“Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein“ schreibt Friedrich Nietzsche in seinem Werk "Jenseits von Gut und Böse".
Jede Begegnung mit der Dunkelheit hinterlässt Spuren. Wer sich lange und intensiv mit Unrecht, Gewalt oder mit den eigenen dunklen Gedanken auseinandersetzt, gerät in Gefahr, dass diese Kräfte das eigene Denken und Fühlen verändern. Dauerhafte Konfrontation mit Negativem kann die Empathie schwächen, unser Urteilsvermögen trüben und die eigene Identität destabilisieren - ein psychologisches Echo dessen, was Nietzsche den Blick in den Abgrund nennt. Der Abgrund ist nicht nur das, was wir im Außen bekämpfen, sondern auch das, was in uns selbst wohnt. Er symbolisiert die dunklen Seiten menschlicher Erfahrung und menschlichen Seins wie Angst, Schuld, Groll, Aggression, Gier oder Hass. Wer zu lange da hineinschaut, läuft Gefahr, dass diese Dunkelheit tief in das eigene Selbst eindringt.
Es ist unheilsam sich ständig mit Ungeheuern zu beschäftigen – den äußeren und auch den inneren.
Wer immer wieder in die eigenen destruktiven Abgründe hineinschaut, riskiert, dass diese Kräfte das Selbst subtil korrumpieren und langsam vergiften. Das kann zu Identitätsdiffusion oder moralischer Desensibilisierung führen. Eine langfristige Fixierung auf destruktive Gedanken und negative Erlebnisse kann die Empathiefähigkeit verändern, sie kann unser Urteilsvermögen trüben, unser Selbstbild und unser Bild von der Welt destabilisieren. Wer ständig gegen innere oder äußere Ungeheuer kämpft, gerät in Gefahr unbewusst selbst jene Eigenschaften übernehmen, die er eigentlich bekämpfen wollte. Er kontaminiert sich emotional, denn jede fanatische, jede exzessive, jede dauerhafte Auseinandersetzung mit negativem Material prägt unser Denken, Fühlen und Handeln. Wer das Dunkle bekämpft, gerät in Gefahr selbst davon berührt zu werden.
Wer zu lange in den Abgrund hineinschaut, wird irgendwann spüren wie sich ein Gewicht auf sein Herz legt und es verschließt.
Nur wer aufmerksam bleibt, wer achtsam Selbstreflexion übt, ohne innere Anteile als gut oder böse zu bewerten, wer Selbstmitgefühl übt, kann die eigene Dunkelheit betrachten, ohne darin zu versinken. Nietzsche erinnert uns daran, dass die Welt uns nicht nur durch das prüft, was wir bekämpfen, sondern auch durch das, worauf wir unseren Blick richten. Jede Begegnung mit der Dunkelheit hinterlässt Spuren. Wer Ungeheuer bekämpft, ohne selbst zu einem zu werden, wer in Abgründe blickt, ohne sich mit ihnen zu identifizieren oder sich von ihnen verschlingen zu lassen, behält sein inneres Licht. Wie immer ist es der Weg der Mitte, die Balance zwischen zwischen Konfrontation und Achtsamkeit, die es uns ermöglicht, in Abgründe zu blicken, ohne dass die Abgründe in uns hinein blicken, ohne dass wir selbst zum Ungeheuer werden.
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