Montag, 19. Februar 2024

Dankbar

 

                                                                      Foto: A.Wende
 
 
Dankbarkeit gehört zu den höchsten Energien, die wir erleben können. 
Dankbarkeit anstatt zu verurteilen, abzulehnen, zu bereuen, zu hadern, zu verbittern. 
Alle Erfahrungen im Leben, besonders die Unguten, tragen zu unserem Wesen bei und helfen uns zu wachsen.
Warum wachsen, könnte man jetzt fragen?
Weil das Gegenteil von wachsen eingehen bedeutet.
Warum also Energie verschwenden und sich dem was ungut ist, widersetzen?
Es gehört zu uns wie das Gute.

Samstag, 17. Februar 2024

Aus der Praxis: Herz, Verstand und Belohnungssystem

 

                                                                        Foto: pixybay

 

„Das Herz hat seine Gründe, die die Vernunft nicht kennt“, schrieb der französische Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal
Die Erfahrung gibt ihm recht.
Oft habe ich auf die Gründe meines Herzens gehört. Meist war es richtig und manchmal hat es mir Unheilsames eingebracht. Ich habe Menschen in mein Herz gelassen, die mir nicht gut taten, aber das Herz wollte das nicht wissen. Es war doch so sicher, dass es am richtigen Platz war, sich dem Richtigen geschenkt hatte.
Was sagt mir das? Auch das Herz kann irren.
Oder es will nicht wissen, was der Verstand sagt.
 
Herz und Verstand sind oft Gegenspieler.
Sie sind nicht immer im Einklang, besonders wenn es um Gefühle geht. Dann gewinnen die Gefühle fast immer. Gefühlt glauben wir auf dem richtigen Weg zu sein, obwohl der Verstand sagt: du bist auf dem Holzweg. Dann neigen wir dazu auf das Herz zu hören. Wie gesagt, das ist nicht immer hilfreich und zu unserem Besten.
 
Wenn wir rational denken um Entscheidungen zu treffen, benutzen wir die vordere Stirnhirnrinde, den präfrontalen Cortex. Dieser ist mit dem limbischen System, dem Ort an dem unsere Emotionen sitzen, verschaltet und kann Gefühle unter Kontrolle halten. Dann ist da noch der Nucleus accumbens, der Teil des mesolimbischen Systems, der eine zentrale Rolle im „Belohnungssystem“ des Gehirns spielt.
Er ist wesentlich an der Entstehung von Motivation und Glücksgefühlen beteiligt und damit auch an der Entstehung und Aufrechterhaltung von Sucht.
Dieses Wissen könnte uns zu denken geben.
Denn jetzt stellt sich die Frage: Ist es wirklich immer das Herz, das berechtigte Gründe hat, oder ist es das Belohnungssystem, das sich nach Glücksgefühlen und Dopamin-Ausschüttung sehnt und dem Herzen Gründe vorgaukel?
Eine Verwechslung ist durchaus möglich.
Das gilt auch für den Verstand. 
 
Ist das, was mein Verstand für mich will, immer FÜR mich?
Oder ist es vielleicht für mein Belohnungssystem, das dem Verstand suggeriert, es sei FÜR mich.
Eben nicht alles, was scheinbar be-lohnend ist, ist gut für mich. Nicht alles, was mir Glücksgefühle verspricht ist Glück. Das beste Beispiel sind Süchte, von der Alkohohlsucht bis zur Liebessucht. Da schreit das Belohnungssystem, Herz und Verstand übertönend, ständig: Konsumiere!
Aber dieser unheilsame Konsum macht gar nicht glücklich, sondern im Gegenteil: kaputt.
Herz, Verstand, Belohnungssystem - das Gehirn ist ebenso komplex wie unsere Persönlichkeit, voll mit verschiedenen Teilen, Geistesinformationen, Gewohnheitsmustern, Gemütszuständen, Anlagen, Gedanken und Gefühlen, die alle gleichzeitig in unserem Bewusstsein existieren, miteinander verbunden sind, sich wechsel-und gegenseitig beeinflussen und nicht selten gegeneinander im inneren Kampf liegen. 
 
Es ist nicht immer einfach die richtigen Teile zu aktivieren, wenn wir sie brauchen. Mal ist ein Teil aktiver, mal ein anderer. Psychologische, soziale und äußere Faktoren sind weitere Parameter, die bestimmte Teile in uns aktivieren oder triggern.
Idealerweise haben wir zu den Teilen Zugang, die wir brauchen um nicht auf dem Holzweg zu landen. Um da hin zu kommen, ist es hilfreich, sich der Komplexität der Ausstattung unserer Innenwelt gewahr zu werden.
Wie das geht?
Indem wir Bewusstheit über das komplexe Wunder unserer inneren Welt erlangen.

Montag, 12. Februar 2024

Lange Abschiede

 

                                                                    Foto: A.Wende


Viele von uns halten sehr lange an etwas fest. Es ist vertraut, ob es gut oder schlecht ist und weil es vertraut ist, glauben wir es gehört zu unserem Leben und muss da bleiben.
Aber das Leben ist Veränderung und alles hat irgendwann ein Ende. Ein Weg ist zu Ende gegangen. Situationen, Gewohnheiten oder Orte passen einfach nicht mehr zu uns. Bestimmte Dinge haben ihr Haltbarkeitsdatum überschritten und sind unbrauchbar geworden. Manche Menschen gehören einfach nicht mehr zu uns. 
All das wollen wir nicht wahrhaben, also machen wir weiter, wir lassen es wie es ist, obwohl wir längst spüren – nein, das passt einfach nicht mehr zu dem Weg, den wir gehen wollen oder den wir längst eingeschlagen haben. Irgendwie wollen wir versuchen etwas zu kitten, das Altbekannte soll bleiben. Wir wollen die Komfortzone nicht verlassen, denn was danach kommt, ist ungewiss und davor fürchten wir uns. Also schleppen wir den alten Ballast aus der Vergangenheit weiter mit, trotz des Wissens, ohne ihn wäre es leichter. Wir stecken weiter eine Menge Energie in etwas, was uns nur Energie raubt und unsere Entwicklung behindert und erschwert.
 
Ich selbst tue mir besonders schwer damit Menschen aus meinem Leben zu verabschieden. Ich bin das, was man eine treue Seele nennt. Was ich mir vertraut gemacht habe, ist mir wichtig. Daran halte ich fest. Das ist auf gewisse Weise ziemlich naiv, denn eine treue Seele will oft nicht wahrhaben, dass das, woran sie festhält, sie längst innerlich verlassen hat.
Manchmal halten wir an einem Menschen fest, der uns bereits losgelassen haben. Wir stecken eine Menge Energie hinein, weil wir immer noch an ihn und die Beziehung glauben. Wir halten fest. Damit versuchen wir künstlich ein Band aufrecht zu erhalten, wo es in Wahrheit keins mehr gibt. Wir ziehen an unserem Ende des Seils und wollen partout nicht wahrhaben, dass der andere längst losgelassen hat. Aber irgendwann kommt unweigerlich der Punkt wo wir spüren, dass das Seil schlaff in unseren Händen liegt. Am anderen Ende ist keiner mehr. Dann ist es Zeit es loszulassen. Endgültig und ohne wenn und aber. Zeit uns von einer Illusion, die wir selbst erschaffen haben, zu lösen.
 
Wir können nichts künstlich festhalten, was verloren ist. Damit behindern wir uns selbst. Damit hängen wir an einer Vergangenheit, die in unserem Jetzt keinen Sinn mehr erfüllt. Damit beschweren wir unsere Seele und blockieren unseren Lebensweg. Wir verhindern das Neue, das sich in unserem Leben zeigen will und es nicht kann, weil unser Blick im Vergangenen festhängt. 
 
Aber manche Abschiede sind eben lange Abschiede. Besonders dann, wenn ein Mensch uns viel bedeutet hat, wenn er vielleicht sogar der Mittelpunkt unseres Lebens war, wenn es Liebe war. Lange Abschiede sind okay, denn unsere treue Seele braucht diese Zeit um innerlich in ein „Leb wohl“ hineinzuwachsen. Lange Abschiede sind sanfte Abschiede, ein Herausgleiten, weil ein harter Bruch nicht gelingt. 
Ob das weniger schmerzhaft ist?
Der Schmerz ist breiter, dosierter. Ob er damit erträglicher ist? 
 
Abschiede tun weh, ganz gleich wie wir sie erleben.
Aber wie schrieb Herman Hesse in seinem wunderbaren Gedicht „Stufen“? 
 … „Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“

Dienstag, 6. Februar 2024

Frieden

                                                                    Art: Pablo Picasso
 

Wir müssen uns selbst so akzeptieren wie wir sind, damit wir zuerst einmal mit uns selbst Frieden schließen können. Denn, wer in Unfrieden mit sich selbst lebt, wie will er dann in Frieden mit anderen leben?

