Dienstag, 26. Mai 2020

Saufen und fressen ist keine Lösung

Foto: A. Wende

Die einen saufen sie sich weg, die anderen kaufen sie sich weg, die anderen fressen sie sich weg - die sogenannten unguten Gefühle, die für sie nicht aushaltbar sind.
Saufen ist keine Lösung. Fressen ist keine Lösung.
Aber saufen und fressen und all die anderen Süchte haben eins gemeinsam: sie sind kurzfristige Betäuber für das emotional Unaushaltbare. Sie vertreiben Ängste oder füllen die Leere und überdecken so das innere Leiden.
Erst Mal. 


Eine ganze Menge Menschen haben während der Kontaktsperre mehr gegessen und mehr getrunken als zuvor. Und sie tun es weiter.
Emotionale Überforderung führt nicht selten zu solchen ungesunden Reaktionen und Handlungen. Das ist nicht neu.
Neu ist auch nicht, dass diese Versuche untauglich sind um ungute Gefühle zu bewältigen. Im Gegenteil - je mehr getrunken wird, je mehr gegessen wird, desto mieser sind die Gefühle, die sich dann auch noch zu den Gefühlen gesellen, die man damit betäuben will. Man schämt sich für seine Gier, man schämt sich für das, was man sich selbst antut, man hat Schuldgefühle und kann sich selbst nicht mehr leiden. Und diese Gefühle müssen dann wiederum auch betäubt werden.
Hier beginnt der Teufelskreis der Sucht. Der Kontrollverlust tritt ein. Der Mensch entfernt sich mehr und mehr von sich selbst und verfällt dem Suchtmittel. Im Grunde genau das, was er unbewusst ja auch will: Er will sich nicht fühlen. Und er fühlt sich auch nicht mehr.
Irgendwann wird alles im Übermaß genossene zur Sucht. Trinksucht, Fresssucht, Kaufsucht, Sexsucht, Spielsucht usw.

Wenn es ins Bewusstsein dringt, das all das höchst unheilsam und krankmachend ist, ist es dann oft schon zu spät um aus eigener Kraft die Sucht zu stoppen. Der Süchtige kann nicht mehr aufhören, weil das Zuviel vom Ungesunden noch ungesunder macht und das ganze System schwächt - mental, emotional und auf der körperlichen Ebene.
Je weiter die Sucht voranschreitet, desto gefühlstauber wird der Süchtige. Für sich selbst, für sein Leben, für andere.
Die Ursache für die Sucht, das Nichtfühlen wollen, wird zur Wirkung. Und die wirkt gründlich. Holt sich der Süchtige keine Hilfe um seine Krankheit zu stoppen, beginnt das Siechtum.

Montag, 25. Mai 2020

Liebevoll zu mir selbst sein? Es ist möglich.

Foto: A. Wende

Immer wieder höre ich von meinen Klienten oder ich lese es hier auf meiner Seite : „Mich selber mögen? Mich selbst lieben? Geht nicht. Das kann ich nicht, weil ich es nicht fühle.“
Das ist wahr: Was ich nicht fühle, kann ich nicht glauben und daher auch nicht umsetzen und danach handeln.
Aber wahr ist auch: Was ich denke, kann ich fühlen.
Wahr ist auch:
Ich kann mein Denken ändern.
Ich kann mich jeden Tag neu entscheiden meine Gedanken zu ändern.
Ich habe jeden Tag die Möglichkeit mein Denken über mich selbst zu ändern.
Ich habe die Möglichkeit durch meine Gedanken meine Gefühle zu verändern.


Viele Menschen glauben das nicht.
Sie hören es, sie lesen es, aber sie können es nicht als Wahrheit annehmen, weil die alten Wahrheiten in ihren Köpfen so mächtig sind. Sie spüren einen mächtigen inneren Widerstand.
 
Um uns selbst mögen zu lernen, ist es wichtig erst einmal aus dem Widerstand herauszukommen und das geht indem wir ihn hinterfragen.
Warum denke ich eigentlich so?
Wer hat mir dieses Denken beigebracht?
Und die entscheidende Frage: Ist dieser Gedanke für mich hilfreich?
Gedanken zu denken, die uns schaden, ist niemals hilfreich.

