Mittwoch, 7. Oktober 2020

Gedanke für den Tag


                                                                  Foto: A. Wende

Bewusst einatmen, ausatmen.
Pausen machen.
Dir Zeit nehmen für dich.
Dich nicht nur den anderen widmen.
Mit deinen Kräften haushalten, sie sind nicht unendlich.
Dich selbst nicht vergessen.
Du bist nicht weniger wichtig als die Anderen.
Du bist der wichtigste Mensch in deinem Leben.
Gut für dich sorgen, gut zu dir sein.
Dann bist du auch gut zu anderen.
Dich um deinen Körper kümmern.
Er ist der Tempel deiner Seele.
Ihn wertschätzen, ihn pflegen, auf ihn achten.
Dir Selbstmitgefühl schenken.
Dir gute Gedanken schenken.
Und gute Gefühle.
So oft du kannst: Gut zu dir sein.
Dich nicht antreiben.
Dich nicht überfordern.
Dich nicht runtermachen.
Du kannst nur über dich selbst verfügen.
Du entscheidest auf welche Weise du es tust.

Dienstag, 6. Oktober 2020

Mit der Angst gehen ...

 

                                                            Foto: Angelika Wende

 
 
In meinen Sitzungen werde ich immer häufiger mit dem Thema Angst konfrontiert. Was mich nicht wundert. Immer mehr Menschen spüren Angst. Wir waten im Matsch. Das Vertraute ist längst zerbrochen. Zeitenwende. Wohin es geht? Das wissen wir noch nicht. Auf dem Weg ins Unbekannte ist das normale Leben, so wie wir es gewohnt waren, nicht mehr lebbar. Das macht Angst. Das ist vollkommen normal. Heute am frühen Morgen war ich beim Arzt. Im Wartezimmer der Praxis husten Menschen hinter Masken. Die nicht husten, wenden sich ab, schütteln den Kopf, runzeln die Stirn. Einer macht einen Witz: Corona! Die anderen, falls sie lächeln, was man hinter der Maske nicht sehen kann, schweigen. Das Wartezimmer ist zu klein um sich zu schützen. Abstand geht nicht. Misstrauen, Angst, Unsicherheit ist spürbar. Mir ist mulmig. So mulmig wie es mir in den letzten Monaten immer wieder ist. 

Ich denke an meine Klienten, an die, denen auch mulmig ist, an die mit der großen Angst, die zu mir kommen und mich bitten: Nehmen sie mir die Angst. Das kann ich nicht, sage ich dann. Die Angst kann man nicht wegnehmen. Es wäre schön, wenn man das könnte. Was man kann ist damit umgehen lernen. Im Umgang mit der Angst geht es immer um das Gelingen von Gelassenheit. Es geht darum über der Angst stehen zu lernen. Es ist Zeit die Angst zu enttabuisieren, denke im Wartezimmer und versuche das Husten zu ignorieren. Wir müssen drüber reden, sie aussprechen, miteinander reden über unsere Angst. Und aufhören uns dafür zu schämen, denn das macht sie nur größer. Ich spreche mit dem Arzt. Ich frage ihn, ob er Angst hat. Ja, sagt er, seit Corona jeden Tag.

„Die Angst besiegt mehr Menschen als irgendetwas anderes in der Welt", schrieb Ralph Waldo Emerson. So ist es jetzt. Die Angst scheint uns besiegen zu wollen. Uns immer kleiner machen zu wollen. Wenn Angst autorisiert wird, wird sie bedrohlich und sehr gefährlich. So ist es jetzt. Man macht uns Angst, legt immer mehr nach. Wir müssen auf uns achten, sonst sind wir verloren. Angst ist eine Erlebens- und Verhaltensweise, die der Bewältigung äußerer und innerer Bedrohung dient. Und jeder Mensch geht anders damit um. Manche haben mehr Angst, manche weniger. Aber jeder kennt sie. Und jeder empfindet sie mehr oder weniger stark. Angst ist eine der vielen BewohnerInnen im unendlichen Land unserer Seele. Sie kann schreckliche Abgründe haben, dann wenn sie ganz groß wird, so groß, dass sie das Leben zum Gefängnis macht. Dann wird sie zu einem reißenden Wolf, der die Seele auffrisst. „Angst essen Seele auf“, lautet ein afrikanisches Sprichwort.
Wenn das geschieht empfinden wir den totalen Weltverlust, es reißt uns ins Bodenlose – wir trudeln ins Nichts. Die Daseinsangst führt geradewegs ins existenzielle Vakuum. Kommt es soweit braucht der Mensch dringend Hilfe. Er kommt an eine Grenze, in der alle Selbsthilfe versagt. So weit soll es nicht kommen. Wir müssen auf uns achten.

