Samstag, 14. Juni 2025

Verzweiflung ist der schlimmste Affekt

 


Verzweilfung ist der schlimmste Affekt.Verzweiflung ist ein komplexes emotionales und psychologisches Phänomen, das häufig in Situationen intensiver Belastung, nach einem schweren Verlust oder angesichts auswegloser Umstände auftritt. Psychologisch betrachtet ist Verzweiflung eine Reaktion auf eine wahrgenommene Diskrepanz zwischen den eigenen Erwartungen, Bedürfnissen oder Zielen und der aktuellen Realität, die als unerträglich oder unüberwindbar erlebt wird. Aus neurobiologischer Sicht sind bei der Verzweiflung sogar Veränderungen in den Hirnregionen beteilig. Diese Veränderungen können dazu führen, dass die Person sich hilflos, ausgeliefert und ohne Kontrolle fühlt, was die emotionale Belastung verstärkt. Psychologisch spielt die Verzweiflung eine zentrale Rolle in verschiedenen Theorien der Bewältigung und Resilienz. Sie kann als eine Krise der Sinnfindung betrachtet werden, bei der der Mensch den Glauben an eine positive Zukunft verliert. In solchen Momenten kann die Wahrnehmung der eigenen Hilflosigkeit dominieren, was die Motivation zur Problemlösung erheblich beeinträchtigt.
 
Oft sind Menschen in ihrer Verzweiflung emotional nicht mehr erreichbar. Der Verzweifelte befindet sich in einem tiefen emotionalen Ausnahmezustand. Er zieht sich zurück um mit den intensiven Gefühlen irgendwie umzugehen. Verzweiflung ist eng mit depressiven Zuständen verbunden, da sie oft von Gefühlen der Hoffnungslosigkeit, Wertlosigkeit und innerer Leere begleitet wird. Diese Gefühle können in einem Teufelskreis enden in dem negative Gedankenmuster die emotionale Lage weiter verschlechtern. Wenn ein Mensch vollkommen vereinsamt ist und niemanden hat, kann das die Verzweiflung noch verstärken. 
 
Da ist Angst, da ist Ohnmacht, da ist Hoffnungslosigkeit.
Niemand, der sich seinem Leid zuwendet.
Der Verzweifelte bleibt allein zurück, allein in seinem Schmerz und untröstlich.
Leere.
Der Fall in ein tiefes Loch.
Verzweiflung macht sich breit und breiter. Sie überschattet das Leben.
Nichts macht mehr Freude, nichts hat mehr Bedeutung.
Nur noch Einsamkeit innen.
Eine existenzielle Einsamkeit, die sich eingräbt und bleibt.
Der Verlust von Sinn.
 
Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard wagte um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Behauptung, kein Mensch lebe oder habe gelebt, ohne dass er verzweifelt gewesen sei. Daher sei es keine Seltenheit, dass jemand verzweifelt, sondern - im Gegenteil - das Seltene, ja sogar das sehr Seltene sei, dass jemand nicht verzweifelt ist. Und er behauptete weiter: „Sich nicht bewusst zu sein, dass man verzweifelt ist, heißt noch lange nicht, nicht verzweifelt zu sein.“
In der Sinnkrise wird die Verzweiflung ins Unbewusste verlagert. Die Leere, die gefühlt wird, ist nichts anderes als schiere Verzweiflung am Verlust des Lebenssinns, die Verzweiflung am eigenen Sein, das wirkungslos geworden erstarrt und als nutzlos empfunden wird.
„Zweifeln“ heißt zweifachen Sinnes sein, sich in der Schwebe zwischen zwei oder mehreren Möglichkeiten halten. So mündet zweifelndes Denken im besten Falle aus dem wogenden Meer der Möglichkeiten in den sicheren Hafen. Das Ziel des Denkens geht vom Ungewissen über das Mögliche zum Ziel hin. Wer aber am Leben verzweifelt erlebt den Verlust aller Möglichkeiten und damit den Lebenssinn.
 
Wir alle können den Sinn verlieren, auch ich kenne das. Immer wieder gab und gibt es Momente in meinem Leben in dem die Verzweiflung wie eine riesige Welle über mir zusammenbricht. Momente, in denen sie mich wie ein schwarzer Schatten überfällt. Dann schwimme ich um aus der Tiefe der Welle wieder nach Oben zu kommen. Das erfordert Kraft und führt auch immer zu Kraftlosigkeit, aber es bedeutet: Überleben, trotz und mit der Schwäche, die immer noch ausreicht um einen Sinn zu finden, auch da wo der alte verloren ist.
Sinn suchen und uns Sinn geben, das können nur wir selbst.
Wir finden ihn nicht indem wir Vorgedachtes und Vorgelebtes übernehmen. Den Sinn des Lebens darf jeder selbst für sich suchen und finden, und im Zweifel auch wieder verlieren und wieder neu finden. Der Mensch ist Schöpfer, der sich zu jedem Zeitpunkt seiner Biografie selbst aus der Taufe hebt, wenn er sich dessen bewusst ist. Es ist an uns selbst den Sinn in das eigene Leben hineinzulegen, um ihn dann herauslesen zu können. Das ist Sinngebung und dieser folgt Sinnempfinden. Den Sinn des eigenen Lebens finden, heißt: sich in Zusammenhänge hinein zu denken. Dem eigenen Leben Sinn zu geben heißt: die Zusammenhänge in unserer Biografie erkennen, den roten Faden erforschen, ihn weiter zu spinnen und zwar an unserem eigenen Spinnrad und nicht die Fäden den Händen anderer zu überlassen.
Kierkegaard behauptet nicht, dass der Zweifel notwendigerweise zur Verzweiflung führt. Er behauptet aber, dass der Zweifel sich dann in Verzweiflung ergibt, wenn er an einen Punkt gelangt, an dem er nicht mehr weiter weiß. Solange wir noch zweifeln, verzweifeln wir nicht, dann gibt es noch Alternativen und Möglichkeiten. Erst wenn diese restlos ausgeschöpft sind, macht sich die Verzweiflung breit, dann ist der Mensch erschöpft – es kommt zum Bruch zwischen Ich und Welt.
 
„Ich gehe davon aus, dass es sich bei der Verzweiflung um eine bestimmte phänomenale Ausdrucks-und Erlebnisqualität einer psychischen Befindlichkeit handelt, die den ganzen Menschen in leiblichen, emotionalen, motivationalen und kognitiven Hinsichten erfasst, und die sich von der phänomenalen Qualität anderer Befindlichkeiten unterscheiden lässt. Um auf diese Art und Weise zu erkennen, ob man selbst oder jemand Anderes verzweifelt ist, muss man dann zwar bestimmte phänomenale Qualitäten introspektiv oder am Verhalten des Anderen wahrnehmen, aber man muss nicht wissen, was sich kausal oder funktional, hormonell oder neuronal in Gehirn und Nervensystem dieses Menschen abspielt.“ Schreibt Friedhelm Decher in seiner Monographie "Verzweiflung. Anatomie eines Affektes."
Der Affekt der Verzweiflung stellt sich Decher zufolge dann ein, wenn sich ein Mensch in einer absolut hoffnungs-und ausweglosen Lage befindet, die sich dadurch kennzeichnet, dass er keine Wahl mehr hat, dass ihm jegliche Freiheit der Entscheidung genommen ist. Verzweiflung wäre demzufolge der Verlust von Wahl-und Entscheidungsfreiheit.
Für mich ist Verzweiflung auch der Moment, wo wir das Gefühl haben nicht mehr weiter zu wollen, obwohl es Möglichkeiten gäbe. In der Verzweiflung können wir sie zwar durchaus noch sehen, aber sie nicht mehr ergreifen. Wir sind emotional dazu nicht mehr fähig, warum auch immer. Das ist der Moment in dem wir Hilfe brauchen um mit dieser Hilfe nach Etwas zu suchen, was uns aus dem tiefen Meer der Verzweiflung herauszieht. 
 