Also könnten wir es ja auch mal anders machen und unheilsame Gedanken durch heilsame ersetzen.
Sich selbst mögen oder gar lieb haben, geht nicht auf Knopfdruck, nach dem Motto: Ich sage jetzt meiner Denkmaschine da Oben, dass sie liebevoll über mich denken soll. Der liebevolle Weg zu uns selbst, ist eine Entscheidung. Dieser Entscheidung zu folgen bedeutet - Arbeit an uns selbst. Und ja, die ist mühsam.
Und nein, keiner kann sie für uns erledigen. Und zugleich kann uns niemand daran hindern, wenn wir es wirklich wollen und die Bereitschaft haben es zu tun - uns mögen.
Es ist unsere Aufgabe, wenn wir sie annehmen.
Wir sind bereit zu lernen uns zu mögen.
Erst mal. Das ist genug. Machen wie kleine Schritte.
Gelerntes Zeit braucht um es zu verinnerlichen. Und so ist es mit der Selbstliebe. Wir lernen sie - jeder auf seine Weise. Manche brauchen Zeit um endlich den Widerstand gegen sich selbst aufzugeben. Manche brauchen Unterstützung.
Und auch das ist okay!

Donnerstag, 21. Mai 2020

Vaterlos


Malerei: Angelika Wende

Für das Kind ist die Mutter die Heimat, sie gibt ihm Sicherheit, Geborgenheit und bedingungslose Liebe. Im Kleinkindalter bestimmt das Kind, vorausgesetzt man gibt ihm die Möglichkeit, selbst den Radius mit dem es sich aus dem Schutz dieser Geborgenheit nach und nach herauswagt um sich selbst und Welt zu entdecken. Das Kind muss, um sich zu einer eigenständigen Persönlichkeit entwickeln zu können, lernen Sicherheit und Halt außerhalb der mütterlichen Geborgenheit zu finden. Ein Prozess der für Mutter und Kind ein stetiges schrittweises Loslassens bedeutet. Gelingt dieser Prozess, hat das Kind erfahren, seine Sicherheit außerhalb des mütterlichen Schutzraumes zu finden, im besten Falle findet es Geborgenheit in sich selbst.

Welche Rolle fällt dem Vater zu?
Die Aufgabe des Vaters ist es diesen Prozess zu begleiten. Er ist es, der den Übergang in das eigenständige Leben begleitet. Es ist seine Aufgabe, das Kind aus der Mutter-Kind-Symbiose heraus in die Welt und zu sich selbst zu führen. Man nennt das Initiation.
Außerhalb unserer modernen westlichen Gesellschaft wurden und werden noch heue Jungen in der Pubertät von den älteren Männern in die Mysterien und Geheimnisse des Lebens eingeweiht, sie werden initiiert. Der Vater hilft, diese Initiation, sprich den Übergang vom Kindsein in die Erwachsenenwelt des Mannes, zu bewältigen. Er steht seinem Sohn bei, ohne es aber für ihn zu tun. Fehlt die väterlich-männliche Unterstützung und Orientierung, muss der Heranwachsende diesen Übergang alleine bewältigen. Bedauerlicherweise gibt es in unserer westlichen Welt keine Initiationsriten mehr. Stattdessen gibt es jede Menge Pseudovorbilder die wir vom Mannsein haben.
Unsere Gesellschaft ist zwar voller Volljähriger, in Wahrheit aber ist sie voller unerwachsener, unreifer Menschen. Die meisten Jungen, Mädchen ebenso, hatten oder haben einen Vater, der zwar körperlich anwesend, dafür aber emotional und geistig abwesend war. Er war damit beschäftigt alles andere zu erreichen und zu sein, als seine Rolle als hinreichend guter Vater zu übernehmen und zu erfüllen. Wie auch sollte es anders sein? Er hat wie die meisten Männer selbst nicht erfahren, was Vater sein ausmacht. Für viele Männer, die selbst Väter werden, hat eine Initiation nicht stattgefunden. Es gab keine Begleitung in die Welt ihrer männlichen Rolle. Die wenigsten Männer sind mit Vätern aufwachsen, die ihnen ein verantwortungsvolles Vorbild waren.