 

Wer mit sich selbst im Frieden ist und einsieht, dass er nicht ohne Fehler ist, dass er selbst schon andere verletzt hat, wer sich mit sich selbst versöhnt, kann jene innere Haltung ablegen, die immer bei anderen die Schuld sucht. Nur so kann sich auch der äußere, der kollektive Frieden entwickeln.


Wenn wir uns nicht auf den Weg zu unserem inneren Frieden machen, werden wir auch im Außen, in Beziehungen und im Zusammenleben mit anderen Menschen, keinen Frieden finden.
Art: Pablo Picasso

Sonntag, 4. Februar 2024

Die Suchtspirale

 

                                                                Foto: Pixybay

 

Co-Abhängigkeit ist eine Sucht, die ebenso wie die Alkoholsucht nur dann gestoppt werden kann, wenn echte Krankheitseinsicht und die Bereitschaft besteht, zu genesen.

 

Das Schlimmste für den Alkoholiker ist die Vorstellung, das Objekt seiner Begierde – den Alkohol – sein lassen zu müssen und nichts mehr trinken zu können.

Das Schlimmste für den Co-abhängigen ist die Vorstellung das Objekt seiner Begierde - den Alkoholkranken -  loslassen zu müssen, sich nicht mehr kümmern zu können und nicht mehr gebraucht zu werden.  

 

Beide brauchen und benutzen ihr Suchtmittel als Problemlösungsstrategie innerpsychischer Konflikte, Komplexe und Störungen, um zu kompensieren, zu verdrängen, sich der Realität nicht zu stellen, alles was ihnen zu viel ist nicht machen zu müssen und um die dysfunktionalen Gefühle, die für sie nicht aushaltbar erscheinen, zu betäuben, abzuwehren und zu verdrängen. Das verschafft ihnen immer wieder kurzzeitige Entlastung.

Das ist der Benefit von Sucht.

 

Dieser kurzeitige Benefit, der immer wieder hergestellt werden muss, eben weil er nur kurzzeitig ist, führt dazu, dass viele in der toxischen Verstrickung bleiben, auch wenn sie sich derer bewusst sind. Der Trinker mit dem Alkohol, der Co-abhängige mit dem Objekt seiner Begierde, anstatt die Stricke zu lösen, indem sie sich um sich selbst kümmern.

 

Sie bleiben abhängig, aus Angst ohne ihr Suchtmittel nur noch an sich selbst zu leiden. 

Sie schützen sich davor klar erkennen zu müssen, wieviel Schmerz, Trauer, Wut, Selbsthass, Scham, Schuldgefühle, Verzweiflung, Leere und Einsamkeit in ihnen wohnen, dann, wenn sie beginnen sich ernsthaft und wahrhaftig sich sich selbst zu stellen.

Was der Fall wäre, würden sie ihr Suchtmittel loslassen. 

 

Gelingt es Alkoholikern und Co-abhängigen nicht ihre Sucht durch heilsames Handeln zu stoppen, sich Hilfe zu suchen und Hilfe anzunehmen, dreht sich die Suchtspirale immer weiter nach Unten. 

 

Je weiter die Sucht nun fortschreitet, desto mehr verstärken sich Probleme auf körperlicher, geistiger, emotionaler und psychischer Ebene. Es kommt zum absoluten Kontrollverlust. 

In der Folge zum Zusammebruch und zum Verfall der ganzen Person und ihres gesamten Lebens.

 

Samstag, 3. Februar 2024

Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft

 


Manchmal haben wir Angst vor der Zukunft, deren unvermeidliches Kommen wir spüren und nicht wissen, wie sie sein wird. Oder wir haben Angst vor der unverarbeiteten Vergangenheit, die uns einholen könnte - und damit haben wir Angst vor einer daraus resultierenden Überforderung.

Die Gegenkraft zur Angst ist Vertrauen und Geborgenheit in der Zeit und in uns selbst. Neugier auf einen neuen Lebensabschnitt und die dankbare Erkenntnis, dass nur diese persönliche Vergangenheit in diese Gegenwart und Zukunft führen konnte und führen wird. Wer verstanden und gefühlt hat, dass alles in ihm ist, dass alles was er tut, immer er selbst ist, kann gelassen den weiteren Weg gehen. 

Vertrauen heißt: fühlen, dass die Dinge schon richtig sind, auch wenn wir nicht verstehen.