"Wessen wir am meisten im Leben bedürfen ist jemand, der uns dazu bringt, das zu tun, wozu wir fähig sind", schreibt Ralph Waldo Emerson.
Ein verzweifelter Mensch braucht ein Gegenüber, das ihn versteht, seine Verzweiflung annehmen kann und nicht vor ihr zurückschreckt aus dem Gefühl eigener Hilflosigkeit heraus. Jemand, der vor der Wucht der Verzweiflung des anderen nicht flieht. Wir brauchen jemanden, der uns aktiv hilft, indem er uns Denk- und Handlungsalternativen anbietet, die uns zu einer neuen existentiellen Einstellung verhelfen. Wir brauchen eine neue Sinngebung. Diese beginnt mit der Bereitschaft unsere Gewordenheit, mit allem, was uns ausmacht, anzuerkennen, mit dem was, war Frieden zu machen, Verantwortung für unseren bisherigen Lebensweg zu übernehmen und daraus die Konsequenzen für unseren weiteren Lebensweg zu ziehen. 
 
Wenn es uns gelingt die Vergangenheit anzuerkennen und, ganz gleich wie sie war, produktiv auf unsere Gegenwart zu beziehen, können wir lernen, angemessen mit der Gegenwart umzugehen und zuversichtlich in die Zukunft zu blicken. Dann sehen wir wieder Möglichkeiten, die uns aus der Verzweiflung auferstehen lassen wie Phönix aus der Asche. 
 
Trotz ihrer überwältigenden Natur ist Verzweiflung in den meisten Fällen kein dauerhaftes Gefühl. Alle Wege um sie zu überwinden zielen darauf ab, negative Denkmuster zu erkennen und zu verändern, um wieder Hoffnung und Handlungsfähigkeit zu entwickeln, auch wenn es schwer ist.
Hoffnung bedeutet hier: Die Möglichkeit zu akzeptieren, dass sich die Situation verändern kann.
Verzweiflung ist eine menschliche Erfahrung, die tief in unserer psychischen Struktur verwurzelt ist. Sie ist immer ein Signal, dass eine Veränderung dringend notwendig ist. Sie bietet die Chance, durch professionelle Unterstützung und ehrliche Selbstreflexion neue Wege zu finden, um mit diesem bedrohlichen Affekt umzugehen.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Donnerstag, 12. Juni 2025

Aus der Praxis: Scham

 



Starke Scham ist ein Dämon, dessen Existenz wir gerne verleugnen. Scham hat eine zerstörerische Macht. Scham kann uns wie eine Sucht beherrschen. Wer sich schämt, tut alles um dieses zerstörerische Gefühl zu unterdrücken, doch solange es unterdrückt wird, ist da Leugnen und Abwehr. Scham ist eine der zerstörerischen Kräfte in unserem Leben. Erst wenn wir die Scham benennen können, ohne sie zu verurteilen, verliert sie ihre Macht über uns.
Gesunde Scham ist kein schlechtes Gefühl, sie macht uns menschlich, sie zeigt uns unsere Grenzen, sie sagt uns, wo wir Acht geben müssen, um nicht über das Ziel hinauszuschießen. Sie bewahrt uns davor zu verletzen und zu zerstören. 
 
Starke Scham aber ist zerstörerisch. Sie zerstört unser Selbstbild und zeigt sich in Süchten, Pathologien, Zwängen, Angststörungen, Phobien und Neurosen. Sie kann zur Hoffnungslosigkeit führen und schwächt unsere Lebenskraft.
Scham erzeugt nicht nur das Gefühl in den Erdboden versinken zu wollen – Scham erzeugt auch Wut. Über das zu sprechen wofür man sich schämt, macht wütend, gerade weil man sich schämt. Das Gefühl der Scham, wird es nicht aufgelöst, führt zu einer chronischen Beschämung, und kann zu einer Art "Scham-Wut" führen. Diese Wut ist oft eine Abwehrreaktion auf das Gefühl der Ohnmacht und der Unzulänglichkeit, das mit der Scham verbunden ist. Scham kann auch zu chronischem innerem Stress und Kampf- oder Flucht-Reaktionen führen.
 
In der Scham verleugnen wir uns selbst, wir fühlen uns, als hätten wir unser Gesicht verloren. 
In der Scham fragmentiert sich unser Innerstes. Wir sind bedrückt von der Angst man könne uns entdecken und bloßstellen. Wir verstecken uns vor uns selbst und vor der Entdeckung anderer. Wer sich schämt führt oft ein Leben in seelischer Isolation.
Scham macht scheu - wir scheuen das Licht.
Wir möchten am liebsten in den Boden versinken, wir muten uns keinem zu, wir fürchten Nähe, weil wir fürchten entlarvt zu werden.
Wer unter starken Schamgefühlen leidet steht mit sich selbst im Konflikt und dadurch steht er mit der Welt in Konflikt. Scham ist wie ein eiserner Vorhang, der vom Leben trennt. Scham konfrontiert uns mit unseren vermeintlichen Mängeln, mit Gefühlen von Schuld, Schlechtsein, Fehlerhaftigkeit, Schmutzigsein und Wertlosigkeit. Scham suggeriert: „Du bist nicht liebenswert. Du bist schlecht und somit bist du auch schlecht für andere.“
Scham ist Gegenstand der Selbstverachtung.
Sie ist eine Qual, ein Leiden der Seele.
Scham führt zum Schämen aufgrund der Scham.
Scham führt dazu uns selbst nicht zu achten und zu vertrauen. 
 
Das Gefühl der Scham hat seine Ursachen oft in der Kindheit.
Scham wird internalisiert, wenn sich Bindungspersonen schamlos verhalten, auf welche Weise auch immer, und Kinder zu Zeugen dieses schamlosen Verhaltens werden. Sie übernehmen die Scham stellvertretend für die, die sie nicht empfinden. Scham wird internalisiert, wenn ein Kind gedemütigt, missbraucht, in seinem So-sein nicht geliebt und angenommen wird. Scham wird internalisiert, wenn einem Kind die Existenzberechtigung abgesprochen wird. Man raubt ihm die Menschenwürde.
Ein Kind, das gedemütigt oder missbraucht wird, verliert sein wahres Selbst. Es spaltet es ab. Damit hört es auf seelisch zu existieren. Es verliert seine vitale Lebensenergie, es entfremdet sich von sich selbst. Sich von sich selbst entfremden bedeutet, dass wir Teile unseres Selbst als fremd und nicht zu uns gehörig empfinden. Ein Teil in uns selbst wird zum Objekt der (Selbst)Verachtung. Wer sich selbst verachtet ist sich selbst nicht gut.
 
