Donnerstag, 30. April 2020

Die Dinge haben sich verändert. Wir müssen uns verändern.



Foto: www

Weshalb können sich Menschen so schwer ändern?
Weshalb nutzen oft monate- oder jahrelange Therapien wenig?
Die Antwort ist: Weil sie feststecken.
Der Veränderungswille scheitert bei vielen Menschen daran, dass die meisten es zwar wollen, sich eine Veränderung aber nicht vorstellen können. Man hat doch schon immer so gedacht, gefühlt, gelebt und ist immer so gewesen.

Menschen berechnen ihre Zukunft aus den Erfahrungen ihrer Vergangenheit und nur sehr wenige habe ein Modell dafür, wie ihr Leben anders sein könnte.
Und zeigt man ihnen ein Modell, so ist tief innen eine Blockade zu spüren, die sich erst dann auflöst, wenn sie selbst fest an die Möglickeit einer Veränderung glauben und bereit sind sie in Gang zu setzen. Veränderung bedarf einer hohen Bereitschaft die passenden Schritte für die persönliche Veränderung zu machen.

Persönlichkeitsentwicklung und inneres Wachstum kommen nicht von selbst.
Man muss etwas dafür tun, man mus sich aktiv mit der eigenen Persönlichkeit auseinandersetzen und mit der eigenen Biografie. Man muss sich seiner Ziele bewusst sein, seinen Werten und den Visionen über sich selbst und das eigene Leben.
Und da fängt es schon an. Die meisten Menschen spulen über Jahrzehnte ihre alten unbewussten Programme ab. Meist funktionieren sie auch, solange die äußeren Modalitäten stabil bleiben. Dabei wird vieles in Kauf genommen, was in Wahrheit überhaupt nicht funktioniert, aber das wird verdrängt und auf viele Arten und Weisen abgewehrt oder kompensiert.
Die eigene Biografie ist innerlich zwar abgespeichert aber selten bewusst gemacht.
Die Ziele haben sich irgendwann verfestigt, nach ihnen wird gelebt und gehandelt, aber sie werden nicht auf ihre Sinnhaftigkeit für das eigene Wachstum überprüft.
Werte werden nicht bewusst formuliert. Frage ich Menschen nach ihren Werten, so begegnet mir oft langes Schweigen.
Visionen sind selten. Man lebt so dahin, in der alten vertrauten Weise und denkt nicht viel darüber nach wie´s da drinnen wirklich aussieht.

Zufrieden sind die Wenigsten. Und die wenigsten merken nicht einmal, dass sie es nicht sind oder sie wissen nicht wirklich warum sie es nicht sind.
Sie merken es dann, wenn etwas was schon immer so war, nicht mehr funktioniert. Dann kommt das mulmige Gefühl: Etwas stimmt nicht. Das Außen, das sich verändert, passt nicht mehr zu dem was ich so vor mich hin lebe.

Genau das geschieht jetzt.
Das Außen ist für uns alle radikal verändert. Das Außen, in dem sich so vieles was Innen nicht in Ordnung war verdrängen ließ, ist weggebrochen.
Es gibt sie nicht mehr die alte "Normalität".
Von einem Tag auf den anderen sind all die vertrauten Dinge und Lebensumstände weggebrochen.
Verlust auf vielen Ebenen macht sich breit. Das Drüberleben funktioniert nicht mehr.
Der trittsichere Boden auf dem man ging wackelt gewaltig. Da geschieht eine Veränderung, die nicht gewolllt ist, der wir unterworfen sind und der gegenüber wir uns machtlos fühlen und es in der Tat auch sind.
Das ist ein Schock.
Das ist genauso ein Schock, wie wenn wir etwas plötzlich verlieren, an dem wir sehr hängen, durch Trennung, Verlust oder den Tod.
Dann beginnt die Trauer.
Sie spult sich in Phasen ab.
Erste Trauerphase: Leugnen
Zweite Trauerphase: Intensive Emotionen
Dritte Trauerphase: Suchen, Finden, Loslassen
Vierte Trauerphase: Akzeptanz

Diese Phasen können nacheinander kommen oder im Wechsel.