Dienstag, 30. Januar 2024

Niemals ohne Liebe

 

                                                                                                                      Foto: www

 
Ein wesentlicher Aspekt unserer inneren Kraft ist die Fähigkeit, uns unserem Bedürfnis nach Liebe selbst zuzuwenden, indem wir lernen, wie wir uns dieses Bedürfnis selbst erfüllen können, anstatt uns zu sehnen, nach der oder dem Einen, der es uns dieses Bedürfnis nach Liebe erfüllt.
Es ist schön, wenn wir Liebe erfahren mit einem anderen Menschen. Es ist schön, wenn es diesen anderen gibt, aber es gibt ihn gerade nicht oder nicht mehr oder vielleicht nie mehr. Die Liebe eines anderen kann man nicht haben wollen. Man kann sie nicht anknipsen und nicht kaufen. Man kann sie nicht halten, wenn sie uns verlassen will. 
 
"Ohne Liebe aber ist alles nichts", steht in der Bibel.
Also wen lieben, wenn da keiner ist zum lieben?
Uns selbst. Uns selbst lieben so wie wir es können. Uns selbst lieben, wie wir es uns wünschen geliebt zu sein. Uns selbst lieben, wie wir den anderen lieben, wenn wir lieben.
 
Liebe ist ein Bewusstseinszustand.
Warum fällt uns das so schwer, uns selbst Liebe zu geben, sie in uns selbst zu fühlen, für uns selbst? Diese Frage kann man ,solange man will, psycholgisch zu ergründen versuchen, eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Aber brauchen wir immer eindeutige Antworten um zu handeln, zu fühlen? 
Nein, brauchen wir nicht. Ich jedenfalls brauche sie nicht. 
 
Wissen und Heilung ist nicht dasselbe. Antworten zu haben, ist nicht dasselbe wie heilen. Wir heilen indem wir heilsam denken und handeln.
Wir können lernen uns unserem Bedürfnis nach Liebe und Zuneigung zuzwenden, indem wir uns nach Innen wenden, indem wir beginnen zu lauschen um die Stimme unseres inneren Kindes zu hören, seine Bedürfnisse wahrnehmen, es ernst nehmen. Wir können handeln und diesem Kind in uns hinreichend gute Eltern sein, bessere als wir vielleicht hatten. Wir können lernen gut zu diesem Kind zu sein, es bedingungslos annehmen und es lieben, ihm Dinge sagen, die seinen Selbstwert, seinen Mut und sein Vertrauen in sich selbst stark machen. Wir können es trösten, schützen und behüten und es nicht dafür tadeln oder es ablehnen, wenn es uns manchmal mit seinem Trotz, seiner Wut, seiner Angst, seiner Traurigkeit und seiner Einsamkeit überfällt, wenn wir es doch gerade nicht brauchen können. All das können wir tun. Wir müssen nicht. Wir dürfen. 
 
Wir alle tragen dieses Kind in uns. Egal wie alt wir sind.
Es ist da, auch wenn wir es nicht wahrnehmen, uns ihm nicht zuwenden, es nicht sehen und hören können oder wollen.
Es lebt und wirkt in uns. Meistens ist es ein verletztes Kind, das aufgrund seiner Wunden, sein Leuchten verloren hat. Dieses Innere Kind ist ein wesentlicher Teil von uns.
Es ist zugleich der fragilste und der stärkste innere Anteil.
Stark, weil es überlebt hat bis heute, trotz all dem Unheilsamen, was ihm einst widerfahren ist und widerfährt. Es braucht unsere Liebe, unsere Wertschätzung, unsere Achtung und unsere Zuwendung. Es braucht Liebe und zugleich braucht es Grenzen um uns nicht zu dominieren. Wir dürfen ihm verständlich machen, dass es nicht all seine Bedürfnisse immer erfüllt bekommt, es darf verstehen lernen, dass es sich nicht an andere zu binden braucht, um sein Bedürfnis nach Liebe erfüllt zu bekommen, dass es das bedauern darf, aber nicht daran zerbrechen wird, wenn da kein anderer zum Lieben ist, weil wir für es da sind und es aus ganzem Herzen lieben.
Mit diesem Kind, für das wir jeden Tag in liebevoller Güte präsent sind, sind wir niemals ohne Liebe. 
 
 
"Ich hoffe, du gehst raus und lässt dir Geschichten, die das Leben sind, passieren, und du arbeitest mit diesen Geschichten aus deinem Leben - nicht mit denen eines anderen - und tränkst sie mit deinem Blut und deinen Tränen und deinem Lachen, bis sie blühen. Bis du selbst blühst. Das ist die Arbeit.
Die einzige Arbeit."
 
Clarissa Pinkola Estés