Starke Scham kann zu innerer Lähmung, zu innerem Rückzug und affektiver Passivität führen. Ein Leben, das von Scham beherrscht wird, gibt sich nicht die Erlaubnis frei zu sein, frei zu leben. Immer ist da das Gefühl nicht dazuzugehören. Immer ist man auf der Hut. Immer meint man, man ist den anderen lästig oder zu viel.
Der Psychoanalytiker Léon Wurmser schrieb einmal sinngemäß: Menschen sehen ihre Scham gleichsam „im Blick der tausend Augen“ der anderen. Der Blick der „tausend Augen“ ist für Menschen, die unter starker Scham leiden, bedeutsam. Sie leben ständig in der Angst herabgesetzt, herabgewürdigt, ausgegrenzt, gedemütigt und neu beschämt zu werden. Dies führt dazu, dass sie sich immer weiter in sich selbst zurückziehen. Sie bauen Mauern um sich, mauern sich ein in einer Welt, die ihnen Schutz verspricht. Doch dieser Schutz hat den Preis der emotionalen Isolation. Nicht selten führt unbewältigte Scham zur Sucht. Sucht hat immer auch mit einem gespaltenen Selbst zu tun und der Überzeugung ein Mensch zu sein, der mit Makeln behaftet ist und dem Gefühl dem Leben nicht gewachsen zu sein. In der Sucht liegt der Versuch das Gefühl des Schmerzes zu betäuben. Die Sucht und ihre Folgen führen wiederum zu neuer Scham. So erzeugt Scham immer wieder Scham.
Ein Teufelskreis.
 
Um krankhafte Scham zu überwinden bedarf es immer einer Veränderung des Selbstbildes.
Dazu gehört zunächst die Akzeptanz des Schamgefühls, auch wenn es weh tut.
Dazu gehört: Selbstmitgefühl entwickeln.
Dann heißt es, das Gefühl der Scham zu erforschen, es zu identifizieren und zu hinterfragen um sich von dem Gefühl zu disidentifizieren.
Was war der Auslöser?
Was oder wer hat mich derart beschämt?
Weiter geht es darum Bewältigungsstrategien zu entwickeln.
Im Tiefsten geht es darum die eigene Würde wieder zu erlangen.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Mittwoch, 11. Juni 2025

Was wir fürchten, ist schon passiert und weil es passiert ist, darf es sich nie mehr wiederholen

 


Was wir fürchten, ist schon passiert und weil es passiert ist, darf es sich nie mehr wiederholen."Was wir fürchten, ist schon passiert" im Kontext von Traumatischen Erlebnissen drückt aus, dass das, was wir befürchten, bewusst oder unbewusst, längst eingetreten ist. „Die Vergangenheit belagert unsere Gegenwart“, schrieb Fritz Perls, der Vater der Gestaltherapie. "Sie belagert sie in der Weise, dass Handlungen, Aktivitäten und Situationen vermieden werden, die nur das Geringste mit dem, was in der Vergangenheit passiert ist, zu tun haben könnten. "
 
Die Tendenz Unangenehmes zu vermeiden, hat jeder von uns.
Es ist ein Abwehrmechanismus, um uns vor etwas zu schützen, was wir fürchten. Traumatisierte Menschen aber haben tief verinnerlicht, wenn ich dies und das tue, passiert das, was ich einmal erlebt habe oder getan habe, was dazu führte, dass mir Leid geschah oder dass ich anderen durch mein Verhalten Leid angetan habe, auch Letzteres kann traumatisch wirken. 
 
Ich hatte einmal einen Klienten, der als junger Mann mit achtzehn Jahren seine Familie verlassen hat, weil er den aggressiven, alkoholsüchtigen Vater und die Gewalt, die er ihm gegenüber ausübte hat, nicht mehr ertragen konnte. Er ging, als der Vater ihn im Rausch fast totgeschlagen hätte. Er ließ seine Mutter und die siebenjährige kleine Schwester zurück. Um sein eigenes Leben in Sicherheit zu bringen, verließ er die beiden. Das führte zu starken Schuldgefühlen, die er unterdrücken und abspalten musste um nicht daran zu zerbrechen. Im späteren Leben tat er alles um die Erwartungen anderer zu erfüllen und ignorierte seine eigenen Bedürfnisse vollkommen. Er blieb in einer Ehe in der er todunglücklich war, weil er nie wieder jemanden verlassen wollte. Er opferte sich für seine Familie auf, er stellte seine Bedürfnisse zurück indem er sich an die Wünsche, Bedürfnisse und Anforderungen anderer anpasste. Er gab sein Selbst völlig auf. Alles um die alten Gefühle von Schuld und Scham nicht fühlen zu müssen, derer er sich nicht einmal bewusst war, weil er sie zum damaligen Zeitpunkt abgespalten hatte. Nie mehr wollte er jemand im Stich lassen. Er vermied alles von dem er glaubte, es könne anderen schaden. Er verließ sich selbst. Er sperrte sich selbst in einen Käfig und lebte nur für andere. Als er die Diagnose Krebs bekam, kam er zu mir um seine Vergangenheit aufzuarbeiten.
 
Die Vermeidungsstrategie meines Klienten wurde zu seiner Überlebensstrategie um nie wieder die alten Gefühle von Schuld und Scham fühlen zu müssen, weil er, um sein eigenes Leben zu schützen, Mutter und Schwester alleine mit dem gewalttätigen, alkoholkranken Vater gelassen hatte. Er verhielt sich so, weil er unbewusst glaubte, dass der Preis für seine Schuld das Opfern all seiner Bedürfnisse, Rechte und Grenzen sei.
 
Was mein Klient vermeiden wollte, war längst passiert. Er hatte zwei geliebte Menschen verlassen.
Vermeidung und Spaltung sind Abwehrmechanismen, mittels derer wir belastende und schmerzhafte Gefühle, Erfahrungen, Erlebnisse, Erinnerungen, Gedanken und Bedürfnisse aus dem Bewusstsein verbannen. Es kommt zu einer Abschiebung ins Unterbewusstsein. Die Spaltung dient der Abwehr der unerträglichen Vorstellungen unseres eigenen Selbst oder von anderen. Es gibt nur noch gut oder böse, schwarz oder weiß und keine Mitte. 
Vermeidung ist eine Form der Abwehr um die Gefühle, die in der belastenden Situation als so bedrohlich und unaushaltbar empfunden wurden, dass sie abgespalten wurden, nie mehr fühlen zu müssen. Trotz der Abspaltung aber sind diese Gefühle da. Sie werden permanent unterdrückt oder kompensiert, unter anderen durch selbstschädigendes Verhalten, egal welcher Art. 
 
