Ich habe ein Herz für die mit den verletzten Seelen, für die mit der verbeulten Kindheit, die Ungeliebten, die mit dem Knacks, die Zerbrechlichen, die mit den Ängsten, den Depressionen, der nicht enden wollenden Trauer, für die innerlich Einsamen, für die, die anders sind, weil sie auf einer anderen Frequenz schwingen und keine Resonanz finden, in einer Welt, für die sie nicht gemacht sind.
Für die, die nachts wachliegen und tagsüber so tun, als wäre alles in Ordnung, auch wenn es ein Kraftakt ist. Ich habe ein Herz für sie, weil ich weiß, wie sich Schmerz und innere Schwere anfühlt, wie es sich anfühlt, anders zu sein. Weil ich weiß, wie laut Gedanken werden können, wenn es still ist. Wie viel Kraft es kostet zu leben, zu funktionieren. Zu sagen „ich bin okay“, obwohl gerade nichts okay ist und weiterzumachen - trotzdem. Ich weiß, wie leise Schmerz sein kann, Scham, Verzweiflung und Trauer und Angst, versteckt hinter einem Lächeln, hinter dem Satz: „Geht schon“ , und wie es ist mit all dem weiterzugehen und für andere da zu sein, auch wenn niemand für sie da ist.
Ich habe ein Herz für sie, weil sie oft so viel mehr fühlen. Weil sie stille Kämpfe austragen, Tag für Tag und es sich nicht anmerken lassen. Weil sie jeden Tag Entscheidungen treffen müssen, die für andere keine sind: aufstehen, rausgehen, weitermachen. Da ist so viel Mut in ihnen, den sie selbst nicht sehen. So viel Kraft und Stärke, die sie selbst nicht wahrnehmen.
Ich habe ein Herz für sie, weil sie so viel mehr fühlen, intensiver fühlen, weil in ihnen oft die größte Tiefe wohnt, weil sie eine Sehnsucht in sich tragen, die so alt ist wie sie selbst, die tief geht und schmerzt und kein Ankommen kennt. Eine Sehnsucht nach Nähe, nach Gesehenwerden, nach Verstandenwerden, nach Angenommensein, nach Liebe, nach einem Ort, an dem sie nicht mehr allein stark sein müssen.
Vielleicht liebe ich sie auch, weil sie so verdammt echt sind.
Und nein, sie sind nicht kaputt. Sie sind nicht schwach, sie tragen viel, halten viel aus, fühlen viel – und wer fühlt lebt.
Diese Menschen brauchen nichts Großes.
Sie brauchen Menschen, die bleiben, auch wenn es unbequem wird.
Sie brauchen Zuhören ohne sofortige Lösungen.
Keine Ratschläge, kein: „Denk doch mal positiv“.
Sondern ein „Ich bin hier. Es ist okay, wie du fühlst. Du bist okay!“
Sie brauchen Sicherheit.
Das Gefühl, nicht zu viel zu sein. Nicht falsch. Nicht zu kompliziert. Nicht zu anstrengend. Nicht kaputt.
Sie brauchen echte Nähe und Mitgefühl.
Ein: „Wie geht es dir wirklich?“.
Jemand, der spürt, wenn sie stiller werden und sie nicht allein lässt. Jemand der die Hand hält und keine Angst hat, dass Leid ansteckend sein könnte.
Sie brauchen Ernstgenommenwerden und Akzeptanz.
Ängste, Depressionen, Traumata sind keine Schwäche. Einsamkeit ist kein Versagen.
All das ist zutiefst menschlich.
Sie brauchen Geduld.
Viel Geduld mit sich selbst.
Heilung ist ein langer Weg. Es gibt Fortschritte und dann wieder Rückschritte. Es gibt Höhen und Tiefen. Aufgang und Untergang.
An manchen Tagen ist das reine Überleben schon ein Sieg.
Sie brauchen Verstehen, Halt, Konsistenz, Vertrauen und das Gefühl von Sicherheit um zu heilen. Nicht das Versprechen, dass alles gut wird, sondern die Gewissheit, dass sie diesen Weg nicht allein gehen müssen. Sie brauchen echte Herzen.
Angelika Wende

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