Die Fabel vom Hirtenjungen und dem Wolf spielt in einem kleinen Dorf, in dem ein Hirtenjunge für die Schafe verantwortlich ist. Um sich die Langeweile zu vertreiben, beschließt er, die Dorfbewohner zu täuschen. Er ruft laut: "Hilfe! Hilfe! Ein Wolf frisst die Schafe!“ Die Dorfbewohner eilen herbei, nur um festzustellen, dass der Junge sie getäuscht hat. Nach einigen weiteren Malen, in denen er die Dorfbewohner in die Irre führt geschieht das Unvermeidliche: Ein echter Wolf taucht auf. Der Junge ruft erneut um Hilfe, doch diesmal glauben die Dorfbewohner ihm nicht. Sie denken, dass er wieder nur einen Scherz macht, und kommen nicht. Der Wolf frisst die Schafe und den Jungen.
Diese alte Fabel kommt mir heute morgen in den Sinn, als ich aus dem Fenster blicke und da ist nichts vom Gestern groß angekündigten Schnee- und Eisdesaster in Hessen. Ich denke an all die Falschmeldungen, die Aufreger, die Panikmache, die inszenierten Dramen, die Lügen unserer Zeit. In der digitalen Welt sind soziale Medien allgegenwärtig. Informationen verbreiten sich rasend schnell und nicht alle davon sind wahr.
Keiner von uns kann mehr mit Sicherheit unterscheiden was wahr ist und was nicht.
Politische Akteure nutzen irreführende Informationen oder Lügen, um ihre Agenda voranzutreiben. Wahlkampfstrategien, die auf Fehlinformationen basieren, führen dazu, dass die Wähler desillusioniert werden. Eine Flut von Influencern bewirbt Produkte oder stellt krude Behauptungen auf, ohne deren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Es interessiert sie nicht, ob die Informationen, die sie teilen, wahr, genau, belegt und verifiziert sind. Dabei vergessen sie, dass sie riskieren langfristig das Vertrauen ihrer Follower zu verlieren. Dies spiegelt das Schicksal des Hirtenjungen wieder, der durch sein wiederholtes Lügen schließlich das Vertrauen mitsamt seinem Leben verspielt hat.
Wenn Menschen wiederholt in die Irre geführt und belogen werden, verlieren sie das Vertrauen, so wie die Dorfbewohner, die dem Hirtenjungen schließlich nicht mehr glaubten.
Längst ist die Verantwortung vergessen, die mit der Verbreitung von Informationen einhergeht. Sie hat keinen Wert mehr, es geht allein um politische Interessen oder um Eigeninteressen, es geht um Macht, Gier und Geld, es geht um Selbstdarstellung, narzisstischen Größenwahn, Aufmerksamkeit und Follower. Das Eigeninteresse muss, egal wie, durchgesetzt werden.
Lügen haben kurze Beine und Täuschungen und Manipulation bringen nicht nur kurzfristige Vorteile, sondern verursachen langfristige Schäden an Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Ähnlich wie die Dorfbewohner, die wiederholt in Angst versetzt werden, ohne dass es einen wahren Grund gibt, entwickeln die Menschen individuell und kollektiv so auch eine Skepsis gegenüber ernsthaften Warnungen oder sogar lebenswichtigen Nachrichten. Viele sind misstrauisch, verwirrt und orientierungslos. Viele sind emotional taub, gleichgültig und stumpfen mehr und mehr ab.
So ist es jetzt. Und es ist gefährlich, so wie es jetzt ist.
„Es gibt kaum eine Menschengruppe, die so viel Einfluss auf die Weltgeschichte hat wie die Gleichgültigen", schreibt Rafik Schami.

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