Die Vermeidung einer Situation, eines Ortes, von Handlungen, Gefühle, Gedanken oder sogar von Menschen hat große Auswirkungen auf den Menschen, der das tut. Er will alles vermeiden um nicht mit dem unverarbeiteten Erlebnis in Kontakt zu kommen und konfrontiert zu werden Dies führt dann zu allen möglichen seelischen Problemen und psychischen Störungen und im schlimmsten Falle zu schweren körperlichen Erkrankungen. 
 Vermeidung und Spaltung können bewusst oder unbewusst geschehen. Wenn wir Dinge im Leben vermeiden, weil sie uns an ein belastendes Erlebnis oder ein Trauma erinnern, ist es wichtig für unsere seelische und unsere körperliche Gesundheit, Hilfe zu suchen um das Belastende zu verarbeiten und es als Teil unserer Biografie zu akzeptieren und zu integrieren. Wenn alles verarbeitet und integriert ist, gibt es keinen Grund mehr zu vermeiden. 
 
Mein Klient darf lernen die Tatsache, dass er seine Familie verlassen hat, annehmen zu können, auch wenn sie schmerzt und diesen Schmerz endlich zuzulassen. Er darf lernen mit Ambivalenzen (emotional Unvereinbarem) umzugehen, die Spannungen und Ängste erzeugen können. Er darf lernen sich selbst zu verzeihen, indem er begreift, dass er zum damaligen Zeitpunkt nicht anders handeln konnte. 
 
„Schmerz ist dafür da, um uns aufzuwecken. Wir müssen Schmerz aushalten. Er ist wie ein Radius. Sie spüren seine Stärke, wenn sie Schmerz erfahren. Alles hängt davon ab, wie wir damit umgehen.“
Fritz Perls
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Montag, 9. Juni 2025

Inneres Wachstum und Trauer

 

Wenn wir mit der Arbeit an uns selbst beginnen und uns mehr und mehr über uns selbst bewusst werden, kann es sein, dass wir von einer tiefen Trauer erfasst werden.
Diese Trauer gehört dazu.
Wenn wir genesen setzen wir uns mit der Art und Weise auseinander, wie wir uns gefühlt und verhalten haben. Wir werden uns darüber bewusst, wie wir uns selbst und andere belogen haben, wie wir uns selbst verleugnet haben, wie lieblos und schlecht wir uns selbst behandelt haben, wie gefühllos und hart wir gegenüber uns selbst waren, wie verstrickt wir in alte Überlebensmuster waren und wie süchtig wir nach Dingen waren, die uns geschadet haben. Wir entwachsen toxischen Beziehungen, die nur aufgrund der früheren Version von uns selbst funktioniert haben. Wir trennen uns von vertrauten Menschen und Gewohnheiten, die unheilsam sind.
Das sind Verluste und jeder Verlust tut weh und macht traurig.
Das ist vollkommen normal.

Wir machen die Arbeit, wir wollen heilen und das bedeutet auch, dass wir uns von den selbstschädigenden und begrenzten Ausdrucksformen unserer selbst verabschieden müssen. 

Wir trauern darüber wie viele Jahre unseres Lebens wir an unserer Selbstverleugnung und unserer Angst wir selbst zu sein gelitten haben. Wir lassen Teile unseres früheren Ich los, wir lassen alte Identifikationen los, wir lassen das Bild los, das wir von uns hatten und anderen gezeigt haben, wir lassen Erwartungen, Überzeugungen und Glaubensmuster los, wir lassen all den Kram los, der uns klein und schwer gemacht hat.

Wir verlassen eine alte Identität.  

Das Loslassen von Aspekten unseres früheren Selbst bedeutet nicht nur destruktive Denk- und Verhaltensweisen aufzugeben, sondern auch Vertrautes loszulassen, mitsamt den Teilen unserer Identität, die uns einst Sicherheit, Halt und Trost schenkten, die wir aber hinter uns lassen müssen, um zu genesen und um zu wachsen, denn alles, was scheinbare Sicherheit und scheinbaren Halt bedeutete, war geboren aus den Überlebensstrategien unseres verletzten Inneren Kindes.
Es wusste es nicht besser, es konnte nicht anders.
Es wollte uns nicht schaden. Es war hilflos und verzweifelt.
Auch das kann das Gefühl tiefer Trauer in uns erwecken.
Und das ist gut so.

Inneres Wachstum ist immer mit Trauer verbunden. Trauer ist ein wichtiger Aspekt der Heilung.

Diese Trauer gilt es zuzulassen. In der Trauer fließen die Tränen, die wir vielleicht nie um uns selbst geweint haben, in ihr liegt Mitgefühl für uns selbst, das wir nie gefühlt und uns nie erlaubt haben und das wir jetzt zum ersten Mal spüren. Inneres Wachstum bringt immer eine Art Tod mit sich, Altes muss sterben um Platz für die Geburt des Neuen zu machen. Dazu gehört die Trauer.

"Es geht nicht darum, sich besser zu fühlen, sondern darum, besser zu fühlen."
Dr. Gabor Maté
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de








Samstag, 7. Juni 2025

Aus der Praxis: Selbsthilfestrategien gegen die Einsamkeit

 



Es ist verständlich, sich Sorgen über Einsamkeit zu machen, besonders wenn sie lange andauert und emotional sehr belastend ist. Es gibt Schritte und hilfreiche Strategien, die du anwenden kannst, um deine Situation zu verbessern und die Einsamkeit zu verringern.
Hier sind einige davon:
 
Anerkennen: Um deine Einsamkeit zu überwinden, ist der erste Schritt, die eigene Einsamkeit anzuerkennen. Dir bewusst einzugestehen, „Ich fühle mich einsam“, mag dir vielleicht wie ein persönliches Versagen erscheinen, ist es aber nicht, Einsamkeit kann jeden von uns treffen – kein Grund sich zu schämen. Scham konserviert die Einsamkeit – sie ist nicht hilfreich und nicht angemessen. 
 
Selbstreflexion: Überlege ob tiefere Ursachen, die in dir selbst liegen, deine Einsamkeit aufrechterhalten. Ich erinnere mich an eine Zeit in der ich nach einer tiefen zwischenmenschlichen Enttäuschung das Band zwischen mir und anderen durchtrennt habe und mich in meiner Trauer in eine selbstgewählte Einsamkeit zurückzog. Es dauerte, bis ich begriff, dass dies eine alte Überlebensstrategie aus meiner Kindheit war. Überlege also, was genau zu deiner Einsamkeit geführt hat. Finder heraus, was die inneren und/oder äußeren Auslöser waren? Reflektierte dein Denken und dein Verhalten in Bezug auf deine Mitmenschen. Überlege was in deinem Leben fehlt, welche Bedürfnisse brach liegen und was du dir wirklich wünscht. All das kann helfen, gezielt nach Wegen der Veränderung zu suchen. In der Einsamkeit liegt immer die Chance, dich selbst besser kennenzulernen, mit dir selbst Freundschaft zu schließen, Selbstmitgefühl zu entwickeln und dich wieder zu öffnen. 
 
