Heilung wird oft missverstanden. Viele Menschen glauben, wenn ich geheilt bin verschwindet der Schmerz und die Erinnerung.Heilung bedeutet nicht vergessen. Heilung bedeutet, uns erinnern zu können, ohne am Schmerz zu zerbrechen. Was geschehen ist, bleibt Teil unserer Geschichte.
Jede Erfahrung, auch die schmerzhaften, formen uns. Sie hinterlassen Spuren in unserem Denken, Fühlen und Handeln und in unserem Nervensystem. Vergessen würde bedeuten, einen Teil von uns selbst auszulöschen. Und das funktioniert nicht, auch wenn viele sich das wünschen.
„Das soll endlich weggehen. Ich will das nicht mehr fühlen, ich will diese Gedanken nicht mehr denken! So viel: Ich will nicht!
Heilung hat nichts mit wegmachen zu tun, Heilung bedeutet: Integration, den verletzten Teil annehmen und ihn würdigen.
Heilung löscht nichts aus.
Sie macht was geschehen ist nicht ungeschehen. Was war, war.
Die Worte, die uns ins Mark getroffen haben.
Die Momente, die uns das Herz gebrochen haben.
Die Angst und der Schmerz, den wir gefühlt haben.
Die Enttäuschung, die uns erschüttert hat.
Die Demütigung, die uns klein gemacht hat.
Die Verluste, die uns den Boden unter den Füßen weggerissen haben.
All das ist Teil unserer Geschichte. Unauslöschbar.
Heilung bedeutet nicht, dass die Erinnerungen verschwinden, sondern, dass sie uns nicht mehr beherrschen.
Heilung bedeutet Mut.
Mut, hinzusehen.
Mut, zu fühlen, was weh tut.
Mut, den eigenen Schmerz nicht kleinzureden, sondern ihn anzuerkennen und ihn zu fühlen.
Wunden, die wir ignorieren, entzünden sich.
Wunden, die versorgt werden, dürfen heilen und hinterlassen eine Narbe. Diese Narben sind kein Zeichen von Schwäche. Sie sind ein Zeichen dafür, dass wir überlebt haben, was uns fast zerbrochen hat. Dass wir gekämpft haben und weitergemacht haben. Dass wir trotz der Angst, der Ohnmacht, der Trauer, der Verzweiflung und dem Schmerz nicht aufgeben haben.
Wir haben überlebt. Wir sind noch da.
Das ist Stärke!
Es ist Stärke nicht aufgegeben zu haben, obwohl es genug Gründe dafür gegeben hätte. Es ist Stärke immer wieder aufzustehen, egal wie oft wir fallen oder scheitern.
Und wir haben etwas gewonnen, auch wenn viele von uns das nicht sehen können.
Das ist Tiefe!
Dieses feine Gespür für Stimmungen, Spannungen, leise Zwischentöne. Das Bewusstsein: Verletzt werden gehört zum Menschsein. Was einst Schutzmechanismus war, hat sich gewandelt - zu Empathie und Mitgefühl. Wir fühlen den Schmerz anderer, weil wir ihn selbst kennen. Wir stellen andere Fragen. Wir denken tiefer nach - über uns selbst, das Menschsein, das Leben, über Sinn und Vertrauen. Wir leben nicht an der Oberfläche, wir tauchen tiefer. Wir haben erfahren wie es sich anfühlt, wenn Grenzen verletzt werden. Wir haben unsere Grenzen gespürt und sie neu definiert. Wir habe gelernt „Nein“ zu sagen um unsere Grenzen zu schützen und uns den Raum zu nehmen, den wir brauchen.
Wir tragen Narben und gehen trotzdem weiter.
Narben bleiben. Trauma verschwindet nicht einfach. Trigger, Erinnerungen, Rückfälle bleiben. Aber wir wissen wie wir damit umgehen. Manchmal tut es noch weh. Manchmal kommen die alten Bilder zurück. Manchmal gibt es Tage, an denen alles wieder ganz nah ist und alles, was wir schaffen, nur weiteratmen ist. Und auch das ist ein Sieg.
Heilung bedeutet, wir erinnern uns, ohne wieder in denselben Abgrund zu stürzen, ohne dass uns ein Reiz in die Vergangenheit zurückkatapultiert. Und wenn, dann wissen wir, wie wir uns wieder ins Jetzt zurückholen. Wir wenden uns unserem Schmerz zu und sagen:„Du bist alt, ein Teil meiner Geschichte, aber du beherrscht nicht mehr mein Leben.“
Heilung zeigt sich darin, dass wir würdigen, dass wir da sind, immer noch da sind und trotzdem weitergehen. Und weiterwachsen. Dass wir uns nicht mehr definieren über das, was uns verletzt hat, sondern über das in uns, was uns hat überleben und wachsen lassen.
Heilung bedeutet nicht vergessen.
Heilung bedeutet, uns selbst zurückzuholen.
Heilung ist ein Prozess. Sie geschieht leise, niemals linear, in kleinen Schritten. In dem Moment, in dem wir über das Erlebte sprechen können, ohne zusammenzubrechen. In dem Moment, in dem eine Erinnerung nicht mehr sofort Tränen, Starre oder Panik auslöst. In dem Moment, in dem wir uns erlauben zu fühlen, ohne zu flüchten, in dem Moment wo wir erkennen, dass das Vergangene uns zwar geprägt hat, aber uns nicht mehr bestimmt und uns nicht ausmacht, dass wir so viel mehr sind als unser Trauma, unsere Angst, unsere Depression, unsere Wunde oder unsere Diagnose.
Zu heilen bedeutet, dem Schmerz seinen Platz zu geben.
Es bedeutet, Verantwortung für unser Jetzt zu übernehmen, ohne die Vergangenheit zu leugnen. Erinnerungen bleiben. Doch sie verlieren ihre Macht, wenn wir lernen, ihnen mit Mitgefühl statt mit Widerstand zu begegnen. Heilung ist mehr als Symptomfreiheit. Sie ist ein tiefer Prozess der Selbstermächtigung. Ein inneres Sich-Aufrichten, ein Anerkennen und das Bewusstsein unserer Würde. Und diese Würde bedeutet, uns selbst und unseren Schmerz ernst zu nehmen und uns nicht länger für das zu schämen oder zu beschuldigen, was an uns angetan wurde. Würde bedeutet Selbstachtung und dazu gehört auch, dass wir die Verantwortung dahin geben, wo sie hingehört.
Heilung ist ein Akt der Selbstermächtigung.
Wir sind so viel mehr als das, was uns passiert ist. Und das ist der Kern: Heilung bedeutet, unsere Würde nicht vom Erlebten definieren zu lassen. Heilung bedeutet die Opferidentifikation aufzugeben und uns selbst als ganzen, wertvollen Menschen anzuerkennen.

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