Dienstag, 3. Februar 2026

Kein richtiges Leben im Falschen

 



Unruhe, Hektik, Menschen, die dicht nebeneinander stehen, aneinander vorbeigehen, ohne den Blick zu heben. Der klebt am Handy. Der alte Mann fällt, als er in den Bus steigen will. Niemand reagiert. Keiner nimmt ihn wahr. Ich bitte einen jungen Mann mir zu helfen ihn vom Boden aufzuheben. Genervt steckt er sein Smart Phone in die Jackentasche und erbarmt sich schließlich. Dem alten Mann ist nichts passiert.
 
Endlich wieder zuhause, raus aus der Masse, frage ich mich zum hundertsten Male in welcher Welt ich lebe. Ich weiß es doch längst, was wundere ich mich noch und trotzdem lässt mich das Gefühl nicht los: Ich will hier weg, ganz weit weg. Weltflucht, aber wohin? Nach Vietnam zu meinem Sohn, der es hier auch nicht mehr ausgehalten hat. Ja, vielleicht mache ich das, wenn ich es hier überhaupt nicht mehr aushalte.
Aber jetzt bin ich hier. Das ist mein Jetzt.
Jetzt muss ich meinen Geist beruhigen. Ohne ein Werkzeug um unseren Geist zu beruhigen, schlägt er mit Gedanken nur so um sich. Als Folge davon machen uns Probleme, Ängste, Unsicherheiten, Befürchtungen, Verwirrungen und Vorstellungen benommen oder sie überwältigen uns. Das ewige Affengeschnatter im Kopf lässt uns nicht zur Ruhe kommen. Aber Ruhe ist entscheidend für einen klaren Geist und ein mitfühlendes Herz. Sie ist entscheidend um im Chaos gelassen zu bleiben. Sind wir ruhelos sind wir nicht bei uns selbst, wir sind anfällig für alles, was von Außen auf uns einströmt, wir lassen uns manipulieren und verführen, wir schweifen ab aus dem, was ist, wir sehen nicht einmal was direkt vor unseren Augen geschieht. Ich denke an den alten Mann.
 
Ruhelosigkeit sucht nach immer mehr Unruhe.
Sie schwingt in der Resonanz unruhiger Energie und bäumt sich immer weiter auf. Wir werden nervös und fahrig, uns zu konzentrieren fällt uns schwer. Achtsamkeit geht vollends flöten.
Sind wir ruhelos, sind wir nicht im Jetzt.
Ruhelosigkeit verschlingt die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Ruhelosigkeit steckt fest in der Anspannung und lässt Entspannung nicht zu. Sie führt dazu, dass wir uns in ein geistiges Gefängnis einsperren.
Die Folge davon: Unser Wahrnehmung ist fixiert auf das, was wir schon immer wahrnehmen, wir spulen das immer gleiche alte Programm ab, wir leben in Wiederholungen, Gewohnheiten, Projektionen, Kompensationen und Zerstreuungen, in virtuellen Welten, die uns abzulenken von uns selbst und uns vom Nächsten trennen.
Wir verpassen dabei eine ganze Menge Leben, das anders sein könnte, als das, was uns unser Gedankengefängnis als Realität vorgaukelt. Wir verpassen dabei die kostbaren Augenblicke des Guten, Wahren und Schönen, das es auch gibt, würden wir es nur wahrnehmen können. Wir leben in Achtlosigkeit dem Jetzt gegenüber und anderen gegenüber. Wir sind getrieben vom Wollen und Haben all dessen, was jetzt nicht ist. Wir schwanken ohne festen Boden unter den Füßen und fühlen uns unsicher, orientierungslos und ängstlich. Wir verlieren die innere Freiheit und unsere Lebendigkeit erstickt. Alles fühlt sich hohl und fad an. Wir schlafen, anstatt wach das Leben in seinem ganzen Reichtum zu erfahren. Und das Gefühl im falschen Leben zu sein wächst.
"Es gibt keine richtiges Leben im Falschen", schreibt Adorno.

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