Um die Angst nicht größer als uns selbst werden zu lassen gibt es Hilfen.
Beginnen wir mit der Wahrnehmung.
Wie gehe ich mit meiner Angst um? Immer dann wenn unbekannte Situationen auftreten. Immer dann, wenn die Erinnerung mich triggert. Immer dann wenn ich in die nicht fassbare Zukunft blicke.
Ich kann wählen.
Mich fragen: Wähle ich Angst oder Neugier?
Sehe ich die Gefahr oder die Chance?
Welche Selbsthilfemöglichkeiten habe ich?
Ich kann die Angst abatmen. Durch Atemübungen, die ich lerne und anwende, wenn die Angst kommt.
Ich kann mich bewegen, wenn sie kommt. Ich kann laufen, singen, tanzen.
Ich kann den Realitätscheck machen, wenn sie kommt.
Ich kann Mediation erlernen, Achtsamkeit, Progressive Muskelentspannung, Autosuggestion und vieles mehr.

Das Elementarste aber ist: Ich muss meine Angst um ihr auf Augenhöhe begegnen zu können, radikal akzeptieren.  Ja ich habe Angst! Und so ist es. Und das ist okay. Und das heißt nicht, das ich meine Angst BIN. Ich habe Angst, ein Teil in mir hat vielleicht sogar große Angst, aber andere Teile sind mutig und bewältigen das Leben. Und das ganze bin ich. Und wieder: Ich bin okay auch mit der Angst. Und jetzt gebe ich der Angst einen Namen. Meine heißt Frau Klein.
Und ich gehe mit ihr. Aber ich gehe nicht dahin, wohin die Angst will, sondern ich gehe dahin wo ich hin will, trotz und mit der Angst. Und wenn ich gegangen bin, belohne ich mich, dann bin ich stolz auf mich, weil ich es wieder geschafft habe.
Jeden Tag. Schritt für Schritt. Und ich nutze meine Selbsthilfemöglichkeiten. Angst, die nicht zum Wolf geworden ist, damit lässt sich leben. Ist sie dabei die Seele aufzuessen, ist sie krankhaft und das ist sie dann, wenn sie den Boden des Nachvollziehbaren verlässt, brauchen wir professionelle Hilfe.
Aber bis dahin gilt: Es ist okay Angst zu haben.

„Wer keine Angst hat, hat keine Fantasie.“ (Erich Kästner).

Montag, 5. Oktober 2020

Sprechen dürfen

 

 
                                                                    Foto: A.Wende
 
 
Es ist nicht hilfreich, den Schrecken über das eigene Trauma klein zu reden. Was passiert ist, muss bleiben dürfen was es ist: unfassbar und schmerzhaft.
Es ist nicht hilfreich einem Menschen das seelische Leid klein reden zu wollen, indem man ihm sagt: Es ist vergangen, vergiss es endlich! Damit nimmt man ihm sein Recht auf seine Fassungslosigkeit, seine Ohnmacht, seine Trauer, seine Verletztheit, seinen Schmerz, seine Angst. Traumatisierte Menschen wollen gesehen werden. Ihr Leid will anerkannt werden. Es hilft nicht, dass man versucht ihnen ihr Leid klein oder auszureden. Sie brauchen es, dass sie geachtet werden. Klein reden, ausreden führt nicht zur Linderung des Schmerzes, macht die Angst nicht kleiner. 
Es macht diese Menschen im Tiefsten allein.
 
Es geht darum anzuerkennen was geschehen ist und was es mit diesem Menschen gemacht hat. Und das funktioniert nicht, wenn man das Leid dieses Menschen nicht anerkennt. Das Trauma wird nicht bewältigt, indem man sich davon distanziert, es abspaltet, sich ablenkt oder kompensiert, sondern indem man sich dem bewusst zuwendet was geschehen ist und was es an Spuren in der Seele hinterlassen hat. Es geht um die Erlaubnis den Verlust, der erlitten wurde und die Folgen des Verlustes spüren zu dürfen und es geht darum auszudrücken, was gefühlt wird. Diese Menschen müssen sprechen, müssen fühlen dürfen. Dann hört das ohnmächtige Verstummen durch die erfahrene Ohnmacht auf. 
 
