Heute Morgen sitze ich da, betrachte alte Fotos aus meinem früheren Leben und spüre dieses leise Ziehen in der Brust. Wieder einmal begreife ich, wie unaufhaltsam die Zeiger der Uhr ticken. In diesem Moment des Innehaltens, dieser Mischung aus Wehmut über das Vergangene und dem leisen Wunsch, die Zeit anzuhalten, frage ich mich: Was macht die Zeit eigentlich mit uns?
Die tiefste Realität des Menschseins zeigt sich im Blick auf die eigene Existenz. Wir haben einen Körper, wir haben eine Seele und einen Geist und wir stehen vor der Tatsache, in der Zeit zu leben, die uns unaufhörlich entgleitet. Und je älter wir werden, desto bewusster sind wir uns, dass unsere Zeit endlich ist. Chronos, die Zeit verschlingt alles, was sie hervorbringt. Jeden Augenblick, jedes Lebewesen und jede Epoche. Sie duldet keinen Kompromiss und scheinbar keinen Trost. Unsere Lebenszeit ist ein unaufhaltsamer Countdown, beherrscht von einer unerbittlichen Dynamik. Jeder Geburtstag, den wir feiern, ist ein Jahr weniger Leben. Chronos duldet kein Verweilen. Der Moment unserer Kindheit, die Kraft der Jugend, Augenblicke des Glücks, Beziehungen, Rollen, Identitäten – all das wird im Moment seines Entstehens von der Zeit verschlungen und vergeht. Unser Körper altert und am Ende fordert Chronos das Leben, das er uns geliehen hat, unerbittlich zurück. Es ist das nackte Gesetz der Vergänglichkeit, dem wir schutzlos ausgeliefert sind. Das ist eine tiefe Wahrheit.
Doch wahr ist auch: Chronos verschlingt die Gegenwart, um sie als fruchtbaren Boden in die Vergangenheit einzubetten, auf dem die Zukunft wachsen kann. Bezieht man dies auf uns Menschen, verliert das Altern ein wenig seine Grausamkeit und wird zu einer gestaltenden Kraft. Wenn Chronos all die Tage unseres Lebens verschlingt, löscht er sie nicht aus, er verwandelt sie in das Fundament unserer Persönlichkeit.
Das Kind, das wir einmal waren, ist nicht im Nichts verschwunden, es lebt weiter in uns. Jede Erfahrung, jede Liebe, jede überwundene Krise wird von Chronos in unserer Seele, unserem Geist und unserem Körper bewahrt. Wir werden – und zwar zu dem, der wir sind, im Vergehen der Zeit und durch das Vergehen von Zeit. Unser Jetzt und unsere Zukunft entstehen niemals im luftleeren Raum, sie wachsen auf dem Sediment unserer eigenen Vergangenheit. Jede neue Epoche, jedes neue Lebewesen und jeder neue Gedanke speist sich aus dem, was vorher war. Das Vergangene verschwindet nicht im Nichts, sondern es wird gewandelt. Aus dem Alten entsteht Neues. Aus den Erfahrungen der Vergangenheit erwächst (hoffentlich) die Weisheit von morgen.
Chronos agiert in unserem Leben nicht nur als seine Kinder verschlingender Gott, sondern zugleich als Transformator, der jeden Moment gelebten Lebens bewahrt, uns wachsen und innerlich reifen lässt. Er ist für uns Menschen beides zugleich. Er lässt das körperliche Jetzt vergehen und zugleich formt und baut er daraus das Fundament unseres Ichs. Wir können die Zeit nicht aufhalten, wir werden vergehen, aber wir können die Herausforderung annehmen und unsere geliehene Zeit mit unserem Sein füllen, mit Sinn und Bedeutung und sie in unserem Einflussbereich gestalten. Augenblick für Augenblick.
Jeder Augenblick unseres Daseins wird von Chronos verschlungen, nicht, um uns zu vernichten, sondern um uns zu dem Menschen zu machen, der wir morgen sein werden. Die Zeit verschlingt die Form der Dinge, aber sie bewahrt ihre Substanz als Bausteine für das Kommende. Jeder Augenblick ist die direkte Folge des vorangegangenen Moments. Die Vergangenheit hinterlässt kein Loch, sondern sie hinterlässt Formung. Wir stehen immer auf den Schultern dessen, was vor uns war und wer wir einst waren.
Alles, alles ist vergänglich, aber nichts ist umsonst.
Das was bleibt sind unsere Taten.
Angelika Wende
www.wende-praxis.de

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