Mittwoch, 13. Mai 2020

Das Trauma Jetztzeit

Malerei Angelika Wende

Unsere Hoffnung richtet sich darauf, endlich wieder in die sogenannte Normalität zurückkehren zu können und die Dinge wieder tun zu können, wie wir sie gewohnt waren. Das ist eine sehr verständliche Hoffnung. Auch ich möchte am Morgen aufwachen aufwachen und alles ist wie vorher.
Ich weiß aber auch, diese Hoffnung ist problematisch für mein Seelenheil. Denn sie ist unrealistisch, sie ist eine Illusion, die an der Realität zerbricht. Wir werden mit dieser Situation noch eine Weile leben müssen. Auch in den kommenden Monaten wird vieles nicht so sein, wie wir es uns wünschen.
Es wird kein normaler Frühling, es wird kein normaler Sommer, es wird auch vielleicht kein normaler Herbst und kein normaler Winter. Wir haben das, was unsere Normalität war verloren. Wir befinden uns in einem Prozess der Wandlung und keiner von uns ahnt wohin sie uns führt.
Gefühlt ist es eine absurde, eine surreale Welt in der wir uns seit März befinden. Wir können es noch immer nicht fassen, dass das Normale etwas gewichen ist, das alles woran wir uns festhielten, ins Wanken bringt. Die Normalität ist erschüttert und die Welt wie sie war aus den Angeln gehoben. Derartige Erschütterungen erschüttern nicht nur Lebenskonstruktionen, sondern unser ganzes Sein in der Welt und wie wir Welt und uns selbst als Teil dieser Welt wahrnehmen.

Die Jetztwelt wahrnehmen ist ein schweres Unterfangen, denn so wie sie ist, ist sie bedrohlich geworden, unsicher und voller Verluste. Verluste die wir bereits erlitten haben und je länger es dauert, noch erleiden werden. Wir müssen lernen Abschied zu nehmen. Wir müssen lernen mit einer Absurdität zu leben, die uns fremd ist. Diese Absurdität, in all ihren Ausformungen, hat das Normale längst verdrängt.

Aber was ist Normalität?
Normalität ist das Selbstverständliche in einer Gesellschaft, das nicht mehr erklärt und über das nicht mehr entschieden werden muss.

So war es, so ist es nicht mehr.
Wenn wir mit Normalität meinen, alles müsste alles so sein wie vorher, verhindern wir in den Raum des Dazulernens zu kommen. Der Raum, in dem wir neue Erfahrungen machen, Neues gestalten und es in unser Leben integrieren um uns weiter zu entwickeln. Es scheint, als hätten wir keine andere Wahl.

"Es ist Schweres, was euch aufgetragen wurde", schreibt Rainer Maria Rilke.
Ja das ist es, denn was wir verloren haben, haben wir nicht aufgegeben, weil es unsere freie Entscheidung war, sondern weil man es uns aufgetragen hat. Ohne uns zu fragen. Wir wurden überrollt und in vielem entmündigt. Wir wurden gezwungen Dinge zu tun, die wir niemals freiwillig tun würden. Wir wurden der eigenen Entscheidungsfähigkeit beraubt um uns etwas unterzuordnen, was man uns verordnet hat – mit Gründen, die uns vielleicht überzeugt haben, weil wir sie nachvollziehen können oder auc nicht. Können wir es nicht, leiden wir um ein Vieles mehr und gehen in den Widerstand. So geschieht es jetzt bei manchen von uns.

Aber egal auf welcher Seite wir stehen: In der Akzeptanz oder im Widerstand, es bedeutet nicht, dass irgendeiner in diesem Land diese Verordnungen wirklich aus tiefstem Herzen gut heißt. Wie auch? Der Verzicht auf die banalsten Gewohnheiten menschlichen Miteinanders wiegt schwer. Der Verzicht auf die eigene Entscheidungsfreiheit wiegt schwer. 