Ist es wirklich so schwer, einem leidenden Menschen zu sagen: Ja, du hast Schlimmes durchmachen müssen, erzähle, ich höre dir zu.
Ja es ist schwer.
Die meisten Menschen können das nicht, sie fühlen sich hilflos angesichts der Wucht, die sie da trifft. Sie können nicht damit umgehen. Dafür können sie nichts.
Darum ist es so wichtig, wen der Traumatisierte wählt um zu sprechen: Er braucht, wie Alice Miller es einmal ausdrückte, einen wissenden, helfenden Zeugen.

Sonntag, 4. Oktober 2020

Ein paar Monate ...



                                                             Zeichnung: A. Wende
 
 
Ein paar Monate ...
Viele Menschen haben Angst und sie wächst, je länger die Katastrophe andauert.
Angst treibt seltsame Blüten. Manche Menschen suchen nach allem was die Angst kleiner macht um wieder die Kontrolle zu erlangen. Andere sind gelähmt vor Angst, wieder andere gehen in den Angriff. Das sind vollkommen normale Reaktionen auf Angst. Was uns allen widerfährt ist etwas so Fremdes und Neues, etwas so Bedrohliches und zugleich Absurdes, was unsere auf Sicherheit und persönliche Freiheit gepolte Gesellschaft noch nie zuvor erleben musste und daher keine Kompetenzen ausbilden konnte um angemessen damit umzugehen.Das alles hat nicht nur wirtschaftliche, es hat auch psychosoziale Folgen, individuell und kollektiv. Diese Folgen können wir jetzt noch gar nicht absehen. 
 
Ein paar Monate ...
Diese paar Monate haben bis heute unendlich viele Existenzen zerstört. Menschen haben verloren was sie sich aufgebaut haben, Menschen mussten alleine sterben, Alte wurden in Heimen isoliert, Kranke haben keine Arztpraxis mehr besucht, Kinder und Frauen haben in der Isolation häusliche Gewalt erlebt, psychisch Kranke haben keine Hilfe gefunden, Selbsthilfegruppen für Suchtkranke fielen aus, Liebespaare wurden über Kontinente getrennt, Freiheiten wurden beschränkt, Frauen rutschten notgedrungen wieder in die alte Rolle. Vieles mehr ist geschehen, was Menschen belastet und ihnen Probleme bereitet. Der Boden auf dem wir gehen wankt weiter und keiner weiß, wann er wieder stabil wird. 
 
Ein paar Monate und es gibt unendlich viel Verluste, Trauer, Schmerz und Leid. 
Mit einem „So dramatisch ist das doch alles nicht“, wie es mir heute begegnete, kann ich leider nichts anfangen. Das ist mir zu eindimensional und ohne Mitgefühl für die, denen es gar nicht gut geht. Aber es ist verständlich. Es kommt immer darauf an, welchen Ausschnitt von Welt ein Mensch sieht und sehen will, was er erlebt und was er nicht erlebt. Das ist letztlich dann das, was er für die Wirklichkeit hält. Aber das ist nichts weiter als die Blase in der er sich eingerichtet hat. Warum auch immer, das mag ich nicht bewerten.
Tja, „die Wirklichkeit, die Wirklichkeit trägt wirklich ein Forellenkleid und dreht sich stumm nach anderen Wirklichkeiten um“, wie André Heller einst sang.

Sonntag, 27. September 2020

Wenn die Möglichkeiten begrenzt sind

 

                                                                Foto: A. Wende

 

In der alten Normalität stand uns eine Unendlichkeit von Möglichkeiten zur Verfügung. Das ist jetzt anders. Wir müssen das Leben in der neuen Normalität neu lernen. Jetzt stehen wir alle so ein bisschen im Nichts. Was selbstverständlich war ist zerbröckelt oder verloren. 

 

Wir müssen uns vieles wieder neu erarbeiten. Wir müssen vieles überarbeiten und vieles überdenken. Wir müssen selektieren was nicht mehr möglich ist und was noch machbar ist, optimieren was uns noch bleibt und kompensieren, was wir verloren haben durch die Krise. Wir müssen uns klar darüber werden worauf unser Leben beruht und was wir zum Leben wirklich dringend brauchen.

 

Wenn die Möglichkeiten begrenzt sind, müssen wir uns fragen: Was sind meine Möglichkeiten, die ich realisieren kann um dem Leben Sinn zu geben, so wie es jetzt ist.

