Influencer und Coaches verkünden die frohe Botschaft via Instagram und Tiktok: Stimuliert Euren Vagusnerv und heilt!
Angeblich ist die Wirkung so universell und durchschlagend, dass man sich sogar herkömmliche Therapieformen sparen kann. Den Vagusnerv muss man nur stimulieren und Heilung ist garantiert. Zudem ist sie ganz einfach und für jeden anwendbar. Es geht nur darum den Vagus zu regulieren und das funktioniert indem wir laut tönen, lachen, gurgeln, singen, summen, mit den Augen nach rechts und links schauen, tiefe entspannende Klänge hören, Selbstmassage an den richtigen Stellen anwenden, mit Atmen, Mediation und Yoga. In der Welt der InfluencerInnen ist klar: Die Healingjourney geht allein über den Vagusnerv. Somatische Übungen regulieren nicht nur Stress, sondern heilen Depressionen, Angststörungen und Traumata gleich mit.
Zu schön um wahr zu sein, wenn es denn wo wäre.
Was ist wirklich dran an diesem Hype?
Der Vagusnerv (Nervus vagus) ist der längste der zwölf Hirnnerven und fungiert wie eine Datenautobahn in unserem Gehirn, die weitreichende Verbindungen zu den inneren Organen wie Herz, Lunge, Magen und Darm hat. Der Vagusnerv steuert Körperfunktionen wie Atmung, Verdauung, Blutzuckerspiegel, Herzfrequenz und Blutdruck. Er beginnt im Hirnstamm und zieht an beiden Seiten des Körpers durch den Hals, den Brust- und Bauchraum, bis zu Dünn- und Dickdarm. Er ist der Hauptnerv des parasympathischen Nervensystems, das für Entspannung, Beruhigung und Regeneration zuständig ist. Er ist der Gegenspieler des Sympathikus, der den Körper in Stress- oder Gefahrensituationen aktiviert. Bei Stress wird der Sympathikus stärker aktiviert als der Parasympathikus. Der Sympathikus ist für die Alarmbereitschaft zuständig, der Parasympathikus dafür, dass wir entspannen. Es macht also durchaus Sinn den Körper einzubeziehen, um den Geist zu beruhigen. Sich über den Vagusnerv selbst zu regulieren ist ein hilfreicher Weg, um das Nervensystem zu beruhigen.
Aber lassen sich allein damit Traumata auflösen, Angst- und Zwangsstörungen, Süchte, Depressionen oder Neurosen heilen?
Die Existenz der Körper-Geist-Verbindung ist nichts Neues.
Dass Traumata im Nervensystem gespeichert sind, auch nicht. Wir wissen, dass Traumata das autonome Nervensystem, insbesondere den Vagusnerv, in seiner Funktion stören. Die Stimulation des Vagusnervs kann dabei unterstützen das Nervensystem zu regulieren, indem sie den Parasympathikus aktiviert und so einen inneren Zustand der Ruhe fördert. Studien haben gezeigt, dass es durch die Vagusnervstimulation zur Verbesserungen bei PTBS-Symptomen kommen kann.
Schon Peter Levine wusste, als er mit Somatic Experiencing einen körperorientierten Ansatz zur Traumatherapie entwickelte, dass Traumata als blockierte Energie im Nervensystem gespeichert werden und dass sanfte, körperfokussierte Arbeit hilfreich ist um Stressreaktionen zu regulieren. Dabei wird die Aufmerksamkeit auf innere Empfindungen und das autonome Nervensystem gelenkt, anstatt sich primär auf die kognitive Verarbeitung des Traumas zu konzentrieren. Nach und nach soll so das Nervensystem entlastet werden, um eine Dauerübererregung zu vermeiden, wobei Geduld und Kontinuität wichtig sind, um das System langfristig zu regulieren.
Es kommt zu einer Symptomlinderung.
Man beachte „Linderung“ und das bedeutet nicht Heilung.
Die Verarbeitung von Traumata, Angststörungen und Depressionen ist hochkomplex und nicht jede Methode wirkt bei jedem Menschen gleich. Heilung umfasst Körper, Geist und Seele. Heilung erfordert weit mehr als die Fähigkeit des Körpers zur Selbstregulation zu verbessern.
Die Stimulation des Vagusnervs zur Selbstregulation und zur Beruhigung des Nervenssystems um das Gefühl von Sicherheit im eigenen Körper wiederzuerlangen ist ein wirksames Werkzeug zur Unterstützung einer traditionellen Therapie. Sie allein ersetzt aber weder die Aufarbeitung eines Traumas, noch heilt sie eine Angststörung. Heilung ist ein Prozess und kein Quick Fix. Sie erfordert in der Regel eine umfassende, oft langwierige psychologische Behandlung, die darauf abzielt, belastende Erinnerungen zu verarbeiten, zu integrieren und vor allem neue Bewältigungsstrategien zu erlernen. Traumata und Ängste lassen sich nicht wegmassieren und Depressionen lösen sich nicht in Wohlgefallen auf, indem wir tönen und singen.
Die Vagusnervstimulation ist hilfreich und unterstützend. Sie ist jedoch keine eigenständige Heilmethode und schon gar kein Wunderheilmittel. Die Healingjourney kennt keine Abkürzung.
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