Wie sich davon verabschieden ohne Wut, ohne Trauer zu fühlen? Wie damit leben, wenn es zunächst keine Alternativen gibt um diesen Abschied in etwas zu wandeln was einen neuen Sinn ergibt? Wie etwas gestalten, das nicht einmal planbar ist, weil nichts mehr planbar ist in einer Welt, die außer Kontrolle geraten ist. Wie etwas beginnen, von dem wir nicht wissen, ob der Anfang nicht schon das Ende in sich trägt?
Und was beginnen, wenn das, was ich als Fähigkeiten und Potenziale in mir trage, nicht mehr systemrelevant ist?
Jetzt nicht und in naher Zukunft auch nicht.
Und wann weiß keiner.

Diese Erfahrung ist eine Erfahrung der Erschütterung, der Ohnmacht und der Bodenlosigkeit. Und diese Erfahrung ist traumatisch.
Das ist jetzt unsere Normalität: Wir stecken mitten in einem Trauma. Kollektiv und individuell. Manche von uns sind sich dessen bewusst, andere nicht. Manche wollen es nicht glauben, weil es nicht in ihre Erfahrung, nicht in ihr Wissen, nicht in ihre Sicht von Welt passt.
Der Begriff Trauma kommt aus dem griechischen und bedeutet: Wunde. Trauma in der Psychologie kennzeichnet sich durch die Erfahrung von Kontrollverlust verbunden mit Gefühlen des Entsetzens, der Angst und der Hilflosigkeit.

Ein Trauma erschüttert uns und stellt die Welt wie sie vorher war in Frage.
Ein Trauma verändert das Leben radikal.
Ein Trauma schleudert uns aus dem Raum dessen was für uns normal war.
Ein Trauma braucht Zeit um es zu verarbeiten.
Ein Trauma kann wieder von alleine abklingen, wobei sich auch dann das Verhalten ändert.
Die Überwindung eines Traumas kann uns wachsen lassen.
Ein Trauma ist dann verarbeitet, wenn wir es in unser System integriert haben.
Normal ist nach einem Trauma nichts mehr. Wie es danach ist, weiß man nicht.
Man weiß nur eins: Es ist anders.


Freitag, 8. Mai 2020

Selbstliebe und Wertschätzung für uns selbst ist kein Schutzschild gegen das Negative



Foto: Angelika Wende

Ein Schüler wollte vom Meister wissen, was das Geheimnis der spirituellen Praxis sei.
Der Meister sagte: Mach jeden Tag einen Menschen glücklich.
Dann hielt er einen Moment inne und fügte hinzu: Selbst wenn du dieser Mensch bist.
Er wartete einen Moment und sagte abschließend: Vor allem, wenn du selbst dieser Mensch bist.

Es ist immer wieder erstaunlich wie hart und lieblos Menschen sich selbst behandeln. Sie haben das Gefühl nicht okay zu sein, nicht gut genug zu sein, nicht wertvoll und nicht liebenswert zu sein.
Sie schaden sich selbst mit schlechter Nahrung, Alkohol, Drogen, giftigen Beziehungen und indem sie Dinge tun, die unheilsam sind für sie selbst und andere. Sie belügen sich selbst und andere. Sie tun alles was sie einem nahestehenden Menschen nicht wünschen würden und nicht antun würden sich selbst an. Angesichts dieser Selbstablehnung und Selbstschädigung ist es nicht verwunderlich, dass es diesen Menschen so schwer fällt Zugang zur eigenen Weisheit und Klarheit, zu Mitgefühl und Liebe zu finden. Es ist nicht verwunderlich, dass ihr Leben in unguten Bahnen läuft und nichts Heilsames wächst. Es ist nicht verwunderlich, dass innere und äußere Krisen ihren Weg pflastern und sich nichts zum Guten wendet.

Auf Beziehungsebene führt das ungute Verhalten uns selbst gegenüber dazu, dass wir anderen nichts Gutes geben können und nichts Gutes empfangen können.
Wie können wir das Gute erwarten, wenn wir uns selbst nichts Gutes geben?
Wie soll der andere Vertrauen und Liebe spüren von einem, der sich selbst nicht vertraut und sich selbst lieblos behandelt?
Ich kann nichts geben, was ich mir selbst nicht geben kann.
Ich kann auch nicht empfangen wofür mein Herz nicht offen ist. Ich kann auch keinen Respekt von anderen erwarten, wenn ich mich selbst respektlos behandle. Ich kann kein Vertrauen erwarten, wenn ich mir selbst nicht vertraue. Ich kann keinen Halt finden, wenn ich mich selbst nicht halten kann.