Samstag, 26. September 2020

Die Pandemie, die Psyche und wie wir uns stabil halten

 



Es hört nicht auf. Corona zieht durch die Welt und reißt alle für uns sicher geglaubten Säulen des vertrauten Lebens mehr und mehr nieder. Acht Monate nach Beginn der Krise müssen wir erkennen: Für die Corona-Krise fehlt jede Referenz. Der Virologe Christian Drosten spricht von einer Naturkatastrophe. Die kämpferischer Vokabel der Medien lautet: Wir führen einen Krieg gegen einen unsichtbaren Gegner. Wir sind nicht im Krieg, aber wir erleben eine Krise, in der es um die Bedrohung der Gesundheit und zugleich um die Bedrohung der wirtschaftlichen und finanziellen Existenz aller geht. Wir erleben Ohnmacht und Hilflosigkeit. Ohnmacht und Hilflosigkeit führen zu Dauerstress. 

 

Unser Gehirn strebt nach Kontrolle und findet sie nicht. Das Gewohnte ist brüchig, der Boden auf dem wir gehen wackelt, planen können wir nichts mehr sicher und auch nur kurzfristig, unsere Lebensmöglichkeiten und unsere persönliche Freiheit ist eingeschränkt. Wir leben mit Geboten und verboten. Unsere persönliche Selbstbestimmtheit ist fragmentiet und bedroht. 

Und jetzt kommt der Herbst. "Die Pandemie wird jetzt erst richtig losgehen“,  befürchtet Christian Drosten. Ein zweiter Lockdown scheint nicht ausgeschlossen. In München tragen Menschen jetzt auf vollen Plätzen und Straßen Masken. 

 

Herbst 2020 und wir stehen einer düstern Vorhersage gegenüber, die eine Flut von Gefühlen, die uns zwar schon die ganze Zeit begleiten, in ihrer Intensität verstärkt. Je nach Persönlichkeit und persönlicher Lebenssituation reagieren Menschen mit Ängsten und Panik, mit Depression, Trauer, sozialem Rückzug, Selbstisolation, Ignoranz, Leugnen, Resignation, Aggression oder Wut. Der Alkoholkonsum ist gestiegen, ebenso die Selbstmordrate. Häusliche Gewalt und Aggression nehmen drastisch zu. Manche Menschen gehen auf die Straße und rebellieren. Manche verweigern sich den Regeln.  

 

Alles untaugliche Versuche um die gefühlte Kontrolle über das eigene Leben wieder herzustellen. Und hinter all den Gefühlen liegt als Urgrund: Todesangst. Todesangst bedeutet den Verlust des Lebens, den Verlust der Lebendigkeit, das Ende des Seins und damit das Ende aller Möglichkeiten. Täglich konfrontieren uns die Medien mit dem Tod. Todesangst ist die Angst, die wir alle haben, aber bisher erfolgreich verdrängt haben, die meisten jedenfalls. Aber jetzt gibt es kein Ausweichen mehr. Wir sind konfrontiert mit dem Tod, auch wenn wir nicht alle an Corona sterben – wir erleben Verluste, Abschiede, Trennungen, im schlimmsten Falle Krankheit und Leid. All das sind  Erfahrungen, die dem Sterben gleichen. Sterben im Leben. 

 

Leben ist auch Sterben, aber das haben wir lange verdrängt. Vieles um uns herum, vieles in unserem persönlichen Leben, vieles an Vertrautem, an Gewohntem, an Möglichkeiten stirbt oder ist bereits gestorben. Wir müssen gezwungenermaßen von Vielem Loslassen was uns liebt und teuer ist. Sogar von liebgewonnen Gewohnheiten und sei es nur der Theaterbesuch. Die Folge: Ein chronisch erhöhter Angstpegel. Verluste machen Angst und die Aussicht auf weitere Verluste macht noch mehr Angst.

 

Angst führt zu Dauerstress. Dauerstress entsteht wenn wir keine Lösungsmöglichkeiten sehen und demzufolge mit der Situation oder dem Problem komplett überfordert sind. Hinzu kommt ein weiterer Stressfaktor: Das Ausmaß und das Ende der Krise ist nicht abzusehen. Der Ausgang ungewiss. Wir erleben ein so hohes Maß an Machtlosigkeit wie wir es nicht kennen. Wir erleben Kontrollverlust auf vielen Ebenen.

