Samstag, 18. April 2026

Beschädigt


                                                                     Malerei: A.Wende

 

„Ich traue keinem Mann mehr, aber das Schlimmste ist, ich traue mir selbst nicht mehr“, sagt meine Klientin. Der Satz klingt hart, endgültig, fast wie ein Urteil. Und dann kommt noch dieses Wort: „beschädigt“. Als wäre da etwas in ihr, das nicht mehr ganz ist. Und es ist ehrlich, das zu sagen. Ja, da ist etwas beschädigt worden. Nicht im Sinne von „ich bin kaputt“. Aber etwas, das einmal selbstverständlich war, ist beschädigt: Das Vertrauen in andere und in sich selbst.

Vertrauen ist die Basis für alle zwischenmenschlichen Beziehungen. Selbstvertrauen ist Basis für eine gesunde Beziehung mit uns selbst. Vertrauen bedeutet wir können sicher sein, dass wir uns auf uns selbst und andere verlassen können. Vertrauen ist fragil und kann leicht zerstört werden. Wird es zerstört, hinterlässt das eine tiefe Wunde, die nur schwer heilt.

Nach toxischen Beziehungen bleibt mehr zurück als nur schmerzhafte Erinnerungen.  

Es bleibt die Frage: Warum habe ich das nicht früher gesehen? Warum bin ich so lange geblieben? Warum habe ich all das zugelassen? Warum habe ich das mit mir machen lassen?
Das Misstrauen, das nach unheilsamen Beziehungen entsteht, richtet sich nicht nur gegen den anderen, sondern auch gegen uns selbst. Das Vertrauen in den anderen ist erschüttert, weil Grenzen überschritten wurden, weil es Manipulation, Unberechenbarkeit, Lug, Betrug und Verletzungen gab, weil Nähe sich unsicher angefühlt hat. Das Vertrauen in uns selbst ist beschädigt, weil wir an unserer eigenen Wahrnehmung zweifeln, an unserer Intuition, an unserem Gefühl dafür, was uns gut tut und was nicht. In diesem Sinne: Ja, etwas ist beschädigt. Aber nicht, weil etwas grundsätzlich falsch an uns ist, sondern weil etwas in uns verletzt wurde. Und diese Verletzung ist es, die meine Klientin nicht einfach übergeht. Sie tut nicht so, als wäre nichts passiert. Und das ist gut so.

Beschädigtes Vertrauen kommt nicht einfach zurück, nur weil wir es uns wünschen. Aber es kann sich langsam neu aufbauen, anders als vorher.   

Wir werden wachsamer, klarer, stärker. Wir beobachten genauer bevor wir handeln und uns auf etwas einlassen, was sich von Anfang an nicht sicher anfühlt. Wir haben feinere Antennen als zuvor. Wir sind vorsichtig, zweifelnd, tastend. Und das ist gut so. Dieses Gefühl von beschädigt sein ist eine Erinnerung daran, was ungut war - Enttäuschung, Vertrauen, das gebrochen wurde, Hoffnungen, die sich nicht erfüllt haben. Das sind schmerzhafte Erfahrungen, die wir nicht einfach abschütteln können. Sie bleiben und sie verändern uns.

Misstrauen entsteht nicht aus dem Nichts.
Es ist die normale Folge von beschädigtem Vertrauen. Und es ist gewachsen in Momenten, in denen es, nach dem Vertrauensverlust, sicherer war, uns zurückzuziehen als uns noch einmal zu öffnen.
Die Zeit hat den Schmerz in eine Lektion verwandelt.
Kein blindes Vertrauen, kein naives Hoffen mehr, kein Ignorieren oder Schönreden mehr, kein Idealisieren mehr, kein Rationalisieren mehr, wenn sich Nähe nicht sicher anfühlt, wenn Wort und Handlungen nicht übereinstimmen, wenn Wertschätzung fehlt. Keine faulen Kompromisse mehr, nur um nicht allein zu sein, sondern ein klares Bewusstsein darüber, was wir in einer Beziehung wirklich wollen und brauchen, wo unsere Standards, unsere Werte und Grenzen sind und wie wir sie schützen.

Misstrauen erinnert uns daran, was wir überlebt haben. Misstrauen macht vorsichtig. Und Vorsicht ist nicht dasselbe wie Beschädigung.   

Vorsicht bedeutet nicht, dass Nähe und Beziehung für immer unmöglich geworden sind. Vorsicht bedeutet, dass wir uns nicht unüberlegt oder überstürzt auf eine neue Beziehung einlassen.
Wir nehmen uns Zeit den anderen kennenzulernen. Wir prüfen unsere Gefühle, ob wir emotional bereit für etwas Neues sind. Wir achten auf mögliche Warnsignale und respektieren unsere Grenzen anstatt uns schnell anzupassen. Das bedeutet nicht, dass wir eine grundsätzliche Angst vor Beziehungen haben, sondern dass wir gelernt haben: nämlich Achtsamkeit, Selbstfürsorge und Vorsicht, um uns vor Verletzungen zu schützen.
Natürlich können wir dennoch verletzt werden.
All das ist keine Garantie dafür, dass nichts schiefgeht. Gefühle und andere Menschen lassen sich nicht kontrollieren. Sobald wir uns auf jemanden einlassen, machen wir uns immer verletzlich.
Nur – mit Vorsicht stürzen wir uns nicht blind hinein, wir achten auf uns selbst und erkennen schneller, wenn uns etwas nicht guttut, und können entsprechend reagieren. Das kann Verletzungen nicht verhindern, aber es kann sie abmildern und dafür sorgen, dass wir uns nicht verlieren.
Nähe zulassen ist immer ein Risiko. Eine Beziehung einzugehen heißt eben auch, Vertrauen zu schenken, obwohl wir wissen, dass es keine absolute Sicherheit gibt, dass es nicht wieder missbraucht wird.

„Beschädigt“ klingt nach etwas, das nicht mehr heil werden kann. Aber wir Menschen sind keine Dinge. Was sich in uns verändert hat, ist nicht kaputt, es hat sich unseren Erfahrungen angepasst. Wir haben daraus gelernt, unter anderem, dass wir uns, um einer Beziehung willen, nicht mehr selbst verraten, dass Liebe uns nicht unsere Identität kosten darf, dass wir für Nähe keinen Preis mehr zahlen, der uns unseren Seelenfrieden kostet.
Im Moment ist es einfach so: Meine Klientin schützt sich. Solange bis sie sich selbst wieder voll und ganz vertraut.
Und das ist okay. 

Angelika Wende

Kontakt: aw@wende-praxis.de

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