Wohin kann der junge Mann also blicken, woran sich orientieren, wo findet er ein gesundes Vorbild für Männlichkeit? Es gibt kaum eines. Was es gibt, ist eine Gesellschaft voller ewiger Jünglinge.
Der Psychoanalytiker C.G. Jung prägte den Begriff vom “Puer-Aeturnus-Komplex”, nach der Mythologie des gleichnamigen antiken Gottes, der in Ovids Metamorphosen beschrieben wird. Puer-Aeturnus bezeichnet Männer, die auch in der Mitte ihres Lebens innerlich nicht über die Reife eines Jungen hinausgekommen sind. Der ewige Jüngling ist nach Jung ein Mann, der in seiner geistigen und emotionalen Entwicklung innerlich ein Kind geblieben ist und nicht erwachsen werden will. Unbewusst hat er Angst Verantwortung für sich selbst und für andere zu übernehmen, er nimmt Einschränkung als persönliche Bedrohung wahr, er hat Angst vor Bindung oder klammert in Beziehungen, oder er sucht rastlos seinen Platz im Leben ohne sich dessen bewusst zu sein, dass er ihn in zuerst in sich selbst suchen muss. Im tiefsten Inneren sucht er in jeder Frau der er sich zuwendet die gute Mutter, die ihm all das gibt, wie einst die Mutter oder all das, was die Mutter ihm verweigert hat oder nicht geben konnte.

Der ewige Jüngling hat keine Heimat, er hat nichts, was ihn von Innen hält, er hat keine Wurzeln. Wer keine Wurzel hat ist ein ewig Suchender. Unfähig, sich selbst ein Halt zu sein, ist er innerlich gespalten und zerrissen. Zum Einen sucht er die Heimat in der mütterlichen Frau, zum anderen eine starke Vaterfigur, an der er sich orientieren kann und die ihm Halt und Sicherheit gibt.
Aber wo findet er diese Leitbild gebende Vaterfigur in Nachhinein, wo ist er, der den Lehrer, den er als Kind so nötig gebraucht hat? Was bleibt sind unreife unsichere Männer, die ihre in Ermangelung eines hinreichend guten Vatervorbildes die verlorene mütterliche Heimat in der Frau suchen, egal ob es eine gute oder eine unschöne Heimat war, Hauptsache sie ist bekannt und vertraut.

Welche Frauen ziehen solche ewigen Jünglinge an?
Die Bedeutung, die das Thema Vater und Mutter in der Kindheit und Adoleszenz für unser erwachsenes Leben hat, für unsere Art und Weise durchs Leben zu gehen und Beziehungen zu knüpfen, wird immer noch bei vielen Menschen verdrängt oder abgewehrt. Je bewusster sich ein Mensch mit seiner Biografie auseinandersetzt, desto klarer wird ihm, was er tief in sich fühlt und warum er wie handelt. Es ist so -  wir sind das Kind unseres Vaters und unserer Mutter, ob wir das nun gut finden oder nicht, ob sie gut für uns waren oder nicht, und das wirkt sich auf allen Lebensbereichen und besonders in unseren Liebesbeziehungen aus. Die Kindheit hat uns geprägt und sie bestimmt nicht zuletzt auch unsere Beziehungsmuster, zu uns selbst und mit anderen.
 
War der Vater in Kindheit abwesend oder emotional nicht erreichbar, ziehen Frauen, die ihr Vaterthema nicht verarbeitet haben, später mit großer Wahrscheinlichkeit Männer an, die emotional nicht erreichbar sind, oder sie werden immer wieder verlassen. Frauen die einen schwachen Vater erlebt haben finden sich nicht selten immer wieder in einer Beziehung mit dem ewigen Jüngling.
Dieser fungiert quasi als Stellvertreter für den schwachen Vater, den sie als Kind, stärken, helfen oder retten wollten. Der schwache Vater lässt sie als Frau später schwache Männer anziehen, denen sie helfen will, Stärke und Größe zu entwickeln, sprich der Mann zu werden, den sie im Vater nicht finden konnte. 

