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| Foto. A.W. |
In der Psychologie wird eine Krise meist als ein zeitlich begrenzter Zustand definiert. Modelle wie z.B. das von Verena Kast beschreiben einen zyklischen Verlauf. Auf den Schock folgen Trauer, Wut, Verhandlung und schließlich die Neuorientierung. Am Ende dieser Entwicklung, so das theoretische Versprechen, steht der Austritt aus der Krise und der Beginn eines neuen Normalzustands. Die Annahme dieses zyklischen Verlaufs ist heute längst überholt. Die Phasen können sich abwechseln, wiederholen oder bestehen bleiben und manchmal gibt es einfach kein Ende der Krise.
Unsere moderne Gesellschaft ist stark von einem Optimierungs- und Lösungsgedanken geprägt und auch in Teilen der Psychologie dominierte lange Zeit das Paradigma der „Bewältigung“, sprich Coping. Bewältigung suggeriert jedoch ein Ziel. Das Problem wird verarbeitet, die Wunde heilt, die Krise ist vorbei.
Dass jede Krise ein klares Ende hat, ist eine Wunschvorstellung der Theorie.
Diese Vorstellung scheitert an der Komplexität des realen menschlichen Lebens. Wenn wir über schwerwiegende Ereignisse sprechen, wie den Verlust eines geliebten Menschen, eine chronische oder fortschreitende schwere Krankheit, schwere Traumata oder das lebenslange Pflegen eines schwerkranken Angehörigen, dann gibt es keinen Punkt, an dem alles wieder gut ist oder die Krise einfach aufhört. Zu verlangen, dass jede Krise irgendwann abgeschlossen sein muss, führt zu einer Pathologisierung natürlicher Langzeitprozesse und erzeugt bei den Betroffenen nicht selten einen massiven sekundären Leidensdruck.
Es gibt drei wesentliche Gründe, warum manche Lebenskrisen kein klassisches Ende haben.
Dazu gehört der unumkehrbare Verlust
Manche Krisen verändern das Fundament unseres Lebens radikal und dauerhaft. Das was uns Halt gab und uns getragen hat, was wir liebten, was uns Sinn gab, ganz gleich was es im einzelnen Fall war, bricht weg. Und damit bricht nicht nur ein Leben weg, sondern in vielen Fällen auch unsere alte Identität. Dieser Verlust bleibt. Unser Leben wird nie wieder so sein wie davor. Es gibt kein Zurück zum alten Normal.
Die chronische Krise
Auch bei unheilbaren körperlichen oder seelischen Krankheiten oder anhaltenden existenziellen Belastungen bleibt der Krisenzustand dauerhaft bestehen. Die Bedrohung, das Leid oder der Schmerz verschwinden nicht. Hier verschwimmt die Grenze zwischen einer akuten Krise und der Realität permanenter Lebensumstände, die in der Regel auch noch zunehmend schlechter werden können.
Das Nachbeben
Selbst wenn ein traumatisches Ereignis vorbei ist, wie z. B. das Entkommen aus einer missbräuchlichen Beziehung oder das Überleben einer Katastrophe, können die psychischen Folgen, wie eine Posttraumatische Belastungsstörung, Jahrzehnte oder sogar ein Leben lang andauern. Die äußere Krise ist vorbei, die innere Krise bleibt.
Was, wenn eine Krise kein Ende hat?
In der Psychologie gehen wir bei solchen permanenten Krisen weg vom Konzept der Bewältigung, im Sinne von - das Problem verschwindet, hin zum Konzept der Integration.
Wenn die Krise kein Ende hat, verändert sich die Aufgabe.
So banal es klingen mag: Es geht jetzt darum mit dem Verlust des alten Lebens und dem Schmerz leben zu lernen. Es geht nicht darum wieder das Leben zurückzubekommen was vorher war, nicht mehr darum, der Mensch zu werden, der wir vor der Krise waren, es geht nicht mehr darum gesund oder schmerzfrei zu werden, sondern das was jetzt ist, als Teil des eigenen Lebens anzunehmen, sprich: zu integrieren. Mit einfachen Worten: Es geht darum, mit dem was unveränderbar ist irgendwie klarzukommen und ein neues Leben um die Krise herum zu gestalten. Die Krise ist zwar da, aber sie darf im besten Fall nicht mehr unser ganzes Leben beherrschen. Es geht um Resilienz statt Heilung. Es geht um Widerstandskraft, was bedeutet, trotz der dauerhaften Belastung, dem Leid und dem Schmerz noch Momente von Lebenssinn und Lebensqualität zu finden. Im besten Fall wachsen wir um die Krise herum. Das Leben erweitert sich wieder. Es entstehen neue Beziehungen, neue Interessen und neuer Sinn. Die Krise bleibt im Zentrum, nimmt aber irgendwann nicht mehr den gesamten Raum ein.
Resilienz ist der Weg im Angesicht des krisenhaften Dauerzustands.
Resilienz bedeutet in einer permanenten Krise etwas anderes als in einer akuten Krise.
Sie ist hier nicht wie bei der akuten Krise das Zurückfedern in den Ursprungszustand, sondern sie bedarf der Fähigkeit zur radikalen Akzeptanz. Radikale Akzeptanz bedeutet, die Realität so anzunehmen, wie sie ist, ohne sie zu beschönigen, aber auch ohne gegen das Unabänderliche anzukämpfen. Erst diese Akzeptanz stoppt das emotionale Ausbluten durch den vergeblichen Kampf gegen Windmühlen.
Aus psychologischer und menschlicher Sicht ist es meines Erachtens essenziell, anzuerkennen: Manche Krisen enden nie. Diese Erkenntnis kann uns entlasteten.
Sie befreit uns von der Erwartung, irgendwann wieder die oder der Alte sein zu müssen oder eine traumatische Erfahrung hinter uns zu lassen und vollständig zu heilen. Wir können nicht alle Wunden heilen. Und auch die Zeit heilt nicht alle Wunden. Psychologische Begleitung solcher dauerhaften Krisenzustände zielt daher nicht auf ein Ende der Krise, sondern auf den Aufbau der bestmöglichen Lebensqualität mit der Krise. Das Unabänderliche wird nicht weggemacht, aber es bekommt einen Platz in der eigenen Biografie.
Viele Menschen sagen, dass Krisen uns stärker machen. Doch eine Krise allein tut das nicht.
Ein Verlust ist keine Lektion, Schmerz ist kein Training, ein gebrochenes Herz ist kein Preis, den wir für persönliche Reife zahlen müssen, eine Krankheit ist keine Strafe und ein Schicksalsschlag kein Versprechen auf persönliches Wachstum. Manchmal macht uns die Krise einfach verletzlicher. Das tut weh. Das nimmt uns Sicherheit, Vertrauen oder Hoffnung. Was uns verändert ist nicht die Krise, nicht das, was passiert ist, sondern die Auseinandersetzung mit dem, was passiert ist. Die Zeit, die wir brauchen, um zu verstehen, um zu trauern, um loszulassen, um zu akzeptieren und langsam wieder Boden unter den Füßen zu finden. Nicht das, was uns zerbricht, macht uns stärker. Sondern die Arbeit, die wir machen, um uns aus den Trümmern wieder selbst aufzubauen.
Es ist völlig normal und legitim zu sagen: „Diese Krise hat für mich kein Ende.“ Die Erwartungshaltung an uns selbst oder die Erwartung anderer, dass wir irgendwann darüber hinwegkommen müssen, ist nicht nur falsch, sie ist unmenschlich und erzeugt nur zusätzlichen, unnötigen Druck.
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

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