Alles was wir uns vom anderen wünschen, dürfen wir zuerst in uns selbst suchen, finden und entwickeln.
Wir tun das, indem wir die Bereitschaft haben, uns selbst wahrhaftig anschauen.
Indem wir uns den Mangel, den wir spüren bewusst machen, finden wir heraus, woran wir arbeiten dürfen, was wir entwickeln, üben und praktizieren dürfen, damit es uns selbst besser geht. Wir handeln im Gedanken uns selbst glücklich zu machen, so wie es der Meister in der kleinen Geschichte dem Schüler empfiehlt.

Und dann werden wir nur noch dem begegnen was gut für uns ist?

Nein. Es ist nicht so, dass ein Mensch, der sich selbst wertschätzt und sich selbst glücklich machen kann, keine unguten Erfahrungen mehr macht. Es heißt auch nicht, dass ihm nichts Ungutes mehr widerfährt.

Selbstliebe und Wertschätzung für uns selbst ist kein Schutzschild gegen das Negative in der Welt.
Wo Licht ist ist auch Schatten, in jedem Leben. Ein Mensch der Licht ausstrahlt ist nicht unverwundbar. Er wird auch dem Dunkel begegnen, eben weil dem Dunkel dieses Licht fehlt.
Es dockt an um Energie zu zapfen, um seinen inneren Mangel zu füllen. Wenn wir uns ins Licht bewegen, gerade wenn wir am Anfang des Weges sind, kann es sein, dass auch gehäuft Schatten in unser Leben treten. Menschen zum Beispiel, die sich selbst nicht geben können, was sie brauchen und es sich von uns holen wollen. Sie sind überall und es gibt viele von ihnen. Es gibt mehr von ihnen, als jene, die ins Licht gehen.

Was fangen wir damit an?
Wir können dem Dunkel mit Mitgefühl begegnen.
Eine Weile, eine ganze Weile sogar. Aber wenn wir spüren, dass ein Mensch nicht bereit ist sein Herz zu wandeln, wenn er uns sogar schadet, dann lassen wir los.
Wir lassen uns nicht verwirren.
Wir lassen uns nicht auf seine Ebene runterziehen.
Wir erkennnen an, dass dieser Mensch seinen eigenen Weg gehen muss und trennen uns von ihm.
Wir erwarten nichts von ihm.
Wir schützen uns vor seiner dunklen Energie.
Wir wünschen ihm Gutes. 
Wir kehren zu uns selbst zurück.
Wir praktizieren Selbstmitgefühl. 
Wir machen jeden Tag einen Menschen glücklich, vor allem, wenn dieser Mensch wir selbst sind. 








Donnerstag, 7. Mai 2020

Verdrängung

Foto: www


Biergärten in Bayern öffnen, Schulen und Kitas öffnen, alle Geschäfte öffnen. Wir dürfen wieder raus, uns mit Freunden treffen, auf die Arbeit, Schluss mit Homeoffice. Wir haben ja jetzt Masken, die nicht viel bringen, aber uns ein gutes Gefühl vorgaukeln. Das Ende des Lockdowns und viele sind erleichtert. Aber die Angst bleibt. Denn das Ende des Lockdowns bedeutet eben nicht das Ende der Pandemie. Gefühlt scheinen das so manche allerdings zu glauben. Sie werden unvorsichtig.

Der Mensch neigt zum Verdrängen.
Für mich fühlt es sich so an, als schließe man jetzt die Augen und durch. Aber wo durch? Und zu welchem Preis? Ja, die Wirtschaft geht zugrunde. Verständlich, da muss man was machen. Wo landen wir denn, wenn wir uns weiter einsperren?

Was verlieren wir? Unsere Existenzgrundlage. Und unsere Freiheit. Besonders die. Unsere Grundrechte, auch in Gefahr. Von der Psyche ganz zu schweigen.
So geht das nicht, also aufmachen, je mehr desto besser, angesichts so großer Verluste.
Aufmachen und durch, entgegen der Warnungen der Virologen. Die haben sich ja schon öfter gerirrt, die sind sich ja auch nicht sicher. Das wird schon.
Also Tag für Tag durch: Durch eine tägliche Bedrohung.

