Du bekommst Falten, deine Gesichtszüge senken sich nach unten, die Ohren und die Nase werden größer, die Haut wird knittrig und erschlafft. Du wachst am Morgen auf und irgendetwas etwas schmerzt immer. Du machst die Dinge langsamer, bist langsamer, manches machst du gar nicht mehr. Deine Interessen und Wünsche ändern sich, gewisse Bedürfnisse und Begierden schwinden. Was dir einst wichtig erschien, ist es nicht mehr. Du hast keine großen Ziele mehr, willst nichts und niemanden mehr etwas beweisen. Du musst niemanden mehr beindrucken. Du hast nicht mehr das Gefühl etwas zu verpassen. Was dich früher begeistert hat, verblasst. Du glaubst nicht mehr an die Wahrheiten anderer, du hast deine eigene. Deine Illusionen sind Tatsachen gewichen. Deine Aufmerksamkeit und deine Gedanken wandern woanders hin. Schleichend verändern sich die Dinge. Gefühlt ändert sich alles.
Du bist alt.
Du fragst dich, wer ist dieses Gesicht im Spiegel, das dir irgendwie fremd vorkommt. Du magst dieses Bild nicht sonderlich. Du vergleichst es mit dem, der du warst. Du bist vielleicht traurig deinen Verfall zu sehen. Du kannst dich nur schwer damit anfreunden.
Vielleicht fragst du dich:
Wer bin ich jetzt? Wer will ich jetzt sein, wo so vieles wegfällt, worüber du dich definiert hast, was selbstverständlich war und es nicht mehr ist.
Da sind immer mehr Abschiede und Verluste mit denen du klarkommen musst. Du verlierst Menschen, weil sie vor dir gehen. Du verlierst Menschen, weil sie dich verlassen oder weil du sie verlässt. Du gehst nicht mehr an die alten Orte, weil sie nicht mehr zu dir passen. Du bist öfter allein mit dir, weil du das Laute nicht mehr magst, weil Menschenmengen dich anstrengen, oberflächliche Ablenkungen und Gespräche ohne Tiefe dich langweilen. Die Kinder besuchen dich immer seltener oder sind zu weit weg um sie zu besuchen. Du kaufst Blumen, machst es dir in deinen Räumen schön, liest mehr, schweigst mehr. Du hörst andere Musik.
Du gehst mehr und mehr nach Innen. Du suchst etwas, das sich nicht verändert, das nicht verblasst, das nicht vom Außen und von Zeit abhängt. Du fragst dich, was bleibt, wenn all das verschwindet. Du fragst dich, was von dir selbst übrigbleibt. Du suchst vielleicht ein neues "Wofür?"
Wenn du all das, ohne es zu bewerten und ohne dirigistisch einzugreifen zu wollen, beobachtest, geschieht etwas Erstaunliches: Verwirrung und Unsicherheit werden schwächer, nicht weil du dagegen ankämpfst, sondern weil du mehr und mehr Klarheit erlangst. Indem du aufhörst, das alte Bild von dir zu suchen, dich damit zu vergleichen oder es krampfhaft aufrechtzuerhalten, kannst du klar erkennen, wohin der Weg führt.
Das alte Bild von dir darf gehen. Stattdessen kommt etwas Ruhigeres, Stilleres, Stabileres, etwas, das bleibt, unabhängig von Äußerlichkeiten, Form und Zeit: Es ist deine Essenz, das, was du bist, wenn alles andere wegfällt.
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