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| Foto: A.W. |
Warum fällt es uns so schwer vertraute Verhaltensmuster zu ändern, selbst wenn wir wissen, dass wir uns damit selbst schädigen. Warum sind selbst kleine Veränderungen eine Herausforderung, an der wir scheitern? Und warum empfinden wir Veränderungen häufig als bedrohlich, obwohl wir sie uns wünschen? Die Antwort liegt zu einem wesentlichen Teil in der Funktionsweise unseres Gehirns. Die Neurowissenschaftliche Forschung zeigt, dass unser Gehirn alles was neu ist zunächst als potenzielle Gefahr bewertet. Dadurch entsteht ein innerer Widerstand, der bereits bei den kleinsten Schrotten in Richtung Veränderung spürbar wird.
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.
Alles was wir uns irgendwann angewöhnt haben, alles was wir oft genug wiederholen, ob gut oder ungut, ist tief im neuronalen Belohnungssystem verankert. Dort sitzt es fest und wir spulen es automatisch ab. Diese Automatismen bestimmen bis zu 90 % unseres Handelns. Unser Gehirn nutzt solche Automatismen, um den Alltag effizient zu bewältigen. Es muss nicht jede Handlung neu planen und jede Entscheidung von Grund auf abwägen. Was sich bewährt hat, kann schnell und mit vergleichsweise geringem kognitivem Aufwand abgerufen werden. Das gilt für hilfreiche Gewohnheiten ebenso wie für Verhaltensweisen, die uns langfristig schaden. Untersuchungen zeigen zudem, dass habitualisiertes Verhalten gegenüber Veränderungen der erwarteten Konsequenzen teilweise widerstandsfähig werden kann.Das Problem ist also nicht allein, dass wir an Gewohnheiten festhalten. Das Problem ist, dass unser Verhalten häufig bereits organisiert ist, bevor wir bewusst darüber nachdenken.
„Niemand ändert sich auf Kommando“, schreibt der Hirnforscher Gerhard Roth. Und niemand ändert sich, weil er es zu seinem eigenen Wohlergehen muss, möchte ich hinzufügen.
Selbst wenn Menschen erkennen, dass ihr Verhalten sie auf Dauer krank macht, fällt es ihnen unendlich schwer es zu verändern. Das erklärt auch warum Suchterkrankungen so schwer zu stoppen sind. Ein Mensch kann beispielsweise unter seiner Sucht leiden und dennoch an ihr festhalten.
Warum?
Weil unsere Verhaltensweisen häufig eine Funktion erfüllen, die über das Bewusste hinausgeht. Sie helfen uns möglicherweise, Angst zu reduzieren, Konflikte zu vermeiden oder unangenehme Gefühle kurzfristig nicht fühlen zu müssen. Selbst schädliche Verhaltensweisen wie Süchte, können auf diese Weise zu vertrauten Bewältigungsstrategien werden. Wenn eine Veränderung mit Angst, Kontrollverlust, Verzicht oder dem möglichen Verlust von Zugehörigkeit verbunden ist, gewichtet unser Gehirn die damit verbundenen Kosten besonders stark. Gleichzeitig ist der kurzfristige Nutzen des alten Verhaltens unmittelbar verfügbar. Wir reduzieren Anspannung und entgehen einer möglicherweise unangenehmen Erfahrung. Wir greifen in der Folge auf das Vertraute zurück. Wir bleiben beim Status quo, obwohl wir wissen, dass er uns langfristig schadet. Wer also klar erkennt, dass ein bestimmtes Verhalten ihm langfristig schadet, kann kurzfristig dennoch Erleichterung darin finden. Das Wissen um die fatalen Folgen löscht die erlernten Muster nicht automatisch aus. Das erklärt, weshalb Einsicht allein nicht ausreicht.
Wir neigen dazu, anzunehmen, dass wir unser Verhalten verändern können, sobald wir ein Problem verstanden haben. Doch zwischen Erkenntnis und tatsächlicher Veränderung liegt ein komplexer Prozess. Veränderung bedeutet auch wir müssen wir lernen, unangenehme Gefühle auszuhalten, ohne automatisch in die alten Muster zurückzufallen. Wer eine Sucht stoppen möchte, braucht Strategien für den Umgang mit Verlangen, Stress und belastenden Gefühlen Wer Grenzen setzen möchte, muss möglicherweise die Angst vor Ablehnung bewältigen. Wer Kontrolle reduzieren möchte, muss Unsicherheit zulassen. Veränderung bedeutet deshalb nicht nur, eine alte Gewohnheit zu lassen. Sie bedeutet auch mit den Gefühlen umzugehen, auf die das bisherige Verhalten eine Antwort gegeben hat. Sie bedeutet auch, zu lernen mit den Situationen und Gefühlen umzugehen, auf die das bisherige Verhalten eine Antwort gegeben hat.
Unser Verhalten wird in erster Linie von unbewussten Prozessen gesteuert. Unser limbisches System entscheidet schneller, als wir bewusst denken können.
Das rationale Bewusstsein kann zwar einleuchtende Argumente für eine Veränderung liefern und Impulse regulieren, doch die erste Tendenz zur Entscheidung entsteht im emotionalen und unbewussten Teil des Gehirns. Neurowissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass bereits vor einer bewussten Entscheidung Signale im Gehirn und in der Pupille aktiviert werden, die Aufwand- und Nutzenaspekte abwägen. Deshalb bleibt es beim Status-quo, heißt: wir bleiben beim alten Verhalten, auch wenn dieser Zustand selbstschädigend ist.
Das erklärt auch warum Therapie nicht, wie viele Menschen denken und hoffen, schnell hilft. Sie wollen ihre Probleme loswerden, ihre destruktiven Muster lösen, ihre unheilsamen Glaubenssätze ändern, ungesundes Verhalten sein lassen und machen die Rechnung ohne den Wirt: ihr Gehirn. Und das signalisiert: Bedrohlich! Das wiederum erzeugt Stress und inneren Widerstand.
Die gute Nachricht ist, dass die neuronalen Prozesse, die Gewohnheiten entstehen lassen, nicht ausschließlich gegen uns arbeiten. Dieselbe Fähigkeit des Gehirns, aus Erfahrungen zu lernen und Verhaltensweisen zu verändern, ermöglicht auch die Entwicklung neuer Muster. Wiederholung spielt dabei eine entscheidende Rolle.
Neue Verhaltensweisen müssen wiederholt in konkreten Situationen angewendet werden. Entscheidend ist allerdings nicht allein die Häufigkeit der Wiederholung, sondern Veränderung muss sich lohnen.
Viele machen zwar gedanklich am Anfang mit, ändern aber langfristig nichts. Sie schieben es dann auf die Methode, die nicht funktioniert, oder auf ihr Nervensystem und die darin gespeicherten Emotionen. Und damit haben sie sogar recht. Veränderungen, gleich welche, scheitert selten an der Therapie, oder am guten Willen des Klienten, sondern daran, dass das unbewusste emotionale System nicht erreicht wird. Veränderung muss auf drei Ebenen stattfinden. Sie muss unser Gehirn, unser Herz und unser emotionales Unbewusstes erreichen. Und sie findet zudem auch nur dann statt, wenn unser Gehirn sich eine Belohnung davon verspricht, heißt wenn die Veränderung positiv emotional aufgeladen wird. Auch das hat die Hirnforschung hinlänglich bewiesen. Veränderung braucht daher vor allem Wiederholung, Kontinuität, Zeit und das emotional empfundene Versprechen auf Belohnung.
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

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