Wer als Mädchen erfolglos versucht hat, die väterliche Schwäche auszugleichen, sucht sich als Frau oft instinktiv Männer als Partner aus, die an irgendetwas leiden, z.B. an einer Sucht, einer Persönlichkeitsstörung, an einer Depression, an mangelndem Durchsetzungsvermögen, oder an einer tiefen Unfähigkeit ihr Leben eigenverantwortlich und proaktiv zu meisten.  
Sie tut bis hin zur Selbstverleugnung alles um diesen Mann aus seinem inneren Drama zu befreien indem sie ihn emotional füttert und ihn versorgt. Was beim Vater nicht gelang, wird in einem endlosen Wiederholungsversuch nahezu zwanghaft bearbeitet. Das Innere Kind ist davon überzeugt: Wenn es mir gelingt diesen Mann zu retten, rette ich meinen Vater.
 
Solche Beziehungen sind, bis die Beziehung zum Vater und die damit verbundenen prägenden Muster erkannt und aufgelöst hat, der ewige Versuch das Drama der Kindheit zu reinszenieren in der Hoffnung es endlich zu einem guten Ende zu bringen. 
Erst wenn eine Frau erkennt, dass sie sich emotional noch immer in der destruktiven Kindheitsbeziehung zum schwachen Vater befindet, wird sie begreifen, dass sie den Mann durch ihr Retter-Verhalten nicht erlöst, sondern im Gegenteil nur weiter schwächt, aber vor allem sich selbst indem sie ihre Energie auf den vergeblichen Versuch verschwendet den anderen nach ihren Vorstellungen zu verändern.

Die Befreiung aus dem Schatten des Vaters gelingt nicht, indem Frauen versuchen den Partner zu retten oder zu bemuttern, sondern indem sie beginnen sich sich selbst zuwenden, sich die Beziehung zum Vater der Kindheit anschauen und schließlich beginnen die unselige Verstrickung zu lösen.  
Das gilt ebenso für Männer, die kein hinreichend gutes männliches Vorbild hatten. Es gilt zu erforschen woran es im eigenen Leben an männlichen Qualitäten mangelt und was wir beim anderen suchen um nicht weiter unbewusst in unzähligen untauglichen Selbstheilungsversuchen, innere Mängel und Sehnsüchte der Kindheit im Beziehen auf den Anderen erfüllen zu wollen.

Die Welt ist voll mit Frauen, die Männer retten und ebenso voll mit Männern, die Frauen retten wollen. Jedes „Retten- wollen“  entspringt der infantilen Sehnsucht des Inneren Kindes, die suggeriert: Wenn du den anderen rettest, rettest du deine unvollkommene Kindheit.
Wenn wir uns in unserem Beziehungsverhalten verstehen wollen, kommen wir nicht umhin den Vater der illusionistischen Verklärung oder der wütenden Anklage zu entheben und schonungslos ehrlich zu uns selbst zu sein. Erst dann werden wir erkennen, was es war, was er uns nicht geben konnte udn wonach wir noch immer suchen. Erst dann, wenn wir uns des inneren Mangels und der unerfüllten Sehnsucht nach väterlicher Liebe und Begleitung gewahr werden, verstehen wir was uns in die immer gleichen Beziehungen führt, die von genau dieser Sehnsucht leben und in unheilsame Verstrickungen führen.
Was uns fehlt wird uns der Vater der Kindheit niemals mehr geben können, das ist Vergangenheit und unwideruflich verloren. Aber wir können es in uns selbst entwickeln um uns aus den destruktiven Beziehungsverstrickungen in der Gegenwart zu lösen.
Der ewige Jüngling darf nachreifen um ein verantwortungsvoller Mann zu werden. Die Frau, die ihn stark machen will, darf lernen sich  zuerst selbst zu geben, was sie dem schwachen Mann anträgt: Halt und Fürsorge.

