Sonntag, 10. Mai 2026

Reaktivierte Bindungsverletzung nach Kontakt mit dem Ex-Partner - Altes Verhalten ist oft ein verlässlicher Hinweis auf zukünftiges Verhalten

 

                                                                        Malerei: A.Wende

Meine Klientin erzählt, sie habe sich nach langer Zeit bei ihrem Ex-Partner, der sie in der Vergangenheit wiederholt belogen und betrogen hatte, gemeldet. Im Verlauf eines vierstündigen Telefonats zeigt er sich sehr emotional. Er beteuert, wie leid ihm sein damaliges Verhalten tut, spricht von Schuld- und Schamgefühlen und sagt, er sei froh, dass sie sich wieder gemeldet hat und dass er sie noch immer liebt. Die Klientin erlebt das Gespräch als sehr intensiv und berührend. Sie glaubt ihm die Reue, verzeiht ihm und lässt sich emotional wieder auf ihn ein. Am Ende des Gesprächs fragt er, ob er sie am nächsten Tag wieder anrufen dürfe. Sie stimmt zu. Der angekündigte Anruf kommt jedoch nicht. Meine Klientin ist am Boden zerstört.
Ich frage warum sie ihn überhaupt wieder angerufen hat. Sie sagt, sie weiß es nicht genau. Es sei ein Impuls gewesen.
Ihr „Ich weiß es nicht“ ist kein Zeichen dafür, dass es keinen Grund gab, sondern dafür, dass ihr die zugrunde liegenden Motive nicht vollständig bewusst sind. Gerade in Beziehungen mit starker emotionaler Verletzung, Betrug und ambivalenter Bindung handeln Menschen häufig nicht rational, sondern aus einem tieferen inneren Bedürfnis heraus.
Sie denkt nach und sagt, möglicherweise war der Anruf der Versuch, etwas innerlich Unabgeschlossenes zu lösen. 
 
Nach schmerzhaften Beziehungen bleibt oft eine innere Spannung zurück
Fragen nach Wahrheit, der Wunsch nach Wiedergutmachung oder danach, ob der andere den eigenen Schmerz jemals wirklich verstanden hat. Viele Menschen sehnen sich nicht nach dem verlorenen Partner, sondern nach einer Wiedergutmachung der Verletzung. Der Wunsch war bei ihr nicht: „Ich will ihn zurück“, sondern: „Ich möchte, dass alles einen anderen Ausgang bekommt.“
 
Frühere Bindungen bleiben im Nervensystem gespeichert.
Selbst wenn wir rational wissen, dass ein Mensch nicht gut für uns ist, kann emotional weiterhin Sehnsucht, Hoffnung oder Bindungsaktivierung bestehen. Gerade ungesunde Beziehungen in denen Nähe und Verletzung eng miteinander verknüpft waren erzeugen häufig eine besonders starke innere Anziehung. Kontakt wird dann als Möglichkeit zur Beruhigung oder Heilung empfunden. Leider geschieht dann genau wieder das, was schon zuvor ungesund war – auf Nähe folgt Distanz, auf Hoffnung folgt Enttäuschung.
Meine Klientin reagiert auf das Ausbleiben seines versprochenen Anrufs tief verstört und traurig. Sie erlebt das Verhalten als erneute Lüge und als Wiederholung seines Musters aus Betrug, Täuschung und Unverbindlichkeit. Besonders belastend ist für sie die Diskrepanz zwischen der emotionalen Intensität des Gesprächs und seinem anschließenden Rückzug. Sie sagt:“Wie blöd bin ich? Ich hätte es wissen müssen. Er ist ein Lügner und Betrüger.“
Die erneute Verletzung liegt nicht allein im ausgebliebenen Anruf, sondern vor allem darin, dass meine Klientin sich innerlich wieder geöffnet hat. Durch die Reuebekundungen, die emotionale Nähe und die Bitte um weiteren Kontakt wurden bei ihr starke Bindungssignale aktiviert. Sie dachte, dass möglicherweise etwas Wesentliches wiederhergestellt werden könnte: Aufrichtigkeit, Wiedergutmachung oder sogar eine nachträgliche Heilung der alten Verletzung. Das anschließende Schweigen des Ex-Partners führt nicht nur zu einer weiteren Enttäuschung, sondern zu einer tiefen emotionalen Destabilisierung.
 
Aus Sicht meiner Klientin handelt es sich klar um eine erneute Lüge. 
Er kündigt einen Anruf an und hält sein Versprechen nicht. Vor dem Hintergrund der Vorgeschichte erlebt sie das Verhalten nicht als kleine Unzuverlässigkeit, sondern als Lüge, als Ausdruck fehlender Integrität und emotionaler Unverbindlichkeit. Der Mann stellt intensive Nähe her, erzeugt Hoffnung und zieht sich anschließend wieder zurück. Wieder fühlt sich meine Klientin getäuscht und emotional im Stich gelassen. 
 Ich sage ihr, dass Menschen in emotional intensiven Momenten durchaus Dinge sagen können, die sie in diesem Augenblick so empfinden, ohne anschließend fähig zu sein, diese Gefühle in verlässliches Verhalten zu übersetzen. 
 