Viele Menschen bleiben lange in der ersten Phase stecken. 
Sie leugnen was ist, machen Konstruktionen damit es nicht ist, wie es ist und so nicht gefühlt und bewusst wird. Leugnen ist der untaugliche Versuch das Alte aufrecht zu erhalten. Was aber nicht mehr funktioniert, weil es an der Realität zerbricht. Es ist anders, es ist verloren, es ist nicht mehr wie es war. Es ist unwiderruflich vorbei.
Dann kommen Emotionen hoch. Meist ein ganzer Cocktail destruktiver und als schmerzhaft empfundener Emotionen. Und schon beginnt die Abwehr: Das will ich nicht fühlen. Der innere Widerstand baut sich auf und errichtet eine Mauer, die den Zugang zu den eigenen Gefühlen versperrt. Sie, die gefühlt werden wollen, werden wieder kompensiert, wieder verdrängt. Sie brodeln im Unterbewussten - so lange bis wegdrücken nicht mehr funktioniert.

Das ist der Moment wo viele erst wach werden. Dann wenn es richtig weh tut.
Das ist der Moment wo die Veränderung die einzige Option ist, weil das Bewusstsein begreift: So wie es war geht es nicht weiter, auch wenn ich mich noch so sehr dagegen wehre.
Es werden Lösungen gesucht, es wird ausprobiert, manches wird gefunden und langsam beginnt das Loslassen. 
Wir beschreiten den Weg zur Akzeptanz: Es ist wie es ist. 
Ich kann es nur so hinnehmen wie es ist.

Und jetzt?
Vieles was zuvor funktioniert hat oder sogar hilfreich war, wirkt nicht mehr oder es ist sogar kontraproduktiv.  
Die Emotionen und Bedürfnisse verändern sich. Das Alte ist verloren. Wir haben uns verabschiedet und wir müssen schauen was jetzt noch trägt und welche inneren und äußeren Veränderungen notwendig sind um das Leben neu zu gestalten.
Das Neue allerdings erfindet sich nicht so schnell in einem Prozess der unbeständig ist und sich täglich wandelt. 

Wie damit umgehen? Wenn nichts verlässlich ist und der äußere Wandel uns wie ein Fluss mit sich nimmt? 
Beobachten - das Außen und die Reaktion des eigenen Inneren auf das Außen.
Das eigene Innere anschauen ob es so wie es ist, dem Außen noch standhält - emotional und rein praktisch was die Gestaltung des Lebensalltags angeht, den Job, die Beziehungen. 
Das eigene Innere, die Persönlichkeit erforschen und die Erfahrungen der Vergangenheit, die Glauensmuster und Überzeugungen überprüfen ob sie stärkend oder schwächend sind.
Den ehrlichen Check machen, ob es da nicht vieles gibt, was nicht hilfreich ist um das Jetzt zu leben. Den Check machen, was in uns repariert werden muss. 
Den Check machen, welche Ziele überprüft und erneuert werden müssen. 
Das eigene Lebenskonstrukt in Frage stellen.  
Eine Stärken-Schwächen-Analyse machen um die Potentzale zu erkennen. Zu den Potenzialen gehören auch die brach liegenden, noch ungenutzten Potenziale.
Zu den Schwächen gehört auch das, was aufgrund von überholten Überzeugungen und überkommenen Handlungsweisen schwächt.

Werte definieren. 
Bereitschaft entwickeln und ja sagen zu dem, was notwendig und sinnvoll ist. 
Danah handeln.
Tag für Tag, Schritt für Schritt.
Geduldig.
Ein Modell finden, das jetzt trägt, von Innen heraus. Ein Modell, das stabil ist, inmitten all der Instabilität. Uns unsere Kernkompetenzen bewusst machen und auf sie aufbauen.
Ein langer schmerzhafter Prozess, der uns allen jetzt nicht erspart bleibt.
Die Dinge haben sich verändert. Wir müssen uns verändern. Jetzt.








Mittwoch, 29. April 2020

Hoffnung bewirkt Erstaunliches

Foto: A. Wende

In seinem Buch „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ schreibt der Psychiater und Neurologe Viktor Frankl über seine Zeit im Konzentrationslager. Darin ist zu lesen, dass zwischen Weihnachten und Silvester 1944 mehr Gefangene als je zuvor starben. Es waren jedoch nicht mögliche äußere Umstände, wie etwa Nahrungsentzug, härtere Arbeit oder eine Epidemie, die für die vermehrten Sterbefälle verantwortlich zu machen gewesen wären. Es war, so Frankl, die fehlende Hoffnung dieser Menschen. 