Manche Menschen kompensieren Stress indem sie sich Kontrolle vorgaukeln um ihre Gefühle von Unsicherheit und Hilflosigkeit zu  kompensieren. Bei anderen wiederum stellt sich unter emotionalem Stress mehr und mehr eine selektive Wahrnehmung ein, die nur noch die bedrohlichen Aspekte des Lebens aufnimmt und andere positive ausgeblendet. Das Gefühl der Unsicherheit und Ungewissheit führt bei Menschen mit einer Disposition zu Ängsten zur Verstärkung dysfunktionaler Denkmuster. Es kommt zu katastrophisierendem Denken.  

 

Je länger die Bedrohung anhält, umso unberechenbarer sie ist, desto mehr versagt letztlich bei fast allen Menschen die Fähigkeit zur Selbstregulation. Selbstregulation und Selbstberuhigung sind das, was wir jetzt nötig brauchen um diesen Herbst ohne größere psychische Schäden zu bewältigen. Selbstregulation ist die Fähigkeit, mit der es uns gelingt  unsere Emotionen, unsere Aufmerksamkeit, unsere Impulse und Handlungen zu steuern um nicht zum Opfer der Umstände zu werden. Zur Selbstregulation gehört auch die Kompetenz, kurzfristige Befriedigungswünsche längerfristigen Zielen unterzuordnen. Und das müssen wir jetzt gerade alle notgedrungen. 

Die Medizinsoziologie definiert Selbstregulation als „eine permanente, flexible, bedürfnisorientierte Eigenaktivierung in Bezug auf den Körper und die physische und soziale Umwelt mit dem Ziel, dort Bedingungen und Zustände zu erreichen, die sowohl eine kurzzeitige Bedürfnisbefriedigung ermöglichen als auch eine Selbstorganisation derart stabilisieren, dass eine Entwicklung und Integration unterschiedlicher Bereiche für eine effektive Problemlösung gewährleistet wird.“ Eine gute Selbstregulation besteht dann, wenn wir fähig sind uns auf Gegenwärtiges auszurichten, das Wohlbefinden, Lustgewinn und Sicherheit ermöglicht oder als Sinnerfüllung erlebt wird. Dann spricht man von einer Situations- und bedürfnisangepassten flexiblen Selbstregulation. 

 

Das Erlernen der Fähigkeit zur Selbstregulation ist ein Autonomietraining, das uns hilft auch in Krisenzeiten und Phasen emotionaler Überflutung bei uns selbst zu bleiben. Wenn wir lernen uns selbst zu regulieren stärken wir unsere Fähigkeit durch Eigenaktivität unser mentales und emotionales Wohlbefinden zu steigern, uns selbst zu beruhigen und wieder Sicherheit zu erreichen. Je besser uns die Selbstregulation gelingt, desto mehr fühlen wir wieder das gerade jetzt so lebenswichtige Gefühl von Kontrolle über uns selbst, wir erfahren, dass wir allen äußern Umständen zum Trotz unsere eigenen Gefühle und unser Verhalten aktiv selbst regulieren können. Selbstregulation ist somit ein entscheidender Faktor für die Prävention seelischer und körperlicher Krankheiten. Zur Selbstregulation gehört sich selbst achtsam wahrzunehmen und zu erkennen, was uns hilft unser Wohlbefinden im gegenwärtigen Moment steigern.

Alle Entspannungsmethoden, insbesondere  Achtsamkeitsübungen, Yoga und Mediation, die wir regelmäßig praktizieren, sind hilfreiche und effektive Methoden um uns selbst zu beruhigen. Auch alle kreativen Beschäftigungen und Aktivitäten helfen uns dabei im Moment zu bleiben und geben uns das Gefühl autonom etwas zu gestalten und Herr im eigenen Haus zu sein. Durch Achtsamkeit wird übrigens nicht nur die Selbstregulation gesteigert, auch die Konzentrationsfähigkeit nimmt zu. Wir lernen uns auf den Augenblick zu konzentrieren und destruktive Gedanken und angstbesetzte Befürchtungen nicht permanent an uns herankommen zu lassen uns unsere Psyche stabil zu halten.
Darüber haben wir noch die Kontrolle. 