Wer nachdenkt hat längst begiffen: Mit dem Ende des Lockdowns dürfen wir nicht zurück in die Welt vor der Pandemie.
Diese Welt war unheilsam. Schon lange vorher.
Das Virus hat es uns gezeigt. Erschrocken haben wir es plötzlich klar gesehen. Und uns geduckt, in unseren Häusern und Wohnungen versteckt, auf dass uns das Virus keinen Schaden zufügen möge. Die Angriffsfläche verkleinert. Vorsicht walten lassen.
Zeit zum Nachdenken, Zeit zum Überdenken, was dringend einer Veränderung bedarf - kollektiv und individuell.

Haben wir nachgedacht? Haben, die, die an den Hebeln sitzen, nachgedacht? Ich meine wirklich tief nachgedacht?
Sie waren und sind uneins. Sie haben gestritten. Die Menschen haben gestritten, es kam zu Spaltung, zu Kampf, zu Aggression und Wut und Ideen darüber, dass das mit dem Virus gar nicht so ist, dass das eine große Lüge ist, eine gemachte Inszenierung. Abwehr nach dem Motto: Was nicht sein darf, kann nicht sein! So ein tödliches Virus in unserer Welt, nein, das darf nicht sein und darum glauben wir das nicht und denken uns was aus, warum es nicht sein darf.

Wurde nachgedacht? Mit klarem Verstand, ruhigem Geist, offenem Herzen und Empathie?
Ein klares Nein.

Panik wurde verbreitet. Angst geschürt. Unsicherheit gestreut, Irrsinn verbreitet.
Türen zu. Und jetzt Türen auf. Willkommen Covid 19 !
Wir fühlen uns dir gewachsen. Wir zeigen es dir, wir machen weit auf. Du kannst uns mal.
Wir haben zwar Angst, aber wir verdrängen die jetzt, so wie wir alles, was uns nicht in den Kram passt, verdrängen. Darin sind wir Meister. Schau es dir doch an Covid 19, schau dir doch unsere Welt an und was wir mit der alles machen. Die Klimakatastrophe, die ist noch viel gewaltiger, noch viel zerstörerischer als du blödes Virus, die verdrängen wir ja auch schon eine gefühlte Ewigkeit und das was noch alles im Argen liegt gleich mit.
Wir sind Meister im Verdrängen.
Wir verdrängen weiter. Nein, wir kapieren es nicht.
Was?
Es muss eine Transformation hin zu einer anderen, besseren Welt stattfinden.

Das war die perfekte Welle um aufzuwachen. Okay, die zweite wird kommen. 

Dienstag, 5. Mai 2020

Wenn gerade der Sinn fehlt


Foto. Angelika Wende


"Vielleicht hat es so begonnen. Du denkst du ruhst dich einfach aus, weil man dann besser handeln kann, wenn es soweit ist, aber ohne jeden Grund, und schon findest du dich machtlos, überhaupt je wieder etwas tun zu können", schreibt Samuel Beckett in der Namenlose.

Für manche von uns fühlt sich die Zeit gerade an als würde sie still stehen. Ein Tag ist wie der andere, keine Höhepunkte, keine Herausforderungen, das Leben gleitet so vor sich hin.
Die gewohnte Betriebsamkeit fehlt. Freunde fehlen, Ausgehen fehlt. Es fehlt vieles, was vertraut war und unser Leben erfüllt hat. Äußere Anforderungen und Ablenkungen sind auf ein Mindestmaß reduziert. Wir warten vielleicht, dass wir wieder arbeiten können, wir warten, dass sich die Krise auflöst und das Virus verschwindet oder etwas gefunden wird, damit man Kranke heilen kann. Wir warten auf die zweite Welle von der sie sprechen.

Plötzlich ist da viel Zeit. Zeit, aber der Sinn mit dem man sie füllen könnte, fehlt. 
Wenn wir meinen, dass unser Leben gerade keinen Sinn ergibt, weil vieles was vorher sinnvoll war aufgrund der Krise verloren ging, ist das nicht nur emotional stark belastend, es schwächt unsere Motivation und kann in eine Lähmung oder gar in eine Depression führen. Das kann bei manchen Menschen so weit gegen wie es Beckett beschreibt: Sie fühlen sich machtlos, überhaupt je etwas tun zu können.