Mittwoch, 20. Mai 2020

Ich weiß nicht, ob ich es schaffe ...


Louise Bourgeois Foto: www


„Ich bin eine einsame Läuferin. Aber eine Langstreckenläuferin.“
Das sagte die Bildhauerin Louise Bourgeois anlässlich ihrer Ausstellung 2005 in der Kunsthalle Wien. Eine Schau zum Spätwerk der damals 94-Jährigen. Jahrzehntelang musste sie auf eine Anerkennung als Künstlerin warten. Aber sie hat nie aufgegeben. Sie hat immer getan, was sie tun musste – sie hat ihre Kunst gemacht. Heute gilt sie als teuerste Künstlerin der Welt.
Louise Bourgeois fasziniert mich unter anderem genau deshalb weil sie eine Langstreckenläuferin war, weil sie, die ein Leben lang voller Selbstzweifel war und unter einer fundamentalen Angst litt, niemals aufgegeben hat. Sie fasziniert mich ebenso wie Frida Kahlo, die ein Leben lang unter Schmerzen litt und unter diesem unsäglichen Diego Rivera und niemals aufgegeben hat, sich selbst nicht, ihre Liebe nicht und ihre Kunst nicht.

An diese Frauen denke ich, als ich heute Morgen die Worte einer wunderbaren Frau lese, die ich kenne. Nicht gut, aber gut genug um zu wissen, dass sie eine starke Frau ist, eine schöne Frau, eine tiefgründige Frau, eine Frau, die kein leichtes Leben hatte und hat. Sie schreibt, dass sie alles, was Informationen über Corona angeht, krank macht.
Und dass sie nicht weiß, ob sie es schafft.

Ich kann sie gut verstehen, mich macht all das, was gerade geschieht auch traurig und wütend und ängstlich und immer alles zusammen oder im Wechsel. Ich weiß auch nicht, ob ich es schaffe, weder was das Aufrechterhalten meiner Existenz angeht, noch ob ich gesund bleibe, noch wann ich wieder raus gehen kann, frei und unbeschwert, ohne diesen Mundschutz zu tragen und ihn bei all den anderen Menschen da draußen sehen zu müssen – der Mundschutz und all das andere was anders ist, was mich täglich daran erinnert: Wir leben mitten in einer Pandemie. Und es geht weiter.

Ob sie das schafft, ob ich das schaffe, ob wir das schaffen, all das was außer, dass wir gesund bleiben, zu schaffen ist, für jeden Einzelnen von uns und für uns alle als Gemeinschaft - wir wissen es nicht.

Das ist kein Kurzstreckenlauf, das ist ein Marathon.
Wir sind jetzt Langstreckenläufer. Und wir wissen nicht einmal, wann und wo wir am Ende der Strecke ankommen.

Was bleibt?
Gehen. Jeden Tag, Schritt für Schritt. Den Tag schaffen.
Und im besten Falle etwas erschaffen.
Jeder was er kann.
Das ist zu schaffen!

Montag, 18. Mai 2020

Hör auf damit!


Foto: Angelika Wende

Es gibt diese Momente wo mir zutiefst klar ist, wie sehr ich an etwas festhalte, was mir längst entglitten ist. Obwohl ich spüre, es ist vorbei, es hat seine Zeit überlebt, ich lasse nicht los. Ich halte fest, weil ich hoffe es wird doch noch gut, oder zumindest besser.

Ich halte nicht an Dingen fest, aber ich halte an Menschen fest, die ich mir vertraut gemacht habe. Ich bin nicht gut im Verlassen. Ich war es noch nie. Es braucht lange, bis ich verlassen kann.
Jeder Mensch, der mir begegnet ist, der mich begleitet, ist für mich ein wertvoller Mensch, auch wenn ich Ungutes oder sogar Schmerzhaftes mit ihm erlebt habe und erlebe. Ich kann Vieles verzeihen, weil ich Vieles verstehe und weil ich weiß, dass Menschen andere verletzen, weil sie selbst verletzt sind. Ich bin eine Weile wütend, wenn ich zugelassen habe, dass ich verletzt wurde, aber nach und nach löst sich die Wut auf. Ich bin traurig und dann kommt wieder das Verstehen.

