Seit ich in Rente bin habe das Gefühl, die Zeit rast. Nicht, weil mein Leben so voll ist, sondern weil es sich irgendwie leer anfühlt. Es ist als würden mir die Tage wie Sand durch die Finger rinnen. Ich stehe auf, mache die immer gleichen Dinge, erledige dies und das, um die Zeit totzuschlagen. Am Abend bin ich müde und weiß nicht wovon. Wenn ich dann auf den Tag zurückblicke, ist da kein klarer Anfang und kein klares Ende. Nur das ewig Gleiche. Da ist nur eine verschwommene Strecke Zeit, die vergangen ist. Ich frage mich, ob die Zeit schneller geworden ist oder ob ich aufgehört habe, richtig da zu sein. In mir so eine innere Unruhe und zugleich ist da eine Leere, die sich nicht füllen lässt. Alles rast an mir vorbei. Nichts setzt sich fest, nichts bleibt. Alles gleitet weiter, und ich mit. Früher hatte meine Zeit Gewicht. Sie war erfüllt. Sie hat Spuren in meiner Erinnerung hinterlassen. Jetzt ist sie irgendwie leblos. Das Beunruhigende ist nicht nur, dass die Zeit, die mir noch bleibt, so schnell vergeht, ich habe das Gefühl ich vergehe mit ihr. Das macht mich traurig und irgendwie macht mir das auch Angst. Was kann ich nur tun?
Diese Frage stellt mir ein Klient.
Wir alle kennen das Gefühl: Je älter ich werde, desto schneller vergeht die Zeit.
Aber so ist es nicht. Objektiv vergeht die Zeit immer gleich.
In unserer subjektiven Wahrnehmung hängt unser Zeitempfinden davon ab, wie viele bedeutungsvolle Erlebnisse wir in der Zeit haben, wie wir sie wahrnehmen und abspeichern. Das Vergehen der Zeit fühlt sich nicht schneller an, weil wir älter werden oder alt sind, sondern weil das Leben im Alter oft gleichförmiger und routinierter wird, weil es weniger Neues gibt, das wir erleben. Klingt paradox, ist aber so. Wenn ich wenig Neues erlebe, wenn ich die immer gleichen Routinen abspule, kommt mir das Vergehen der Zeit schneller vor. Ein eintöniger, langweiliger Tag an dem nichts Besonderes geschieht, fühlt sich zäh an, im Rückblick aber habe ich das Gefühl als sei der Tag einfach so verflogen.
Unser Gehirn misst nicht in Zeit, sondern in Erlebnissen.
Viele Erlebnisse, viele neue Eindrücke schaffen viele Erinnerungen und die Zeit wird als erfüllt und länger empfunden. Je weniger geschieht, je unerfüllter an Neuem, je leerer an Inspiration, je weniger neue Herausforderungen und je weniger Begeisterung, desto schneller scheint die Zeit zu vergehen, weil das Gehirn kein Futter bekommt, was es speichern kann und worauf es dann in der Erinnerung zurückgreifen kann.
Kurz: Je mehr wir erleben, desto länger erscheint uns das Vergehen der Zeit. Je weniger wir erleben, desto schneller erscheint uns das Vergehen der Zeit.
Was kann mein Klient tun?
Er muss nichts ändern. Er muss nicht krampfhaft dafür sorgen ständig Neues zu erleben. Eigentlich muss er fast gar nichts ändern. Er hört nur auf, sich selbst weiter zu übergehen. Es beginnt damit, dass er sich erlaubt einfach (da) zu sein. Er zwingt sich nicht mehr, die Leere zu füllen. Er sitzt mit ihr. Das ist am Anfang vielleicht unangenehm, aber ehrlich - es ist wie es jetzt ist.
Mit der Zeit wird er spüren, dass die Zeit dort langsamer wird, wo er nicht mehr flieht, wo er keinen inneren Widerstand mehr leistet, wo er nicht mehr meint, es muss etwas Besonderes passieren. Er kann damit beginnen kleine Dinge bewusst wahrzunehmen und die Dinge bewusst und achtsam zu tun.
Das scheint wenig, aber es ändert viel.
Er darf aufhören seine Tage danach zu bewerten, ob sie erfüllt waren. Er fragt nur: Bin ich wirklich anwesend? Bin ich präsent im Moment? Bin ich achtsam bei dem, was ich tue? Nehme ich wahr, was ich tue?
Und diesem Moment hat Zeit plötzlich Gewicht. Sie rast nicht mehr so. In diesem Gewahrsein vergeht sie langsamer. Und mit der Zeit kann mein Klient vielleicht spüren: Zeit braucht nur mich. Und die Leere wird erfüllter. Er ist wieder bewusst Teil und Gestalter seiner eigenen Zeit.
Die Zeit nimmt ihn nicht mehr einfach nur mit.
Und das ist viel.
Wenn Du Dich in diesem Text wiederfindest, kannst Du mir gern schreiben. Wir finden heraus, wie es Dir gelingt achtsamer und bewusster mit Deiner Lebenszeit umzugehen.
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