Wenn alles zusammenbricht, ist das eine brutale Situation. Wenn alle Säulen, auf die wir unsere Leben gebaut haben, gleichzeitig oder kurz nacheinander einstürzen ist das wie ein Erdrutsch. Wir verlieren den Boden unter den Füßen. Das Nervensystem ist im Alarmzustand. Wir sind überflutet von Existenzangst. Wenn alles gleichzeitig kollabiert, ist unser Gehirn nicht mehr funktionsfähig. Nicht für Entscheidungen, nicht für Lösungen, nicht für das Erkennen große Zusammenhänge. Egal wie klar, wie klug, wie reflektiert, wir sonst sind. Jetzt fühlt sich alles gleich dringend an. Alles wirkt unlösbar. Jeder Gedanke daran macht es schlimmer. Wir verstricken uns in uns selbst. Und dann kommen genau die Entscheidungen, die wir später bereuen oder wir erstarren komplett.
Existenzangst ist eine der heftigsten Formen von Angst.
Es geht ums Überleben. Deshalb fühlt sie sich so absolut, so endgültig, so nach Untergang und Vernichtung an.
In dieser Situation ist der Kopf ein schlechter Berater. Nicht weil wir unfähig sind, sondern weil Existenzbedrohung das Denken auf Katastrophenlogik und Schwarz-Weiß -Szenarien verengt. Das ist kein realistischer Blick, sondern wir befinden uns im höchsten Alarmmodus.
Wenn die Existenz wegbricht, heißt das - mehrere konkrete Säulen, die uns getragen haben, zerbröseln. Beziehung, Einkommen, Job, Gesundheit, Perspektive, Sicherheit, das Gefühl von Kontrolle, Können, Eigenwert. Dass sich das existenziell zutiefst bedrohlich anfühlt, ist absolut normal. Wenn wir jetzt die Existenzbedrohung nicht genau analysieren, bleibt sie ein Monster, gegen das wir machtlos sind und im Zweifel verzagen wir.
Es gibt einen Unterschied zwischen: „Alles ist vorbei“ und „Alles ist gerade nicht tragfähig“.
Im Alarmmodus fühlt sich beides identisch an. In der Realität ist es das fast nie. Ich spreche aus Erfahrung. In meinem Leben gab es einige existenzielle Krisen, die ich bewältigen musste und immer gab es wieder etwas, das tragfähig wurde. Auch wenn es dauerte und ich jedes Mal dachte: "Alles ist vorbei. Das war´s dann."
Was ich in all den Krisen gelernt habe: Jetzt ist es überlebenswichtig Ruhe bewahren.
Leicht gesagt! Wenn alles zusammenbricht, wirkt so ein Satz wie blanker Hohn. Als würde man sagen: „Das Haus brennt ab, aber trink erst mal einen Schluck Wasser.“
Ruhe bewahren ist keine Lösung für das, was kaputtgeht. Aber es geht im ersten Schritt nicht um „lösen“, es geht um stabilisieren. Es geht ums Runterkommen, es geht darum das Nervensystem zu beruhigen um wieder einigermaßen klar denken zu können. Erst dann sind wir überhaupt fähig die Realität klar zu sehen ohne den Panikfilm, der innerlich abläuft. Dann erst sind wir überhaupt fähig Lösungen zu suchen.
Und bevor wir das tun, brauchen wir eine klare, realistische Analyse der Situation:
Was genau ist weggebrochen?
Was davon ist irreversibel, was ist „nur“ gerade eskaliert?
Wie viele Wochen geht es noch, bis es wirklich kippt? Nicht „irgendwann“, sondern eine konkrete Zahl ermitteln.
Wo verliere ich gerade am meisten Boden?
Was ist der worst case?
Wie kann ich den verhindern?
Wir befassen uns zuallererst mit dem, was sich existenziell am Zerstörerischsten anfühlt. Wir räumen nicht den ganzen Schutt weg. Nur den schwersten Brocken.
Wir suchen nach Übergangslösungen, wenn die optimale Lösung gerade nicht möglich ist.
