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| Foto: A.W. |
Seit ich mit der Trauer lebe, hat sich mein Blick auf das Leben verändert. Dinge, die früher selbstverständlich waren, fühlen sich heute anders an. Die Stille ist nicht mehr immer friedlich, die Ruhe nicht mehr immer erholsam, und selbst die schönsten Momente werden von einer schmerzhaften Sehnsucht begleitet. Ich gehe meinen Weg weiter, während ein Teil von mir noch immer in meiner Vergangenheit lebt. Ich bin hier, in der Gegenwart und doch zieht es mich immer wieder zurück zu dem, was einmal war. Zu meinem vorherigen Leben, zu einer Nähe, die mir vertraut war und zu den Gedanken an einer Zukunft, die ich mir anders vorgestellt habe.
Dabei wünsche ich mir nichts Außergewöhnliches.
Ich brauche kein lautes Leben, keine ständige Gesellschaft und keinen Alltag, der bis zum letzten Moment ausgefüllt ist. Ich brauche nicht viele Menschen um mich herum. Ich brauche keine ständige Ablenkung, um mich lebendig zu fühlen. Mein Sinn liegt in den stillen Dingen, in Gedanken, die ich zu Ende denken darf, in Worten, die ich auf Papier bringe, und in Wegen, auf denen ich mit mir selbst in Frieden kommen kann. Ich gehöre zu denen, die ihre Kraft aus dem Alleinsein schöpfen und die zu sich selbst finden, wenn die Welt um sie herum leiser wird. Ich brauche kein Leben, in dem ich ständig etwas darstellen oder jemandem etwas beweisen muss. Ich mag mein Leben, in dem ich lese, schreibe, arbeite, nachdenke und einfach sein darf. Ein Leben, das nicht von äußerer Fülle lebt, sondern von innerer Tiefe. Es ist möglich, in dieser Einfachheit einen tiefen Frieden zu finden, wenn die Trauer nicht wäre.
Seit ich in diesem Jahr so viel verloren habe, ist meine Vorstellung von Ruhe anders geworden. Es gibt einen Unterschied zwischen dem Alleinsein, das ich selbst wähle, und der inneren Einsamkeit, die ich fühle. Das eine bedeutet Freiheit, das andere fühlt sich wie Leere an. Ich habe nicht entschieden, mein Leben allein weiterzuführen. Ich muss lernen, mit einer Abwesenheit zu leben, die ich mir nicht gewünscht habe. Das ist es, weshalb sich die Stille manchmal so schwer anfühlt. Nicht, weil ich grundsätzlich nicht gerne allein bin, sondern weil ich weiß, wie es sich anfühlt, nicht allein zu sein, sondern mit geliebten Menschen verbunden.
Wenn ich heute an meine Zukunft denke, muss ich mich mit einer Wirklichkeit auseinandersetzen, die ich mir so niemals ausgesucht hätte. Ich kann mir ein ruhiges Leben vorstellen, und dennoch macht mich der Gedanke daran an manchen Tagen tieftraurig. Nicht, weil dieses Leben weniger wertvoll wäre, sondern weil ich es mir anders gewünscht habe. Ich wollte die Ruhe mit einem Menschen teilen, mit dem selbst das Schweigen etwas Verbindendes hat, wissen, dass da jemand ist, mit dem ich meine Gedanken und meine Erlebnisse teilen kann. Es ist etwas anderes, allein durch den Wald zu gehen, weil ich die Natur liebe, als durch denselben Wald zu gehen und dabei schmerzlich zu spüren, wer nicht mehr neben mir geht. Der Schmerz über meine Verluste hat mein Jetzt radikal verändert. Ich denke an das, was war, und vergleiche es mit dem, was heute ist. Ich erinnere mich an Nähe und Verbundenheit und spüre die Lücke. Ich denke an gemeinsame Momente und frage mich ob das Leben jemals wieder eine solche Tiefe erreichen kann. Manchmal scheint die Vergangenheit heller als die Gegenwart, weil sie etwas enthält, das man verloren hat und nicht zurückholen kann. Dabei vergesse ich dann leicht, dass auch mein gegenwärtiges Leben einen Wert besitzt, selbst wenn es sich im Moment anders anfühlt als früher. Ich merke, wie gefährlich es ist, wenn ich mein heutiges Leben ständig an dem messe, was nicht mehr da ist. Dann wird jeder schöne Augenblick von dem überschattet, was fehlt. Ein Spaziergang ist nicht einfach ein Spaziergang, sondern wird zur Erinnerung an gemeinsame Wege. Ein ruhiger Abend ist nicht nur eine Gelegenheit zum Lesen oder Schreiben, er erinnert mich daran, mit wem ich ihn so gerne verbracht habe. Selbst ein friedliches Leben kann dazu führen, sich wie ein schmerzhafter Kompromiss anzufühlen, wenn ich es mit dem vergleiche was war.