Machtlos fühlen wir uns dann, wenn wir das Gefühl haben, die Kontrolle über unser Leben verloren zu haben. Gelähmt sind wir ,wenn wir glauben, dass unser Sein und Tun keine Bedeutung für irgendjemanden hat. Um aus diesen emotional nach unten drückenden Gefühlen herauszukommen, können wir uns darauf besinnen, dass bestimmte Dinge sinnvoll sind und zwar für uns selbst, egal ob wir das im Augenblick spüren können oder nicht.

Auch wenn wir da draußen gerade nicht "gebraucht" werden, weil wir nicht systemrelevant sind, bedeutet das nicht, dass wir uns nicht selbst brauchen, solange bis wir wieder gebraucht werden.
Es geht um Selbstfürsorge. Für uns selbst zu sorgen, gibt uns das Gefühl der Selbstbestimmung und Selbstermächtigung zurück, das wir im Moment nicht spüren können. Vor allem aber wertschätzen wir uns damit selbst, wenn es gerade niemand anderer tut. 

Für uns selbst gut zu sorgen ist hilfreich um aus der gefühlten Sinnlosigkeit herauszufinden.
Sinnvoll sind ganz einfache Tätigkeiten wie zum Beispiel:
Die Wohnung sauber und aufgeräumt halten
Sich um die Wäsche kümmern
Sich pflegen
Einkaufen gehen und etwas Gutes kochen
Täglich einen kleinen Spaziergang machen
Mit einem vertrauten Menschen reden
Sich jeden Tag eine Aktivität vornehmen, die Freude macht.

Auch gelebte Kreativität gibt Sinn. Kreativität heißt Schaffenskraft. Die Kraft des Erschaffens schenkt uns Momente der Erfüllung und Befriedigung für die wir selbst sorgen.
Kreativität entfaltet sich vor allem dann, wenn man loslässt und aufhört, zu denken: Was bringt mir das? Wozu, wenn es niemand sieht, was ich male, schreibe, komponiere, musiziere, gestalte? Wer immer Resonanz oder Bewunderung erwartet blockiert seine Kreativität. Werde kreativ für dich selbst. Wähle dabei keine kreative Tätigkeit, die gut klingt oder die Aufmerksamkeit anderer braucht, sondern eine, die dir Freude macht.  

Gelebte Kreativität ist etwas, was unserem Leben Sinn gibt und unsere Identität definiert.
Alles was wir an Kreativität in unser Leben integrieren macht es, auch wenn es mal nicht so gut läuft, (SINN) voller. Und wenn es richtig gut läuft kommen wir sogar in den Flow und vergessen für Momente oder Stunden unsere Sorgen und Ängste. 

Der Kopf wird frei für Impulse und Ideen, was wir in unserem Leben neu gestalten können. Und dann sorgen wir dafür, dass es Gestalt annimmt.
 



Montag, 4. Mai 2020

Ein Liebender



Foto: Angelika Wende

Mitgefühl und liebende Güte sind Qualitäten, die in einer Welt der Selbstoptimierung keinen große Attraktivität zu besitzen scheinen. Bei aller Selbstfürsorge, bei allem Selbstmitgefühl, bei aller Selbstliebe, bei allem Selbstschutz, aller Selbstverwirklichung, fallen Mitgefühl und liebende Güte hinten runter.

"Ich bin der wichtigste Mensch in meinem Leben."
Das lernen Menschen unter anderem in der Therapie. Das ist gut. 

"Make safe number one first!"
Nur wenn ich mich selbst wichtig nehme, sorge ich gut für mich selbst und das ist auch die Vorraussetzung dafür, dass ich meinen Nächsten wichtig nehme und gut für ihn sorge.

Du bist der wichtigste Mensch in deinem Leben.
Das steht auch auf meiner Website und das zu erkennen, zu verinnerlichen und danach zu leben, ist ein Teil dessen, was ich meinen KlientInnen vermittle.

