Donnerstag, 5. Februar 2026

Dämonen

 



„Ich kämpfe gegen die Dämonen, sie sollen nicht bei mir wohnen, sie sollen gehen", lautet eine Zeile in einem Lied von Ich & Ich. Die Dämonen, das sind alle unerwünschten Gedanken und Gefühle. Das sind unsere inneren Reaktionen, unsere Schatten, Triebe und Süchte, unsere traumatischen Erlebnisse und Erinnerungen, alles, was wir in uns nicht haben wollen. 
 
Die Betonung liegt auf:„in uns“.
Die Dämonen sind in uns, nicht außerhalb von uns.
In uns leben sie ihr Eigenleben, das uns vermeintlich an einem gelingenden Leben hindert. Also denkt unser Hirn: Die müssen weg! Ich muss sie loswerden, vernichten, zerstören. Und wir kämpfen und kämpfen gegen sie an, während die Dämonen ruhig dasitzen und denken: Was macht der Mensch da eigentlich für eine selbstzerstörerische Anstrengung? 
 
Dämonen kennen sich aus mit Zerstörung.
Sie sind aus Zerstörung geboren, es liegt ihnen sozusagen im Blut. Sie sind geboren aus all dem Unheilsamen, was wir von Kindesbeinen an erfahren mussten. Ihr Name ist: Überlebensstrategie. Ihre Wahrheit ist: Sie wollen uns nicht schaden, sie glauben uns mit ihrem dämonischen Gehabe zu schützen. Leider sind sie ziemlich dumm und haben noch nicht begriffen, dass wir keine kindlichen Schützlinge mehr sind. Manche von uns übrigens auch nicht, auch wenn wir längst erwachsen sind.
Lange Zeit in meinem Leben habe ich gegen meine Dämonen gekämpft. Doch jeder kurzfristige Sieg war ein Pyrrhussieg, jedes Vertreiben wollen führte nur dazu, dass sie noch mächtiger zurückkamen. Auch der Versuch Kontrolle über meine Dämonen zu erlangen, klappte nicht. Genau das, was ich nicht wollte, wuchs an, weil ich meine ganze Aufmerksamkeit darauf richtete. Und alles worauf ich meine Aufmerksamkeit richte, verstärkt genau das. Ich gebe ihm Futter und nähre es. Kontrolle, meint unser Gehirn, ist ein gutes Prinzip. Aber es denkt oft nicht weiter, nämlich indem es fragt: Wann funktioniert Kontrolle und wann nicht? Wann geht sie nach hinten los und verschlimmert was ist? Dämonen und die Gefühle, die sie in uns auslösen, lassen sich nicht kontrollieren, sie lassen sich bestenfalls regulieren und zwar nicht mittels Kontrolle, sondern indem wir sie da sein lassen ohne sie zu bewerten.
Keine gute Strategie also, das mit dem „Sie sollen gehen!“ oder das mit dem Kontrollieren. Der Holzweg sozusagen. Ich musste ziemlich alt werden, um das zu akzeptieren und das Entscheidende: Es auch zu verinnerlichen. 
 
Wie wollen wir denn etwas zerstören, was zu uns gehört, was wir selbst erschaffen haben, als wir keinen anderen Ausweg sahen um emotional zu überleben? Dann müssten wir unsere Ganzheit zerstören.  
So wie in der Matrix, wo der gute Neo gegen den bösen Agent Smith kämpft. In „Matrix Revolutions“ endet der Kampf zwischen Neo und Smith übrigens damit, dass Neo sich opfert um Smith auszulöschen. Schluss, aus Ende. Endlich Ruhe. Kein Dämon mehr und kein Neo mehr. Und umgekehrt. Jeder Kampf gegen unsere inneren Dämonen ist ein sinnloser und kraftzehrender Kampf - ein Kampf gegen uns selbst. Viele wissen es sogar, allein es fehlt der Glaube oder das Hirn weigert sich vehement es zu verinnerlichen.
Und damit bin ich am springenden Punkt: Es geht um das Verinnerlichen. Das, was innerlich ist, alles, auch unsere Dämonen, will integriert werden. Und das bedeutet sie in uns hineinnehmen, sein lassen, akzeptieren, uns in unserer Ganzheit mit liebvoller Güte annehmen und aufhören mit dem selbstdestruktiven Widerstand, und hinterfragen warum ein innerer Dämon sich gerade wieder aufbläst und wovor er uns schützen will. Unsere Dämonen wollen einfach nur da sein dürfen, sie wollen, dass wir uns um sie kümmern, sie möchten mitkommen dürfen auf unserem Weg. Dann werden sie sanfter und hören auf gegen uns zu kämpfen und wir gegen sie.
 
Es geht nicht um Loswerden oder Zerstören, weil das sowieso nicht geht - es geht um Entwicklung. Es darum ganz, integriert und damit innerlich stabil zu werden. 
Wenn wir aufhören gegen uns selbst zu kämpfen, geschieht etwas Erstaunliches: Friedliche Koexistenz aller inneren Anteile. Also, nicht gegen die Dämonen, sondern mit den Dämonen. Mit der Bereitschaft sie mitzunehmen auf unserem Weg. Wir haben die Wahl, ob wir das tun oder nicht. Tun wir es nicht, geben wir ihnen die Macht über uns, dann sagen sie wo es lang geht. 
 
„Der Mensch kann immer noch nicht zwischen Entwicklung und Zerstörung unterscheiden.“
Stefan Rogal
 
 
Angelika Wende
aw@wende-praxis.de

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