Zitat: „Der Grund für das Sterben so vieler Gefangener war vielmehr, dass Gerüchte umgegangen waren, das Ende des Krieges sei in greifbare Nähe gerückt. Die Lagerinsassen lebten in der Erwartung, noch vor Weihnachten befreit zu werden. Als das Fest näher rückte und es keine Anzeichen dafür gab, dass die alliierten Gruppen bald einträfen, verloren viele Gefangene den Mut. Sie resignierten. Und nachdem keine Hoffnung mehr da war, gaben sie den Kampf ums Überleben auf. Innerhalb weniger Tage starben viele von ihnen. Die Hoffnungslosigkeit übertrug sich auf die anderen Gefangenen und schon bald breitete sich diese negative Haltung wie eine Epidemie im Lager aus und viele fielen ihr zum Opfer.”

Hoffnungslosigkeit bewirkt nichts Gutes.

Andererseits bewirkt Hoffnung Erstaunliches.
Hoffnung spielt im Leben eine ganz entscheidende Rolle. Gedanken der Hoffnung können uns Kraft geben. Es gibt Studien, die belegen, dass eine hoffungsvolle Einstellung sich positiv auf die Erhaltung der physischen wie psychischen Gesundheit und bei Krankheit auf den Krankheits- bzw. Heilungsverlauf auswirkt. 

Menschen die Hoffnung haben geben nicht auf, auch in schwierigen Lagen empfinden sie Sinn, mehr noch – sie geben den Dingen einen Sinn und halten an der Sinngebung fest.
Wer Hoffnung hat gibt sich selbst nicht auf. Er lässt sich nicht ins Bockshorn jagen, auch nicht von seiner Angst. Hoffnung ist das Fokusieren darauf, dass es gut ausgeht. Hoffnung ist im Gegensatz zum destruktiven Gefühl der Hoffnungslosigkeit eine Kraft, die unsere Kreativität freisetzt und uns zum Handeln motiviert. Trotzdem Ja zum Leben sagen. Weiter machen, trotzdem!, sagt die Hoffnung und: Vertrau auf dich und das Leben.

Wer sich in dunklen Zeiten in dunklen Gedanken verliert, potenziert das Dunkel und verleiht ihm Macht.
Der Hoffnungslose verliert den Bezug zur Realität und verleiht ihr eine Unverhältnismäßigkeit, die über das, was wirklich ist, weit hinausgeht. Er versinkt in seiner hoffnungslosen Welt und verliert das klare Denken. Wer das klare Denken verliert, verliert die Klarheit des Geistes. Er wird zum Spielball der Umstände oder anderer und fühlt sich als handlungsunfähiges Opfer. 
Er verliert seine Autonomie. Er versinkt mehr und mehr in seinen hoffnungslosen Szenarien bis er mental völlig entkräftet ist und im Zweifel sogar körperlich krank wird.

Wer hofft hat Zuversicht. Wer hofft behält seine Lebensenergie und bleibt in der Klarheit. Denn die ist nötig um unklare oder schwierige Situationen bewältigen zu können. Um durchzuhalten wenn es Krisen gibt oder lange Durststrecken im Leben.
Wer Hoffnung hat, sucht nach Lösungen. Und setzt sie um. Er glaubt daran etwas bewirken zu können. Er glaubt an seine Selbstwirksamkeit.
Aus Hoffnung wächst Glaube und Glaube versetzt bekanntlich Berge.

Dienstag, 28. April 2020

Karma





Karma, haben wir alle schön mal gehört.
Aber was ist das überhaupt - Karma?
Es ist, wie alles von Menschen Gedachte, eine Konstruktion. 
Allerdings eine, die meiner Erfahrung nach durchaus stimmig ist.

Der Begriff des Karma wird in buddhistischen Lehrbüchern vom Schicksalsbegriff getrennt. 
Der Buddhismus kennt kein Schicksal im Sinne einer übernatürlichen Bestimmung. 
Karma ist nach dem Buddhismus das Gesetz von Ursache und Wirkung und beruht auf dem Prinzip der verursachenden Bedingung. Demnach sind alle Daseinszustände das Resultat gesetzmäßiger Verursachungen. Was wir sind oder nicht sind, was wir erfahren und was wir nicht erfahren ist das Ergebnis unseres eigenen Tuns und Lassens. 