Mich selbst an erste Stelle setzen, mich selbst lieben, heißt aber nicht, dass ich zum Egoisten werde, es heißt nicht, dass ich das Maß aller Dinge bin und für alles in meinem Leben selbst verantwortlich oder gar, dass ich der alleinige Schöpfer meines Universums bin und alles alleine schaffen muss.
Ja, es geht um Eigenverantwortung, aber nicht in dem Sinne, dass ich alles, was mir begegnet selbst auch kreiere. Wer das glaubt, hat das Leben nicht verstanden und lebt in einer Blase, die dann platzt, wenn ihn ein Schicksalsschlag trifft, so wie wir es jetzt gerade alle miteinander erleben.
Was gerade geschieht hat niemand selbst gemacht. Nur mal so als Beispiel. Übrigens, ich bin auch nicht eigenverantwortlich, wenn mir ein Dachziegel auf den Kopf fällt.

Das mir der Eigenverantwortung kann ganz schnell falsch verstanden werden. 
Eigenverantwortung bedeutet im Grunde nur eins: Ich habe die Bereitschaft für das eigene Handeln und Unterlassen die Verantwortung zu übernehmen. Und dazu gehört auch wie ich anderen begegne und mit ihnen umgehe.

Das mit der Selbstliebe kann auch falsch verstanden werden.
Selbstliebe führt, wenn sie wirklich gefühlt wird, immer zu liebevoller Güte. Selbstmitgefühl führt, wenn es wirklich gefühlt wird, immer zu Mitgefühl anderen gegenüber. Wer für sich selbst Liebe empfindet ist mit der Liebe verbunden - er ist ein Liebender - sich selbst, anderen und dem Leben gegenüber. Und er strahlt es aus. Er strahlt das aus, was man liebevolle Güte nennt und er lebt danach. Daran kann ich immer ziemlich genau erkennen wie wahrhaftig es ist, wenn mir einer sagt: Ich liebe mich selbst.

Samstag, 2. Mai 2020

Mein eigenes Märchen




Als ich noch Märchen gelesen habe, dachte ich solche Dinge könnten niemals passieren, und hier bin ich nun und lebe mein eigenes. Dieser Satz ist aus "Alice im Wunderland" von Lewis Carroll.

Ich habe als Kind gerne Märchen gelesen und ich später habe ich sie meinem Sohn vorgelesen. Mein Lieblingsmärchen war "Hänsel und Gretel". Vielleicht weil es zu vielem passte, was meine Kindheit ausgemacht hat. Mein kleiner Burder und ich. Ich, die auf meinen kleinen Bruder aufpasste, die ihn versorgte, tröstete und ihn beschützte. Einmal habe ich ihm das Leben retten dürfen. Als er sich auf einem Aussichtsturm voller Übermut über die Brüstung schwang, konnte ich ihn an den Trägern seiner Lederhose zurückhalten. Er plumpste auf den Boden und lächelte mich an. In meinem Märchen waren wir Hänsel und Gretel. Wir hielten uns an den Händen und gingen gemeinsam durch unsere Kindheit. Wir hielten zusammen und am Ende hat uns die böse Hexe nicht gefressen.

Manchmal frage ich meine Klienten, was denn ihr Lieblingsmärchen ist. Das erzählt mir viel über ihre Kindheit, ihre Erfahrungen und ihr Wesen. Märchen sind wunderbare Projektionsflächen für unsere Sicht von uns selbst und der Welt, für unsere Identifikationen, unsere Träume und Wünsche. Noch aufschlussreicher ist es, wenn ich frage: Wer sind sie selbst in ihrem Märchen?
Die Heldin, der Held, der Zauberer, die gute, die schlechte Fee? Die böse Stiefmutter, Aschenbrödel, Schneewittchen, Gold-oder Pechmarie?

Wer wir sind und wer wir sein wollen ist nicht immer deckungsgleich. Wir wollen oft etwas sein, was wir nicht sind. Helden vielleicht und in uns sitzt ein kleiner Angsthase, der gar nicht heldenhaft durchs Leben hoppelt, sondern sich klein fühlt und hilflos und schnell weghoppelt, wenn es gefährlich wird. Oder wir möchten die gute Fee sein und innen wohnt die Hexe, die herausspringt und achtlos Dinge und Beziehungen zerstört. Oder wir möchten der allmächtige Zauberer sein, der weise ist und immer klaren Geistes und in sich ruhend, und drinnen wohnt ein unfreiwilliger Held, der auszieht um das Fürchten zu lernen.

