen zu heilen, was in Beziehung krank gemacht hat. Eine gesunde Beziehungserfahrung löscht zwar nicht das Trauma, aber sie kann dazu beitragen, dass Traumatisierte neue positive Beziehungserfahrungen machen, was in der Folge dazu führt, dass das Gehirn diese abspeichert. Damit verändern sich eingefahrene neuronale Bahnen, sie werden quasi überschrieben – Stichwort: Neuroplastizität. Wenn das gelingt, werden wir aufgrund neuer gespeicherter Erfahrungen die alten nicht mehr automatisch abspulen. Wir durchbrechen den Kreislauf der Wiederholung.
 
Du musst lernen, was Liebe nicht ist, um zu lernen, was Liebe ist. 
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de