Der Buddhismus kennt keine fatalistische Konzeption und er kennt keinen Zufall. So sind nach Buddhas Lehre weder ein Schöpfergott noch äußere Ursachen für unsere Erlebnisse und Erfahrungen verantwortlich.

Karma sieht der Buddhist in den Erklärungen über Ursache und Wirkung, also Aktion und Reaktion, die Grundlage zur persönlichen Freiheit und der Verantwortung gegenüber uns selbst und allen Lebewesen. Der Buddhismus erklärt wertfrei positive, negative und neutrale Tendenzen des Geistes als Ursache für unsere darauf folgende Handlungen. 
Demnach können logischerweise positive Ursachen niemals zu negativen Handlungen führen und umgekehrt.  

Wenn ich mir mein Leben und die Lebensverläufe meiner Klienten anschaue,  finde ich immer wieder bestätigt, wie sehr das, was wir denken und tun unser Leben bestimmt.
Ungute Handlungen führen zu nichts Gutem. 
Irgendwann fällt Unheilsames, das wir anderen oder uns selbst antun, auf uns zurück. 
Ebenso kommt Gutes und Heilsames uns selbst zugute und denen, denen wir es angedeihen lassen.
Zwar nicht immer von der Person, der wir Gutes tun, sondern oft wo ganz anders her und ohne, dass wir es erwartet hätten.

So zu leben - im Bewusstsein heilsamen Denkens und Tuns ist eine Gabe, die nicht viele Menschen besitzen. 
Aber wir können lernen. Wir können uns darüber bewusst werden was wir mit unseren Gedanken und Handlungen verursachen und in die Welt tragen. Das bedeutet uns darüber klar zu werden, wer und wie wir sein wollen. Das bedeutet die Bereitschaft aufzubringen es immer im Bewusstsein zu haben, bei allem was wir tun. Es bedeutet achtsam zu sein, uns selbst und anderen gegenüber.

Das ist eine schwere Übung. Sie erfordert einen wachen, klaren Geist.
Dazu müssen wir lernen den Geist ruhig werden zu lassen und unser Herz zu öffnen. 
Das gelingt auch Menschen, die sich dessen bewusst sind, nicht immer.
Auch ich bin manchmal gedankenlos, kindisch, selbstgerecht und impulsiv. Auch ich bin manchmal unachtsam. Aber ich habe gelernt, dass es okay ist und ich betrachte mich, wenn das geschieht mit  Selbstmitgefühl, weil ich weiß - nobody is perfekt. Das will ich auch gar nicht sein.
Und darum geht es auch nicht.

Es geht darum Verantwortung zu übernehmen für das was ich gestalte, Tag für Tag. 
Verantwortung zu übernehmen für das, was ich gebe und in meine kleine Welt trage an Heilsamen, für mich selbst und für andere. 
Je mehr an Gutem ich lebe und ins Leben gebe, desto besser ist mein Lebensgefühl. 
Auch wenn ein großer Sturm ausbricht und mich durchwirbelt - ich halte am Guten fest. Ich halte die Bereitschaft hoch. Auch wenn es manchmal schwer ist und ich denke, das schaffst du jetzt nicht. Dann ist das so, dann kann ich es nicht ändern und ich schaue wie ich mit dem Unveränderbaren klar komme. 

Ein jeder bestimmt selbst über seine Taten und deren Folgen – es geht um Eigenverantwortung.

Karma bedeutet schlicht und einfach:

Wir ernten, was wir säen.
Life is a Bumerang.


Montag, 27. April 2020

Alles was uns berührt, ist heilsam.


 
Foto: Angelika Wende

Notgedrungen gehen wir seit Wochen auf soziale Distanz. Und es wird lange so bleiben. 
Das bedeutet für viele Menschen, dass sie auf Berührungen verzichten müssen. Hände werden nicht mehr gegeben, Küsschen auf die Wangen werden nicht mehr gegeben. Tröstend die Arme um einen anderen legen bedeutet Ansteckungsgefahr. Getrennt lebenden Paaren fehlen Zärtlichkeit und Sexualität. Singles müssen oft ganz auf Berührung verzichten

Körperkontakt ist jedoch fundamental. Berührungen sind elementar wichtig für Körper und Seele.
Wenn wir uns gegenseitig berühren, wird im Gehirn das Glückshormon Oxytocin aktiviert und ausgeschüttet. Es kommt es zum Abbau von Stresshormonen und in der Folge zur Verlangsamung von Atmung und Herzschlag. Der Körper entspannt sich und wir fühlen uns wohl. Berührungen beeinflussen unsere Gefühle positiv und stärken unser Verbundenheitsgefühl mit anderen. Die Umarmung eines vertrauten Menschen ist das beste Mittel gegen emotionalen Stress. Berührung entspannt und ist heilsam und das nicht nur für die Psyche. So werden zum Beispiel Massagen ergänzend zur Behandlung von Krebs eingesetzt, vor allem um die Nebeneffekte von Chemotherapie und Bestrahlungen zu lindern. Verschiedene Meta-Studien haben gezeigt, dass Massagen helfen Depressionen zu lindern,  Ängste abzubauen und Schmerzen zu mindern. Eine Studie belegt, dass eine Umarmung und bloßes Händehalten über etwa 10 Minuten Blutdruck und Herzschlag senken. Durch die Ausschüttung von Oxytocin bei jeder Art von liebevoller Berührung werden also Stresshormone abgebaut. Berührung führt auch dazu Aggressionen zu reduzieren und sie stärken unser Immunsystem.
Das Heilsame der Berührung geht jetzt für viele verloren.
Was tun?
Gut, wir können uns emotional berühren, auf Distanz durch digitalen Kontakt. Wir können mit vertrauten Menschen reden, ihnen in die Augen sehen, wir können mit ihnen über unsere Gefühle reden und unsere Zuneigung und unsere Liebe in Worten ausdrücken. Das schafft Nähe in Zeiten der Distanz. Wir berühren einander mit Worten. 
Aber reicht das? Füllt das unser elementares menschliches Bedürfnis nach Berührung?
Ein klares: Nein.

Eine Klientin, die alleine lebt, sagte neulich zu mir: Ich werde noch verrückt, weil ich niemanden mehr anfassen kann. Ich fühle mich krank. Ich habe Angst, dass ich nie wieder jemanden berühren kann, jedenfalls lange nicht, denn die Pandemie ist ja noch lange nicht vorbei. Ich habe das Gefühl innerlich mehr und mehr einzufrieren. Manchmal bin ich depressiv und habe zu nichts mehr Lust.

Gefühle wie sie meine Klientin beschreibt sind nicht unnormal. Sie sind vielmehr gesund. Sie sind das gesunde Empfinden eines Menschen, der auf etwas Wesentliches unfreiwillig verzichten muss, das er für sein Wohlbefinden braucht.
Wer einsam ist und ohne Berührungen leben muss lebt und darunter leidet, hat, das beweisen viele Studien, ein höheres Krankheitsrisiko und eine kürzere Lebenserwartung. Traurig aber wahr. Das Fehlen von Körperkontakt wenn wir darunter leiden, macht genauso krank wie unfreiwillige Einsamkeit. Nicht jeder ist zum Eremiten geboren – die meisten von uns sind es nicht.

Können wir das nicht-berührt-werden kompensieren? 
Eine Zeit lang schon.
Wir können kreativ werden. 
Wer etwas Kreatives macht kommt in den Flow und empfindet den Mangel an Berührung oft weniger schmerzhaft als jemand, der nichts mit sich anzufangen weiß.
Auch körperliche Bewegung im Garten oder in der Natur und jede Art von Sport kann helfen den Körper zu beruhigen, wenn er auf Berührungen verzichten muss.
Auch durch Musik und das Betrachten von schönen Dingen können wir uns berühren lassen.
Ein gutes Buch kann uns berühren.
Ein Haustier berührt uns. 
Etwas mit Hingabe und Achtsamkeit kochen und ein gutes Essen, können uns berühren.
In der Meditation und mit Achtsamkeitsübungen berühren wir uns.

Und der Körper?
Wir können uns selbst umarmen.
Wir können unseren Körper, unser Gesicht, unsere Hände achtsam berühren, unsere Füße bewusst massieren, uns liebevoll eincremen und unsere Haut sanft streicheln.
Wir können als Übergangsobjekt den alten Teddy aus Kindertagen in den Arm nehmen und mit ihm einschlafen.