Reue bedeutet nicht automatisch Beziehungsfähigkeit und Schuldgefühle garantieren keine emotionale Stabilität. 
 
Gerade Menschen mit vermeidendem oder unreifem Bindungsverhalten ziehen sich nach intensiver Nähe häufig wieder zurück, sobald die emotionale Realität des Kontakts spürbar wird. Hinzu kommt, dass sich grundlegende Verhaltensmuster bei Menschen in der Regel nur selten ändern. Altes Verhalten ist oft ein verlässlicher Hinweis auf zukünftiges Verhalten. Gerade wenn sich über längere Zeit hinweg Muster wie Unverbindlichkeit, Brüche von Zusagen und emotionale Inkonsistenz gezeigt haben, ist es wahrscheinlich, dass diese Dynamik auch im neuen Kontakt wieder auftritt.
 
Für meine Klientin macht diese Differenzierung emotional jedoch keinen Unterschied - das Ergebnis bleibt dasselbe: Sie wurde wieder belogen und erneut emotional allein gelassen.
Die Frage ist hier jedoch weniger, ob der Mann bewusst gelogen hat, sondern warum sie sich selbst beschuldigt. Der Satz „Ich hätte es doch wissen müssen. Ich bin blöd“, zeigt den Versuch meiner Klientin, im Nachhinein Kontrolle über die Situation herzustellen. Dahinter steht die Vorstellung, sie hätte sich schützen können, wenn sie nur realistischer oder misstrauischer gewesen wäre. Ich versuche ihr zu vermitteln, dass ihr Vertrauen nicht Ausdruck ihrer Naivität war, sondern aus ihrer Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit, Wiedergutmachung und emotionaler Heilung entstanden ist. Für meine Klientin ist es jetzt wichtig, den Fokus von seinem Verhalten zurück auf die eigene innere Erfahrung zu lenken. Was genau wurde durch diesen Kontakt in ihr wieder lebendig? 
Welche Sehnsucht stand hinter ihrer Hoffnung? 
Und woran würde sie heute emotionale Verlässlichkeit erkennen?
 
Hilfreich ist es außerdem zu begreifen, dass starke emotionale Intensität nicht automatisch mit Verlässlichkeit oder Beziehungstiefe gleichzusetzen ist. 
Meine Klientin hat die Tendenz, Worte und emotionale Momente stärker zu gewichten als konsistentes Verhalten. Für sie ist es wichtig sich künftig sich, was Beziehungen angeht, an Kontinuität, Integrität und Handlungskonsistenz zu orientieren. Nicht was jemand sagt, sondern wie ein Mensch handelt ist entscheidend dafür, ob man ihm vertrauen kann.
Meine Klientin sagt, sie habe nun endgültig begriffen, dass der Kontakt mit diesem Mann ihr „nicht gut tut“ , weil sie wie schon damals in der Beziehung, emotional destabilisiert zurückbleibt. 
 
Wir besprechen einen konsequenten Kontaktabbruch als mögliche Selbstschutzmaßnahme. Nicht als Strafe für den Ex, sondern als emotionale Selbstfürsorge. Ziel ist es, meine Klientin aus der Dynamik von Hoffnung, Enttäuschung und erneuter Bindungsaktivierung herauszuführen. Gerade inkonsistente Beziehungen aktivieren das Nervensystem besonders stark, weil Nähe und Verlust sich ständig abwechseln. Der Kontaktabbruch ist eine Möglichkeit, wieder Zugang zu ihrer Würde und ihrer emotionalen Stabilität zu finden.
Aber warum verhält er sich so?, fragt sie mich in Tränen aufgelöst. Hier ist es wichtig weg von der Frage „Warum verhält er sich so?“ hin zu diesen Fragen zu kommen:
Warum hat sie ihn angerufen?
War es die Sehnsucht nach Wiedergutmachung?
Der Wunsch, doch noch wichtig zu sein?
Hoffnung auf Reue?
Das Bedürfnis, die eigene Geschichte umzuschreiben?
Oder die Suche nach emotionaler Verbindung.
Und: Was brauche ich, um mich emotional sicher und respektiert zu fühlen?
 
Das Entscheidende ist, dass sie versteht, welche tiefe alte Wunde durch die erneute Unzuverlässlichkeit wieder aufgerissen wurde. Genau hier liegt der therapeutisch relevante Kern an dem wir arbeiten dürfen. Heilung beginnt dabei an dem Punkt, an meine Klientin aufhört, auf die nächste Erklärung oder Wiedergutmachung des Ex-Partners zu warten, und stattdessen ihre eigene Verletzung und ihr Bedürfnis nach Schutz ernst nimmt.

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