Das eine schließt das andere aber nicht aus. In jeder Märchenfigur, in jedem von uns gibt es mindestens zwei Seiten und noch viele andere mehr. All diese Seiten führen ein Eigenleben. Nicht immer so wie wir es bräuchten, damit sie hilfreich für uns sind. Und immer wieder kämpfen sie auch miteinander, gegeneinander, gegen andere oder gegen widrige Lebensumstände. Es ist ein ständiger Kampf.
Es ist okay. Keine Figur, kein innerer Anteil ist nur gut oder nur schlecht. Wir können ihn ablehnen oder akzeptieren und in Mitgefühl für uns selbst wandeln. Wir sind vollkommen in unserer Ganzheit, auch in dem, was wir nicht sein wollen. Dann endet der Kampf.
Das Leben ist kein Märchen.
Aber wie im Märchen passieren uns Dinge, von denen wir glaubten, sie könnten uns niemals passieren. Gute und ungute.
Und dann? Dann leben wir sie. Als Held, als Zauberer, als Fee, als Aschenbrödel, als Hexe, als was auch immer da in uns lebendig wird.

Freitag, 1. Mai 2020

Tanzen


 
Foto: Alexander Szugger

Im vergangenen Jahr habe ich am Vorabend getanzt. Ich habe mit meinem Liebsten getanzt, ausgelassen und glücklich. In diesem Jahr habe ich nicht getanzt. Ich hätte tanzen können, allein in der Küche, so wie mein Liebster und ich es getan haben. Mir war nicht nach tanzen. Es ist okay. Ich muss nicht tanzen, wenn ich mich nicht danach fühle. Manchmal tanze ich, manchmal nicht. Wenn ich traurig bin eben nicht. Ich bin traurig. Gestern war ich es und heute morgen bin ich es.

Heute ist der 1. Mai. Tag der Arbeit.
Arbeit gibt es für viele Menschen nicht mehr. Wir haben so viel Arbeitslose wie schon lange nicht mehr. Die Coronamaßnahmen fressen Arbeitsplätze, Unternehmen, ruinieren Existenzen.
Eine Klientin, die lange zu mir kam, kann nicht mehr kommen. Ihre Firma ist bankrott. Was sie anbietet ist nicht systemrelevant. Es wird nicht mehr gebraucht jetzt.
Aber auch was jetzt gebraucht ist für viele nicht mehr bezahlbar. 
Auch ich habe weniger Klienten als zuvor.
Ich habe mehr Zeit. Zeit um nachzudenken, was ich tun will, womit ich meine Existenz aufrechterhalte. Ich liebe meine Arbeit, ich will sie weiter machen. Ich habe Zuversicht, ich bin kreativ. Mir wird etwas einfallen.
Nein, nach Tanzen ist mir nicht.

"Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren", sagte Pina Bausch einmal.
Sind wir das? Verloren, wenn wir nicht tanzen?
Wit tanzen doch.
Wir tanzen den ganzen Tag. Irgendwie ist alles ein Tanz.
Wir tanzen um uns selbst herum, machen Drehungen und Wendungen mit Ziel, ohne Ziel. Wir tanzen in Beziehungen, auf einander zu, umeinander herum, auseinander. Liebe ist ein Tanz. Ein Tango - it takes two for Tango. In allen Beziehungen, nicht nur in der Liebe.
Meine Liebster fehlt.

"They dance alone", ist ein Lied von Sting.
Es handelt von denen, die ihre Toten betrauern. In dem Lied tanzen sie alleine. Im Herzen die Trauer um ihre Toten.
Es gibt viel Trauer zur Zeit.
Es gibt viele Tote zur Zeit. In der ganzen Welt gibt es eine Übersterblichkeit, sagt man. Wir sehen es an den Zahlen.
Wir schauen viel auf Zahlen in den letzten Monaten. Zahlen bestimmen unseren Alltag, unser Leben, unsere Gefühle. Sie machen Angst, wenn sie steigen. Hoffnung, wenn sie sinken.
Ein Affentanz. Ein Affengeschnatter in den Medien, in den Köpfen.
Nein, mir ist nicht nach Tanzen.