Vielleicht, denke ich heute morgen, ist das meine Achillesferse - das Verstehen.
Der andere wertschätzt es oft nicht, dass ich ihn verstehe und ihm deshalb verzeihe, wieder und wieder. Ich bin wohl zu gutmütig. So gutmütig, dass ich dem anderen immer wieder eine Chance gebe. Vielleicht kann ich nicht anders. Vielleicht will ich nicht anders, weil ich keinen Menschen aufgeben will. Vielleicht ist es mein Ego, das das nicht will. 
Kann sein, es will gewinnen. Seine Überzeugung, wie die Dinge sein sollten, durchsetzen.
Es muss doch gut sein. Man muss doch gut zueinander sein.
Das dumme Ego, das nicht auf das Herz hört. Das sagt: Nein, es ist nicht gut. Spürst du es nicht, das Ungute? Spürst du sie nicht, die Traurigkeit? Spürst du sie nicht, die ohnmächtige Wut, weil dir ein Mensch zum tausendsten Male zeigt, wie wenig du ihm bedeutest, weil er dir zum tausendsten Mal weh tut?
Hör auf darüber hinweg zu spüren, sagt das Herz.
Heute Morgen höre ich es ganz laut: Hör auf damit!






Samstag, 16. Mai 2020

Liebe in Zeiten von Corona - eine Reflexion



Malerei: Angelika Wende

Covid-19 verändert gerade unser Leben auf allen Ebenen. Das hat auch Auswirkungen auf unsere Liebesbeziehungen. Wohl dem, der eine gute hat. Aber was ist mit denen, die jetzt in einer Fernbeziehung leben? Was ist mit denen, die alleine sind?
Wer jetzt allein ist wird es lange bleiben? 
 
Social Distancing und Dating passen nicht zusammen. Da sind die Corona-Verordnungen und Empfehlungen, da ist die Angst vor einer Infektion, da ist der Mindestabstand, da ist der Fremde, der eine potenzielle Gefahr ist für Leib und Leben.  
Singles können plötzlich sehr einsam sein. Keine Dates, keine sozialen Kontakte, keine Berührungen, kein Sex. Singles haben es in der Corona-Zeit schwer. Für Menschen, die schon vorher gerne alleine waren, ist das kein Problem. Für diejenigen aber, die sich nach ihrem weit weg lebenden Partner sehnen ist es ein schwerwiegendes Problem.  Eine erzwungene Trennung, wie sie manche Paare in der Corona-Krise erleben, schafft Zweifel, ob die Bindung sicher ist und schürt Verlustangst.
Andere wieder haben in der Isolation erst gespürt wie sehr ihnen ein Partner an ihrer Seite fehlt.  

Wir Menschen brauchen Nähe und Berührung, gerade und besonders in Krisen. Wir alle haben elementare Bedürfnisse nach sinnlichem In-Kontakt-Sein mit unseren Nächsten. Es ist so natürlich und notwendig, wie immer wieder Atem zu holen. Wir alle brauchen Liebe. Und die hat nicht eine emotionaler und eine geistige Ebene, sondern eben auch die des Eros.
Nur was ist mit Eros?
Was ist mit Kennenlernen, mit sich verlieben, was ist mit Liebe und Sex, wenn uns ein Virus dazu zwingt, körperliche Nähe zu vermeiden um nicht das Risiko einer im Zweifel tödlichen Erkrankung einzugehen?

Das Coronavirus ist bis in die letzte Nische unserer Leben vorgedrungen: Die Intimität.
Wir gehen auf Abstand, wo es nur geht.
Aber wie wollen wir leben ohne Berührung, ohne Zärtlichkeit, ohne Sex?  Küssen ist  gefährlich, denn beim direkten Tröpfchenaustausch überträgt sich das Virus ganz schnell. 

