Immer mehr Menschen wenden sich an ChatGPT um über ihre intimsten Gedanken und ihre seelischen Probleme zu sprechen, besser: zu schreiben. Und sie bleiben hängen. Sie haben das Gefühl endlich verstanden zu werden. Wozu also noch eine Therapie machen, wenn der Therapeut so greifbar nahe ist, immer dann wenn ich den PC hochfahre?
Der freundliche Fake-Therapeut hört geduldig zu, wirkt empathisch, wohlwollend, zugeneigt und geradezu herzlich. Er tut so, als hätte er eine Ahnung wie es einem geht. Er erklärt und strukturiert das Thema und gibt Hilfestellungen. Er setzt sogar an den passenden Stellen Emojis. Der Eindruck, der entsteht: Endlich habe ich einen echten Gesprächspartner, auf den ich mich zu jeder Tages -und Nachtzeit beziehen kann, der verlässlich ist und der mir bei meinen Problemen hilft. Dass das Gegenüber nicht echt ist, sondern künstlich und darauf programmiert wie ein Mensch zu reden, wird dabei von den meisten Nutzern ausgeblendet.
Stellt sich die Frage: kann Künstliche Intelligenz eine Therapie ersetzen?
Klares Nein. Chat CPT ersetzt keine Therapie und keinen Therapeuten. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass Therapie nicht allein aus Worten besteht, sondern aus lebendiger Beziehung.
"Was in Beziehung krank wurde, kann nur in Beziehung heilen“ ist ein Leitsatz der Psychologie und beschreibt etwas sehr Essenzielles: Heilung braucht neue Beziehungserfahrung.
Eine, in der jemand bei uns bleibt, obwohl wir unsere Gefühle zeigen. Heilung braucht eine Beziehung in der unsere Grenzen respektiert werden, in der Konflikte ausgehalten und gelöst werden, in der wir nicht funktionieren müssen, keine Rolle spielen müssen um wertfrei angenommen zu sein, in der wir alles sagen dürfen, ohne Angst zurückgewiesen zu werden. Erst durch wiederholte, korrigierende positive Erfahrungen mit einem lebendigen Gegenüber lernt unser Nervensystem: "Nähe ist nicht gefährlich. Ich darf ich selbst sein. Ich werde nicht bewertet, beschämt oder verlassen. "
Dabei geht es um Co-Regulation.
Ein Therapeut hilft dabei, unsere Gefühle zu halten, bis wir sie selbst halten können, bis wir uns selbst halten können.
Die therapeutische Beziehung bietet dafür den geschützten Raum. Sie ist im besten Falle eine Beziehung mit Klarheit, Verlässlichkeit, in der alte Muster sichtbar werden und sich verändern dürfen. Ein menschlicher Therapeut ist ein echtes Gegenüber. Er zeigt Präsenz, Empathie und Mitgefühl, er besitzt Verantwortung und die Fähigkeit, eine tragfähige emotionale Bindung aufzubauen. Diese tragende Beziehung ist der wichtigste Wirkfaktor in jeder Therapie und in jedem Coaching.
Therapeuten nehmen weit mehr wahr als das Gesagte.
Sie achten auf Gestik, Mimik, Körpersprache, Tonfall, Pausen, Widersprüche und erspüren unausgesprochene Gefühle. Sie reagieren nicht nur logisch, sondern auch intuitiv, und passen sich an die jeweilige Situation und ihr Gegenüber an.
Eine KI hingegen erkennt Muster in Worten und Sprache, nicht aber die tiefere Bedeutung dahinter, vor allem nicht in emotional hochbelasteten Situationen. In Krisen, bei Selbstgefährdung oder Traumata tragen Therapeuten eine fachliche und ethische Verantwortung. Sie können Risiken einschätzen, Notfallpläne erstellen und für konkrete Hilfe sorgen. Eine KI kann das nicht leisten, außer der Nummer der Telefonseelsorge hat sie nicht viel zu bieten. Eine KI bleibt immer ein künstliches Werkzeug ohne echte Handlungsmöglichkeiten und vor allem: ohne Haftung.
Therapie ist nicht immer angenehm.