Achtsamkeit und Selbstfürsorge: Kümmere dich gut um dich selbst. Achte auf eine gesunde Ernährung, achte darauf, welche Nahrung du zu dir nimmst, iss bewusst und nicht nebenbei, im Stehen oder Gehen, sorge für deine Körperpflege und ausreichend Bewegung, am Besten in der Natur. Nähre deinen Geist und deine Seele mit schönen Dingen. Auch Achtsamkeitspraktiken wie z.B. Meditation, Yoga oder Qi Gong, können dein Wohlbefinden steigern und dir helfen, besser mit Einsamkeit umzugehen.
 
Tagesstruktur: Struktur ist hilfreich um einen Rahmen im Alltag zu schaffen. Struktur führt zu mehr Halt, reduziert Stress und führt zu einem Gefühl von Sicherheit und Orientierung. Eine Tagesstruktur gibt dir das Gefühl dein Leben besser im Griff zu haben und hilft gegen das Gefühl von Kontrollverlust. Überlege dir feste Ankerpunkte. Das kann ein täglicher Spaziergang sein, Mahlzeiten zu einer bestimmten Zeit oder ein Telefonat mit einem vertrauten Menschen am Abend. Wenn du spürst, was dir guttut, mach es zu einem festen Bestanteil deines Tages. 
 
Hobbies und Interessen: Finde Dinge und Tätigkeiten, die dir Freude machen und dich wirklich interessieren. Was hast du als Kind am Liebsten gespielt, wenn du alleine warst? Erinnere dich daran, wenn du nicht weißt, was dir Freude macht. Wenn du tust, was du liebst, fühlst du dich mit dem, was du tust, verbunden, du gehst in Resonanz, das reduziert das Gefühl von Einsamkeit.
Für Selbstliebe und Selbstachtung können wir selbst sorgen, indem wir uns selbst, durch unser Tun, Gutes tun. Und manchmal empfinden wir dabei sogar Augenblicksglück. Die schönste Schwester der Einsamkeit ist die Freiheit und die beginnt damit, dass wir frei entscheiden können, was wir tun wollen. 
 
Journaling: Schreib es dir von der Seele. Schreiben hat eine entlastende Wirkung. Du wendest dich bewusst dir selbst zu und lernst dich nach und nach besser kennen. Du lernst die Verbindung zwischen deinen Verhaltensmustern und deinen Gefühlen nachzuvollziehen und zu verstehen. Du wirst dir deiner Bedürfnisse bewusst.
Journaling hat für mich nicht nur eine klärende, sondern auch eine kathartische Wirkung. Alles was mich belastet, schreibe ich raus. Wie die Schriftstellerin Elfriede Jelinek einmal über das Schreiben sagte: "Es ist, als ob man ständig kotzen müsste. Man will gar nicht, aber man muss.“ Krass ausgedrückt, aber für mich trifft es zu. Das Beste am Tagebuchschreiben ist, dass du deine Gefühle und Gedanken, indem du sie aufschreibst, aus der Beobachterperspektive betrachten und so neu ordnen kannst. Journaling ist zudem hilfreich um zu erkennen, was nicht gut für dich ist - und dich auf das zu fokussieren, was gut und heilsam ist und dich wachsen lässt. Und letztlich hilft es, sich selbst besser aushalten zu können.
 
Ein schönes Umfeld: Unsere eigene Umgebung hat einen großen Einfluss auf uns. Eine behagliche Wohnung kann zum selbstgebauten Käfig werden, wenn wir uns nur noch in sie zurückziehen, aber sie kann auch das Gefühl der Einsamkeit etwas lindern. Eine ansprechende Umgebung ist dein Rückzugsort, den du dir schön machst und liebevoll pflegst. Das kann dein Wohlbefinden steigern und ein Gefühl von Geborgenheit vermitteln, was besonders in schwierigen Momenten hilfreich sein kann. Die persönliche Umgebung schön machen heißt auch – Kreativer Selbstausdruck und Wertschätzung deiner selbst. Ich finde Schönheit tröstlich. Ich liebe es schöne Dinge um mich herum zu haben, z.B. immer einen frischen Blumenstrauß auf dem Schreibtisch. Oft sind es die keinen Dinge, die uns trösten und erfreuen können – unterschätze das nicht. Eine schöne Umgebung hilft um die Einsamkeit nicht immer an die Gefühlswand zu malen. 
 
Get connectet: Und dazu musst du nach draußen gehen. Besser ist es rauszugehen, als dich selbst zu isolieren, denn je länger du das tust, desto schwerer wird es, das wieder zu ändern. Wer sich selbst isoliert landet irgendwann in einem selbstbetonierten Verlies. Rausgehen ist immer gesünder als sich einzuigeln, auch wenn nichts Besonderes dabei rauskommt. Suche aktiv nach Möglichkeiten mit Menschen in Kontakt zu gehen. Das können Cafébesuche, Ausstellungen, Kino- und Theaterbesuche, Konzerte, Kurse oder Gemeinschaftsveranstaltungen in deiner Stadt sein. Manchmal reicht schon ein kleines Gespräch, eine kurze Begegnung, um wieder ein Gefühl von Verbindung zu spüren.
Wenn du trotzdem keine Kontakte machst – es ist okay! Du warst proaktiv, du hast dich überwunden und das ist ein Grund, dich selbst zu loben. Mach einfach weiter damit.
Slow and steady wins the race!
 
Social Media: Die sozialen Medien geben uns das illusionistische Gefühl miteinander verbunden zu sein. Herzchen und Likes geben uns das Gefühl gesehen und wertgeschätzt zu werden, aber sobald wir den Rechner runterfahren fühlen wir: Irrtum, wir sind allein. Die Einsamkeit hat uns wieder. Die digitale Welt ist Trostfutter für den Hunger nach Verbundenheit, satt macht sie nicht. Zu häufiges und zu langes Herumscrollen verstärkt sogar die Einsamkeit. Wir sehen lauter scheinbar glückliche Menschen in ihrem scheinbar glücklichen Leben und fühlen uns wie der letzte Mensch, der das alles nicht hat und zu allem Übel denken wir vielleicht: „Mit mir stimmt was nicht, ich muss doch was grundlegend falsch machen.“ Solche Gedanken verstärken das Gefühl nicht dazuzugehören und lediglich eine Randfigur zu sein, die das bunte Treiben nur beobachtet und ausgeschlossen ist. Das verstärkt das Gefühl verlassen und verloren zu sein, dabei sind wir nur verloren in den illusionistischen Welten von Social Media, die mit der Realität der meisten Menschen, nicht viel zu tun hat. Öfter mal den Rechner und das Handy ausschalten und dafür ein gutes Buch lesen, ist heilsamer als das angeschlagene Selbstwertgefühl mit sinnlosem Kram nähren.
 