 

 

 

 

 

 

 

Montag, 21. September 2020

Liebe braucht nicht

 

                                                                Foto: A. Wende


Da sind so viele Löcher in uns und all diese Löcher sind die Quelle unseres Brauchens. Wir brauchen einander. Wir kennen es nicht anders, seit Kindesbeinen brauchen wir andere um zu überleben.
Wir verlieben uns, weil wir einander brauchen.
Der Zauber der Verliebtheit lässt uns glauben die Einsamkeit zu überwinden. Er lässt uns glauben das Bedürfnis nach Sicherheit, unser Angewiesensein auf Anerkennung und Wertschätzung zu erfüllen.
Und wir spüren irgendwann - das ist eine Illusion.

Der Zauber des Verliebtseins ist wie der Rausch einer Droge, flüchtig. Am Ende der Verliebtheit sehen wir wieder die Löcher, die wir mit dem Verliebtsein gefüllt haben und sie sind schwärzer und tiefer als zuvor. Der Irrtum, den wir dann begehen ist, dass wir die Löcher in uns für die Löcher in der Beziehung halten, dann, wenn wir eine Weile miteinander leben, wenn die Schwierigkeiten kommen, die Probleme, der Streit, die Gleichgültigkeit und am Ende das Verlassen. Dann glauben wir die Beziehung ist das Problem, oder der andere ist das Problem, weil wir unsere eigenen Löcher des Brauchens vergessen haben.

Liebe braucht nicht.
Weil die Liebe nicht braucht ist ihr Blick klar. Ein reifes Ich in dem die Liebe wohnt, ist sehend. Liebe ist kein schicksalsschwangeres Mysterium, das irgendwo in einem anderen Menschen auf uns wartet. Liebe ist das Selbst eines reifen Ichs, das nicht besitzen will, das keine Bindung anstrebt, sondern Verbundenheit mit sich selbst und allem fühlt.

Solange wir diese Verbundenheit nicht spüren, wollen wir einander besitzen, wollen wir dass er, sie, uns glücklich und ganz macht.
Und wir halten das Brauchen für Liebe.
Die Liebe kennt kein Brauchen, keinen Zweck. Sie ist. 
Wenn wir in der Liebe sind, können wir nicht ins Leere fallen.

Verzweiflung, Wut, Schmerz, Trauer und Angst sind nicht vermeidbar, wenn eine Verliebtheit zu Ende ist. All dies sind die enttäuschten Gefühle des Brauchens, das Verlust erleidet. Über den Verlust der Verliebtheit hinaus, steht das Ich wieder alleine da.
Diese Begegnung mit dem Ich ist immer wieder die Chance zur Entdeckung der Liebe.
Ich erkenne mich selbst im Alleinsein.
Ich erkenne die Wahrheit, die mir das Brauchen vernebelt hat: Jeder ist allein. Der Glaube zu Zweit dieses Alleinsein überwinden zu können entpuppt sich als Schimäre, weiter nichts. Der Glaube, dass das Du das Ich komplett macht ist eine Illusion.

Je unvollständiger das Ich ist, desto mehr braucht es ein Du.

Es ist unser Unvollständigsein, das braucht und nicht geben kann, ohne zu erwarten zu bekommen, ohne zu erwarten, dass die Löcher gefüllt werden, die Leere ein Ende hat. Ewig sind da diese Erwartungen an den anderen.
Aber was kann man erwarten? Eigentlich nichts.

Solange wir erwarten sind wir eng.
Enge ist Angst.
Angst hat Erwartungen.
Angst will Kontrolle.
Angst will festhalten.
Angst will Erwartungen festhalten, die auf Vorstellungen gründen, wie etwas zu sein hat, wie der andere uns zu begegnen hat, wie er uns zu lieben hat, damit wir glücklich sein können und ganz.

Wenn wir nicht mehr erwarten haben wir keine Angst mehr. Wir können empfangen. Dazu müssen wir offen sein und damit beginnen unsere Erwartungen nicht mehr an andere zu stellen.

Erwartungen an uns selbst und das eigene Leben erfüllen, damit fangen wir an.
Offen sein für uns selbst. Erst wenn wir eine tiefe Verbindung mit uns selbst fühlen, die uns erfüllt, können wir geben, ohne nehmen zu wollen, ohne zu brauchen – ohne Erwartungen.
Dann ist eine echte Verbindung mit einem anderen möglich. Dann ist Liebe.
Wir wissen um die Löcher und wir haben keine Angst mehr hineinzufallen.
Weil wir wissen: Was sie füllt, ist die Überwindung des Brauchens.
Liebe braucht nicht, das wissen wir, aber wir haben es nicht anders gelernt.
Wir dürfen dazu lernen.