Letzteres mag jetzt für den einen albern und für den anderen gar ein wenig traurig klingen, aber es ist hilfreich und einen Versuch wert. 
Alles was uns berührt, ist heilsam. 




Samstag, 25. April 2020

Verwirrung





Ab Montag werden wir Masken tragen.
Sie sollen uns schützen gegen das Virus.
Die Virologen sagen - sie schützen nicht vor Ansteckung, aber vor der Verbreitung der Viren durch präsymptomatische Menschen, also von Menschen, die bereits infektiös sind, aber selbst noch nichts spüren. Also schützen sie doch, weil Infizierte Gesunde so nicht mehr anstecken, oder wie jetzt?
Wir wissen es nicht. Wieder wissen wir es nicht. Die Virologen wissen auch nichts Genaues. Niemand weiß Genaues. Das Virus ist neu.
Die Zahlen sollen genau sein. Wer erstellt die Zahlen? Wie werden sie erstellt? Wer überprüft die Zahlen?
Wir wissen es nicht.
Es herrscht Verwirrung. Chaos.

Verwirrung ist ein gedanklicher und emotionaler Zustand, in dem man nichts weiß, nicht mehr weiter weiß. Verwirrung wird auch als Konfusion bezeichnet.
Verwirrung schafft Chaos. Verwirrung entsteht, wenn man nicht mehr weiß, was zu tun ist. Wenn man nicht weiß, welche Ziele man hat und wie man diese Ziele erreichen kann, dann ist man verwirrt. Es gibt Verwirrung als psychischen Zustand eines einzelnen. Auch eine ganze Gruppe kann verwirrt sein, ein Unternehmen, ein Land.
In der Neurologie und in der Psychologie bezeichnet man Verwirrtheit als eine formale Denkstörung mit Verlust der Orientierung und einem Durcheinander der Denkvorstellungen. Verwirrtheit ist verbunden mit inkohärentem Denken. Inkohärentes (zusammenhangloses) Denken bedeutet: Gedanken reihen sich ohne erkennbaren Sinnzusammenhang aneinander, im schlimmsten Fall entsteht beim Sprechen ein unverständlicher "Wortsalat" Als krankhaft gelten Denkstörungen dann, wenn die Betroffenen darunter leiden und eine normale Lebensführung beeinträchtigt wird.Verwirrung führt zu Kontrollverlust über das klare Denken.
Jetzt haben wir den Salat.

Wir erleben verwirrte uneinige Politiker, die was das Virus angeht, noch unwisssenden uneinigen Virologen unser Jetzt und die Zukunft unserer Gesellschaft formen lassen. Wir machen mit, verwirrt. Immer verwirrter. Wir wissen nicht mehr was Sinn macht und was nicht. Wissen nicht mehr, was verhältnismäßig ist und was nicht. Wissen nicht mehr, was erlaubt ist und was nicht. Gebote und Verbote ändern sich nahezu täglich. Woran sich halten?

Es herrscht Chaos. Das äußere Chaos setzt sich Innen fort.
Innen in den Wohnungen, die wir nicht verlassen sollen, wenn es nicht unbedingt nötig ist. Stay home. Shoppen ist wieder erlaubt. Spaziergänge sind erlaubt. Zu zweit oder zu mehreren, wenn sie zum eigenen Haushalt gehören. Arbeiten gehen ist erlaubt. In die Schule gehen ist erlaubt. Was denn jetzt?

Stay home ist could save lives? Wie denn jetzt?

Wir sind verunsichert. Also machen wir, was man uns sagt. Seit Wochen machen wir, was man uns sagt. Die Meisten jedenfalls machen das. Machen wir es nicht gibt es Strafen. Geldstrafen.
Was schützt uns? Können wir uns überhaupt schützen?
Ja, Abstand halten, Hände waschen, in der Ellenbeuge niesen oder husten. Das macht Sinn.

Hinter geschlossenen Wohnungstüren spielt sich Leben ab. 
Kein gutes Leben. Hinter geschlossenen Türen sitzen Menschen allein, mit mehreren, hocken eng aufeinander. Lagerkoller, Einsamkeit, häusliche Gewalt, Angst, Trauer, Depression, Sucht, Lähmung, Orientierunsglosigkeit, Ohnmacht, Aggression, Wut machen sich breit.