Lesen: Lesen hilft gegen die Einsamkeit. Das ist meine Erfahrung. Man ist allein und doch nicht. Man darf beim Lesen sogar allein sein, um das Gelesene wirklich zu erfassen und zu verinnerlichen. Bücher helfen gegen die Einsamkeit, weil sie uns mit den Geschichten der Figuren, den Gedanken des Autors , den Worten und der Sprache verbinden. Wir gleiten in andere Welten, in fremde oder in vertraute, wir erfahren dabei - wir sind nicht allein mit unseren Geschichten, Gedanken und Gefühlen oder unserem Kummer. Es ist tröstlich, dieses Gefühl – du bist nicht allein mit deinen Ängsten, deiner Sehnsucht und deiner Einsamkeit. Zudem ist es motivierend zu erfahren wie andere Menschen mit dem umgehen, was das Leben ihnen an Herausforderungen vor die Füße wirft. Besonders Biografien können unterstützend wirken und uns Impulse geben, um unser Leben anders zu sehen und neu zu gestalten. 
 
Vermeidung von negativen Einflüssen: Halte dich von Menschen und Situationen fern, die deine Einsamkeitsgfühle verstärken. Das schließt toxische Beziehungen und selbstschädigene Gewohnheiten ein. 
 
Ehrenamt: Engagiere dich ehrenamtlich. Das hilft nicht nur anderen, sondern kann erfüllend sein und dazu führen, dass du Menschen findest, die ähnlich ticken wie du. Es tut gut anderen zu helfen, denen es nicht gut geht. Es ist ein sinnvolles Tun, bei dem wir noch dazu unsere eigenen Sorgen und Probleme relaltivieren können.
Online-Communities: Suche nach Menschen in sozialen Netzwerken oder Foren, die sich mit deinen Interessen und Leidenschaften beschäftigen. Das kann eine Möglichkeit sein, Gleichgesinnte zu finden.
 
Therapie und/oder Selbsthilfegruppen: Es ist immer hilfreich über deine Gefühle zu sprechen, mit einem Coach, einem Therapeuten oder in einer Selbsthilfegruppe. Dort findest du Menschen, denen es ähnlich geht wie dir. Das schafft Verbundenheit.
Veränderungen im Umfeld: Wenn du dich in deinem Umfeld nicht wohl fühlst und es dir leisten kannst, könnest du überlegen, ob ein Umzug in eine andere Stadt oder ein Jobwechsel einen neuen sozialen Kreis ermöglichen könnte, der besser zu dir passt als zum Beispiel die spießige Stadt, in der du gerade lebst oder der ungeliebte Job, der dich ausbrennt. 
 
Kleine Ziele setzen: Anstatt zu versuchen, dein gesamtes soziales Leben auf einmal zu ändern, setze dir kleine, erreichbare Ziele. Zum Beispiel könntest du dir vornehmen, einmal pro Woche einen neuen Ort aufzusuchen oder einen Menschen anzusprechen, den du vom Sehen kennst.
 
Vertrautheit schaffen: Manchmal kann es helfen, regelmäßig zu denselben Orten zu gehen, um eine vertraute Umgebung aufzubauen. Ob in einem Café, einer Bibliothek oder einem Park - durch wiederholte Besuche erkennen und gewöhnen sich Menschen aneinander und überwinden leichter die Barriere um sich einander zuzuwenden.
 
Einsamkeit ist eine Herausforderung, die immer mehr Menschen betrifft. Es gibt Möglichkeiten sie zu überwinden, wenn wir dazu bereit sind. Es lohnt sich proaktiv zu werden und gezielt nach Möglichkeiten zur Veränderung zu suchen.
 
Und was, wenn das alles nicht funktioniert?
Es kann frustrierend sein, wenn alle Strategien der Einsamkeit zu entkommen keinen Erfolg bringen. Wenn du das Gefühl hast, dass nichts hilft, such dir professionelle Hilfe. Wenn du es noch nicht getan hast, erwäge die Unterstützung eines Therapeuten oder eines Beraters. Diese Menschen können dir helfen, die tieferen Ursachen für deine Einsamkeit herauszufinden und individuelle Strategien zur Bewältigung zu entwickeln.
Manchmal kann Einsamkeit auch mit unbewältigter Trauer, einer tiefen Kränkung, einer unverarbeiteten Trennung, einem schweren Schicksalschag, einer Posttraumatischen Belastungsstörung, einer Depression, mit Ängsten, Zwängen oder einer Behinderung zusammenhängen. Achte auf diese Symptome und sprich offen darüber mit einem Arzt deines Vertrauens oder einem Therapeuten.
 
Notfallkontakte: Wenn du dich in manchen Momenten sehr einsam, isoliert oder verzweifelt fühlst, schäme dich nicht, einen Krisendienst oder eine Hotline zu kontaktieren. Dort sind Menschen, die geschult sind, um in schwierigen emotionalen Situationen zu helfen.
 
Es ist wichtig, geduldig mit dir selbst zu sein.
Veränderungen brauchen Zeit, und manchmal sind kleine Schritte entscheidend um Fortschritte zu machen. Mach dir bewusst, dass du nicht allein bist und dass es viele Unterstützungsressourcen gibt, wenn du sie suchst.
Sei mitfühlend und freundlich zu dir selbst in dieser schwierigen Phase. Es ist okay, sich einsam und verloren oder hilflos zu fühlen.
Vergiss niemals Selbstmitgefühl zu üben.
Sei freundlich zu dir selbst in dieser schwierigen Phase.
Akzeptiere, dass es Zeit und Geduld braucht, um Veränderungen herbeizuführen.
Es ist wichtig deine Gefühle ernst zu nehmen. Wenn es dir schwerfällt, alleine damit umzugehen, ist es ein Zeichen von Mut und Stärke, dir Hilfe zu suchen. Du verdienst es, gehört zu werden und Unterstützung zu erhalten.
 
Und, last but not least: Akzeptanz üben.
Manchmal ist es hilfreich, die Einsamkeit zu akzeptieren und anzuerkennen, dass sie Teil des Lebens ist und uns allen phasenweise immer wieder begegnet. Einsamkeit kann eine Zeit der Selbstentdeckung und es inneren Wachstums sein, in der du lernst, mit dir selbst in Einklang zu kommen. Und vielleicht lernst du sogar Einsamkeitsfähigkeit – die hohe Kunst mit der Einsamkeit Freundschaft zu schließen.
 