Askese ist angesagt. Pause einlegen. Und für wie lange?
Glaubt man der Corona-Hiobsbotschaft der WHO, die besagt das Virus könnte nie mehr verschwinden, die Welt müsse sich darauf einstellen, dass das Virus für immer bleibt,  fragt man sich: Was für ein Leben ist das?
Ein Leben ohne zu Berühren und ohne berührt zu werden?
Das ist ein einsames Leben. Der Blick in die nahe Zukunft geht einer sich selbst ausgesetzten Einsamkeit entgegen. Diese Einsamkeit ist für manche Menschen fundamental. Fundamental weil sie am Fundament zutiefst menschlicher Bedürfnisse rüttelt und sie je nach dem Grad individueller Angst vor Ansteckung, niederreißt. Wir sehen den anderen, wir sehnen uns nach dem Anderen und bleiben allein.
„Ich sehe dich, ich nehme dich wahr, aber auch den Abgrund, der uns trennt, ich akzeptiere den Schmerz, den diese Entfernung verursacht, aber ich halte stand und bleibe bestehen, bei mir, auf meiner Seite, nicht blind, nicht ignorant, aber standhaft. Auf diese Art zugewandt.“ Das schreibt Marguerite Duras, eine Einsame. 
Da ist sie, die Angst, die alles zutiefst Menschliche verwahrlosen lässt. Die Sehnsucht, die da ist, aber keinen Weg findet. Die Liebe, die nicht an ihre Heilkraft glaubt und vor dem Unheilsamen zurückweicht. Das Bedürfnis nach Nähe, das nicht die Kraft aufbringt, über die Angst hinaus zu berühren. 
 
Eros und Tanatos als unüberwindbare Antagonisten?

Der Unberührbare Mensch wird flach. Die Gefühle verflachen, es ist nur eine Frage der Zeit. Der unberührte Mensch findet sich ab und tut er das nicht, endet er in der Verzweiflung und das ist der schlimmste Affekt.
Man weiß, dass chronische Einsamkeit zu einem erhöhten Krankheits- und Sterberisiko führt. Einsamkeit wird im gleichen Areal des Gehirns verarbeitet wie körperlicher Schmerz. Das führt auf Dauer zu einer chronischen Stressreaktion, mit Folgen. Dazu gehören Bluthochdruck, ein erhöhter Blutzuckerspiegel und eine reduzierte Immunabwehr, die wiederum  zu allem möglichen Erkrankungen führt. Dazu gehören Depressionen und Ängste.
Es braucht keine Covid-19 Infektion um zu erkranken.
Einsamkeit macht krank.
Nicht berührt werden macht krank.
Alleinsein schützt.
Nähe macht im Zweifel krank.

Was also tun? Es fühlt sich an als wäre die Entscheidung die zwischen Pest und Cholera.

Ohne Berührung gehen wir ein, psychisch und physisch. Es ist nur eine Frage der Zeit.
Alles ist sterblich, wir sind sterblich.
Das macht das Leben so schrecklich. Und so schön.
Wenn wir beginnen das zu erkennen, es zuzulassen, kann das Leben beginnen sich zu zeigen.
Was bleibt denen, die ohne Berührung sind?
Was bleibt ist die eigene Entscheidung, das eigene Abwägen und die existentielle Frage: Wie gestalte ich mein Leben, damit es mich berührt?

Der Bumerangeffekt



Foto: A. Wende


Widerstand gegen ein Problem führt niemals zur Lösung des Problems.
Widerstand ist immer ein Zeichen nicht gelungener Anpassung.

Widerstand gegen ein Problem, egal ob es im Außen oder im eigenen Inneren liegt, führt oft dazu, dass Menschen konträre Reaktionen und konträres Verhalten an den Tag legen.
Somit wird genau das getan, was nicht verhältnismäßig und nicht angemessen ist um das Problem zu erkennen, zu akzeptieren, zu erforschen und zu lösen. 


Widerstand führt in der Regel dazu, dass das Problem, das den Widerstand erzeugt hat, aufrecht erhalten oder sogar um ein Vielfaches verstärkt wird.
Einen solchen Effekt bezeichnet man als Bumerangeffekt.