Vielen meiner Klienten geht es nicht gut. Symptome verstärken sich, die äußere Krise verstärkt innere Krisen. Auch für seelisch stabile Menschen ist es schwer die innere Balance zu halten, wenn ihre Existenz bedroht ist. Das was ist, ist unheilsam und es sich auf irgendeine Weise schön zu reden eine Form der Abwehr. Ängste, Unsicherheit und Zweifel in dieser Krisenzeit sind normal und dürfen auch sein. Es ist was es ist: Eine weltweite Krise mit ungewissem Verlauf und ungewissem Ausgang.
Behalten wir Zuversicht.

Ab Montag tragen wir alle Masken. Eyes without a Face.
Wie wird sich das anfühlen in vermummte Gesichter zu schauen? Was wird das mit uns machen?
Der Andere, der Fremde, noch fremder. Gefährlich fremd. Potenzieller Überträger.
Die Distanz zum Anderen wächst – Getrenntsein. Kein Lächeln mehr sichtbar.
Augen, die sprechen. Was werden sie erzählen? Was werden wir fühlen?
Unseren schweren Atem. Man bekommt nicht gut Luft unter der Maske. Die Schleimhäute trocknen aus. Trockene Schleimhäute sind ein Nährboden für Infekte. Spätestens wenn sich Feuchtigkeit und Schweiß unter der Maske ansammeln wird es unerträglich. Das Virus nimmt uns den Atem, auch jetzt schon, wenn wir es nicht haben. Das Virus erstickt Leben, Freiheit, Mitmenschlichkeit, Mitgefühl, Nähe, Vertrauen, Liebe. Das Virus tötet Existenzen. Das Virus oder das was sie daraus machen – die verwirrten Politiker, die uneinigen Virologen?
Ich weiß es nicht. Wir wissen es nicht. Wir sind verwirrt.
Das Ende des Unwissens ist Klarheit.

P.S. Das ist keine Empfehlung zu Maskentragen oder nicht, das steht mir nicht zu. Das ist mein persönliches Empfinden, was das, was ist, mit Menschen machen kann. Es ist eine Reflexion zum Thema Verwirrung. 

Freitag, 24. April 2020

Lebenskunst


 
Louise Bourgeois ...  Foto: www
 
Leben ist eine Kunst, vielleicht sogar die Schwerste und die Herausforderndste aller Künste.
Wir alle sind Lebenskünstler. Jeder von uns sucht mit seinen Werkzeugen, seinen Fähigkeiten und Gaben seinen ureigenen Weg - das ist LebensKunst. Die Kunst zu Leben gleicht dem, was der Künstler macht: Er ist schöpferisch, er bringt Inneres ins Außen, kreiert etwas aus sich selbst heraus, ein Bild, eine Skulptur, ein Buch, ein Musikstück - er schafft ein Werk – so wie das Leben jedes Einzelnen von uns das Werk ist, das wir schaffen, aus uns selbst heraus, mit unseren Prägungen, Erfahrungen, Gedanken, Gefühlen und Taten ... und immer spielt auch der Zufall mit, wie in der Kunst.
  
Kunst ist Ausdruck von Kreativität. Kreativität ist Lebensenergie, sie ist gelebte Fantasie, sie ist unser schöpferisches Potential, sie ist die Fähigkeit Lösungen zu finden.  
Sie ist das, was uns von Innen hält, wenn alles andere wegfällt, das, wozu wir nichts und niemanden brauchen, außer uns selbst. Kreativität ist Selbstausdruck, Begeisterung und Lebensfreude, und sie wartet darauf, in jedem von uns, lebendig zu werden.

„Die mächtigste Muse von allen ist unser eigenes inneres Kind“, sagt Stephen Nachmanovitch.
 Dieses kreative Kind braucht Raum, um sich frei zu entfalten. Dieses kreative Kind lebt in uns allen, egal wie jung oder wie alt wir sind und es will spielen, es will sich ausdrücken und es ist sehr neugierig. Dass Kreativität und schöpferische Neugier das Leben bereichern, mag für manche wie ein Gemeinplatz klingen. Dass Kreativität sogar buchstäblich lebensrettend wirkt, habe ich in meinen Leben oft erfahren. Ich weiß, dass es keine größere Kraft in uns gibt als die eigene Kreativität, denn sie ist das Leben selbst. Mit der Entdeckung unserer Kreativität entdecken wir unsere innere Quelle, wir schöpfen Kraft, Lebenskraft. 

