Freitag, 13. Februar 2026

Aus der Praxis: Scham entsteht durch den Blick des anderen

 

Art Work: A.Wende


Was passiert eigentlich innerlich, wenn wir uns durch den Blick eines anderen beschämt fühlen? Warum hat dieser Blick so viel Macht? 

Der Psychoanalytiker Léon Wurmser nennt das in seinem Werk „Die Maske der Scham“ - die „Last der tausend unbarmherzigen Augen“. Wird der Blick des anderen als abwertend oder verachtend erlebt, fühlen wir uns plötzlich von allen getrennt. Wir haben das Gefühl, nicht mehr als Person gesehen zu werden, sondern wie ein Ding. Wir haben das Gefühl, das Gesicht zu verlieren. Wir fühlen uns so klein und verachtenswürdig, dass wir am Liebsten im Erdboden versinken würden.

Das Gefühl, verachtet zu werden, führt dazu, dass ein Mensch sich selbst abwertet. 

Er schämt sich für bestimmte Eigenschaften, Wünsche, Triebe, Bedürfnisse Gefühle oder sein Aussehen. Das macht Scham so schmerzhaft: Sie greift das eigene Selbst an und gibt uns das Gefühl, nicht richtig oder nicht gut genug zu sein. Scham gipfelt in der Urscham,  dem tiefen Gefühl des Liebesunwertes, Es ist das Gefühl, dass das ganze Selbst schlecht ist und dass man in seinem eigentlichen Kern niemals geliebt werden kann. Diese Urscham, verbunden mit dem Schmerz des Ungeliebtseins, ist schwer zu ertragen. Es liegt so viel existentieller Selbstzweifel und Selbstverneinung darin, dass das Erleben dieser Form der Urscham um jeden Preis vermieden werden muss. Es kommt zur Schamangst.

Schamangst entsteht, wenn wir uns bloßgestellt fühlen. Wir haben Angst, von anderen abgelehnt zu werden. Diese Angst kann sich sehr quälend anfühlen. Scham kann wie ein Bruch in der Beziehung wirken – man fühlt sich von anderen und sogar von sich selbst entfremdet und isoliert.

Es ist nachvollziehbar, dass wir versuchen, dieses Gefühl abzuwehren. 

Ein Weg ist die Verneinung: Man tut so, als wäre nichts passiert. Verneinung ist einer der charakteristischen Abwehrmechanismen gegen Scham. Ein anderer Weg ist der Ich-Abwehrmechanismus der Verdrängung. Verdrängung, das Nicht-wahr-haben-Wollen
Wir wollen es nicht wahrhaben und denken nicht weiter darüber nach. Das kann jedoch problematisch sein, weil wir uns dann nicht mit dem Erlebten auseinandersetzen und innerlich nichts verarbeitet und gelöst werden kann.
Beide Abwehrmechanismen, Verneinung und Verleugnung spalten den Schamaffekt und das Gefühl des Selbst-Defekts ab, das entstehen könnte. Manche Menschen versuchen Scham und Scham-Angst durch Perfektionismus zu überwinden. Sie versuchen, alles fehlerfrei zu machen, sie wollen perfekt sein, um keine Scham zu fühlen. Für sie gibt es scheinbar nur zwei Möglichkeiten: perfekt sein oder sich schämen. Fehler werden als Beweis gesehen, dass mit ihnen etwas grundsätzlich nicht stimmt. Auch Wut wird oft benutzt, um Scham zu verbergen. Statt die eigene Scham zu spüren, wird die Wut auf andere gerichtet. So wird versucht, das unangenehme Gefühl durch Projektion loszuwerden. Die Wut auf sich selbst wegen der Scham wird, um die Scham auszumerzen, gegen andere gerichtet. Wut dient dann dazu, sich nicht schwach, verletzlich oder beschämt fühlen zu müssen. Grundsätzlich geht Scham immer mit der Infragestellung und Entwertung des Selbst einher und ist mit der Handlungstendenz - Vermeidung und Rückzug verbunden. Das schlechte Gewissen, das z.B. die Schuld erzeugt, ist in den meisten Fällen leichter zu ertragen, als die Scham, die tief in Ohnmacht und Ausweglosigkeit führt.

In der Therapie ist Scham aufgrund der vielen Masken, hinter denen sie sich verbirgt, oft schwer zu erkennen.  

Die Scham hält Betroffene davon ab, offen zu sprechen und sich offen zu zeigen, was wiederum neue Scham erzeugen würde. Aber so löst sie sich nicht. Es ist wichtig über Scham zu sprechen, auch wenn es sich unangenehm und bedrückend anfühlt. Scham hat dann Macht, wenn sie verborgen bleibt. Sobald sie ausgesprochen wird, wird sie kleiner und weniger überwältigend. Erst wenn wir uns die Erlaubnis geben unsere Scham zu benennen, können wir herausfinden und verstehen, woher dieses Gefühl kommt. Wenn Scham unausgesprochen bleibt, führt sie zu oben genannten Abwehrmechanismen. Sprechen wir darüber, kann sich das Gefühl verändern. Statt uns weiter abzuwerten, entwickeln wir im besten Falle Verständnis und Mitgefühl für uns selbst. Während Scham isoliert und trennt, kann das Sprechen darüber verbinden.

 

Angelika Wende 

Kontakt: aw@wende-praxis.de

 

 

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