Es gibt Menschen, die sind robust wie eine Eiche, und es gibt die, die empfindlich sind wie eine Primel. Es sind die Sensiblen, die Dünnhäutigen, die, die verletzt wurden und verletzbar geblieben sind. Diese Menschen sind durchlässig, sie haben keine Rüstung, die sie gegen Angriffe und Verletzungen schützt, ihre Rüstung hat früh Risse bekommen. Sie empfinden intensiver. Sie brauchen viel Zeit um Dinge zu verarbeiten. Sie kennen das Gefühl am Zerbrechen zu sein, eben weil sie intensiver fühlen, tiefer berührt werden und Schmerz länger in sich tragen. Zugleich besitzen sie oft eine hohe Empathie und können die Gefühle anderer nicht nur wahrnehmen – sie fühlen den anderen. Kurz gesagt, sie verkörpern eine hohe Sensibilität, die leider oft als Schwäche angesehen wird. Manche dieser Menschen bereuen es, mit dieser Eigenschaft zu leben, die ihnen viel Schmerz bringt.
Es ist leicht diese Menschen zu zerbrechen, weil sie so zerbrechlich sind. "Du musst dir ein dickeres Fell zulegen!", sagt man ihnen, aber das funktioniert nicht.
Es gelingt ihnen nicht hart zu werden und die Dinge nicht mehr an sich heranzulassen. Auch wenn sie lernen Grenzen zu setzen, tut es dennoch weh, wenn man sie verletzt.
Viele treten den Rückzug an, emotional oder sogar sozial. Sie hüten sich vor den Menschen. Sie leben in einem selbsterschaffenen Schutzraum um ihren inneren Frieden zu bewahren. Sie lassen sich nur schwer herauslocken und sie lassen sich schwer auf andere ein. Sie brauchen tiefes Vertrauen, bevor sie sich öffnen. Und sie wissen zugleich, dass ihr Vertrauen missbraucht und gebrochen werden kann. Sie sind übervorsichtig und das schränkt das Leben ein, denn wer zu vorsichtig ist, riskiert nichts mehr – er verschließt sich lebendigen Erfahrungen.
Was hilft diesen sensiblen Wesen?
Sie dürfen lernen mehr innere Beweglichkeit zu entwickeln. Dazu gehört die Fähigkeit, sich selbst zu trösten und aufzufangen, wenn etwas weh tut. Sie brauchen Halt durch einen vertrauten Menschen, der einfach da ist, zuhört, ihre Verletzbarkeit achtet und im besten Falle mitträgt. Mit der Zeit kann sich daraus eine eigene innere Stimme entwicklen, die auch in schweren Momenten sagt:„Ja, es tut weh, aber es wird mich nicht zerstören.“ Die hohe Empfindsamkeit verschwindet damit nicht, sie bleibt, weil sie zum Wesen dieser Menschen gehört. Aber sie überflutet sie nicht mehr, weil sie gelernt haben sich nicht mehr allzusehr mit ihren Gefühen zu identifizieren. Ein hilfreicher Satz ist: "Ich BIN nicht mein Gefühl, ich HABE ein Gefühl. Das macht einen Unterschied.
Wenn wir sensibel sind, ist es hilfreich einen kleinen Abstand zu schaffen - zwischen dem, was wir fühlen und dem, was wir sind.
Wir sind traurig oder verletzt, aber wir verlieren uns nicht mehr in unserer Traurgikeit und unserem Schmerz. Ganz wichtig: Wir lernen unsere Grenzen früher zu erkennen und vor allem, sie ernst zu nehmen. Wir sagen früher Stopp, wenn uns etwas zu viel wird und erlauben uns, uns zurückzuziehen, ohne uns dafür zu rechtfertigen oder verurteilen. Wir achten unsere Bedürfnisse und damit achten wir uns selbst. Das Entscheidende aber ist, die eigene Sensibilität nicht länger als Schwäche zu sehen und den Spruch mit dem „dicken Fell“ zu vergessen. Stattdessen ist es hilfreich sich zu sagen: "Ich bin okay, so (sensibel) wie ich bin."
Wer aufhört, gegen sich selbst zu kämpfen, hat schon viel gewonnen, er findet zu mehr innerer Ruhe.
Sensible Menschen brauchen viel Ruhe um sich selbst zu stabilisieren, eben auch durch Rückzug, aber auch indem sie ihre Gefühle aufschreiben, sich allein in der Natur bewegen oder Gespräche mit Menschen führen, bei denen sich ihr Nervensystem wirklich sicher fühlt. Sie dürfen lernen innere Signale wahr-und ernst zu nehmen. Sie müssen keine Kompromisse machen und sich etwas aussetzen, was sich nicht gut für sie anfühlt, nur um dazuzugehören oder im Sinne der Erwartungen derer, mit dem dicken Fell, zu funktioneren.
Mit der Zeit kann etwas wachsen, das sanft aber kraftvoll ist: die Erfahrung, dass Verletzungen und Schmerz zwar nicht vermeidbar, aber aushaltbar sind. Sensible Menschen werden dadurch nicht weniger empfindsam, aber sie lernen besser mit ihrer Empfindsamkeit umzugehen. Sie zerbrechen nicht mehr so leicht, weil sie gelernt haben, sich selbst in ihrer Sensibilität wertzuschätzen und das hilft um sich selbst besser zu halten.
Übrigens, Primeln leiden dann, wenn sie an einem falschen Standort sind. Sie mögen keine Dunkelheit, keine Hitze und keine Kälte.
Angelika Wende

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