Genau hierin liegt etwas, das ich noch lernen muss.
Mein Leben muss nicht wieder so werden, wie es einmal war. Ich kann die Vergangenheit nicht zurückwünschen, um in der Gegenwart Frieden finden zu können. Es ist vorbei. Ich muss auch nicht so tun, als hätte ich die Verluste verarbeitet. Beides darf nebeneinander existieren. Ich darf mein altes Leben vermissen und trotzdem ein neues Leben aufbauen, das mir entspricht. Ich darf darüber trauern, dass ich bestimmte Erfahrungen nicht mehr teilen kann, und dennoch neue Erfahrungen machen. Ich darf die Vergangenheit in meinem Herzen bewahren, ohne sie zum Maßstab für jeden kommenden Tag zu machen.
Vielleicht bedeutet Loslassen für mich deshalb etwas anderes, als ich mal geglaubt habe. Es bedeutet nicht, dass ich vergesse oder dass das Vergangene vollständig verarbeite. Es bedeutet vielmehr, dass ich akzeptiere, dass mein Leben nicht dort enden muss, wo die Vorstellung über meine Zukunft zerbrochen ist. Ich kann die Liebe und die Verbundenheit, die ich erlebt habe, als Teil meiner Geschichte mitnehmen, ohne für immer in dieser Geschichte leben zu müssen. Ich lerne, mit dem was unveränderbar ist irgendwie klarzukommen und ein neues Leben um meine Verluste herum zu gestalten. Sie sind zwar da, aber sie müssen nicht mehr mein ganzes Leben beherrschen. Ich darf das Leben, das zu mir passt, wiederentdecken, auch wenn es sich durch die Trauer verändert hat.
Es braucht noch Zeit bis ich den Unterschied zwischen meinem freiwilligen Alleinsein und meiner unfreiwilligen inneren Einsamkeit wieder deutlicher spüren kann. Ich muss lernen, dass nicht jede stille Stunde ein Zeichen für Verlust ist und nicht jeder glückliche Moment bedeutet, dass er, ohne ihn teilen zu können, wertloser ist. Ich darf mir ein Leben schaffen, in dem ich mich zu Hause fühle, ohne dabei so zu tun, als hätte es die Vergangenheit nie gegeben. Ich darf mich nach der Vergangenheit sehnen und gleichzeitig offenbleiben für das, was das Leben mir noch schenken kann.
Der Schmerz über das Vergangene sabotiert das Jetzt vor allem dann, wenn ich glaube, dass nur das frühere Leben ein erfülltes Leben war. Wenn ich meine Gegenwart ausschließlich durch den Verlust betrachte, nehme ich mir die Möglichkeit, ihren eigenen Wert zu erkennen. Dann wird mein Jetzt zu einer blassen Kopie dessen, was war, statt zu etwas, das auf seine eigene Weise Bedeutung hat. Ich möchte nicht, dass meine Erinnerungen zu einem Gefängnis werden. Ich möchte, dass sie ein Teil von mir bleiben dürfen, ohne mich daran zu hindern, weiterzugehen.
Ich weiß nicht, wie meine Zukunft aussehen wird. Vielleicht wird sie stiller sein, als ich sie mir früher vorgestellt habe. Vielleicht werde ich viele Stunden allein verbringen, mit meinen Büchern, meinen Gedanken, meinen Spaziergängen. Vielleicht werde ich lernen, in dieser Lebensform eine neue Art von Frieden zu finden. Und vielleicht wird die Sehnsucht immer einen Platz in mir behalten. Aber ich möchte nicht länger glauben, dass ein Leben, das anders geworden ist, deshalb ein unvollständiges Leben sein muss. Und dass ich nicht gezwungen bin, meine Trauer zu überwinden, bevor ich wieder anfangen kann, mir ein Leben zu gestalten. Am Ende geht es für mich nicht darum, die Trauer und den Schmerz einfach hinter mir zu lassen. Es geht darum einen Weg zu finden, auf dem beides Platz hat, das Leben, das ich gelebt habe und das Leben, das ich, so Gott will, noch vor mir habe. Ich möchte mir erlauben, das Leben, das ich heute führen kann, nicht ständig mit dem Leben zu vergleichen, das ich verloren habe. Vielleicht ist Frieden nicht der Zustand, in dem wir nichts mehr vermissen. Vielleicht ist Frieden der Moment, in dem wir das Vermissen nicht mehr mit dem Gefühl verwechseln müssen, dass uns deshalb das Leben verschlossen bleibt. Auch wenn ich nicht mehr dort leben kann, wo mein Herz einmal zu Hause war, kann ich langsam lernen, mir in meinem eigenen Herzen wieder ein Zuhause zu schaffen.
Angelika Wende

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