 
Zur besseren Lesbarkeit habe ich das generische Maskulinum verwendet. Die verwendeten Personenbezeichnungen beziehen sich auf alle Geschlechter.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Donnerstag, 5. Juni 2025

Einsamkeitsfähigkeit

 



Kann man der Einsamkeit etwas Positives abgewinnen?, frage ich mich. 
Man kann. Etwas davon ist innere Stärke. Man hält durch. Minuten, Tage, Stunden, Wochen, Monate, manche sogar Jahre oder Jahrzehnte. Wieviel Kraft in diesen Menschen steckt. Wieviel Resilienz, die jeden Tag neu auf die Probe gestellt und bewiesen wird. Wieviel Stärke, das Leben allein zu meistern. Wieviel Mut aufzustehen, dem neuen Morgen und sich selbst ins Gesicht zu blicken, ohne zu jammern, ohne zu klagen, ohne in eine Depression zu versinken, ohne aufzugeben und vollkommen zu resignieren, ob der Leere der vier Wände, die kein Echo zurückgeben, egal wie laut die Einsamkeit ins sie hineinruft.
Wieviel Größe, sich sich selbst zu stellen, ohne ein sicheres Netz, ohne Hände, die einen halten und auffangen, sondern sich selbst Halt zu geben, sich Halt zu sein und es zu schaffen, immer wieder, sich nicht fallen zu lassen. Wieviel Hoffnung, die lebendig bleibt, obgleich es ein Balanceakt ist das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Wieviel Sehnsucht die ausgehalten wird, ohne Erfüllung zu finden. Wieviel Liebe zum Leben, die unzerstörbar sein muss, um es nicht freiwillig zu verlassen, weil die Liebe unteilbar ist, ob der Verlassenheit von allem und jedem. Wieviel Fähigkeit in Resonanz zu gehen mit der Schönheit der Dinge, die das Leben schenkt, als tröstende Verbindung, wenn menschliche Verbundenheit fehlt. Wieviel Güte und Mitgefühl, sich dennoch um andere zu sorgen und zu kümmern, auch wenn sich keiner um einen selbst kümmert, außer man selbst. Wieviel Schöpfertum in der Einsamkeit steckt, sei es in Musik, Wort, Gedanke und Bild, das nur dort gefunden und Gestalt annehmen kann um in die Welt zu gehen. Es ist beeindruckend wieviel positive Energie in der Einsamkeit zu finden ist. Das ist Einsamkeitsfähigkeit, wie es der Philosoph Odo von Marquard nennt. 
 
„Krankhaft ist nicht Einsamkeit. Problematisch ist vielmehr die Schwächung der Kraft zur Einsamkeit“, schreibt Marquard. Wenn Einsamkeit unvermeidlich ist, sollten wir sie gestalten, empfiehlt er. Das klingt weise, aber Weisheit stellt sich nicht ein, wenn wir sie brauchen, wir werden weise mit der Zeit und indem wir unsere Haltung den Dingen gegenüber ändern, indem wir uns dafür entscheiden und bereit sind dies auch tun. Die Bereitschaft mit der Einsamkeit umzugehen ist eine Herausforderung. Gerade für jene, die sie nur schwer aushalten können. Der innere Widerstand ist groß. Verständlich, denn Einsamkeit ist kein Vergnügen. 
 
Die Einsamkeit zu leben will geübt sein.
Sich selbst zu begegnen, die innere und äußere Stille auszuhalten, sich mit der eigenen Wahrheit zu konfrontieren, sich nicht ablenken zu können, die Langeweile leerer Stunden zu ertragen, die eigenen Ängste auszuhalten, ist eine schwere Übung. Aber in ihr liegt auch die Chance sich mit sich selbst zu verbinden, mit sich selbst in Beziehung zu treten und was uns von uns selbst trennt zu überwinden - das bedeutet Einsamkeitsfähigkeit lernen.
Einsamkeit ist, wenn wir sie nicht bewerten, eine sehr besondere Erfahrung. Am Boden dieser Erfahrung liegt eine tiefe Wahrheit: Einsamkeit ist eine Grundgegebenheit menschlichen Seins.
„Jeder ist allein, kein Mensch kennt den anderen ... ", schreibt Hermann Hesse, ein Weiser, der diese tiefe Wahrheit erkannt hat.
Sicher wir haben Beziehungen, aber immer sind wir auch allein. Einzelne, Vereinzelte, Einsame. Einsam können wir auch unter Menschen sein. Ich kenne es gut, dieses Gefühl des Einsam-seins im eigenen Mikrokosmos, in meiner inneren Welt, die keiner so fühlt wie ich, die, ganz gleich wie nahe der andere mir ist, unteilbar ist. Das eigene Innere, der tiefe Grund der Seele, bleibt dem anderen soweit immer fremd als er uns nicht fühlen kann. Kein Mensch fühlt, was wir fühlen. Vermag er sich auch noch so sehr in uns einfühlen – etwas lässt uns gefühlt allein. Und auch wir selbst können uns fremd sein, irgendwo an einem inneren Ort, an dem unsere tiefsten Tiefen nicht ins Bewusstsein dringen.
Wir sind immer auch Einzelne, bis zum Tode, bis zum Moment des Abschieds vom Leben. Den müssen wir alleine nehmen, auch wenn uns ein geliebter Mensch dabei die Hände hält. Diese sterblichkeitsbedingte Einsamkeit verlangt geradezu nach Einsamkeitsfähigkeit. 
 
„Nicht die Einsamkeit, sondern die Unfähigkeit zur Einsamkeit ist das eigentliche Problem“, schreibt Marquard weiter. Viele von uns haben die Fähigkeit zum Alleinsein nicht erlernt oder verloren. Nun ist Alleinsein nicht einsam sein, aber es kann dahinführen, wenn es zu lange anhält. Je weniger wir das Alleinsein geübt haben, je mehr wir andere brauchen um uns lebendig zu fühlen, je mehr wir anderer bedürfen um das zu erhalten, was uns in uns selbst fehlt, je mehr Anerkennung, Zuwendung, Wertschätzung und Bestätigung durch andere wir brauchen, desto schlechter gelingt das Alleinsein und desto bedrohlicher wird das Gefühl der Einsamkeit empfunden.
Das Ich braucht das Du. Das steht außer Frage, aber das Ich braucht auch sich SELBST.
Wir brauchen andere, um uns zu erkennen und um uns zu begreifen. Sie sind uns Lehrer, Partner, Spiegel. Über und mit anderen lernen wir viel über uns selbst. Aber wir brauchen auch die Begegnung mit uns selbst. Wir brauchen die ungestörte Selbstreflexion, die uns uns selbst näherbringt, je öfter wir sie üben. Die Übung der Einsamkeit als Eins-sein. Einsseins mit uns selbst und dann mit uns selbst einig sein, einverstanden sein mit uns selbst. Dieses Eins-sein ist eine notwendige Erfahrung. Ihre Essenz ist das eigene Sein in seiner Fülle und Ganzheit. 
 
Zu uns selbst kommen, bei uns selbst bleiben und nicht vor uns selbst wegrennen, sondern uns selbst begegnen, das ist das Geschenk das in der Einsamkeit liegt, wenn wir es annehmen. "Einsamkeit hat den großen Vorteil, dass man die Flucht vor sich selbst einstellt“, schreibt Marcel Proust. Stellen wir die Flucht ein, hören wir auf Einsamkeit als schmerzliche Last zu ertragen, in der Hoffnung sie möge schnell vorübergehen. Nicht abwartend auf ihr baldiges Ende, kann es gelingen nicht nur nicht mehr zu fliehen, sondern die Lust daran zu erkennen und die Freiheit, die sie in sich trägt, zu (er)leben. Das ist für mich Einsamkeitskompetenz. Um das einsame Leben zu bestehen, brauchen wir die Kompetenz der Einsamkeitsfähigkeit. 
 