Jeder Mensch ist kreativ – das ist unsere ureigene Natur.  
Immer wenn wir künstlerisch tätig werden, erfahren wir dabei etwas ungeheuer Wertvolles – wir erfahren der eigenen Kreativität zu vertrauen und wir fühlen uns freier als zuvor.
Kreativität geschehen lassen und erleben wie schöpferisch unser alltägliches Leben eigentlich ist - das gelingt durch Hingabe, Gelöstheit und Wachheit, all das was spirituelle Traditionen immer schon als wesentlich betrachtet haben. Das sind Werte, die in unserer Welt mehr und mehr verloren gehen. Mit diesem Verlust geht das Wesentliche verloren, was uns als Mensch ausmacht - das schöpferische Potenzial, das, womit wir Gott am nächsten sind. 

Das Wunderbare am schöpferischen Tun ist ...
Ein schöpferischer Mensch ist im Moment. 
Er ist mit Leib und Seele bei dem, was er tut.
Er lässt sich nicht ablenken - er ist bei sich selbst.
Er ist achtsam. 
Er spürt keine Leere.
Er hat nicht das Gefühl etwas zu verpassen.
Er ist präsent im Jetzt.
Welch eine Lebensqualität, welch eine Kunst zu leben und Leben zu spüren!
Es ist der Akt des Schaffens, der uns lebendig macht. Im Akt des Schaffens bringen wir unsere Bestimmung zum Ausdruck. Er ist die Realisation und Kristallisation dessen, was uns als Mensch ausmacht. Kreativität lässt uns das Unmögliche schaffen und unsere eigenen Grenzen überwinden. Kreativität ist unsere größte Motivationsquelle. Sie ist so faszinierend und bereichernd für die Seele, weil sie uns aus dem Alltag heraushebt, weil sie uns das Gefühl gibt intensiv zu leben und zu fühlen. Kreativität macht uns innerlich reich. Fernab vom Habendenken führt sie uns zu unserem Sein, unserem Menschsein.

Kreativität als Triebfeder trägt wesentlich zur Komplexität des Lebens bei. 
Sie sollte in unseren Schulen an erster Stelle stehen und nicht als Stiefkind einer Ausbildung rangieren, die für das wahre Leben nichts taugt. Wenn unsere Kinder den Herausforderungen der Zukunft mit Selbstvertrauen, Mut und Kraft begegnen sollen, müssen wir ihr schöpferisches Potenzial fördern und nicht ihre Fähigkeit eins und eins zusammenzuzählen. Damit lernen sie nur zu funktionieren und nicht zu leben und etwas zu erschaffen, was die Farben der Seele in das Grau des Alltags hineinträgt.
 
“Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele“,  sagte Pablo Picasso einmal. Er hat Recht, es gibt keine bessere Möglichkeit als sich mit Kunst und vor allem mit Kunst machen, den Staub des grauen Alltags von der Seele zu waschen.



Donnerstag, 23. April 2020

Masken

Malerei: Angelika Wende

Sie sitzt an der Kasse, schwarze Maske, schwarze Handschuhe. Ich kenne sie, wir reden immer kurz miteinander, wenn ich meine Waren auf das Band lege und zahle.
Sie ist jung, ihr schönen dunklen Augen lächeln mir sonst immer zu. Heute sieht sie mich an, Tränen in den Augen.
Ich frage sie was los ist.
Wissen Sie diese Maske, das ist schrecklich. Ich muss sie acht Stunden aufhaben, mein Gesicht darunter ist rot und die Haut trocken, ich habe Pickel. Die hatte ich nie, aber das ist nicht das Schlimmste: Meine Schleimhäute sind total trocken, ich kann kaum schlucken. Ich weiß nicht mehr wie ich das aushalten soll. 


Ich sage ihr wie leid mir das tut. Ich sage ihr, holen sie sich OP Masken, mit denen ist es nicht ganz so schlimm. Ich nenne ihr die Apotheke im Viertel, wo es sie heute noch gibt, 1,95 das Stück. Ich weiß, dass das keine Lösung ist, sie sind auf Dauer zu teuer. Ich weiß, dass ich nichts für sie tun kann. Ich gehe nach Hause. Traurig, mit einem grenzenlosen Gefühl von Ohnmacht.