Kein „Das wird schon“ Denken, sondern konkrete Schritte, auch wenn sie noch so klein sind, um es zu schaffen wieder ein wenig mehr Boden unter den Füßen zu erlangen. Und bloß keine Scham, wenn es darum geht uns Hilfe zu holen. Scham hält Menschen länger in der Krise als alles andere. Scham ist gerade ein „Luxus“, den wir uns nicht leisten können. Wir brauchen klares Denken und klares Handeln.
Manche Menschen oder wir selbst, sagen in solchen Situationen gern: "Du schaffst das!" Das ist ein ehrlicher Wunsch. Und leider nicht immer hilfreich. Weil „Du schaffst das!“ sich gerade nicht wahr anfühlt und unser Gehirn keine Sätze akzeptiert, die es unwahr hält.
Wir brauchen eine ruhigere, tragfähige Überzeugung. Eine, die stimmt. Nicht: Du schaffst das!, sondern: „Ich habe schon Krisen überstanden, von denen ich vorher nicht wusste, wie.“
Das ist Rückblick-Logik. Die ist wahr. Wir haben Krisen überlebt, die wir damals auch nicht im Griff hatten. Nicht ohne Angst, aber mit der Angst sind wir da durch. Und um durch zu gehen brauchen wir, wie gesagt, Ruhe.
Und wie behalten wir genug Ruhe, um nicht zu verzweifeln und kopflos zu handeln?
Ruhe ist gerade kein Zustand, sondern eine wichtige Funktion. Wir brauchen sie nicht, um uns gut zu fühlen, wir brauchen sie, damit wir keine falschen Entscheidungen treffen.
Was jetzt wirklich hilft:
Akzeptieren: Du wirst nicht ruhig sein.
Das ist wichtig.
Das Ziel ist nicht Gelassenheit, sondern:„Ich bin angespannt UND handlungsfähig.“ Sobald wir aufhören gegen die Unruhe zu kämpfen, verliert sie an Macht.
Klingt banal, ist aber so.
Denken von Tun trennen: Existenzangst macht das Denken chaotisch.
Also Angstdenken nur in festen Zeitfenstern. Nur c.a. 30 Minuten zu einer bestimmten Tageszeit.
Außerhalb davon konzentrieren wir uns aufs Handeln. Wenn Angstgedanken kommen, sagen wir: „Nicht jetzt. Später.
Das ist keine Flucht und kein Verdrängen, das ist Containment.
Entscheidungen und Schritte aufschreiben:
Die Unruhe bleibt, solange Dinge ungeklärt im Kopf rotieren.
Mach eine Liste mit drei Spalten:
Was genau ist das Problem?
Was ist der nächste mögliche realistische Schritt?
Wann mache ich ihn?
Es geht nicht um die absolute „Lösung“, es geht um den nächsten sinnvollen Schritt.
Das Gehirn wird ruhiger, sobald es einen Punkt sieht, den es setzen kann.
Nervensystem runterfahren:
Wenn unser Körper im Alarmmodus bleibt, produzieren wir schlechte Entscheidungen. Regelmäßige Atemübungen, alles, was den Vagusnerv beruhigt, dient jetzt nicht zur Entspannung, sondern dazu denk-und handlungsfähig zu bleiben.
Suboptimale Lösungen erlauben:
Ein großer Angstauslöser ist der innere Satz: „So habe ich mir mein Leben nicht vorgestellt.“ Hilfreich ist: „Okay. Das ist eine Krise. Das ist ein Übergang. Das ist nicht mein Ende. Damit sinkt der Druck. Krisen fühlen sich wie Scheitern an, in Wahrheit sind sie Übergänge und brauchen eine Strategie um zur Chance zu werden.
Sätze, die mir in akuten Angstmomenten helfen:
Ich muss nicht alles heute lösen. Ich muss heute nur nichts verschlimmern. Ich muss nicht wissen, wie es ausgeht – nur, was der nächste Schritt ist. Nur für heute.
Vielleicht steckst du gerade in einer solchen Krise. Wenn du
magst, können wir gemeinsam da durch gehen und Lösungen für dich finden, Schritt für Schritt.
Schreib mir gerne eine Mail an: aw@wende-praxis.de

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