Die unvermeidliche Einsamkeit kann jedem von uns begegnen.
Es gibt sie, weil wir sterben müssen und es gibt sie, weil das Leben sie als Erfahrung in sich trägt. Leben ist auch einsam sein.
Nicht alles im Leben können wir frei wählen, aber wir können frei wählen, wie wir mit allem umgehen wollen. Warum also, wenn das Leben uns gerade Einsamkeit beschwert, nicht antworten mit: Es ist okay. Ich bin bereit sie anzunehmen. Nicht als Mangelwesen, sondern als bewusster Mensch bin ich offen und bereit mit meiner Einsamkeit umgehen zu lernen. Ich bin bereit sie auch positiv zu erfahren. Ich bin bereit aus der Bodenlosigkeit, die sie mich fühlen macht, zur Bodenhaftung zu gelangen. Verwurzelt werden will ich, in mir selbst. Selbstverwurzelung anstreben, indem wir Ja sagen zur Einsamkeit und unsere Kommunikationsansprüche an das Außen reduzieren. Indem wir die Herausforderung annehmen, nach Innen zu gehen, die Kommunikation mit uns selbst aufnehmen und daraus eine Lebenskunst machen. Zur Lebenskunst gehört auch: allein nicht einsam zu sein.
Frieden schließen mit der Einsamkeit, ist das möglich? Meines Erachtes ist esmöglich, denn da ist immer etwas, was uns in Verbindung hält mit dem Leben. Selbst wenn wir einsam sind, sind wir auf einer höheren Ebene in Verbindung. 
 
"Die Einsamkeit ist in Wahrheit ein Ort, an dem man sich mit dem Gefühl, menschlich zu sein, verbinden kann.”
 
Fritz Perls

Montag, 2. Juni 2025

Aus der Praxis: Einsamkeit und Scham

 



Einsamkeit mittlerweile zu einer Art Massenphänomen geworden. Sie zieht sich durch alle Altersschichten hindurch, manche sprechen sogar von einer Einsamkeitsepedemie.
Viele sind einsam.
Man sieht sie nicht.
Man hört sie nicht.
Weil sie schweigen.
Aus Scham.
 
„Wer einsam ist hat etwas falsch gemacht, ist sozial inkompatibel, ein Außenseiter einer, der sich nicht integrieren kann oder will, ein Sonderling, ein Versager auf dem Gebiet menschlichen Miteinanders. Er ist selbst schuld.“
Solche Stigmatisierungen sind erstens falsch und zweitens führen sie dazu, dass sich einsame Menschen nicht outen, weil sie sich schämen.
Einsamkeit ist ein subjektives Empfinden und die Ursachen dafür sind vielfältig. Fragt man Menschen wie sich Einsamkeit anfühlt, findet fast jeder andere Worte um das Gefühl zu beschreiben. Einsamkeit ist ein Gefühl und ein Zustand.
Im Zustand der Einsamkeit empfinden wie einen ganzen Cocktail von Gefühlen und alle sind unangenehm bis schmerzhaft. Unbehagen, Wut, Ohnmacht, Trauer, Angst, Panik, Sehnsucht, Hoffnungslosigkeit, Resignation, Verzweiflung, Verbitterung, das Gefühl der Andersartigkeit und eben auch die Scham gehören dazu.
Scham, Selbstmitleid, Selbstabwertung, Spaltung, Selbsthass, Selbstzerstörung sind oft die Folgen lang anhaltender Einsamkeit. Langeweile gehört dazu. Alleinsein gehört dazu, nicht verbunden sein, nicht dazuzugehören, von allem und jedem getrennt sein und sich so fühlen, gehört dazu. Je länger der Zustand der Einsamkeit anhält, desto stärker werden diese Gefühle.
An manchen Tagen sind sie für Betroffene so unerträglich, dass sie körperliche Schmerzen verursachen. An anderen Tagen ist es erträglicher und man kommt klar. Einsamkeitsgefühle unterliegen Schwankungen, je nach Dauer, Gemütszustand und Tagesform.
Einsame sind allein in sich selbst und viele sind allein unter anderen - sie sind innerlich einsam. Im Zeitalter der um sich greifenden Einsamkeit sind es immer mehr Menschen, die sich mit der Einsamkeit herumschlagen müssen. Die Herausforderung ist, sich ihr zu stellen und irgendwie damit umgehen zu lernen oder im Idealfall - sie zu beseitigen. Letzteres ist schwerer als so manche Tipps und gut gemeinte Ratschläge uns glauben machen wollen. Rausgehen, Kontakte suchen, heißt es. Menschen treffen, egal wie, egal wo, als oberste Priorität, um die Einsamkeit zu beenden.
Schön und gut.
Aber Kontakte sind nicht gleich die Kontakte, die der Einsame sucht – er sucht nach dem Gefühl von tiefer und echter Verbundenheit und das findet er nicht in beliebigen Kontakten mit anderen und schon gar nicht beim Rausgehen. Man kann einen ganzen Tag in der Stadt oder sonstwo herumlaufen ohne einen menschlichen Kontakt zu haben, der über die paar Worte mit der Kassiererin im Supermarkt hinausgeht.
Es kommt nicht auf die Quantität an, sondern auf die Qualität der Kontakte um das Gefühl von Einsamkeit zu beseitigen. Und diese Qualität findet sich nicht so leicht. Das Gegenteil ist der Fall, sie findet sich höchst selten. 
 
Ich habe KlientInnen, die suchen seit einer Ewigkeit, sie tun alles um in Kontakt zu kommen, es funktioniert nicht. Je länger es nicht funktioniert, desto größer wird die Scham, es nicht zu schaffen, nicht fähig zu sein, auch nur einen Menschen zu finden, mit dem man zumindest das kleinste Gefühl von Resonanz und Verbundenheit spürt.
Die Einsamkeit wirkt dann wie ein Vergrößerungsglas für die Scham, sie wird groß und größer, so groß, dass der Einsame alle Versuche rauszugehen und sich zu zeigen einstellt. Er möchte am liebsten im Erdboden versinken. 
 
Die Scham konserviert die Einsamkeit.
Aus Scham wird Rückzug und Isolation.
Die Scham schützt die Einsamkeit und die Einsamkeit schützt die Scham.
Weil er sich schämt, bleibt der Einsame einsam.
Die Scham kann so groß werden, dass die Einsamkeit hingenommen wird wie eine Strafe für das eigene soziale Versagen, dessen man sich dann beschuldigt.
Über Scham redet es sich noch schwerer als über die Einsamkeit und das ist das Fatale daran – der Einsame verstummt. Er schweigt, traut sich nicht mehr zu sprechen, es auszusprechen. 
 
Was der Scham entgegensetzen?
Du musst dich nicht schämen!
Sinnlos. Es hilft nichts, es macht die Scham nicht kleiner und nicht weg.
Was hilft, ist genau das, was die Scham verhindert: Sprechen. Das Schweigen beenden.
Und wenn da keiner zum Zuhören ist, sich professionelle Hilfe suchen. Dafür muss sich niemand schämen. 
 
“Einsamkeit kommt nicht davon, keine Menschen um sich herum zu haben, sondern davon, unfähig zu sein, die Dinge zu äußern, die einem wichtig sind oder seine eigenen Standpunkte zu vertreten, die andere als unzulässig finden.”
 
C.G.Jung
 
Angelika Wende