Veränderung erfordert auch das Ansprechen schmerzhafter Themen. Ein Therapeut kann diesen Prozess halten und begleiten, auch wenn es emotional belastend wird. KI hingegen ist darauf programmiert, konfliktarm und unterstützend zu bleiben, sie vermeidet bewusst Druck und Konfrontation.
Genau das empfinden aber viele Nutzer als angenehm, es wird ihnen quasi nach dem Mund geredet.
Echte Selbstreflexion und tiefgreifende Veränderung kann so nicht stattfinden, geschweige denn kann eine KI Angststörungen, Zwänge, Borderline-Störungen oder Depressionen behandeln.
Veränderung in der Therapie entsteht eben nicht allein durch Verständnis, Bestätigung, wohlwollende Worte und freundliche Tipps. So wichtig Empathie und Akzeptanz auch sind – nachhaltige Entwicklung braucht Konfrontation.
Gute Therapie bedeutet nicht, jedes Verhalten zu bestätigen, sondern auch unangenehme Wahrheiten zu erkennen und sie anzusprechen. Ein Therapeut spricht Widersprüche an, macht auf selbstschädigende Muster aufmerksam und benennt Vermeidungsstrategien, selbst wenn das im ersten Moment beim Klienten Widerstand, Scham oder Wut auslösen kann. Er lässt sich nicht in destruktive Dynamiken hineinziehen Er spiegelt seine Klienten, wenn Grenzen überschritten oder Verantwortung abgegeben wird. All das wirkt heilsam, weil Beziehung auf eine neue, gesunde Weise erlebbar wird.
Tiefgreifende Veränderung geht immer mit emotionaler Reibung einher.
Wenn alte Schutzmechanismen hinterfragt werden, vertraute Überlebensmuster und alte Bewältigungsstrategien wegfallen, entstehen zunächst Unsicherheit und Angst. Ein guter Therapeut hält diese Reibung aus, ohne sie zu glätten. Er bleibt präsent, auch wenn es schmerzhaft wird, er unterstützt den Klienten dabei, belastende Gefühle zuzulassen und zu verarbeiten. Er hilft ihnen aktiv dabei sie zu regulieren, statt ihnen mit wohlwollenden Worten und küchenpsychologischen Ratschlägen auszuweichen.
Künstliche Intelligenz hingegen ist bewusst darauf ausgelegt, unterstützend, validierend und konfliktreduzierend zu reagieren. Sie vermeidet Druck und direkte Konfrontation, weil sie keine Verantwortung übernehmen kann und darf. Sie ist unfähig emotionale Belastung zu halten. Dadurch werden problematische oder selbstschädigende Muster kurzzeitig beruhigt und nachhaltig verfestigt, anstatt sie prozesshaft zu verändern. Was sich kurzfristig entlastend anfühlt, führt nicht zu langfristigem Wachstum und schon gar nicht zur Heilung psychischer Probleme oder Persönlichkeitsstörungen.
Therapie nutzt Konfrontation gezielt und verantwortungsvoll als Werkzeug. Nicht um zu verletzen, sondern um eine Entwicklung in Gang zu setzen und sie so zu ermöglichen. Gerade in Momenten, wenn es irritiert oder schmerzhaft wird, entsteht oft tiefgreifende Veränderung. Genau das: Beziehung, Spannung, Korrektur und Aushalten kann eine KI nicht leisten.
Fazit: KI ist nicht völlig nutzlos. Sie kann informieren, beim Sortieren von Gedanken helfen, Reflexion anstoßen und Menschen dabei unterstützen, Worte für ihre Probleme zu finden. Sie ist ein Hilfsmittel, aber sie ist kein Ersatz für die tiefgreifende Arbeit an uns selbst. Heilen kann eine KI nicht. Heilung braucht ein menschliches Gegenüber, sie braucht eine echte, sichere, tragfähige menschliche Beziehung. Eine Therapie ist viel mehr als ein gutes Gespräch, sie braucht Verantwortungsbewusstsein und echte emotionale Resonanz – und genau das kann eine herz- und seelenlose Maschine nicht ersetzen.
Zur besseren Lesbarkeit habe ich das generische Maskulinum verwendet, alle Geschlechter sind jedoch eingeschlossen.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen