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| Foto: A.W. |
Das Verlangen der Realität zu entfliehen, ist so alt wie das menschliche Bewusstsein selbst. Doch in einer Gegenwart, die von permanenter Reizüberflutung, kollektiver Überforderung, globalen Krisen und dem unerbittlichen Takt der Leistungsgesellschaft geprägt ist, hat der Eskapismus eine neue Dimension erreicht. Wo früher der Roman oder das Tagträumen ausreichten, stehen heute via Smartphone unendliche digitale Zufluchtsorte permanent bereit. Doch was treibt Menschen in den Eskapismus und wo verläuft die Grenze zwischen heilsamer Erholung und gefährlichem Selbstverlust?
Der Begriff des Eskapismus ist im alltäglichen Sprachgebrauch oft negativ besetzt. Er klingt nach Drückebergerei vor den harten Fakten des Lebens. Wer vor der Realität flieht verweigert sich ihren Herausforderungen. Andererseits, die menschliche Psyche ist keine Maschine, die ununterbrochen funktionieren kann und muss. J.R.R. Tolkien schrieb dazu in einem Essay: „Warum sollte ein Mensch verpönt oder verachtet sein, wenn er, da er sich in einem Gefängnis befindet, versucht, herauszukommen und nach Hause zu gehen? Oder wenn er, falls er das nicht tun kann, über andere Themen nachdenkt und spricht als über Gefängniswärter und Gefängnismauern?“
Wenn die Realität als Gefängnis oder als Überforderung erlebt wird, ist die Flucht kein Akt der Schwäche, sondern ein Akt der psychischen Selbsterhaltung. In seiner gesunden Form fungiert der Eskapismus dann als ein mentaler udn emotionaler Schutzraum. Unser Nervensystem ist nicht dafür gebaut, im Sekundentakt mit den Katastrophenmeldungen der ganzen Welt konfrontiert zu werden, während wir gleichzeitig im Alltag funktionieren müssen. Das bewusste Abtauchen in ein Videospiel, das Versinken in eine Serie oder das stundenlange Hören von Musik erlaubt es dem Gehirn auszuruhen. In diesen künstlichen Welten gelten klare Regeln. Im Videospiel haben wir die Kontrolle, in der Serie siegt oft das Gute. In der eigenen Traumwelt fühlen wir uns sicher. Diese temporäre Reduktion von überfordernder Komplexität schenkt der Psyche die Atempause, die sie braucht, um danach wieder in die echte Welt zurückzukehren. In diesem Sinne ist Eskapismus keine Verweigerung der Realität, sondern ein psychologischer Abwehrmechanismus, eine Auszeit von einer Welt, die zu viel ist. Viele Künstlerinnen und Künstler haben diesen Abwehrmechanismus schon immer in eine produktive Kraft verwandeln. Aber während der Alltagskonsument in vorgefertige Welten eintaucht, baut sie der Kreative. Künstler flüüchten nicht vor der Welt, sondern in die Leinwand, in das Notenblatt oder in das Manuskript. Sie schaffen Zufluchtsorte für Menschen, die dieselbe Enge spüren wie sie selbst.
Gefährlich wird die Realitätsflucht erst dann, wenn der Vorhang des seelischen Schutzraums dauerhaft geschlossen bleibt. Durch die Digitalisierung ist die Weltflucht so barrierefrei geworden wie nie zuvor. Algorithmen sind darauf programmiert, uns genau mit der Ablenkung zu füttern, die uns am effektivsten betäubt. Wenn aber das digitale Exil gemütlicher wird als das reale Leben, droht die chronische Vermeidung. Die Probleme in der realen Welt lösen sich durch Eskapismus nicht. Sie sind da, auch wenn wir ihnen lieber entkommen wollen. Wer nur noch im Digitalen lebt, entfremdet sich von seinen eigenen Gefühlen und Bedürfnissen. Das innere System kollabiert, wenn die Rückkehr in die Realität nicht mehr als Option, sondern als Bedrohung wahrgenommen wird.
Der Eskapismus ist also weder gut noch schlecht. Er ist eine Art Überlebensstrategie und zugleich ist er auch ein Seismograph. Die Intensität, mit der ein Mensch oder eine Gesellschaft nach Ablenkung sucht, zeigt an, wie hoch der Druck und die Überforderung im Inneren sind. Ein gesunder Umgang mit Eskapismus erfordert Ehrlichkeit mit sich selbst. Die Frage lautet nicht: „Fliehe ich?“, sondern: „Wovor fliehe ich und komme ich gestärkt zurück?“ Solange die Fluchtwelt nicht zur dauerhaften Heimat wird, ist sie ein zutiefst menschliches und kreatives Ventil. Sie erlaubt uns zu träumen, auszuruhen und kurz durchzuatmen, um schließlich den Blick wieder in diese, unsere Welt zu richten, uns der Realität mit ihrer Unvollkommenheit zu stellen und in unserem Einflussbereich etwas dazu beizutragen, dass sie aushaltbarer wird.
Angelika Wende
