Angst entsteht allein durch unsere Gedanken. Behaupten manche und dass wir nur anders denken müssen, um die Angst zu besiegen.
Das ist wahr und es ist nicht wahr.
Wahr ist: unser Fühlen ist mit unserem Denken verbunden. Und wir können unsere Gedanken beeinflussen. Wahr ist auch: Emotionen gehen immer mit körperlichen Reaktionen einher.
Bei jedem emotionalen Erlebnis werden im Gehirn bestimmte Strukturen aktiv. Bei Gefahr ist die es Amygdala. Die Amygdala schüttet Stresshormone aus, die Nervenbahnen sind in Alarmbereitschaft. Das Herz schlägt schneller, Muskeln spannen sich an, der Schweiß rinnt uns aus den Poren, der Blutzuckerspiegel steigt - das Gefühl, das entsteht, ist Angst. Das Gefühl der Angst entsteht erst dann, wenn wir diese Reaktionen wahrnehmen.
Diesen inneren Prozess nennt man Interozeption.
Er basiert auf den Forschungen des Neurowissenschaftlers António Damásio. Interozeption bezeichnet die Repräsentation der inneren Welt und umfasst die Prozesse, durch die ein Organismus Signale aus seinem Inneren wahrnimmt, interpretiert, integriert und reguliert. Mit anderen Worten – der Körper spürt Angst, bevor wir sie denken.
Unser Gehirn kommuniziert über das periphere Nervensystem und nicht-neuronale Systeme mit den inneren Organen. Interozeption ist eine Voraussetzung für unser emotionales Empfinden. Was bedeutet: körperliche Reaktionen sind nicht das Resultat emotionalen Erlebens, sondern die Ursache.
Was bedeutet das nun für unsere Angst?
Sie speist sich eben nicht allein aus unseren Gedanken.
Und das hat mit unserer Wahrnehmung zu tun. Und wie wir diese Wahrnehmung interpretieren. Je besser wir unseren Körper spüren, also je höher die Innenwahrnehmung, desto stärker nehmen wir Emotionen wahr und umgekehrt: je schwächer unsere Innenwahrnehmung ist , desto schwächer nehmen wir Emotionen wahr und desto schwerer tun wir uns damit unsere Gefühle zu fühlen und sie zu identifizieren. Man nennt diese körperlichen Symptome auch somatische Marker. Diese Marker helfen uns in bestimmten Situationen die richtige Entscheidung zu treffen.
Sendet der Körper ein ungutes Signal können wir ihm grundsätzlich vertrauen. Der Körper lügt nicht, er zeigt uns was los ist. Es liegt aber an uns, wie wir diese Signale interpretieren. Und um sie richtig zu interpretieren, bedarf es einer hinreichenden Selbstkenntnis.
Das macht das Ganze kompliziert, denn woher weiß ich, was jetzt los ist?
Hat mein Nervensystem Recht, indem es mich gerade warnt oder sind es meine Gedanken, die mir Angst machen?
Dann hilft es sich zu fragen: Was habe ich gerade gedacht? Hatte ich angstauslösende Gedanken? Wenn nicht, kann ich mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass der Körper die Wahrheit sagt. Das funktioniert umso besser, je besser wir uns selbst kennen und wahrnehmen können.
Ausnahmen sind Angststörungen, Zwänge, Panikattacken oder die Krankheitsangst.
Hier ist die Amygdala hyperaktiv und im Dauererregungszustand. Sie schaltet nicht mehr in den Ruhemodus zurück, selbst dann nicht, wenn keine Bedrohung besteht. Sie reagiert überempfindlich auf Reize, die dann als Gefahr interpretiert werden. Betroffene nehmen körperliche Stimuli besonders intensiv wahr und deuten sie als Hinweis auf ein bedrohliches körperliches Problem oder eine Bedrohung im Außen. Sie bekommen Angst. Das Herz schlägt noch schneller, Muskeln und Magen verkrampfen, sie bekommen Schweißausbrüche und Todesangst. All das bestätigt dann ihre ursprüngliche körperliche Reaktion, dass etwas nicht stimmt.
Hochkomplex das Ganze mit dem Denken und dem Fühlen. Aber auch hochspannend, finde ich.

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